• Charlotte von Ahlefeld (1781-1849)

  • Sehnende Erwartung

    Es lärmt der Markt ─ Geräusch erfüllt die Strassen,
    Die Glocke klingt, die Thür geht auf und zu,
    Und fremde Stimmen, fremde Schritte schallen
    Dem lauschenden, getäuschten Ohr entgegen,
    Das jedem Selbstbetruge freudig glaubt.

    Doch ach umsonst! es regt sich frohes Leben,
    Und Thätigkeit im tosenden Gedränge
    Der lauten Stadt, die ─ wie ein wogend Meer
    Den isolirten Felsen rings umspühlt ─
    Mich Einsame umgiebt. ─ Ach Deine Stimme
    Vernehm' ich nicht ─ harmonisch würde dann
    Das wild verworrene Geräusch mich grüssen,
    Das jetzt betäubend mir die Brust beklemmt.
    Zerstreuung möcht' ich im Gewühle suchen,
    Doch mitten unter Menschen fühl' ich mich allein
    Mit Deinem Bilde, das in meiner Seele
    Mild wie der Mond in ew'ger Klarheit strahlet.
    Ja, immer stehst Du vor mir, rein und liebend,
    Für mich der Inbegriff des höchsten Glücks.
    Aus Deinem Lächeln nehm' ich meine Freude,
    Aus Deinem Ernste saug' ich meinen Schmerz,
    Begeistrung weht Dein Athem mir entgegen
    Und neuen Muth erweckt in mir Dein Blick.

    Gedichte 47
  • Charlotte von Ahlefeld
    LYRIK - operone