• Charlotte von Ahlefeld (1781-1849)

  • Der Traum

    Ein seltner Traum hielt magisch mich umfangen
    Und zauberte mir Wunderbilder vor.
    Des Haines Wipfel rauschten, und es drangen
    Die Sterne golden durch der Wolken Flor.
    Das Meer war still, und in den weiten Fluthen
    Verlohren sich der Abendröthe Gluthen.

    Ich wandelte allein am öden Strande,
    Und tief im Busen regte sich mein Schmerz.
    Ich wünschte mich zurück in ferne Lande ─
    Des Heimwehs Qualen füllten bang mein Herz.
    Den vollen Mond begrüssten meine Thränen,
    Denn mich ergriff ein allgewaltig Sehnen.

    Da hob sich aus des Meeres dunkler Bläue
    Ein leichter Nebel neben mir empor,
    Und es erklang wie Geisterton der Weihe
    Melodisch eine Sprache meinem Ohr,
    Wie nimmer noch mein trunkner Sinn vernommen;
    Sie schien aus höhern Räumen herzukommen.

    »Was seufzest Du mit bangen Klagetönen
    Um das verlassne, ferne Vaterland?
    Mit Deinem Loos Dich friedlich zu versöhnen,
    Hat mich das Schicksal tröstend Dir gesandt;
    So blicke denn mit kindlichem Vertrauen
    Zu jenen Sternenhöhen, die wir schauen.

    Dort ist die Heimath, die, vom Wahn verblendet,
    Der Sterbliche sich schon auf Erden träumt.
    Erst wenn sein dumpfes Pflanzenleben endet,
    Und aus der Ahndung ihm Erfüllung keimt ─
    Erst dann gewährt der weisen Vorsicht Hand
    In jenen Sphären ihm ein ächtes Vaterland.«

    Wie Silberlaut' aus Harfensaiten quellen,
    So drang die Stimme tief mir in die Brust,
    Und hob mich auf des Wohllauts goldnen Wellen
    Aus Bangigkeit zu neuer Lebenslust,
    Und frischen Muth ─ des Daseyns schönste Blüthe,
    Fühlt ich seitdem im ahnenden Gemüthe.

    Gedichte 46
  • Charlotte von Ahlefeld
    LYRIK - operone