• Charlotte von Ahlefeld (1781-1849)

  • Einsamkeit

    Was ist wahre Einsamkeit?
    Sind wir einsam, wenn das Leben
    Rings von Stille ist umgeben?
    Wenn die rege Fantasie
    Uns in schaffender Magie
    Neu beseelt mit süssem Streben
    Bilder der Vergangenheit? ─
    Ist das wahre Einsamkeit?

    Oder wenn in stillen Gründen,
    In des Waldes heil'ger Nacht,
    Sonnenglanz in reiner Pracht
    Durch die leis' bewegten Wipfel,
    Durch die glanzumsäumten Gipfel
    Nur verstohlen blickend, lacht,
    Und in den verworrnen Zweigen
    Selbst die kleinen Sänger schweigen?

    Oder wenn in dunklen Mauern,
    In des Kerkers engen Raum,
    Der Gefangene sich kaum
    Darf in seinen Ketten regen,
    Wenn sein Herz mit raschen Schlägen
    Nährt der Hoffnung Göttertraum,
    Und getheilt in Freud' und Trauern,
    Ahndungen ihn tief durchschauern? ─

    Nein, nur das ist Einsamkeit,
    Wenn sich Wesen um uns drangen,
    Denen nicht in zarten Klängen
    Sich vernehmbar macht das Herz,
    Oft voll Wonne, oft voll Schmerz ─
    Die uns das Gemüth verengen
    Durch der Langeweile Leid ─ ─
    Das ist wahre Einsamkeit!

    Gedichte 40
  • Charlotte von Ahlefeld
    LYRIK - operone