• Charlotte von Ahlefeld (1781-1849)

  • Liebestreue

    Romanze.

    Ein Ritter sah auf's weite Meer
    Mit trüben Blicken hin;
    Ihm war das volle Herz so schwer,
    So hoffnungslos sein Sinn.
    Wie Meereswogen wälzt' es sich
    Im Busen auf und ab,
    Und wie in Meerestiefe zog
    Die Sehnsucht ihn hinab.

    Sein Waffenbruder trat im Schein
    Des Abendroths daher.
    »Was,« sprach er, »Lieber! fällt Dir ein?
    Was schaust Du so auf's Meer?
    Was soll auf Deiner freien Stirn
    Des Kummers Trauerflor?
    Erhebe den gesenkten Blick
    Und richt' ihn kühn empor.

    Was klopft so ungestüm Dein Herz,
    Sag, was verlangest Du?
    Warum verjagt so wilder Schmerz
    Aus Dir die goldne Ruh?
    Lacht Dir des Himmels Milde nicht,
    Mit süssem Liebesgruss,
    Und winkt in ferner Zukunft Dir
    Nicht mancher Hochgenuss?

    Warum, Du trauter Kampfgenoss,
    Giebst Du der Schwermuth Raum?«
    Ach, siehst Du dort das Felsenschloss
    An jener Küste Saum? ─
    Dort brach in öder Einsamkeit
    Um mich ein treues Herz ─
    Dahin zieht meinen wüsten Sinn
    Mit Riesenmacht der Schmerz.

    Denn eh' der Waffen blutig Spiel
    Hinaus in's Feld uns rief,
    Da regte glühendes Gefühl
    Sich mir im Busen tief.
    Ein Räthsel war ich selber mir,
    Da nahte hold und mild,
    Mit Engelsunschuld, Ton und Blick
    Sich mir ein Frauenbild.

    Da leuchtete ein heller Blitz
    In meines Herzens Nacht.
    Nach ihrem himmlischen Besitz
    War die Begier erwacht.
    Der langen Haare glänzend Gold
    Schien mir ein Heil'genschein,
    Des Augenpaares stiller Glanz
    Der Sterne Licht zu seyn.

    Doch klagte nicht mein blöder Mund
    Ihr meine Liebespein.
    Ich that ihr nicht die Sehnsucht kund,
    Und trug sie ganz allein.
    Bis mich das wilde Kriegsgeschrei
    Rief auf der Ehre Bahn,
    Da warf ich mich vor ihr auf's Knie
    Und sah zu ihr hinan.

    Lebt wohl, sprach ich, es ruft der Krieg
    Mich hin in's Waffenfeld.
    »Lebt wohl, sprach sie, »Euch kröne Sieg,
    Kehrt bald zurück als Held.«
    Und kehr ich dann zurück als Held,
    Was beut mir Euere Hand?
    »Den wohlverdienten Lorbeerkranz,
    Als meiner Achtung Pfand.«

    Da dunkelt' es vor meinem Blick, ─
    Mein ahnend Herz schlug laut.
    Ein wunderseeliges Geschick
    Gab sie mir hin als Braut.
    »Kehr bald zurück, ich harre Dein!«
    Sprach sie mit leisem Ton.
    »Bald sey der Trennung trübe Zeit
    Uns wie ein Traum entflohn.«

    Es mähte rings um mich der Tod
    Der Freunde Schaar dahin;
    Auch ich sank hin in Todesnoth
    Mit schon erloschnem Sinn.
    Doch kehrte nach der Ohnmacht Schlaf
    Der Geist mir noch zurück.
    Von Liebeszauber süss umwebt,
    Fühlt' ich des Lebens Glück.

    Zwar hielten strenge Banden mich
    In Feindes Landen fern,
    Doch mit der Freiheit nicht entwich
    Der Hoffnung heller Stern.
    Vergebens strebt' ich früh und spät
    Mit Kunde ihr zu nahn.
    Verloren ging, was ich ihr schrieb,
    Auf weiter, öder Bahn.

    Da kam der Friede ─ öhlbekränzt;
    Man wechselte mich aus.
    Von neuem Muthe froh umglänzt,
    Kehrt' ich zurück nach Haus.
    Schon sah ich sie vom Morgenroth
    Der Freude hold umglüht,
    Wie in der Sonne Feuerstrahl
    Die zarte Lilie blüht.

    Doch ach, die warme Phantasie
    Betrügt so oft die Brust
    Mit bunten Hoffnungen, doch nie
    Erfüllt sich ihre Lust.
    So sank auch mir des Wiedersehns
    Erträumtes Götterglück,
    Wie mancher goldne Jugendwahn,
    In's leere Nichts zurück.

    Der Vater der geliebten Braut
    Erforschte bald ihr Herz.
    Von Argusaugen angeschaut,
    Verrieth es seinen Schmerz.
    Und finster, wie Gewitter drohn,
    Ergriff er ihre Hand,
    Und zeigt' ihr dort das Felsenschloss
    An jener Küste Rand.

    »Siehst Du das Schloss, das aus der Fluth
    Sich majestätisch hebt?
    Dort ist's, wo Freiherr Eichenmuth,
    Dein künft'ger Gatte, lebt.
    Drum schlage fremde Liebelei
    Dir aus dem schnöden Sinn,
    Sonst mord' ich Dich mit eigner Hand.
    So wahr ich Ritter bin!«

    So sprach er mit entschlossnem Ton
    Und wild erglühtem Blick,
    In seinen Mienen las sie schon
    Ihr trauriges Geschick.
    Doch Treue gab ihr stillen Muth
    Und hohe Festigkeit.
    Sie neigte kindlich sich vor ihm
    Und sprach: »Ich bin bereit.

    Wenn Du den Mann, den ich erkohr,
    Mich nur vergessen lehrst,
    So lass' ich ihn, den ich verlor,
    Wenn Du es so begehrst.
    Doch bis dahin verlange nicht
    Des Meineids Übelthat;
    Denn gute Früchte keimen nicht
    Aus unheilschwangrer Saat.«

    Der Vater lächelte mit Hohn,
    Und sagte fest und kalt:
    »Gehorchen sollst Du morgen schon,
    Vergessen lernt sich bald!«
    Drauf schloss er sie mit starker Hand
    In's einsame Gemach,
    Und manche Drohung schallte ihr
    Wie ferner Donner nach.

    In Thränen schwand die Nacht ihr hin,
    Das Morgenroth brach an;
    Da starrte sie mit irrem Sinn
    Des Himmels Gluthen an.
    Es dünkte ihr des Tages Licht
    Nur bleicher Lampenschein,
    Und das mit Thau besprengte Grün
    Vom Schmerz bethränt zu seyn.

    Die Sonne steigt ─ was rauscht im Meer?
    Ach, ein geschmückter Kahn
    Schwebt wie ein stiller Schwan einher
    Auf blauem Ocean.
    Der Freiherr ist's ─ sein stolzes Schiff
    Erwartet dort die Braut,
    Und Pauken und Trompetenschall
    Begrüsst ihn froh und laut.

    Da flicht die Zofe weinend ihr
    Den Myrthenkranz in's Haar.
    »Was soll der Kranz, was soll er mir?
    Nicht Hymens Festaltar,
    Nicht Hochzeitreigen warten mein,
    Es winkt das kalte Grab ─ ─
    In seine Tiefe stösst mich bald
    Mein bittres Weh hinab.«

    Der Vater öffnet das Gemach
    Und tritt zu ihr herein;
    Es folget ihm der Freiherr nach,
    Zu mehren ihre Pein.
    »Hier, Schönste!« spricht er feierlich,
    »Empfange meine Hand.
    Als Dein Verlobter führ' ich Dich
    Zum heimathlichen Strand.«

    »Du mein Verlobter?« stöhnet sie,
    Und bebt vor ihm zurück,
    »O schweig, Vermessener! denn nie
    Entsag ich meinem Glück.
    Und Glück gewährt mir Treue nur,
    Die unerschüttert fest
    Den ewig heil'gen Liebesschwur
    Mich kühn bewahren lässt.«

    Da bricht ihr Blick, sie sinket hin
    An ihrer Zofe Brust.
    Nicht mehr ist ihr erschöpfter Sinn
    Des Leidens sich bewusst.
    Es mindert sich die herbe Qual
    In der Betäubung Nacht,
    Und schnell trägt sie das Boot zum Schiff,
    Eh' sie aus ihr erwacht.

    Und als ihr Auge sich erhebt,
    Da braust um sie das Meer,
    Und aus der blauen Ferne schwebt
    Das Felsenschloss daher.
    Sie langen an, der Anker dringt
    Tief in den kalten Grund ─
    Ihr scheint des Schlosses offnes Thor,
    Der Hölle weiter Schlund.

    Indessen führt der leise Kahn
    Die vielgeliebte Last
    Zum Felsenufer nun hinan ─
    Man gönnt ihr stille Rast.
    Zwar wartete der Altar schon
    Der hold bekränzten Braut,
    Doch schreckt der Wahnsinn jeden, der
    Ihr wildes Auge schaut.

    Sie rollt umher den Flammenblick,
    Die bleiche Lippe bebt;
    Sie preiset flüsternd das Geschick,
    Das sie so hoch erhebt.
    »Denn,« sagt' sie, »ich bin Königinn,
    Und König sey auch Er!
    Mein Reich ist dort der Lüfte Raum,
    Mein kühler Thron das Meer.

    Du zogst, mein Trauter, in den Krieg,
    O kehre bald zurück!
    Verlass den Ruhm, verlass den Sieg,
    Und theile Liebchens Glück;
    Die Krone drückt mein müdes Haupt,
    Mein Zepter ist von Blei,
    Und wenn Du nicht auf Flügeln eilst,
    So bricht mein Herz entzwei.«

    Verworren flog das goldne Haar
    Um das verletzte Haupt,
    Das nimmermehr zu heilen war,
    So freventlich beraubt.
    Und bald erlosch, wie die Vernunft,
    Das Licht des Lebens ihr;
    Des Vaters Reu, der Aerzte Kunst ─ ─
    Nichts rettete sie mir.

    Da steh' ich nun am öden Strand
    Und schaue, wie im Traum,
    Hier von des Ufers schmalem Rand
    Nach jener Küste Saum.
    Und Thränen drängen brennend sich
    Mir in den starren Blick,
    Ein Räthsel ist der Himmel mir,
    Ein Räthsel mein Geschick!

    Es hört der Freund bewegt ihm zu,
    Und reicht ihm still die Hand:
    »Such,« spricht er, »die verlohrne Ruh
    Nicht in der Heimath Land.
    Hier mahnet alles schmerzlich Dich
    An Jammer und Verdruss,
    Und nie heilt dieser Himmelsstrich
    Die Wunden Deiner Brust.«

    Der Ritter schweigt, und winket ihm
    Mit finsterm Blick, zu gehn.
    Ihn scheinen schnell, wie Wolken ziehn,
    Gedanken zu umwehn.
    Es lässt der Freund ihn ahnungslos,
    Doch tief gerührt, allein,
    Und denkt: »ihm mag die Einsamkeit
    Wohl lieb und lindernd seyn.«

    Der Ritter naht sich schwermuthsvoll
    Der steilen Felsenwand;
    Es bricht die Woge schauervoll
    Sich an der Klippen Rand.
    Zu winken scheint das Wasser ihm,
    Das nimmer stockend ruht,
    Und er verhüllt sein Angesicht
    Und stürzt sich in die Fluth!

    Gedichte 26
  • Charlotte von Ahlefeld
    LYRIK - operone