• Charlotte von Ahlefeld (1781-1849)

  • Bei Übersendung meines Bildes

    Nimm hin dies Bild, das auch in weite Ferne
    Dir folgen darf, Geliebter! nimm es hin!
    Und glaub' es seinem Lächeln, es wird gerne
    An Deiner Brust die weite Welt durchziehn.

    Betracht' es oft in stillen Augenblicken,
    Wenn Einsamkeit Dich schwermuthsvoll umgiebt.
    Und dann gedenk' mit schmerzlichem Entzücken
    Der schönen Zeit, in der wir uns geliebt.

    Sie ist vorüber ─ ─ doch die öde Leere
    Getrennter Liebe, die im Busen mir
    Durch Lethe's Quell nur auszufüllen wäre,
    Stillt meiner Züge leiser Umriss Dir.

    So nimm mein Bild, zum liebevollen Pfande
    Der treusten Neigung, nimm es freundlich an,
    Und es begleite Dich in ferne Lande,
    Wohin ich nur im Geist Dir folgen kann.

    Wenn aus der Fülle goldner Jugendträume
    Die Wirklichkeit Dich kalt und bitter scheucht,
    So trage Ahndung Dich in höh're Räume,
    Und Hoffnung mache dann das Herz Dir leicht.

    Sie zeige Dir die Zukunft, die dem Kummer
    Dem irdischen, als stilles Ziel erscheint,
    Wo nach des Todes träumeleerem Schlummer
    Ein reines Glück auf ewig uns vereint.

    Bis dahin gönne diesem Bild die Stelle
    An Deiner Brust, in der es längst gewohnt,
    Einst wird das Dunkel unsrer Zukunft helle,
    Dann wird uns des Entbehrens Schmerz belohnt.

    Mit diesem Glauben lass gefasst uns scheiden
    Und muthig nimm mein letztes Abschiedswort.
    Ach hier auf Erden müssen wir uns meiden ─
    Doch wiedersehen werden wir uns dort.

    Gedichte 25
  • Charlotte von Ahlefeld
    LYRIK - operone