• Charlotte von Ahlefeld (1781-1849)

  • Der Sommerregen

    Wie milde säuselst Du, o kühler Regen,
    Auf die verschmachtende, verbleichte Flur.
    Dein längst so heiss, so bang erflehter Seegen,
    Erfrischt die ganze seufzende Natur,
    Und neu gestärkt erheben Gras und Bäume
    Die matten Häupter in der Lüfte Räume.

    Der Sonne Gluth schien alles zu verzehren;
    Es welkte still dahin der Blumen Glanz.
    Die Pflanzen neigten sich ─ ein allgemein Verheeren
    Bedrohte selbst der Wälder dunklen Kranz,
    Und brennend schien in ihrer dumpfen Schwüle
    Die schwere Luft dem lechzenden Gefühle.

    Da strömtest Du, aus höhern Regionen
    Zur Labung freundlich uns herabgesandt,
    Die kühlen Perlen, die in Millionen
    Voll heissen Durstes trank das dürre Land.
    Wie gute Geister wehen durch die Fluren
    Der neuen Lust und der Erquickung Spuren.

    So mildert gern den heissen Brand der Schmerzen,
    Der uns im Lauf des Lebens oft versengt,
    Der Thränen Thau, der sanft aus unsern Herzen
    Das bittre Gift verschlossnen Grames drängt,
    Und Lindrung bringen uns der Wehmuth Gaben,
    Indem sie still den bangen Busen laben.

    O netzt auch mir das Auge, das so dunkel
    Nur öde Wüsten steinigt vor sich sieht,
    Und dem der Hoffnung goldnes Sterngefunkel
    In unerreichbar weite Ferne flieht.
    Ach, wie der matten Flur ein frischer Regen,
    Sind Thränen meinem kranken Herzen Seegen.

    Gedichte 22
  • Charlotte von Ahlefeld
    LYRIK - operone