• Charlotte von Ahlefeld (1781-1849)

  • An den Abendstern

    Du blickst so lächelnd auf mich nieder,
    Du heller, lieber Abendstern,
    Als hörtest Du die leisen Lieder
    Der ahnungsvollen Schwermuth gern.

    Wenn alles schläft, erweckt die Feier
    Der stillen Nacht wie Melodie
    Der Sehnsucht Klage, und ihr Schleier
    Verräth die heissen Thränen nie.

    Dann strahlst Du, holder Himmelsfunken,
    Mir Trost in's kranke Herz herab,
    Und es ersteht mir, wonnetrunken,
    Die Hoffnung aus der Zeiten Grab.

    Oft schon, wenn ich mit heissem Sehnen
    Begrüsste meiner Liebe Bild,
    Da lachtest Du in meine Thränen
    Und machtest meinen Kummer mild.

    Oft, wenn ich mich des Lebens freute,
    Da folgte mir im dunklen Hain,
    Von Deines Himmels blauer Weite,
    Wie Freundesblick, Dein Silberschein.

    Und es bewegte ernst und leise
    Mit wunderbarer Ahnung mich,
    Wenn in dem ewig festen Gleise
    Dein reiner Schimmer still erblich.

    Du schienest dann mir zuzuwinken:
    »Leb' wohl, bis wir uns wiedersehn!
    Jetzt muss mein letztes, mattes Blinken
    Im Morgendufte untergehn!«

    Noch weilt mein Auge mit Vertrauen
    Auf Deinem hohen, fernen Licht;
    O möchtest Du doch ahnend schauen,
    Was seine stumme Bitte spricht.

    Wenn Er ─ Du weisst ja, wen ich meine ─
    Sein Auge still zu Dir erhebt,
    So grüss' ihn mit dem schönsten Scheine,
    Dass freudiger sein Herz erbebt.

    Und strahl' ihm süssen, reinen Frieden;
    Ach nimm den meinigen dazu!
    Und ist ihm einst ein Schmerz beschieden,
    So glänz' ihm Hoffnung, Muth und Ruh.

    Und stets, Du freundlichster der Sterne,
    Erheitre ihn mit Deinem Licht,
    Und sag' ihm leis': auch in der Ferne
    Vergisst Dich Deine Freundin nicht!

    Gedichte 11
  • Charlotte von Ahlefeld
    LYRIK - operone