Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Das Gähnen, lieber Sohn, es ist zwar unwillkürlich,
Doch abgewöhnen mußt du dir's als ungebürlich.

Ich habe nie gesehn, daß, wenn du auf den Zähnen
Was Gutes hast zu kann, dir kam dabei ein Gähnen.

Auch würde dir dadurch des Kauens Kraft entrissen,
Und fallen möchte dir aus offnem Mund der Bissen.

Beim Lernen aber ist das Gähnen gleich erweckt;
Ich sehe, daß es dir nicht wie das Essen schmeckt.

Wenn gähnend sich der Mund aufthut, schließt sich das Ohr
So daß es ungehört des Lehrers Wort verlor.

Wenn gähnend sich der Mund aufthut, gehn zu die Augen,
Daß sie des Buches Schrift nicht aufzufassen taugen.

Des Lernens Süßigkeit hast du noch nicht empfunden,
Sonst wäre dir die Lust zu gähnen ganz verschwunden.

Das Wissen, wiß o Sohn, ist auch ein guter Bissen,
Dem Seelengaumen wird durchs Gähnen er entrissen.

Drum wenn beim Lernen dir ein Gähnen kommt, so hemm' es,
Entschlossen mit dem Schloß der Zähne niederklemm' es!

So hat es dir vorerst den Bissen nicht genommen,
Und endlich wird ihm selbst die Lust vergehn zu kommen.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 2, 1837, V. 307