Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Ich kam auf meiner Reis' im Karawanenpfade
Unsern dem Kaukasus an's kaspische Gestade;

Und lernt' auf Baku's Flur begreifen, wie die Guebern
Dort machte die Natur zu Feuerdienst-Urhebern.

Halb eine Meile von der Stadt ist eine Stelle,
Im naftareichen Land die reichste Nafta-Quelle.

Dort ist ein weiter Kreis, in dessen Mitt' ich sah
In ew'gen Flammen blüh'n das heil'ge Ateschgah.

Und von den Parsen legt' ein Führer mir es aus,
Daß Ateschgah bedeut' auf Persisch Feuerhaus.

Die heil'ge Flamm' entblüht der Erde gelb und blau,
Am Tag ein schöner Glanz, Nachts eine Wunderschau.

Ein Volk von Guebern hat im Kreis um diese Flammen
Sich angebaut und wohnt in stillem Fleiß beisammen.

Den Feuerehrern hat das Feuer zur Belohnung
Gegeben ohne Müh' die schönste Winterwohnung.

Aus Steinen leicht gefügt, ein Haus mit Dach und Wand
Steht jedem nach der Wahl, wo einen Platz er fand.

Sie dürfen sich bei'm Bau'n nicht um den Bauplatz streiten,
Der Kranz der Häuser wächst mit Lust nach allen Seiten.

Denn überall durchzieht die heil'ge Gluth die Erde,
Und machet jedes Haus von selbst zum Feuerherde.

Den untern Boden deckt von Lehm die feste Tenne,
Daß den Bewohner sie von seiner Gottheit trenne.

Doch Öffnungen sind da gelassen, wo erbeten
Des Elementes Kraft soll aus dem Boden treten.

Du steckest in die Spalt' ein lehmumgeb'nes Rohr,
Und leitest wie du willst den Feuergeist empor.

Und überall im Haus, wohin das Rohr du mündest,
Da leuchtet es, sobald du an den Dunststrom zündest.

Es ist ein schönes Licht und brauchst es nicht zu putzen,
Ohn' Aufwand kannst du es im Haus beliebig nutzen.

Leinweber sah ich so die ganze Nacht durch weben,
Nach Lust mit schwebenden Rohrleuchten rings umgeben.

Wer aber Kaffe will und wer will Speise kochen,
Aus andrer Öffnung kommt ein andrer Strom gebrochen.

Ein Feuerstrom, der, ohn' Holz oder Kohlenfeuer,
So gut als beides brennt, und lange nicht so theuer.

Das Feuer schürt sich selbst, und brennt, so lang du's willst,
Und still vergeht's, wenn du mit einem Wink es stillst.

Aus kleinster Öffnung bricht's mit gröster Kraft hervor,
Und wächst, vom Zwang befreit, zur höchsten Höh' empor.

Aus einer Mündung von zwei Zollen sah' ich's steigen
Drei Fuß zuerst, und sich zuletzt zu zwei Fuß neigen.

Und brauchest du's nicht mehr, so brauchet nur zu fächeln
Ein Fächer, und sogleich verschwindet es mit Lächeln.

In's unterird'sche Haus kehrt es zurück, sein Thor
Verschließest du, und still nun wohnt es wie zuvor.

Nur an der Wärme magst du dann sein Walten spüren;
Sie wohnen Winterlang daselbst bei offnen Thüren.

Das ist vom Feuergeist die eine der Gestalten;
In einer zweiten ist noch glänzender sein Walten.

Wie er im Hause ruht als brennbar Element,
So schweift er durch die Flur als Feuer, das nicht brennt.

Oft im September, wann des Herbstes warmer Regen
Die Abendluft erfrischt, dann ist der Geist zugegen.

Dann siehst du weit und breit, soweit die Blicke gehn,
Die Felder wie ein Meer in Flammenwogen stehn.

Oft rollt der Feuerstrom in ungeheuren Massen
Vom Berg herab in's Thal, das ihn nicht scheint zu fassen.

Dann im Oktober, wann der Mond erhellt die Nacht,
Das ganze Westgebirg von blauem Feuer lacht.

Doch wann die Nacht ist trüb, irrt wimmelndes Gefunkel
Buntflammig über's Feld, und das Gebirg ist dunkel.

Von solchem Feuer sah ich selber überhüllt
Das ganze Lager Nachts der Karawan' erfüllt;

Daß wilder Schreck ergriff Maulesel und Kamele
Und selber leise Furcht die doch bewußte Seele.

Wir wußten, daß ein Schein es wäre, doch es drang
Der Schein als Wirklichkeit sich auf, und macht' uns bang.

Wir sahen, daß die Glut kein trocknes Hälmchen sehrte,
Und am bethauten selbst den Tropfen Thau nicht zehrte.

Die Flammen schienen nur zu schweben auf den Spitzen,
Wo Blüten saßen sonst, und wieder sollten sitzen;

Alsob dis Flammenspiel des Herbstes, beiderlei,
Ein Sommernachspiel und ein Frühlingsvorspiel sei.

Wir schritten durch die Glut, die rings empor sich bauschte,
Um uns wie Überschwang von goldnen Ähren rauschte.

Selbst mitten in der Glut war Wärme nicht zu spüren;
So linde Feuer kann die Gottes Allmacht schüren.

Nicht Wärme fühlten wir, doch eine milde Glut,
Bewunderung der Macht, die lichte Wunder thut.

Das war vom Feuergeist die zweite der Gestalten,
Am schönsten aber soll die dritte sich entfalten:

Wann über'm Boden selbst nicht eine Flamme bleibt,
Sich jede drunten birgt, und im Verborgnen treibt;

Im Frühling brechen dann vom Boden in zahllosen
Verwandlungen hervor die Flammen selbst als Rosen.

Die Gegend heißt davon das Rosenparadies;
Und jeder, wer sie sah, sagt, daß sie recht so hieß.

Und jeder, wer sie sah, muß preisend anerkennen,
Wie hell zu Gottes Preis die Rosenfeuer brennen;

Gelbblaues Nafta sich in Wangenroth verklärt,
Und Schwefelbrodem selbst nun Rosenodem nährt.

Die Rose bracht' ich mit von dort, sie ist verblüht,
Doch die verglomm'ne schürt noch Andacht im Gemüth.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 1, 1836, IV. 2