Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

1.
Zwar ist Vollkommenheit ein Ziel das stets entweicht,
Doch soll es auch erstrebt nur werden, nicht erreicht.

2.
Wol ein mit Sicherheit vorwerts gethaner Schritt
Ist ihrer zweie werth, wobei man rückwerts glitt.

3.
Erst denkst du nicht daran, wie weit es sei zum Ziel;
Schon ist es halb gethan, nun ist der Rest ein Spiel;

4.
Wer sucht, der findet. Ja! nur der nicht, wer erblindet
An Orten sucht, wo sich nicht das Gesuchte findet.

5.
Wo du den Weg nicht weißt, folg' einem Führer du;
Doch, ob der Führer auch den Weg weiß, siehe zu!

6.
Sandalen drücken neu, bequem sind sie zerschlissen;
Sobald dir etwas ganz gerecht ist, wirst du's missen.

7.
Das Wort hat Zauberkraft, es bringt hervor die Sache;
Drum hüte dich, und nie ein Böses namhaft mache.

8.
Gib Worte deinem Schmerz, so ist er dir benommen;
Gib Worte deiner Lust, so ist sie dir entkommen.

9.
Wer alzueiferig bekräftigt sein Versprechen,
Beweiset dir damit den Willen es zu brechen.

10.
Wer einmal lügt, muß oft zu lügen sich gewöhnen;
Denn sieben Lügen braucht's um eine zu beschönen.

11.
Im Stachel hat sein Gift der Skorpion, im Zahn
Die Schlange, doch ein Mensch ist giftig um und an.

12.
Leicht mag, wer sieht die Frucht, des Baumes Namen sagen;
Ein Gärtner sieht am Baum, was er für Frucht wird tragen.

13.
Was einem Menschen du nicht frei ins Angesicht
Darfst sagen, sag ihm das auch hinter'm Rücken nicht.

14.
Ein Ärgernis ist nur, wo man es nimmt, gegeben;
Dir vorgeworfnes brauchst du ja nicht aufzuheben.

15.
O König, willst du mich in dieser nicht beschützen,
In jener Welt wird mir und dir dein Schutz nicht nützen.

16.
Das Hündlein wedelt, dir sein Futter abzuschmeicheln;
Den edlen Hengst, damit er's annimmt, mußt du streicheln.

17.
Wo Bettelstolz sich schämt zu fordern, schämt zu nehmen;
Muß nicht Freigebigkeit sich auch zu geben schämen?

18.
Wer schläft, den hungert nicht, geborgen ist der Mann;
Weh aber dem, der nicht vor Hunger schlafen kann.

19.
Schlimm sind die Schlüssel, die nur schließen auf, nicht zu;
Mit solchem Schlüsselbund im Haus verarmest du.

20.
Das Weib kann aus dem Haus mehr in der Schürze tragen,
Als je einfahren kann der Mann im Erntewagen.

21.
Am Weibe wird geschmäht, was an dem Mann geachtet;
Die gleich dem Hahne kräht, die Henne wird geschlachtet.

22.
Hast du ein großes Gut, begehre nicht noch Kleines;
Wenn dir die Sonne scheint, bedarfst du Kerzenscheines?

23.
Woran du es gewöhnst, das fordert bald dein Herz;
Gewöhne nicht dein Kind an Böses auch im Scherz.

24.
Unschuldig irrt nur, wer den rechten Weg nicht kennt,
Nicht wer den Richtweg sieht und doch ins Dickicht rennt.

25.
Am schwersten immer wird sich in der Irre fassen,
Wer selbst den rechten Weg muthwillig hat verlassen.

26.
Ein unbefangner Sinn benutzt die fremde Spur,
Den selbstbefangenen verwirrt die eigne nur.

27.
Lern von der Erde, die du bauest, die Geduld:
Der Pflug zerreißt ihr Herz, und sie vergilts mit Huld.

28.
Die Rach' ist eine Lust, die währt wol einen Tag,
Die Großmuth ein Gefühl, das ewig freun dich mag.

29.
Bescheidenheit, ein Schmuck des Manns, steht jedem fein,
Doch doppelt jenem, der Grund hätte stolz zu seyn.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 1, 1836, III. 46