Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Ein Gleichniß

von den Hirschen dem wilden Jäger, und was St. Hubertussprach, ao. 1814.

Es war ein alter Eichenwald
Deß Ruhm in aller Welt erschallt,
Mit vielen Bäumen hoch und dicht;
Seines Gleichen war auf Erden nicht.
Es wohnt' im selben Eichenwald
Ein Volk von Wildpret mannichfalt,
Die Hirsch' von schönst- und größter Art,
Die Hindinnen recht weiblich zart.
Die gingen d'rin auf ihrer Weid',
Und thaten Niemand was zu Leid';
Sie waren gut und fromm und treu,
Mitunter etwas allzuscheu.
Sie hatten kein recht Selbstvertrau'n,
Auf ihr Geweihes Kraft zu trau'n,
Das sie gar wohl hätt' können schützen,
Wenn sie es wußten recht zu nützen.
Allein, so lang' als wird gedacht,
War's so bei ihnen hergebracht,
Daß sie zerstreut in einzeln Rudeln,
Sich ließen nach Gefallen hudeln.
Es war kein Hund so butzig klein,
Wollt' er der Hirsche Meister sein;
Es war kein noch so schlechter Jäger,
Verstört' er dieses Wildes Läger,
Bedrängt die Thiere scharf und heiß,
Kühlt seinen Muth in ihrem Schweiß.
Seit langer Zeit der Eichenwald
Von ew'gem Jagdgeschrei erschallt,
Der Boden ward gefärbt vom Blut
Der heimisch jungen Hirschenbrut,
Und sie sind oftmals schrecklich worden
Gehetzt von fremden Jägerhorden.
Doch was von ihnen übrig blieb,
Nach altem Brauch es weiter trieb:
Sucht jeder sich in seiner Eck'
Für seine Haut nur ein Versteck,
Und wenn sie hatten ihre Weid,
Nicht dachten an der Brüder Leid.
Und so noch trieben sie's wohl jetzt,
Doch gar zu arg kam es zuletzt
Ein wilder Höllenjäger kam,
Der gar nicht Schonung kannt' noch Scham;
Dem zu der Hetzjagd selbst der leid'sche
Teufel gab in die Hand die Peitsche.
Der mit entsetzlich blut'ger Spur
D'rauf in den Wald der Hirschen fuhr,
Mit seines Jagdzugs tollen Koppeln
Den ganzen Wald zertrat zu Stoppeln.
Zuvor in seinen Sold er nahm
ne Hunderasse, die sonst zahm,
Jetzt aber völlig war verwildet,
Recht zu Bluthunden ausgebildet;
Die alle Sitte hatt' vergessen,
Den eig'nen Herren aufgefressen,
Und aller Greuel sich erfrecht:
Die waren jenem just so recht.
Die Hunde auch als neuen Herrn
Erkannten ihn und folgten gern;
Und also zog mit seiner Meute
Er durch den Forst zu Blut und Beute.
Die Hunde recht mit Zähneknirschen
Ausrissen Fleisch den armen Hirschen;
Ihr Schütz' konnt' gar nicht satt sich birschen.
Als er sie eben wollt' zertreten,
Huben die Hirschlein an zu beten.
St. Hubertus, der Jagdpatron,
Im Himmel hört' den Jammerton,
Sah seiner Hirsche Blut verspritzen,
Und fuhr hernieder, sie zu schützen.
Sein Augenmerk ließ er vor allen
Auf einen Sechzehnender fallen,
So schön im ganzen Forst war keiner,
Und keiner war von Flecken reiner;
Der König einer großen Schaar
Der argbedrängten Hirsche war.
Der böse Feind mit argem Hohn
Wollt' reißen ihm vom Haupt die Kron'.
Hubertus stand auf einer Eichen,
Macht' über ihn ein heilig's Zeichen,
Ein flammend Kreuze sichtbarlich
Zeigt über jenes Haupte sich;
Und siehe, das erhob'ne Kreuz,
Dem Volk der Hirsche Rettung beut's.
Die Hirsche sammeln sich mit Muth
In ihres Kronenträgers Hut,
Und brennen ganz in Wunderflammen;
Die Schaar der Hunde schreckt zusammen,
Und der bestürzte Jäger flieht,
Wie er das Kreuz erhoben sieht.
Doch damit war es nicht gethan:
Hubertus faßt beim Schopf ihn an,
Und unter gellendem Gewinsel
Schleudert ihn fern auf eine Insel;
Daß seine Hunde staunend stehn,
Die plötzlich sich verlassen seh'n.
Auf ihn nicht mehr sie können pochen,
Da sind sie schnell zu Kreuz gekrochen.
Hubertus schritt davon in Glanz
Und stellt es frei den Hirschen ganz,
Selbst an den Hunden sich zu rächen,
Das Urtheil über sie zu sprechen.
Das Urtheil d'rauf nach Hirschenart
Von ihnen so gesprochen ward:
Die Hirsche sollen frei allein
In ihrem Walde wieder sein,
Die Hund in ihrem Hundeloch,
Und stehen unter'm alten Joch
Des Stammesherrn, des Erben dessen,
Den sie zur Ungebühr gefressen.
Sie sollen richten ihren Zahn
Nicht mehr auf ihren Herrn fortan;
Sie sollen auch auf Gass' und Straßen
Die Leute sonst in Ruhe lassen,
Und mit den Hirschen Friedschaft halten,
Im übrigen bleibt es beim Alten.
Die Hirsche, da sie's so erdacht,
Meinten, sie hätten's gut gemacht,
Gingen in ihres Waldes Aeste
Zurück, und hielten Friedensfeste.
Da sprach aus eines Eichbaum's Ast
Hubertus zornig rauschend fast:
Ihr, freilich Hirsche, keine Leuen
Fast sollte mich der Schutz gereuen,
Den ich so treu an euch gethan,
Weil ihr so schlecht ihn wendet an.
Meint ihr, daß Art von Art so schnell
Wird lassen, und weil sein Gebell
Er laut nicht lassen hören darf,
Des Hund's Gebiß sei minder scharf?
Sie haben euer Mark gefressen,
Und auf dem Nacken euch gesessen:
Das können sie noch nicht vergessen.
Sie wollen kaum den Maulkorb dulden
Von ihres neuen Herren Hulden;
Sie sehen noch sich grimmig stumm
Nach ihrem blut'gen Treiber um,
Der sie das Handwerk hat gelehrt,
Das sie gemacht hat so geehrt.
Sie hoffen allweg, daß der Böse
Den Maulkorb ihnen wieder löse.
Ihr neuer Herr darf kaum sich rühren,
Sie thun's ihm zu Gemüthe führen:
Wir fraßen ja schon einen auf;
Wenn du uns nun nicht freien Lauf
Willst lassen, merk' dir unsern Brauch
So fressen wir dich eben auch.
Er nennt umsonst sie Freund' und Kinder;
Die Hund' nur folgen desto minder.
Er darf nur seine Sorg' verdoppeln,
Sonst reißen ihn die argen Koppeln
Mit sich selbst wider Willen hin,
Auf neue Hetzjagd auszuzieh'n,
Ihr Hirsche, seht, so ist's gekommen,
Weil ihr die Zeit schlecht wahrgenommen.
Warum habt ihr zur rechten Zeit
Sie nicht gelähmt auf Ewigkeit?
Zerschlagen sie bis auf die Knochen,
Die Zähne ihnen ausgebrochen?
Denn and're Eintracht wird gefunden
Niemalen zwischen Hirsch und Hunden.
Habt ihr's nicht noch zuletzt geseh'n,
Als ihr nach Hause wolltet geh'n,
Wie sie den Aerger schlecht verkappten,
Zum Abschied heimlich nach euch schnappten?
Ihr ließ't von ihnen an euch pissen,
War't froh, daß sie euch nicht zerrissen.
Das nun nicht mehr zu ändern steht;
Doch jetzt, ihr Hirsche, hört und seht:
Gebt acht, wie ihr euch sicher stellt
In eurem grünen Laubgezelt;
Daß ihr dem Eichwald Ehre macht,
Wenn euer Erbfeind neu erwacht.
Gott gab auf's Haupt euch gute Hörner,
Und euern Forsten scharfe Dörner;
Gott geb' euch seinen guten Geist,
Daß ihr zusammen stehet dreist,
In wohlgegründeter Verfassung,
Euch selbst zu schützen ohn' Ablassung;
Daß ihr nicht kehrt mit Unvernunft
Gegen euch selber eure Brunft,
Mit euren Zacken euch zerreißt,
Statt daß ihr sie den Feinden weis't.
Gott geb' euch einen edlen Herrn
Aus eures Eichwalds festem Kern,
Der als ein Forstherr klug und stark,
Zäun' um euch her solch' einen Park,
Daß ihr darin könnt ruhig hecken,
Kein fremder Schnapphahn euch darf schrecken;
Ein Herr, der euch zur Lust bei'm Fest
Im Grünen um sich spielen läßt,
Nicht sich mit wildem Sinn ergetzt,
Wenn euch ein Vogt mit Peitschen hetzt:
Wünscht St. Hubertus euch zuletzt.