Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Das sagt dir dein Gefühl, daß du kannst sündigen;
Warum du's kannst, wer kann dir das verkündigen?

Die Weisen sagen dir: du kannsts, um frei zu seyn.
Doch warum räumte Gott dir diese Freiheit ein?

Weil dich, sein Bild, er nicht zum Werkzeug wollt' erniedern.
Doch darauf kann sogleich der schlichte Sinn erwiedern:

Ein König göttlich gut, hätt' er dazu die Macht,
Die Seinen hätt' er frei und gut zugleich gemacht.

Da er nun nicht zugleich uns gab die beiden Gaben,
Wird der Allmächtige dazu die Macht nicht haben.

Was ists nun, das die Hand der Allmacht also band?
Da ist der Menschenwitz gekommen an den Rand.

Und überall wird er zu solchem Rande kommen,
Wie er das Räthsel sonst zu lösen unternommen.

Darum zurück in dich! du bist durch Gottes Kraft
Ein Räthsel zwar, doch das ist dir nicht räthselhaft:

Daß du nicht sünd'gen mußt, wiewol du sünd'gen kannst;
Daß du's nicht sollst, und dazu Gottes Kraft gewannst.