Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Von allen Königen ist ihm kein andrer gleich.

Den weiten Himmelsraum mißt er mit seinen Schwingen,
Und läßt aus seiner Höh den Blick zur Erde dringen.

Er hat die Sonn' im Aug' und sieht die Erde doch,
Das tiefste sieht er klar, er schwebe noch so hoch.

Und was am Erdengrund zur Beut' ihm mag gefallen,
Er kommt, er faßts und trägts empor in seinen Krallen.

Auf seinem Baume sitzt der Weih und lauert still,
Was ihm zum Raube da vorüber kommen will.

Der Adler aber fliegt, es steht die Wahl ihm frei,
Nicht was vorbei ihm kommt, er holt es selbst herbei.

Der Eule ist die Nacht zur Jagdzeit angewiesen,
Der Mondschein ist ihr Freund, sie jagt nicht ohne diesen.

Die Blöde sieht bei Nacht, doch gar nicht hell genung,
Und recht im Zwielicht nur zweideut'ger Dämmerung.

Drum wenn der Mond nicht scheint, kann sie bei Nacht nicht jagen,
Und jagt zwei Stündchen nur im Spätlicht und vorm Tagen.

Der Adler aber schwingt sich mit der Sonnen auf,
Und stellt auch seinen Flug nur ein mit ihrem Lauf.

Früh schaut er droben sie, noch eh die Welt sie sah,
Und schwand sie dieser längst, ist noch ihr Glanz ihm nah.

Und sieht er ihren Glanz dann hinterm fernsten Forst
Sich senken, senkt er sich und suchet seinen Horst.

Er hat zum Horst gewählt den allerfreisten Raum,
Auf allerhöchstem Berg den allerhöchsten Baum.

Dort sitzt sein Adlerweib und brütet nur zwei Eier,
Und sie verstören darf kein Flatterer und Schreier.

Denn keine Nachbarschaft von Vogel, Mensch und Thier
Verträgt der Adler, wo er hat sein Nachtquartier.

Er weiß aus seiner Näh die Gäst' hinwegzutreiben,
Und diese haben selbst schon keine Lust zu bleiben.

So wohnt er ungestört in seiner Einsamkeit,
Sieht von der Erde nichts und nur den Himmel weit.

Die Krähe mit Gedörn deckt oben ihr Gemach,
Doch nur der Himmel ist des Adlernestes Dach.

Er läßt den Sturm der Nacht an sich vorüber brausen,
Stark wird sein sträubendes Gefieder von dem Grausen.

Und wenn der Sturm davon ihm eine Feder weht,
Ein Jäger findet sie, der früh zur Jagd ausgeht.

Er darf die Feder nicht zu andern Federn legen,
Weil Adlerfedern selbst den Trieb des Adlers hegen;

Und, wie der Aar hinweg die Vögel wehrt und treibt,
Auch ihre Federn sein Gefieder zehrt und reibt.

Der Jäger macht daraus des Pfeiles Federspiel;
Dem aarbeschwingten Schaft wählt er den Aar zum Ziel.

Der Adler in der Luft vom Pfeil getroffen spricht:
Nahmst du nicht von mir selbst die Kraft, du trafst mich nicht.

Der Adler schüttelt aus der Brust den Pfeil, und schaut
Hinunter, wo für ihn gepflanzt ist Adlerkraut.

Vom Adlerkraute heilt alsbald die Adlerwunde,
Und in die Lüfte schwingt sich wieder der Gesunde.

Und wenn er einen Kreis hat um die Welt geschwungen,
So läßt er sich aufs Nest herab zu seinen Jungen.

Den beiden schaut er scharf ins Auge bis ins Mark,
Prüft ihre Krall' und Schwing', und findet beide stark.

Sie halten sich am Nest mit scharfen Krallen fest,
Doch ohne Schonung stößt der Alte sie vom Nest.

Denn fliegen lernt nur, wer zum Fliegen ist gezwungen,
Wenn er zum Fliegen Kraft auch hat gleich Adlerjungen.

Ein Junges sinkt hinab, alsob's kein Adler sei,
Das wird ein Jagdgenoß für Eule dort und Weih.

Das andre schwebet nach dem Vater voll Vertraun,
Der reißts mit sich empor und lehrts die Sonne schaun.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 5, 1839, XII. 41