Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Woher nimmst du den Muth, von neuem vorzutragen,
Was längst schon besser ward gesagt in alten Tagen? ─

Weil alles Alte neu und immer neu muß werden,
So trägt die Dichtung auch stets ihrer Zeit Geberden.

Verwandeln muß sie sich, beharren kann sie nimmer;
Nicht besser wird sie stets, zuweilen wird sie schlimmer.

Ein angestammtes Recht hat jedes Zeitgeschlecht,
Der Zeiten Weisheit sich zu machen mundgerecht.

Und jeder hat dies Recht für sich auch und sein Haus;
Und er macht es nicht schlecht, wenn er damit kommt aus.

Nur hat er nicht das Recht, es andern aufzudringen,
Sein eigen Hausgemächt auch auf den Markt zu bringen.

Bring' ich das Meine doch, so bild' ich wol mir ein,
Es sei für andre noch, und nicht für mich allein.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 4, 1838, X. 170