Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Schon öfter hab' ich dir in Räthseln vorgetragen
Antworten, die sich gibt die Seel' auf Zweifelsfragen,

Auf Fragen, die sie an sich selbst thut über sich:
Woher, woraus, wovon, wofür, wozu bin ich?

Wozu kam ich hieher? von welchem Trieb getrieben?
Und warum bin ich nicht dort wo ich war, geblieben?

Bin ich herabgesandt? bin ich herabgebannt?
Hab' ich, und weiß nicht mehr, mich frei herabgewandt?

Herabgeflogen wol? villeicht herabgestiegen?
Herabgefallen gar? am besten wäre Fliegen.

Wenn ich herab einst flog, werd' ich hinauf einst fliegen;
Wenn ich herunter fiel, wie lange soll ich liegen?

Das, Seelchen, sag' ich dir: du bist gewis geflogen,
Wenn als ein Vogel nicht, doch wie ein Pfeil vom Bogen.

Vernimm den Ernst von mir: Zwei Schwingen dienten dir,
Die eine Langeweil, die andre Neubegier.

Langweile war es müd' im ew'gen Chor zu schweben,
Neugierde fühlte Lust was andres zu erleben.

So trugen sie dich her, zu büßen ihre Lust,
Und immer fühlst du noch die beiden an der Brust.

Ihr Nagen in der Brust fühlst du mit Unbehagen,
Und wünschest daß sie dich nur immer weiter tragen.

Ich rathe dir, wann du kommst einmal heim zu ruhn,
Die beiden Schwingen ganz und gar dann abzuthun.

Doch, bleibt noch Trieb in dir, wird er sie wieder treiben,
Und wieder wirst du dort nicht lange können bleiben.

So fleug denn, weil du mußt! Ich aber, wenn Gefieder
Mir sproßte, flög' ich auf, und nie herunter wieder.

Denn, ob ich es zur Zier sag' oder Schande mir:
Mit Langeweile fehlt mir auch die Neubegier.

Ich bliebe fort und fort gar gern an einem Ort,
Solang es seyn soll, hier, und wann es seyn kann, dort.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 4, 1838, X. 109