Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Hat die Unendlichkeit nicht Räume ungeheuer?
Doch überall ist Raum gespart, als sei er theuer.

Der Drang des Lebens, wenn er sich wär' überlassen,
Selbst die Unendlichkeit vermöcht' ihn nicht zu fassen.

Drum ist des Lebens Füll' ins Engeste gezwängt,
Weil überall ihr Trieb ins Weitere sie drängt.

Zur Raumersparung hat Baumeisterin Natur
Das Bienenvolk gelehrt sechseckig bauen nur,

Daß Zell' an Zelle paßt und aller Zellen Enge
Zur Noth bequem nur faßt die arbeitselige Menge.

Verkrüppelt zwitterhaft sind drin die fleiß'gen Horden,
Von denen jeder frei sonst wär' ein Weisel worden.

So würd' ein Bauer, wenn ihn nicht von allen Seiten
Die Nachbarn zwängten, sich als Patriarch ausbreiten.

Mit rascher Fruchtbarkeit hat er ein Land besetzt,
Bis die Bevölkerung sich selber Schranken setzt.

Alswie im dichten Wald von tausend Saamenkörnern
Nur eines sich empor arbeitet aus den Dörnern;

Doch wird er ausgehaun, mag eine Tanne streun
Die Saamen weit umher, und bald den Wald erneun.

Der Baum des Lebens ist von Saamen ganz erfüllt,
Und überall ein Trieb im andern eingehüllt.

Die Knospe wartet nur auf Platz hervorzudringen,
Sobald die alte weicht, wird gleich die neu' entspringen.

Wie an der Eidechs', ob du Fuß ihr oder Hand
Abhiebest, Hand und Fuß am selben Ort entstand;

Alsob die Glieder schon verborgen fertig lauern,
Und können nur nicht vor, so lang' die alten dauern.

So überquillend ist auch Menschenfähigkeit;
Gib Spielraum ihr, sie tritt hervor zu rechter Zeit.

Drum füge dich der Zeit, erfülle deinen Platz,
Und räum' ihn auch getrost, es fehlt nicht an Ersatz.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 4, 1838, IX. 19