Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Zu Gottes Angesicht wie steigt sichs schwer empor!
Denn sieben Himmel sind, und jeder hat ein Thor.

Und ist durchs eine Thor gegeben frei der Lauf,
So thun deswegen sich noch nicht die andern auf.

Was gültig ist als Paß, durch dieses Thor zu kommen,
Wird nicht gleich ebenso bei jenem angenommen.

Vielmehr wird Reineres von Thor zu Thor begehrt,
Daß Reinstes droben sei von Gottes Blick verklärt.

Die Engel, die aufs Werk des Menschen merken, tragen
Heut eins von ihm empor zum ersten Thor, und sagen:

Thorhüter, laß uns ein! dis Werk ist schön und rein;
Zu Gottes Angesicht soll es getragen seyn.

Der Hüter aber spricht: Wie? ist es fleckenfrei?
O nein, das ist es nicht, es ist voll Heuchelei.

Vor Gottes Angesicht kommt ihr mit diesem nicht;
Nehmt es und werft es dort dem Menschen ins Gesicht.

Da nehmen's mit sich fort die Engel voll Verzagen,
Um morgen anderes zum andern Thor zu tragen.

Doch dort der Hüter spricht: Wie? ist es ohne Schmutz?
O nein, das ist es nicht, es ist voll Eigennutz.

Vor Gottes Angesicht kommt ihr mit diesem nicht;
Nehmt es und werft es dort dem Menschen ins Gesicht.

Da nehmen's mit sich fort die Engel voll Verzagen,
Um morgen anderes zum dritten Thor zu tragen.

Der dritte Hüter spricht: Hat es die rechte Zier?
O nein, die hat es nicht, es ist aus Ruhmbegier.

Vor Gottes Angesicht kommt ihr mit diesem nicht;
Nehmt es und werft es dort dem Menschen ins Gesicht.

Da nehmen's wieder fort die Engel mit Verzagen,
Um morgen anderes zum vierten Thor zu tragen.

Der vierte Hüter spricht: Ist dieses wirklich gut?
O nein, es ist nicht Pflicht, es ist nur Trieb im Blut.

Vor Gottes Angesicht kommt ihr mit diesem nicht;
Nehmt es und werft es dort dem Menschen ins Gesicht.

Da nehmen's wieder fort die Engel mit Verzagen,
Um morgen anderes zum fünften Thor zu tragen.

Der fünfte Hüter spricht: Ist dieses fromm und treu?
Ists aus Gesetzfurcht nicht, und nicht aus Menschenscheu?

Vor Gottes Angesicht kommt ihr mit diesem nicht;
Nehmt es und werft es dort dem Menschen ins Gesicht.

Da nehmen's wieder fort die Engel mit Verzagen,
Um morgen anderes zum sechsten Thor zu tragen.

Und dort der Hüter spricht: Ist dis vollkommen schon?
Um Menschenlohn ists nicht, doch ists um Gotteslohn.

Vor Gottes Angesicht kommt ihr mit diesem nicht;
Nehmt es und werft es dort dem Menschen ins Gesicht.

Da nehmen das auch fort die Engel voll Verzagen,
Um morgen eines noch zum letzten Thor zu tragen.

Und dort der Hüter spricht: Vollkommen ist es nicht
Doch ists gethan aus Lust an Gottes Angesicht.

Zu Gottes Angesicht mögt ihr empor denn steigen;
Doch wissen Engel nicht, ob Er es wolle zeigen.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 3, 1837, VIII. 109