Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Was sagt Bewußtseyn aus? es sagt Bewußt und Seyn;
Von Seyn und Wissen ist es also der Verein.

Von beider welchem ward nun welches angenommen?
Ist Wissen hin zum Seyn, zum Wissen Seyn gekommen?

Das Wissen steht zuerst, es steht das Seyn zuletzt,
Das Wissen also ist dem Seyn vorausgesetzt.

Jawohl ist meinem Seyn vorausgesetzt ein Wissen,
Ein Wissen, welchem nie mein Seyn kann seyn entrissen.

Ich bin von Gott gewußt, und bin dadurch allein;
Mein Selbstbewußtseyn ist, von Gott gewußt zu seyn.

Ich war nicht mein bewußt, und war nicht dein bewußt,
O Gott, und war es doch, denn du warst mein bewußt.

Bewußtseyn aber weiß nicht um sich selbst allein,
Es weiß auch um die Welt, das wird es gleich entzwein.

Doch die Versöhnung ist dem Streit schon eingewoben,
Da ich die Welt und mich in Gott weiß aufgehoben.

Nicht aufgehoben, wie sich Ja und Nein aufhebt;
Emporgehoben, wie zur Sonn' ein Adler schwebt.

Im Gottbewußtseyn geht nicht mein Bewußtseyn aus;
Eingeht es wie ein Kind in seines Vaters Haus.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 3, 1837, VIII. 21