Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Welch eine Pflanze trägt im Frühling ihren Samen,
Da ihre Blüten erst hervor im Herbste kamen?

Die Zeitlos' ist hierin der Blumen Widerspiel,
Daß sie am Anfang ist, wo jene sind am Ziel;

Daß sie am Ziel ist, wo am Anfang jene stehn;
Drum hat sie die Natur zum Sinnbild ausersehn,

Das aus dem Herbste, wo der Sturm das Feld erbeutet,
Den kahlen Winter durch, zum Lenz hinüber deutet.

Da sie im Sommer nicht zu reifen Zeit gewann,
Und nur die Blütenspitz' im Herbste zeigen kann;

Jenseit des Frostes tritt, geweckt von Frühlingsluft,
Die Samenkapsel samt den Blättern aus der Gruft.

Zeitlose heißt sie, weil sie vom Gesetz der Zeit
Ist gleichsam losgesagt, der Ewigkeit geweiht.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 3, 1837, VII. 75