Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Friedrich Rückert (1788-1866)

Von Strömen täglich trägt und stündlich welch ein Heer
Dem Meer süß Wasser zu, doch bitter bleibt das Meer.

So täglich, stündlich bringt von Weisheit auch genug
Zur Welt der Weisen Zunft, doch wird die Welt nicht klug.

Doch ließen dieses sich die Weisen wol verdrießen,
Da unverdrossen stets ins Meer die Ströme fließen?

Da nie in ihrem Lauf die Ströme sich verbittern,
Wie sollten Weise sich im ihrigen erbittern?

Die Ströme süßen nie das Meer, doch ziehen sie
Aus ihm ihr Süßes selbst, und wissen selbst nicht wie,

Ob unterirdisch aufgedampft und ausgebraut,
Ob überirdisch abgeklärt und angethaut;

Des Meeres bittre Flut wird süße Quelle wieder,
Und billig strömt der Quell darum zum Meere nieder.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 3, 1837, VII. 50