Tiefland
Rudolf Lothar [eigentlich Rudolf Spitzer] nach Angel Guimerà
Musikdrama 3 Akte (1 Vorspiel und 2 Aufzüge)

15. Nov. 1903 Prag, Deutsches Theater; 16. Jan. 1905 Magdeburg; Erstaufführung der endgültigen Fassung
Musik von Eugen d’Albert

VORSPIEL

ERSTE SZENE
Eine felsige Halde hoch oben in den Pyrenäen. Links eine primitive Sennhütte.
Davor ein Brunnen und ein Trog. Rechts verliert sich der Abhang in Geröll.
Hinter dem Hügel scheint eine tiefe Mulde zu liegen. Jenseits der Mulde
erheben sich in bizarren, phantastischen Formen die schneebedeckten Spitzen der Pyrenäen.
In der Mitte ein kolossaler Gletscher, an dessen Seite ein gewaltiger Steinkoloss.
Etwa drei Uhr morgens. Sternenhimmel.

NANDO
hinter der Szene
Ohe!

PEDRO
hinter der Szene, antwortet
Ohe!
Nando taucht auf und Pedro erscheint bei der Hütte.
Gelobt sei Jesus Christus!

NANDO
In Ewigkeit!

PEDRO
Gehst du mit deinen Tieren gegen Osten?

NANDO
Ich will zur Höhe.

PEDRO
Hüte dich vor den Wölfen!

NANDO
Ich habe meine Schleuder und den Hund.

PEDRO
Und ich vertrau auf Gott!
Sie begegnen sich jetzt auf der Mitte der Anhöhe. Man hört das Geläut der Herdenglocken.
Ein schöner Tag wird kommen.

NANDO
Wenn erst die Nebel fallen!

PEDRO
Grüß mir die Hirten oben!

NANDO
Sahst du sie nicht?

PEDRO
Drei Monate sind’s her, dass ich den letzten Menschen sah.
Vor einem halben Jahr sprach ich zuletzt mit einem
und wenn du jetzt dort hinterm Berg verschwindest,
dann mag es wieder Wochen dauern, Monate, ein Jahr,
bis ich den Mund zum Reden wieder öffne.

NANDO
Ist dir die Einsamkeit nicht schrecklich?

PEDRO
Ach, herrlich ist sie mir!
Ich träum des Nachts und träum des Tags und fühl mich glücklich.
Gibt’s ein andres Glück?
Zwei Vaterunser bet ich vor dem Schlafengehn,
das erste bet ich für die Eltern, ich kannt sie nie.
Doch oben rechts und links von Gottes Thron,
da stehen beide wachend über mich.
Das zweite Vaterunser aber,
das geht den lieben Herrgott selber an.
Ich bitt ihn jede Nacht,
dass er ein Weib dem Pedro schenke .

NANDO
Ein Weib! Haha! Kennst du die Weiber ?
Hast du schon mal ein Weib gesehn? Gesprochen?

PEDRO
Noch nicht. Wie käme hier herauf ein Weib?
Von ferne seh ich sie einmal im Jahre nur,
wenn ich ins Tal hinab zur Kirche geh.
Ich denk mir aber, dass wenn Gott nur will,
ich auch einmal zu einem Weibe kommen werde.

NANDO
Hahaha!

PEDRO
Darüber lacht man nicht. Ich mein es ernst.
Er hat sich auf den Rücken gelegt.
Wie ich nun gestern abend in der Hütte liege
und mit dem ersten Vaterunser fertig bin, fang ich das zweite an.
Doch nach dem ersten Worte schlaf ich ein,
und das Gebet bleibt mir im Munde liegen.
Im Traume seh ich, wie mit einem Mal
die Herde in die Tiefe flüchtet.
Ich lauf ihr nach und nehm einen Stein auf meine Schleuder,
werf ihn nach vorn, damit die Tiere stehen bleiben.
Der Stein fällt in den See von Roccabruna,
das Wasser siedet auf und wallt, als wär der See ein Kochtopf.
Aus Dampf und Wellen ballt es sich zusammen,
wie eine Wolke steigt es aus dem See empor.
Ein leuchtendes Gewand, ein weißer Arm,
ein Kopf mit langem blonden Haar –
die Hexe, schrei ich auf, die Felsenhexe!
Doch nein! So schön kann eine Hexe doch nicht sein.
Und plötzlich wird der wilde See ein Spiegel,
und die Gestalt kommt übers Wasser her und auf mich zu.
Sie war so schön, ich kann dir’s nicht beschreiben.
Und wie sie ging, da neigten sich die Bäume,
da dufteten die Blumen stärker, und die Vögel sangen, wie ich’s nie gehört.
Es war ein Jubeln, dass die Berge dröhnten,
und das die ganze Welt zu füllen schien.
Und die Erscheinung lächelte und kam zu mir ganz nah heran.
Da kniet ich vor ihr nieder und sprach mein zweites Vaterunser nun zu Ende.
Nun weiß ich auch, wer die Erscheinung war:
die Mutter Gottes kam zu mir im Traum, um mir zu sagen,
dass der liebe Gott mir Weib und Glück bescheren will.

NANDO
Du glaubst am Ende, Weib und Glück sind eins?
Ich aber sage dir, dass zwischen beiden
ein Stückchen Himmel und die ganze Hölle liegt.
Das wirst du auch noch lernen! Dessen sei gewiss.

PEDRO
Wenn ich nur wüsste, aus welcher Gegend sie wohl kommen wird?
Pass auf: da leg ich einen Stein auf meine Schleuder
und schwinge sie im Kreis!
Die Augen hab ich zu. Wohin der Stein jetzt fällt,
das ist der Weg, den sie wohl kommen wird.
Er wirft den Stein.

SEBASTIANOS STIMME
Verfluchte Kerle, seht ihr nicht, dass Menschen kommen?
Beinah hätt mich der Kieselstein getroffen.

NANDO
Es kommt Besuch!

PEDRO
Was kümmert’s mich! Zu mir kommt niemand.

NANDO
in die Tiefe spähend
Der Herr ist es! Herr Sebastiano! Kennst du den Herren nicht?
So weit du schaust ist alles sein.
Die Wiesen, Matten, Felder, die Herden, Hütten, Wald und Fluss,
das Dorf da unten und die Mühle, alles was du dir denken kannst, ist sein.
In seinem Dienste stehn wir alle, alle, die Hirten oben und die Hirten unten.
Der mit ihm geht, das ist der älteste aus unserm Dorfe.
Neunzig Jahre trägt Tommaso schon auf seinem Buckel.

PEDRO
unwillig aufstehend
Zu meiner Hütte geh ich.
Wollen die etwas von mir, so sollen sie mich holen.
Er geht langsam aufwärts und verschwindet in der Hütte

NANDO
gespannt zur Tiefe blickend
Und mit den beiden geht, ich irre nicht, ein Frauenzimmer.
Was soll das bedeuten?
Am Ende hält der Herrgott Wort und schickt ein Weibchen für den Pedro.

ZWEITE SZENE
Sebastiano, Marta und Tommaso treten auf.

SEBASTIANO
Ist Pedro nicht hier?

NANDO
Er ist in seiner Hütte oben.

SEBASTIANO
Tommaso, geh und schaff ihn her.
zu Nando
Du aber bring uns Milch und Brot und Käse.
Der Weg war weit, und ich hab Hunger.

Tommaso und Nando gehen zur Hütte, in die Tommaso eintritt.

MARTA
Warum schleppt Ihr mich hierher?

SEBASTIANO
Weil es mich freut! Und dann, mein Kind,
hab ich einen Plan mit dir.

MARTA
Sagt mir, Herr, um Christi willen, was Ihr vorhabt.

SEBASTIANO
Fürchte nichts! Warst mir immer treu ergeben.
Und du weißt, ich lohnte gut!
Kamst als Bettelkind ins Land
mit dem alten Vagabunden, deinem Vater.
Du gefielst mir. Deinen Vater macht ich zum Müller,
deiner schönen Augen willen.
Jetzt bist du die Müllerin.
Und den Pacht zahlst du in Liebe.
Das ist doch nur recht und billig.

MARTA
Schrecklich ist es: Jeden Tag schrei ich’s Euch ins Angesicht.
Doch was hilft’s, Ihr seid der Herr.

SEBASTIANO
Wohl, das bin ich! Und als Herr werd ich dir jetzt befehlen:
Oben erscheint Pedro.
Schau dir mal den Burschen an!
Hübsch, nicht wahr, und jung und kräftig.
Den bestimm ich dir zum Gatten.

MARTA
entsetzt zurückweichend
Lieber spring ich in die Tiefe!

SEBASTIANO
Tollkopf! Trotzkopf! Bleib doch nur!
Warte, bis ich’s dir erkläre!
Keine Laune ist’s von mir.
Was geschieht, das muss geschehn.

MARTA
Habt Erbarmen!

SEBASTIANO
Darum eben, weil ich’s gut und ehrlich meine,
geb ich Pedro dir zum Manne.

MARTA
reißt sich von Sebastiano, der ihr die Hand gehalten, los
Lasst mich, Herr, ich will nicht, will nicht!

SEBASTIANO
Marta, schau ihn dir doch an!

MARTA
gesprochen
Nein!
Sie reißt sich los und läuft weg.

PEDRO
Er ist ganz nahe herangekommen, schaut ihr mit offenem Mund nach.
Mutter Gottes! War die schön!

DRITTE SZENE

SEBASTIANO
Na, mein Pedro, sag mir mal, bist du hier zufrieden?

PEDRO
Ei gewiss, mein gnäd’ger Herr!

SEBASTIANO
Möchtest du’s nicht besser haben?

PEDRO
Wüsst nicht wie!

SEBASTIANO
Hirte sein, ist ja ganz schön, aber meinst du,
dass es nicht doch noch etwas Bessres gibt!
Schau, ich hab im Tale unten eine Mühle stehn.
Willst du nicht der Müller sein?

PEDRO
Wenn es Korn zum Mahlen gibt, warum nicht?

SEBASTIANO
Und zur Mühle geb ich dir noch die Müllerin als Frau.

PEDRO
Wenn das Mädel mir gefällt und ich ihr, ich sag nicht nein.

SEBASTIANO
Sahst sie doch! Gelt, die ist schön?

PEDRO
Treibt Ihr euren Spaß mit mir, oder träum ich noch?

SEBASTIANO
Setz dich her und hör mich an.
Meine Mühle ist verwaist, denn der Müller starb,
da hab ich an dich gedacht.
Passt es dir, so komm herab, nimm die Marta dir zum Weibe
und ich nehme dich zum Müller.

PEDRO
Wie ein Bienenschwarm fliegen Eure Worte mir ums Ohr.
Darf ich jubeln, darf ich jauchzen? Darf ich allen Heil’gen danken?
Wird mein Traum zur Wirklichkeit?

TOMMASO
Ich wohne viele Meilen weit dort über dem Gebirge.
Mich frug der Herr um Rat. Ich nannt ihm deinen Namen.
Kam ich auch viele Jahre nicht hierher, ich kenn dich doch:
Du bist ein wackrer Junge!
Schlag ein, mein Sohn, und nimm’s als Gottes Fügung.
Dein Bestes will der Herr.
Dank ihm dein Glück.
Und Gott, der über Allem wacht und alles lenkt,
wach über deinem Hause, lenke deinen Schritt zum Frieden.

SEBASTIANO
Schlag ein, mein Junge.

PEDRO
Soll ich? Darf ich? Wird sie mich denn wollen?
Wird sie nicht finden, dass ich hässlich bin?
Und wenn sie nein sagt? Wenn sie mich verschmäht?

SEBASTIANO
Lass das nur meine Sorge sein! Ich nehm’s auf mich.

PEDRO
Sie floh, als sie mich sah.

SEBASTIANO
So sind die Weiber.
Mach dich nur fertig, komm herab ins Tal,
und morgen wird die Hochzeit sein.
Für alles hab ich schon gesorgt.

PEDRO
Schon morgen? So viel Glück schon morgen?

TOMMASO
Das Glück kommt nie zu schnell!
Nun ist es da, nun halt es fest.

SEBASTIANO
Es bleibt dabei: ich warte in der Mühle
und führ dein Weib dir zu.

PEDRO
Ich komme!

TOMMASO
Gott segne deinen Weg!

Sebastiano und Tommaso gehen ab.

VIERTE SZENE

PEDRO
Hast du’s gehört? Ich krieg ein Weib,
der Himmel schenkt es mir. Ich geh ins Tal.

NANDO
Ins Tiefland gehst du?
Dort sind die Häuser dumpf, die Berge weit,
die Menschen wohnen eng beisammen.
Die Sonne selbst ist trüb, und grau ist alles.
Dort gibt’s Zank und Streit und Hader alle Tage.
Ins Tiefland gehst du?

PEDRO
Meinem Glücke nach!
Nimm dich der Herde an, bis unser Herr
statt meiner einen neuen Hirten schickt
Ich grüß noch einmal meine Berge.
Ich kenn euch alle, kenne jeden Gipfel,
kenn jeden Schlund und jede grüne Wiese.
Hier war ich frei in deinem Strahle, o Sonne,
nun leuchte mir auf meinem Weg zum Glück.
Er geht den Weg hinab.
Nimm dich der Herde an, sei wachsam,
Nando, nimm vor dem Wolf dich in acht!
Hei, wie sie kommen und sich um mich drängen!
Lebt wohl, gewiss, ich will im Tal,
im Tiefland eurer nicht vergessen!
Auch deiner nicht, mein braver Hund.
Lebt wohl, vergesst auch meiner nicht!
Er verschwindet ganz. Seine Stimme klingt von unten, sich immer weiter entfernend.
Die Sonne leuchtet meinem Weg ins Tal,
ins Tiefland geh ich!


ZWISCHENSPIEL


ERSTER AUFZUG

ERSTE SZENE
Das Innere der Mühle. Links eine Tür, zu der zwei Treppen führen und die durch einen Vorhang verdeckt ist. Rechts eine kleine Tür. Im Hintergrund das sehr große Eingangstor, durch das im Hintergrund der Gletscher erkennbar ist. Kurz vor Sonnenuntergang.
Moruccio ist damit beschäftigt, Korn zu sieben. Pepa, Antonia und Rosalia stürmen herein.

PEPA
Sag uns doch, ist es wahr?

ANTONIA
Ist es wirklich wahr?

ROSALIA
Rede! Sprich! Gib Antwort!

PEPA
Also rasch, erzähle! Macht die Marta wirklich Hochzeit?

Moruccio leert unterdessen gleichmütig sein Sieb und füllt es dann wieder mit frischem Korn.

MORUCCIO
An der offenen Kirchentüre wartet schon die Braut!

PEPA
Ha, dich ärgert’s! Kann mir’s denken,
dass die Marta dich nicht nimmt.
Müller wärst du gern geworden
Seit der alte Müller starb, ist nun bald ein Jahr vorbei,
aber Marta nimmt dich nicht.

ANTONIA, ROSALIA
Nimmt dich nicht.

PEPA
Bist zu alt, zu hässlich, bist ein Brummbär!

ANTONIA
Plump und mürrisch!

ROSALIA
schmeichlerisch
Wenn wir aber recht sehr bitten,
wirst du endlich doch erzählen .

MORUCCIO
wie vorher
An der offenen Kirchentüre wartet schon die Braut!

ANTONIA
Du bist es, der wartet.

PEPA
Wo ist Marta?

ROSALIA
Ja, wo ist sie?

ANTONIA
Ist sie in der Mühle?

Moruccio zuckt die Achseln.

PEPA
Lasst ihn laufen, diesen Starrkopf!

ZWEITE SZENE

Nuri tritt ein. Sie strickt an einer Jacke.

NURI
Da bin ich!
Alle Hühner hab ich in den Stall gebracht.
Und sie schlafen schon.
Darf ich herein?

ANTONIA
Komm nur, komm!

NURI
Und ihr werdet mich nicht schelten, wie ihr’s immer tut,
wenn ich Marta besuche.
Mich hat sie lieb, lieber als euch.

PEPA
Weißt du was?

ANTONIA
Neuigkeiten?

ROSALIA
Rede! Sprich! Erzähle!

NURI
Was denn soll ich euch erzählen?

PEPA
Warst du bei Tommaso?

NURI
Bei Tommaso war ich. Und er hat mir viel erzählt.
Ach so vieles und so schönes!

PEPA, ANTONIA, ROSALIA
Was denn? Was denn? Was?

NURI
Er sagte zu mir:
‚Schau, mein Kind, alles was du siehst hier,
so weit dein Auge reicht,
alles das gehört dem Herrn,
unserm Herrn Sebastiano.
Das Häuschen wo ihr wohnt,
die Mühle dort am Fluss,
mein Hüttchen, das am Berge klebt,
und das Gehöft mit Turm und hohem Dach,
das unser Herr bewohnt,
das alles, alles, hoch hinauf den Berg
und tief hinab ins Tal,
alles das gehört dem Herrn,
unserm Herrn Sebastiano.‘

PEPA
Alles das wissen wir.

NURI
Ich aber, ich wusst es nicht,
und Tommaso, der vom Berge kam,
und der nie es gesehn, der weiß das alles.

PEPA
Und wo ist Tommaso jetzt?

NURI
In die Berge ging er mit dem Herrn.
Hoch hinauf, wo schon die Gletscher
an die letzten Wiesen grenzen.
Einen Hirten bringt er her,
und der Hirte, denkt nur, denkt,
der soll kommen, heut abend noch
und Hochzeit machen mit der Marta.

PEPA, ANTONIA, ROSALIA
Gott sei Dank, jetzt wissen wir’s!

MORUCCIO
der alles gehört hat
Hol der Teufel diese Hexen,
haben sie es doch erfahren!

ANTONIA
Heute abend? Wer befahl’s?

NURI
Wer’s befahl? Ei unser Herr.
Er befiehlt und es geschieht.
So befahl er auch die Hochzeit
der Marta und dem Hirten.
Lang schon wusst ich,
dass sie unserm Herrn gehöre,
nur verstand ich’s damals nicht.

ANTONIA
Was sagst du da?

NURI
Ich sag, was ich einmal hörte.

PEPA
Warum hast du’s uns verschwiegen?

NURI
Weil ich mich schämte. Weiß selber nicht warum.

PEPA, ANTONIA, ROSALIA
So erzähle! Rede! Sprich!

NURI
An einem Abend war’s,
der Mond ging auf hinterm Weidenbusch
und ich lag am Wiesenrand.
Seht, da kam am Fluss entlang
Marta mit dem Herrn.
Und ich hörte Marta weinen,
und ich hörte, wie sie sagte:
‚Ja, ich weiß, ich weiß es gut, dass ich dein bin.
Nie komm ich von dir mehr los!‘
Ach, sie schluchzte, dass ich kaum
recht verstand, was sie sagte.
Darauf sprach der Herr:
‚Und wenn du einen andern nimmst zum Manne,
und nehm ich mir ein and’res Weib,
so bleib ich dein doch immer, immer Dein.‘
So hört ich’s mit meinen Ohren.
Marta weinte und der Herr sprach leise weiter.
Aber sagt mir nur, was soll das heißen?
Wie kann unser Herr der Marta sagen,
dass er ihr gehöre?
Dass sie sein ist, das versteh ich,
ihm gehören wir ja alle.
Doch was wollt er damit sagen,
‚Ich bleibe dein, doch immer dein!‘

PEPA
Was kümmert’s dich, was er auch sagen wollte?

MORUCCIO
Schweigt still, ihr Weiber, Marta kommt!

DRITTE SZENE
Marta tritt mit gesenktem Kopf durch die rechte Tür auf. Sie bemerkt die Frauen nicht.
Sobald Marta ihrer ansichtig wird, eilt sie schnell durch die verhangene Tür ab.

NURI
Oh, sie ist fort!

PEPA
Marta, Marta, hörst du nicht? Aber wart nur, warte!
Dir zum Trotze kommen wir auf deine Hochzeit!

ROSALIA
Ist es möglich, dass sie’s wagt, so in die Eh‘ zu treten?
In die heilige Ehe?

PEPA
Und wir werden alle kommen als ein lustig Brautgeleit!
Hahaha! Lustig, lustig soll es werden!

ANTONIA
Und wir werden alle kommen als ein lustig Brautgeleit!
Hahaha!

ROSALIA
Hahaha!

Alle drei lachen.

MARTA
weinend und gereizt
Geht alle fort! Ich will niemanden sehen.

PEPA
Aber Herzchen, süßer Liebling, sag uns doch, warum?

ANTONIA
Da wir nun schon alles wissen.

MARTA
Fortgehen sollt ihr, hört ihr, fort!

ROSALIA
Wir sind nur gekommen, Liebling …

MARTA
Geht nach Hause, packt euch, schnell!
Die Frauen rühren sich nicht. Marta faßt die Armkörbe, die die Weiber niedergesetzt hatten, und wirft sie zum Tor hinaus.
Hinaus damit und hinaus mit euch!!

PEPA
Heil’ge Jungfrau, hilf uns doch!

Die drei Frauen ab.

NURI
Und ich, soll ich auch gehen, Marta? Ich bin ja die Nuri!

MARTA
Du bist es, Nuri, mein Kind? Komm, küsse mich!

NURI
Aber deine Wangen sind ja nass!

MARTA
Lass nur!

NURI
Sei doch lustig.

MARTA
Könnt ich doch lustig sein, wie ich einmal war als Kind!
Niemals werd ich wieder froh! Niemals werd ich wieder lachen!

NURI
Aber Hochzeit machst du ja?

MARTA
Hochzeit mach ich … ja, so ist es.
Warum blieb ich nicht bei meinem Nein?
Ist nicht Wahnsinn, ein Verbrechen, diese Heirat?
O wie unglücklich bin ich!
Niemand hilft mir, niemand steht mir bei.

NURI
Mich hast du ja, Marta. Ich bin bei dir.

MARTA
ohne sie gehört zu haben
Niernand steht mir bei in meiner Not!
Diesen Pedro, wie hass ich ihn!
Er, mein Mann? Nein, nahn soll er mir nicht!
Ruhe will ich! Nichts als Ruhe will ich!
Man hört draußen Lärmen.
Geh, mein Kind, das ist Sebastiano.
Er soll mich nicht weinen sehn,
sonst schlägt mich der Herr.

NURI
Das soll er nicht!

MARTA
Willst du ihn hindern?
Wüsst ich ganz genau, dass er mich totschlägt,
würd ich weinen, weinen, bis …

NURI
Ich versteh dich nicht! Wer darf dir was zu Leide tun?

MARTA
sie hinausdrängend
Geh, mein Schatz, und frage nicht.

Nuri geht ab.

VIERTE SZENE

MARTA
Sein bin ich, sein!
Sein Eigentum! Jetzt und immer!
Hätt er mich doch fortgejagt!
Aber ich komm nicht los von ihm.
Niemals werd ich frei!
Heil’ge Jungfrau, schmerzensreiche!
Warum straft mich Gott so hart?
War ich sündig? War ich schlecht?
Sein bin ich, sein! Sein Eigentum!
Heil’ge Jungfrau, Mutter Gottes,
hilf mir, wenn du helfen kannst!
Lärm von draußen
Kommen sie schon mich zu holen?
Kommt der Tölpel schon, den Gott verdamme?
Ich will ihn nicht sehen!

Sie geht in ihr Zimmer.

FÜNFTE SZENE

BAUERN, BÄUERINNEN
draußen, vor dem Tor Pedro erwartend
Er kommt!

NURI
Wo kommt er? Wo?

PEPA, ANTONIA, ROSALIA
Den Berg herab, seht ihr ihn nicht?

BAUERN, BÄUERINNEN
Der Bräutigam!

MORUCCIO
zieht Tommaso herein
He, Tommaso, auf ein Wort!

TOMMASO
Was gibt’s, mein Freund?

MORUCCIO
Seid Ihr das erste Mal in unsrer Gegend?

TOMMASO
Das erste Mal, mein Sohn.
Hoch oben wohn ich auf des Berges Hang,
in dieses Tal kam ich noch nie.

MORUCCIO
Doch Sebastiano, unsern Herrn, kennt Ihr den?

TOMMASO
Ein wack’rer Herr, ein edler Herr, Gott segne ihn.

MORUCCIO
Ihr wisst also nichts?

TOMMASO
Wovon denn? Sprich!

MORUCCIO
Die Frage bleibt nur offen,
ob der Pedro solch ein Dummkopf ist
oder bloß ein schlechter Kerl.

TOMMASO
Was soll das heißen? Ah, ich verstehe dich! …
Die Marta ist dir wohl entwischt?
Du hattest wohl gehofft?

MORUCCIO
Dass Gott mich behüte!

TOMMASO
Erkläre mir doch!

MORUCCIO
Das ist bald getan.
Mit ihrem Vater kam sie einmal bettelnd her.
Der Teufel weiß es, ob es ihr Vater war.
Ein schönes Kind, das muss ich sagen.
Das sagte auch der gnäd’ge Herr, Herr Sebastiano.
Die Mühle gab er hier dem alten Vagabunden,
dem schönen Kind zuliebe.
Und der und Marta … das weitre malt euch selber aus.

TOMMASO
Das ist erlogen! Muss erlogen sein!

MORUCCIO
Hört mich zu Ende an. Erfahren müsst Ihr auch,
warum er einen Mann für sie jetzt braucht!
Es geht ihm schlecht, dem Herrn Sebastiano,
der große Herr hat Schulden.
Er kann nicht aus noch ein. Die Pfändung droht.
In alle Winde fliegt das Gut, wenn er nicht Hilfe schafft.
Die Hilfe bringt ihm denn ein reiches Mädchen.
Die aber kriegt er nicht, so lang er nicht
die bösen Zungen hier zum Schweigen bringt.
Die Sach‘ mit Marta muss ein Ende haben.
So will’s die Welt.
Und darum, Ihr versteht,
wird Marta dieses Dummkopfs Frau.

TOMMASO
Das ist erlogen.

MORUCCIO
Sucht einen hier im Tale, der es nicht weiß.

TOMMASO
Ich sage dir …

MORUCCIO
Seid Ihr ein Ehrenmann, müsst Ihr wie ich die drei verachten.

TOMMASO
Niedertrcht’ger Lump!

MORUCCIO
So seid Ihr also kein Ehrenmann!

Als beide mit ihren Stücken aufeinander losgehen wollen, hört man draußen das Geräusch der Menge und sie halten ein.

SECHSTE SZENE
Pedro, Moruccio, Nuri, Antonia, Rosalia, Pepa, Männer und Frauen, Lärm und Gedränge.
Die Dämmerung geht allmählich in Nacht über.

PEPA
Da ist er, seht nur!

ROSALIA
Pedro kommt!

ANTONIA
Der Bräutigam!

BAUERN, BAUERINNEN
Der Bräutigam! Er lebe hoch!

PEDRO
Ja, ich bin da! Wie ein Gemsbock schnell
sprang ich herunter vom Berg ins Tal.
Da bin ich! Aber wo ist sie?
Wo ist mein Schätzchen, meine Braut?

PEPA
Marta!

ANTONIA
Komm doch heraus! Dein Bräutigam ist da!

PEDRO
O du mein Herrgott! Hier gibt’s Menschen!
Und alle Menschen sind hier lustig,
man könnt fast glauben, wir heiraten alle!
Kennt ihr die Marta? Nicht wahr, die ist schön?
Ei sapperlot!

PEPA
Schön und frisch!

ANTONIA
Wie eine Rosenknospe!

PEPA
Ich wünsche dir viel Glück!

ROSALIA
Ich wünsche dir viel Glück!

BÄUERINNEN
Wir wünschen dir viel Glück!

PEDRO
Ich dank euch sehr. Ich glaub mir’s selber kaum,
dass solches Glück mir winkt.
Denkt euch nur: Marta wird mein Weib!
Die ganze Welt tanzt wie in Feuerkreisen vor meinen Augen.
Das Glück zersprengt mir noch die Brust.
Marta ist mein, wird heute noch mein Weib.

TOMMASO
zu Moruccio
Wie konntest du glauben, dass Sebastiano …

MORUCCIO
Wenn du neugierig bist, so frag ihn doch,
den Herrn Sebastiano.
Schau, da kommt er selbst.

NURI
Der gnädige Herr kommt! Der Herr von uns allen!

SIEBENTE SZENE
Sebastiano tritt ein.

SEBASTIANO
Ist Pedro noch nicht da?

PEDRO
Da bin ich, Herr, da bin ich schon!
Lasst mich Euch die Hände küssen.

SEBASTIANO
Lass sein! Und wo ist Marta?

PEPA
In der Kammer ist sie.

SEBASTIANO
So geh und hole sie.
Pepa geht ab.
zu Pedro

Bereit ist alles schon! Der Pfarrer ist bestellt,
in einer Stunde seid ihr Mann und Weib
Ein Segensspruch, und alles ist vorüber.

PEDRO
Wie soll ich, Herr, für Eure Güte danken?

PEPA
kommt aus der Kammer zurück
Sie wird bald kommen, lässt die Marta sagen.

SEBASTIANO
Was soll das heißen? Bald wird sie kommen?
Sie muss sofort zur Stelle sein, wenn ich sie rufe.
Er geht bis an den Fuß der Treppe und ruft hinauf.
Marta!

TOMMASO
Ich muss Euch sprechen, Herr,
es liegt mir auf dem Herzen wie Zentnerlast.

SEBASTIANO
Was kümmert’s mich, was dir am Herzen liegt.
Ein andermal.

TOMMASO
Es geht ums Seelenheil! Gleich muss es sein.

Marta erscheint auf der Treppe.

SEBASTIANO
Ah, endlich!
unwillig zu Tommaso
Später, später,

MARTA
Da bin ich, Herr, wie Ihr befahlt!
leise zu Sebastiano
Erlasst es mir! Um aller Heiligen Willen,
habt Mitleid mit mir Armen!

SEBASTIANO
laut
Du bist nicht lustig, Marta! Schau dir den Pedro an,
der weiß sein Glück zu schätzen!

NURI
Die arme Marta weint

ROSALIA
Sie weint, das arme Kind!

PEPA, ANTONIA, ROSALIA
Sie weint, das arme Kind!

MARTA
sich rasch die Tränen abwischend
Wer sagt das? Wer? Wer sah mich weinen?
Der Herr befiehlt, und ich bin lustig!
Seht, ich lache!
Sie lacht.

PEDRO
So soll es sein! Nichts Lust’geres auf Erden als eine Hochzeit!
Was, ihr Leute? Wie alles sich mit unserm Glücke freut!
Du aber hast mir noch kein Wort gesagt,
kein einzig Wort! Sag mir doch was!

MARTA
Wir wollen gehen!

SEBASTIANO
auf Pedros Gewand zeigend
So geht man nicht zur Kirche!
Zerlumpt, zerrissen und in Fetzen.
Ich hab ein Gewand für dich besorgt.
Du musst dich schön herausstaffieren!
Ein feiner junger Herr, ein Stutzer musst du sein.
So schickt es sich für einen Bräutigam.

PEPA, ANTONIA, ROSALIA, BAUERN, BÄUERINNEN
Ein feiner junger Herr! Ein Stutzer gar!

PEDRO
Ein Stutzer, was ist das?

ANTONIA
Ein Stutzer ist ein Geck!

ROSALIA
Ein Stutzer ist ein Geck!

BÄUERINNEN
Ein Stutzer ist ein Geck!

PEDRO
Was ist ein Geck?

BAUERN, BÄUERINNEN
Hahaha!

PEDRO
Lacht ihr Über mich? Ich rat es keinem!
Mit diesen Fäusten hau ich jeden nieder, der es wagt.
Was ist ein Geck? Gib Antwort!

Die Bäuerinnen schreien auf.

MARTA
Die feigen Lümmel! Von diesem Tölpel lassen sie sich prügeln.

SEBASTIANO
Pedro!

PEDRO
beruhigt sich plötzlich; das Durcheinander hört auf
Jetzt wär ich bald in Wut geraten.

SEBASTIANO
Zieh dir dein neues Gewand an und mach dich fertig.
Ich seh den Pfarrer kommen.

PEDRO
Kommt alle mit, helft mir mich schmücken.
Wir wollen lachen und lustig sein.
Heut ist ja mein Ehrentag, mein Freudentag.
Freut euch mit mir!

Die Bauern mit Pedro ab.

PEPA
zu den Bäuerinnen
Zum Fenster kommt, wir schauen zu.

BÄUERINNEN
Wir schauen zu.
Die Bäuerinnen ab.

TOMMASO
zu Sebastiano
Ich muss Euch sprechen, Herr. Es geht ums Leben!

SEBASTIANO
ungeduldig
Wenn’s gar so dringend ist, erwart mich draußen.
Ich komme gleich.

TOMMASO
Ich werde warten, Herr.
Er geht ab.

ACHTE SZENE
Marta hat während der ganzen Szene teilnahmslos auf einem Mühlstein im Hintergrund gesessen. Nun betrachtet Sebastiano sie einen Augenblick schweigend.

SEBASTIANO
Marta!

MARTA
Tu mit mir, was du willst, nur eines nicht,
gib mich nicht diesem Menschen!

SEBASTIANO
höhnisch
Ein andrer wäre dir wohl lieber!
Ein höfliches, zierliches Herrchen,
das schmachtende Lieder singt und die Augen verdreht.
Und mich wärst du gerne los. Hab ich’s erraten?
Vergessen hast du längst, was ich dir Gutes getan.
Das ist der Dank für meine Liebe!
Er will sie küssen, sie wendet sich unwillig ab.
Du kennst mich schlecht. Das lass ich mir nicht bieten!
Mein bist du, mein bleibst du!
Keinen andern Willen hast du als den meinen.
Komm her! Komm her, sag ich dir!
Er macht eine drohende Gebärde.
Sag mir einmal, graut dir vor diesem Pedro?

MARTA
Ich kann’s nicht schildern, wie’s mir graut.

SEBASTIANO
So ist es recht, so will ich es haben.
So geht alles nach meinem Wunsche.
Würd ich die Heirat dulden,
glaubst du, wenn er dir gefiele?

MARTA
Oh, dass es einen Menschen gibt,
der weiß, wer ich bin und mich doch nimmt!
Gekauft hast du ihn, den Elenden. Schmach über ihn!
zusammensinkend
Schmach über mich!

SEBASTIANO
Die Liebe gleicht alles wieder aus.
Die Liebe zu mir! Verstehst du wohl?

MARTA
Lass mich, ich hab Angst vor dir!

SEBASTIANO
Du weißt es, Marta, du weißt es gut,
dass ich nichts lieb auf dieser Welt als dich.
Niemals lass ich dich.
Und wenn ich dich jetzt einem andern gebe,
so tu ich das, weil ich’s tun muss!
Meine Liebe, mein Glück, das nennt die Welt ein Ärgernis!
Der Welt zur Liebe geb ich dich dem Pedro,
und alles bleibt beim alten.
Ich lass dich nicht, ich werd dich niemals lassen!
Ich liebe dich und werd dich immer lieben!
Ich brauche dich, kann ohne dich nicht leben.
Ich halte dich und nie entkommst du mir.

MARTA
Ich fürchte mich vor dir!

SEBASTIANO
Nicht fürchten sollst du mich. Du sollst mich lieben!

MARTA
ihn abwehrend
Sebastiano!

SEBASTIANO
Du kennst mich nicht! Gib acht, du kennst mich nicht!
Ich dulde keinen Widerstand, ich hab ihn nie geduldet.
Zur Kirche wirst du gehn?

MARTA
gesprochen
Ja.

SEBASTIANO
Und du wirst Pedros Weib?

MARTA
gesprochen
Ja.

SEBASTIANO
Und bleibst mein Lieb?

MARTA
Nein, nein!
Lachen von draußen
Hör, sie kommen schon, sie kommen schon mich holen!

SEBASTIANO
So ist es recht, das tut mir wohl, von ihm fliehst du zu mir.

NEUNTE SZENE
Pedro, Rosalia, Antonia, Pepa, Nuri, Bauern und Bäuerinnen treten auf.

BAUERN
Er will kein Stutzer sein.

BÄUERINNEN
Von schönem Kleid will er nichts wissen.

PEDRO
Ich lass nicht einen Narren aus mir machen.
Gebt, wem ihr wollt, den bunten Trödel, mir nicht.
Die alte Jacke hier, die ist mir lieber!

SEBASTIANO
Mir ist es recht. Du wirst getraut so wie du bist.
Marta, nimm die Mantille.

MARTA
Ja, ja, ich bin bereit.
leise zu Sebastiano
Und zwischen uns ist alles aus.

SEBASTIANO
leise zu Marta
Glaubst du? Ich glaub es nicht.
Heut nacht noch komm ich zu dir.
Siehst du in deiner Kammer Licht,
so weißt du, ich bin es.

NURI
Hier hast du die Mantille.

Tommaso tritt durchs Tor ein.

MARTA
Und du bist es, mein liebes Kind,
die mir die Mantille bringt!

NURI
Nicht wahr, Marta, du bist mir gut und bleibst mir gut.

MARTA
Ja, mein Kind …
zu Sebastiano
Schau her, ein unschuldiges Kind
wie Nuri war auch ich einmal.
So kam ich her in diese Mühle.

SEBASTIANO
zuckt die Achseln
Vorwärts, zur Kapelle!

Draußen vor dem Tor beginnt sich der Zug zu formieren. Marta geht, auf Nuri gestützt,
dem Ausgang zu, wo Pedro sie erwartet. Bauern und Bäuerinnen drängen nach.

BAUERN, BÄUERINNEN
Vorwärts, zur Kapelle!

TOMMASO
zu Sebastiano
Ich muss reden mit Euch. Sie dürfen nicht heiraten,
eh Ihr mir nicht Antwort gegeben.

SEBASTIANO
Was wollt Ihr, Alter, denn von mir?

PEDRO
im Hintergrund sich Bahn schaffend
Ohe, fort mit euch!

SEBASTIANO
zu den Abgehenden
Geht nur, geht, ich komme nach.

PEDRO
Hü, meine Herde, macht Platz.
Ich will neben meiner Marta gehn!
Vorwärts, hü!

Alle gehen unter Lachen und Johlen in Unordnung ab.

ZEHNTE SZENE

SEBASTIANO
zu Moruccio, der zurückgeblieben ist
Was suchst du noch, Moruccio?
Kannst du nicht auch zur Hochzeit gehn?

MORUCCIO
Zu dieser Hochzeit geh ich nicht.

SEBASTIANO
Warum denn nicht? Lass hören.

MORUCCIO
Ich will nicht, das muss Euch genügen.

SEBASTIANO
So muss es dir genügen, wenn ich sage:
Pack dein Bündel, und mach fort!

MORUCCIO
Das tu ich gern.

Er geht nach hinten, wo er seine Sachen zusammenpackt.

SEBASTIANO
zu Tommaso
Und was willst du?

TOMMASO
So sonderbares ward mir erzählt von Euch und Marta,
und ich kann’s nicht glauben.
Es wäre ja Betrug am armen Pedro,
der keine Ahnung hat von all den Dingen.

SEBASTIANO
Was kümmerst du dich, Alter, um solche Reden?
Die Leute schwatzen. Lass sie schwatzen.
Kein Wort von alledem ist wahr.

TOMMASO
gegen Moruccio die Faust ballend
Ich dacht mir’s gleich, Verleumder du, du Schuft, du Lügner!

SEBASTIANO
Der also war’s? Mach fort, sag ich.
Hinaus mit dir, sonst gibt es Prügel!
Ich jage dich wie einen Hund aus dieser Mühle.

MORUCCIO
mustert Sebastiano von oben bis unten
Mich? Ich möcht doch sehn, ob Ihr euch traut!

TOMMASO
Mit deinem Herrn wagst du so zu reden?

MORUCCIO
Mein Herr? Er ist’s nicht mehr.
Ich wollt, er wär es nie gewesen.

SEBASTIANO
Hinaus!

MORUCCIO
Ich gehe schon! Doch eh ich gehe,
will ich dir vor Tommaso noch die Wahrheit sagen,
damit er wisse, wer von beiden hier der Lügner ist.
Der Schuft seid Ihr! Glaubt Ihr, ich sah es nicht,
wenn Ihr zur Marta in die Kammer schlicht
Glaubt Ihr, ich wüsst nicht warum Ihr die Marta zwingt,
dass sie jetzt den Dummkopf nimmt?
Die Wahrheit sage ich.
Hier heb ich die Hand und schwör’s
bei meiner armen Mutter Seele,
dass ich die Wahrheit rede.
Auch Eure Mutter liegt im Grab,
so schwört gleich mir, wenn Ihr es wagt.

SEBASTIANO
Hör nicht auf ihn!

TOMMASO
Heilige Jungfrau, hilf!
Nun ist mir’s klar, es darf nicht sein.
Ich laufe zur Kapelle und ich sag: Nein!
In diesem Augenblick hört man die Glocken in der Kapelle läuten.
Die Glocken läuten, ach, es ist zu spät!
Was habt Ihr getan! Weh über Euch!

SEBASTIANO
Geschehen ist geschehen.
Beruhige dich und gute Nacht!
Er geht ab.

TOMMASO
O welche Schmach und Schande!
Ich kann sie nicht sehen!
Ich kann nicht, will nicht. Fort!

Tommaso und Moruccio ab
Der Mond geht auf. Man hört von ferne den sich nähernden Festzug. Marta kommt.

ELFTE SZENE
Pedro bleibt auf der Schwelle des Tores stehen und winkt den Vorübergehenden nach.

PEDRO
Das Fest ist vorbei. Nun Bursche,
geht nach Haus! Lebt wohl!
Ein jedes Schaf in seinen Stall!
Gut Nacht! Der Himmel sei mit euch.
Er schließt das Tor und kommt nach vorne.
Marta sitzt mit gesenktem Kopf beim Tisch.

Das Tor ist zu. Wir sind allein.
So rede doch, sag ein Wort! Marta, mein Lieb!
Ach, ich weiss ein bessres Kosewort:
Marta, mein Weib!

MARTA
Was willst du? Lass mich in Frieden!

PEDRO
Was ist dir denn? Komm her, setz dich zu mir.
Er setzt sich auf die Erde und lacht.
Da sitzt sich’s am besten.
Er sucht aus seinen Taschen Geld zusammen. Dann holt er aus seiner Brusttasche ein kleines Tüchlein, in dem sich Silberstücke befinden. Für sich.
Das soll eine Überraschung für sie werden!
Das Häufchen wiegt was!
Er nähert sich Marta leise; als er sich hinter ihr befindet, berührt er mit einem Finger ihren Kopf.
Kuckuck!

MARTA
fährt zusammen
Was treibst du? Machst du immer solche Scherze?

PEDRO
Sei mir nicht bös! Willst du mir die Hand nicht geben?
Marta, deine Hand!
Er bietet ihr das Geld.

MARTA
Sie beachtet seine Hand gar nicht und geht zur anderen Seite.
Lass deine Scherze!
Ich bin nicht aufgelegt zum Lachen,
es ist spät, geh schlafen, Pedro.

PEDRO
Du Trotzkopf, wart! Wie mach ich’s nur?
Er breitet das Tuch auf der Erde aus.
Schau her, das ist ein Taler.
Der erste, den ich mir verdiente.
Mein Blut klebt dran. Haha! Der Herr,
Herr Sebastiano, der gnäd’ge Herr gab mir den Taler.
Gott segne ihn, den guten Herrn.
So nimm den Taler doch!
Hab keine Angst! ’s ist gut verdientes Geld.

MARTA
weist seine Hand zurück, diesmal aber ohne Widerwillen
Nein, nein, ich mag nicht.

PEDRO
Du meinst wohl gar, ich hab ihn leicht verdient?
Mein Leben gab ich drum, ja, ja, mein Leben!
Es kam in jeder Nacht ein Wolf in unsern Stall
und holt sich ein Bücklein. Den besten Hund zerriss er.
Zum Rasendwerden war es!
Ich war verzweifelt, war ganz krank vor Ärger,
und ich sagte mir: den Wolf erleg ich,
und kostet’s mein Leben!
So leg ich mich denn nachts ins Felsgestein
auf die Lauer und wart auf ihn.
Der graue Dieb, der schlimme Wolf,
er sollt mir nicht entkommen.
Marta beginnt aufmerksam zu werden.
So lag ich da, ganz Aug und Ohr,
versteckt in meinem Winkel.
Die Zeit verstrich, und über mir,
da wanderten die Sterne.
Vom Schneefeld über mir
hört ich das Wasser tropfen.
Dann war es wieder still, ganz still.
Auf einmal rauscht es leis im Gras
und über mir in einem Satz da fliegt’s hinweg.
Ein heisser Atem streifte meinen Hals.
Das war der Wolf.
Der Hund schlägt an, die Schafe blöken
Ich spring auf und zieh mein Messer.
Und wie ich so im Wege stehe,
da kommt auch schon mein Wolf vorbei.
Der graue Dieb, der schlimme Wolf,
ein blutend Lamm im Maul.
Schnell spring ich ihn an und stoß ihm
mit Macht das Messer ins Herz.
Was dann geschah, ich weiß es nicht genau.
Umklammert hielt ich ihn, so wie er mich.
Er heulte und ich schrie, ich biss ihn und ich fühlte,
wie seine Zähne sich ins Fleisch mir gruben.
Umschlungen rollen wir den Berg hinab,
verbissen ineinander, zwei wütende Bestien,
die wild um ihr Leben kämpfen.
So stürzen wir hinunter in den Gießbach.
Man bracht mich heim in meine Hütte,
verband mir meine Wunden,
schlimm sah ich aus, und Wochen lag ich auf dem Stroh.
Und eines Tages, ich konnt schon in der Sonne sitzen,
da kommt der gnäd’ge Herr herauf zu mir
und schenkt mir diesen Taler.
Und wie ich ihm dafür die Hand will küssen,
schießt aus der schlecht vernarbten Wunde
mein Blut hervor und färbt den Taler rot.
Das war ein hart verdientes Geld, nicht wahr?

MARTA
bewegt
Es ist schon spät. Zur Ruhe müssen wir.

PEDRO
So nimm das Geld, ich schenk es dir.

MARTA
Nein, nein, ich nehm es nicht.
Und nun gut Nacht! Dort hast du deine Kammer, geh.

PEDRO
In meine Kammer? Nun scherzest wohl du?
Denn unsre Kammer, die ist dort.
Er zeigt nach links.

MARTA
Ich scherze nicht, lass mich allein.

PEDRO
Du willst – dass ich – ist das dein Ernst?

MARTA
Zum Reden zwing mich nicht, sonst müsst ich sagen,
was zentnerschwer mein Herz belastet.
Ich will nicht reden, sonst müsst ich dir sagen,
was du an mir getan, du weißt es ja:
Schlecht warst du und schamlos!

PEDRO
verblüfft
Das sagst du mir? Was hab ich dir getan?
Mit welchem Rechte sprichst du so zu mir?
Was soll ich wissen?

MARTA
voller Scham
Was man dir sagte.

PEDRO
Gesagt? Man hat mir nichts gesagt.

MARTA
Soll ich zu meiner Schande es noch wiederholen?
Du musst es wissen, du musstest wissen, was du tatst,
als du zu deiner Frau mich nahmst.

PEDRO
Was ich tat? Ei ja, das weiß ich wohl.
Mein Glück nahm ich in beide Hände.
Ich will es halten, will es pflegen, ein ganzes Leben lang.
Auf Erden lieb ich nichts als dich allein.
Und eine Sorge hab ich nur:
Dir Glück zu bringen, dir Glück zu schaffen.

In diesem Augenblick erscheint ein Licht hinter dem Vorhang, mit dem Martas Tür verhängt ist.

MARTA
entsetzt
Mutter Gottes, steh mir bei! Er wagt es zu kommen.

PEDRO
überrascht
Ein Licht? In deinem Zimmer Licht? Wir sind nicht allein.

MARTA
will ihren Schreck verbergen
Niemand ist hier.

PEDRO
sucht in seiner Brusttasche nach dem Messer und geht auf die Türe zu
Und ich sage dir, ich irre mich nicht.

MARTA
hält ihn auf
Niemand ist da. Das Licht in meinem Zimmer,
ich hab es selbst entzündet.

PEDRO
Das kann nicht sein. Es war nicht dort,
als wir zur Mühle kamen.
Das Licht verschwindet.
Nun ward es ausgelöscht.

MARTA
Du träumst, du bist geblendet.

PEDRO
Hast du nicht selbst gesagt, dass früher ein Licht
in deinem Zimmer war? Nun ist es fort.

MARTA
Du träumst, ich habe nichts gesehn.

PEDRO
Du sahst kein Licht?

MARTA
Nein, sag ich dir, du hast geträumt.
Es war kein Licht in meinem Zimmer.

PEDRO
Geträumt hab ich?

MARTA
für sich
Er wagt es auch heute.

PEDRO
verwirrt, im Selbstgespräch
Ich hab kein Licht gesehn? Ich hab geträumt?

MARTA
setzt sich auf einen Stuhl
Ich werde hier die Nacht verbringen.
Ich hab dir schon gesagt, geh schlafen.

PEDRO
Ich weiß schon, ich dort drüben?
Und du? Aber ich geh noch nicht.
Er setzt sich auf die Erde und streckt sich langsam aus.

MARTA
für sich
In meinem Kopf ist’s wirr und wüst …
herzlos war er immer und grausam.
Doch nie hätt ich gedacht,
dass er so schlecht sein könnte.
Und dieser arme Kerl, er glaubt,
ich seh ihn nicht und achte seiner nicht.

PEDRO
traurig, fast weinend, aber resigniert
Was soll ich tun? Ich weiß es nicht.
Geduld! Geduld
Ich denk mir, ich schlafe dort oben am Felsen.
In deiner Nähe will ich sein.
Er kriecht verstohlen in Martas Nähe.
Jetzt bet ich ein Vaterunser für meine guten Eltern,
die da droben stehen vor Gott.
Das andre Vaterunser aber bet ich nicht,
denn eine Frau, die hab ich jetzt.
Der Himmel gab sie mir.

MARTA
O großer Gott im Himmel,
wie schrecklich ist dein Strafgericht.

PEDRO
im Halbschlaf
Ringsum ist Ruhe. Still ist alles.
Der Wolf kommt heute nicht. Heut nicht!


ZWEITER AUFZUG

ERSTE SZENE
Marta und Pedro sitzen in derselben Stellung wie am Ende des ersten Aufzugs. Morgendämmerung.

NURIS STIMME
hinter der Szene, näherkommend
Die Sterne gingen zur Ruh,
der Tag ist aufgewacht;
reibt sich die Augen aus und lacht.
Wer darf noch traurig sein
im hellen Sonnenschein?
Marta ist aufgewacht. Sie wirft einen Blick auf den noch immer schlafenden Pedro und verschwindet während Nuris Gesang in ihrem Zimmer.
Die Welt ist schön, die Welt ist weit,
die Sonne füllt sie mit Fröhlichkeit.
Ich möchte ihr küssen das goldne Gesicht,
doch küssen, nein, das lässt sie sich nicht.
Sie ist so weit, und ich bin so klein,
ich bin nur ein dummes Mägdelein.
Gott grüß dich, Pedro!

PEDRO
Marta!

NURI
Nicht Marta ist es! Ich bin’s bloß.

PEDRO
Und wo ist Marta?

NURI
Das fragst du mich? Bist du denn nicht der Ehemann?
Seit gestern abend bist du’s schon!

PEDRO
Seit gestern abend!

NURI
Ich stricke dir hier eine schöne Jacke.
Die deine ist grau und hässlich

PEDRO
Lass sein, mein Kind, ich werde sie nicht tragen.
Und eh sie fertig, ist, bin ich weit fort.

NURI
Fort willst du?

PEDRO
Von Marta will ich fort. Es macht mich toll!
Wie kam das Licht in jenes Zimmer!
Wer war’s? Ich will ihn töten! Ich geb nicht Ruh,
bis ich ihm nicht das Messer in die Gurgel stoße!

NURI
Was ist dir, Pedro?

PEDRO
Verzeih, mein Kind!

NURI
Tut dir was weh? Ich weiß ja, was dir wehe tut.
Ist Marta nicht lieb zu dir? Und lachen die Leute?

PEDRO
Die Leute lachen?

NURI
Sie sagen alle: ‚Ach, der arme Pedro!‘
Und lachen und kichern dabei. Warum denn bloß?

PEDRO
Warum? Warum? Sie wissen um mein Elend.
Nur ich, ich weiß nicht, wer es war
Warum, ach warum kam ich herab?
Herab von meinen Höhn, wo ich in Frieden lebte!

NURI
Du tust mir leid. Kann ich dir gar nicht helfen?
Ich hab dich lieb. Ich möcht dich fröhlich sehn.

PEDRO
Du gutes Kind!

Er fährt ihr durch die Haare.

ZWEITE SZENE
Marta tritt langsam aus der Kammer.

NURI
Da ist Marta. Nun will ich gehen.

PEDRO
O geh nicht, bleibe!

MARTA
für sich
Was hat er an dem Mädchen? Was schwätzt er nur mit ihr?
Gefällt sie ihm wohl gar?
Sie schürt das Feuer, über dem ein Topf hängt.
Dummes Feuer, willst du gar nicht brennen!
Wovon reden sie nur? Ich will nicht! Will nicht!

NURI
Was gibt’s denn neues?

MARTA
O, Nuri, weißt du, was es neues gibt?
Ich will dich nicht mehr sehen!
Geh fort aus diesem Haus!

NURI
Hörst du es, Pedro? Marta jagt mich fort. Ich wollt ihr helfen.

MARTA
Ich brauch dich nicht! Geh fort, sonst schlag ich dich!

NURI
Was hab ich denn getan?

MARTA
Ich will dich nicht mehr sehen!

NURI
Ich geh nur dann, wenn Pedro mir’s befiehlt,
er ist der Mann im Haus.

MARTA
So lass von Pedro dir es sagen.

PEDRO
Tu nur, was Marta dir befiehlt. Ich hab hier nichts zu reden.
Sei gut, mein Kind, und geh.

MARTA
Nein, bleibe jetzt, ich will nicht, dass du gehst.

NURI
Was soll ich tun?

PEDRO
Geh nur, mein Kind, ich werde dich begleiten.

MARTA
Das darfst du nicht! Du bleibst bei mir, weil du …

PEDRO
Weil ich?

MARTA
Ich weiß nicht, weiß es nicht.
Sie sinkt weinend auf einen Stuhl.

PEDRO
Meinst du vielleicht, dass Marta weint?
Fällt ihr nicht ein! Im Gegenteil, sie lacht.
Wir lachen beide ja seit gestern, seit unserm Hochzeitstag.
Er fährt Nuri, die er um die Hüfte fasst, fort.
So komm, mein liebes Kind, und folge mir.
Kehr nie zurück zu uns ins Haus.
Was willst du hier? Hier wohnt das Unglück, hier wohnen wir.

Er geht mit Nuri ab.

MARTA
Er soll mit ihr nicht sprechen! Er soll mit ihr nicht gehn!
Er ist ja mein! Und niemand soll mir Pedro rauben!

Wie sie auf die Tür zugeht, stößt sie mit Tommaso zusammen.

DRITTE SZENE

TOMMASO
Wo willst du hin?

MARTA
Ich weiß es nicht! Bei Gott, ich weiß es nicht!

TOMMASO
Ich sah, wie Pedro von hier fortging, verzweiflungsvoll.

MARTA
Verzweiflungsvoll!

TOMMASO
Man lacht ihn aus und er weiß nicht, warum.
Man spottet sein, und er kann keinen fassen.
Sie alle kennen seine Schande.
Nur er kennt ihren Namen nicht.
Er wird mich fragen: ‚Sag, Tommaso, wer ist’s?
Wie heißt der Mann? Ich schlag ihn tot!‘
Und ich, ich war der Fürsprech dieser Ehe.
Dich aber hass ich! Schlagen möcht ich dich!

MARTA
So tu’s!

TOMMASO
Nun weiß ich, was du bist. Du bist eine …

MARTA
Ihr dürft mich schlagen, doch beschimpfen nicht.
Sagt mir, Tommaso, hattet ihr kein Kind?

TOMMASO
Ich hatte eine Tochter. Der Himmel nahm sie mir.

MARTA
Denkt Eurer Tochter, eh Ihr mich verurteilt!
Würt Ihr vor ihr gestorben, wäre sie allein gestanden
in der bösen Welt, in Not, in Elend.
Wer hätt sie beschützt? O Gott im Himmel,
erbarme dich mein und nimm mich endlich zu dir!
Nur du kannst mich retten, nur du mich erlösen!
Sie sinkt weinend auf einen Stuhl.

TOMMASO
Du weinst? Das sind echte Tränen!

MARTA
Erfahren sollt Ihr, wie alles kam.
Ich lüge nicht, so wahr ich elend bin!
Wollt Ihr mich hören?

TOMMASO
So sprich!

MARTA
Ich weiß nicht, wer mein Vater war.
Ich sah ihn nie, weiß nichts von ihm.
Die Mutter bettelte in Barcelona
In Sonnenbrand und Schnee und Regen stand ich mit ihr,
der blinden Frau, vor Kirchentüren und an Straßenecken.
Sie sprach kein Wort. Mit ausgestreckter Hand stand sie nur da.
Ich klammert mich an sie und weinte in die Falten ihres Kleides.
Und eines Tages kam ein Mann zu uns,
ein lahmer Alter. Und wir bettelten zu dritt.
Die Mutter und der Alte, sie schlugen sich
und zankten oft ganze Nächte lang.
O welch ein Leben voller Qual war das!
Doch eines Nachts gab’s keinen lauten Lärm.
Still lag die Mutter auf der Erde, stumm saß der Alte neben ihr.
Am Morgen aber stand er auf und sagt zu mir: sie ist gestorben.
Der Worte Sinn verstand ich nicht.
Und Jahre später weint ich um die Mutter erst.

TOMMASO
Erzähle weiter!

MARTA
Von Barcelona zogen wir hinaus ins flache Land, von Dorf zu Dorf.
Ich wuchs heran. Wie gerne, ach, hätt Arbeit ich gesucht.
Der Alte aber hielt mich fest.
Er ließ mich tanzen und die Leute gafften
und warfen mir die Münzen vor die Füße
Er war zufrieden. Und was kümmert’s ihn,
dass ich die langen Nächte still durchweinte.

TOMMASO
Du armes Kind!

MARTA
So kamen wir denn eines Tags hierher.
Ich tanzte vor den Bauern, und der Alte ging umher
und heischte milde Gaben.
Da trat ein Mann zu mir, sie nannten ihn den Herrn,
und Sebastiano war’s.
Er strich mir übers Haar und fragte mich, wieso es komme,
dass ich so schön geworden, wo ich das Tanzen gelernt?
Zum erstenmal sprach einer gut mit mir.
Dann wandte sich der Herr zu meinem Herrn und frug ihn,
ob er hier nicht bleiben wolle, als Müller auf der Mühle.
Ich sah ihn bittend an: O nicht mehr betteln gehn
und nicht mehr tanzen mïüsen auf der Straße!
Der Alte sprach leise mit Sebastiano.
Sie stritten und sie feilschten … und wir blieben.
Ich zählte damals dreizehn Jahre. Und jeden Tag kam Sebastiano.
Er brachte mir Geschenke, bat und drohte.
Der Alte schlug mich, riss mich bei den Haaren.
Wenn ich den Herrn nicht erhörte,
wär es aus mit Ruh und Frieden.
Ich sollte wieder betteln, wieder tanzen,
nein, nein, nein! Und so ist es geschehn.

TOMMASO
Du Unglückselige!

MARTA
Ein Wunder geschah: mir war es in der Kirche,
als sprach zu mir ein Bote aus der Höh:
Das ist dein Mann, dein Schutz und Stab,
er wird dich retten aus aller Not und Qual.
Und Pedro, Pedro liebt mich,
er liebt mich wirklich, die ich’s nicht verdiene.

TOMMASO
Wenn du ihn liebst, so kenn ich deine Pflicht:
Du musst ihm alles sagen.

MARTA
Ich soll ihm sagen? Soll ihm meine Schande sagen?
Und wenn er geht? Und wenn ich ihn verliere?

TOMMASO
Er muss es wissen! Muss von dir es wissen.
Genug der Lüge. Hab den Mut zur Wahrheit!

MARTA
So betet für mich!

TOMMASO
Das will ich tun! Ich will vom Himmel Stärke dir erflehn,
als wärst du meine Tochter.
Vertrau auf Gott, der Wunder tut.
Der Wunder größtes aber ist die Liebe.

MARTA
kniet vor ihm nieder
So segnet mich.

TOMMASO
In seine Arme schließ dich Gott, der Allverzeihende.
Er gebe dir Stärke, er gebe dir Mut, der Allbarrnherzige!
Vertrau auf ihn und du bist stark,
blick auf zu ihm und seine Gnade ist dein Schild.

Man hört im Hintergrund Stimmen, Lachen und Schwatzen.

MARTA
Die Weiber kommen, und Nuri ist mit ihnen.
Ich will sie nicht sehen, lebt wohl.

Marta geht ab.

VIERTE SZENE
Pepa, Antonia und Rosalia treten ein.

PEPA
Da ist Tommaso. Er muss reden!

ANTONIA
Wo ist Marta? Wo ist Pedro?

ROSALIA
Erzähl uns, was geschah.

TOMMASO
Ich weiß von nichts.

PEPA
Er will gehn!
ihn zurückhaltend
So wart doch einen Augenblick!

TOMMASO
Frieden sei mit euch!

Er geht ab.

ANTONIA
Der alte Brummbär, nicht reden will er!

NURI
Er weiß ja nichts. Nur ich weiß viel.

PEPA, ANTONIA, ROSALIA
O gute Nuri, liebes, süßes Kind,
erzähl uns rasch, wie war’s, was ist geschehn?

NURI
Macht keinen Lärm, denn Pedro kommt.
Wollt ihr was erfahren, so fragt ihn selbst.

FÜNFTE SZENE
Pedro tritt ein. Alle weichen zurück. Er geht nach vorne und setzt sich nieder.

PEPA
Ei, so mürrisch, so verdrießlich!

ROSALIA
Am Morgen nach der Hochzeit!

Pepa, Antonia und Rosalia lachen Pedro aus.

PEDRO
Was für Recht habt ihr zu lachen?

PEPA
Wir lachen ja nicht.

ANTONIA
Nein, niemand hat gelacht.

PEDRO
Ich ertrag es nicht länger, ich will, dass ihr sprecht.
Mit dem Lachen ist es aus!
Er fasst Pepa an.
Sprich du für alle! Ihr lachtet gestern, lachtet heut.
Was hab ich euch getan? Was tat euch Marta?
Er schüttelt sie mit beiden Armen.
Ihr sollt mir Antwort geben, schamlose Weiber!

ROSALIA
Du bist ein Narr!

PEDRO
Ein Narr bin ich. Da hast du recht.
Doch ihr treibt mich zum Wahnsinn.
Ist dir dein Leben lieb, so rede jetzt!
Warum habt ihr gelacht?

ANTONIA
So frag doch Marta!

PEPA, ANTONIA, ROSALIA
So frag doch Marta!

PEDRO
Marta? Ich soll sie fragen?

PEPA, ANTONIA, ROSALIA
Frag Marta!

NURI
Frag Marta!

PEPA, ANTONIA, ROSALIA
Da kommt sie selbst!

Sie gehen ab.

SECHSTE SZENE
Marta kommt herein, nimmt den Topf vom Feuer und stellt ihn auf den Tisch.

MARTA
Das Essen ist da.

PEDRO
Ich kann nicht essen, Marta, ich will mit dir sprechen.

MARTA
näherkommend
Was willst du mir sagen?

PEDRO
Bleib mir vom Leibe, geh! Ich kehr zurück
in meine Berge, woher ich kam, leb wohl!

MARTA
Du darfst nicht gehn, um Christi Wunden willen! Verzeihe

PEDRO
Ich soll dir verzeihen? Du hast mich betrogen!
Verachten, verfluchen sollt ich dich! Ich sollt dich töten!

MARTA
Ja, töte mich, ich bitte dich darum.

PEDRO
Dich töten, nein. Ich gehe fort und seh dich niemals wieder.

MARTA
versucht verzweifelt, ihn zurückzuhalten
Du hast den Mut nicht, mich zu töten!
Ja, du hast Furcht, ein feiger Wicht bist du!

PEDRO
Ich, Furcht?

MARTA
Beschimpf mich, schlag mich, tritt mich mit Füßen!
Stoß mir das Messer in die Brust, nur geh nicht fort!
Sie umklammert seine Knie.

PEDRO
Im Tiefland sterb ich, lass mich auf die Berge,
bleib du in deinem Sumpf! Mit ihm!
Er macht sich von ihr los, stößt sie zurück und geht dem Tor zu.
Sie ist auf den Boden gefallen, wo sie sich aufrichtet.

MARTA
verzweiflungsvoll, fast irre
Mit ihm, den ich liebe! Ja, du sprichst wahr:
ich hab dich betrogen, hörst du es wohl?
Du bist ein Feigling und strafst mich nicht.
Geh nicht fort von mir, Pedro! Ich hab einem andern gehört.
Sein war ich. Hörst du mich wohl? Sein und nicht dein!

PEDRO
kehrt wütend zurück und droht ihr mit der Faust
Schweig!

Marta steht auf.

MARTA
Ein Dummkopf bist du. Begreifst du denn nicht?
Ich hab dich betrogen und lache darob.
Sie lacht wie eine Wahnsinnige.
Ich lache wie alle. Die Hochzeit war lustig!
Sie lachten alle, und er, er, er lachte auch.
Sie lacht.

PEDRO
stürzt auf den Tisch zu und ergreift das Messer
Gott soll mich strafen, wenn ich nicht …

MARTA
hängt sich an seinen Arm
Der andere lachte. Hahaha!

PEDRO
das Messer schwingend
Des Todes bist du!

MARTA
So hab den Mut und stoße zu!
Lass sehen, ob du kein Feigling bist!

PEDRO
sich wieder von ihr entfernend
Ich tu dir nichts zu Leide!

MARTA
Welch ein feiger Wicht bist du!
Um eine Handvoll Geld hast du dich verkauft!

PEDRO
außer sich, führt er einen Stoß gegen sie.
Ich mich verkauft …
gesprochen
Verruchte!
verwundet sie am Arm.

MARTA
Ah, endlich!

PEDRO
schleudert entsetzt das Messer von sich
Was hab ich getan?

MARTA
Mein Blut vergossen hast du, oh,
wenn du wüsstest, wie selig ich bin!

PEDRO
Verflucht bin ich! Ich bin ein wildes Tier!

Er sinkt auf einen Stuhl. Marta nähert sich ihm, sinkt in die Knie und schlingt die Arme um ihn.

MARTA
Du hast nur deine Pflicht getan!
Ich wollte ja den Tod durch dich!
Ich bitte dich, stoß zu, hier, mitten in das Herz!

PEDRO
Lass mich!

MARTA
Siehst du denn nicht, dass mir das Leben zur Last?
Ich muss ja sterben! Und ich wär selig, stürb ich durch dich!
Nichts wäscht mich rein von Schuld und Sünde als nur mein Tod.
Doch glaube mir, mein Pedro, glaube mir,
ich war nicht schlecht, ich war nur elend.
Die Menschen gingen böse mit mir um.
Mein Glück zertraten sie.
Nur einen Augenblick des Glücks kannst du mir geben:
töte mich und mach ein Ende!

PEDRO
sie in seine Arme schließend
Ich soll dich töten? Dich, die ich liebe?
Seitdem ich dich sah, bin ich ja toll von Liebe.
Was kümmert’s mich, wer du auch seist!
Was kümmert’s mich, was du getan!
Du hast mich behext, ich kann nicht los
von deines Herzens Zauber.
Und wie ich mich auch wehren mag,
ich komme tiefer stets in deinen Bann.
Ich will dich küssen, will dich halten,
will mich verbeissen in dich
Ich heb dich auf und trag dich fort in meine Berge.
Im Sturmgetos, im wirbelnden Schnee,
in meiner Berge freier Luft,
dort will ich Hochzeit mit dir halten,
dort raubt dich mir niemand,
niemand, dort bist du mein!
Nun mögen sie kommen, ich trotze ihnen!

MARTA
Mein Gott!

PEDRO
will sie halten
Nun bist du mein!

MARTA
Nein, nein!

PEDRO
Marta!

MARTA
Eh du mich küssest, sollst du wissen, ob du es darfst.
Ich will dir erzählen, wie alles geschah.
Dann richte mich! Dann tu, was Gottes Wille ist!

PEDRO
Nein, nein, nicht hier! Wir wollen hinauf in die Berge!

MARTA
Wir wollen hinauf in die Berge!

MARTA, PEDRO
An Gottes Brust uns legen!

PEDRO
So komm!

MARTA
Ich komm!

PEDRO
So komm!

Sie gehen dem Tore zu.

SIEBENTE SZENE

SEBASTIANO
tritt den beiden entgegen
Recht guten Tag! Was gibt es neues?

PEDRO
Gut, dass Ihr kommt. Nehmt Eure Mühle wieder.
Ich kehr zurück, woher ich kam.

SEBASTIANO
ohne auf ihn zu achten, zu Marta
Heut abend kommt der Vater meiner Braut.
Bis dahin will ich lustig sein.
Ich sah dich lang nicht tanzen!
Tanz mir was vor, ich spiel dir auf.
Tanz! Sag ich dir.
Bauern und Bäuerinnen treten ein. Sebastiano ergreift eine Gitarre.
Hüll in die Mantilla dich fester ein,
verbirg den Kopf im Schleier
Nun tanze, Geliebte, nun tanze fein,
mir zur Feier.
Dreh dich im Takt der Melodie
und wieg dich in den Hüften
und heb das Knie.
Nun tanze, Geliebte, nun tanze fein,
mir zur Feier.

BAUERN, BÄUERINNEN
Dreh dich im Takt der Melodie etc.

PEDRO
Hör auf! Und du, Marta, komm fort!

SEBASTIANO
Nun zeige im Tanze, was dich bewegt,
zeig mir in deinem Blicke
wie laut das Herz entgegen mir schlägt,
dem Liebesglücke.
Ich weiß von Küssen verschwiegen und heiß
und tausend Tändelein,
des Sängers Preis!
Wie laut das Herz entgegenschlägt
dem Liebesglücke.

BAUERN, BÄUERINNEN
Ich weiß von Küssen etc.

PEDRO
Marta, komm fort!

SEBASTIANO
Was sagt der Mensch?

MARTA
Er sagt …

PEDRO
Wir wollen fort!

MARTA
Wir wollen fort!

BAUERN, BÄUERINNEN
Sie wollen fort!

SEBASTIANO
Du bist von Sinnen! Es darf nicht sein!
Er greift Marta am Arm.

PEDRO
O Herr, was tut Ihr denn?

SEBASTIANO
Ich halte, was mein ist!

PEDRO
Ist Marta nicht mein Weib?

MARTA
Ich geh mit Pedro, und Ihr habt kein Recht mir zu verbieten!

SEBASTIANO
Kein Recht? Das will ich sehn!
zu den Leuten
Jagt mir den Kerl hier vom Hof!
zu Marta
Und du bleibst hier!

PEDRO
fasst Marta beide Hand
Mein Weib ist mein, und wir gehn fort!

SEBASTIANO
Da, nimm für deine Frechheit, du Lump, du Taugenichts!
Er gibt ihm eine Ohrfeige.

PEDRO
wütend aufschreiend
Ah!

MARTA
Pedro, er hat dich geschlagen! Nimm Rache dafür!

PEDRO
Wie darf ich denn? Er ist der Herr!

MARTA
Der Herr ist er?! Er war es, der in Schand und Schmach
dein Weib gestoßen hat.
Er brachte Unheil über mich und dich.
Er kam heut Nacht in meine Kammer!

PEDRO
Was sagst du da? Ihr!!
Er will sich auf Sebastiano stürzen, aber die anderen halten ihn zurück.
Du Schuft! Du Dieb!

SEBASTIANO
Schafft ihn fort!

PEDRO
Ich töte dich!

SEBASTIANO
Was zaudert ihr? Hinaus mit ihm!

PEDRO
Lasst mich los! Los! sag ich!
Dein Blut will ich! Dein Leben!

BAUERN, BÄUERINNEN
Hinaus! Fort!

SEBASTIANO
Marta packend
Die aber bleibt mein für immer!

MARTA
Pedro, mein Pedro, hilf!

PEDRO
Ich helfe dir! So wahr ein Gott im Himmel ist!
Ich helfe dir!

Die Männer bringen den wütenden Pedro fort, und Sebastiano wendet sich lachend und selbstbewusst Marta zu, die bewusstlos zu Boden gesunken ist. Tommaso erscheint.

ACHTE SZENE

SEBASTIANO
Was wollt Ihr, he?

TOMMASO
Den Vater Eurer Braut sprach ich soeben.

SEBASTIANO
Was sagt er Euch?

TOMMASO
Er lässt Euch grüßen und ’s ist alles aus!
Schlagt Euch nur seine Tochter aus dem Kopf.

SEBASTIANO
Tod und Teufel! Wer hat ihm gesagt?

TOMMASO
Ich sagt ihm alles. Ja, ich selbst.

SEBASTIANO
Schwachsinniger Alter!

Tommaso ab

MARTA
gesprochen
Heilige Jungfrau, steh mir bei!

SEBASTIANO
Nun hab ich nichts als dich mehr auf der Welt
Die Braut ist verloren, verloren bin ich selbst!
Dich aber lass ich nicht.

MARTA
Du kannst mich töten, doch mich halten nicht!

SEBASTIANO
Ei, mein Schätzchen, du bist wild.
Ich will den Trotz dir schon vertreiben.
Die Mühle hier ist mein, und du bist mein!
Versuchs, mir zu entrinnen!

MARTA
Bei welcher Macht des Himmels
soll ich flehen um meine Freiheit?

SEBASTIANO
Der Himmel, der bleibt taub.
Schrei nur zu Gott und seinen Heiligen. Ich trotze ihnen.
Hier diese Mühle ist mein letzter Port.
Hier will ich bleiben‘, vereint mit dir,
mag draußen auch die Welt in Trümmer gehn!

MARTA
So kennst du keine Gnade?

SEBASTIANO
Liebe, ja, doch Gnade nicht!
Ich kann nicht leben ohne dich!
Ich kann nicht atmen ohne dich!

MARTA
Auch ich kenn eines nur: die Liebe!
Ich liebe Pedro! Hörst du mich?!

SEBASTIANO
Nenn diesen Namen nicht, verflucht sei er!

MARTA
Ich schreie ihn, so laut ich kann!
Mein Pedro komm und hilf!

SEBASTIANO
Schweig, Marta, du machst mich rasend!

MARTA
Ich bin nicht mehr die schwache Marta von einst,
das arme, hilflose Kind.
Nicht mich verteidig ich. Ich kämpf um meine Liebe.
Um Pedro kämpfe ich, ich kämpfe um mein Glück!
Die Marta, die du kanntest, ist verschwunden.
Hier steht ein Weib, bereit zum Tode um ihrer Liebe willen.

SEBASTIANO
Wie schön der Zorn dich kleidet! Ich will dich küssen!

MARTA
Lass mich!

SEBASTIANO
Komm!

MARTA
Zurück! Pedro!

SEBASTIANO
Ein Wille gilt’s, der meine! Ich zwinge dich zu Boden!

MARTA
Gibt’s keine Rettung?
Pedro! Mein Pedro, kommst du nicht?

SEBASTIANO
Nein, keine Rettung! Mein bist du, mein!
Mit meinen Küssen schließ ich dir den Mund.
Du rufst vergebens!

NEUNTE SZENE

SEBASTIANO
Nun soll er kommen und dich mir entreißen!

Pedro stürzt herein und wirft sich auf Sebastiano.

PEDRO
Da bin ich, und ich entreiß sie dir!

MARTA
Mein Pedro!

SEBASTIANO
Wo kommst du her?

PEDRO
Ich komme durch dieselbe Tür,
durch die du heute Nacht als Herr und Dieb gekommen bist.
Nun sind wir allein, Mann gegen Mann!

SEBASTIANO
Mach fort, rasch!

PEDRO
Ich soll fort? Ich? Ich bin nicht mehr der Tölpel,
den du dir von Roccabruna holen wolltest.
Ich bin dein Knecht nicht mehr,
wir beide stehn jetzt gleich, Mann gegen Mann!

SEBASTIANO
Du wagst es? Warte nur!
Er will zum Tor.

MARTA
Pedro!

PEDRO
stellt sich mit einem Sprung zwischen Sebastiano und das Tor
Entwischen willst du, feiger Hund?
Nein, du entkommst mir nicht!
Wir wollen beide hier zu Ende kommen.
Hier steht mein Weib! Ich hab ein Recht auf sie!
Du willst es mir bestreiten! Nimm sie dir!
Doch du musst sie erkämpfen!
Dem Sieger soll sie angehören.
Und Sieger ist, der jetzt am Leben bleibt!

SEBASTIANO
Ein Messer hast du? Ich hab keines.

PEDRO
Ich brauch es nicht. Die Waffe, dich zu töten, trag ich im Herzen.
Er wirft das Messer weg.
Komm, jetzt sind wir gleich.

MARTA
Was machst du, Pedro?

PEDRO
Bleib wo du bist und lasse mich.
zu Sebastiano
Was zauderst du? Nun sind wir gleich!

SEBASTIANO
Nun hüte dich!
Er stürzt sich auf das Messer.

MARTA
Ah!

PEDRO
hat Sebastianos Absicht durchschaut, macht einen Sprung und stellt einen Fuß auf das Messer
Verräter! Glaubst du, ich schlafe?
Nun hol dir das Messer!

SEBASTIANO
Gottverfluchter!

PEDRO
Du dauerst mich. Hast wirklich Pech!
Vorbei ist deine Zeit und alles geht zu Ende!
Ich mach ein Ende!

SEBASTIANO
Auch ich kann ringen!

PEDRO
So versuch’s und wehre dich!
Sie kämpfen.

MARTA
O Gott im Himmel, heilige Jungfrau,
Mutter der Gnaden, steh mir bei!

PEDRO
fasst ihn beim Hals
Wehre dich!

SEBASTIANO
Hilfe! Hilfe!

PEDRO
Ruf sie nur! Ruf sie nur, deine Hunde!

SEBASTIANO
gesprochen
Du erwürgst mich!

MARTA
gesprochen
Mutter der Gnaden!

PEDRO
Du kannst dich nicht mehr wehren!
Dein Leben lösch ich aus wie eine Kerze,
die der Wind verlöscht.
Er erwürgt ihn.
Da schau, nun ist er tot!

ZEHNTE SZENE
Männer und Frauen, Pepa, Rosalia, Antonia, Nuri und Tommaso treten auf.

PEDRO
He, Burschen, her! Ihr Weiber, kommt! Kommt alle her!

BAUERN
Was gibt’s?

BÄUERINNEN
Was gibt’s?

PEDRO
Der Herr ruft euch!

PEPA
gesprochen
Tot?

ROSALIA
gesprochen
O großer Gott!

TOMMASO
Des Himmels Strafe hat ihn gefällt!
Gott sei dem Sünder gnädig!

PEDRO
Und nun, ihr Leute, lacht doch, lacht!
Nun ist es Zeit zum Lachen!
Du aber, Marta, komm! Wir wollen gehn.

MARTA
Ja, fort von hier!

PEDRO
Hinauf in meine Berge, hinauf zu Licht und Freiheit!
Fort aus dem Tiefland! Macht Platz, ihr alle, gebt uns Raum!
Ich hab den Wolf erwürgt, den Wolf, den Wolf hab ich getötet!

Er hebt Marta in seine Arme und trägt sie fort.
Die Bauern und Bäuerinnen machen dem davoneilenden Paar Platz.
Man sieht beide über das Gebirge ziehen.