Christoph Willibald Gluck

Orpheus und Euridike

Oper in drei Aufzügen

Personen

Orpheus
Eurydike
Eros
Chöre und Balletts von Schäfern, Furien, seligen Geistern
Orpheus‘ und Eros‘ Gefolge

Spielzeit: Zwei Stunden.

Uraufführung: 3. Oktober 1762 am Kaiserlichen Theater nächst der Burg zu Wien.

Ouvertüre

Erster Aufzug.

Ein Hain mit dem Grabmal der Eurydike.

Erster Auftritt.

Orpheus am Grabmal kniend, seine Lyra angelehnt. Chor der Gefährten des Orpheus, darunter auch Matronen und Kinder, zu beiden Seiten der Bühne. Ballett im Hintergrunde kniend.

Nr. 1. Chor.

Der Vorhang hebt sich im zehnten Takte des Vorspiels ganz langsam.

CHOR.
O wenn in diesen dunklen Hainen,
Eurydike, noch dein Schatten
Um dein ödes Grabmal schwebt; –
ORPHEUS.
Eurydike!
CHOR.
Ach, so höre deinen Gatten,
Ach! So höre, ach, so hör‘ ihn, hör‘ ihn,
Der für seinen Gram nur lebt!
ORPHEUS.
Eurydike!
CHOR.
Siehe den Verlaßnen weinen;
Rühret dich sein Jammer nicht?
Ach, rühret dich sein Leid, sein Jammer nicht?
ORPHEUS.
Eurydike!
CHOR.
Du, Entfloh’ne, o kehre wieder!
Banger Schmerz beugt ihn nieder.
Komm, eh‘ Gram das Herz ihm bricht!

Nr. 2. Rezitativ.

ORPHEUS steht auf und kommt die Stufen herunter.
Ach, verstummet, ihr Gefährten,
Denn euer Klagen vermehrt den Gram.
Jetzt opfert dem heil’gen Schatten, bestreuet
Mit Blumen das Grabmal
Und entfernt euch dann!
Hier will ich bleiben, bei den bleichen
Schatten des Todes, und klagen,
Gefährte sei mir nur mein grauses Leiden!

Nr. 3. Pantomime.

Wenn Orpheus die Stufen herabsteigt, erhebt sich das Ballett und gruppiert sich um das Grabmal in folgender Weise: Je vier Blumenmädchen mit Körben stellen sich rechts und links auf der untersten Stufe des Grabmals, je vier mit Kränzen rechts und links vor demselben auf. Wenn die Musik zur Pantomime, Es-Dur, Dreivierteltakt, beginnt, gehen die acht Damen von rechts, die mit den Kränzen voran, hintereinander vor dem Monument vorüber, nach links; die andern acht ebenso von links nach rechts. Alle gehen dann nach hinten, steigen die hinteren Stufen des Grabmals herauf, acht schmücken dasselbe mit Kränzen und steigen dann die vorderen Stufen hinab. Die andern acht mit den Körben folgen und streuen Blumen. Dann treten alle seitwärts zum Chor.

CHOR.
Oh, wenn in diesen dunklen Hainen,
Eurydike, noch dein Schatten
Um dein ödes Grabmal schwebt; –
Ach, so höre deinen Gatten,
Der für seinen Gram nur lebt!

Während des Ritornells von neunzehn Takten entfernt sich langsam der Chor. Das Ballett zieht einen Halbkreis um das Grabmal, verneigt sich und geht ebenfalls langsam ab. Zwei Freunde des Orpheus in kriegerischer Kleidung treten zu ihm und wollen ihn bewegen, ihnen zu folgen. Er weist sie mit trauriger Gebärde ab, worauf sie ihn verlassen.

Zweiter Auftritt.

Orpheus allein.

Nr. 4. Arie.

ORPHEUS.
Du, die ich so heiß geliebt,
Kehre zu mir zurück,
Noch eh‘ es taget.
Vergeblich ist mein Schmerz,
Sie, die mein Herz erkor,
Höret mich nimmer!

Nr. 5. Rezitativ.

Eurydike! Eurydike! Teurer Schatten, ach, wo bist du?
Hör‘ deinen Gatten! Dich verlangt er von den Göttern;
Eros, gib sie mir wieder!
Der West entführet den unendlichen Schmerz und meine Klagen.

Lento.

Jeglicher Freude leer
Irr‘ ich im Hain umher,
Sinke danieder an deinem Grabmal.
Voll bangen Mitleids hallt,
Wenn meine Klage schallt,
Echo sie wider.

Rezitativ.

Eurydike! Eurydike! Wo ich auch weile, tönt dein Name,
In den Tälern und auf der Berge Höh’n.
Ja, Eurydike, überall tönt dein Name,
In alle Rinden gräbt ihn dein verlaßner
Orpheus, dein trostloser Orpheus.
Eurydike! Du geliebte, holde Eurydike!

Nr. 6. Arie.

Ewig von dir getrennt,
Weil‘ ich am Grabe hier,
Kann nie es meiden!
Sanft murmelnd ruft die Welle
Mir nach die Trauerklage.
Fühlet mein Leiden.

Rezitativ.

Götter! Grausame Götter! Des Acherons
Schreckensherrscher,
Dienstbar Plutos Machtgebot,
Die ihr begierig seinen Befehl erfüllet,
Die nichts erweicht, nicht froher Jugend Zauber,
Selbst nicht der Schönheit Glanz,
Grausame Götter,
Ihr raubtet Eurydike,
Hartes, hartes Geschick,
Im Lenz des Lebens,
Sie verlang‘ ich zurück, grausame Götter!
Mut hab‘ ich auch, um gleich so vielen Helden
Zu entreißen die Geliebte dem finstern Schoße,
Meine Gattin, sie, mein Glück!

Eros tritt auf.

Dritter Auftritt.

Orpheus und Eros.

Nr. 7. Rezitativ.

EROS.
Vertraue dem Eros. Die Götter fühlen Mitleid,
Zeus erbarmt sich dein. Steige hernieder
Zu Lethes schrecklichem Strande, wo sie jetzt weilt,
Unter den Schatten der Toten; rührest du dort
Mit dem Zauber des Sanges die Furien,
Den Minos und den Plutos, so möge
Der geliebten Eurydike neu das Leben erstrahlen.
ORPHEUS.
Was sagst du? O Freude! Eurydike wieder mein?
Doch wie?
EROS.
Wirst du nicht unterliegen, wenn harte Prüfung dir nahet?
ORPHEUS.
Du versprichst mir Eurydike, was soll ich fürchten? EROS.
So vernimm Dios Willen, vollende glücklich die Tat!
ORPHEUS.
Rede!
EROS.
Wende nicht den Blick auf Eurydike hin,
Ehe du verlassen hast des Styxes Gestade,
Sonst ist auf ewig sie dem Tode geweiht,
Sie wird dann aufs neue dir entrissen, und auf immer;
Dies ist sein Wille; wenn du ihn nicht erfüllest,
Wird der Schmerz dich ertöten. Das bedenke und wähle!

Nr. 8. Arie.

Mit Freuden den Willen
Der Götter erfüllen,
Vor ihnen sich beugen,
Zu dulden und schweigen,
Geziemet dem Mann.
Soll süßes Entzücken
Dich wieder beglücken,
So hemme die Klage;
Denn selige Tage
Erwarten dich dann.
Mit Freuden den Willen usw.

Er geht rasch ab.

Orpheus während der Arie des Eros von dem Wechsel der Empfindungen beherrscht, drückt durch Miene und Gebärde freudige Hoffnung des Wiedersehens und Dank gegen die Götter aus.

Vierter Auftritt.

Orpheus allein.

Nr. 9. Rezitativ.

ORPHEUS.
Was sprach er? Hört‘ ich recht?
Eurydike werd‘ ich sehen,
Die Meine nennen? Doch doppelt Leiden
Wird mich erfüllen in jener Stunde,
Wenn ich, berauscht von Wonne,
Auf sie nicht dürfte blicken,
Nicht drücken sie ans Herz.
Arme Geliebte!
Beute wirst du tödlichem Schmerz,
Ich seh‘ dich erzürnt auf mich.
Mich foltert dies Schreckensbild,
Schon bei dem Gedanken
Fühl‘ ich in den Adern
Erstarren mein Blut!
Tragen will ich’s, ich will es mutig vollenden!
Mein Unglück, nicht länger ist’s zu tragen,
Und lieber will ich erliegen den Gefahren,
Als länger sie missen!
Götter, leiht mir euren Schutz, ich will es vollenden!

Er ersteigt die Stufen zum Grabmal, ergreift seine Leier, hebt sie mit der Gebärde des gefaßten Entschlusses empor und geht dann rasch zur Seite ab.

Zweiter Aufzug.

Eingang zum Tartarus mit dem Styx.

Nr. 10. Einleitung.

Beim neunzehnten Takt hebt sich der Vorhang.

Erster Auftritt.

Chor der Dämonen dem Harfenspiel lauschend. Dann Orpheus.

CHOR.
Wer ist der Sterbliche,
Der dieser Finsternis
Zu nahen sich erkühnt?
Der diesem Schreckensort
So frevelnd trotzt?

Nr. 11. Furientanz.

Nach demselben erscheint Orpheus, einen Dolch im Gürtel, mit seiner Leier auf der Felsenhöhe.

CHOR.
Wer ist der Sterbliche,
Der dieser Finsternis
Zu nahen sich erkühnt?
Der diesem Schreckensort so frevelnd trotzt?
Entsetzen, Todesangst
Ergreife wild sein Herz,
Wenn ihm mit schrecklichem Geheule
Zerberus den Eingang wehrt!

Orpheus der eine Zeitlang auf der Felsenhöhe verweilte, greift in die Saiten seiner Leier und kommt langsam von der Höhe herab.

Nr. 12. Solo und Chor.

ORPHEUS.
Ach, erbarmet meiner euch! Furien, Larven!
CHOR sich abwendend.
Nein, nein!
ORPHEUS.
Schatten des Todes,
Erbarmet euch meiner Qualen,
Unaussprechlich ist mein Schmerz!
CHOR.
Nein, nein, nein!
ORPHEUS.
Ach, erbarmet usw.

Während dieser ganzen Szene umgeben die Furien. Ballett. Orpheus mit drohenden Bewegungen.

Nr. 13. Chor.

Frevelnder Sterblicher,
Was brachte dich hierher?
Hier ist der Aufenthalt
Furchtbarer Todesangst;
Hier tönt nur Klagegeschrei,
Hier herrscht nur Qual!
Bekenne!

Nr. 14. Arie.

ORPHEUS.
Tausend Qualen, drohende Schatten
Foltern mir die Brust mit Schmerzen.
In mir fühl‘ ich die Hölle selber,
Ja, ihr Feuer durchglüht mein Herz!

Nr. 15. Chor.

Die Bewegungen der Furien werden gemäßigter.

Durch welche Zauberkraft
Hemmt dieser Sterbliche,
Trotz unserm Widerstand
Die wilde Rachelust in unsrer Brust.

Nr. 16. Arie.

ORPHEUS.
Todesgötter, o laßt erweichen endlich
Euch durch meine herben Klagen,
Heget Mitleid mit meinen Leiden
Und gebrochner Liebe Qual!

Nr. 17. Chor.

Sein sanftes Trauerlied,
Sein banger Klaggesang
Hemmt unser Rachgefühl,
Reißt uns zum Mitleid hin,
Klingt wundervoll!
Es beuget alles sich
Vor seiner Zauberkraft,
Die uns besiegt.
Er geh‘ zur Unterwelt,
Ihm sei der Pfad bereit,
Sein ist der Sieg.
Sein banger Klaggesang
Reißt uns zum Mitleid hin;
Er geh‘ zur Unterwelt,
Ihm sei der Pfad bereit,
Sein ist der Sieg.

Die Furien weichen scheu zurück.

Orpheus durchschreitet ihre Reihen. Es bildet sich eine Gruppierung – das Ballett in gebeugter Stellung -, daß der Tartarus sichtbar wird. Die Schatten und Furien verschwinden nach und nach in den Kulissen. – Orpheus schreitet fest in den Tartarus hinab. Wolken verdecken die ganze Bühne.

Furientanz D-Moll als Verwandlungsmusik.

Verwandlung

Liebliche Gegend in den elysischen Gefilden. Die Bühne erhellt sich nach und nach und strahlt endlich in vollem Tageslicht.

Zweiter Auftritt.

Chor der seligen Geister. Dann Eurydike. Später Orpheus.

Nr. 18. Reigen seliger Geister.

Selige Geister Chor und Ballett, sind gruppiert auf den Bergen und bei den Gebüschen. Auf der Anhöhe rechts junge Männer in kriegerischer Rüstung, Lanzen werfend und sonstige Waffenspiele übend. Greise, Matronen und Kinder, alle mit freudigem Ausdruck, sitzend und stehend auf der Bühne verteilt. Sie entfernen sich zum Teil während des Gesanges, wandeln auf und nieder usw.. Eurydike mit einem Chor von Frauen tritt auf.

Nr. 19. Arie mit Chor.

EURYDIKE.
Diese Auen sind seligem Frieden
Und der Ruhe nur geweiht,
Hier lacht den Geistern, vom Leben geschieden,
Nur Seligkeit.
Hier versiegen ewig des Grames Tränen,
Hier quält das Herz kein irdisch Sehnen,
Nur Freud‘ und Wonne atmet die Brust.
Hier, wo nie des Kummers Klagen tönen,
Herrscht nur Entzücken und Lust.
EURYDIKE UND CHOR wiederholen.
Diese Auen sind seligem Frieden usw.

Eurydike und die Frauen, die sie begleiten, gehen ab.

Orpheus erscheint oben auf der Anhöhe rechts, betrachtet staunend die Landschaft und kommt allmählich den Berg herunter.

Nr. 20. Arie.

ORPHEUS.
Welch reines Licht! Die Sonne glänzt!
So leuchtend hat sie dem Auge noch nie gestrahlet.
Und welche süße, sanfte Harmonie
Einet sich hier lieblich der Verklärten Gesängen,
Der Bäche leisem Murmeln, der Weste leicht säuselndem Wehn!
Alles dies verkündet der Sel’gen Aufenthalt,
Ach, alles atmet hier das Glück und Wonne!
Nur Orpheus nicht!
Ach, nichts gewährt mir Wonne ohne sie, mein Leben!
Ach, ihre süße Stimme, ihre liebenden Blicke,
Ihr holdes Lächeln bieten allein mir
Ewige Freude und Wonne!
Aber wo weilet sie jetzt?

Selige Geister Chor und Ballett traten von beiden Seiten auf.

ORPHEUS.
Saget mir, ihr Schatten, die ihr wandelt
Auf den glücklichsten Gefilden, wo Eurydike jetzt weilt?
CHOR.
Dein wird Eurydike!

Nr. 21. Chor.

Holder Sänger, sei willkommen
In dem Kreise sel’ger Frommen,
Laß den bangen Gram zurück!
Dank dem Zauber deiner Lieder,
Eurydike kehrt dir wieder,
Dich erwartet hohes Glück!

Drei Tänzerinnen bitten Orpheus pantomimisch, auf seiner Leier zu spielen, um danach tanzen zu können. Man reicht ihm sein Instrument. Orpheus setzt sich auf das Rasenlager.

Nr. 22. Ballett.

Nr. 23. Rezitativ.

ORPHEUS.
Oh, wie ist mein Herz beglücket, ja ich
Ertrage mit Ruhe quälende Ungeduld.
Wer Liebe kennt, der weiß es zu empfinden,
Welches Feuer hier glüht, welch heißes Sehnen
Meine Seele entflammt!

Er erhebt sich.

Auf dieser Stätte,
Reich an Reizen und Anmut, könnte beglückt ich wandeln,
Fände wieder ich sie!
CHOR.
Wisse, sie wird dein.

Nr. 24. Chor.

Wer von den Erschaffnen bliebe
In den Armen treuer Liebe
Ungerührt, gefühllos, stumm!
Komm, geliebter Schwesterschatten,
Auch im Arme deines Gatten
Blüht dir ein Elysium!

Orpheus geht während des Chores freudig und lebhaft im Kreise der Geister umher.

Eurydike wird vom Ballett den Hügel herabgeführt durch die Gruppe der Geister, die einen doppelten Halbkreis bilden, bis hin zu Orpheus und ergreift dessen Hand.

Orpheus nicht wagend, Eurydike anzublicken, führt sie in den Vordergrund und geht dort langsam mit ihr ab. Im Augenblick, wo er mit ihr in die Kulisse tritt, fällt der Vorhang.

Dritter Aufzug.

Finstere wilde Höhle mit Irrgängen und rauhen Felsen.

Nur die vordere Hälfte der Bühne einnehmend.

Nr. 25. Szene.

Der Vorhang geht beim Einsatz der Musik sofort in die Höhe.

Erster Auftritt.

Orpheus und Eurydike.

ORPHEUS.
Eile! Folge meinen Schritten,
Einzig und ewig Geliebte, die ich glühend verehre!
EURYDIKE.
Bist du’s? – Ist’s Täuschung, wach‘ ich, träum‘ ich, ist es Wahrheit?
ORPHEUS.
Geliebte Gattin, dein Orpheus lebt und ist bei dir,
Er hat die Erde verlassen und suchte dich,
Bald wirst du den heitern Himmel, die lichte Sonne,
Die Erde freudig nun wiedersehn.
EURYDIKE.
Du atmest, ich lebe, sprich, durch welchen Zauber, durch welches Mittel?
ORPHEUS.
Erfahren sollst du es bald, verlange nicht mehr von mir!
Folge mir eilig, verbanne nun die Angst und die Furcht aus deiner Seele,
Leben durchströmt uns, nicht sind wir Schatten.

Er läßt ihre Hand los.

EURYDIKE.
Was hör‘ ich? Ist es Wahrheit?
O seliges Geschick! Mein Orpheus! So werden
Wir aufs neue vereint durch Hymens Band?
ORPHEUS.
Ja, doch eilig folge mir!
EURYDIKE.
Doch deine Hand umschließt nicht mehr die meine.
Wie, du meidest meinen Blick,
Der liebevoll den deinen sucht?
Ist denn für Eurydike dein Herz empfindungsleer,
Hat denn für dich keinen Zauber mehr mein Auge?
ORPHEUS für sich.
Ich werde schwächer durch ihre Klagen! –
Ermanne dich, Orpheus! –

Laut.

Geliebte, laß die Schritte uns beflügeln!
Laß uns verscheuchen die süße Zärtlichkeit!

Für sich.

Jeder Verzug kann verderblich uns sein!
EURYDIKE.
Nur einen Blick der Liebe!
ORPHEUS.
Unglück würde dies uns bringen!
EURYDIKE.
Ach, Barbar! Sind das die Freuden, die mein Herz
Sich schon erträumte? Ist das der treusten
Liebe herber Lohn? O hartes, grausames Schicksal! Orpheus, weh‘ mir! schenkt mir keinen Blick,
Er teilt nicht die Freuden der liebevollsten Gattin!
ORPHEUS.
Hör‘ auf, mit Argwohn mein Herz zu martern!
EURYDIKE.
Du gabst das Leben mir zurück,
Doch nur zu Schmerz und Qual!
Ihr Götter, nehmet wieder das Geschenk,
Das ich hasse! Reißt mich zurück in Hades‘ Nacht!

Nr. 26. Duett.

ORPHEUS.
Holde! Ach, komm mit deinem Gatten.
EURYDIKE.
Nein! – Ich wünsche den Tod mir lieber,
Als zu leben noch mit dir.
ORPHEUS.
O wie grausam!
EURYDIKE.
Laß mich auf immer!
ORPHEUS.
Nein, ich kann nicht! Düstre Schatten
Umringen dann aufs neue dich!
EURYDIKE.
Doch, warum bist du so grausam?
ORPHEUS.
Sollt‘ ich auch vor Kummer sterben,
Sagen kann ich es dir nie!
BEIDE.
Götter, groß sind eure Gaben,
Die mit heißem Dank ich erkenne,
Doch der Schmerz, der sie verbittert,
Martert allzuherbe mich!
EURYDIKE.
Doch, warum bist du so grausam?
ORPHEUS.
Sollt‘ ich auch usw.

Sie wenden sich in Schmerz versunken voneinander ab.

Nr. 27. Rezitativ.

EURYDIKE.
Warum verharret er
Bei diesem bangen Schweigen?
Welch Geheimnis will er mir verbergen?
Mußt‘ er des Friedens Wohnung mich entreißen,
Auf daß ich sähe, wie stumm und kalt er ist!
O hartes, jammervolles Los!
Wie schwinden meine Kräfte!
Des Todes dichter Schleier deckt mein mattes Auge schon!
Ich zittre! Ich bebe!
Ein banger Schauder faßt furchtbar mich,
Mein Aug‘ erlischt, mein Herz schlägt laut,
Noch nie empfundene Qual zerreißt es,
Das Blut in meinen Adern starrt,
Ich Arme erliege meinem Schmerz!

Nr. 28. Arie.

Welch furchtbare Schmerzen,
Welch gräßliche Qualen,
Vom Tode erwachen
Zu solchem Geschick!
Mir tilgten Lethes Wellen
Des Erdenlebens Qualen;
Drum kann ich nicht tragen
So grausames Leid;
Ich bebe, wanke!
Welch furchtbare Schmerzen usw.

Nr. 29. Rezitativ.

ORPHEUS.
Ach, kaum ertrag‘ ich die Qualen!
EURYDIKE.
Geliebter Gatte! Ach, verlaß mich nicht!
Du hörst nicht meine Klagen, kalt und gefühllos,
Bald wird der Schmerz mich vernichten!
O helft mir Armen, ihr großen ewigen Götter!
Wollt ihr, daß ich sterbe ohn‘ ein zärtlich
Lebewohl von dem teuren Orpheus?
ORPHEUS.
Nicht beherrsch‘ ich mich, ich fühle bebend
Meinen Willen schon schwanken! Vergessen alles –
Eurydike, Eros‘ Willen und –

Er will sie anblicken, erschrickt aber und wendet sich von ihr ab.

EURYDIKE.
O du, mein Gatte! Ich fühle den Tod!
ORPHEUS.
Du Holde, o höre, wenn du wüßtest! Ach, dieses Leid!

Für sich.

Wie lange werd‘ ich noch diese
Martern tragen können und nicht erliegen?
EURYDIKE.
Geliebter Gatte, leb‘ wohl!
ORPHEUS.
Ihr Klagen, ach, wie zerreißt es blutig dies Herz.
Ich bin verloren! – Wahnsinn ergreift mich – ich rase!

Er wendet sich mit einem leidenschaftlichen Blicke zu ihr.

Teure Geliebte!
EURYDIKE.
Große Götter, ich wanke, ich sinke! Ich sterbe!

Sie sinkt in seine Arme und stirbt.

ORPHEUS läßt sie auf die Felsenbank gleiten.
Weh‘ mir! Nun ist’s geschehn. Zu welchem Schritte riß die Liebe mich!
Teure Eurydike! Eurydike! Geliebte!
Ewig ist jetzt für mich sie verloren!
Nur ich, nur ich allein gab der Teuren den Tod!
O Schrecken! Verzweiflung! Ha, mich tötet die Angst!
Nicht Hilfe nahet, alle Hoffnung schwindet
Und mir bleibt, o grauser Gedanke!
Nur der vernichtende Anblick des namenlosen Elends.
Schicksal vollende denn! Sieh, ich verzweifle!

Nr. 30. Arie.

Ach, ich habe sie verloren,
All mein Glück ist nun dahin,
Wär‘, o wär‘ ich nie geboren,
Weh‘! daß ich auf Erden bin!
Eurydike! Eurydike! Ihr Götter! –
O rede! Gib Antwort!
Orpheus klagt, dein Freund, dein Gatte,
So bang, so heiß ist die Klage!
Ach, ich habe sie verloren,
All mein Glück ist nun dahin,
Wär‘, o wär‘ ich nie geboren,
Weh‘! daß ich auf Erden bin!
Eurydike! Eurydike!
Tödliches Schweigen, vergeblich Hoffen,
Ach, welches Leiden, ach, mein Herz
Zerreißt die Qual!
Ach, ich habe usw.

Nr. 31. Rezitativ.

ORPHEUS.
Nun wohlan! Mit dem Leben ende Orpheus auch die Qual!
Vom dunklen Avernus bin ich noch nicht zu fern,
Und nicht zu lang ist der Weg, der mich trennt von ihr,
Meinem einz’gen Glück. Ja, erwart‘ mich.
O teurer Schatten der Heißgeliebten,
Du Holde, o höre!
Ach, harre meiner, nicht fahre ohne mich
Zum zweiten Male über des Styxes langsame Welle!

Er will sich erstechen.

Eros faßt rasch seinen Arm.

Zweiter Auftritt.

Die Vorigen. Eros.

Nr. 32. Rezitativ.

EROS.
Halt ein, was tust du?

Er entwindet ihm den Dolch.

ORPHEUS.
Und wer bist du, der tollkühn hier es wagt,
Mich zu halten auf der Erde, die mir nur Leiden bringt?
EROS.
Banne dies wilde Rasen! Sei ruhig!
Kennst du den Eros nicht wieder?
ORPHEUS.
Ach, du bist’s! Jetzt erkenn‘ ich dich. Ach, meine Leiden
Lähmen mir jeden Gedanken.
Weshalb erscheinst du zu so schrecklicher Stunde?
Was willst du jetzt?
EROS.
Nur dich beglücken.
Geduldet hast du genug für Kupidos Ruhm.
Empfange Eurydike nun zurück;
Den Sieg der Treue hast du glorreich errungen.

Er berührt Eurydike, die wie aus einem Traum erwacht.

Siehe, sie erwachet! Wieder gehört sie dir.
ORPHEUS.
Was seh‘ ich? – Ihr Götter! Holde! –
EURYDIKE.
Mein Gatte!
ORPHEUS.
Laß dich umarmen!
EURYDIKE.
Ich drücke ans Herz dich wieder!
ORPHEUS.
Unendlich, Gütiger, ist mein Dank!
EROS.
Folgt mir, Beglückte, die treue Liebe vereinet;
Ich führ‘ euch der Erde und der Freude entgegen.
ORPHEUS.
O Tag der Wonne, vereint in Liebe!
EURYDIKE.
O frohe, freudespendende Stunde!
EROS.
Wem meine Blicke lächeln, dessen Leid muß fliehen.

Offene Verwandlung

Prächtiger Tempel des Eros.

Dritter Auftritt.

Orpheus. Eurydike. Eros. Chor von Hirten und Hirtinnen.

Nr. 33. Finale.

CHOR.
Triumph sei dir, Eros!
Denn alles Erschaffene
Dienet der Schönheit
Herrschergewalt.
Wen sie beglücket
Und wen sie entzücket,
Bringet ihr freudig
Den Lobgesang.

Während des Chores werden Orpheus und Eurydike, von allen freudig begrüßt, an den Altar geführt und von Eros gesegnet.