Carl Reinecke

König Manfred

Oper in fünf Akten

Libretto von Friedrich Roeber

Uraufführung: 26.07.1867, Stadttheater, Wiesbaden

Personen

Carl von Anjou

König Manfred

Helene, seine Gemahlin

Octavian, Legat und Kardinal

Fulco,
Ruffo,
Borello,
Fasanella,
Annibaldi, apulische und sicilische Barone, von Manfred verbannt

Ghismonde, eine Nonne

Eckart

Ein Page der Königin

Priester und Chorknaben

Chor der Fischer, der Sarazenen, Sarazeninnen und der Verbannten

Zeit: 1266.
Ort der Handlung: theils bei Neapel, theils in Benevent.

Erster Akt.

Erste Scene.

CHOR DER FISCHER.
Auf’s Meer, auf’s Meer!
Wie leuchtet durch die stille Nacht
Der Sterne schimmernde goldene Pracht!
Fischer am Strand,
Die Netze zur Hand
Und fleht um glückliche Fahrt!
Süße, Reine,
Einzig-Eine,
Du hast uns stets getreu bewahrt!
Maria!

Auf’s Meer, auf’s Meer!
Wenn Sturmeswind sich wild erhebt,
Das Meer in seinen Tiefen bebt,
Fischer im Boot,
Habet nicht Noth,
Ihr steht in der Jungfrau Geleit!
Süße, Reine,
Einzig-Eine,
Dein Name sei gebenedeit,
Maria!
(Nonnenchor: Miserere nobis Jesu Christe.
EINIGE FISCHER.
Ha, seht, durch den Hohlweg dort
Bei Fackelschimmer, wer naht?
Eine Schaar ist’s vermummter Männer

Und eine Schaar von büßenden Nonnen.
ANDERE.
Verbannte sind es.
Werden sie hier entdeckt,
So sind sie dem Tode geweiht!

Zweite Scene.

Ghismonde, Nonnen, Verbannte.

FULCO, RUFFO UND BORELLO.
Ist die Straße frei?
Leuchtet mit Fackeln!
FASANELLA.
Fischer dort! – Wir sind verrathen!
GHISMONDE.
Steckt eure Schwerter ein!
Freunde sind es.
Sie kommen hierher
Das Land zu erkunden,
Nun leitet sie wieder
Sicher von dannen,
Sie fliehn vor dem Abgrundentstiegenen,
Sie fliehen vor Manfred!
CHOR DER FISCHER.
Den Segen o gieb uns
Zu diesem Werke!
GHISMONDE.
Wo ist die Hand, die segnen könnte,
Da auf uns Allen
Ruhet der Fluch?
CHOR DER FISCHER.
Weh über uns!
GHISMONDE.
Herrschet nicht immer noch hier
Der Abgrundentstiegene,
Der die Kirche verfolgt,
Ihre Heiligen tödtet?
Herrschet nicht Manfred hier?
VERBANNTE UND CHOR DER FISCHER.
Weh über Manfred!
GHISMONDE.
Sitzt auf dem Thron er nicht
Rosenbekränzt?
Oder schweift nächtens umher
Wie der Heidengott Dionysos,
In seiner Hand den schäumenden
Taumelbecher der Lust,
Daß er trunken die Herzen mache?
Und seht hier Diese,
Des Landes Edle,
Sie, die da trugen
Die Fahne des Kreuzes:
Hat er sie nicht von der heimischen Erde
Mit Schaaren ungläubiger Sarazenen
Ans den Burgen der Väter vertrieben?
DIE VERBANNTEN UND CHOR DER FISCHER.
Weh über Manfred!
GHISMONDE.
Aber kommen wird einst
Der Tag der Vergeltung!
Und wenn er herannaht,
Männer Neapels,
Diesen hier folgt!
Was sie gebieten, durch ihren Mund
Gebietet es euch die heilige Kirche!
CHOR DER FISCHER.
Und wenn er herannaht
Der Tag der Vergeltung,
Diesen hier
Folgen wir!
Was sie gebieten, durch ihren Mund
Gebietet es uns die heilige Kirche.
DIE VERBANNTEN.
Der Morgen ist nicht weit,
Zeit ist’s, hinweg zu eilen.
O herbe Qual, o Leid,
Es darf der Fuß nicht weilen!
Wann kommst du uns, ersehntes Glück?
Wann kommst du, Tag, der in der Väter Hallen
Uns siegreich führt zurück?
GHISMONDE.
Er kommt, er kommt,
Schon könnt sein Nahn ihr spüren,
Es kommt der Tag, der euch zurück wird führen!
DIE VERBANNTEN.
O bittres Leid, o herbe Schmach,
Verbannt zu gehn auf fremder Erde.
GHISMONDE.
Sei nur getrost, verscheuchte Heerde,
Er kommt, er kommt, der Rache Tag!
VERBANNTE UND CHOR DER FISCHER.
Sei uns gegrüßt, der Rache Tag!

Dritte Scene.

GHISMONDE.
Hinweg nun ihr,
In des Klosters verschlossene Räume.
Ueber unsern Häuptern, ach,
Hängt das Schwert!
EINE NONNE.
Sahst du den König schon?
Wie ist sein Antlitz?
GHISMONDE.
Nein, dieses Auge sah ihn nie, – –
Weh mir, einmal doch
Im nächtigen Traume
Erschien er mir.
Hinabgestiegen war ich
In das Dunkel der Grüfte.
Dort hatte gefastet ich,
Blutig den Leib gegeißelt,
Und erschöpft zuletzt
War an den Kreuzen ich niedergesunken.
Da war’s mir, als hörte
Seinen Namen ich rufen,
Weh, da erschien er mir,
Weh, daß ich des Traums nicht vergesse!
Manfred!
Da sah ich hervor
Aus des Abgrunds Thor
Rosengeschmückt ihn steigen!
Und die Luft erklang
Von Lust und Gesang,
Von jauchzenden Harfen und Geigen!

Da war mir, als sollt‘
Ihm minnehold
Fliegen das Herz entgegen,
Als müßte er mir
Der Krone Zier
Auf das Haupt, das glühende, legen.

Nun will das Gesicht
Aus der Seele mir nicht,
Nun muß ich es mit mir tragen!
Nicht här’nes Gewand
Erstickt nun den Brand,
Nicht blutiges Geißelschlagen.

Und flucht ihm der Mund –
In des Herzens Grund
Da hör‘ ich es lachen und klingen!
Halt über mich Wacht
Du himmlische Macht,
Mich will die Hölle verschlingen!
Harfenklang, – horch, in der Ferne!
Er ist’s, er ist’s! So hört ich’s in meinem Traum!
CHOR DER NONNEN.
Wohin sollen wir entrinnen?
Er kommt auf dem Pfade,
Der zum Kloster führt!
GHISMONDE.
Vor jenem Heiligenbilde werft euch nieder!
NONNENCHOR.
Heil’ge Jungfrau, halte mild
Ueber unsre Häupter deinen Schild!

Vierte Scene.

MANFRED.
Weckt auf die Lust, die schlafend liegt,
Weckt sie auf mit Rufen und Singen!
Schon purpurn herüber das Frühroth fliegt,
Schon schüttelt die Lerche die Schwingen!
Weckt sie auf, aus dem süßen Schlaf empor,
Führt ihr geflügelt Roß ihr vor
Und reicht ihr den goldnen Zügel,
Ihr nach, ihr nach durch die Lüfte blau,
Ueber Wald und Au,
Ueber Fels und Thal und Hügel.

Wohin sie nur setzt ihres Fußes Spur,
Wie rinnen und rauschen die Quellen!
Ein strömendes Leben durchdringt die Natur
Und alle Knospen schwellen!
Die Sorgen entfliehn, das Herz wird weit,
Aufathmet es tief in Seligkeit
Und will zum Himmel sich schwingen!
Und Lippe sich zitternd an Lippe schmiegt, – –
Weckt auf die Lust, die schlafend liegt,
Weckt sie auf mit Rufen und Singen! –
CHOR DER RITTER UND FRAUEN.
Gekommen ist das Paradies,
Nun laßt die Harfen klingen!
Schon purpurn herüber das Frühroth fliegt,
Weckt auf die Lust, die schlafend liegt,
Weckt sie auf mit Rufen und Singen.
MANFRED.
Eckart, du Vielgetreuer,
Was blickst du ernst in all‘ die Lust?
ECKART.
Wolltest du meiner
Warnung hören!
Heimlich durchziehen
Das Land die Verbannten,
In Schaaren stehen
Sie an den Grenzen,
Und ab schon wendet
Das Volk sich dir.
MANFRED.
Du bist ein Träumer! –
Wenn die Vertriebenen,
Rachedürstend,
Wenn hag’re Mönche
Aufschüren das Volk,
Ich lass‘ sie ergreifen und tödten.
ECKART.
O gib ihr nach
Der Stimme der Menge!
In diesen nächtigen Zügen,
In diesem Taumel der Lust

Sieht es die Hölle!
MANFRED.
Nein, bei den Göttern,
Nicht setz‘ ich den Becher
Ab von den Lippen,
Bis ich ihn leer auch getrunken!
Ha, wer sind diese?
Die schwarzen Gestalten,
Die Gestalten der Nacht?
Sind sie verbannt nicht aus meinem Reiche,
Dem Reiche des Lichts und der Freude?
Hinweg mit ihnen! Führt sie zum Tode!
GHISMONDE.
Willst du tödten?
Tödte du mich,
Mich allein! – –

Für sich.

Maria!
Er ist’s, er ist es!
So sah ich ihn in der Nacht der Gräber!
MANFRED.
Ist staubgeboren diese, oder stieg sie
In ew’ger Schöne nieder aus den Wolken?
Holder Anmuth welche Fülle
Birgt sich in der düstern Hülle,
In der här’nen Nonnentracht!
GHISMONDE.
Daß nicht Blicke Wege finden,
Himmel, lasse mich erblinden,
Senk das Aug‘ in ew’ge Nacht!
MANFRED.
Süße Heil’ge!
GHISMONDE.
In die Seele
Stiehlt sich seiner Stimme Klang!
MANFRED.
Komm, was soll auf diesen Lippen
Grabeslied und Bußgesang?
Lern‘ des Lebens Lust empfinden, –
Sieh den Himmel, Stern an Stern!
GHISMONDE.
Will die Schlange mich umwinden?
Bleib, Versucher, bleib mir fern!
ECKART.
Ist ein Zauber jäh entglommen?
Hält ihn fest ein schlimmer Bann?
Das Verderben seh‘ ich kommen,
Ach, er ruft es selbst heran!
MANFRED.
Wirf hinweg den finstern Wahn!
GHISMONDE.
Weh, das Herz fühl‘ ich erbeben!
MANFRED.
Süße Heil’ge, komm, das Leben
Lacht in hellem Glanz dich an!
Heit’res Spiel nur ist sein Ernst!
Komm, o komm, daß du genießen lernst!
GHISMONDE.
Leben ist nur Grab und Nacht!
MANFRED.
Ist dies Grab und ist dies Nacht?
Sieh, die Sonne ist erwacht!
Ueberfluthend mit goldnem Strahl
Füllt sie das Meer und das weite Thal!
Komm, mit süßen Liebesschwüren
Will ich dir die Seele rühren!

Fünfte Scene.

KARDINAL.
Laß ab von ihr, es ist die Braut des Herrn!
MANFRED.
Verwegner Kardinal!
KARDINAL.
Zum letzten Male zu dir
Bin ich gesandt,
Mich führte das Schiff hierher in der Nacht,
In neuen Freveln treff‘ ich dich an!
MANFRED.
Trau deinem Kleid nicht, schone deine Zunge!
KARDINAL.
Kehr um auf deinem Weg,
Wirf voller Rene zu den Füßen
Des heil’gen Vaters dich,
Nimm die geraubte Kron‘ von deinem Haupt
Und wieder wird sie dir zu Lehen
Die Kirche geben.
MANFRED.
Ha, Kardinal,
Eh‘ du mich siehst zu Rom die Kniee beugen,
Geht unter diese Welt!
KARDINAL.
Weh‘ dir, verharrest du in deinem Trotz!
MANFRED.
Süße Schönheit, dich seh‘ ich wieder.
KARDINAL.
Von ihr hinweg, der Gottverlobten!
Stimmt an das Lied der Buße!
MANFRED.
Nein, rauschend fliege auf das Lied der Lust,
Daß wiederkling‘ das Meer, die Luft, der Wald
CHOR DER RITTER UND FRAUEN.
Gekommen ist das Paradies,
Auf, laßt die Harfen klingen,
Die dunkle Nacht, sie ist besiegt,
Strahlend die Lust zum Himmel fliegt
Empor auf goldnen Schwingen.
CHOR DER NONNEN.
Das Kreuz empor, es siegt das Krenz im Streit.
MANFRED.
Ich laß dich nicht!
GHISMONDE.
Dem Kreuz bin ich geweiht!
MANFRED.
Dem Kreuze? Ha, ich will dich ihm entringen!
KARDINAL.
Das Kreuz empor, es siegt das Kreuz im Streit.
GHISMONDE.
Wollest gnädig mich behüten,
Du Maria! sei mein Hort!
MANFRED.
Brech‘ zum Kranz ich mir die Blüthen,
Schreckt mich nicht des Priesters Wort.
ECKART.
Wer wird seinen Pfad behüten?
Untreu‘ wohnt an jedem Ort.
KARDINAL.
Schon beginnt des Sturmes Wüthen
Und sein Schiff zerschellt im Port.
Zweiter Akt.

Erste Scene.

MANFRED.
Wär‘ brennende Lohe gewoben
Um sie gleich einer Burg,
Furchtlos das Haupt erhoben,
Ritt‘ ich die Lohe hindurch.
Trag‘ ich der Minne Wehe,
Sie ist es, die mich heilt;
Nun, kluger Page, gehe
Und forsche, wo sie weilt.
Nicht Klostermauern schrecken,
Das Kreuz nicht über’m Thor,
Ich muß die Holde entdecken,
Aus Nacht und Gräbern heb‘ ich
Sie hoch zu mir empor.
Was ist dir wieder voll Sorgen die Stirn?
ECKART.
Sieh hier, o König,
Die Kirche verbündet
Sich mit dem finstern
Karl von Anjou,
Mit einer Schaar
Französischer Ritter,
Mit großem Heere
Naht er heran!
Es gilt, die Krone dir zu entreißen.
MANFRED.
Ich trage sie fest auf meinem Haupte
Und nimmer soll es den Tag mir verkümmern.
Caserta vertrau‘ ich die Hut des Landes,
Fest sind die Schlösser an seinen Grenzen,
Mit kleiner Schaar nur
Hält er das Heer der Feinde zurück!
Mehr nicht bedarf es,
Gehe nur sorglos, du Allgetreuer,
Geh und lasse mich träumen. –
Wär‘ der Page zurück!
Wo werd‘ ich sie finden?
Wo ihr begegnen?

Zweite Scene.

MANFRED.
Helene!
HELENE.
Mein Gatte!
Weh, was liegt zwischen dir und mir?
Was ist geschehn, daß du so fremd mir scheinst?
Wie bist du kalt, ach, anders warst du einst!
Was that ich dir?
MANFRED.
Nicht quäle dich und mich, was soll dein Fragen?
Kann ich ihr sagen,
Was mich durchglüht?
Wie mir die Seele
In Flammen sprüht?
Wie mit Gewalt
Es mich hinzieht zu ihr?
HELENE.
Ach, wer kann sagen,
Warum er mich flieht,
Sein Auge sich wendet,
Das mir einst geglüht?
Was mit Gewalt
Ihn hinwegreißt von mir!
HELENE.
Ach, anders warst du einst, wie bist du kalt!
Was that ich dir?
MANFRED.
Laß mich, nichts, nichts!
HELENE.
Wie liegt so weit
Die gold’ne Zeit,
Die Zeit des ersten Lenzen,
Da ich dein Haupt durft‘ kränzen.
Deines Auges Stern, mir strahlt er nicht mehr, –
Was that ich dir? Nun bin ich freudeleer!
Kehr um, kehr um, ich fühl‘ den Boden wanken!
Weißt du es nicht, was dich bedroht?
Weißt du es nicht? Es geht um deine Krone!
MANFRED.
Um meine Krone hat’s nicht Noth,
Noch sitz‘ ich fest auf meinem Throne.
HELENE.
Du stürmst einher in rauschender Wonne,
Dem Himmel willst entreißen du die Sonne,
Verstreu’n die Sterne mit der Hand,
Weh‘, ahnend seh‘ ich schon den Brand!
O diese Angst, das Herzeleid,
Kehr um, kehr um, noch ist es Zeit!
MANFRED.
Was sagst du, Weib? Willst du, daß ich soll büßen
In Sack und Asche, – knieen zu den Füßen
Des Stuhls zu Rom? – Ich habe nichts mit dir!
HELENE.
Manfred! – halt ein! – Manfred!
MANFRED.
Hinweg von mir?
Die Zeit, sie war, daß ich an dich geglaubt!
HELENE.
O Gott! Nun hast du all‘ mein Glück geraubt!
Wie liegt so weit
Die gold’ne Zeit,
Die Zeit des ersten Lenzen,
Da ich sein Haupt durst‘ kränzen.
Seines Auges Stern, mir strahlt er nicht mehr –
Es ist vorbei, nun bin ich freudeleer!

Dritte Scene.

KARDINAL.
Es naht Anjou,
Darum nicht sollt ihr
Das Land verlassen.
Hier sollt auf’s neue
Ihr euch verbergen
In des Klosters heiligen Mauern,
Daß ihr hervorbrecht,
Wenn sie gekommen
Die Stunde der Rache. –
Warum der Unmuth
Auf euern Stirnen?
CHOR DER VERBANNTEN.
Wie wir die Sclaven
Waren der Deutschen,
Werden die Sclaven
Frankreichs wir.
KARDINAL.
Euch schützet die Kirche.
CHOR DER VERBANNTEN.
Was soll uns Anjou?
Schon steht in den Schlössern
Zum Schutze der Grenzen
Gerüstet Caserta.
KARDINAL.
Caserta ist unser!
CHOR DER VERBANNTEEN.
Wie, Caserta?
KARDINAL.
Er wird dem Heere die Schlösser öffnen.
CHOR DER VERBANNTEN.
Des Landes Barone, sie stehen zu Manfred,
Ihm wird der Sieg.
KARDINAL.
Mit Frankreichs Golde
Erkaufen wir sie.
CHOR DER VERBANNTEN.
Mit Gold, mit Gold?
Das ist die Waffe,
Mächt’ger als Lanzen,
Mächt’ger als Speere!
KARDINAL.
Komm, Knabe, geleite mich
In die entlegne Zelle,
Wo nichts mich stört!
Gehabt euch wohl!
Mit uns ist Gott!

Vierte Scene.

CHOR DER VERBANNTEN.
Manfred!
Noch trägst du prangend die Königskron‘,
Ueber Nacht, über Nacht,
Eh‘ du’s gedacht,
In Trümmern liegt dein stolzer Thron!

In Schutt und Graus
Zertrümmert dein Haus,
Das auf zum Himmel ragen sollt‘!
Uns hilft ein Dämon, uns hilft das Gold!
BORELLO.
Horch, hört ihr nichts?
FULCO.
Nein, der Orgel Klang
Hallt leise durch die Nachtluft.
MANFRED.
Der feste Riegel ist gesprengt
Und offen steht der Garten;
Dort, wo die Weide niederhängt,
Dort sollt ihr meiner warten.
BORELLO.
Das ist die Stimme Manfreds,
Er sprengte das Thor,
Ihn gab der Herr in unsre Macht!
Doch nun verstellt den Ausgang ihm zuvor,
Dann ist er unser, eh‘ wir’s gedacht!

Fünfte Scene.

MANFRED.
Mein soll sie werden!
Morsch ist das Krenz,
Dran sie sich klammert –
Meine Hand zerbricht es.
ECKART.
Lasse dich warnen,
Es will dich umgarnen
Die Schlinge des Bösen!
Zu deinen Füßen
Liege ich hier.
MANFRED.
Thörichter Alter,
Was drängst du verwegen
Dich mir entgegen?
Hinweg von hier!
ECKART.
Ich hab‘ dich getragen
In Kindestagen,
Mit Sorgen behütet
Dich Tag und Nacht.
MANFRED.
Nimmer hier sollst du
Mit Flehen, Beschwören
Mich grämlich bethören.
Ueber mich komme,
Was kommen mag.
ECKART.
Unheil, ich seh‘ es,
Wird dir entstehen.
MANFRED.
Mag es geschehen!
ECKART.
Meid‘ diesen Ort!
MANFRED.
Sieh, ihre Zelle
Wie schimmert sie helle!
Willst du mich halten,
Alter, gewaltsam?
Ach, unaufhaltsam
Reißt es mich fort!

Sechste Scene.

ECKART.
Engel des Himmels, schützet ihn!
Meine Hand ist zu schwach. –
Wer ist’s, der hier sich
Verbirgt in dem tiefen
Dunkel der Bäume?
Wer naht sich dort?
Es lauert Verrath!
Halte nur, Eckart,
Getreue Hut!

Siebente Scene.

FASANELLA UND ANNIBALDI.
Nun ist er in der Falle
Und kann uns nicht entspringen;
Herein, herein jetzt Alle,
Jetzt muß es uns gelingen.
FULCO, RUFFO, FASANELLA UND ANNIBALDI.
Die düstern Taxushecken
Sie dienen zum Verstecken.
Hinter die Hecken schnell und verstohlen
Huscht wie die Schatten auf lautlosen Sohlen.
FASANELLA UND ANNIBALDI.
Borello wird das Zeichen geben,
Heran dann ohne Beben,
Dann gilt es seinem Leben,
Rasch sei das Werk gethan.
Die Stunde ist gewogen,
Eh‘ ihre Gunst entflogen,
Sei unser Werk gethan.
Hinter die Hecken schnell und verstohlen
Huscht wie die Schatten auf lautlosen Sohlen.

Achte Scene.

MANFRED kommt zurück.
Nirgend find‘ ich sie!
Flieg denn empor zu ihr,
Süße Weise,
Daß dich ihr Ohr vernimmt!

Was weilst du in der Lenzesnacht
Einsam, ach, und allein?
Umwebt dich nicht mit süßer Macht
Der dämmernde Mondenschein?
Klopft dir das Herz nicht im Busen bang
Und füllt es sich nicht mit heißem Drang?
Warst du verirrt, o kehr‘ zurück
Aus Grab und Tod zu sel’gem Liebesglück!

Und süßer, immer süßer singt
Im Baum die Nachtigall,
Von himmlischen Lippen zu dir dringt
Ein Kosen überall.
Wie strahlt durch die Lauben der göttliche Schein?
Und du weilst einsam, ach, und allein?
Warst du verirrt, o kehr‘ zurück
Aus Grab und Tod zu sel’gem Liebesglück.
GHISMONDE.
Seine Stimme ist’s, feiner Harfen Klang.
MANFRED.
O komm hervor, dich ruft mein Lied,
Meine ganze Seele dich zu mir zieht.
BORELLO.
Schnell jetzt heran und schnell herbei,
»Tod dem Tyrannen!« sei euer Geschrei.
ALLE VERBANNTE.
Tod dem Tyrannen!
ECKART.
Tod dem Verräther!

Neunte Scene.

GHISMONDE.
Waffengeklirr!
MANFRED.
Ghismonde!
GHISMONDE.
Du bist’s, du bist’s, lein Dolchstoß durft‘ dich treffen!
Du bist’s, meine Arme klammr‘ ich um dich!
Wohlan, wohlan, ich breche den Eid,
Den ich geschworen!
Und meine Seele geb‘ ich dahin
Verloren!
Und lasse das Kreuz und das Nonnengewand,
O, neig dich zu mir und stille den Brand!
MANFRED.
So hab‘ ich der Gruft, der schaurigen, dich
Entrungen!
So bist du nun mein, und so halt‘ ich dich fest
Umschlungen!
GHISMONDE.
So bist du nun mein, und so halt‘ ich dich fest
Umschlungen!
GHISMONDE.
Was hab‘ ich gethan,
Wie blickt es mich an
Mit blutigen Augen
Das dorngekrönte, zerstochene Haupt?
MANFRED.
Komm, aus den Küssen das Leben zu saugen,
Schwinge den Becher rebenbelaubt.
GHISMONDE.
Hörst du es nicht wie Todesjammern?
Es will mich wie mit Armen umklammern,
Es faßt am Gewand mich, es hält mich zurück!
MANFRED.
Will dich der nächtige Schrecken bedrängen?
Folge mir, Süße, ich führ‘ aus den engen
Mauern hinweg dich zu seligem Glück.
GHISMONDE.
Gieb mir das Glück!
MANFRED.
Mein holdes Verlangen!
Komm, o komm, die Kränze sie winken,
Schlinge die duftigen dir um’s Haupt!
Trink aus der Minne rauschendem Bronnen,
Schwinge die Schaale rebenbelaubt.
GHISMONDE.
Ja, nun will ich dich heiß umfangen,
Und erfüllt ist das Traumgesicht.
Ja, nun will ich die Flammen trinken!
Gib mir das Glück, und ich lasse dich nicht.
MANFRED.
Komm, o komm, die Kränze sie winken,
Schlinge die duftigen dir um’s Haupt!
Trink aus der Minne rauschendem Bronnen,
Schwinge die Schaale rebenbelaubt.
GHISMONDE.
Gib mir das Glück und gib mir die Wonnen,
Laß aus der Minne rauschendem Bronnen,
Lasse mit durstigen Zügen mich trinken,

Schlinge die Kränze mir um das Haupt!
Dritter Akt.

Erste Scene.

CHOR DER LANDLEUTE.
Die Herolde rufen,
Sie laden die Gäste
Zum rauschenden Feste,
Zu Spiel und Tanz und zu herrlichem Schmaus
Zu des Königs Hof, zu des Königs Haus!
Die Straßen entlang
Tönt lauter Gesang.
Schon kommen die Schaaren
Holder Frauen und Ritter gefahren
In farbiger Pracht und in goldenem Glanz.
Weh’nde Gewänder!
Flatternde Bänder!
Auf, ihnen nach, zu Spiel und Tanz!
CHOR DER SCHIFFER.
Leise verbergt die Waffen,
Daß Niemand es gewahrt!
Es gilt, im Verborgenen schaffen
Bis daß der Tag erschienen,
Der blutig es offenbart!
Dann die Schwerter zur Hand,
Auf die Dächer den Brand,
Die Aexte geschwungen,
Bis wir den Drachen des Abgrunds bezwungen.

Zweite Scene.

HELENE.
Hinweg, hinweg!
Die Hallen sind schon geschmückt,
Die Kerzen entzündet!
Manfred! Manfred!
Warum zerreißest du so mein Herz?

Lasset allein mich fliehen
In die Wüste, die wilde, hinein!
Es sei ihm nimmer verziehen,
Daß er mich so verrathen!
O Herz, wie trägst du nur die Pein!
ECKART.
Ja, Fürstin, du mußt fliehen,
Fliehn in Angst und Pein,
Ich will vorauf dir ziehen,
Dein Hüter, dein getreuer,
Will ich dir allzeit sein.
PAGE.
Wohin du auch magst fliehen,
Nicht sollst du fliehn allein,
Lasse mich mit dir ziehen,
Dein Diener, dein getreuer,
Will ich dir allzeit sein.
HELENE.
Weh‘ mir, wohin?
Ich weiß nicht Hülfe noch Rath,
Ich weiß nicht Wege noch Pfad!
ECKART.
Nach Benevent, dort steht ein Schloß
Mit festen Mauern und Thürmen,
Dort finde Genesung deine Qual,
Die Seele finde Ruh‘, zumal
Wenn draußen wild die Wetter stürmen!
HELENE.
Nichts kann mir Ruh‘ und Frieden geben,
Mein Leiden, ach, ist allzugroß!
ECKART.
Laß Hoffnung, Fürstin, dich umschweben,
Liegt dunkel auch der Zukunft Schooß!
PAGE.
Wie gern gäb‘ ich für sie mein Leben
Und selig pries ich dann mein Loos.
ALLE.
Nach Benevent!

Dritte Scene.

CHOR DER BACCHANTINNEN.
Heil dem Gotte, dem Dionysos!
Nieder ist er zur Erde gestiegen,
Und es beginnt der festliche Reih’n.
Löset die Locken und lasset sie fliegen
Wild um die Schläfe!
Evan, evoe!
Tanzt zu der Fackeln rothglühendem Schein.

Heil dem Gotte, dem Dionysos!
Laßt uns den Herrlichen jubelnd begrüßen,
Weinlaubbekränzt, so tritt er hervor!
Eilt ihm entgegen und stürzt ihm zu Füßen.
Heil sei dem Gotte!
Evan, evoe!
Schäumende Becher hebt sie empor!

Manfred, Manfred, funkelnder Stern!
Küsset den Staub zu den Füßen des Herrn!

Wiegt euch im Tanze, die Arme verschlungen,
Was ihm das Auge, das helle, erfreut –
Wie aus der Knospe die Rose entsprungen
Liebe sich gibt, von der Liebe bezwungen,
Zeiget die schönsten der Künste ihm heut‘.

Sucht euch und flieht wie die flüchtige Hinde,
Bergt euer Antlitz im duftigen Flor,
Daß euch die Liebe, die sehnende, finde,
Leise dann, leis‘ aus des Schleiers Gewinde
Tretet in reizender Schöne hervor.
Heil dem Gotte, dem Dionysos!
Nieder ist er zur Erde gestiegen,
Und es beginnt der festliche Reih’n.
Löset die Locken und lasset sie fliegen
Wild um die Schläfe!
Evan, evoe!
Tanzt zu der Fackeln rothglühendem Schein.
MANFRED.
Sieh, diese Welt, diese Welt ist mein!
Warst du von Schauern
Des Grabes umnachtet,
Warst du verschmachtet
In dumpfigen Mauern,
Nicht mehr sollst du die Tage vertrauern!
Sieh, diese Welt, diese Welt ist mein!
Wonn’ges Entzücken gehe dir ein!
GHISMONDE.
Gib mir Genügen,
Lasse mich trinken
Ewige Wonne in durstigen Zügen!
Laß mich versinken in seliger Lust!
Jetzt erst fühl‘ ich die Geister erwachen,
Die mir schliefen tief in der Brust!
Zündet der Fackeln rothglühenden Schein!
Mir nun die Kränze,
Mir nun das Ephen,
Mir nun den Becher mit schäumendem Wein!
CHOR DER PRIESTER UND CHORKNABEN.
Miserere nobis Domine.
GHISMONDE.
Weh‘ mir, haltet ein!
Was wollen die Töne,
Die herzbeklemmend herüber dringen?
Nein, sie sollen mich nicht bezwingen!
Zündet der Fackeln rothglühenden Schein!
Mir nun die Kränze,
Mir nun das Epheu,
Mir nun den Becher mit schäumendem Wein!
MANFRED.
Wer wagt’s, in diesem Haus die Lust zu stören?

Vierte Scene.

KARDINAL.
Es höre mich, wer Ohren hat zu hören!
Der du gerastet nicht im Uebermuth,
Der du die Kirche hast verfolgt auf’s Blut,
Der du nicht an des Kreuzes Heil geglaubt,
Dreifach den Bannfluch schleudr‘ ich auf dein Haupt!
Der du die heil’gen Tempel hast entweiht,
Du seist verflucht und seist vermaledeit!
Um Nonnenraub, um Frevel und Verrath,
Du seist verflucht um jede Missethat!

Du trugst der Sarazenen Schild und Speer,
Ungläub’ge Dirnen tanzten vor dir her!
Dem Satan gleich hast du den Herrn versucht!
Sei in die tiefste Hölle drum verflucht!
So hör‘, mich an: des Throns bist du entsetzt!
Das Schwert, das dich soll treffen, ist gewetzt,
Geschürt das Feuer, das dich soll verzehren,
Dein ganzes Haus verwüsten und verheeren!
MANFRED.
Ha, meine Krone! wer entreißt sie mir?
Bringt mir die Krone! – König bin ich hier!
KARDINAL.
Er ist verflucht! Das Kreuz empor und zieht
Dem Kreuze nach!
EIN THEIL DER RITTER MANFREDS.
Folgt ihm! – Entflieht, entflieht!
Weh‘, der Bannfluch ist gesprochen,
Weh‘ uns, weh‘, wie soll das enden?
Wohin sollen wir uns wenden?
Das Verderben folgt uns nach!
EIN ANDERER THEIL DER RITTER UND DIE FRAUEN.
Ha, der Bannfluch ist gesprochen,
Wie das kommen mag und enden,
Nichts soll ab uns von ihm wenden,
Auf, durch Noth und Tod ihm nach!
GHISMONDE.
Ha, der Bannfluch ist gesprochen,
Wie das kommen mag und enden,
Nichts darf ab euch von ihm wenden,
Auf, durch Noth und Tod ihm nach!
MANFRED.
Frisch der Muth und ungebrochen,
Scharf das Schwert in meinen Händen!
Mögen mir die Götter senden
Nimmer unheilvollern Tag.
KARDINAL, PRIESTER UND CHORKNABEN.
De profundis ad te clamavi
Domine exaudi me.

Vierter Akt.

Erste Scene.

CHOR DER MÄDCHEN UND FRAUEN.
Auf ihrem Auge, da liegt es wie Nacht,
Auf ihrer Stirne, da fliegt es wie Schatten!
Ist ihr ein Dämon im Busen erwacht?
Fühlst du, o Herrin, die Seele ermatten?
Sieh unsre Tänze, die neu wir erdacht.

Leuchtende Geister, sie weben und wallen,
Weben im Nebel, der leis‘ sie umzieht,
Wölben empor ihn zu herrlichen Hallen,
Und dich umfängt ein verzaubert Gebiet.
GHISMONDE.
Weg von mir!
Eure Künste mag ich nicht länger.

Zweite Scene.

GHISMONDE.
Verstimmt sind die Harfen, die Lust ist verglüht,
Der prangende Garten verdorrt und verblüht,
Im Becher der Wein ist verduftet und schaal,
Krank ist mir das Haupt und das Herz zumal.
Du goldner Ring, du leuchtende Zier,
Wie sticht dein Glanz in das Auge mir!
Wie dringt er tief in das Herze mir ein,
Die Sinne verzaubert der magische Schein,
Und wie diese Hand dich greift und hält:
Du bist die höchste Lust der Welt!

Dritte Scene.

MANFRED.
Wohlauf, die Rosse stehn bereit,
Ich komme, von dir zu scheiden.
Vorbei ist nun der Minne Zeit,
Nun soll das Schwert im heißen Streit
Blutige Rosen schneiden.
GHISMONDE.
Und ich, was soll ich hier?
MANFRED.
O brich die Frucht,
Die süße, in der Stunden Flucht,

Laß Tanz und Spiel sich jeden Tag erneuen;
Genieß, was nur das Herz dir kann erfreuen!
GHISMONDE.
Was ist Genuß? Schon bin ich übersatt,
Es ist verwelkt schon jedes Rosenblatt,
Die Lust ist verglüht,
Der prangende Garten verdorrt und verblüht,
Im Becher der Wein ist verduftet und schaal,
Krank ist mir das Haupt und das Herz zumal.
MANFRED.
Was willst du mehr?
GHISMONDE.
Wonach die Seele bebt:
Gib mir, was mich zu dir erhebt,
Gib mir die Krone!
MANFRED.
Ha, was forderst du?
GHISMONDE.
Du hast gerissen mich aus sel’ger Ruh,
Gerissen aus des Klosters stillem Frieden,
Das Heil zertrümmert, das mir war beschieden,
Ich trank den Becher, – weh‘, du gabst mir Schaum, –
Gib mir die Krone!
MANFRED.
Nimmermehr!
Sie schmückt dein Haupt, Helene, mein Gemahl!
Was hab ich dir gethan? Mit einem Mal
Auf dieses Herz nun fällt es bergeschwer.

Das reinste Glück, du hast es mir gegeben,
O laß dein Bild auf’s Neue mich umschweben,
O laß dich halten, selige Gestalt!
Von heißer Regung,
Von inn’rer Bewegung,
Ach, wie das Herz mir tief im Busen wallt.
GHISMONDE.
Wie ist verwandelt er mit einem Mal?
Denkt er an sein verstoßenes Gemahl?
Denkt er des Glückes, das sie ihm gegeben?
Will ihn ihr Bild auf’s Neu‘ umschweben?
Hinweg, du bleiche, trüg’rische Gestalt!
Von heißer Regung,
Von wilder Bewegung,
Ha, wie das Herz mir tief im Busen wallt!
Was sinnst du? Mach es wahr das Traumgesicht,
Die Nacht der Gräber umfing mich dicht,
Aus des Abgrunds Thor
Da sah ich hervor
Rosengeschmückt dich steigen,
Da war mir, als sollt‘
Sich minnehold
Dein Antlitz zu mir neigen,
Als müßtest du mir
Die goldne Zier
Der Krone entgegentragen.
MANFRED.
Nein, nimmermehr,
Ach, nur zu schwer
Muß ich mich selbst verklagen.
Helene, du mein traut‘ und süß‘ Gemahl.
Holdes Erinnern
Ruft mir im Innern
Neu wieder wach die vergangenen Tage,
Ach, mit tiefer, unendlicher Qual.
GHISMONDE.
Sie ist’s, die in sein Herz auf’s Neu‘ sich stahl,
Er denkt des Glückes vergangener Tage
Und überläßt mich meiner Qual!
Du rissest mich aus der Gräber Nacht,
Du lehrtest mich die Lust der Welt –
Und doch, – du hast mir alle Lust vergällt
Und hast mich elend nur gemacht!
Du gabst mir Schaum, – nun ist der Becher leer!
Gib mir Ersatz, – wonach die Seele bebt,
Was mich empor zu dir erhebt,
Gib mir die Krone!
MANFRED.
Nimmermehr!

Vierte Scene.

GHISMONDE.
Du mußt, du mußt! – – –
Trittst du mir in den Weg,
Wankende Gestalt,
Bleiche Königin?
Weh‘ über dich,
Es ist dein Tod!
Dein eigner Arzt
Soll dir das Gift
Im Morgentrunk reichen.

Was blickst du mich an
Mit brechendem Aug‘,
Was umweht mich kalt
Dein Todeshauch?
In die Erde hinunter! –
Mich läßt erbeben
Nicht Schrecken und Graus,
Die flackernde Kerze,
Dein zitterndes Leben
Ich lösche es aus! – – –
O Frieden, den ich einst genoß,
O sel’ge Ruh, die ich getrunken,
O Himmelsthau, der auf mich niederfloß,
Du Klosterglück, in Nacht bist du versunken!
Eins strahlt mir nur durch’s tiefe Dunkel:
Du goldner Reif, dein licht Gefunkel!
Wehe dir, Königin,
Es geht mein Weg
Ueber dich dahin!
Mich läßt erbeben
Nicht Schrecken und Graus,
Die flackernde Kerze,
Dein zitterndes Leben,
Ich lösche es aus!
Wehe dir, Königin,
Es geht mein Weg
Ueber dich dahin!

Fünfte Scene.

MANFRED mit kriegerischem Gefolge.

Recitativ.

Die Reiter an den Ausgang dieses Thal’s,
Die Schützen auf die Höh’n,
Die Sarazenen harren hier,
Ich führe sie und dräng‘ den Feind zur Ebene hinaus;
Dann erst, wenn mich die Reiter seh’n,
Wenn ich den Feind geworfen bis in’s Freie,
Dann stürmen sie hervor, den Sieg verkündend.
Fort, fort – so sei die Schlacht! –
Betäubung für mein Herz sei Sieg und Schlacht,
In meinem Innern tobt ein schlimmrer Kampf.
Jetzt weiß ich es, daß ich verblendet war.
Um eines Dämons trügrischen Schimmer
Hab‘ ich mein Weib verlassen.
Welch‘ ein Weib! so rein, so edel wie ein Engel!
Vergebung will ich mir erflehen zu ihren Füßen
Und sie retten, ja, sie erretten!

Denn ein drohend Gespenst, so seh‘ ich es schweben,
Es hebt seinen Arm, es will an ihr Leben,
Ich kenn‘ die Gestalt,
Eine finst’re Gewalt
Ach, fesselte sie an mein Geschick.
Ha, Ghismonde!
Sieh‘ ihr Aug‘, es droht
Und was sie sinnt ist der Tod. – –

Nein, nein, es war ein Trugbild meiner Phantasie, das mich erschreckt.
Auf denn zum Kampf!
Er läut’re mich durch Noth und durch Gefahr,
Ja, selbst den Tod, ich fürcht‘ ihn nicht!
Doch, schenkt mir Gott den Sieg,
Kann ich mich froh wie sonst der holden Gattin nahn? –
O Siegesruf, wie schwellte mir einst
Die Brust dein wonniger Klang!
O Siegeslust, wie stürmte das Herz
Empor mit gewaltigem Drang.
Dann zog’s mich zu dir, es trieb meinen Fuß
Zu dir, zu dir, Helene!
Wie war ich beglückt von deinem Gruß,
Mein Weib, mein trautes, Helene!
Und du reichtest den Mund zum Kusse mir dar
Und flochtest den Siegeskranz durch mein Haar,
Mein Glück, mein süßes, Helene!
Was hat den Sinn mir arg bethört,
Wie hab‘ ich selbst mein Glück zerstört!
Nur zur Verlornen stürmt das Herz
Mit gewaltigem Drang!
Heb‘ wieder mich zu dir empor,
Der ich in dir mich selbst verlor,
Mein Weib, mein trautes, Helene!

Sechste Scene.

ECKART.
Mein Königlicher Herr! gieb länger nicht
Dich hin dem Trübsinn! Ermanne dich.
Sei wieder ganz ein Held wie stets du warst,
Wenn du dem trotz’gen Feind in’s Anlitz sahst.

Siebente Scene.

MANFRED.
So sei’s, getreuer Eckart! Es erwach‘
Die alte Kraft in mir. Zum Kampf, zum Kampf!
Geheilt von unseliger Leidenschaft
Will wieder ganz ich sein ein Mann und Held.
Auf zum Kampf, auf zur Schlacht!
Auf zum Siege!
ECKART.
Manfred, Manfred, funkelnder Stern!
Siehe, die Feinde, sie flieh’n vor dem Herrn!
Auf und vertilg‘ sie mit Lanze und Schwert,
Die Rosse wiehern und schlagen –
Auf zum Kampf, auf zur Schlacht!
Auf zum Siege!
CHOR DER SARAZENEN.
Manfred, Manfred, funkelnder Stern!
Siehe, die Feinde, sie flieh’n vor dem Herrn!
Auf und vertilg‘ sie mit Lanze und Schwert,
Die Rosse wiehern und schlagen!
Selig, wer heute zum Himmel fährt,
Allah il Allah,
Empor von den Houris getragen!

Fünfter Akt.

Erste Scene.

HELENE.
Ach, wie diese milden Lüfte
Mir das kranke Haupt umfließen;
Wie der Blumen süße Düfte
Strömend sich um mich ergießen!
Und herüber aus der Ferne
Tönen frohe Schifferlieder,
Hört‘ ich sonst auf euch so gerne –
Stille, mein Herz,
Nimmer kehrt die Freude wieder.
PAGE.
Hoffe, hoffe!
Er kehrt dir wieder.
HELENE.
Was war es, was du gestern sangst?
Wundersam ergriff mich die Weise,
Als läg‘ ein süßer Trost darin –
Sing‘ mir das Lied.
PAGE.
So höret, Fürstin, denn, wie ich’s
Von einem nord’schen Sänger hörte:
Er hat vergessen sein schönes Weib,
Der junge König Harald,
Er folgt der Waldfei in den Tann,
Sie zwingt ihn mit ihrem stärksten Bann,
Sie hält ihn fest gebunden
Mit ihres Zaubers Gewalt.

Er hat vergessen sein schönes Weib,
Der junge König Harald,
Sein Weib, es sitzt in Gram und Harm –
Er liegt in der Waldfei weißem Arm,
Von Scherzen, Lachen und Küssen
Der dunkle Tann erschallt.

Er hat vergessen sein schönes Weib,
Der junge König Harald,
Und bleich wird ihrer Wangen Roth,
Mit leisen Schritten kommt der Tod,
Schon fühlt sie seinen Athem,
Wie weht er eisig und kalt!

Er liegt in der Waldfei weißem Arm,
Der junge König Harald,
Da trifft sein Ohr ein Todesschrei,
Da springt der schlimme Bann entzwei, –
Er läßt voll tiefer Reue
Den dunkeln Tannenwald.

Und vor der edlen Frauen kniet
Der junge König Harald,
Sie lächelt leis‘, die Liebe siegt,
Und selig auf die Seele fliegt – –
Und vor der todten Frauen kniet
Der junge König Harald.
HELENE.
Manfred! mein Gemahl!
Wie gerne wollt‘ ich sterben,
Kehrtest du wieder zu mir zurück.

Ja, es senkt der Hoffnung Strahl
In die Brust auf’s Neu‘ sich nieder,
Und von ihrer tiefen Qual
Ist erlös’t die Seele wieder.
Ach, es sah das Aug‘ mit Beben
Sich die Zauberfäden weben,
Drin er nun gebunden liegt!
Doch in Jammer und in Schmerz
Halte fest und hoffe, mein Herz,
Hoffe, hoffe, die Liebe siegt!

Zweite Scene.

GHISMONDE.
Dort schreitet sie hin,
Geister des Abgrunds, nun steht mir bei!
In dieser Perle verborgen
Trag‘ ich das tödtliche Gift.
HELENE.
Ich weiß nicht, wie unnennbare Angst
Auf einmal mich ergreift!
Ha, wer ist diese?
PAGE.
An ihrem Muschelhute seh‘ ich’s,
Eine Pilgerin.
GHISMONDE.
Vom heil’gen Grab gezogen komm‘ ich,
Gönn‘ mir ein gastlich‘ Dach.
HELENE.
Kommst du von des Erlösers Grab?
Mit Freuden will ich dich empfangen!
GHISMONDE.
Arm bin ich, Königin,
Doch trag‘ ich ein unschätzbar‘ Kleinod
Von eines Heil’gen Hand.
Sieh, diese Perle!
Wirfst du sie in den Wein
Und trinkst die würz’ge Fluth,
So überströmt dich ew’ges Heil,
Kein Zauber kann dir widerstehn,
Und deiner Seele sich nicht entreißen,
Wen du mit Liebe umfängst.
HELENE.
Sprächst du wahr,
All meine Schätze, ich gäb‘ sie dir!
GHISMONDE.
Sieh, in des Weines Fluth
Golden schon die Perle ruht,
Trinke ew’gen Glückes Heil!
HELENE.
Ist’s auch holde Täuschung nur,
Wohlan, ich trinke.
MANFRED.
Halt ein!
HELENE UND GHISMONDE.
Manfred!
GHISMONDE.
So erkenne mich:
Ich bin Ghismonde!
HELENE.
Wehe mir!
GHISMONDE.
Verwahr‘ den Trank und hüt‘ ihn gut,
Du bleiche Königin,
In jedem Tropfen birgt sich der Tod,
Die Stunde kommt, daß deine Hand
Nach diesem Becher greift
Wie nach der Hand des Freundes.
MANFRED.
Entsetzliche!
GHISMONDE.
Fluch über euch!
MANFRED.
Voll Reue stürz‘ ich dir zu Füßen
Und ring‘ verzweifelnd meine Hände,
Was ich dir that, dies Leid ohn‘ Ende
Nicht kann mit tausendjähr’ger Qual ich’s büßen.
HELENE.
Du bist’s, du bist’s? Vorbei ist alle Qual!
Dich hab‘ ich wieder, o mein Gemahl!
Die weite Welt will mich beengen,
Die Seligkeit will mir das Herz zersprengen.
MANFRED.
O blick‘ nicht so voll Lieb‘ mich an,
Weh‘ diesem Haupt, was hab‘ ich dir gethan!
O sprich nicht gütig so, du milder Geist,
O sprich nicht gütig so, mein Herz zerreißt!
HELENE.
Mein bist du wieder und ich laß dich nicht,
Mein bist du wieder, süßes Augenlicht!
MANFRED.
Weh‘ diesem Haupt!
HELENE.
Ich will es neu bekränzen!
Laß heiter deine Stirne glänzen!
O komm, mein Trauter, wie zuvor
Laß dich von meinem Arm umfangen,
Noch einmal flüstre in mein dürstend Ohr,
Daß du mich liebst, noch einmal laß mich hangen
An deinem Mund, um nimmermehr zu scheiden!
MANFRED.
Ich that zu viel, nie kannst du verzeihn!
Mir ist, als stürzt‘ der ganze Himmel ein.
Weh dir und mir, wehe uns Beiden.
HELENE.
Horch, was ist das?
MANFRED.
Französischer Schlachtenruf!
ECKART.
Herr, die Feinde, sie kommen!
Von den Hügeln steigen sie hernieder!
MANFRED.
Wer that mir das?
ECKART.
Voll Untreu‘ hat Caserta die festen Schlösser ihnen aufgethan.
HELENE.
O meine Ahnung!
ECKART.
Herr, die Barone verlassen dich,
Es verläßt dich das Volk
Und jauchzt dem Grafen von Anjou entgegen
Als seinem Könige.
MANFRED.
Ansteckend ist Verrath als wie die Pest!
Dort zieht er selbst mit finsterm Antlitz,
Verrätherische Fahnen, die ihn umflattern!
Noch bin ich König, noch trägt mein Haupt die Krone!
HELENE.
Die Trompete ruft!
MANFRED.
Sie ruft zum Tode
Und reißt mich weg von dir,
Damit ich sühn‘, was ich verbrach!
HELENE für sich.
Gehst du zum Tode, ich folge dir! –
MANFRED.
Nun ich es weiß, wie Sühne ich erringe,
Wird wieder frei der Seele Schwinge.
Fahr wohl! –
Nun geh‘ zum Tod ich wie zum Liebeswerben.
HELENE.
Wie selig ist’s, mit dir zu sterben!
Fahr wohl, mein Leben! Horch, zum letzten Streite
Ruft die Trompete wie Gewittersturm.
Ach, daß ein Engel dich geleite!
MANFRED.
Fahr wohl!
HELENE.
Fahr wohl!

Dritte Scene.

MANFRED.
Ihr Berge, fallt über mich!
Ihr Gräber, verschlingt mich! –
Nein, ich will nicht verzagen,
Wer stirbt mit mir?
ECKART.
Herr, ich geleite dich!
Ach, nur der Sarazene blieb dir treu,
Sieh dort, sie nah’n, es ist ein Tropfen
Gegen das Meer, Herr, deiner Feinde!
MANFRED.
Wohlan zum Tode!
CHOR DER SARAZENEN.
Manfred, Manfred, funkelnder Stern!
Kämpfet und sterbt zu den Füßen des Herrn,
Greift zu den Schilden und greifet zum Schwert,
Die Rosse wiehern und schlagen!
Selig, wer heute zum Himmel fährt,
Allah il Allah!
Empor von den Houris getragen.

Vierte Scene.

GHISMONDE.
Wohin soll ich entfliehen?
Rächende Geister hinter mir her!
Licht! Luft! hinaus, hinaus!
Ha, Manfred, dort sprengt er in das Getümmel,
Welch‘ Geschrei! Rasselnde Schilde, schwirrende Pfeile!
Sein Roß bäumt sich auf, Maria, Maria!
Da sinkt sein Haupt!
Miserere nobis Domine!
Nein, Nein:
Mir nun die Kränze, mir nun das Epheu,
Mir nun den Becher mit schäumendem Wein!
Und den Königsreif um die Stirn!
Meine Gedanken sind irre,
Und es legt sich um mich wie tiefe Nacht!
Was ist geschehn? Horch! klingt es herein nicht
Durch’s Klosterfenster?
Hör‘ ich nicht Tritte durch den Garten?
Er kommt, er kommt! auf den Lippen süßen Sang
Und trägt die Krone mir entgegen!
Miserere nobis Domine!

Fünfte Scene.

HELENE.
Du gingst zum Tode ein!
Ja, sie sprach wahr, nach diesem Becher greif‘ ich
Wie nach der Hand des Freundes und trinke Erlösung.

Sechste Scene.

KARDINAL.
Geh, büß in ew’ger Nacht!
Und diese Leiche, die gottverfluchte – –
HELENE.
Hinweg von ihr, weg deine Hand von dieser Krone!
CHOR DER FRAUEN.
Weh‘ dieser Stunde!
HELENE.
Nein, klaget nicht,
Nicht Grabgesang,
Nicht Todtenkränze,
Streut Rosen ihm!
Du theures Herz, ist still dein Pochen?
Ist still dein Mund, der einst so süß gesprochen?
Ach, ist erloschen deines Auges Strahl?
Durch Wetternacht und Sturmestosen
Gingst du bekränzt im Schmuck der Rosen;
Nun kränzt dich meine Hand zum letzten Mal
Unter Thränengüssen
Laß mich dich küssen,
Zum letzten Mal dich küssen, mein Gemahl!
Deine Lippen sind bleich, einst, ach, so roth!
Stille, mein Herz, leis‘ kommt der Tod,
Stille, mein Herz, und laß das Weinen,
Nicht trennt der Tod, er wird uns ewig einen!
CHOR DER FRAUEN.
Weh‘, die Königin stirbt!
HELENE.
Es öffnet sich des Himmels Thor,
Und Rosenwolken heben uns empor
In unendliche Fernen
Zu goldenen Sternen,
Manfred.
KARDINAL.
Die Kirche nimmt von diesem Haupt die Kren.
Und gibt sie dir, der Kirche Sohn!
CHOR DER VERBANNTEN UND FRANZÖSISCHEN RITTER.
Heil dir, Karl von Anjou! Heil dem König!