Dante Alighieri - La Divina Commedia
L. Zuckermandel - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 01

Die Glorie Dessen, der bewegt das Ganze,
Durchdringt die Welten alle und erhellt
Sie hier mit größerm, dort mit minderm Glanze.

Im Himmel, der das größre Teil erhält,
War ich und sah, was nicht erzählen könnte,
Noch wüßte, wer herniederstieg zur Welt,

Weil unser Geist, wenn nah der Wünsche Ende,
Sich so vertieft, daß hinter ihm zu schreiten,
Für die Erinnerung kein Weg sich fände.

Doch was vom heilgen Reich an Kostbarkeiten
Im Geist zu sammeln, wirklich mir gelungen,
Soll jetzt als Inhalt meinen Sang geleiten.

O gütiger Apoll! Laß ganz durchdrungen
Beim letzten Werk von jener Kraft mich sein,
Die für den teuren Lorbeer du bedungen.

Bisher war vom Parnaß ein Joch allein
Genug mir, aber jetzo brauch ich beide,
Tret ich zum Endlauf in den Kampfplatz ein.

Erfülle meine Brust! Dein Hauch sei heute
Wie einst, da du ob Marsyas dich geregt,
Dem du die Glieder zogst aus ihrer Scheide.

O Götterkraft, bleibst du mir unentwegt
Und lässest mich des Himmels Umriß künden,
Wie meinem Haupte er sich eingeprägt,

So wirst du an dem teuren Baum mich finden
Und siehst aus dessen Laub, weil Gegenstand
Und du gehoben mich, den Kranz mir winden.

So selten, Vater, macht ihn, siegentbrannt,
Ein Cäsar oder Dichter sich zu eigen,
Weil sie die Schmach des schwachen Willens bannt,

Daß darum große Freude müßte zeigen
Die heitre Gottheit Delphi's dem, der ringt
Im Durste nach peneischen Gezweigen.

Wie aus dem Fünkchen heller Brand entspringt,
So fleht vielleicht nach mir mit bessern Gründen
Ein andrer so, daß Cirrha Antwort winkt.

Deri Sterblichen steigt aus verschiednen Schlünden
Die Weltenleuchte auf, doch aus dem einen
Läßt bessrer Stern und bessrer Lauf sie münden:

Da wo drei Kreuze sich vier Kreisen einen,
Formt sie nach ihrer Art und läßt die Pracht
Im irdschen Wachs geprägt am besten scheinen.

So war vom Schlund fast schon der Tag entfacht,
Der jener Hemisphäre neu erstand,
Dort alles weiß und diesseits schwarze Nacht,

Als ich Beatrix sah, nach links gewandt:
Fest hat ihr Blick am Sonnenball gehangen;
So hätt' kein Adler ihn hinaufgesandt.

Und wie, vom ersten Strahle ausgegangen,
Der Gegenstrahl so wieder drängt nach oben,
Als wär's ein Pilger, der will heim gelangen,

So zog mein Blick, als sich ihr Tun gehoben
Durch's Aug zu meinem Sinn, der Sonn' entgegen,
Wie es ein Irdischer nicht könnt' erproben.

An jenem Ort kann sich viel besser regen
Die Menschenkraft als hier, wo sie gebricht,
Weil er geschaffen eigens unsretwegen.

Nicht lange trug ich's, doch so kurz auch nicht,
Daß ich nicht sah ringsum ein Funkensprühen
Wie kochend Eisen aus dem Feuer bricht. -

Jetzt schien im Tag ein zweiter Tag zu blühen,
Als ließe Er, des' Können nicht beschränkt,
Am Himmelszelt noch eine Sonne glühen.

Beatrix stand, die Blicke fest versenkt
Im ewgen Kreis, und an dem ihren hing
MeinAuge, das von droben abgelenkt.

Vom Anblick ward ich so, daß mir's erging
Wie Glaukus, den die Kost des Kräutleins führte
Als Meeresgott in der Olympier Ring.

Vergöttlichung kann nicht, wie sich gebührte,
Man schildern, doch dies Beispiel sei genug
Dem, der fand Gnade, daß er selbst sie spürte.

Ob nur, was du als letztes schufst, mich trug,
Weißt du, die du den Himmel, lenkst und weitest,
O Liebe, deren Licht mich hob zum Flug.

Als mich im Schwung ergriff,des Drang du leitest
Ewig zu dir, die Harmonie der Sphären,
Der rechtes Maß und Wohlklang du bereitest,

Schien's als ob sonnentflammt die Himmel wären
So weit wie Flüsse nicht noch Regenflut
Sich sammeln zu so weit gestreckten Meeren.

Des Klanges Neuheit wie die große Glut
Ließ nach der Ursach heißer mich verlangen,
Als je zuvor entzündet war mein Blut.

Drob sie, die sah gleich mir mein Seelenbangen,
Schnell ihren Mund geöffnet, es zu stillen,
Eh meiner noch zu fragen angefangen:

»Du läßt von Irrgedanken dich erfüllen,
Und siehst nicht klar, was ohne Müh du klärst,
Wenn du nur von dir wirfst die trüben Hüllen.

Nicht wähne, daß die Erde du beschwerst:
So eilt kein Strahl, aus seiner Heimstatt blitzend,
Wie zu der deinigen du wiederkehrst.«

So ihres Lächelns kurzes Wort, mich stützend
Beim ersten Zweifel, doch geriet ich dann
In's Netz des neuen, und die Rede nützend:

»Mein größtes Staunen fiel, doch wie geht's an«
So sprach ich »daß ich - und da staun' ich wieder -
Durch diese leichten Körper steigen kann?«

Mitleidig seufzend hob sie da die Lider
Nach mir, der Mutter gleich, die sänftiglich
Zum Kinde blickt, dem Fieber zehrt die Glieder.

Und sie begann: »In Ordnung unter sich
Stehn alle Dinge, da schon von Natur
Des Weltalls Form und Art dem Schöpfer glich.

Hier sehn die höhern Wesen eine Spur
Der ewgen Kraft, dem letzten Ziel und Horte,
Wofür besagte Form geschaffen nur.

Der Ordnung, die benannten meine Worte,
Neigt sich ein jedes minder oder mehr,
Ob näheres ob weit vom Ursprungsorte.

Drum streben nach verschiednem Port im Meer
Des Daseins sie, und jedes folgt der Fährte
Des Triebs, der ihm verlieh'n vom Anfang her.

Er trägt zum Mond das Feuer, das ihn klärte,
Er hält die ird'schen Herzen reg in Stand,
Er hält zusammen und umfaßt die Erde.

Nicht bloß nach Dingen, die vernunftlos, spannt
Der Bogen sich, er sendet seine Pfeile
Auch zum Geschöpf, drin Liebe und Verstand.

Die Vorsehung, die ordnet alle Teile,
Schafft durch ihr Licht dem Himmel ewig Ruh,
Drin jener schwingt, dem obliegt größte Eile.

Dorthin, wie zum gebotenen Ort, steigst du
Und läßt durch dieses Bogens Schwung dich heben,
Der lenkt den Pfeil stets frohem Ziele zu.

Zwar, wie die Form oft widersteht dem Streben
Des Künstlers, weil zu taub sein Material,
Um seinem Wunsche Folgschaft je zu geben,

So folgt auch das Geschöpf nicht überall
Den rechten Wegen und verläßt die Fährte
Weil stark genug, zu gehn nach seiner Wahl,

(Wie Feuer aus der Wolke fällt zur Erde)
Sobald der erste Antrieb ward verdreht
Und falsche Lust zur Welt hinab ihn kehrte.

Es wäre, wenn mein Urteil richtig steht,
Ob deines Flugs nicht mehr an Staunen nötig,
Als daß der Fluß vom Berg zum Tale geht.

Erstaunlich wär's an dir, wenn du, der ledig
Der Hindernisse jetzt, dich setztest nieder,
Als drängte Feuer nicht zur Höhe stetig.«

Dann wandte sie den Blick zum Himmel wieder.


Gesang 02

Ihr, die im kleinen Boot kommt hergezogen,
Und, weil zu hören sehnlich ihr begehrt,
Folgt meinem Schiff, das singend furcht die Wogen,

Wollt euern Strand ihr wiederseh'n, macht kehrt,
Zieht nicht hinaus; ihr bliebt vielleicht inmitten
Des Meers im Wirrsal, wenn ihr mich verlört.

Mir winkt die Flut, die nie ein Kiel durchschnitten:
Neun Musen deuten mir den Weg der Bären,
Minerva haucht, Apoll kommt hergeschritten.

Ihr andern Wenigen, die lang begehren,
Den Hals zu dreh'n zur süßen Engelspeise,
Davon wir uns, nicht satt uns machend, nähren:

Wagt nur zum hohen Salzmeer hin die Reise,
Mit eurem Schiff, in meiner Furche fahrend,
Bevor das Wasser wiederkehrt im Gleise.

Mehr staunen sollt ihr, als dereinst - sich scharend
Um Kolchis - staunte jener Heldenzug,
Da Jason er gesehn, des Ackers wahrend.

Das miterschaffne, ewge Dürsten trug
Zum Reich uns, das von Gott erfüllt, und schier
So schnell, wie euch erscheint des Himmels Flug.

Nach oben sah Beatrix, ich nach ihr;
Und in der Zeit vielleicht, in der man sähe
Den Pfeil, der einschlägt, fliegt, schnellt vom Visier,

Gelangt ich hin, wo Wunderbares jähe
Mein Auge an sich riß und hielt gebannt,
Bis sie, die auch Verborgnes in mir sähe,

Mir sagte, schön und heiter hergewandt:
»Erheb den Geist, um Dank zu sagen droben,
Da Gott uns mit dem ersten Stern verband.«

Von einer Wolke schienen wir umwoben,
Die fest und rein gefügt und leuchtend glich
Dem Demant, der vom Sonnenstrahl gehoben.

Die ewge Perle nahm uns auf in sich,
So wie das Wasser schließt den Lichtstrahl ein
Und bleibt doch unzertrennt und ganz in sich.

Wenn körperlich ich war - doch wie kann's sein,
Daß eine Dimension ertrug die zweite
Da hier doch Körper drang in Körper ein -

So müßt' es mehr entflammen noch die Leute,
Zu schau'n den Urkern, wo zusammenfließen
Die Menschnatur und Gott, vereinigt beide.

Was hier der Glaube gab, doch unbewiesen,
Bekundet dort sich in der Wesenheit,
Wie jene Wahrheit, die wir gläubig grüßen.

Drauf ich: »O Herrin, voller Innigkeit,
So viel ich kann, will Dank ich ihm bezeigen,
Der aus der Welt mich hob der Zeitlichkeit.

Doch sagt, wie ist es mit den dunkeln Zeichen
An diesem Körper, drob auf Erden man
Hört oftmals fabeln, daß sie Kain gleichen?«

Erst lächelte sie sanft, und dann:
»Ob Menschenmeinung irre geht in Dingen,
Die öffnen nicht der Sinne Schlüssel kann.

Dich darf nicht mehr des Staunens Pfeil durchdringen,
Denn sieh: wenn die Vernunft geht als Trabant
Den Sinnen nach, sind kurz nur ihre Schwingen.

Doch gib dein eignes Urteil mir bekannt.«
Und ich: »Ich glaube, daß verschiedne Helle
Durch dichten oder dünnen Stoff entstand.«

Und sie: »Daß falsch dein Schluß, wirst auf der Stelle
Gewahren du, sobald dein Ohr erreichten
Die Gründe, die ich ihm entgegenstelle.

Die achte Sphäre zeigt euch viele Leuchten,
Die alle, wenn das Auge sie gemessen,
Verschieden im wieviel und wie euch deuchten.

Doch wär', wenn dünn und dicht die Ursach dessen,
In allen eine einzge Kraft errichtet,
Nur mehr und minder oder gleich bemessen.

Es müssen Kräfte mannigfach geschichtet
Aus Ursprungsformen reifen, doch hier wären
Nach dir bis auf die eine sie vernichtet.

Und dann: Wenn Dünnheit sollte je erklären
Das Dunkel, das dich hier gemacht zum Frager,
So müßte dieser Stern teils ganz entbehren

Des Stoffes, oder dicht und dünne Lager
Sind wie die Blätter eines Buchs verbunden
Und wechseln wie im Körper fett und mager.

Im ersten Falle würde es bekunden
Die Sonnenfinsternis, weil dann das Licht
Durch Dünnes so wie sonst den Weg gefunden.

Dies trifft nicht zu, so daß dein Grund zerbricht.
Gehn wir zum zweiten; wird auch der vernichtet,
So ist als falsch erwiesen dein Bericht.

Wenn nicht durch's Ganze dringt, was dünn geschichtet,
So muß ein Grenzwall da sein, den daneben
Die andre Schicht zur Hemmung aufgerichtet.

Von hier muß nun zurück der Lichtstrahl streben,
Wie Glas, das rückwärts ist durch Blei verschlossen,
Die Farbe, die es traf, wird wiedergeben.

Jetzt sagst du wohl, daß schwächer sich ergossen
Der Lichtstrahl hier, weil tiefer liegt die Stelle,
Daran sich brechend er zurückgeflossen.

Den Einwand nimmt dir, wenn du willst, die helle
Erfahrung, denn es schöpft zu jeder Zeit
Des Menschenwissens Strom aus ihrer Quelle.

Drei Spiegel nimm und stelle zwei gleich weit
Vor dich; den dritten stelle zwischen beide,
Doch etwas ferner deinem Aug bereit.

Sorg, daß man hinter dir ein Licht bereite,
Des' Bild soll so in den drei Spiegeln zünden,
Daß aller Widerschein zu dir sich leite.

Gewiß wirst du geringern Umfang finden
Im fernsten Bild, jedoch in gleicher Weise
Wird seine Helle sich in allen künden.

Doch weil dein Geist, wie wenn den Grund das heiße
Gestirn des Tags vom Schnee befreit und scheuchte
Den Frost sowie die Farbe gleicherweise,

Verblieben ist, will ich jetzt eine Leuchte
Entzünden dir von so lebendgem Schein,
Daß deinen Blicken sie zu flimmern deuchte.

Im Friedenshimmel Gottes schwingt allein
Ein Körper, und in dessen Wirken ruht
Von allem, was er in sich faßt, das Sein.

Der nächste, der viel Augen hat voll Glut,
Verteilt dies Sein auf eine Anzahl Wesen
Von ihm verschieden und in seiner Hut.

In mannigfach verschlung'nem Wechsel lösen
Die andern Kreise ihre Kraft und Samen
Je nach dem Zweck, für den sie auserlesen.

Du siehst, es folgen sich im großen Rahmen
Der Welt so die Organe, die verbreiten
Nach unten das, was oben sie entnahmen.

Wohl merke auf! Sieh mich durch Himmelsweiten
Zum Wahren hingehn, dem dein Wunsch geweiht,
Daß du die Furt magst auch allein beschreiten.

Der heilgen Kreise Kraft und Regsamkeit
(Wie Hämmerns Kunst vom Schmied kommt) wehen her
Von den Bewegern aus der Ewigkeit.

Der Himmel, schön geschmückt vom Lichtermeer,
Wird von dem tiefen Geist, der in ihm waltet,
Das Abbild, und sein Siegel auch wird er.

Und wie in eurem Staub die Seele schaltet
Und vielfach Kraft verschiedenen Gliedern bringt,
Die sich darin, je nach den Zwecken, spaltet,

So wird die Güte, die den Geist durchdringt,
Vervielfacht durch die Sterne angekündigt,
Indessen Er in Seiner Einheit schwingt!

Das Kraftgerneng, das vielfach Leben zündet
Im edlen Körper, den es ganz durchsponnen,
Bleibt diesem, wie das Leben euch, verbündet.

Gleich der Natur, aus der sie hergeronnen,
Strahlt froh im Körper die gemengte Kraft,
Wie im belebten Augenstern die Wonnen.

Aus ihr kommt, was hier hell, dort nebelhaft
Erscheint, und nicht aus dicht und dünn: In Wahrheit
Ist sie der Wesensgrund, und sie nur schafft

Nach ihrer Güte Dunkel oder Klarheit.«


Gesang 03

Als jene Sonne, die mein Herz einst füllte
Mit Liebesgluten, durch ihr Für und Wider
Mir schöner Wahrheit hold Gesicht enthüllte,

Hob ich, daß überzeugt und grad und bieder
Ich beichte, wie ich's angemessen dachte,
Um frei zu sprechen, nun das Antlitz wieder.

Doch fesselte ein Schauspiel, das erwachte,
So eng an sich die Blicke, daß zur Stund
Es meine Beichte mich vergessen machte.

Wie die durchsichtig blanke Scheibe und
Wie die Gewässer, wenn sie still und eben
Und nicht so tief, daß sich verlor der Grund,

Schwach unsrer Züge Umriß wiedergeben,
So daß sich von der Stirne blassem Samt
Nicht Perlen schneller unsern Blicken höben,

Sah ich Gesichter, sprechbereit allsamt,
Drob ich ins Gegenteil des Irrtums rannte,
Der für einander Mensch und Quell entflammt.

Ich war, als schnell zurück das Aug ich wandte,
Weil mir ein Spiegelbild der Anblick schien,
Das wirkliche zu sehn doch nicht imstande,

Weshalb mein Blick, der wieder grad ging hin,
Das Licht der süßen Führerin befragte,
Des Lächeln ich im schönen' Aug sah glüh'n.

»Nicht staune, wenn ich« dies war's, was sie sagte,
»Belächeln muß dein kindisches Erfassen,
Das noch auf Wahrem nicht zu schreiten wagte,

Und läßt dich, wie es pflegt, in's Leere fassen:
Wirkliche Wesen sind's und hier am Ort,
Weil sie Gelübde unerfüllt gelassen.

Frag sie, hör zu und glaube ihrem Wort;
Das wahre Licht, das schenkte Frieden ihnen,
Läßt nicht sie weichen von der Spur hinfort.«

Ich sah zum Schatten, der bereit erschienen
Zur Zwiesprach, die gleich Jenem ich begonnen,
Dem Übereifer wirr gemacht die Mienen:

»Du recht erschaffne Seele schmeckst am Bronnen
Des ewgen Lebens jene Süße, die
Nur der versteht, der probte ihre Wonnen!

Nenn dich, mich zu befrieden, und verzieh,
Daß deine Huld mir euer Loos beschriebe.«
Und schnell - im Auge Lächeln - sagte sie:

»Dem rechten Wunsch verschloß nie unsre Liebe
Das Tor, so wenig wie es jene wehrte,
Die will, daß ganz ihr Hof ihr ähnlich bliebe.

Ich war einst Klosterjungfrau auf der Erde,
Und wägst du wohl, bleib nicht verhüllt ich dir,
Darum daß meine Schönheit sich hier mehrte,

Und du erkennst Piccarda noch in mir,
Die, eingereiht im trägsten der Planeten,
Mit andern Seligen weilt selig hier.

Des heilgen Geistes Flamme läßt hier Jeden
Nach Ihm nur sehnen sich, und froh gewillt
Sind wir in Seine Ordnung eingetreten.

Uns traf dies Los, das nur als minder gilt,
Weil manch Gelübde wir, das leer uns deuchte,
Versäumt einst oder teilweis nur erfüllt.«

Und ich zu ihr: »Mir ist, als ob schier leuchte
Wie göttlich euer wunderbares Wesen,
Das euer einstig Aussehn mir verscheuchte.

Darum ist mein Erinnern träg gewesen,
Doch jetzt, da deine Worte Hilfe gaben,
Kann leichter ich in deinen Zügen lesen.

Doch sage, wollt ihr, die euch froh dürft laben,
Nicht, daß man euch nach höheren Orte weise,
Um mehr zu schau'n und Freunde mehr zu haben?«

Erst mit den andern Schatten lächelnd leise,
Sprach sie, als ob der Schimmer erster Liebe
Beglänzte ihrer Antwort heitre Weise:

»Die Kraft der Liebe, Bruder, stillt die Triebe,
Drum wünschen wir nur das, was uns zu eigen,
Und daß nicht Durst nach andrem uns betrübe.

Wir wären, wollten höher wir noch steigen,
Nicht länger jenem Willen mehr verbündet,
Der hier uns eingefügt in seinen Reigen.

Du siehst, daß Solches keinen Platz hier findet,
Wo Liebe mit Notwendigkeit muß walten,
Wenn dein Betrachten ihre Art ergründet.

Soll dieser sel'ge Zustand sich erhalten,
Darf einig unser Wollen nur entquillen
Und nur nach Gottes Willen Jeder schalten.

Denn wie von Grad zu Grad dies Reich wir füllen,
So dient's dem ganzen Reich und seinem Hort,
Der ganz uns wollen läßt nach seinem Willen.

Sein Wille nur ist unsres Friedens Port,
Das Meer, zu dem sich drängt, was seine Quelle
Nur je erschafft und was Natur pflanzt fort.«

Nun merkt' ich, daß im Himmel jede Stelle
Wohl Paradies sei, doch nicht gleicher Weise
Des höchsten Gutes Gnade niederwelle.

So wie es geht, wenn satter Gaumen leise
An neue Kost denkt, daß man die begehrte
Und lehnte dankend ab die andre Speise,

So strebte ich durch Rede und Gebärde,
Da sie zu End nicht zog das Schiff beim Weben,
Daß über ihren Stoff sie mich belehrte.

»Ein Weib« sprach sie »geheiligt durch sein Leben,
Ist weiter droben noch, nach des' Gebot
In Kleid und Schleier sie auf Erden streben,

Zu schlafen und zu wachen bis zum Tod
Beim Bräutigam, dem solcher Schwur willkommen,
Wenn Liebe so, wie er sie will, entloht.

Dem folgend, bin zur Weltflucht ich gekommen
Und habe jene Tracht als junges Wesen
Mit allen Ordenspflichten übernommen.

Doch Männer, von Natur geneigt zum Bösen,
Entrissen meinem süßen Kloster mich;
Gott weiß es, wie mein Leben dann gewesen.

Das andre Licht zur rechten Hand, das dich
Den ganzen Schimmer sehen läßt, der hier
In unserm Himmelsteil entzündet sich,

Erfuhr an sich, was ich gesagt von mir:
Sie war einst Schwester, und die heil'gen Binden,
Die sie beschirmt, wand man vom Haupte ihr.

Doch als man sie die Welt ließ wieder finden
Entgegen ihrem Wunsch und guten Sitten,
Konnt' nie ihr Herz dem Schleier sich entwinden.

Konstanze ist's, die Große, die's erlitten,
Und sie gebar - er war der Herrschaft Ende -
Dem zweiten Sturmwind Schwabens noch den dritten.«

So sprach sie, bis ihr "Ave" klang am Ende,
Und singend schwand sie hin, wie sich verlieren
Im tiefen Wasser schwere Gegenstände.

Es ging mein Blick so lang ihr nachzuspüren,
Als er nur konnte, bis er sie verlor
Und größrer Wunsch ihn neues Ziel ließ küren:

Beatrix, die ob allem stieg empor;
Doch konnt' ich erst den Anblick nicht ertragen,
Der wie ein Blitz durchfuhr des Sehens Tor.

Und so verschob auf später ich mein Fragen.


Gesang 04

Wer zwischen zwei Gerichten soll (von denen
gleich nah und lecker jedes) wählen frei,
Stürb Hungers, eh er eins bringt zu den Zähnen.

So stünde auch ein Lämmchen zwischen zwei
Gefräßgen Wölfen in gleichmäßgem Bangen,
So stünd ein Hund, säh er der Rehe zwei.

Drum, wenn ich schwieg, weil gleicherweis befangen
In meinen Zweifeln noch, so war's notwendig,
Und weder Lob noch Tadel kann's verlangen.

Ich schwieg, jedoch mein Wunsch' erschien beständig
Im Antlitz, und mein Fragen durch Gebärden,
Viel dringlicher als Worte, war lebendig.

Beatrix tat, was Daniel tat auf Erden,
Da er Nebukadnezar's Wut gestillt,
Die ungerecht und grausam ihn ließ werden,

Und sprach: »Wohl sehe ich, wie dich erfüllt
Der ein' und andre Wunsch, so daß dein Denken,
Weil so verstrickt in sich, hervor nicht quillt.

Du fragst: wenn guten Willens wir stets lenken,
Wie können andre, die Gewalt begehen,
Das Ausmaß im Verdienste uns beschränken?

Die andre Frage seh ich dir erstehen,
Ob auch die Seelen, so wie Plato denkt,
Zurück zu ihren Sternen wieder wehen.

Du wirst von beiden Bleicherweis bedrängt,
Drum will den Punkt ich erst betrachtet haben,
Der mit der meisten Galle ist getränkt.

Denk: Moses, Samuel und, hoch erhaben
Der erste Seraph, ja sogar Marie,
Johannes (der, den du dir denkst), nicht haben

In andern Himmeln ihre Sitze sie.
Als jene Geister, die dein Blick umfing,
Noch ist durch Zeit ihr Sein beschränkt allhie.

Sie alle schmücken diesen ersten Ring
In süßen Lebens unterschiedner Weise,
Berührt vom ewgen Hauch stark und gering.

Du sahst sie hier, nicht weil in diesem Kreise
Ihr Los sie hält, nein, daß auch mindre Pracht
Des Himmelsdaseins deutlich sich dir weise.

Für euch ist solche Rede angebracht,
Weil ihr nur faßt, was sinnlich ist, und was
Alsdann des Geistes würdig wird gemacht.

Drum ging die Schrift herab auf euer Maß,
Als sie mit Händ' und Füßen Gott bedachte,
Und war so doch gemeint nicht, wie man's las.

So kam es, daß die heilge Kirche brachte
Michel und Gabriel als Menschenbild,
Und ihn, der den Tobias sehend machte.

Was von den Seelen bei Timäus gilt,
Ist dem nicht ähnlich, was man hier kann sehen,
Denn scheinbar meint er's wörtlich, nicht im Bild,

Daß heim zu ihrem Stern die Seelen gehen,
Weil er geglaubt, daß man von dort sie rief,
Als die Natur ließ ihr Form entstehen.

Vielleicht auch, daß der Sinn entgegenlief
Dem Klang des Wortes und er doch so wäre,
Daß man ihn nicht belächeln dürft' als schief.

Meint er, daß zu der Heimat wiederkehre
Der Einfluß, der zum Ruhm führt und zur Schande,
So traf sein Bogen wohl nicht ganz ins Leere.

Viel Wirrnis schuf sein Satz, den man verkannte,
So daß die Welt drob Jupiter verehrte
Und Mars sowie Merkur als Götter nannte.

Die andre Zweifelsfrage, die dich störte,
Beut mindres Gift, und kann drum nicht so weit
Dich böslich lenken ab von meiner Fährte.

Scheint ungerecht auch die Gerechtigkeit
Des Himmels, müßte Glauben dies euch lehren
Und nicht des Ketzerturns Ruchlosigkeit.

Doch weil dein eignes Denken dies kann klären,
Derart, daß hin zur Wahrheit es dich leitet,
So stelle ich zufrieden dein Begehren.

Ist dies Gewalt, wenn der, der sie erleidet,
In nichts den fördert, der sie übt, so seht
Ihr diese Seelen nicht der Schuld entkleidet.

Denn Wille, der nicht will, wird nicht verweht,
Er wirkt, wie die Natur es tut im Feuer,
Ob auch Gewalt ihn tausend mal verdreht.

Doch weicht nur wenig oder viel sein Steuer,
So folgt er der Gewalt wie diese Nonnen,
Denn wiederkehren konnten sie zum Schleier.

Wenn nur so starken Willen sie gewonnen,
Wie Laurenz, den der Rost nicht machte bang,
Und Mutius, da er streng der Hand gesonnen,

So hätt' er sie, da losgelöst vom Zwang,
Zum Weg gedrängt, wo man sie fortgenommen,
Doch viel zu selten kommt so mächtger Drang.

Wenn meine Rede du so aufgenommen
Wie sich's geziemt, so bricht sie das Bedenken,
Das machte sonst dein Herz noch oft beklommen.

Doch seh ich dich zu anderen Engpaß lenken,
Der vor dir liegt und dich schon müde macht,
Bevor du an den Ausweg könntest denken.

Ich habe dir Gewißheit doch gebracht,
Daß niemals lügt, wer selig weilt im Licht,
Wo nah ihm stets die erste Wahrheit wacht;

Und nun hast von Piccarda du Bericht,
Daß treu dem Schleier blieb Konstanzens Liebe,
So daß sie scheinbar hier mir widerspricht.

Wie häufig, Bruder, kommt es, daß im Triebe
Gefahr zu fliehn, man gegen sein Ermessen
Und ungern tut, was schicklich unterbliebe.

Aus Pflicht erschlug Alkmäon einst vermessen
Die eigne Mutter, um erfüllt zu sehen
Des Vaters Wunsch, und ward so pflichtvergessen.

Hier mengt Gewalt - dies sollst du wohl verstehen -
Dem Willen sich, und was sie tun hernach,
Ist so, daß nicht entschuldbar das Vergehen.

Wille an sich will nicht das Ungemach,
Doch stimmt er zu, soweit er Furcht empfindet,
Daß Weigerung ihm schüfe mehr an Schmach.

Den Willen hat Piccarda dir begründet
Und ich den andern, und infolgedessen
Ist beides Wahrheit doch, was wir verkündet.«

Sc floß die heil'ge Red', vom Born bemessen,
Aus dem jedwede Wahrheit schöpft die Helle,
Und ließ die beiden Zweifel mich vergessen.

»O Göttliche, der ersten Liebe Quelle
Und Ziel« begann ich »deren Wort mir Leben
Und Wärme bringt in wachsend lichter Welle,

Nicht tief genug kann meine Liebe streben,
Um Gabe euch für Gabe darzubieten;
Mög der es kann und sieht, dazu sich heben.

Ich seh: kein Geist ward satt je und zufrieden,
Wenn er nicht mit dem Wahren sich erfüllte,
Und ist kein Wahres außer ihm hienieden.

Es gibt ihm Ruhe, wie das Nest dem Wilde,
Wenn er's erringt, und wohl kann er's erringen,
Sonst ginge jeder Wunsch auf Truggebilde.

Ob Zweifel auch gleich Schößlingen umringen
Der Wahrheit Fuß, von Höh zu Höh drängt ihn
Natur voran, den Gipfel zu bezwingen.

Dies lockt zur Frage mich (und macht mich kühn,
O Herrin, daß voll Ehrfurcht ich sie wage)
Um andre Wahrheit, die mir dunkel schien:

Kann andres Gut - dies ist es, was ich frage -
Für Fehlgelübde euch gefallen so,
Daß der Ersatz zu leicht nicht eurer Wage?«

Da kam ihr Auge her, so göttlich froh
Und voll von Funkenglut, draus Liebe zückte,
Daß, überwunden, meine Kraft entfloh,

Und ich, verloren fast, zu Boden blickte.


Gesang 05

»Wenn ich noch mehr entflammt in heißer Liebe
Dich blende, als die Erde es erträgt,
So daß den Mut ich deiner Augen trübe,

So staune nicht; es kommt, weil so sich regt,
Sobald es etwas faßt, vollkommnes Sehen,
Das im erfaßten Gut den Fuß bewegt.

Wohl seh in deinem Geist ich schon erstehen
Den Glanz des ewgen Lichts, das muß entfachen
Die Liebe allezeit, wenn nur gesehen.

Und läßt zur Liebe andres euch erwachen,
So kommt's von Spuren, die aus jener Leuchte
Durchscheinen, aber schwach sich kenntlich machen.

Ob je durch andre Dienste man erreichte
Beim Fehlgelübde, kommt dein Fragen bange,
Daß nicht Bedrängnis unsre Seele scheuchte.«

So fing Beatrix an mit ihrem Sange,
Dem Redner gleich, der keine Pause machte,
Fortfahrend so im heil'gen Redegange:

»Die größte Gabe war es, die uns brachte
Des Schöpfers Huld, ihm selbst von höchstem Wert,
Und draus zumeist auch seine Güte lachte,

Daß Willensfreiheit allen er beschert,
Die zählen als vernünftge Kreatur,
Und. dieser ward und wird sie nur gewährt.

Nun merk', daß ein Gelübde von Natur
So ernst ist, weil vor Gott es hat gebracht
Dein Wille, und Er annahm deinen Schwur.

Wird zwischen Gott und Mensch der Pakt gemacht,
Mußt du durch eignes Tun zum Opfer bringen,
Das Kleinod, dessen vorhin ich gedacht.

Wär's nun Ersatz, wenn du versprochnen Dingen
Gäbst andre nützliche Verwendung wieder?
Es hieße gutes Werk durch Raub vollbringen.

Dies schlägt im Hauptgrund deinen Zweifel nieder,
Doch weil die heilge Kirche das kann heilen,
Was, wie gesagt, dem Wahren ist zuwider,

So mußt du länger noch am Tisch verweilen,
Denn Schwerverdauliches an dieser Speise
Braucht Hilfe, förderlich es zu verteilen.

Tu auf den Geist für das, was ich dir weise
Und schließ es ein darin, denn was man hörte,
Macht ohne das Behalten uns nicht weise.

Zwei Dinge sind es, die als Kern ich werte
In solchem Opfer, erst der Gegenstand,
Und zweitens der Vertrag, der ihn gewährte.

Im zweiten, das nie anders Tilgung fand
Als durch Erfüllung, gab vor allen Dingen
Ich ganz Genaues dir vorhin bekannt.

Drum mußten die Hebräer Opfer bringen,
In denen aber, wie du sicher weißt,
Auch Änderungen mancher Art ergingen.

Das andre, das den Gegenstand man heißt,
Kann so sein, daß durch Tausch kein Fehl entstehe,
Wenn andrer Stoff sich als Ersatz erweist.

Doch taugt's nicht, daß die Wandlung vor sich gehe
Nach eignem Sinn und ohne daß der weiße
Und auch der gelbe Schlüssel erst sich drehe.

Und töricht nur ich jede Wandlung heiße,
Die nicht, so wie in Sechs enthalten Vier,
Das Opfer auch bemißt in solcher Weise.

Drum wenn so schwer, daß jede Wage schier
Zum Grund er reißt, der Gegenstand gewesen,
So reicht kein andrer Aufwand aus dafür.

Gelübde sind kein Scherz, ihr ird'schen Wesen;
Seid treu, doch nicht so blöd, wie Jephta war,
Der sagen mußte: »Ja, es war zum Bösen,

Was ich versprach« statt daß er opfernd gar
Noch Schlimmres tat; auch wie der Grieche nicht,
Der große, der bot Iphigenien dar,

Die weinte um ihr schönes Angesicht,
Drob sie beweint der Sehende und Blinde,
Dem ward von solchem Gottesdienst Bericht.

Ihr Christen, seid nicht wie der Flaum im Winde,
Geht nur bedächtgen Schritts und glaubet nicht,
Daß man in jedem Wasser Rein'gung finde.

Ihr habt der beiden Testamente Licht,
Den Hirten auch der Kirche, der euch lenke,
So daß zu eurem Heil euch nichts gebricht.

Schrei'n die Begehrlichen nach mehr, so denke
Nicht Hämmel, Menschen seid ihr doch, daß dich
Nicht etwa Spott des jüdschen Nachbarn kränke.

Macht's nicht, wie jenes Lämmlein, das entwich
Der Muttermilch in töricht, kecken Trieben,
Zu seiner eignen Lust bekriegend sich.«

So sprach Beatrix, wie ich's hier geschrieben,
Dann blickte sie in sehnender Verehrung
Zur Sphäre, der das meiste Licht verblieben.

Ihr Schweigen, wie des Angesichts Verklärung
Ließ mich verstummen in den neuen Fragen,
Die schon begierig forderten Belehrung.

Und wie der Pfeil, der in das Ziel geschlagen,
Eh noch der Strang des Bogens wieder ruht,
So wurden wir ins zweite Reich getragen.

Hier sah die Herrin ich so frohgemut,
Als dieses Himmels Glanz sich ihr entfachte,
Daß höher flammte des Planeten Glut.

Ward so der Stern verwandelt, daß er lachte,
Wie mußte erst in mir die Wandlung sein,
Da so sehr wandelbar Natur mich machte.

Wie Fische im Gewässer still und rein,
Wenn etwas einschlägt, kommen hergeschossen,
Vermeinend, Nahrung könn' es für sie sein,

So kamen tausend Leuchten zugeflossen
Und jede hat zu reden angefangen:
»Hier wird uns mehr an Liebe noch erschlossen.«

Und als sie alle näher zu uns drangen,
Sah man, daß wonnentflammt die Schatten waren
In hellen Blitzen, die aus ihnen sprangen.

Denk Leser dir, wenn das was dich so klaren
Beginn erst seh'n ließ, nicht sich fortgesetzt,
Wie du dich sorgtest, mehr noch zu erfahren,

Und selbst erkennst du, wie's mich drängte jetzt,
Daß ich von ihrem Zustand etwas hörte,
Als sich mein Aug an ihrer Schau geletzt.

»Selig Geborner, den die Gnade klärte
Zum Anblick dieser Siegesherrlichkeit
Zur Zeit schon, als dein Kämpfertum noch währte,

Vom Licht, das alle Himmel füllet weit,
Erglühen wir, und darum mag dein Fragen
Nach Lust benützen die Gelegenheit.«

Dies hat der Geister einer vorgetragen.
Beatrix dann: »Sprich, sprich mit Zuversicht,
Und wie den Göttern glaube, was sie sagen.«

»Wohl seh ich, wie du dich mit eignem Licht
Umnistet hast und wie's dem Aug entfleußt,
Das aufblitzt, wenn ein Lächeln aus dir spricht.

Doch wer du bist, nicht weiß ich, würdger Geist
Und weshalb zu der Sphäre du entsendet,
Die sich im Strahl verhüllt, der heller gleißt.«

Dies sagte ich, zur Leuchte hingewendet,
Die zu mir sprach; darob sie noch viel freier
Als es zuvor geschah ihr Licht gespendet.

Wie sich im Lichtschwall selber webt den Schleier
Die Sonne, wenn durch Wärme aufgezehrt
Die Dünste fliehn, die erst gedämpft ihr Feuer,

So barg, vom Strahle großem Glücks bewehrt
Die Leuchte sich, und ihre Antwort klang,
Als dicht und dichter sie der Glanz verklärt,

So wie es singt der folgende Gesang.


Gesang 06

»Da Konstantin der Sonn' entgegen führte
Den Adler, dem sie einstmals zog voran,
Dem Alten folgend, der Lavinia kürte,

Blieb hundert Jahr der Vogel Gottes dann,
Und hundert, mehr noch, an Europas Ende,
Den Bergen nah, allwo sein Flug begann.

Die Welt dort lenkend in der Schattenspende
Der heilgen Flügel, kam von Hand zu Hand
Er dann im Wechsel, bis in meine Hände.

Cäsar war ich, bin Justinian genannt,
Und hab im heilgen Drang, der mich beseelte,
Aus den Gesetzen hohlen Wust verbannt.

Und ehe ich dies Werk noch mir erwählte,
Glaubt' ich von Christus nur die Gottnatur,
Zufrieden, daß am Glauben nichts mir fehlte.

Als ich die wahre Lehre dann erfuhr
Durch Agapetus, den Gebenedeiten,
Ging ich in dieses Oberhirten Spur,

Der Lehre trauend, die jetzt ihr Bedeuten
So klar mir zeigt, wie du das Rechte neben
Jedwedem Widerspruch kannst unterscheiden.

Als in der Kirche Fuß gefaßt mein Leben,
Bewog mich Gottes Gnade, ganz und gar
Mich jenem großen Werke hinzugeben.

Das Heer vertraut' ich meinem Belisar,
Weil Gottes Arm ihm sichtlich war zur Seite,
Was, still zu bleiben, mir ein Zeichen war.

Wenn so im ersten Punkt ich dich bescheide,
So muß ich doch dir Dringliches noch zeigen,
Was meiner Antwort diene zum Geleite.

Mit wieviel Recht - dies sollst du selbst bezeugen -
Begegnen darf dem Zeichen hehrer Macht,
Der es bekämpft und der sich's macht zu eigen.

Sieh', wieviel Tugend würdig es gemacht
Der Ehrfurcht, und schon da kannst du's gewahren,
Als Pallas Tod ihm einst das Reich gebracht.

Du weißt, daß es noch nach dreihundert Jahren
In Alba hat gewohnt, um da zu schauen,
Daß jene drei mit drei'n im Kampf noch waren;

Weißt, was es tat, vom Leid Sabinscher Frauen
Bis zu Lucrezias Schmerz: es überwand
Durch sieben Könige die Nachbargauen;

Weißt, was es tat in edler Römer Hand,
Als gegen Brennus und des Pyrrhus Heere
Und andrer Feinde Bund im Feld es stand,

Drob Fabier, Decier und Torquat, der hehre,
Darob auch Quinctius mit dem wirren Haar
Den Ruhm erlangten, den ich gern verehre.

Es schlug den Stolz jener Araberschar,
Die hinter Hannibal gekommen waren,
Den Berg bezwingend, der dich, Po, gebar.

Es führte Scipio in jungen Jahren,
Pompejus auch zum Sieg, daß darob sollte
Der Berg, wo du geboren, Leid erfahren.

Dann nahm es der, in dem Roms Wille rollte,
Cäsar, als nah die Zeit, wo froh und rein
Der Himmel neu die Welt gestalten wollte.

Was es getan hat zwischen Var und Rhein,
Sah'n die Loire, Isère und Seine an,
Und alles, was zur Rhone mündet ein.

Was nach dem Auszug aus Ravenna dann
Am Rubikon geschah, bot solchen Flug,
Daß weder Wort noch Feder folgen kann.

Und gegen Spanien lenkte es den Zug;
Durazzo dann, Pharsalien riß es nieder,
Was bis zum heißen Nil noch Wunden schlug.

Antandros, seinen Ursprung, sah es wieder,
Den Simois, sah Hektors Grab und kehrte,
- Für Ptolemäus schlimm - zum Flug sich wieder,

Der blitzesgleich des Juba Reich zerstörte.
Dann ging in euren Westen seine Bahn,
Wo es die Tuba des Pompejus hörte.

Was durch den nächsten Träger es getan,
Drob kläffen Cassius und Brutus drunten;
Und Modena, Perugia Jammer sah'n.

Kleopatra, die floh, ward überwunden,
Und von der Natter nahm sie, gramzerflossen,
Den düstern Tod in grausig jähen Wunden.

Mit ihm hat es den roten Strand erschlossen,
Mit ihm hat solchen Frieden es gebracht
Der Welt, daß Janus Tempel blieb verschlossen.

Doch was das Zeichen, das mich sprechen macht,
Dem Reich getan schon, seinem ird'schen Lehen,
Und was noch später alles ward vollbracht,

Wird nur als klein und dunkel vor uns stehen,
Wenn wir mit ungetrübtem, reinem Sinn
Es in der Hand des dritten Cäsar sehen.

Denn das lebend'ge Recht, das mich zieht hin,
Gewährte ihm, daß ruhmvoll es erstünde,
Zu werden seines Zornes Rächerin:

Und staune, wenn ich jetzo dir verkünde
Mit Titus kam es rächend, das zu schlagen,
Was einst die Rache war der alten Sünde.

Und als des Longobarden Zahn benagen
Die Kirche wollte, sah den Aar man wehen
Beim großen Karl, der half zum Sieg ihn tragen.

Ermessen kannst du nun, wie Jene stehen,
Die ich beschuldigte, weil alle Leiden
Euch nur verursacht sind durch ihr Vergehen.

Der will mit ihm den Eigennutz bekleiden,
Der stellt die gelben Lilien ihm entgegen.
Wer mehr hier fehlt, ist schwer zu unterscheiden.

In anderm Zeichen seine Künste pflegen
Mag nur der Ghibellin; denn wer's vom Wahren
Stets abtrennt, folgt gar schlecht nur seinen Wegen.

Nicht lass' es Schmach der neue Karl erfahren
Und seine Guelfen, denn es packt das Zeichen
Auch Löwen höhern Ranges bei den Haaren.

Er sage sich, daß Gott das Wappenzeichen
Nicht mit den Lilien tauscht, und daß die Sünden
Des Vaters oft dem Sohn die Wangen bleichen.

Sieh hier in diesem kleinen Stern sich künden
Die guten Geister, die in irdschen Dingen
Getrachtet, Ehr und Nachruhm sich zu gründen.

Und wenn um Solches eure Wünsche ringen,
So fehlen sie, drum wird mit mindrer Stärke
Der wahren Liebe Strahl nach oben dringen.

Doch wäg ich unser Los und unsre Werke,
So ist auch dies ein Teil von unsern Wonnen,
Daß man kein minder und kein mehr bemerke.

Drum macht Gerechtigkeit uns sanft gesonnen,
So daß in uns das Böse überwunden,
Und nie wir lenken ab von ihrem Bronnen.

Verschiedne Stimmen gehn zusammen drunten
In süßem Einklang, der auch droben wohnt,
Wo die verschiednen Grade ihn bekunden.

Und in dem Schimmer dieses Sternes thront
Das Licht Romée's, der großes Werk bescheiden
Vollbrachte und ward schlecht dafür belohnt.

Doch trug's dem Provenzalen keine Freuden,
Denn Unheil schafft es, meinet Einer gar,
Durch Andrer Rechttun müßt' er Schaden leiden.

Vier Töchter hatte Raimund Berengar,
Und Jede machte ihm zur Königin
Romée, der fromm und still, ein Pilgrim war.

Da heischte er, auf glatte Worte hin,
Rechnung von diesem Braven, der vorab
Für zehn gab fünf und sieben als Gewinn.

Doch der griff arm und alt zum Wanderstab,
Und wenn der Welt sein Herz man könnte weisen,
Wie bettelnd er einherzog, nah' dem Grab,

Preist sie ihn schon, sie würde mehr ihn preisen.«


Gesang 07

»Osanna sanctus Deus Sabaoth
Superillustrans tua claritate
Felices ignes hornm malahoth.«

So, schien es mir, hub an mit der Kantate
Der Geist, ob dem zwei Leuchten sich verbünden,
Als wiederum sich wandten seine Pfade

Zum Umschwung hin der andern Frommgesinnten,
Und schier, als ob es Funkenblitze wären,
Sah plötzlich in der Ferne ich sie schwinden.

»Sag, sag's ihr, sag's der Herrin« ließ mich hören
Die innre Stimme, die mein Zweifel schickte.
»Ihr süßer Tau wird stillen dein Beschweren.«

Und ich, der sich vor B und X schon bückte
Beim bloßen Denken voll Ergebenheit,
Glich einem, der, vom Schlaf befangen, nickte.

Doch litt Beatrix dies nicht lange Zeit.
Ihr Lächeln strahlte her, als sie begann,
Daß es den Mann im Feuer hätt' erfreut:

»Nach meiner Meinung, die nie fehlen kann;
Gibt die gerechte Rache dir zu denken,
Die rechter Weise ward gerächt alsdann.

Doch will ich schleunig dich zur Lösung lenken,
Und merk den Ausspruch dir, groß, und gerecht,
Mit dem dich meine Rede will beschenken:

Den Willenszaum nicht duldend, der war recht,
Hat jener Mensch, der nicht geboren ward,
Verdammend sich, verdammt sein ganz Geschlecht,

Was krank gemacht jahrhundertlang die Art
Der Menschheit, schweren Irrtums voll und trübe,
Bis Gottes Wort beschloß die Niederfahrt,

Nur in Betätigung der ew'gen Liebe
Vereinend sich im Fleisch mit der Natur,
Daß sie nicht abgelenkt vom Schöpfer bliebe.

Jetzt folge scharf in meiner Rede Spur:
Es war Natur, der Gott sich angeschlossen,
So rein und gut wie bei der Schöpfung nur,

Und doch war ihr das Paradies zerflossen,
Weil sie, von ihrem Leben losgewunden
Und wahrem Pfad, sich selber ausgeschlossen.

Mißt man die Kreuzespein mit dem was drunten
Die angenommene Natur verschuldet,
So konnte nie gerechter sie verwunden,

Und niemals doch ward Schlimmeres verschuldet,
Blickst du auf Ihn, der den Vertrag gewährte
Mit der Natur und dafür Tod erduldet.

Drum ging die Wirkung auf verschiedner Fährte:
Gott freute sich und Jude; offen stand
Der Himmel und es zitterte die Erde.

Jetzt sei dein Sinn nicht länger abgewandt,
Wenn man dir sagt, daß die gerechte Rache
Durch den gerechten Richter Sühne fand.

Doch seh ich, wie dein Geist in dieser Sache
Stets grübelnd enger noch den Knoten schlingt,
Sehnsüchtig drängend, daß er frei sich mache.

Du sagst, wohl unterscheid ich, was hier klingt,
Doch dunkel bleibt, warum durch solche Gaben
Und grade so uns Gott Erlösung bringt.

O Bruder, dieser Ratschluß bleibt vergraben
Den Augen aller, die nicht ihren Geist
Erzogen in der Liebe Flammen haben.

Doch da in diesem Punkt ihr sucht zumeist
Und findet wenig nur, will ich dir sagen,
Wie diese Art am würdigsten sich weist.

Die Güte Gottes, ganz dem Neid entschlagen,
Sprüht so aus innrer Glut, daß offenbar
Sie alle ewge Schönheit läßt entragen.

Was aus ihr niedertaut unmittelbar
Hat ewge Dauer, und nie ist zerflossen,
Was sie mit ihrem Siegel prägte klar.

Was sich unmittelbar aus ihr ergossen,
Ist gänzlich frei und steht nicht im Tribut
Von Kräften, die aus neu Geschaffnem sprossen.

Je mehr's ihr gleicht, je mehr dünkt es sie gut;
Ihr heilger Glanz strahlt den Geschöpfen allen,
Jedoch dem ähnlichen in größrer Glut.

All diese Dinge sind nun zugefallen
Der Menschnatur, und wenn sie je entbehrt
Nur eins davon, so muß ihr Adel fallen.

Die Schuld ist's nur, die ihr die Freiheit wehrt
Und sie dem höchsten Gut nicht mehr läßt gleichen,
In dessen Licht sie dann sich wenig klärt.

Nie kann die Würde wieder sie erreichen,
Füllt rechte Strafe nicht für Lustbegier
Ihr auf, was sie durch Sünde ließ entweichen.

Als so sehr sich verging im Keime schier
Die menschliche Natur, ward ihr genommen
Die Würde, und das Paradies mit ihr.

Und wenn du aufmerkst, konnte nicht ihr frommen,
Sich aufzurichten, andres doch als eben
Durch eine dieser Furten hinzukommen

Daß Gott aus reiner Güte selbst vergeben
Die Torheit, oder Sühne doch entstünde
Im Menschen selber, um sie zu beheben.

Jetzt bohr dein Auge ein in tiefe Gründe
Des ewgen Rats mit deiner ganzen Kraft,
Und höre unverrückt, was ich dir künde.

Unmöglich war's, daß selber Sühne schafft'
Der Mensch, weil Demut konnt' so tief nicht gehen,
Nachdem sich sein Gehorsam aufgerafft,

Wie sich erheben wollte zu den Höhen
Sein Ungehorsam. Dieses Grundes wegen
Konnt' aus sich selbst er nicht Erlösung sehen.

So war es also doch an Gott gelegen,
Ihn herzustellen ganz zu neuem Sein
Auf einem oder auf den beiden Wegen.

Doch weil ein Werk wird um so mehr erfreun,
Je klarer vom Vollbringer es berichtet
Die Herzensgüte, die es ihm gab ein,

War Gottes Güte, die die Welt belichtet,
Mit allen ihren Mitteln nur bedacht,
Daß wiederum ihr würdet aufgerichtet.

Vom ersten Tag sah bis zur letzten Nacht
So hehr und prächtig man kein Werk noch weben,
Und niemals wieder wird es so vollbracht.

Freigebiger war Gott, sich selbst zu geben,
Daß neu gestärkt in sich die Menschheit stiege,
Als hätte nur aus sich er ihr vergeben.

Und andres nicht gab hohem Recht Genüge,
Als daß herabstieg Gottes Sohn zur Erde,
Daß er in Demut sich dem Fleische füge.

Doch ganz zu geben, was dein Wunsch begehrte,
Greif ich zurück, noch einen Punkt zu klären,
Damit dein Denken meinem ähnlich werde.

Du sagst: ich sehe Wasser sich verzehren,
Erd', Feuer, Luft und ihr Gemeng vergehn
Und nur für eine kurze Zeit sie währen,

Und da auch sie die Schöpfung ließ erstehn,
So müßten sie, wenn das Gesagte Wahrheit,
Davor gesichert seih, zu Grund zu gehn.

Die Engel, Bruder, und dies Land der Klarheit,
In dem du bist, kann man geschaffen nennen,
Wie ihre ganze Wesenheit sich darbeut,

Doch das, was wir als Elemente kennen,
Und was draus kommt, hat seine Form erhalten
Erst durch geschaffne Kraft; das mußt du trennen.

Geschaffen ist der Stoff, den sie enthalten,
Geschaffen ist auch die Gestaltungskraft
Der Sterne, welche kreisend um sie walten.

Und dieser Lichter Strahl und Umschwung schafft
Der Tiere und der Pflanzen Seelentriebe
Aus rechter Kräfte recht gemischtem Saft.

Doch euer Leben ist der höchsten Liebe
Ureigner Hauch; sie füllt es ganz mit sich,
Auf daß sein Ziel nach ihr gerichtet bliebe.

Auch eure Auferstehung sicherlich
Kannst du so folgern, denkst du wie es war,
Daß Gott schuf euer Fleisch einst gütiglich,

Als er erzeugt das erste Elternpaar.«


Gesang 08

Einst meinte die verirrte Welt, es wehe
Den Liebeswahn die schöne Cypris her,
Die sich im dritten Epicyclus drehe;

Darum zog nicht zu ihr nur so viel Ehr
In Weihgesängen und in Opfergaben
Der Alten, die geglaubt die alte Mär,

Zur Mutter auch, Dione, und dem Knaben
Cupido, und ob seiner kam Bericht,
Er sollt' auf Dido's Schoß gesessen haben.

Man hieß nach ihr, von der mein Lied jetzt spricht,
Den Stern, der sich im Taggestirn will sonnen
Von rückwärts bald und bald von Angesicht.

Nicht merkt' ich, daß mein Aufstieg drin begonnen,
Doch daß im Stern ich war, darob beschied
Die Herrin mich, weil sie noch wuchs an Wonnen.

Nie man im Feuer Funken sprühen sieht,
Und wie sich Stimmen ineinander schicken,
Wenn eine fest steht, eine kommt und flieht,

So sah im Glanz ich andre Leuchten zücken
Und kreisend schneller oder stetig ziehn,
So wie es vorschrieb, schien's, ihr innres Blicken.

Nicht stürmt aus kalter Wolke so dahin,
Ob sichtbar oder unsichtbarer Weise,
Was nicht gehemmt und träg noch dem erschien,

Der diese Himmelsleuchten aus dem Kreise
Der Seraphim sah her zu uns sich schwingen;
Verlassend ihres Zuges hehre Gleise.

Und aus der Vordern Mitte hört ich klingen
"Hosianna" so, daß nimmer ich fortan
Blieb ohne Wunsch, zu hören solches Singen.

Jetzt sahn wir einen sich allein uns nahn,
Der sprach: »Wir alle sind bereit allhie,
Auf daß du Freude sollst von uns empfahn.

Im Kreis und Umschwung, und im Durst wie sie,
Drehn wir uns in der Himmelsfürsten Weise,
Die dir auf Erden einst die Worte lieh:

»Ihr die erleuchtet lenkt im dritten Kreise
Und Liebe füllt uns so daß, weil's dich freut,
Uns kurze Rast so süß dünkt wie die Reise.«

Mein Auge, das erst voll Ergebenheit
Die Herrin fragte, die es angewiesen
Zur sichern Ruhe und Zufriedenheit,

Ging hin zur Leuchte, die so viel verhießen,
Und meine Red »Sag, wer ihr seid« erscholl
Voll von Ergriffenheit, sie zu begrüßen.

Und wieviel heller sah ich, daß sie schwoll
Bei meinem Sprechen ob der neuen Freude,
In der ihr Freudempfinden überquoll.

Und so erglühend, sprach's: »Im irdschen Kleide
Verweilt' ich kurz, und blieb ich länger drunten,
Es hätte viel erspart vom künft'gen Leide.

Mich birgt der Glanz dir, meiner Lust entbunden,
Die mich umstrahlt und hüllt, fast wie das Tier,
Das sich in seine Seide eingewunden.

Du liebtest sehr mich; auch war Grund dafür,
Denn wuchs ich länger nur am Erdenstrande,
Bot mehr als Blätter meine Liebe dir -

Dort wo die Rhone fließt, am linken Rande,
Nachdem sie mit der Sorgue sich gemengt,
Erwarteten als Herrn mich schon die Lande;

Auch wo Ausonien, burgbesäumt, sich engt,
Wo Bari ragt, Gaëta und Catone,
Wo Tronto, wo der Verde meerwärts drängt.

Es blitzte auf der Stirne schon die Krone
Des Landes mir, durch das die Donau gleitet,
Wenn hinter sich sie ließ die deutsche Zone.

Trinacria, die holde, qualmbekleidet
(Der Schwefel tut es, nicht Typheus, der Recke)
Am Golf, dem Unruh Eurus oft bereitet,

Von Pachynum bis zu Peloro's Ecke,
Hätt' ausgeharrt, daß, Karls und Rudolfs Blut
Ihr noch durch mich die Könige erwecke,

Bewog nicht Mißwirtschaft (darob in Wut
Ein unterworfnes Volk allzeit geriete)
Palermo, daß nach Blut es schrie, nach Blut.

Wenn dies mein Bruder ahnte im Gemüte,
So floh er schon die geizge Dürftigkeit
Des Catalanen, daß er Schaden miede.

Und wirklich ist's zu sorgen höchste Zeit
Für ihn und andre, daß man nicht belaste
Noch mehr sein Schiff, belastet schwer schon heut.

Es wuchs sein karger Zweig auf reichem Aste.
Wär er doch nur von anderm Troß umgeben,
Der nicht bloß Gelder in die Truhen faßte!«

»Weil du, die hohe Lust, scheint's, die soeben
O Herr, mir zugeflossen durch dein Wort,
Hier wo beginnt und endet rechtes Streben,

So klar, wie ich nur selbst, gewahrt sofort,
So nahm sie zu und muß sich noch vermehren,
Weil du sie hier entdeckst an Gottes Ort.

Du gabst mir Glück und sollst mich nun belehren
Ob eines Wortes, drin der Zweifel schlich,
Daß süßer Samen Bittres kann gebären.«

So ich, und er: »Kann recht ich lehren dich,
So wird zu dieser Frage wahrem Kerne
Dein Antlitz statt des Rückens wenden sich.

Das Gut, das lenkt und labt die Himmelsferne,
Die du erklimmst, gibt als selbständ'ge Kraft,
Was vorgesehn für diese großen Sterne.

Nicht nur des Vorgeseh'nen Wesenschaft
Hegt jener Geist, der aus sich selbst vollkommen,
Nein, auch zugleich, was diesen Heil beschafft.

Drum, welches Ziel sein Bogen auch genommen,
Er lenkt und trifft so wie es vorgeseh'n,
Dem Pfeile gleich, aus sichrer Hand gekommen.

Sonst wirkte so der Himmel, drin wir geh'n,
Daß, was er schuf, ein Trümmerfeld bedeckte,
Statt daß die Werke Seiner Kunst ersteh'n.

So wär's, wenn mangelhafte Intellekte
Die Sterne lenkten, und auch mangelhaft
Der höchste, der vollkommen nicht sie weckte.

Verlangst du hier Beweis von größrer Kraft?«
Und ich: »Nein, denn ich seh, daß die Natur
Nie müde wird, wenn Nötiges sie schafft.«

Und er : »Sag ob noch Schlimmeres erfuhr
Der Mensch, wenn er nicht Bürger wär auf Erden?«
»Ja,« sagt ich, »und hier find ich selbst die Spur.«

»Kann er's denn sein, wenn Amt und Pflicht nicht werden
Mit Unterschied verteilt im irdschen Leben?
Nein, wenn des Meisters Worte recht euch lehrten.«

Dies die Begründung, die er mir gegeben,
Dann kam sein Schluß: »So leitet also her
Sich aus verschied'nen Wurzeln euer Streben.

Der kommt zur Welt als Solon, Xerxes der,
Als Melchisedek, oder auch wie Einer,
Des Sohn die Luft durchfliegt und stürzt ins Meer.

Die kreisende Natur prägt klar wie keiner
Das irdsche Wachs, doch hat sie nie beachtet,
Ob größer das Gehäuse oder kleiner.

Aus Jacobs Keim ward Esau auch entschachtet,
Und ein Quirin aus so geringem Samen,
Daß man als Vater Mars darum betrachtet.

Erzeugtes würde in Erzeugers Rahmen
Verbleiben stets, wenn nicht obsiegend hier
Vorsehung wirkte in des Himmels Namen.

Jetzt steht vor dir, was erst war hinter dir,
Doch sieh, wie mir dein Anblick Lust gewährte,
Drum folgt ein Zusatz noch zur Sichrung dir.

Stets reift nur Schlechtes, wenn Fortuna wehrte
Den Kräften, die in dem Geschöpf sich regten,
Wie aus jedweder Saat in falscher Erde.

Wenn nur die Völker drunten überlegten,
Daß die Natur den Grund bereitet schon;
Und bessre Menschen gäb's, wenn sie den pflegten.

Doch ihr zwingt in den Dienst der Religion,
Wen schon Geburt belehnte mit dem Schwerte,
Und wer zur Kanzel paßt, kommt auf den Thron;

Drum scheidet sich vom Wege eure Fährte.«


Gesang 09

Als mich dein Karl, Klemenza, o du holde,
So aufgeklärt, sprach er vom ränkevollen
Betrug, den noch sein Blut erfahren sollte.

Doch schloß er: »Schweig und laß die Jahre rollen;
Nur sagen kann ich, daß nach Rechtes Fug
Ob eures Leids noch Tränen fließen sollen.«

Schon ging der heilgen Leuchte Atemzug
Zur Sonne hin, draus Nahrung sie gesogen,
Als zu dem Gut, das allem Sorge trug.

Weh, ruchlos Volk, ihr Seelen, die betrogen
Wollt los von solchem Gut die Herzen reißen
Und tragt die Stirne hoch, vom Stolz umflogen.

Jetzt bot ein andres Licht sich, dessen Gleißen
Ersichtlich vorbrach, um mir anzukünden,
Es wolle sich gefällig mir erweisen.

Und in der Herrin Aug, dem holdgesinnten,
Das mich so wie zuvor noch hielt in Bann,
Schien ich Gewähr für meinen Wunsch zu finden.

»Du selger Geist, o künde bald mir an,
Was ich ersehne,« sagt' ich, »und beweise,
Daß sich mein Denken in dir spiegeln kann.«

Worauf dies neue Licht, da wo im Kreise
Zuvor es sang, fortfuhr an seinem Stand,
Gleich dem, der froh, daß er sich nützlich weise:

»Dort in dem schlimmen italien'schen Land,
Wo zwischen Brenta und der Piavequelle
Und dem Rialto auf der andern Hand

Ein Hügel ragt in schwach gehobner Welle,
Hat eine Fackel sich herabgeschwungen,
Die rings die ganze Gegend schuf zur Hölle.

Aus ihrer Wurzel bin auch ich entsprungen:
Cunizza hieß ich, und mein Licht blitzt hier,
Weil mich der Schimmer dieses Sterns bezwungen.

Doch meines Loses Ursach selber mir
Gar froh verzeihend, hab ich Reu verschmäht,
Ob euren Pöbel auch es wundert schier.

Dies teure leuchtende Juwel, das steht
In unserm Himmel nahe mir zur Seite,
Ließ solchen Ruhm, daß, ehe er verweht,

Sich fünfmal noch dies Hundertjahr erneute.
Drum sieh, wie gut es ist, hervorzuragen,
Daß nach dem ersten Leben blieb das zweite.

Dem will das blöde Volk nicht Sorge tragen,
Das Etsch und Tagliamento schließen ein,
Und fühlt nicht Reu, selbst wenn es wird geschlagen.

Doch bald bricht's über Padua herein,
Den Sumpf verfärbend bis Vicenza hin,
Weil gegen jede Pflicht die Leute schrein.

Auch herrscht noch einer und trägt hoch das Kinn,
Dort wo Cagnan und Sil gemeinsam fließen,
Doch harrt das Netz schon, ihn zu fangen drin.

Und Feltro wird noch Tränen drob vergießen,
Daß ruchlos es sein eigner Hirt verriet,
Denn schlimmre Tat sah Malta selbst nicht büßen.

Und kein Gefäß, so groß es auch geriet,
Reicht aus, das Ferraresenblut zu fassen,
(Wer Lot um Lot es wöge, würde müd)

Das der gefäll'ge Pfaff wird fließen lassen
Für die Partei, die solche Gabe preist;
Und zu des Landes Brauch mag sie wohl passen.

[n Spiegeln droben, die ihr Thronen heißt,
Pflegt Gott sich uns im Richteramt zu zeigen,
Drum deucht uns gut, was diese Rede weist.«

Dann schwieg es, um sich anderm zuzuneigen,
Wie es mich dünkte, denn an seinem Stande
War wie zuvor es eingefügt im Reigen.

Die andre Wonne schien (die ich schon kannte)
Viel heller jetzt und war im Licht gehoben
Wie edelster Rubin im Sonnenbrande.

Wie Lust hier Lächeln zeugt, so Glanz dort oben,
Und drunten wird vom traurigen Ergehen
Mit tiefrem Schatten die Gestalt umwoben.

»Zu Gott, der alles sieht, lenkt sich dein Sehen,
Du sel'ger Geist« sagt ich und darum kann
Kein Wunsch, auf dich gestellt, dir je entgehen.

Warum stillt nicht dein Sang mein Sehnen dann,
Der stets den Himmel labt, wenn seine Fülle
Im Chor der frommen Leuchten steigt hinan,

Die mit sechs Flügeln bilden ihre Hülle?
Wär ich in dir so, wie in mir dein Bild,
Ich bliebe nicht, bis du mich fragtest, stille.«

»Das größte Tal, von Wasser ausgefüllt«
So fing er an »nächst jener Meeresflut,
Die rings im Kranze um die Erde schwillt,

Zieht zwischen Ufern, wo der Streit nie ruht,
So weit, daß erst zu Tag die Sonne gleitet,
Wenn schon am andern Ende Mittagsglut.

Die Heimstatt hat mir solcher Strand bereitet,
Dort zwischen Ebro und der Magra, die
Ein Stück Toskana's von Ligurien scheidet.

Sie sieht die Sonne geh'n und kommen wie
Bugea fast, und einstmals wärmte bange
Mit Strömen ihres Bluts den Hafen sie.

Mein Name Folco war von reichem Klange
An jenem Ort; jetzt wird geprägt durch mich
Der Stern, der mich geprägt mit seinem Drange.

Nicht Belus Tochter glühte so wie ich
(Zu des Sichäus und Kreüsens Bangen)
Solang es meinen Locken ziemte sich;

Noch Phyllis, von Demophoón hintergangen;
Und solchen Drang Alcides nicht erfuhr,
Als Iole dereinst sein Herz gefangen.

Doch hier bereut man nicht; wir lächeln nur,
Zur Schuld nicht etwa, denn die ist versenkt,
Zur Kraft allein, die schuf und wahrt die Spur.

Hier schau'n wir in die Kunst, die so viel schenkt
An Klärung uns, daß wir das Gut gewahren,
Um das zur hohern Welt die niedre drängt.

Jedoch, um deinem Wunsch ganz zu willfahren,
Den diese Sphäre dir gegeben ein,
Gefällt es mir, im Reden fortzufahren.

Du willst jetzt wissen, wer in diesem Schein
Hier neben mir so blinkt in Glanzesfülle
Wie Sonnenstrahl im Wasser blitzt, das rein.

So wisse, hier beruhigt in der Hülle
Sich Rahab, unsrer Ordnung zugeführt,
Daß deren höchste Prägung sie erfülle.

Der Himmel hier, an den die Spitze rührt
Des Erdenschattens, nahm vor andern Seelen
Sie in sich auf, als Christus triumphiert.

Recht war's, für einen Himmel sie zu wählen
(Als Sinnbild hohen Siegs, der Ihm gewann
Die Palme, als Er sühnte menschlich Fehlen)

Weil sie dem Josua, als sein Ruhm begann,
Im heilgen Land war förderlich gewesen,
An das der Papst sich kaum erinnern kann.

Es ward in deiner Stadt (gepflanzt vom Bösen,
Der erstmals höhnte seines Schöpfers Macht
Im Neid, der soviel Tränen sich läßt lösen)

Die schlimme goldne Blume aufgebracht,
Die ab vom Weg so Schaf wie Lämmlein kehrte,
Dieweil den Hirten sie zum Wolf gemacht;

Drum abgetan sind Schrift und Schriftgelehrte,
Nur sind die Dekretalen nicht veraltet;
Sie liest man, bis die Ränder man versehrte;

Und Papst wie Kardinal um sie nur schaltet;
Nicht denken sie an Nazareth jetzt mehr,
Wo seine Schwingen Gabriel entfaltet.

Doch Vatikan und heil'ge Stätten mehr
In Rom, wo die Miliz zur Ruh gebettet,
Die hinter Petrus ging im Streite her,

Sie werden aus dem Ehbruch bald errettet:«


Gesang 10

Indem die Urkraft, hehr und unnennbar,
Das Aug zum Sohne wandte mit der Liebe,
Die sie und er enthauchen immerdar,

Schuf sie in solcher Ordnung das Getriebe
Des Kreislaufs, der im Hirn und Raum sich löst,
Daß wer es säh, nicht ohne Lust verbliebe.

Drum schaut hinauf mit mir, die ihr dies lest,
Nach jenem Punkt, wo so die Räder kreisen,
Daß eine Drehung auf die andre stößt.

Und dort beginnt ihr, voller Lust zu preisen,
Des Meisters Kunst, die er so liebend hegt,
Daß er sein Aug ihr niemals kann entreißen.

Seht nur, wie dorten sich der Zirkel schrägt,
Auf dem die Bahnen der Planeten gehen,
Der Welt zum Heile, die nach ihnen frägt.

Und würden ihre Straßen sich nicht drehen,
So wäre viel vertan an Himmelskraft
Und tot schier alles, was wir drunten sehen.

Und blieben sie nicht stets gewissenhaft
Auf ihrem Weg, so würden viele Dinge
Im auf und ab der Welt verkehrt geschafft.

Bleib sitzen, Leser, doch dein Geist durchdringe,
Was man dir vorschlägt, so daß Lust erwacht,
Schon lang bevor Ermüdung dich bezwinge.

Ich tisch dir auf; jetzt sei du selbst bedacht,
Zu laben dich, denn weiter treibt allzeit
Der Stoff mich, der zum Schreiber mich gemacht.

Sie, die mit Himmelskraft die Welt bestreut,
Die größte Schaffnerin im irdschen Land,
Und die mit ihrem Licht uns mißt die Zeit,

Ging durch den Punkt, den ich vorhin genannt,
In der Spirale kreisend, wo sie kündet
Mit jedem Mal uns früher ihren Stand.

Bei ihr war ich und hatte nicht ergründet,
Daß auf ich stieg, wie man, ob er auch nah,
Nicht dein Gedanken merkt, bevor er mündet.

Es war Beatrix Jene, die man sah
Im hellen Glanze sich noch heller schmücken
So schnell, daß keine Zeit mißt, was geschah.

Wie muß aus sich das Innre leuchtend zücken
Im Kern der Sonne, wo ich eingegangen:
Und Farbe nicht, nur Licht bot es den Blicken.

Wollt' Uebung, Kunst, Verstand sich unterfangen,
Zu schildern es, nicht wär' es zu verstehn,
Doch glauben soll man's und zu seh'n verlangen.

Kein Wunder, daß gemieden solche Höhen
Des Geistes niedrer Flug, dieweil die Kraft
Des Augs nicht über Sonnenglanz kann gehen.

Und so war jene vierte Dienerschaft
Des hohen Vaters anzuschaun dort oben,
Die stets Er sättigt, wenn Er haucht und schafft.

Beatrix nun: »Fang an, fang an zu loben
Die Engelssonne, die dich voller Gnade
Zu dieser sichtbaren emporgehoben.«

Nie klärt' ein sterblich Herz in solchem Grade
Zur Andacht sich, noch daß im tiefsten Triebe
So dienstbereit es seinem Gott sich nahte.

Wie ich nach diesem Wort, und meine Liebe
Ging eifrig hin zu Ihm, so ungeteilt
Als ob Beatrix drob vergessen bliebe.

Doch ihr mißfiel's nicht, da sie unverweilt
Süß lächelte, mein Denken zu beschwingen,
Des einzig Ziel sie mehrfach nun verteilt.

Mehr Feuer sah ich sieghaft uns umringen,
Die uns zur Mitte machten, sich zum Kranz;
Hell war ihr Licht und süßer noch ihr Singen.

So sehn Latona's Tochter wir oft ganz
Umschimmert, wenn der Dunstschwall hält am Rande
Den Faden fest, der webt des Gürtels Glanz.

Der Himmelshof, der wieder heim mich sandte,
Birgt viel Kleinode, und so schön sind sie,
Daß man sie nicht entführen kann dem Lande;

Und solcher Art war jene Melodie.
Wer nicht sich flügge macht zum Aufwärtsflug,
Mag einen Stummen fragen um das Wie.

Umkreisend uns mit solchem Sange, trug
Dreimal der Reigen diese glühnden Sonnen,
Als kreist' um seinen Pol ein Sternenzug.

Dann schienen's Frauen mir, nicht in den Wonnen
Des Tanzes aufgelöst, nein, haltend stille,
Stumm lauschend, ob die Weise neu begonnen.

Und also klang es nun aus einer Hülle:
»Wenn so aus dir die Gnade blitzt hervor
Der Liebe, die im Lieben wächst an Fülle,

Daß sie hinauf dich führt zum Himmelstor,
Von dem noch nie herabgestiegen wer,
Der stiege nicht auf's neu zu ihm empor,

So wäre, wer nicht Wein dir reichte her
Aus seinem Kruge, selber so gebunden.
Wie Wasser, das nicht fließen kann zum Meer.

Uns Blumen willst du kennen, die umwunden
Als Kranz die schöne Frau (darob uns freuend)
Die dich zum Himmelsfluge ließ gesunden:

Ein Lamm der Herde war ich, die betreuend
Dominikus am Weg geführt, wo sich
Gut nährt, wer gradaus geht, das Eitle scheuend.

Der nächste rechter Hand, der lehrte mich
Als Bruder einst, hieß Albert auf der Erde,
Von Köln, und Thomas von Aquino ich.

Willst du, daß Kenntnis dir von allen werde,
So geh im Kranz, der selig dich umwindet,
Mit deinem Aug auf meines Wortes Fährte.

Sieh von des Lächelns Flamme hier entzündet
Gratian, der beider Fora Stütze war,
So daß sein Lob im Paradies sich kündet.

Der nächste dann im Schmucke unsrer Schar
War jener Petrus, der, was ihm gehörte,
Bot, wie das arme Weib, der Kirche dar.

Der fünfte Schein, der schönste unsrer Herde
Haucht solche Liebe aus, daß von ihm drunten
Die ganze Welt zu hören stets begehrte.

Drin ist der hohe Geist, in dem befunden
So tiefes Schauen, daß, wenn Wahres wahr,
Kein Zweiter stieg, der so viel konnt' erkunden.

Dann beut das Licht sich jener Kerze dar,
Das schon im Fleische drunten scharf ergründet,
Was Amt und Art verschiedner Engel war.

Das nächste winzig kleine Flämmchen kündet
Des Christentumes Anwalt, des Latein
Sich dann bei Augustinus wiederfindet.

Zog jetzt dein Geist dem Lobe hinterdrein,
Das ich erklingen ließe von Glanz zu Glanz,
So geht dein Durst schon hin zum achten Schein.

Drin labt sich stets die heilige Substanz
Die Jedem, dessen Ohr nicht will ermüden,
Die Flüchtigkeit beweist des ird'schen Tands.

Der Leib, von dem Gewalt sie einst geschieden,
Ruht im Cieldauro, und nach bösem Brauch
Kam erst nach Bann und Marter sie zum Frieden.

Dann sieh wie Richard glüht im Flammenhauch,
Ein Held in des Betrachtens Disziplin,
Und Isedor, der würd'ge Beda auch.

Vom Nächsten blickst zu mir du wieder hin;
Das Licht des ernsten Denkers ist's, dem deuchte,
Daß allzu spät der Tod erreiche ihn.

Dies hier ist des Sigerus ew'ge Leuchte;
Im Vicus Straminum dozierte sie,
Wo sie mit bittrer Wahrheit Manchen scheuchte.«

Und jetzt, wie an der Uhr, die ruft uns früh,
(Wenn Gottes Braut steht auf im Morgenlied
An ihren Bräut'gam, daß er liebe sie)

Der eine Teil den andern schiebt und zieht,
So daß "ting, ting" ertönt in süßem Klange,
Drob Liebe schwellt das dürstende Gemüt,

So sah den Ruhmesreigen ich im Gange,
Und Stimme kam zu Stimme, abgeklärt
In solcher Süße, wie man sie im Sange

Nur dort vernimmt, wo ewig Freude währt.


Gesang 11

Wie blöd sind doch des Menschen ew'ge Sorgen,
Die ihn in trügerischer Logik zwingen,
Nur niedern Flug den Schwingen abzuborgen.

Indes sich an das Jus die einen hingen,
An Kirchenämter, an die Medizin,
Und andre, stark und schlau, auf Macht nur gingen,

Auf Raub und auf geschäftlichen Gewinn,
Und manche sich in Fleischeslust zerschunden,
Wohl auch dem Nichtstun sich gegeben hin,

War ich, von Solcherlei ganz losgebunden,
Im Himmelszelt mit Beatricen droben,
Wo ich so rühmlichen Empfang gefunden.

Nun hielten alle, als so weit verschoben
Der Reigen sich, an ihrer vor'gen Stelle,
Wie Kerzen schien's, die sich' im Leuchter hoben.

Dann hört ich, wie aufs neu die Flammenwelle,
Die vorhin sprach, begann zu reden laut,
Im Lächeln mehr noch läuternd ihre Helle:

»Indem ins ewge Licht mein Auge schaut,
In dessen Strahlenglanz ich heller zünde,
Erkenn' im Grund ich, was dein Denken braut.

Du zweifelst und verlangst, daß man begründe
In klaren Reden, die sich so verbreiten,
Daß dein Verstand den Kern auch wirklich finde,

Mein Wort "wo gut sich nährt" und dann zum zweiten,
Wo es "so hoch gestiegen" einen nennt;
Doch müssen wir genau hier unterscheiden.

Die Vorsehung, die führt ihr Regiment
Mit solchem Rat, daß der erschaffne Blick
Bezwungen wäre, eh den Grund er kennt,

Hat, daß die Braut ging hin zu ihrem Glück,
Zu Ihm, der lauten Rufs sich ihr vermählte
Im heilgen Blut, gesichert ihr Geschick,

Indem sie ihr zum Schutz zwei Fürsten wählte,
Als Bürgen, welche Sorge um sie tragen,
So daß auf keinem Weg der Führer fehlte.

In Seraphs Glut sah man den einen ragen;
Des andern Weisheit schmückte stets das Licht
Der Cherubim in seinen Erdentagen.

Von einem gebe jetzt ich dir Bericht,
Doch da vereint ihr Ziel, wird beide loben,
Wer auch von einem nur lobpreisend spricht.

Zwischen Tupino und dem Bach, der droben
Vom Hügel fließt, den Ubald sich erwählte,
Winkt fruchtbar Land, vom Berg her vorgeschoben,

Des Joch durch Porta Sole Glut und Kälte
Perugia schickt und drüben schlimm sich zeigt,
Wo mit Nocera Gualdo es vergällte.

Von jenem Hang, wo sanfter er geneigt,
Stieg eine Sonne auf, gleich diesem Licht,
Wie es dem Ganges manchesmal entsteigt.

Drum, sprecht ihr von dem Ort, so nennet nicht
"Ascesi" ihn, es würde wenig sagen,
Doch "Sonnenaufgang", weil nur dies entspricht.

Als kaum dies mächtge Licht begann zu tagen,
Ward mählich fühlbar seine Kraft dem Leide
Der Welt, und etwas Trost kam ihren Plagen.

Als Jüngling mit dem Vater einst im Streite
Ob eines Weibs, das - gleich dem Tode - fand
Niemals entriegelt noch das Tor der Freude,

Bot er drauf coram patre ihr die Hand
Vor seinem geistgen Richterstuhl in Treuen,
Und täglich mehr war liebend er entbrannt.

Durch mehr als tausend Jahr ward Hohn der Scheuen,
Seit tot ihr erster Gatte, und es weckte
Sie Keiner, außer jenem, sie zu freien.

Nicht half's, daß bei Amyclas man entdeckte,
Wie sicher sie, die nicht sich wollte fügen
Der Stimme dessen, der die Welt erschreckte.

Nicht half's, daß ihre Treue so gediegen,
Als an dem Kreuze unten blieb Marie,
Daß sie mit Christus ist hinaufgestiegen.

Doch daß im Dunkel nicht dein Geist verzieh:
Franz und die Armut sind das Paar gewesen,
Und red' ich lang, so denke jetzt an sie.

Ihr heitres Ansehn ließ, ihr einig Wesen,
Weil Staunen, Liebe, süße Schau entstand,
Viel heilige Gedanken drob sich lösen,

So daß der würdge Bernhard unverwandt
Entschuhte sich, von solchem Frieden hörend,
Und ob er eifrig schritt, es langsam fand.

0 welch ein Reichtum, ungeahnt sich mehrend!
Sylvester kommt entschuht, entschuht Aegid,
Dem Freier nach, die schöne Braut verehrend.

Von dannen mit dem Weib der Lehrer zieht,
Ihm nach in Demut alle die Genossen,
Die schon umgürtet mit dem Strick man sieht.

Nicht wird in Kleinmut je sein Herz verdrossen,
Weil Peter Bernardone's Sohn er war,
Noch weil verächtlich Staunen hergeflossen.

Er offenbarte königlich und klar
Sein strenges Ziel dem Papst, daß der die Lehre
Mit seinem ersten Siegel mache wahr.

Als Viele kamen zu der Armut Heere,
Ihm nach, des wunderbaren Wandel man
Am besten sänge zu des Himmels Ehre,

Ließ durch Honorius aufs neue dann
Der heilge Geist das hehre Ziel bekrönen,
Das diesen Erzmandriten trieb bergan.

Nach Marter dürstend, ließ er drauf mit jenen,
Die ihm gefolgt sind, vor des Sultans Dräuen
Dem Volke Christi Lehre laut ertönen.

Doch störrisch blieb's und wollt' Gehör nicht leihen;
Drob er, nicht säumend, wiederum erkürte
Italiens Flur, um Samen auszustreuen.

Zu Verna's rauhem Fels ihn Christus führte,
Das letzte Siegel dort ihm prägend ein,
Das noch zwei Jahre seine Glieder zierte.

Als Er, der ihn erkor zu solchem Schein,
Ihn abberief zum Lohn, der ihm verblieben,
Dieweil er nur der Kleinste wollte sein,

Empfahl das Weib er, dem stets galt sein Lieben,
Den rechten Erben, seinen Brüdern allen,
Befehlend, daß man treu sie solle lieben.

Und nur aus ihrem Schoß wollt heimwärts wallen
Der edle Geist, und nur auf ihr gebahrt
Den Leib zu sehen, konnte ihm gefallen.

Nun denk', wie mußte sein von würdger Art
Der andre Steuermann im großen Meer,
Der lenkte Petri Schiff zu rechter Fahrt.

Und dies war unser Patriarch, und wer
(Das siehst du selbst) so folgt wie er es lehrte,
Wird gute Ware bringen zu euch her.

Jedoch so lüstern ist jetzt seine Herde
Nach neuer Kost, daß sie darob verkehrt
Zu Sprüngen sich gewandt auf andrer Fährte.

Je mehr sie sich auf fremder Weide nährt,
Um desto leerer sind auch ihre Euter,
Wenn zu der Hürde dann sie wiederkehrt.

Zwar Manchen gibt's (doch nur den Nachteil scheut er)
Der hält zum Hirten, doch es sind nicht viel,
Und wenig Tuch schon gäb für Alle Kleider.

Wenn meine Rede nicht zu schwach und kühl,
Wenn aufmerksam gewesen stets dein Hören
Und auch mein Wort auf sichern Boden fiel,

So wird zum Teil gestillt sein dein Begehren.
Du sahst, wie's mit dem Holz, das, splittert, steht,
Und Tadel konntest in dem Wort du hören:

Wo gut sich nährt, wer ab vom Weg nicht geht.«


Gesang 12

Als kaum das letzte Wort dem Flammenwehen
Des benedeiten Geistes sich entrungen,
Begann das heilge Mühlrad sich zu drehen.

Und eh es noch sich ganz herumgeschwungen,
Ward es von einem zweiten, das den Sang
Und die Bewegung aufnahm, rings umschlungen.

Der Himmelsflöten süßer Wettgesang
Besiegte unsre Musen und Sirenen,
Wie Ursprungsglanz den Abglanz stets bezwang.

Wie gleichen Schwungs an zarter Wolke lehnen
Zwei Bögen in den Farben überein,
Wenn Juno ihrem Mägdlein ruft, dem schönen,

(Der äußre als des innern Widerschein
Dem Ruf der Nymphe gleichend, die verzehrte
In Liebe sich, wie Dunst im Sonnenschein)

Und machen kund den Völkern dieser Erde,
Nach jenem Pakt, den Gott und Noah setzten,
Daß nie die Welt aufs neu zum Meere werde,

So war's, wie uns die ewgen Rosen letzten,
Umkreisend uns im Schwung der zwei Girlanden,
Und so verhielt die erste sich zur letzten.

Als Tanz und Festlärm und die hell entbrannten
Lichtblitze, die sich kreuzten in der Fülle
Von Liebe und von Lust, draus sie entstanden,

Geeint im Wunsch mit einmal wurden stille,
So wie zu gleicher Zeit die Augen sich
Auftun und schließen, wenn sie lenkt der Wille,

Hört' ich, was aus dem Herzen schien's entwich
Der neuen Leuchten einer, so verzückt,
Daß ich, schnell wendend, dem Magnetstift glich.

Sie sprach: »Mich drängt die Liebe, die mich schmückt,
Zum Lob des andern Führers, weil man meinen
Um seinetwillen hell ans Licht gerückt.

Wo einer ist, muß sich ihm gleich vereinen
Des andern Bild, denn wie ihr Kampfesziel
Soll ihres Ruhmes Glanz gemeinsam scheinen.

Da Christi Heer, das neu zu rüsten viel
Gekostet einst, so spärlich kam am Pfade
Der Fahne nach, mißtrauisch noch und kühl,

Versah der ewge Herrscher nur aus Gnade,
Nicht weil es würdig war, mit neuem Leben
Das matte Volk, das zweifelsvoll sich nahte,

Und wie gesagt, hat er der Braut gegeben
Zwei Kämpen, daß mit Wort und Tat vorauf
Aufs neue das entgleiste Volk sie höben.

Dort wo der süße Zephyr kommt herauf,
Um wiederum das neue Laub zu wecken,
Das er Europen streut in seinem Lauf;

Nicht weit vom Strand, an dem die Wogen lecken,
Dahinter müd nach langer Wandrung liegt
Die Sonne, sich vor jedem zu verstecken,

Ragt Calaroga, glückbestrahlt gewiegt
Im Schutz des großen Schildes, wo der Leue
Zu oberst thront und sich am Fuße fügt.

Hier kam der Kirche Freier, jener treue
Und heilge Riese auf die Welt, daß er
Die Seinen schütze und den Feind bedräue.

Und kaum gezeugt, flog schon sein Geist so hehr,
Daß er, noch in der Mutter, sie ließ sehen
Prophetisch, was die Zukunft brachte her.

Und als am heilgen Born man wollt' begehen
Den Bund, der ihn dem Glauben gab zu eigen,
Was beiden Teilen ließ viel Heil erstehen,

Sah jene Frau, die kam für ihn zu zeugen,
In ihrem Traum die Frucht, die wunderholde,
Die dann entsproßte ihm und seinen Zweigen.

Auf daß sich seine Art gleich künden sollte,
Ließ ihn der Himmel mit dem Possessiv
Des nennen, dem er ganz gehören wollte,

Und also man Dominikus ihn rief.
Ihn nenne ich den Ackersmann, den Christus,
Daß er ihm helfe, auf sein Feld berief.

Und wohl zählt' ihn zu seinem Hausstand Christus,
Denn seine Liebe galt vor allem der,
Die uns zu allererst auch anriet Christus.

Sein Lager fand die Amme oftmals leer
Und ihn ganz still und wach auf bloßer Erde,
Als sagte er: »Zu solchem kam ich her.«

Wie sich im Vater "Felix" voll bewährte,
War seine Mutter auch "Johanna" ganz,
Wenn Worte gelten, wie man sie erklärte.

Nicht wie jetzt alles ob des irdschen Tands
Sich müht, Ostiensen und Thaddäus gleich,
Nein um des wahren Manna's Himmelsglanz,

Ward groß er bald im geistigen Bereich
Und fing nun an, den Weinberg zu begehen,
Der, wenn der Winzer schlecht, verdorrt sogleich.

Und von dem Stuhl, der würdger Armen Flehen
Wohl hörte sonst (er selbst ist vorwurfsfrei,
Wenn die drauf sitzen ab vom Wege gehen)

Heischt er nicht Nachlaß, daß um zwei und drei
Die sechs er kürze, auch nicht fette Pfründen,
Nicht decimas quae stint pauperum Dei,

Nein, die Erlaubnis nur, daß er die Sünden
Der irren Welt bekriege für den Samen,
Den dir die vierundzwanzig Blumen künden.

Dann in des apostolschen Amtes Namen
Ging stürmisch er voran mit seiner Lehre,
Wie Springquells Fluten, die dem Berg entkamen,

Daß er das wirre Ketzertum versehre,
Und heißer stets ließ ihn der Kampf erglühen,
Je mehr sich das Gestrüpp gesetzt zur Wehre.

Gar viele Quellen sah man aus ihm sprühen,
Hin zum katholschen Garten frisch und klar,
So daß den Pflanzen kam ein neues Blühen.

Wenn so das eine Rad des Wagens war,
In dem die Kirche konnte niederreißen
Des Zweifels Ansturm, wehrend der Gefahr,

So müßte darin klar sich dir erweisen
Des andern Rads vortreffliche Natur,
Das, eh ich kam, du Thomas hörtest preisen.

Jedoch verlassen ganz ist jetzt die Spur,
Die der erhabne Kranz des Rades machte,
Und statt des Weinsteins zeigt sich Schimmel nur.

Die Schar, die einst an graden Weg nur dachte,
Ward so verdreht, daß in die hintern Reih'n
Die vordre selber jetzt Verwirrung brachte.

Die schlechte Saat wird offenkundig sein
Gleich bei der Ernte, wenn der Lolch wird klagen,
Daß man zur Scheuer nicht ihn führte ein.

Zwar wenn wir blattweis unser Buch befragen,
So fänden wir geschrieben wohl einmal
»Ich bin noch der ich war in alten Tagen«.

Doch nicht aus Acquasparta und Casal
Wird solcher sein, denn die verschärfen eben
Die Regeln oder flieh'n sie allzumal.

Du siehst in mir Bonaventuras Leben
Aus Bagnoregio, der im hohen Rat
Es mied, der mindern Sorge nachzugeben.

Schau Augustin und hier Illuminat,
Die schnell den Strick der Armut umgebunden
Und suchten barfuß Gottes rechten Pfad.

Schau Hugo Sanct Victor, und ihm verbunden
Petrus Comestor und Petrus Hispan,
Der durch zwölf Büchlein leuchtete dort unten;

Natan den Seher, Metropolitan
Chrysostomus, Anselmus und Donat,
Der schaffte der Grammatik rechte Bahn.

Maurus Rhaban ist hier, und leuchtend naht
Der kalabresische Abt Gioacchin,
Der prophezeiend einst hervor sich tat.

Zu eifern für solch hehren Paladin,
Bewog die Rede mich, so klar und bieder,
Des Bruder Thomas, die ihn selbst ließ glühn,

Und so auch mich, und mit mir diese Brüder.«


Gesang 13

Denkt euch, sofern ihr deutlich wollt erfahren,
Was ich jetzt sah (und fest wie Felsgestein
Müßt ihr, indes ich rede, es bewahren)

Die fünfzehn Sterne, die dem Himmel leih'n
An manchen Stellen jene heitre Pracht,
Die fegt die Luft von allen Dünsten rein;

(Denkt jenen Wagen euch, der Tag und Nacht
An unserm Himmel, und aus ihm nicht schwindet,
Wenn seine Deichsel eine Wendung macht,

Und denkt euch jenes Horn, da, wo es mündet,
Und da, wo mit der Spitze es berührt
Den Punkt, um den der erste Kreis sich windet)

So in zwei Himmelszeichen vorgeführt,
Wie eins durch Minos Tochter ward gestaltet,
Als eisig sie des Todes Hauch verspürt,

Gleichmäßig ihren Radien eingeschaltet,
Und wie sich ihres Reihentanzes Drehen
In einem, dann im andern Kreis entfaltet,

Und fast den Schatten habt ihr dann gesehen
Vom wahren Bild und von der Tanzesweise,
Wie ich sie dort sah zwiefach mich umwehen,

Weil es so fern von jedem ird'schen Gleise,
Wie das Gefäll der Chiana fern dem Drang,
Der treibt den schnellsten aller Himmelskreise.

Nicht Bacchus, nicht Päan war's, was man sang,
Nein, drei zu einer Gottnatur verbunden,
Die mit der unsern im Zusammenklang.

Sobald ein Ende Sang und Tanz gefunden
Der heil'gen Leuchten, wandten sie sich her,
Froh drum, jetzt neue Sorge zu bekunden.

Im sel'gen Kreis, so einig und so hehr,
Brach jenes holde Licht zuerst die Stille,
Das mir von Franz erzählt die Wundermär

»Ist ein Bund ausgedroschen und die Fülle
Des Korns verwahrt, treibt Liebe hold mich an,
Daß ich des andern Bundes Drusch erfülle.

Du glaubst, die Brust, aus deren Rippe man
Die schöne Wange schuf, die allen Leuten
Kam hoch zu stehn durch ihren Gaumen dann,

Und jene speerdurchbohrte, die im Leiden
Und vor wie nachher so viel aufgewogen,
Daß leichter wiegen alle Schuldigkeiten,

Sie hätten alle Weisheit eingesogen
(Von Dem, der beiden gab das Lebenslicht)
Die je dem Menschen wurde zugewogen,

Und staunst ob meines Wortes Zuversicht:
»Kein zweiter, der besäße solcher Weise
Das Gut, das sich verhüllt im fünften Licht.«

Tu auf das Aug' jetzt dem, was ich dir weise:
Es steht mein Wort und was dein Glaube zeigt
Im Wahren wie der Mittelpunkt im Kreise.

Was niemals stirbt und was dem Staub sich beugt,
Ist nur der Abglanz, jenem Plan entglitten,
Den unser Herrscher liebevoll gezeugt;

Denn das lebendige Licht, das unbestritten
Aus seinem Urglanz strömt, niemals enteint
Von Ihm, noch von der Liebe als der Dritten,

Sorgt gütig, daß - gespiegelt fast - sich eint,
Was es an Glanz zu neun Substanzen leitet,
Indes als eins in sich es ewig scheint.

Indem es stufenweis hinuntergleitet,
Schafft es zum Schlusse nur, was kurz besteht
Und was man als vergänglich unterscheidet.

So nenn' ich, was dem Zufall untersteht,
Erzeugt vom Himmel, der sich regt und flimmert,
Aus Samen teils und teilweis ungesät.

Drum bleibt die Kraft stets ungleich, die hier zimmert,
Und auch der Stoff, der unterm höchsten Ziel
Mehr oder minder dann hervor nur schimmert.

So seht am selben Baum der Arten Spiel
Ihr in den Früchten gut und schlechter kommen,
So bringt Geburt euch wenig Geist und viel.

Wenn nur stets formbereit das Wachs entnommen
Und in der höchsten Kraft der Sternenstand,
So wäre ganz des Siegels Glanz entgommen.

Natur indes gibt Mängel allerhand,
So daß sie wie das Werk des Künstlers spricht,
Der kunstgewohnt, doch zittert mit der Hand,

Doch wenn in Liebesglut das klare Licht
Der Urkraft selbst will prägen und gestalten,
So zeigt Geschaffnes ganz das Vollgewicht.

So schien die Erde wert, sie zu entfalten
Zur tierischen Vollendung, und so ward
Es mit der Jungfrau Schwängerung gehalten.

Drum hast du recht, daß solche Menschenart
Wie jene beiden nimmermehr entstanden,
Auch in der Zukunft nicht noch Gegenwart.

Wenn jetzt ein Ende meine Worte fanden,
So fingst du an: Wie konnte sich's begeben,
Daß Jenem nie ein zweiter gleich gestanden?

Doch was nicht scheint, wird hellen Scheins sich heben,
Bedenkst du, wer er war und was ihn trieb,
Als Gott ihn fragte "was soll ich dir geben?"

Erkennen magst du, wie ich ihn beschrieb,
In ihm den König, der um Weisheit bat,
Auf daß des Königtums er würdig blieb.

Nicht wollt' er sehn, wie groß der Sternenstaat,
Nicht ob das Mögliche mit dem necesse
Necesse
gäbe je als Resultat;

Nicht si est dare primum motam esse,
Nicht wer im Halbkreis könnt' ein Dreieck bauen,
Das nirgends einen rechten Winkel messe.

Merk, daß mein Wort vom "unerreichten Schauen"
Den Vorbedacht der Fürsten will vermelden,
Und siehst du dies, wirst du dem Worte trauen.

Und daß das "stieg" für Könige soll gelten,
Wird dem geklärten Aug' jetzt nicht entgehen,
Und Könige gibt's viel, doch gute selten.

Du sollst im Wort die Unterschiede sehen,
Dann kann dein Glaube an des Heilands Licht
Und an den Aeltervater fortbestehen.

Dies sei dir stets am Fuß ein Bleigewicht,
Damit du langsam gehest, so wie müde,
Zum Ja und Nein, eh hinschaut dein Gesicht.

[m Heer der Narren steht im letzten Gliede,
Wer ja sagt oder nein, eh er erkannt
Jedweden Fall in seinem Unterschiede.

Denn manchesmal neigt nach der falschen Hand
Sich die landläufge Meinung, und am Ende
Hemmt noch die Eigenliebe den Verstand.

Und mehr als nutzlos sich vom Ufer trennte,
Weil er nicht heimkehrt wie er ausgefahren,
Wer fischt nach Wahrheit und es nicht verstände.

Dies sah man drüben deutlich offenbaren
Parmenides, Bryson, Meliss mit Vielen,
Die wußten nie, wo hinzielt ihr Gebahren.

In Torheit auch Sabell, Arius fielen;
Sie fuhren so wie Schwerter in die Schriften,
Indem sie, was gerad war, machten schielen.

Nicht allzu sicher sei die Welt im Richten,
Und nicht gleich dem, der den Gewinn bedachte,
Eh noch die Reife kam zu seinen Früchten.

Oft sah ich, wenn gar finstre Miene machte
Der Dornenstrauch in grimmen Winterszeiten,
Wie bald auf seinem Zweig die Rose lachte.

Und wied'rum sah ich Schiffe hurtig gleiten
Geraden Wegs auf weitem Meerespfad
Und nah dem Hafen endlich Schiffbruch leiden.

Glaubt nicht ihr Hans und Kunz, ob ihr auch saht
Den stehlen, jenen opfern, daß solch Leben
Schon abgeschlossen sei in Gottes Rat,

Denn der kann fallen, jener sich erheben.«


Gesang 14

Vom Mittelpunkt zum Rand, vom Rand nach innen
Wird Wasser in der runden Schale fließen,
Je wie ein Stoß kommt draußen oder drinnen.

Auf dies ward ich mit einmal hingewiesen,
Sobald nun schwieg des Thomas schimmernd Leben,
Weil Ähnlichkeiten sich mir sehen ließen

Mit seiner Rede, wie sie floß soeben,
Und jener, die nach ihm hold angefangen
Beatrix, um Bescheid darauf zu geben:

»Dem hier tut's not - doch äußert solch Verlangen
Sein Mund nicht und sein Denken selbst nicht kann's, -
Zu andrer Wahrheit Wurzel zu gelangen.

Drum laßt ihn wissen, ob eure Substanz
Sich ewig so wie jetzt im Licht verklärt,
Das euch umblüht mit seinem Strahlenglanz.

Und bleibt sie so, wenn neu euch wird gewährt
Das irdsche Antlitz, ob sich nicht muß zeigen,
Daß darob eure Sehkraft wird versehrt.«

Wie wenn mit einem Mal der Tanzesreigen
Sich freudiger belebt im lauten Drange,
Und alles schiebt und zieht und Stimmen steigen,

So sah die hehren Kreise ich im Gange
Und ob der frommen Bitte fröhlich werden
In ihrem Drehn und wunderbaren Sange.

Wer klagte, daß man stirbt und statt auf Erden
Dort oben lebt, sah nie, wie dort sich senkt
Der ewge Tau auf irdische Beschwerden.

Den Eins und Zwei und Drei, der ewig lenkt
Und webt in Drei und Zwei und Eins, der nie
Beschränkt in sich das Weltenall umschränkt,

Ihn pries dreimal in solcher Melodie
Ein Jeder, daß durch sie wär rechter Weise
Ein jegliches Verdienst, belohnt allhie.

Dann tönt's vom hellsten Licht im kleinern Kreise
Bescheiden, wie vielleicht die Stimme war
Des Engels, die Marien klang zum Preise:

»So lang das Wonnefest sich bietet dar
Im Paradies, wird unsre Liebe weben
Dies strahlende Gewand um unsre Schar.

Sein Leuchten folgt der Glut in unserm Streben,
Die Glut dem Schauen, und dies reicht so weit,
Wie Gnade ihm, mehr als verdient, gegeben.

Und wenn geheiligt unser Fleisch als Kleid
Zurück uns kommt, so macht es uns vollkommen
Zum Ganzen, das mehr Lieblichkeit uns leiht.

Darob wird Zuwachs uns des Lichtes kommen
Vom höchsten Gut, das unverdient uns schmückt,
Des Lichts, das uns zur Gottesschau wird frommen.

Dann wächst das Schauen, höher noch gerückt,
Es wächst die Glut, die aus dem Schauen zündet,
Es wächst der Strahl dann, der aus jener zückt.

Doch wie die Kohle, draus die Flamme mündet,
Lebendig glühend ihren Glanz bewährt,
So daß darin sie jene überwindet,

So wird, ob auch der Schimmer rings uns klärt,
Von jenem Fleisch er noch besiegt an Helle,
Das jetzt die Erde Tag um Tag beschwert.

Noch kann ermüden uns des Lichtes Welle,
Weil unser Leib in jegliphem Organ
Gestärkt sein wird für jede Freudenquelle.«

So schnell und eifrig kam das Amen an
Von beiden Chören, daß, wie's schien, ein Jeder
Voll Sehnsucht ob des toten Leibes sann.

Vielleicht nicht nur um sich, doch ob der Väter,
Der Mütter und wer sonst ihm nahe stand,
Bevor er Flamme ward im ewgen Äther.

Und sieh, wie rundum neuer Glanz entbrannt
Ob dem, der da war, auch so klar zu schauen,
Wie wenn sich Klärung hebt am Himmelsrand.

Wie in des Abends erstem Dämmergrauen
Der Stern heraus kommt, daß man hell ihn sähe
Und doch dem Anblick wieder nicht mag trauen,

So sprühte, dünkte mich, es rundum jähe
Von neuen Geistern her, auf daß ihr Kranz
Sich um die beiden andern Kreise drehe.

O du, des heil'gen Anhauchs wahrer Glanz,
Wie hast du schnell und leuchtend überkommen
Mein schwaches Aug, daß es besiegt war ganz.

Doch ist Beatrix wieder hergekommen,
So schön und hold im Lächeln, daß mein Sinn,
Dem alle Kraft zu folgen war verglommen,

Jetzt neu erwachte, um zu sehen hin
Auf größres Heil, das hielt mich rings umwoben,
Der ich allein war mit der Führerin.

Wohl merkte ich, daß höher ich gehoben,
Am Lächeln des Planeten, dessen Schein
Noch röter als gewöhnlich strahlte droben.

Und opfernd stieg aus tiefstem Herzensschrein
Die Stimme, die zu eigen ist uns allen,
Für neue Gnade schuld'gen Dank zu weih'n.

Und eh erschöpft noch war des Herzens Wallen,
Wußt' ich, daß Heil das Opfer mir gebracht
Und angenommen war mit Wohlgefallen,

Weil, eingefügt in zweier Strahlen Pracht,
Ein Lichterheer sich hob in rotem Schein,
So daß ich schrie: O Herr, der das vollbracht!

Geschmückt mit Sternen, wie sie groß und klein
Von Pol zu Pol auf blassem Wege scheinen,
Der den Gelehrtesten macht Zweifelspein,

Formt jenes Strahlenpaar, so wollt' ich meinen,
Im innersten des Mars das hehre Zeichen,
Das Kreisquadranten ziehn, wo sie sich einen.

Hier muß mein Geist vor der Erinnrung weichen,
Denn an dem Kreuze sah ich schimmern Christus,
Und finde nichts, das wert, es zu vergleichen;

Doch wer sein Kreuz nimmt, nachzufolgen Christus,
Wird mir die Unterlassung gern vergeben,
Wenn er im Schimmer so erblickte Christus.

Ich sah's wie Funken um das Kreuz sich weben,
Und unter heftgen Blitzen sich dort häufen
Und sich vereinen oder weiterstreben.

So seht ihr langsam oder schneller schweifen,
Krumm und gerad, lang oder kurz beschwingt,
Der Körper kleinste Teile in dem Streifen

Des Lichtes, das durch jene Schatten dringt,
Die ihr, wie viel Geschick und Kunst euch lehrte,
Zum Sonnenschutz in eure Dienste zwingt.

Wie wenn man süß gedämpft die Töne hörte,
Die lockt aus Harf und Geig die Künstlerhand
Und sich die Melodie nicht völlig klärte,

So klang von Leuchten, die ich sah entbrannt,
Zum Kreuz ein Singen, das mich ganz bezwungen,
Obwohl ich von der Hymne nichts verstand.

Mir schien's, daß hohes Lob hier ward gesungen,
Und nur verschwommen seinen Sinn mir wies,
Was so wie "komm und siege" hergeklungen

Und mich in Liebe so entbrennen ließ,
Daß nie etwas, eh ich gelauscht den Tönen,
Mich fesselte mit Banden, die so süß.

Nicht sollt ihr Kühnheit in dem Worte wähnen,
Als ob die Lust zurückgesetzt erschien
Am schönen Auge, darin ruht mein Sehnen;

Doch seht je höher, desto mehr ihr glühe
Die Siegel alles Schönen, und da ich
Nicht zu der Herrin mich gewandt vorhin,

Verzeiht ihr, daß ich zur Entschuld'gung mich
Beschuldigte und seht mit mir in Wahrheit:
Nicht weist man dort die heil'ge Lust von sich,

Denn steigend wächst an Reine sie und Klarheit.


Gesang 15

Die Hilfsbereitschaft, in die jederzeit
Die Liebe mündet, wenn auf rechtem Gleise,
Wie falsche Liebe in Begehrlichkeit,

Ließ schweigen jener Leier süße Weise
Und ruhn die heilgen Saiten, die zuvor
Die Hand des Himmels anschlug laut und leise.

Wie bliebe rechtem Flehen taub das Ohr
Der Geister, die ermuntert mich zum Fragen,
Als sie gemeinsam schlossen ihren Chor.

Den wird mit Recht ohn Ende Trübsal plagen,
Der nur um etwas, das nicht ewig währt,
Sich jener Liebe könnte je entschlagen.

Wie durch den klaren Abendhimmel fährt
Ein flinkes Licht manchmal und reißt mit fort
Das Aug, in seiner Ruhe jäh gestört,

Das meint, ein Sternlein wechsle seinen Ort;
Doch schnell vergeht's, und wo es hergekommen,
Fehlt nichts von allem, das zuvor war dort ;

So ist am Kreuz ein Stern herabgeklommen
Vom rechten Arm zum Fuß aus dem Geflimmer
Des Sternbilds, das an jenem Ort entglommen.

Sein Band nicht lösend, lief das Kleinod immer
Am Stamm entlang des Kreuzes, und es schien
Wie hinter Alabaster Lichterschimmer.

So fromm sah man Anchises Schatten glühn,
(Wenn wahr der größten Muse es entflossen)
Als im Elysium ihm der Sohn erschien.

»O du mein Blut, darüber ausgegossen
Der Segen ward! Hat je die Himmelstür
Sich einem andern zweimal schon erschlossen?"

So sprach die Flamme und ich sah nach ihr;
Dann, als der Herrin Auge ich erreichte,
Erfaßte Staunen mich wie dort so hier,

Denn drin im Aug kam ihres Lächelns Leuchte,
Drob sich das meine huldbesonnt und hehr
In meines Paradieses Mitte deuchte.

Und, lieblich so dem Aug wie dem Gehör
Fuhr fort der Geist und ließ dann Worte quillen,
Davon ich nichts verstand, so tief sprach er.

Daß er sich barg, lag nicht an seinem Willen,
Natürlich war's, weil irdischem Verstande
Das was er vorgebracht sich muß verhüllen.

Und als der Bogen so weit sich entspannte
Von heißer Liebe, daß zu irdschen Sinnen
Verständlich wieder sich sein Sprechen wandte,

Hört' ich die neue Rede so beginnen
»Heil der dreifält'gen Einheit, jener hehren,
Die Segen ließ in meinen Samen rinnen.«

Dann fuhr er fort: »Mein seliges Entbehren,
Das währte, seit im großen Buch ich lerne,
In dem nicht Schwarz noch Weiß sich je verkehren,

Hast du gelöst, mein Sohn, in diesem Sterne,
In dem ich rede, und du dankst es ihr,
Die deinen Flug beschwingt zur Himmelsferne.

Durch jenen Einen, glaubst du, leuchte mir
Dein Denken, wie die Fünf und Sechs auch klar
Entstrahlen, wenn die Eins erschlossen dir.

Drum kommt nicht deine Frage, wer ich war,
Noch warum größre Lust du mich bezeigen
Als andre siehst in dieser heitern Schar.

Und recht so: Groß und Klein im Himmelsreigen
Sieht zu dem Spiegel hin, der schon enthüllt
Gedanken froher, als in dir sie steigen.

Doch besser noch sei heilge Lieb erfüllt,
Von der mein harrend Schauen hier umflossen,
Und Durst des süßen Sehnens mir gestillt,

Drum will ich, daß dein Wort jetzt froh entschlossen
Vom Wollen und vom Wünschen mir erklinge,
Worauf schon meine Antwort ist beschlossen.«

Zur Herrin sah ich erst, daß Rat sie bringe,
Und als sie lächelnd winkte, wollt' ich meinen,
Daß droh mein Wille sich noch höher schwinge.

Und ich begann: »Bei jedem von euch einen
Verstand und Fühlen sich zum Gleichgewicht,
Seit ihr die erste Gleichheit saht erscheinen;

Denn in der Sonne, deren Glut und Licht
Euch wärmt und klärt, sind sie so gleich gemessen,
Daß es an jeder Anlichkeit gebricht;

Der Menschen Wille und Verstand indessen
Sind aus dem Grunde, der euch wohl bekannt,
In ihrem, Flug verschieden abgemessen.

Drum weil ich ungleich noch und erdgebannt,
So dank ich mit dem Herzen nur allein
Dem Vaterwillkomm, den ich bei dir fand.

Du strahlender Topas, du Edelstein,
Du Schmuck des Kleinods, das ich hier erblickte,
Laß deinen Namen jetzt mir Labung sein.«

»Du junges Laub, das immer mich erquickte,
Schon wie ich harrte dein; dein Stamm bin ich.«
Dies war es, was der Red voraus er schickte.

Dann: »Er, nach dem dein Haus benannte sich,
Umkreiste hundert Jahre nun und mehr
Am, ersten Sims den Berghang kümmerlich;

Dein Ältervater und mein Sohn war er.
Wohl ziemt sich's, daß dein Tun sich nützlich weise,
Auf daß gekürzt ihm werde die Beschwer.

Florenz war einst im alten Mauerkreise,
Der auch schon Terz und None gab bekannt,
Noch keusch und mäßig unterm Friedensreise.

Nicht Krönlein gab's und goldnen Frauentand,
Der mit dem Schuhwerk und den Gürtelspangen
Noch mehr als die Person das Aug gebannt.

Nicht ließ bei der Geburt den Vater bangen
Die Tochter schon, dieweil zu rechten Maßen
Man ließ die Mitgift und die Zeit gelangen,

Nicht gähnten leer die Häuser an den Straßen,
Nicht war Sardanapal da, um zu zeigen,
Wie sie in seinem Haus die Zimmer maßen.

Nicht wollt' Uccellatojo mehr beäugen
Als Montemalo, den er jetzt besiegte,
Wie er voraus sein wird im Niedersteigen.

Ich, sah Bellincion Berti's Schwert, das fügte
In Bein und Leder sich, und sah sein Weib,
Das ungeschminkt am Spiegel sich genügte.

Sah fröhlich, rohes Fell nur um den Leib,
Die Nerli und die Vecchio, und den Frauen
War Rock' und Spindel rechter Zeitvertreib.

Die Glücklichen! Und sicher konnte schauen,
Zu ihrem Grabe jede, und noch keine
War je im Bett verwaist ob Frankreichs Auen.

Die Wiege überwachte treu die eine,
Und in der Stammelsprache, die gebührend
Die Eltern freut, fand Trost sie für das Kleine.

Die andre spann zu Hause, fabulierend
Von Dingen, die von Troja man gelesen,
Nach Fiesole und Rom die Fäden führend.

Undenkbar wär ein Salterell gewesen
Und auch Cinghella, wie Cornelia würde
Und Cincinnatus heute Staunen lösen.

Und solchen Bürgerlebens sichrer Würde,
Solcher Gemeinschaft Herberg schön und reich
Gab mich Maria hin, als Mutterbürde

Mit lautem Schrei sie rief, und allsogleich
An eures alten Baptisteriums Stein
War Cacciaguida ich und Christ zugleich.

Mein Weib, das brachte dir den Namen ein,
Kam von dem Tal des Padus, und es waren
Moront und Elisäus Brüder mein.

Ich zog hinaus mit Kaiser Konrads Scharen,
Der mich umgürtet mit dem Ritterschwerte,
So schätzte er mein redliches Gebahren;

Mit ihm das Volk bekämpfend, des verkehrte
Gesetze sich, weil euer Hirt erschlafft,
Anmaßten, was rechtmäßig euch gehörte.

Durch jene Lasterrotte hingerafft
Und von dem Tand der flüchtgen Welt geschieden,
Die denen, die sie lieben, raubt die Kraft,

Fand nach dem Martertum ich diesen Frieden.«


Gesang 16

Was ist denn unser adeliges Blut?
Wenn sich auf Erden darob rühmte einer,
Wo unsre Sinne in gar schwacher Hut,

So staun' ich länger nicht, da ich mich deiner
Im Himmel rühmte, in der lichten Sphäre,
Wo nie entarten wird der Triebe einer.

Ein Mantel bist du, der zu kurz bald wäre,
Wenn er nicht täglich wird bestückt aufs neu,
Weil ihn die Zeit umkreist mit ihrer Schere.

Mit "ihr" begann ich jetzt zu reden frei,
Wie Rom es erst erlaubt und angewandt,
Blieb auch sein Volk dem Brauch nur wenig treu.

Beatrix drob, die lächelnd abseits stand,
Glich Jener, die von Husten ward befangen,
Als sie beim ersten Fehl Ginevra fand.

»Ihr seid mein Vater«, hab ich angefangen,
»Ihr flößt den Mut mir ein, zu reden dreist,
Ihr laßt mich über mich hinaus gelangen.

Aus so viel Strömen wird gefüllt mein Geist
Mit Frohsinn, daß er Freud ob sich empfindet,
Weil er so viel umfaßt und nicht zerreißt.

So sagt mir, teurer Ahne, denn, wo mündet
Im Ursprung euer Haus und welches Jahr
Schrieb man, da ihr als Kind ward angekündet?

Sagt mir, wie groß Sankt Johanns Herde war
Und wer als würdig durfte überragen
Auf höherm Sitze die gesamte Schar.«

Wie aus der Kohle wieder Flammen schlagen,
Wenn Wind hinfährt, so sah ich hell in Schwang
Die Leuchte kommen auf mein schmeichelnd Fragen.

Und wie sie schöner ward im Glutendrang,
Kam ihre Stimme sanfter noch gebunden,
Doch in der Mundart nicht, die neu im Gang:

»Vom Tag, da jenes Ave klang da unten,
Bis meine Mutter, die im Himmelssaal
Jetzt selig weilet, meiner ward entbunden,

Kam dieser Stern fünfhundertachtzig mal
Zu seinem Löwen, wo stets neu erhellt
An dessen Sohle wird sein Flammenstrahl.

Ich und die Väter kamen auf die Welt
Im letzten Stadtteil, den zuerst betritt
Wer mit beim Spiel läuft, das man jährlich hält.

Von meinen Ahnen sei's genug damit;
Nichts mag ich über Art und Herkunft sagen,
Und ziemend wär's, daß Schweigen drüber glitt.

Und waffenfähig war in meinen Tagen
Im Raum, den Mars und Täufer schließen ein,
Ein Fünftel derer, die heut Waffen tragen.

Doch Bürgerblut, in das gedrungen ein
Certaldo jetzt und Campi und Figghine,
Erwies im kleinsten Handwerksmann sich rein.

Weit besser, daß als Nachbar nur erschiene
Dies Völkchen und die Grenze nicht verrücke,
Dafür Galuzzo und Trespiano diene,

Als daß im Innern Signa's Stank euch drücke
Und der von Aguglione, wo schon dreist
Der Bauer für den Schacher schärft die Blicke,

Wär nicht der Klerus, der zuerst entgleist,
Stiefmütterlich zum Kaiser jetzt, anstatt
Wie sich die Mutter ihrem Sohne weist,

So hätte Mancher, der in eurer Stadt
Jetzt feilscht und tauscht, erwählt sich Simifonti,
Wo einst der Ahn vom Bettel wurde satt,

Und Montemurlo hätt noch seine Conti,
Acone's Pfarrgebiet die Cerchi auch
Und Valdigrieve noch die Buondelmonti.

Sobald bei euch Vermischung wurde Brauch
Mit anderm Volk, begann die Stadt zu leiden,
Wie zuviel Kost verstopfen wird den Bauch!

Der blinde Stier wird jähem Fall erleiden
Als je das blinde Lämmlein, und ein Schwert
Kann mehr als fünf und oft noch besser schneiden.

Da Urbisaglia's Sturz dich schon belehrt
Und Lunis, und auch Chiusi hinterdrein
Wie Sinigaglia gleiche Straße fährt,

Wird es nicht wundern dich, noch neu dir sein,
Zu hören, daß Geschlechter auch vergehen,
Wie selbst die Städte gehn zur Endschaft ein.

Was irdisch, muß wie ihr den Tod bestehen,
Nur könnt ihr, da so kurz nur eure Reise,
Beim Ding von langer Dauer ihn nicht sehen.

Wie es am Strande durch des Mondlaufs Kreise
Ohn Ende ebbt und flutet, so verfährt
Das Schicksal mit Florenz, in gleicher Weise.

Drum sei die Kunde dir nicht staunenswert
Von mancher hohen Florentiner Los,
Daß deren Ruhm die Zeiten aufgezehrt.

Filipppi, Greci, Ughi, makellos,
Und Alberichi sah ich niedergehen,
Ormanni, Catellini, einst so groß;

Und hab die großen Alten noch gesehen,
Bastighi und Ardinghi, Soldaniér,
Sah Arca's und Sanellas Ruhm verwehen.

Es wohnten an dem Tor, an dem so sehr
Der Treubruch wieder überhand genommen,
Daß bald das Boot die Last nicht aufnimmt mehr,

Die Ravignan, von denen hergekommen
Graf Guido und wer dann vom Bellincion
Noch sonst den hohen Namen übernommen.

Wie man regieren solle, wußte schon
La Pressa, und des Galigaio Haus
Wies Degenknauf und Heft vergoldet schon.

Das Schild der Pigli war schon weit voraus,
Sacchetti, Giuochi, Galli und Barucci,
Fifanti und die ob des Scheffels weichen aus.

Der Stamm, daraus entsprossen die Calfucci,
War groß schon, und zu den Kurulschen Stühlen
Zog man die Sizii und Arrigucci.

Wie sah ich die noch, die durch Stolz dann fielen
Und sah die goldnen Kugeln stets umblühn
Florenz, so oft es stand vor großen Zielen.

Die Väter derer waren's, die jetzt ziehn
Ins Konsistorium, um fett zu werden,
Wenn der verwaiste Stuhl zur Wahl gediehn.

Die Frechen, die wie Drachen sich gebärden
Zum Flüchtling, doch wenn Zähne und gar Beute
Man ihnen weist, sanft wie die Lämmer werden,

Sind hoch gekommen, doch sind's kleine Leute,
Und es mißfiel dem Albertin Donato,
Daß solcher Sippe Sproß die Nichte freite.

Schon wohnten Caposacco's am Mercato,
Die aus Fiesole, und Bürger war
Von Ansehn Giuda wie der Infangato.

Nun hör Erstaunliches, doch ist es wahr:
Das Tor, das zu der innern Stadt uns führte,
Hieß nach den Della Pera man sogar.

Und jeder, den das schöne Wappen zierte
Des großen Freiherrn, dessen Nam und Ruhm
Der Thomastag stets pries, wie sich gebührte,

Erhielt von ihm Urkund und Rittertum,
Obschon sich mit dem Volk heut macht gemein
Der um das Wappen zog den Saum herum.

Die Gualterotti sah man schon gedeih'n,
Nichts hätt' sich gegen Borgo's Ruh verschworen,
Wenn es nicht neue Nachbarn ließ herein.

Das Haus, aus dem euch Unheil ward geboren
In rechtem Zorn, mit dem der Tod erschien
Und euer friedlich Leben ging verloren,

War groß und schon zu hoher Ehr gedieh'n.
Viel Gram, o Buondelmonte, ist entglommen
Dem Rat, der dich den Bund mit ihm ließ flieh'n!

Froh wären Viele, die in Leid gekommen,
Wenn Gott dich einst der Ema anvertraute,
Als du zuerst den Weg zur Stadt genommen.

Der mürbe Stein, der von der Brücke schaute,
Wollt' aber, daß ein Opfer brächte dar
Florenz, des letzter Friedensmorgen graute. -

Ich hab' mit diesen Sippen immerdar
Florenz in solcher Ruhe nur gesehen,
Daß zur Betrübnis niemals Ursach war.

So fand das Volk gerechtes Wohlergehen,
Und nie, den Ruhm der Lilie zu verderben,
Hätt' wer gewagt, am Speer sie umzudrehen,

Noch konnte Zwiespalt jemals rot sie färben.«


Gesang 17

So kam zu Klymene, um aufzuklären
Was er von sich gehört, er, der noch heut
Die Väter karg macht für des Sohns Begehren,

Wie ich jetzt ward und wie es gleicherzeit
Beatrix und das heilge Licht empfunden,
Das mir zulieb sich hatte angereiht.

Drum sprach die Herrin: »Lasse unumwunden
Des Wunsches Flamme aus dem Herzen quillen
Und ihren innern Stempel wohl bekunden.

Und nicht etwa um unsrer Kenntnis willen,
Doch daß du lernest, laut im Durst zu flehn,
Damit die Menschen deinen Krug dir füllen.«

»Du teurer Stamm stiegst auf zu solchen Höhn,
Daß, wie die Erde nicht die Möglichkeit
Zwei stumpfer Winkel kann im Dreieck sehn,

Dir, eh's geschieht, das Flücht'ge dar sich heut,
Weil du zum Punkt schaust, wo sich, was vergangen,
Was ist und sein wird, malt zu gleicher Zeit.

Als ich noch mit Vergil am Berg gehangen,
Der neuem Heil die Seelen führt entgegen
Und niederstieg zum ewgen Todesbangen,

Traf mich ob meines Lebens künftgen Wegen
Manch hartes Wort, obschon ich bieten kann
Vierkantgen Widerstand den Schicksalsschlägen.

Drum wär ich froh, wenn du mir zeigtest an
Das nahende Geschick, denn wie mir deuchte,
Kommt, wenn gesehn, der Pfeil viel träger an.«

So nahm das Wort ich jetzt zu jener Leuchte,
Und so sind meine Wünsche vorgekommen,
Wie es Beatrix wollte, daß ich beichte.

Nicht wie man einst zwiespältig und verschwommen
Das Volk betört, eh, sich dem Tod verbündend,
Das Gotteslamm die Schuld uns fortgenommen;

Nein, deutlich und in klaren Worten mündend,
Gab mir des Vaters Liebe hold Bescheid,
Im eignen Lächeln bergend sich und zündend

»Nur im Verbande eures Stoffs gedeiht
Der Zufall, der für euch nur sich beflügelt,
Und ganz sich malt im Aug der Ewigkeit;

Doch nicht, daß ihn Notwendigkeit besiegelt,
So wenig wie das Schiff, das meerwärts gleitet,
Dem Aug gehorcht, in dem es sich gespiegelt.

Wie süßer Orgelton zum Ohr sich leitet,
So fühl das Bild von drüben her ich wehn,
In dem ich seh, was sich dir vorbereitet.

Wie Hyppolit verlassen einst Athen
Ob seiner grausen Stiefmutter Bedrohn,
So wirst du aus Florenz nun müssen gehn.

So will man's und so wird versucht es schon,
Und bald wird's dem gewährt, der harrend blickt
Dort, wo man täglich feilscht um Gottes Sohn.

Und heulend folgt, wird einer unterdrückt,
Die Schuld ihm nach, wie's Brauch, doch kommt die Rache
Als Zeuge für die Wahrheit, die sie schickt.

Was teuer dir, ist nun verlorne Sache
Von der du scheidest, wenn Verbannung droht;
Dies ist der erste Pfeil im Ungemache.

Seh'n wirst du, wie so salzig schmeckt das Brot
Der Fremde, und wie mühevoll dich leitet
Auf fremden Treppen auf und ab die Not.

Zumeist wird dir der schlimme Troß verleidet
Und über seine Torheit wirst du klagen,
Wenn bei dem Sturz ins Tal er dich begleitet,

Denn undankbar wird er dich sinnlos plagen
Und ohne Scham, jedoch er soll im Blut,
Er und nicht du, gar bald die Schläfen tragen.

Und nur Verworfenheit beweist die Brut
Mit ihrem Tun, drum bringt es Ehr dir ein,
Wenn du für dich Partei zu sein hast Mut.

Dein erster Unterschlupf und Hort wird sein
Die Großmut des gewaltigen Lombarden,
Des Stiege schließt den heilgen Vogel ein.

Und trefflich wird er deines Ansehns warten,
So daß im Tun und Fordern bei euch zwei'n
Erst das kommt, was bei andern meist muß warten.

Dort triffst du ihn, den dieser Stern ließ weihn
Bei der Geburt schon so mit seiner Stärke,
Daß Ruhm ihm seine Taten werden leihn,

Ob auch des Volkes Aug es nicht schon merke,
Da er so jugendlich, daß erst neun Jahre
Um ihn sich drehn. des Himmels Räderwerke.

Doch wird, eh Kaiser Heinrich Trug erfahre
Von dem Gascogner, Tugend aus ihm sprühn,
Auf daß er Gaben nicht und Mut nicht spare.

Zu solcher Größe wird er noch erblühn
In künftger Zeit, daß selbst die Feinde sollen
Sie zu verschweigen sich vergeblich mühn.

Auf ihn vertrau und auf sein freundlich Wollen,
Das Viele wandeln wird in ihrem Treiben
Und arm und reich läßt tauschen ihre Rollen.

Und still sollst dieses du ins Herz dir schreiben.«
Dann bracht' er Dinge vor aus der Vision,
Die dem, der's noch erschaut, unglaublich bleiben.

Und fügte bei: »Dies sind die Glossen, Sohn,
Zu meinem Wort, so wird das Unheil schreiten,
Und kurzes Kreisen läßt es reifen schon.

Doch will ich nicht, daß je du sollst beneiden
Die Nachbarn, denn noch lange wirst du leben,
Wenn Strafe sie um ihre Bosheit leiden.«

Als dann der Geist durch Schweigen kundgegeben,
Daß seines Einschlags Faden war beendet,
Den er in meine Leinwand sollte weben,

Fing ich gleich Jenem an, des Zweifel wendet
Zu einem solchen Manne sich um Rat,
Der klar sieht, redlich denkt und Liebe spendet:

»Ich sehe Vater, wie gespornt mir naht
Die Zeit und trifft mit um so schwererm Schlage,
Je weniger ich achte auf den Pfad.

Wohl ziemt sich Vorsicht mir in solcher Lage,
Daß, wenn mein liebster Ort mir wird entrissen,
Mir nicht mein Lied die andern noch verschlage.

Da unten in der Hölle Bitternissen,
Und auf dem Berg, von dessen Gipfel mich
Der Herrin Auge dann emporgerissen,

Von Stern zu Stern auch droben hörte ich,
Was vielen wohl, wenn ich es wiedersage,
Gewürzt erscheinen wird und bitterlich;

Und bin ich als der Wahrheit Freund zu zage,
So fürchte ich, bei denen tot zu sein,
Die nennen diese Zeit "die einstigen Tage".

Das Licht, drin lächelte der Edelstein,
Den ich dort auffand, sprühte erst umher
So wie im goldnen Spiegel Sonnenschein,

Und sprach: »Wen das Gewissen drückte sehr
Und wessen Freund ward schmählich überführt,
Den trifft dein herbes Wort gewiß gar schwer.

Sag trotzdem alles, was dir vorgeführt
Ganz offen, daß nicht Lüge es verdecke
Und kratzen laß, wo Jucken wird verspürt.

Ob auch dein Vers beim Kosten bitter schmecke,
Ist erst verdaut er, soll er Gutes bringen,
Und neues Leben solche Nahrung wecke.

Dein Rufen wirke wie des Sturmwinds Schwingen,
Die allermeist an höchsten Wipfeln reißen,
Und dir soll drob nicht wenig Ruhm erklingen.

Drum zeigt man dir in diesen Himmelskreisen,
Am Berge und im schmerzensreichen Land
Nur Seelen, die im Ruf bekannt sich weisen.

Dem Hörer fehlte ja der feste Stand;
Nicht würde Glauben er dem Beispiel schenken,
Des Wurzel ihm versteckt und unbekannt,

Noch anderm Grund, der klar nicht seinem Denken.«


Gesang 18

Still schien der selge Geist sich nun zu freu'n
Ob seines Worts, weil ich an meinem zehrte,
Das Bittre mit dem Süßen schränkend ein.

Und jene Frau, die hin zu Gott mich kehrte:
»Lenk ab den Geist, denk, daß bei Ihm ich bin,
Der jede Unbill frei macht von Beschwerde.«

Zum tröstlich lieben Klang ging gleich mein Sinn
Und was ich dann erschaut an heilger Liebe
In jenen Augen, schreib ich hier nicht hin.

Nicht nur mißtraute ich dem, was ich schriebe,
Auch könnt' ich, wenn kein Andrer führt, nicht lösen
So viel, was über dem Verstande bliebe.

Doch eines kann ich im Gedächtnis lesen:
Ich bin, als wiederum ich schaute sie,
Von jedem andern Wunsch befreit gewesen,

Solang der Strahl der Himmelsharmonie
Beatrix traf und in den holden Zügen
Mit seinem Spiegelbild mir Frieden lieh.

Da kam ihr lächelnd Wort, mich zu besiegen:
»Hör doch und schaue, merk, daß nicht allein
In meinem Aug die Himmelsauen liegen.«

Oft sieht man das Gefühl im Wiederschein
Hin über das Gesicht der Menschen wehen,
Wenn in der Seele Grund gedrungen ein,

So ließ mich jene selge Leuchte sehen
Durch ihre Glut, daß sie erfüllt vom Drange,
Mir länger noch belehrend beizustehen.

Sie sprach: »Hier wohnen in dem fünften Range
Des Baums, der wird vom Gipfel her ernährt,
Daß er stets grüne und in Früchten prange,

Viel sel'ge Geister, drunten schon bewährt,
Geweiht allsamt vom ruhmvollen Geschicke,
Das jeder Muse Köstliches beschert.

Lenk auf des Kreuzes Arme deine Blicke!
Der, den ich nenne jetzt, wird her sich kehren,
Als ob die Wolke jäh ihr Feuer schicke.«

Darauf sah ich ein Licht das Kreuz durchqueren
Beim Anruf "Josua" in vollem Drang,
Und früher kam das Sehn nicht als das Hören.

Dann sah ich einen, als der Name klang
Des hohen Makkabäers, flink sich drehen,
Und Glück nur war dem Kreisel Antriebszwang.

Den großen Karl und Roland konnt' ich sehen,
Und, hinter beiden her mein Auge spürte,
Wie wir zum Fluge unsres Falken spähen.

Und Rennwart, Wilhelm, Herzog Gottfried kürte
Mein Blick alsdann, sowie Robert Guiscard,
Die alle jenes Kreuz mir vor noch führte.

Dann wies die Seele, die erst Sprecher war,
Indem sie in den lichten Chor sich reihte,
Daß sie im Himmelssange Meister gar.

Ich wandte mich nach meiner rechten Seite,
Zu sehen in Beatrix meine Pflicht,
Die sie durch Zeichen oder Wort mir deute,

Und sah ihr Aug so fröhlich und so licht,
Daß es den Glanz von vorhin noch besiegt,
Sowie auch jedes frühere Gesicht.

Wie wenn das Glück im Geber höher fliegt,
Der sieht, wenn er des Wohltuns sich befleißte,
Wie täglich schwerer seine Tugend wiegt,

So merkt' ich, daß in weiterm Schwunge kreiste
Der Himmel jetzt mit mir auf seiner Bahn,
Weil jenes Wunder strahlender noch gleißte.

Und wie ganz schnell das Weiß nimmt wieder an
Die schäm'ge Frau, sobald in sich zerflossen
Des Schämens Bürde ist und abgetan,

So ward die Wandlung meinem Aug erschlossen,
Als ihm das Weiß des milden Sternes schien,
Des sechsten, der in sich mich eingeschlossen.

Und Funken ließ die Jovisfackel sprühn
Aus Liebe, die dort wohnt, und so sich fügen,
Wie wir die Zeichen unsrer Sprache ziehn.

So wie die Vögel auf vom Strande fliegen,
Als wünschten sie zu ihrem Mahl sich Glück,
Geschart in runden oder langen Zügen,

So flogen singend auf vor meinem Blick
Die heilgen Wesen, glanzvoll ausgestaltend
Ein D, ein J, ein L im Augenblick.

Erst sangen sie, im Reigen sich entfaltend,
Und jene, draus geworden war ein Zeichen,
Verstummten dann, ein wenig innehaltend.

O Pegasäa, die du schaffst so reichen
Und langen Ruhm den Geistern, die mit dir
Ihn bringen dann den Städten und den Reichen,

Erleuchte mich und Kraft gib, daß ich hier,
Wie ich sie sah, die Zeichen treulich male
Und es im knappen Vers gelinge mir:

So kamen also fünf mal sieben Vokale
Und Konsonanten; alle merkt' ich an,
So wie die Schrift sie wies im Himmelssaale.

Diligite Justitiam. So begann
Mit Verbum und mit Nomen jener Satz.
Qui Judicatis Terram schloß er dann.

Drauf blieb die Schar geordnet an dem Platz
Des letzten M, vom Jupiter sich hebend,
Wie sich vom Silber hebt der Goldbesatz.

Und andre Lichter sah ich, niederschwebend
Dem M zu Häupten, ruhig sich erfreuen,
Um ihren Lenker Lobgesänge webend.

Und wie sich ungezählte Funken streuen
Aus glüh'ndem Holz, dem Schläge man versetzt,
Draus Toren pflegen oft zu prophezeien,

So hoben mehr als tausend wohl sich jetzt
Mehr oder weniger am Himmelsbühle,
So wie ihr Sonnenquell es festgesetzt.

Und sieh, als jedes stand an seinem Ziele,
Wie eines Adlers Hals und Kopf dort gleißt,
Gezeichnet klar im edlen Flammenspiele.

Der solches malt, hat keinen, der's ihm weist,
Er weist es selber und Ihm ist entsprossen
Die Kraft, die formend in den Nestern fleußt.

Die andre Schar, wie froh im M zerflossen
Als Lilienschein, ward wenig nur bewegt
Und so das Bild nach unten abgeschlossen.

An wieviel Perlen ward mir klar belegt,
Daß uns Gerechtigkeit der Himmel schafft,
Der dich, du süßer Stern, als Perle trägt.

Drum flehe ich: der Geist, der Sternenkraft
Und Umschwung zeugt, mög ob der Herkunft wachen,
Des Rauchs, der deinem Strahl den Glanz entrafft,

Und mög sich wiederum sein Zorn entfachen,
Weil sie aus dem mit Zeichen und mit Blut
Gebauten Tempel jetzt ein Kaufhaus machen.

Ihr Streiter droben in des Himmels Hut,
Fleht doch für die, so irr gehn auf der Erde,
Dem Vorbild folgend einer falschen Brut.

Man zog zum Krieg sonst immer mit dem Schwerte;
Jetzt heißt es: Brot verweigern oder geben,
Das noch kein frommer Vater je verwehrte.

Weißt du, der schreibt, um's wieder aufzuheben,
Daß Paul und Petrus, die zum Tode gingen
Im Weinberg, den du schädigst, heut noch leben?

Drauf sagst du wohl: »So bin ich in den Schlingen
Von dem, der sich zur Einsamkeit gewandt,
Den man zur Marter riß vom Tanz und Springen,

Daß mir der Fischer nicht, noch Paul, bekannt.«


Gesang 19

Vor mir schien hold, weit aufgetan die Schwingen,
Das Bild, das der vereinten Seelenschar
Aus süßer Kost läßt Freudigkeit entspringen.

Wie ein Rubin schien jede also klar,
Als glühte drin der Sonnenstrahl, des Zünden
Bot spiegelnd sich in meinen Augen dar.

Und was alljetzt mir obliegt zu verkünden,
Sprach nie, noch schrieb man es in irdschen Landen
Und keine Phantasie könnt' es erfinden:

Daß ich gehört den Schnabel und verstanden
Und aus der Stimme "ich", und "mir" erklang,
Wo "wir" und "unser" im Konzept gestanden.

Und er begann: »Des Rechttuns frommer Drang,
Hob in der Herrlichkeit mich zu dem Lichte,
Daß Keinem noch der bloße Wunsch errang.

Ich ließ auf Erden freundliche Berichte
Von meinem Tun, doch ist das Volk verroht;
Es lobt mich, doch nicht folgt es der Geschichte.«

Wie eine Glut aus vielen Kohlen loht,
Ist jenem Bild ein einzger Klang entronnen,
Drin sich die Liebe vieler Seelen bot.

»Ihr Blumen, allzeit frisch ob ewger Wonnen«,
Sagt ich, »wollt eure Düfte all gewähren,
Die dünken mich zum einzgen Hauch versponnen;

O löst mir so mein schmerzliches Entbehren,
Das mich so lang dem Hunger gab zu eigen,
Der von der Erdenkost nicht wollte zehren.

Wohl weiß ich, wenn in andern Himmelsreigen
Sich spiegelt göttliche Gerechtigkeit,
Daß ohne Schleier sie sich euch wird zeigen.

Ihr wißt, wie ich zum Hören bin bereit,
Ihr wißt die Zweifel, die in mir entglommen
Und ließen hungern mich seit langer Zeit.«

So wie der Falke, dem die Haub' genommen,
Den Kopf erhebt, entfaltend stolz die Schwingen,
Und schön sich macht, voll Lust, hinaus zu kommen,

So ward - und holden Sang hört ich erklingen -
Das Zeichen, das aus Hymnen war gewoben,
Und wer dort selig weilt, kennt solches Singen.

Dann sprach's: »Der bis ans End der Welt dort oben
Die Zirkel schlug, hat viel, was offenbar
Und Vieles, was versteckt, ans Licht gehoben.

Doch konnte er nicht überall so klar
Es prägen, daß nicht seines Wortes Schallen
Uns noch unendlich mehr geboten dar.

Dies zeigt der erste Stolze, (er vor allen
Der Schöpfung Gipfel) des Geduld nicht währte,
Bis Licht kam, und der unreif mußte fallen.

Darum ist jed' Geschöpf von kleinerm Werte
Ein knapp Gefäß für jenes Gut zumal,
Das sich mit sich nur mißt auf ewger Fährte.

Das ird'sche Sehen ist doch nur ein Strahl
Von vielen, jenes Geistes, dessen Liebe
Füllt alle Dinge aus im Weltensaal,

So daß es von Natur zu schwach und trübe,
Als daß im Fassen seines Quells nicht weit
Entfernt vom wahren Augenschein es bliebe.

Drum wird sich ewige Gerechtigkeit
Dem Blick, der eurer Welt gewährt, vertiefen
Wie Meeresflut zur Unergründlichkeit.

Am Strand vermag den Grund er noch zu prüfen,
Im Meere nicht, und doch ist er vorhanden,
Nur daß er eingehüllt wird von den Tiefen.

Es gibt kein Licht, das nicht die Sphären sandten
Der ewgen Wonne, sonst ist's Finsternis,
Ist Schatten oder Gift aus irdschen Landen.

Nun ist dir klar gelegt das Hindernis,
In dem das ewge Recht dir schien verloren,
Nach dem du oft gefragt so ungewiß -

Du sagst: Am Strand des Indus wird geboren
Ein Mensch, wo Niemand wohnt, der Christus kennte,
Und redend oder schreibend ihn erkoren;

Und all sein Tun und Wollen nur entbrennte
Zum Guten, so daß menschlicher Verstand
In Tat und Wort ihn völlig sündlos fände.

Er stirbt, mit Tauf und Glauben unbekannt;
Wo ist das Recht, das einer Schuld ihn zeihte,
Denn, glaubt er nicht, wo ist der Schuldbestand?

Doch du, der hier zu richten sich nicht scheute,
Wer bist du, tausend Meilen fern vom Ort
Und kannst nicht sehen doch auf Handesbreite?

Gewiß zwar, fahrt ihr krittelnd mit mir fort,
Käm mancher Zweifel her aus ird'scher Brut,
Wenn über allem nicht stund Gottes Wort.

Des Höchsten Wille ist in sich stets gut,
O blödes Erdenvolk, und niemals ist
Gewichen er von sich, dem höchsten Gut.

Gerecht, was sich im Einklang mit Ihm mißt;
Noch kein erschaffnes Gut hat Ihn verschoben,
Der strahlend des Geschöpfes Ursach ist.«

Wie überm Neste kreist die Störchin droben,
Wenn sie gefüttert ihre Brut zuhauf
Und sich der Satten Blick zu ihr gehoben;

So ähnlich ward - und so blickt ich hinauf -
Das benedeite Bild, des Flügel gingen,
Wie Viele es beschlossen, zu und auf.

Dann sang es, sich bewegend: »Wie dir klingen
Jetzt diese Worte, die noch dunkel dir,
So kann der Mensch zum ewgen Rat nicht dringen.«

Und ruhig wurden alle Leuchten hier
Im Zeichen, dem schon Ehrfurcht unsre Väter
Im Blick auf Rom erwiesen für und für.

Dann sprach es wieder: »Nie stieg auf zum Äther
Des Himmelreichs, wer nicht geglaubt an Christus,
Nicht eh man ihn ans Kreuz schlug und nicht später.

Doch sieh, gar Viele schreien Christus, Christus,
Die beim Gericht einst nicht so nah ihm stehn
Wie Mancher, der niemals erkannte Christus.

Und solche Christen wird verdammt man sehn
Vom Mohren selbst, wenn die getrennten Herden
Zur Armut oder ewgem Reichtum gehn.

Wie soll der Perser eure Fürsten werten,
Wenn er einst jenes Buch geöffnet sieht,
Drin ihre Schmach wird eingezeichnet werden.

Darin man unter Alberts Kriegen sieht
Auch den, von dem die Feder bald wird sagen,
Daß ganz verwüstet wurde Prags Gebiet.

Drin sieht man (drob sie an der Seine klagen)
Auch Jenen, der die falschen Münzen prägt
Und wird vom Borstentiere einst geschlagen.

Drin sieht man, wie der tolle Stolz sich regt,
Der England sowie Schottland hingerissen
Und keine Grenzen zu beachten pflegt.

Man sieht, wie Wollust und die weichen Kissen
Den Spanier und den Böhmen überkamen,
Der Tugend scheut und will von ihr nichts wissen.

Man sieht Jerusalem und seinen Lahmen,
Für dessen Güte steht im Buch ein I
Und für das Gegenteil ein M beim Namen.

Man sieht den Geiz sowie die Felonie
Des Herrschers auf der Feuerinsel schalten,
Die dem Anchises langes Leben lieh.

Man sieht, wie wenig ward von ihm gehalten,
Denn abgekürzte Lettern bieten dar
Auf engem Raum viel Worte, die ihm galten.

Vom Ohm und Bruder sieht man, wie dies Paar
Zwei Kronen und ein edles Volk geschändet,
Und Jedem wird ihr blödes Wirken klar.

Bericht von Portugal und Norweg spendet
Das Buch und von dem Rascier, der beleidigt
Venedig, dessen Stempel er verwendet.

O Ungarn benedeit, wenn du beseitigt
Die Mißwirtschaft, Navarra benedeit,
Wenn es mit seinem Bergsaum sich verteidigt -

Und Vorschmack sei euch Nicosias Leid
Und Famagosta's, wo der Zorn der Leute
Schon anschwillt und ob ihres Untiers schreit,

Das sich den andern stellet an die Seite.«


Gesang 20

Wenn sie, die leuchtet ob der ganzen Welt,
Von unserm Horizont so weit steigt nieder,
Daß allerseits der Tag darob zerfällt,

Glühn flugs am Himmel, dessen lichter Hüter
Nur sie erst war, jetzt Leuchten ohne Zahl,
Darin sich jene eine spiegelt wieder.

Als Schweigen jenem Schnabel anbefahl
Das Bild der Welt und Fürstenherrschaft, dachte
An jenes Himmelsschauspiel ich zumal,

Weil hell sich der lebendge Glanz entfachte
In jedem Licht und sich ihr Sang geregt,
Den mein Gedächtnis schwach nur überbrachte.

O Liebe, hold vom Lächeln eingehegt,
Wie schienest blitzend in den Funken du,
Die allzeit hehres Denken nur bewegt.

Als das Geschmeide, das noch immerzu
Den sechsten Stern in seiner Pracht verklärte,
Geboten jenen Engelsglocken Ruh,

Schien's, als ob einen Bach ich murmeln hörte,
Der klar herunterfällt von Stein zu Stein,
Die Fülle weisend, die sein Berg gewährte.

Und so wie sich zur Form der Ton fügt ein
Am Hals der Zither, und wie in dem Spalte,
Durch den der Wind in die Schalmei tritt ein,

So stieg, indem es ungeduldig wallte,
Das Murmeln durch des Adlers Hals herauf,
Darin es, als ob hohl er wäre, schallte.

Hier ward es Stimme, um im Schnabel drauf
Sich in der Form von Worten zu entschachten,
Wie sie erhofft mein Herz, das schrieb sie auf.

»Den Teil in mir, den du zur Sonne trachten
Im irdschen Adler siehst und Stand ihr halten«,
So fing er an, »mußt du genau beachten,

Denn von den Lichtern, die mein Bild gestalten,
Sind's die des Auges, die für alle Grade
Im Erdenleben als die höchsten galten.

Und als Pupille sieh im Augenrade
Den Sänger, der beseelt vom heilgen Geist
Von Stadt zu Stadt geführt die Bundeslade:

Jetzt merkt er, wie sein Lied verdienstvoll gleißt,
Weil gleichbemessner Lohn, soweit Vertrauen
Und Ratschluß ihn bewirkten, hier sich weist.

Sieh bei den fünf im Bogen meiner Brauen
Zunächst dem Schnabel den, der ließ im Leide
Um ihren Sohn die Witwe Trost erschauen.

Jetzt merkt er, was es kostet, wenn die Leute
Nicht Christum folgen, denn er sah die Proben
Der Himmelslust sowie der Gegenseite.

Und Jener, der drauf folgt noch weiter oben
Im Bogen, dessen vorhin ich gedacht,
Hat seinen Tod durch wahre Reu verschoben.

Jetzt merkt er, daß doch unverändert wacht
Der ewge Ratschluß, ob auch würdig Flehen
Ein morgen aus dem irdschen heute macht.

Den nächsten, der den Hirten reich wollt sehen
- Doch trug es böse Frucht - sah man mit mir
Und dem Gesetz zum Griechen übergehen.

Jetzt merkt er, daß ihm jenes Unheil hier
Nicht schadet, weil erzeugt durch redlich Streben,
Ging auch die Welt darob in Trümmer schier.

Und jenen Wilhelm sieh hervor sich heben,
Wo sich der Bogen senkt, vom Land beweint,
Das seufzt um Karl und Friedrich, die am Leben.

Jetzt merkt er, wie der Himmel wird zum Freund
Dem rechten König, und noch zeigt's der Strahl,
Der blitzend aus dem hehren Antlitz scheint.

Wer glaubte wohl im irdschen Sündental,
Auch den Trojaner Ripheus hier zu finden,
Den fünften in der selgen Leuchten Zahl?

Jetzt sieht er viel aus Gottes Gnade zünden,
Was man nicht fassen kann im Erdendrange,
Ob auch sein Blick nicht reichte zu den Gründen.

Der Lerche gleich, die aufschwirrt erst im Sange,
Dann schweigend und zufrieden geht zur Rüst,
Satt von der Süßigkeit im letzten Klange,

So schien das Bild anjetzt vom Hauch geküßt
Der ewgen Lust, wie nur im Drang nach ihr
Ein jeglich Ding geworden, was es ist.

Zwar war ich für die Zweifelspein in mir
Wie Glas, dahinter Farbe eingeschlossen,
Doch trug sie's nicht, in Ruh zu warten hier,

Und wuchtig drängend, kam zum Mund geflossen
Die Rede mir: »Was sind das hier für Dinge«,
Darob ich sah, daß frohe Blitze sprossen.

Und höher schlug die Glut im Augenringe
Des selgen Bilds, das jetzt Bescheid mir lieh,
Auf daß ich länger nicht im Staunen ringe:

»Du glaubst, weil ich es sage, doch das "wie"
Der Dinge kannst du immer noch nicht sehen,
Drum, ob geglaubt auch, bleiben dunkel sie.

So lernt wohl Einer Namen zu verstehen,
Jedoch der Kern im Dinge bleibt verschwiegen,
Will nicht ein Andrer klärend bei ihm stehen.

Regnum coelorum muß der Macht erliegen
Lebendgen Hoffens und der Liebesglut,
Die selbst den Willen Gottes wird besiegen,

Nicht wie's die Kreatur im Kampfe tut;
Nein, denn Er siegt, weil Er besiegt will sein,
Und ob besiegt Er, siegt sein Edelmut.

Der erste und der fünfte helle Schein
Läßt staunen dich, weil du bemalt gefunden
Mit ihrem Bilde diesen Engelsschrein.

Vernimm, nicht starben sie als Heiden drunten;
Der glaubte fest als Christ ans künftge Leid,
Der ans vergangene der Kreuzeswunden.

Ihn ließ zum Fleisch die Hölle ziehn erneut,
Die Rückkehr nie erlaubt zum guten Willen,
Und solchen Lohn lebendges Hoffen beut.

Lebendges Hoffen ließ die Kraft ihm quillen
Für das Gebet zu Gott, ihn so zu heben,
Daß er noch wandeln konnte seinen Willen.

Und fürder glaubte dies berühmte Leben,
Als wieder es zum Fleisch kam kurze Zeit,
An Jenen, der ihm Hilfe konnte geben.

Und Liebe flammte aus der Gläubigkeit
So wahr, daß würdig er ob solcher Helle
Beim zweiten Tode dieser Festesfreud.

Den andern stärkte jene Gnadenquelle
- Aus tiefem Grunde kommend, wo noch nie
Ein Irdischer drang vor zur ersten Welle -

So daß zum Rechten Liebe voll gedieh.
Drum ließ ihn Gott von Gnad zu Gnade kommen,
Bis Er zum künftgen Heil den Blick ihm lieh.

Das faßte er so gläubig, daß verglommen
Der Stank des Heidentums, der früh und spat
Sein hartes Tadelwort alsdann vernommen:

An Taufens Stelle jene Dreizahl trat
(Wohl tausend Jahre vor der Taufe Zeit)
Der Frauen, die du sahst am rechten Rad.

O Vorbestimmung, wie ist doch so weit
Entfernt noch deine Wurzel für die Blicke,
Die sehn nicht völlig die Ursächlichkeit.

Ihr Menschen, haltet euch im Spruch zurücke,
Denn wir, die schauen Gott, sehn doch nicht so,
Daß uns bekannt, wer geht zum ewgen Glücke;

Jedoch wir sind ob solchen Mangels froh,
Denn unser Glück wird durch das Glück gehoben,
Daß wir, was Gott will, wollen ebenso.«

So ward vom hehren Bild, das ewig droben,
Um meines Auges blöden Blick zu weiten,
Die süße Arzenei mir zugeschoben.

Wie, um den guten Sänger zu begleiten,
Der holde Saitenklang ihm folgte nach
Und ließe fröhlicher den Rhythmus schreiten,

So dünkt mich's, daß, indem der Adler sprach,
Die beiden selgen Lichter stets zusammen,
So wie die Augen gehn mit einem Schlag,

Bei jenen Worten regten ihre Flammen.


Gesang 21

Schon hielt der Herrin Antlitz fest gebunden
Mein Auge wieder und mit ihm den Sinn,
Der jedem andern Trachten sich entwunden.

Kein Lächeln kam, doch ihrer Red Beginn:
»Du würdest, wenn ich lächelte, vergehen
Wie Semele, die sank in Asche hin,

Weil meine Schönheit jetzt, die in den Höhen
Des ewigen Palastes heller blitzte,
Wie du, je mehr wir stiegen, es gesehen,

So leuchtet, daß, wenn Dämpfung dich nicht schützte,
Die irdsche Kraft in dir wär fortgeweht,
Den Blättern gleich, die Sturmesbraus zerschlitzte.

Wir sind allhie zum siebten Stern erhöht,
Der unterm Löwen, glüht, so daß sein Scheinen,
Mit dessen Kraft vermischt, hinuntergeht.

Laß folgsam deinen Geist dem Aug sich einen,
Daß es zum Spiegel der Gestalt ihm werde,
Die dir in diesem Spiegel wird erscheinen.«

Wer wüßte, welche Wonne mich verklärte
In ihres Anblicks selger Augenweide,
Als ich mich wandte hin zur neuen Fährte,

Verstünde den Gehorsam, der voll Freude
Mit meinem himmlischen Geleite ging,
Vergleichend eine mit der andern Seite.

In dem Krystall, der kreist im Weltenring,
Nach ihm benannt, der ließ das Reich entstehen,
Drin jede Bosheit schnöd zu Grunde ging,

Sah hochgebaut ich eine Leiter stehen,
Von Gold und glanzdurchstrahlt, die stieg so kühn,
Daß ihr mein Aug nicht folgte zu den Höhen.

Und Lichter sah ich sprossenabwärts ziehn
So, daß sich alles, was den Himmelsraum
Erglänzen macht, hier auszustreuen schien.

Wie sich nach angebornem Brauch, wenn kaum
Der Tag beginnt, die Krähn gemeinsam rühren,
Auf daß sie wärmten ihren kalten Flaum,

Und manche hin und her im Fluge spüren,
Weil andre fortziehn und nicht wiederkommen
Und manche kreisend ihren Rastplatz küren,

So schien dies ganze Funkenspiel entglommen,
Das der vereinte Flug erst hergebracht,
Bis jedes seine Stelle eingenommen.

Ein Licht, das uns am nächsten Halt gemacht,
Ward so verklärt, daß ich im Denken sagte:
Ich seh die Liebe, die mir zugedacht.

Doch, weil ich stets, eh ich zu reden wagte,
Auf sie geharrt, die still noch blieb, so war
Trotz meinem Wunsch es gut, daß ich nicht fragte.

Und als mein Schweigen dann ihr wurde klar
Im Angesicht des Einen, der allsehend,
Sprach sie: »Jetzt mach dein Sehnen offenbar.«

»Nicht weil auf eigenem Verdienste stehend,
Das je mich deiner Antwort machte wert;
Um sie nur, die mich anrief« sagt ich flehend,

»Sollst du, o Seliger, der sich verklärt
In seine Wonne hüllt, mir Kunde bringen,
Warum du dich so nah zu mir gekehrt.

Und sag, warum verstummte nun das Singen
In diesem Kreis, der süßen Symphonie,
Von der die andern Kreise drunten klingen?«

»Weil irdisch nur dir Aug und Ohr gedieh«,
Erwidert er, »darum wird nicht gesungen
Und lächelte Beatrix nicht allhie.

Ich bin so weit zu dir herabgedrungen
Am heilgen Steig nur um dich zu erfreun
Im Wort und mit dem Licht, das mich umschlungen.

Nicht Übereifer ließ mich eifrig sein,
Denn hier glüht gleiche oder größere Liebe,
Wie dir es kündet dieser Leuchten Schein.

Du siehst im Amt uns hier der hohen Liebe,
Die uns dem Weltenlenker dienstbar machte,
Auf daß wie vorgesehn sie jeder übe.«

»O sel'ges Licht, obschon ich wohl bedachte«
Sagt' ich, »daß freie Liebe nur allein
Euch auf den Weg des ewgen Rates brachte,

So kann ich dennoch schwer nur sehen ein,
Daß man für dieses Amt jetzt wählte droben
Aus eurer Schar gerade deinen Schein.«

Und eh mein letztes Wort dem Mund enthoben,
Schwang sich um seinen Mittelpunkt das Licht,
Dem Mühlstein gleich, der flinken Drangs geschoben.

Dann sprach die Liebe aus der Glanzesschicht:
»Auf mich ward Licht vom Himmel ausgegossen,
Das jenes, dem ich einverleibt, durchbricht.

Mein Schauen wird von seiner Kraft durchflossen
Und hebt mich über mich, daß ich ergründe
Die höchste Wesenheit, der es entsprossen.

Daher die Fröhlichkeit, in der ich zünde,
Denn gleichen Maßes macht die Flamme klar
Die Klarheit stets, die ich im Schauen finde.

Doch der selbst, dem noch mehr wird offenbar,
Der Seraph, dessen Auge Gott belichtet,
Nicht böte Antwort er der Frage dar.

Denn was du heischest ist gar tief geschichtet
Im Ratschluß und vom Blick der Kreatur
Stets abgetrennt durch Grenzen, die errichtet.

Und wenn zurück du kehrst zur irdschen Flur,
So gib Bericht, auf daß sie nicht mehr wagen,
Zu setzen ihren Fuß auf solche Spur.

Wie den Verstand auf Erden Dünste plagen,
So glänzt er hier, und wie vermöcht' er drunten,
Was hier mißlingt, wo ihn die Himmel tragen.«

Nach diesen Worten war mir so entwunden
Mein Fragen, daß ich scheu zurück nun trat,
Ihn flehend, wer er sei, mir zu bekunden.

»Zwischen Italiens Küsten steigt ein Grat
Nicht weit von deinem Heimatsort so jähe,
Daß erst viel tiefer dröhnt des Donners Pfad,

Und Catria, sein Gipfel, krönt die Höhe,
Darunter einsam ist ein Ort geweiht,
Erkoren nur, daß dort zu Gott man flehe.«

Dies gab der dritten Red er zum Geleit,
Dann: »Hier gewann ich, wo die Dienste riefen,
Die Gott ich darbot, solche Festigkeit,

Daß, nur genährt vom Safte der Oliven,
Ich Kälte sowie Hitze froh ertrug,
Zufrieden und bedacht, mich wohl zu prüfen.

Dies Kloster, das einst reiche Früchte trug
Dem Himmel hier, ist völlig jetzt mißraten,
Und solches wird sich rächen bald mit Fug.

Petrus Damianus war ich dort in Gnaden,
Dann Pier Peccator, den das Haus bedachte
Der Lieben Frau an Adria's Gestaden.

Kaum daß noch irdsche Kraft sich mir entfachte,
Als man mich rief und zog zu jenem Hut,
Der schlecht und schlechter sich im Wechsel machte.

Barfuß kam Kephas und die große Glut,
Das Schiff des heilgen Geistes, voller Bürden
Und mager, nur genährt, wo man sie lud;

Jetzt wollen allerseits die neuen Hirten,
Daß man sie stütze, weil so schwer ihr Wandel,
Und daß von hinten sie gehoben würden.

Den Zelter decken sie mit ihrem Mantel,
Daß unter einem Fell zwei Bestien gehn.
Wer hätte noch Geduld bei solchem Handel!«

Indessen sah ich viele Flämmchen wehn,
Die kreisend stufenweis herunterkamen,
Und schöner machte sie ein jedes Dreh'n.

Als sie den Geist umringend, Stellung nahmen,
Da ließen sie so wuchtgen Schrei ertönen,
Daß jeglicher Vergleich hier muß erlahmen:

Noch konnt' ich ihn verstehn, betäubt vom Dröhnen.


Gesang 22

Des Schreckens Druck ließ mich zur Herrin schauen,
Wie da hin eilig stets in Gang sich setzen
Die Kleinen, wo am stärksten ihr Vertrauen.

Und sie - wie flink die, Mutter kommt, zu letzen
Den blassen Sohn, der atemlos und bange,
Mit ihrem Wort, das pflegt ihn zu ergötzen -

Sprach also: »Daß der Himmel dich umfange,
Weißt du es nicht, weißt nicht, daß heilig da
Ist alles Tun und kommt aus heilgem Drange?

Nun kannst ermessen du, was dir geschah,
Hätt' ich gelächelt oder sie gesungen,
Wenn dich schon jener Schrei berührt so nah,

Der, wäre nur sein Flehn zu dir gedrungen,
Dir kund gab, daß nach Rache er verlange,
Die du noch siehst, eh dich der Tod bezwungen.

Nicht schlägt des Himmels Schwert in eilgem Drange,
Noch zögert es, wie jene oftmals klagen,
Die darauf warten, hoffend oder bange.

Doch wende dich zu andrem; hier entragen
Berühmte Geister, und du wirst sie sehen,
Wenn deine Blicke folgen meinem Sagen.

Wie sie gewollt, ließ ich die Augen gehen,
Und hundert Kugeln sah ich strahlend glühn
Und gegenseitig ihren Glanz erhöhen.

Ich stand wie einer, der bekämpft das Sprühn
Im eignen Wunsch, indes sich nicht sein Wille
Zur Frage aufrafft, bang, sie sei zu kühn.

Und näher kam aus jener Perlen Fülle
Die größte, die am strahlendsten auch war,
Daß sie den Wunsch, der sie betraf, mir stille.

Und aus ihr klang's: »Sähst du gleich mir so klar
In Liebe glühn all diese Benedeiten,
Du machtest deinen Drang schon offenbar.

Doch soll im Warten nicht Verzug erleiden
Dein hohes Ziel, drum will ich ungefragt
Dein Denken selbst, das so dich quält, bescheiden.

Der Berg, an dessen Hang Cassino ragt,
Sah auf dem Gipfel oft die schlimme Horde,
Von Unverstand und Bosheit schwer geplagt.

Und ich war's, der hinauf zu jenem Orte
Zuerst den Namen trug, draus Wahrheit sproß,
Die so verklärte uns in ihrem Worte.

Darob zu mir so viel an Gnade floß,
Daß ich noch rings die Nachbarn auch bekehrte
Vom Trug, der auf die Welt lenkt sein Geschoß.

Die andern Feuer waren hochgelehrte
Und stille Denker, glühend in dem Schein,
Der Blüten euch und heilge Frucht bescherte.

Hier sieh Maccarius und die Brüder mein,
Auch Romuald, die in der Klosterstille
Den Schritt gehemmt, ihr Herz zu halten rein.«

Und ich zu ihm: »Es hat die Liebesfülle
In deinem Wort und die all diese leitet,
Die ich entflammt gesehn in ihrer Hülle,

Mein Zutraun so erschlossen und geweitet
Wie Sonnenschein die Rose, die so weit
Sich auftut, wie die Kraft in ihr es leidet.

Drum fleh ich, Vater, gib mir Sicherheit,
Ob solche Gnade noch mir soll entquillen,
Daß unverhüllt dein Antlitz sich mir beut?«

»Den hohen Wunsch, o Bruder, wird dir stillen«,
Sprach er, »die letzte Sphäre wunderbar,
Wo meiner so wie alle sich erfüllen.

Reif ist jedweder Wunsch, geeint und klar
In ihr nur, wo sich jeder Teil so findet
Wie er seit allem Anfang immer war,

Weil ohne Raum und Pol sie ward begründet.
Zu ihr führt unsre Stieg', wo mit dem Raum
Ihr Ende deinem Auge sich entwindet.

Erzvater Jacob sah zum obern Saum
Der hohen Leiter, als sie vollbeladen
Mit Engelsscharen ihm erschien im Traum.

Doch wer hebt noch den Fuß zu ihren Graden?
Die Regel, die ich aufgestellt dem Orden,
Blieb drunten nur noch dem Papier zum Schaden.

Und gleich Spelunken und verrufnen Orten
Sieht man Abteien, wie aus Kutten jetzt
Sind Säcke voll verdorbnen Mehls geworden.

Nicht wird im schweren Wucher so verletzt
Das göttliche Gefallen, wie im Tande,
Der nun das Herz der tollen Mönche letzt.

Denn alles was die Kirche hält im Pfande
Gehört dem Volk, das fleht in Gottes Namen,
Nicht Vettern oder wo noch größre Schande.

So schwach und leicht verweht ist irdscher Samen,
Daß drunten oft, wenn recht gepflanzt die Eichen,
Der Trieb nicht Stand hielt, bis die Eicheln kamen.

Petrus fing an und nannt' nicht Gold sein eigen,
Ich selbst begann mit Fasten und mit Beten,
Demut war Franzens erstes Ordenszeichen;

Und blickst du auf den Anfang eines jeden
Und wie es dann ergangen seiner Lehre,
So siehst du, wo das Weiß war, schwarze Schäden.

Doch wahrlich: daß einst Gott gebot dem Meere,
Zu weichen und der Jordan rückwärts floß,
War Wunders mehr, als hier die Heilung wäre.«

So sprach er, der sich an den Chor nun schloß,
Worauf der Chor in engerem Gefüge
Sich sturmgleich hob und in der Höh zerfloß.

Und hinter ihnen trieb auf jener Stiege
Ein Wink der schönen Frau nur mich hinauf,
Weil stets ich ihrem Einfluß unterliege.

Auf Erden, wo man steiget ab und auf
Nach irdschem Maß, gab's ein Bewegen nimmer,
Vergleichbar meinem leicht beschwingten Lauf.

So wahr mich's wieder zieht zum Siegesschimmer,
O Leser, und da ich in Sünden stand,
Ich an die Brust mich schlage drob noch immer,

So schnell ging aus und ein nicht, deine Hand
Im Feuer, wie das Sternbild ich gesehen
Zunächst dem Stier und mich schon drin befand.

Ihr hehren Sterne, o ihr lichten Höhen!
Ich seh, nur eure Kraft hat auf geweckt,
Was je in meinem Geiste mocht' erstehen.

Mit euch stieg auf, mit euch hat sich versteckt
Sie, die ist Mutter allem irdschen Sprießen,
Als mich zuerst toskanscher Hauch geweckt.

Dann wieder als ich Gnade mir sah fließen
Zum Eintritt in den Kreis, in dem ihr schwingt,
Ward eurer Region ich zugewiesen.

Und demutsvoll mein Seufzen zu euch dringt,
Daß meine Seele für die steile Schwelle
Erstarke, die empor zu sich sie zwingt.«

»So nah ist dir des Heiles letzte Quelle«,
Begann Beatrix, »daß dein Blick gedeih'n
Zur Schärfe muß und ungetrübten Helle.

Drum schau, eh du noch weiter dringest ein,
Hinab und sieh, wieviel ich von der Welt
Schon unter deinen Füßen lasse sein,

Damit dein Herz, so viel es kann, geschwellt
Der Siegerschar sich mag entgegenkehren,
Die froh den runden Äther nun erhellt.«

Mein Auge zog durch alle sieben Sphären
Und sah so kläglich unsre Erde drunten,
Daß ich des Lächelns nicht mich konnt' erwehren;

Drum wird als bester jener Rat befunden,
Der sie gering schätzt, und wen andres zieht
Erkläre ich als Weisen unumwunden.

Ich sah Latona's Tochter hell erglüht,
Und nicht war jener Schatten zu erspähen,
Ob dessen ich auf dicht und dünn einst riet;

Den Anblick deines Sohns konnt ich bestehen,
O Hyperion, und ich sah Dione
Und Maja, die ihm nah sich um ihn drehen.

Jupiters Mäßigung hab ich beim Sohne
Sowie beim Vater deutlich sehen können
Und auch die Wandlungen der Umlaufzone.

Und alle sieben ließen mich erkennen,
Wie groß sie sind und wie so schnell ihr Kreisen,
Und wie sich ihre Bahnen allseits trennen.

Das Stückchen Erde, droh wir uns zerreißen,
Sah ich vom Berg bis wo die Flüsse münden,
Als mit dem Zwillingspaar ich durfte kreisen,

Dann wollt' mein Aug die schönen Augen finden.


Gesang 23

So wie das Vöglein, das am Nest hielt Wache Im lieben Busch ob seiner süßen Kleinen, Zur Nacht, die uns verheimlicht jede Sache; Sich sehnend nach dem Anblick all der seinen, Und Kost für sie zu finden, die sie freut, Was schwere Müh ihm lieblich läßt erscheinen, Im offnen Laube eilt voraus der Zeit, Der Sonne harrend, wunschbeseelt im Spähen Zum ersten Schimmer, den der Morgen beut, So sah ich aufrecht meine Herrin stehen, Die Blicke eifrig nach der Zone lenkend, Wo minder schnell die Sonne scheint zu gehen. Drob ich, ihr Harren und ihr Glück bedenkend, Dem Manne glich, der Neues wohl begehrte, Doch stille bleibt, der Zukunft Glauben schenkend.

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