Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 01
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 01

Zeuch auf die Segel, um nun bess're Fluten,
O Schifflein meines Geistes, zu durchschneiden,
Das hinter sich so grimmes Meer zurückläßt.

Von jenem zweiten Reiche will ich singen,
Wo sich der Geist der Abgeschiednen läutert
Und würdig wird zum Himmel aufzusteigen.

Doch hier erhebe ich die tote Dichtkunst,
O heil'ge Musen, denn ich bin der eure,
Und höher schwinge sich Calliope,

Mein Lied mit jenem Klange zu begleiten,
Der so die armen Pieriden traf,
Daß des Verzeihens Hoffnung sie verloren.

Des indischen Sapphires schöne Farbe,
Die sich im Anblick dieser, bis zum ersten
Der Kreise lautren, Luft gesammelt bot,

Gewährte meinen Blicken neue Wonne,
Sobald ich aus der toten Luft hervortrat,
Die mir betrübt so Brust als Augen hatte.

Der ganze Morgenhimmel lacht' im Glanze
Des schönen Wandelsterns, der Liebe fördert,
So daß die Fisch' erblichen, die ihn hegten.

Als ich, nach rechts mich kehrend, jenem Pole
Mein Augenmerk zuwandte, sah' vier Stern' ich,
Die seit den ersten Menschen niemand sah.

Zu freun schien sich der Himmel ihrer Flämmlein.
Wie bist du, mitternächtig Land, verwaiset,
Weil dieser Sterne Anblick dir versagt ist!

Von ihrem Anschaun wandt' ich meine Blicke
Ein wenig mehr dem andren Pole zu,
An dem der Wagen unsichthar geworden.

Da sah, mir nächst, ich einen Greis allein stehn;
Nach seinem Aussehn solcher Ehrfurcht würdig,
Wie größre nie ein Sohn dem Vater schuldet.

Lang trug den Bart er, der, dem Haupthaar ähnlich,
In reichlichem Gemisch von weißen Haaren
Zur Brust herab in Doppelstreifen wallte.

Sein Angesicht umleuchteten die Strahlen
Der heiligen vier Lichter so mit Klarheit,
Daß ich ihn sah, als wie im Licht der Sonne.

Wer seid ihr, die, dem dunklen Bach entgegen,
Entflohn ihr seid dem ewigen Gefängnis? -
So redend, regt' er die ehrwürdigen Haare.

Wer war euch Führer, wer hat euch als Leuchte
Gedient, als ihr herausstiegt aus der Nacht,
Die stets das Höllental bedeckt mit Dunkel?

Ist das Gesetz des Abgrunds so gebrochen,
Hat neuer Ratschluß obgesiegt im Himmel,
Daß, als Verdammt', ihr kommt zu meinem Felsen? -

Bei diesen Worten faßte mich mein Führer
Und hieß mit Worten, Hand und Winken mich,
Durch Aug' und Kniee Ehrfurcht ihm beweisen.

Dann sagt' er: Nicht von freien Stücken kam ich;
Vom Himmel stieg ein Weib, auf deren Bitte
Ich diesem Beistand lieh durch mein Geleite.

Doch weil dein Wunsch es ist, daß ich genauer,
Wie sich's mit uns verhält, dir offenbare,
Kann nicht der meine sein, es zu verschweigen.

Noch nimmer sah den letzten Abend dieser;
Doch bracht' ihn seine Torheit ihm so nahe,
Daß gar geringe Zeit noch daran fehlte.

Gesendet ward ich, wie du schon vernommen,
Um ihn zu retten, und zum Ziele führte
Von allen Wegen der nur, den ich einschlug.

Schon zeigt' ich ihm die Sünder all' und denke
Ihm nun die andren Seelen auch zu zeigen,
Die unter deiner Obhut hier sich läutern.

Viel Zeit bedürft' es, wollt' ich dir erzählen,
Wie ich ihn hergebracht; durch Kraft von oben
Führt' ich ihn her, zu sehn dich und zu hören.

Geneige denn, sein Kommen gutzuheißen.
Nach Freiheit strebt er, deren Wert am besten
Versteht, wer ihrethalb das Leben aufgab.

Du weißt es, denn nicht scheutest du den Tod
In Utica für sie, wo das Gewand
Du ließest, das am großen Tag wird leuchten.

Wir brachen nicht die ewigen Gesetze,
Denn dieser lebt, und ich bin, frei von Minos,
In jenem Kreise, wo die schönen Augen

Von deiner Marcia sind, die noch den Wunsch hegt,
O heil'ges Herz, daß du für dein sie haltest. -
So sei uns, ihr zu Liebe, denn gewogen,

Laß deine sieben Reiche uns durchwandeln.
Erlaubst du, daß dort unten man dich nenne,
So werd' ich unsren Dank ihr überbringen. -

So angenehm war Marcia meinen Augen,
So lang' ich jenseits weilte, sagt' er drauf,
Daß jeden ihrer Wünsch' ich ihr gewährte.

Doch, seit sie jenseits weilt des argen Flusses,
Berührt sie mich nicht mehr nach dem Gesetze,
Das aufgerichtet ward, als ich dort ausging.

Doch wenn, wie du mir sagst, ein Weib vom Himmel
Dich gehn hieß und dich lenkt, bedarf's kein Schmeicheln;
Daß ihrethalb du bittest, muß genügen.

So geh' und sorge, daß mit schlichter Binse
Du diesen kränzest und vom Angesicht,
Ihn rein'gend, jede Schmutzesspur du tilgest;

Denn ungeziemend würd' es sein, mit Augen
Die Nebel noch umfingen, vor den ersten
Der Paradieses-Diener hinzutreten.

Es trägt ringsum an ihrem untren Ende,
Wo Wellen sie bespülen, diese Insel
Der Binsen viel auf ihrem grünen Ufer.

Nicht würde ein Gewächs, das sich belaubte
Und Holz ansetzte, dort am Leben bleiben,
Weil es der Welle Schlägen sich nicht fügte.

Nicht hierher mögt ihr dann zurück euch wenden.
Die Sonne, die gleich aufsteigt, wird euch weisen
Wo ihr den Berg in mindrer Steile angreift. -

Damit verschwand er, aber ich erhob mich
Und schloß mich schweigend eng an meinen Führer,
Auf den ich aufmerksam die Augen wandte.

Darauf begann er: Folge meinen Schritten,
Und kehren wir zurück, denn diese Ebne
Neigt dorthin sich zu ihrem untren Ende.

Schon wich die Dämmerung der Morgenhelle
Und floh gen Westen, so daß aus der Ferne
Des Meeresspiegels Zittern ich erkannte.

Wie wer zum Weg, den er verfehlte, umkehrt
Und meint, bis zu ihm hin geh' er vergebens,
So schritten wir auf jener öden Fläche.

Als wir dorthin gelangten, wo der Tau
Im Kampf ist mit der Sonne, doch an Stellen
Wo länger Schatten bleibt nur schwach verdunstet,

Da streifte mit den ausgespannten Händen
Gelinde das betaute Gras mein Meister.
Ich aber, der erriet, was er bezweckte,

Bot ihm die tränenreichen Wangen dar.
Da ließ die Farbe, die der Hölle Qualen
An mir verhüllt, er völlig wiederkehren.

Dann kamen wir zum öden Meeresstrande,
Der niemals seine Flut durchschiffen sah
Von einem, der dann heimgekehret wäre.

Dort kränzt er mir die Stirn nach jenes Willen,
Und, Wunder! jede unscheinbare Pflanze,
Die er erkor, wuchs an derselben Stelle,

Wo er sie ausriß, gleich in alter Weise.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 02
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 02

Schon nahte jenem Horizont die Sonne,
Des Mittagskreis in seinem höchsten Punkte
Jerusalem bedeckt, die hochgebaute,

Und, die die Erd' ihr gegenüber umkreist,
Die Nacht stieg aus dem Ganges mit der Wage,
Die ihrer Hand entfällt, wenn sie erstarket;

So daß die roten und die weißen Wangen
Der lieblichen Aurora, wo ich war,
Vor Alter sich allmählich gelber färbten.

Noch waren nahe wir dem Strand des Meeres,
Gleich Leuten, die den Weg sich überlegend,
Im Herzen gehn, doch mit dem Leib verweilen.

Da sieh', wie überrascht vom Morgengrauen
Im fernen Westen, nah dem Meeresspiegel
Rotglühend Mars durch dichte Dünste schimmert,

So schien mir (möcht' ich einst es wiedersehen!)
Ein Licht so eilig über's Meer zu kommen,
Daß keines Vogels Flug an Schnell' ihm gleich ist.

Als ich das Aug' ein wenig abgewendet,
Nur um vom Führer Auskunft zu erbitten,
War größer es und leuchtender geworden.

Dann sah ich Weißes ihm zu beiden Seiten;
Nicht wußt' ich, was es sei, jedoch allmählig
Ward unten andres Weiß noch offenbar.

Noch schwieg mein Meister; aber als das Weiße
Das wir zuerst sah'n, sich als Flügel zeigte,
Und er den Fährmann sicher nun erkannte,

Da rief er: Beuge, beuge schnell die Kniee
Und sieh, die Hände faltend, Gottes Engel!
Nur solche Diener wirst fortan du treffen.

Die Mittel, die der Mensch bedarf, verschmäht er;
Du siehst kein Ruder führt er und die Flügel
Sind über weites Meer sein einzig Segel.[152]

Sieh, wie er aufrecht sie gen Himmel kehret,
Die Luft mit ewigem Gefieder schlagend,
Das sich nicht ändert, wie das Haar des Menschen. –

Je mehr der Gottesvogel nun herankam,
Um soviel leuchtender erschien sein Strahlen,
So daß von Nahem nicht das Aug' ihm Stand hielt,

Und ich es senkte. Jener aber führte
Heran den schnellen Nachen, der so leicht war,
Daß nichts davon das Wasser in sich aufnahm.

Am Steuer stand der gottentsandte Schiffer,
So schön, daß seine Schildrung schon beseligt,
Und innen saßen mehr als hundert Geister.

Sie sangen insgesamt mit einer Stimme:
»Da Israel hinauszog aus Ägypten«
Und was in jenem Psalme mehr geschrieben.

Als dann er mit dem Kreuze sie gesegnet,
Warf sich ein jeglicher behend ans Ufer;
Er aber ging, so schnell als er gekommen.

Fremd schien der Menge, welche nun zurückblieb,
Der Ort: Denn zweifelnd blickten sie umher,
Gleich einem, der da probt, was ihm noch neu ist.

Nach jeder Seit' entsendete die Sonne
Den Tag, und hatte mit den lichten Pfeilen
Den Steinbock von des Himmels Höh' vertrieben.

Zu uns erhoben da die Neugekomm'nen
Ihr Angesicht und sagten: Wißt ihr ihn,
So zeigt den Weg uns zu des Berges Aufstieg. –

Virgil erwiderte: Vermutlich denkt ihr,
Wir sei'n des Ortes kundig; doch wir sind
Fremdlinge hier, nicht anders, als auch ihr seid.

Nur kurz vor euch sind wir auf andrem Wege
Als ihr gekommen, und so schwierig war er,
Daß uns des Berg's Ersteigung nun ein Spiel dünkt. –

Die Seelen aber, die an meinem Atmen
Erraten hatten, daß ich lebend sei,
Verwunderten sich so, daß sie erblaßten.[153]

Wie wohl, um neues zu vernehmen, Leute
Entgegenziehn dem Boten mit dem Ölzweig
Und sich vor dem Gedränge keiner fürchtet,

So hafteten an meinem Anblick diese
Beglückten Seelen alle und vergaßen,
Den Schmuck der Reinigkeit sich zu erringen.

Und aus der Seelenschar hervortrat eine,
Mich zu umarmen mit so großer Liebe,
Daß zur Erwiderung sie mich bewog.

O Schatten, wesenhaft nur für das Auge!
Dreimal umwand ich hinter ihm die Hände
Und dreimal führt' ich sie zur Brust zurück.

Vor Staunen glaub' ich, daß ich mich verfärbte,
Weshalb der Schatten lächelnd von mir wich,
Und als ich vorwärts schritt, um ihm zu folgen,

Mich sanft und freundlich abzustehn ermahnte.
Da ward ich, wer er sei, gewahr und bat ihn,
Daß er, mit mir zu reden etwas weile.

Wie ich im Leib, der sterblich war, dich liebte,
Erwidert' er, lieb' ich von ihm getrennt dich.
Darum verweil' ich; aber warum gehst du? –

Hierher zurückzukehren, mein Casella,
Sagt' ich darauf, schritt ich zu dieser Reise.
Doch was hat dir so viele Zeit genommen? –

Und er darauf: Wenn, der da abruft wen er
Und wann er will, mir diese Überfahrt
Mehrfach verwehrt, geschah mir drum kein Unrecht;

Denn aus gerechtem Willen fließt der seine.
Hat er doch seit drei Monden aufgenommen,
Wer einzugehn verlangt' in rechtem Frieden.

So wurde denn, zum Meeresstrand gewendet,
Wo sich der Salzflut mischt das Tiberwasser,
Auch ich wohlwollend von ihm aufgenommen.

Zu jener Mündung spannt er jetzt die Flügel;
Denn eingesammelt wird zu allen Zeiten
Dort, wer nicht niedersteigt zum Acheron. –[154]

Raubt dir kein neu Gesetz, sagt' ich dagegen,
Des liebevollen Sanges Brauch und Kenntnis,
Der all mein Sehnen zu beruh'gen pflegte,

So wolle meiner Seele, die begleitet
Vom Leib hierherkam und sich schwer beklemmt fühlt,
Ein wenig Labsal durch dein Lied bereiten. –

»Die Liebe, die zu mir im Geiste redet«
Hub er darauf so süß zu singen an,
Daß noch die Süßigkeit mir innen nachtönt.

Mein Meister, sowie ich und jene Seelen,
Die mit ihm kamen, schienen so beseligt,
Als läge keinem sonst etwas im Sinne.

Wir gingen ganz vertieft in seine Töne;
Da stand der würd'ge Greis vor uns und schalt:
Was soll das heißen, ihr saumseligen Geister?

Welch Säumen ist das, welche Lässigkeit?
Zum Berge eilt, die Hülle abzustreifen,
Die offenbar euch Gott nicht werden läßt! –

Wie Tauben, die versammelt sind zum Futter,
Schweigsam und ohne den gewohnten Hochmut
Die Haferkörner picken, oder Trespen,

Sobald, was ihnen Frucht bringt, sie gewahren,
Weil sie nun Wichtig'res zu sorgen finden,
Ablassen alsobald von ihrer Atzung,

So sah ich jene neugekommene Schar
Sich vom Gesange ab, zum Berge wenden,
Wie wer nicht weiß, wohin sein Weg ihn führe.

Und unser Aufbruch war nicht minder eilig.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 03
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 03

Obwohl die schnelle Flucht die andren alle
Weithin verstreute über jene Fläche
Zum Berg hin, wo Gerechtigkeit uns züchtigt,

Schloß ich mich doch dem treuen Führer an;
Wie wär' ich ohne ihn auch vorgegangen,
Wer hätte mich den Berg hinaufgeleitet?

Es schien mir, daß ihn sein Bewußtsein schelte.
O unbeflecktes, würdiges Gewissen,
Wie ist ein kleiner Fehl dir herber Vorwurf!

Als sich der Eile seine Füß' entschlugen,
Die jeder Handlung raubt den rechten Anstand,
Erschloß mein Geist sich, der bisher gebannt war,

Begierig neue Dinge wahrzunehmen,
Und zu dem Berge wandt' ich meine Blicke,
Der mehr als einer aus dem Meere auftaucht.

Und, was in meinem Rücken rötlich glühte,
Das Sonnenlicht, war vor mir unterbrochen
In der Gestalt, in der mein Leib es hemmte.

Als nur vor mir ich dunkel sah die Erde,
Da kehrt' ich voller Schrecken mich zur Seite,
Weil ich verlassen mich vom Führer wähnte.

Doch, der mir Stütze war und Trost, begann,
Mir gänzlich zugekehrt: Warum mißtraust du,
Glaubst du mich fern und daß ich dich nicht führe?

Schon sinkt der Abend dort wo meinen Körper,
In dem ich Schatten warf, Neapel hegt,
Das ihn den Brundusinern hat entnommen.

Ist denn kein Schatten jetzt vor mir zu sehen,
So wundre dich's nicht mehr, als daß ein Himmel
Dem andren keinen Strahl des Lichts verdecket.

Um Qualen zu erdulden, Frost und Gluten,
Gibt Leiber, jenen ähnlich die wir hatten,
Die Kraft uns, die geheimhält, wie sie schaffe.

Betört ist, wer mit menschlichem Verstande
Den Weg ohn' End' erspähn will, den ein Wesen
In drei Personen geht in seinem Wirken.

Begnügt, ihr Menschen, euch bei dem »So ist es!« -
Denn, wäret, alles zu verstehn, ihr fähig,
So brauchte nicht Maria zu gebären;

Wohl sah't vergeblich solche ihr verlangen,
Die, wenn je einer, Frucht erwarten durften
Der Sehnsucht, die für sie nun ew'ge Qual ist.

Den Aristoteles und Plato mein' ich
Und andre mehr. - Alsdann senkt er die Stirne
Und schwieg, nachhängend traurigen Gedanken.

Zum Fuß des Berges waren wir gelangt;
Doch war der Felsenhang von solcher Steile,
Daß fruchtlos blieb des Bein's Behendigkeit.

Die wüstesten, die jähsten Felsensteige
Dort von Turbia bis gen Lerici
Sind im Vergleiche gar bequeme Treppen.

Wenn man nun wüßte, wo der Berg sich senket,
Begann mein Meister, seine Schritte hemmend,
So daß, wer keine Flügel hat, hinaufkann. -

Und während er, den Blick zur Erde senkend,
Des Weg's Beschaffenheit noch untersuchte,
Und an der Felsenwand empor ich schaute,

Sah eine Schar von Geistern linkerhand
Ich ihre Füße auf uns zu bewegen;
Jedoch so langsam, daß man's kaum gewahr ward.

Erhebe, sagt' ich da, dein Auge, Meister,
Dort sind, wenn du nicht selber Auskunft findest,
Die ob des Weges uns belehren werden. -

Er blickte auf und mit entschlossnem Tone
Erwidert' er: So komm; die gehn gar sachte,
Du aber hoffe sicher, lieber Sohn! -

Wir mochten Schritt gegangen sein,
Und jene Geisterschar war uns nur noch
Um eines guten Wurfes Weite fern,

Als an die harte Wand des hohen Ufers
Sich drängend alle unbeweglich standen,
Wie wer, des Weg's unsicher, spähend stehn bleibt.

Ihr wohlgestorbnen, schon erkornen Seelen,
Also begann Virgil, bei jenem Frieden
Der eurer aller, wie ich glaube, wartet,

Sagt uns, wo sich des Berges Steile senket,
So daß hinaufzusteigen möglich werde.
Zeit zu verlieren scheut zumeist der Kluge. -

So wie die Schäflein aus der Hürde kommen
Zu zweien oder drei'n, indes die andren
Furchtsam so Aug' als Schnauze niedersenken,

Und was das erste tut, das tun die andren;
Einfach und still und das warum nicht wissend,
Stehn sie, ihm angedrängt, sobald es stehn bleibt.

Also sah damals ich die Spitze jener
Beglückten Herde zögernd sich bewegen,
Im Antlitz schamhaft und im Gange ehrbar.

Als nun das Sonnenlicht zu meiner Rechten
Am Boden unterbrochen sah'n die vordern,
So daß der Schatten fiel von mir zum Fels hin,

Da standen sie und traten scheu zurücke;
Die andren aber hinter ihnen taten
Das gleiche, ob sie wohl den Grund nicht kannten.

Bevor ihr fraget, will ich euch bekennen,
Daß dieser hier ein Menschenkörper ist;
Drum ist das Sonnenlicht vor ihm gespalten.

Erstaunet nicht und seid vielmehr versichert,
Daß er nicht ohne Kraft, gewährt von oben,
Bestrebt ist, diese Felswand zu erklimmen. -

Also mein Meister, und die werten Seelen,
Mit umgekehrter Hand uns winkend riefen:
Kehrt um; dort vorwärts findet ihr den Eingang. -

Und einer aus der Schar begann: Wer immer
Du seiest, schaue her, indes du wandelst,
Ob jemals du dort jenseit mich gesehn hast. -

Ich wandte mich ihm zu mit scharfem Blicke;
Blond war und schön er und von edlem Ansehn,
Doch hatt' ein Hieb gespalten eine Braue.

Als ehrerbietig ich darauf verneinet,
Ihn je gesehn zu haben, sprach er: Sieh' dann! -
Und zeigt' hoch auf der Brust mir eine Wunde.

Dann lächelt' er und sagte: Ich bin Manfred,
Der Enkelsohn der Kaiserin Constanza.
Drum bitt' ich dich, wenn zu der Welt du heimkehrst,

Zu meiner schönen Tochter, die die Mutter
Von Arragon's und von Siziliens Ruhm ist,
Zu gehn, statt Lüge Wahrheit ihr zu künden.

Als mir durchbohrt von zweien Todeswunden
Der Körper war, da übergab ich weinend
Dem Herren mich, der willig zu verzeihn ist.

Entsetzlich waren meine Sünden; doch
So groß ist Gottes Gnadentum, daß jeden,
Der reuig sich ihm zukehrt, er ergreifet.

Wenn dieses Blatt im Worte Gottes besser
Der Hirte von Cosenza, welchen Clemens
Jagd auf mich machen hieß, gelesen hätte,

So ruhten die Gebeine meines Leibes
Noch jetzt bei Benevent am Fuß der Brücke,
Behütet von den aufgehäuften Steinen.

Jetzt schlägt der Regen und zerstreut der Wind sie
Jenseits der Grenze nah dem Verdestrande,
Wohin er bei verlöschtem Licht sie brachte.

Wem sie geflucht, ist drum nicht so verloren,
Daß nicht, so lang die Hoffnung nicht verdorrt ist,
Die ew'ge Lieb' ihm wiederkehren könnte.

Wer ungehorsam stirbt der heil'gen Kirche,
Muß, endet er auch reuig, dreißigmal
Solang' als er in seinem Trotz beharrte,

Von diesem Felsenufer ausgeschlossen
Verweilen, wenn die so bestimmte Frist
Durch wirksames Gebet ihm nicht gekürzt wird.

Erkenne nun, ob du mir wohltun kannst,
Enthüllst du meiner wackeren Constanza
Wie du mich fandest und was mich hier festhält.

Gar förderlich sind hier uns die dort drüben. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 04
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 04

Wenn unsre Seel' in Freuden oder Schmerzen,
Die eine unsrer Kräft' in Anspruch nehmen,
Ausschließlich dieser einen Kraft sich zukehrt,

So scheint sie taub für jeden andren Eindruck.
Das widerlegt den Irrtum, welcher wähnet,
Daß Seel' auf Seele sich in uns entzünde.

Deshalb vergeht, und man bemerkt es nicht,
Die Zeit, gewahrt man, oder hört man Dinge,
Die mächtig unsre Seele an sich ziehen;

Denn eine ist die Fähigkeit, die aufmerkt,
Und die der ganzen Seele ist die andre;
Die erste frei, gebunden aber diese.

Hiervon hatt' ich lebendige Erfahrung,
Als voll Verwundrung jenem Geist ich lauschte;
Denn, ohne daß ich's wahrgenommen, war

Die Sonne fünfzig Grad emporgestiegen.
Einstimmig riefen da die Seelen alle:
Hier ist der Ort; hier ist was ihr begehret. -

Oft ist die Öffnung größer, die der Landmann
Mit einer Gabel voller Dornen zuschließt,
Wenn seine Trauben sich im Herbste bräunen,

Als jener Kluft, durch welche meinem Führer
Nachfolgend, ich nun einsam aufstieg, Eingang,
Indes die Seelenschar sich von uns trennte.

Zum Kulm Bismantova's steigt man hinauf
Geht nach San Leo, steigt nach Noli nieder
Auf eignen Füßen; doch hier gilt's zu fliegen

Mit heißer Sehnsucht kräftigem Gefieder,
Dem sicheren Geleit des Führers folgend,
Der, Hoffnung reichend, mir den Pfad erhellte.

Wir kletterten in jenes Felsens Spalte,
Durch das Gestein gehemmt von jeder Seite,
Auch forderte der Boden Händ und Füße.

Als zu des hohen Ufers letztem Rande
Gelangt wir waren, zu der offnen Tenne,
Begann ich: Meister, welche Richtung wählst du? -

Bergab gewandt sei deiner Schritte keiner,
Sagt' er darauf; mir folgend, strebe aufwärts
Bis ein des Weges Kund'ger uns begegnet. -

Der Berg stieg höher als das Auge reichte
Und steiler war sein Abhang, als die Linie,
Die von dem Zentrum führt zum Halbquadranten.

Ermattet war ich, als ich so begann:
Ach, süßer Vater, wende dich und siehe,
Wie ich zurück, wenn du nicht weilest, bleibe. -

Er sagte: Nur bis dorthin schleppe dich -
Und wies auf einen Vorsprung wenig höher,
Der rings den Berg an dieser Stell' umgürtet.

Gespornt von seinem Wort, rafft' ich mich auf,
Bis ich, ihm nach, auf allen Vieren kletternd,
Des Berges Ring mit meinem Fuß betreten.

Wir setzten, hingewandt woher wir kamen,
Uns beide, unser Aug' gekehrt gen Morgen,
Wohin zu blicken, Heil zu bringen pflegt.

Erst schaut' ich abwärts zu dem niedren Ufer,
Dann blickt' ich auf zur Sonn', und wie erstaunt ich,
Als ihre Strahlen uns von links her trafen.

Wohl ward gewahr der Dichter, wie ich ganz
Befremdet nach des Lichtes Wagen starrte,
Der zwischen uns und Norden sich bewegte.

Drum sagt' er mir: Wenn Castor sowie Pollux
Jetzt im Geleite jenes Spiegels wären,
Der auf- und abwärts seine Strahlen spendet,

So sähst den Tierkreis, von der Sonn' entflammet,
Noch näher an den Bärinnen du kreisen,
Falls den gewohnten Weg er nicht verließe.

Willst du imstande sein, dies zu erkennen,
So denk', in dich gekehrt, dir auf der Erde
Sich gegenüber diesen Berg und Zion.

Drum haben sie verschiedne Hemisphären,
Doch einen Horizont, und du begreifst nun,
Wenn aufmerksam dein Geistesauge hinblickt,

Warum der Weg, den Phaëton verfehlte,
Liegt er dort drüben auf der einen Seite,
Hier auf der andren muß vorüberführen. -

Gewiß, mein Meister, sprach ich, nimmer sah ich
Mit solcher Klarheit, als ich nun erkenne,
Wo meine Faßkraft unzureichend schien.

Der Mittelkreis der himmlischen Bewegung,
Der zwischen Sonne stets und Winter weilt,
Und den in einer Kunst man nennt Äquator,

Muß, um wieviel gen Mittag die Hebräer
Ihn sahen, aus dem Grunde, den du nanntest,
Von hier gen Mitternacht gelegen sein.

Doch, wenn es dir beliebt, vernähm' ich gerne,
Wie weit sich unser Weg erstreckt; die Höhe
Steigt weiter auf, als meine Blicke reichen. -

Drauf sagt' er: Dieser Berg ist so beschaffen,
Daß schwierig er beim untren Anfang däucht,
Und leichter wird, je höher man emporsteigt.

Wird dir der Berg dann einst so eben scheinen,
Daß schwerer nicht dir aufzusteigen vorkommt,
Als günst'gen Windes mit dem Strom zu fahren,

So bist gelangt du zu des Pfades Ende
Und magst von allen Mühn der Ruhe pflegen.
Mehr sag' ich nicht; doch dies weiß ich als Wahrheit. -

Und als sein Wort er kaum beendet hatte,
Erscholl uns nah': Wer weiß, ob du zuvor,
Dich auszuruhen nicht Bedürfnis fühlest? -

Bei diesem Worte wandten wir uns beide
Und sahn ein Felsenstück zu unsrer Linken,
Das weder er noch ich zuvor gewahrte.

Dort wandten wir uns hin und fanden Leute,
Die in dem Schatten so bequem sich's machten,
Wie wer vor Lässigkeit der Ruhe pfleget.

Und einer, welcher mir besonders müde
Erschien, umarmte sitzend seine Knie
In deren Mitt' er hängen ließ sein Haupt.

Mein teurer Herr, begann ich, o betrachte
Doch diesen, der sich lässiger beweist,
Als wenn die Faulheit seine Schwester wäre. -

Da wandt' er sich zu uns und uns bemerkend
Erhob die Augen er entlang dem Schenkel
Und sprach: Geh' nur hinauf, wenn du so stark bist. -

Da sah ich, wer er sei, und die Beklemmung,
Die etwas mir den Atem noch beeilte,
Verhinderte mich nicht zu ihm zu gehen.

Nur wenig hob er, als ich ihn erreichet,
Das Haupt und sagte: Hast du wohl gesehn,
Daß hier die Sonne links den Wagen lenket? -

Die läss'ge Weise und die kurzen Worte
Bewegten etwas meinen Mund zum Lächeln:
Belacqua, sagt' ich dann, so ist die Sorge

Um dich mir nun gehoben; aber sage,
Was du hier weilst? Erwartest du Gefährten?
Hat dich die alte Unart neu befallen? -

Ach Bruder, sagt' er drauf, was hilft das Steigen?
Mich ließe ja zur Büßung doch nicht gehen
Der Gottesvogel, der dort an der Tür sitzt.

So lange muß zuvor mir außer ihr
Der Himmel kreisen, als er tat im Leben,
Weil gute Seufzer bis zum End' ich aufhob,

Wenn früher Hilfe nicht Gebete bringen
Aus einem Herzen, das in Gnade steht;
Nutzlos sind andre, nicht erhört im Himmel. -

Schon aber stieg vor mir der Dichter weiter
Und sagte: Komme nun, denn schon berühret
Den Mittagskreis die Sonne und vom Strand' aus

Bedeckt die Nacht mit ihrem Fuß Marokko.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 05
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 05

Schon war von jenen Schatten ich geschieden
Und folgte weiter meines Führers Spuren,
Als einer hinter mir, gehobnen Fingers:

So seht doch, ausrief, wie der Strahl der Sonne
Nicht leuchtet zu des untren linker Seite
Und wie er sich gebart, als ob er lebe. -

Bei dieser Worte Laut wandt' ich die Blicke
Und sah wie sie nach mir, nach mir nur starrten
Und nach dem Lichtstrahl, der durch mich gehemmt war.

Was läßt du dir den Geist so sehr befangen,
Begann mein Meister, daß im Gehn du nachläßt?
Was kümmert dich was dort geflüstert wird?

Komm, folge mir und laß die Leute reden.
Steh' fest gleich einem Turme, dessen Spitze,
Wie auch die Winde toben, nicht erzittert;

Denn wer in sich Gedanken auf Gedanken
Aufschließen läßt, entfernt sich nur vom Ziele;
Des einen Ungestüm schwächt ja den andren. -

Was konnt' ich wohl erwidern, als: Ich komme. -
Ich sagt' es, angehaucht von jener Farbe,
Die oft dem Fehlenden Verzeihung einbringt.

Inzwischen kam den Abhang quer hernieder,
Nur wenig vor uns, eine Seelenschar
Die wechselweise sang: »Gott sei mir gnädig«.

Als sie bemerkten, daß den Sonnenstrahlen
Mein Körper durchzudringen nicht gestatte,
Ward ihr Gesang zum langen, heis'ren O!

Und zwei von ihnen liefen als Gesandte
Der andren uns entgegen mit der Frage:
Wollt über euren Zustand uns belehren. -

Mein Meister sagte drauf: Geht denn zurücke
Und saget denen, die euch hergesendet,
Der Körper dieses hier sei Fleisch und Bein.

Sind also, weil sie seinen Schatten sahn,
Sie stehn geblieben; so genügt die Antwort;
Sie haben ihn zu ehren allen Anlaß. -

Nie sah entflammte Dünst' ich so geschwinde
Den Himmel beim Beginn der Nacht durchstreifen,
Noch, wenn die Sonn' im Sinken, Sommerwolken,

Daß schneller rückgekehrt nicht diese wären.
Kaum waren sie dort angelangt, als alle
Vereint in jähem Lauf sich zu uns wandten.

Gar zahlreich sind die hier sich an uns drängen,
Sie kommen dich zu bitten, sprach der Meister,
Doch weile nicht und höre sie im Gehn. -

O Seele, die, um froh zu werden, aufsteigt
Mit den dir von Geburt verliehnen Gliedern,
Halt' etwas an, so riefen sie, die Schritte.

Schau hin, ob je du wen von uns gesehn hast,
Daß Kunde du von ihm hinüberbringest.
Willst du schon gehn? Warum magst du nicht weilen?

Gewaltsam litten alle wir den Tod
Und waren Sünder bis zur letzten Stunde;
Da bracht' ein Himmelslicht uns zur Besinnung,

So daß wir reuig und dem Feind vergebend
Das Leben endeten, versöhnt mit Gott,
Der, ihn zu schaun die Sehnsucht uns in's Herz legt. -

Und ich: Wie eure Züg' ich auch betrachte,
Zum Heil geborne Geister, kenn' ich keinen;
Doch wünschet ihr, was ich vermag zu leisten,

So sprecht, und ich gelob' es zu vollbringen
Bei jenem Frieden, den mit solchem Führer
Von Welt zu Welt ich zu erlangen strebe. -

Und einer sagte: Ohne daß du schwörest,
Vertraut ein jeder deiner guten Tat,
Wenn nicht Unmöglichkeit den Willen aufhebt.

Drum bitt' ich, der ich vor den andren rede,
Daß, wenn das Land du siehst, daß von Romagna
Sich zu dem Königreiche Karls erstreckt,

Du so willfährig mir dein Fürwort spendest,
Daß man für mich in Fano bet', und Zutritt
Ich zu der schweren Sünden Buße finde.

Dort stammt' ich her; allein die tiefen Wunden
Woraus das Blut, in dem ich wohnte, floß,
Erhielt ich im Gebiet der Stadt Antenor's,

Wo ich am sichersten zu sein vertraute.
Geheißen hatt' es der von Este, welcher
Weit mehr, als zu entschuld'gen ist, mich haßte.

Doch wäre nur gen Mira ich geflohn'
Als eingeholt ich ward bei Oriago,
So weilt' ich dort noch heute, wo man atmet.

Ich aber lief zum Sumpf, und Schmutz und Röhricht
Verstrickten mich; ich stürzte und nun sah ich
Mein Blut am Boden eine Lache bilden. -

Dann rief ein andrer: Ach, wenn das Verlangen
Gewährt dir werde, das dich zieht zum Berge,
So hilf dem meinen du durch gutes Mitleid.

Ich war aus Montefeltro, bin Buonconte;
Nicht denkt Johanna mein und nicht die andren,
Drum geh gesenktes Haupt's ich unter diesen. -

Drauf sagt' ich: Welcher Zufall, welche Macht
Entfernte dich so weit von Campaldino,
Daß nie bekannt ward deines Grabes Stelle? -

Und er: Noch über'm Eremo entspringt
Im Apennin ein Bach, genannt Archiano
Und fließt dann nieder zu dem Casentino.

Dorthin, wo dessen Name schwindet, kam ich
Auf flücht'gem Fuße mit durchbohrter Kehle;
Es färbte, wie ich floh, mein Blut den Boden.

Da ward mein Auge trübe und der Name
Maria's war mein letztes Wort. Dann fiel ich
Zur Erde und mein Leib blieb nun allein.

Die Wahrheit red' ich, und du sag' es weiter:
Mich faßte Gottes Engel; doch der Bote
Der Hölle schrie: Raub ist das, du vom Himmel!

Ob eines Tränleins, das ihn mir entrissen,
Trägst du von hinnen sein unsterblich Teil;
So will ich mit dem andren anders schalten. -

Du weißt, wie in der Luft die feuchten Dünste
Sich sammeln, die als Wasser niederfallen,
Sobald zur kalten Schicht sie aufsteigen.

Durch die Gewalt, die ihm verliehn sein Wesen,
Erregte Dunst und Sturm der arge Wille,
Der mit des Geistes Kraft nur Arges sinnt.

Sobald es Nacht ward, überzog mit Nebel
Von Pratomagno bis zum Joch das Tal er
Und ließ darüber solche Kält' entstehen,

Daß jene schwangere Luft zu Wasser wurde.
Der Regen fiel, und was das Land nicht aufsog,
Floß nieder in so manchem kleinen Rinnsal.

So angesammelt in den größten Bächen
Stürzt' er zum Königsstrom hin so gewaltsam,
Daß seinen Lauf kein Hindernis mehr aufhielt.

Archiano, flutenreich, fand meinen Körper
Erstarrt an seiner Mündung; in den Arno
Riß er ihn fort, das Kreuz der Arme lösend,

Das ich gemacht, als mich der Schmerz bewältigt.
Er wälzte mich umher an Grund und Ufern
Und seine Beute ward mir Hüll und Decke. -

Ach, wenn du heimgekehrt bist zu der Welt,
Und ausgeruht von deiner langen Reise,
So schloß der dritte Geist sich an die Rede

Des zweiten, denke mein, ich bin die Pia;
Mich zeugte Siena, tötete Maremma.
Der weiß es, der zuvor auf meinen Finger

Den Trauring mit dem Edelstein mir steckte. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 06
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 06

Wenn aufgehoben wird das Würfelspiel,
Bleibt, wer verloren, ärgerlich zurück,
Bedenkt die Würf', und lernt was er versehn hat.

Dem andren aber folgt der ganze Haufen:
Der drängt sich vor, ein zweiter zupft ihn hinten,
Ein dritter macht sich seitwärts ihm bemerklich.

Er aber weilt nicht, hört auf den und jenen;
Wem er die Hand gereicht, ist nicht mehr lästig,
Und so erwehrt er klug sich des Gedränges.

So tat auch ich in jener dichten Schar;
Denn, mein Gesicht bald da, bald dorthin wendend,
Macht' ich mich los von ihnen durch Versprechen.

Der Aretiner, den die grimmen Arme
Des Ghin di Tacco töteten, war da,
Und auch der andre, der gejagt ertrunken.

Da baten mich mit ausgestreckten Händen
Friedrich Novello so wie der Pisaner,
Durch den Marzucco Kraft bewies, der gute.

Graf Orso sah ich, und die, wie sie sagte,
Aus Neid und Mißgunst, nicht ob eigner Schuld,
Von ihrem Körper losgeriss'ne Seele

Des Peter de la Brosse, und dies bedenke
Die Dame von Brabant, weil sie noch hier ist,
Daß sie nicht ärger Herde drum verfalle.

Als ich mich losgemacht von all' den Schatten,
Die nur, daß andre beten möchten, baten,
Damit ihr Heiligwerden sich erfrühe,

Begann ich: Du mein Licht, in einem Texte
Scheinst du mit klaren Worten zu verneinen,
Daß je Gebet des Himmels Ratschluß ändre;

Und dennoch bitten diese nur um solches.
Täuscht sie denn ihre Hoffnung, oder
Blieb unklar mir die Deutung deines Wortes? -

Nicht dunkel ist mein Wort, sagt' er dagegen,
Noch trügerisch die Hoffnung dieser Seelen,
Wenn man nur aufmerkt mit gesundem Geiste.

Es beugt sich nicht des Richterspruches Höhe,
Erfüllt im Augenblick das Liebesfeuer
Was zu bezahlen hat, wer hier verweilet.

Dort aber, wo ich jenen Grundsatz aussprach,
Ward nicht der Mangel ausgefüllt durch Bitten;
Denn losgetrennt von Gott war das Gebet.

Damit begnüge dich, und bis dich jene
Belehrt, die zwischen Wahrheit und Verständnis
Dir Leuchte wird, laß ab von solchem Zweifel.

Verstehst du mich? Von Beatrice red' ich,
Du wirst sie wiedersehn; doch weiter oben,
Auf dieses Berges Gipfel, selig lächelnd. -

O Herr, so sagt' ich, gehn wir denn geschwinder,
Nicht so wie früher werd' ich nun ermatten,
Und sieh, wie Schatten schon der Berg uns bietet. -

Wir wollen vorwärts gehn mit diesem Tage,
Erwidert' er darauf, so weit wir können;
Doch anders steht, als wie du denkst, die Sache.

Denn, die sich hinterm Berge jetzt versteckt hat,
So daß du ihre Strahlen nicht mehr auffängst,
Siehst, eh' wir oben sind, du wiederkehren.

Doch sieh' den Schatten, der so ganz allein
Dort weilend nur nach uns das Auge wendet;
Er wird vom nächsten Weg' uns Kunde geben. -

Wir kamen näher; o Lombardenseele,
Wie saßest stolz du da und unerschüttert,
In deines Aug's Bewegung Ruh' und Würde!

Sie redete mit keinem Wort uns an,
Nur, wie wir gingen, blickte sie nach uns,
Wie wohl ein Löwe tut, wenn er sich ausruht.

Da trat Virgil zu ihr mit dem Begehren,
Daß sie den besten Weg zur Höh' uns zeige;
Sie aber, statt der Bitte zu entsprechen,

Frug uns nach Vaterland und Lebensweise.
Aus Mantova - begann mein süßer Meister;
Da stand, der nur in sich bisher gekehrt war,

Der Schatten auf, und sprach entgegeneilend:
O Mantovaner, sieh' in mir Sordello,
Aus deiner Stadt! - worauf sich beid' umarmten.

Geknechtetes Italien, Haus der Schmerzen,
Schiff ohne Steuermann in großem Sturme,
Nicht Länderkönigin, nein Hurenkammer!

Schon bei dem süßen Klange seiner Heimat
War dieser edle Schatten so beeifert
Den Landsgenossen freudig zu begrüßen;

Doch du! - auch heute sind die in dir leben
Nicht ohne Krieg, es hassen sich einander
Die eine Mauer und ein Graben einschließt.

Betrachte ringsum deine Meeresküsten,
Du Ärmste, blicke dann in deinen Schoß,
Ob Frieden irgendeinen Teil erfreue.

Was hilft es, daß Justinian den Zügel
Dir hergestellt, wenn ledig bleibt der Sattel,
Geringer wär' die Schande ohne jenen.

Ihr, die verpflichtet wäret, fromm zu sein,
Im Sattel Cäsar unbeirrt zu lassen,
Verstündet recht ihr, was euch Gott gebietet,

Seht, wie so tückisch ist dies Tier geworden,
Weil nicht mehr in der Flank es fühlt die Sporen,
Seit an den Zügel ihr gelegt die Hand!

Der du dies Roß, das wild ward und unbändig,
Statt zügelnd in den Sattel dich zu schwingen,
Sich selber überlässest, deutscher Albrecht,

Gerecht Gericht, das offenbar und neu sei,
Mög' auf dein Blut von den Gestirnen fallen,
So daß die Furcht, den der Dir nachfolgt, fasse.

Wie durftet ihr, du und dein Vater, dulden,
Nur weil die Habsucht euch dort jenseits festhielt,
Daß eures Reiches Garten gar verwildre?

Komm, sieh' die Cappelletti und Montecchi,
Monald' und Filippeschi, Pflichtvergeßner;
In Furcht die einen, schon betrübt die andern.

Fühlloser, komm und sieh', wie schwer bedrückt
Dein Adel ist; komm, heile seine Schäden!
Sieh' selber, tiefgesunken, Santa Fiore.

Sieh, deine Roma, die in heißen Tränen,
Verwittwet und allein, bei Nacht und Tage,
Mein Cäsar, ruft, warum bist du mir ferne? -

Komm sieh', in welcher Art man hier sich lieb hat;
Und wenn du doch mit uns kein Mitleid fühlest,
So komm, ob deines Rufes dich zu schämen.

Ist wohl zu kühn die Frage, Herr des Himmels,
Der du für uns gekreuzigt bist auf Erden:
Ob anderwärts dein heil'ges Auge hinblickt?

Bereitest du vielleicht in deines Ratschluß'
Grundloser Tief' ein Heil auf diesem Wege,
Das menschlichem Erkennen unerreichbar?

Sind doch Italiens Städte samt und sonders
Voll von Tyrannen; ein Marcellus dünkt sich
Jedweder Bauer, der Parteiung zettelt.

Mein Florenz, sei zufrieden, du hast Ursach,
Denn dich kann dieser Ausfall nimmer treffen,
Dank deinem Volke, das so klug sich vorsieht.

Gerechtigkeit im Herzen haben viele,
Doch scheun sie, unberaten loszudrücken;
Dein Volk indes hat stets sie auf den Lippen.

Wohl manche fliehn die Last für's allgemeine;
Doch deine Bürger eilen ungefordert
Zu rufen: Gebt nur her, ich unternehm' es.

So freue dich, denn Grund hast du die Fülle.
Du bist ja reich, friedfertig, voller Weisheit;
Ob ich die Wahrheit sage, zeigt die Wirkung.

Athen und Lacedämon, die vor Zeiten
Gesetze gebend edle Sitte übten,
Mit dir verglichen leisteten sie wenig;

Denn du erläßt so pfiffige Gebote,
Daß nicht zur Hälfte des Novembers vorhält,
Was während des Oktobers du gesponnen.

Wie oft schon, seit ich denke, hast Gesetze,
Hast Münzen, Ämter, Sitten du gewechselt
Und umgewandelt alle deine Glieder.

Erinnerst du dich recht und hast du Einsicht,
So wirst du sehn, daß du der Kranken gleichest,
Die auf dem Pfühl nicht Ruh zu finden weiß,

Und die sich wendet, um dem Schmerz zu wehren.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 07
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 07

Als jene freudig ehrenhaften Grüße
Schon drei- und viermal sich erneuet, trat
Sordell zurück und sprach: Sagt an wer seid ihr? -

Eh' sich zu diesem Berg die Seelen wandten,
Die würdig sind zu Gott emporzusteigen,
Ward mein Gebein von Octavian bestattet.

Ich bin Virgil, und nur die eine Schuld
Raubt mir den Himmel, daß mir Glauben fehlte. -
So lautete die Antwort meines Führers.

Wie einer, der vor seinen Augen plötzlich
Etwas erblickt, ob dessen er sich wundert,
Und glaubt und nicht glaubt, daß es sei und nicht sei,

So schien mir jener; doch die Wimpern senkt' er
Und wandt' in Demut sich zu ihm zurück,
Wo sich der niedre anhält, ihn umarmend.

O der Lateiner Ruhm, sagt' er, durch welchen
Was sie vermag, gezeigt hat unsre Sprache,
Du ew'ger Preis des Ortes meiner Heimat,

Leiht mir Verdienst, leiht Gnade deinen Anblick?
Und bin ich dich zu hören wert, so sage,
Ob du der Höll' entstieg'st und welchem Schlunde? -

Durch jeden Kreis des schmerzensvollen Reiches,
Sprach er, ging ich hindurch, hierher zu kommen;
Mich sandte Himmelskraft, die mich begleitet.

Nicht wegen Tuns, nur wegen Nichttuns werd' ich
Die Sonne nimmer sehn, die du ersehnest,
Und die ich leider allzuspät erkannte.

Ein Ort ist drunten, unbetrübt von Qualen,
Den Finsternis nur drückt und wo die Klagen
Nicht Schmerzensrufe, sondern Seufzer sind.

Mit den unschuld'gen Kindern weil' ich dort,
Die, unbefreit noch von der Menschheit Sünde,
Ergriffen wurden von dem Biß des Todes:

Genosse deren, die zwar mit den drei
Geweihten Tugenden sich nicht bekleidet,
Doch frei von Fehl, die andren sämtlich übten.

Du aber, weißt du anders und vermagst es,
Gib Kunde uns, wie wir am nächsten dahin
Gelangen, wo das Fegefeuer anfängt. -

Und er: Kein fester Ort ist uns beschieden;
Ich darf bergauf und hin und wieder wandeln,
So weit ich geh'n kann, werd' ich dich geleiten.

Doch sieh', wie schon der Tag zu Ende eilet,
Und ist es Nacht, kann man nicht weitersteigen;
Drum tun wir wohl auf gute Rast zu sinnen.

Hier rechts, nicht weit entfernt, verweilen Schatten;
Ist dir's genehm, so führ ich dich zu ihnen,
Und sicher ist dir, sie zu sehn erfreulich. -

Wie ist das, war die Antwort, würde jemand
Den hindern, der des Nachts aufstiege, oder
Vermöcht' er's nicht, weil ihm die Kraft gebräche? -

Sordell, der gute, streifte mit dem Finger
Die Erd' und sprach: Nicht diesen Strich vermagst du
Zu überschreiten, wenn die Sonn' entschwunden,

Doch hindert weiter nichts emporzusteigen,
Als nur allein die nächt'ge Finsternis;
Sie hemmt die Kraft und mit ihr auch den Willen.

Wohl aber könnte man, auch wenn den Tag
Der Horizont verschließt, nach unten kehren
Und auch umirrend längs dem Strande schweifen. -

Verwundert schien mein Herr mir, als er sagte:
So führ' uns dorthin, wo, wie du berichtest,
Uns Freude werden soll, indem wir weilen. -

Erst wenig weiter waren wir geschritten,
Als in dem Berg' ich eine Senkung wahrnahm,
Wie diesseits Täler sich in Berge senken.

Dorthin, so sprach der Schatten, laß uns gehen,
Wo in dem Abhang sich ein Schoß gebildet;
Dort wollen wir den neuen Tag erwarten. -

Ein Fußweg bot sich zwischen Steil' und Fläche,
Der uns zur Flanke jenes Tales führte,
Dort wo sein Rand mehr als zur Hälfte schwindet.

Gold, Silber und Karmin wie Elfenbein
Und Holz aus Indien, sowie glänzend lichtes,
Smaragd auch, der soeben erst gespalten,

Sie wären von den Gräsern und den Blumen
In diesem Tal an Farbenpracht besiegt,
Sowie der Schwächre unterliegt dem Starken.

Und nicht gemalt nur hatte dort Natur;
Die Würzigkeit von tausend Wohlgerüchen
Vermischte sich zu niegekannter Süße.

Und auf dem Rasen und den Blumen sah ich
Salve Regina singend, Seelen sitzen,
Die, ob des Tals, man außerhalb nicht wahrnahm.

Bevor die Sonne ganz zur Rüste gehe,
Begann der Mantovaner, der uns führte,
Verlangt nicht, daß zu jenen ich euch bringe.

Das Tun, sowie die Züge aller werdet
Von diesem Vorsprung besser ihr erkennen,
Als, seid ihr drunten erst, in ihrer Mitte.

Der dort am höchsten sitzt, doch dessen Ausdruck
Anzeigt, daß seine Pflicht er unterlassen,
Und der den Mund nicht regt beim Sang der andren,

War Kaiser Rudolph, der die Todeswunden
Italiens noch imstande war zu heilen,
Wo jetzt kein andrer mehr vermag zu helfen.

Der zweite, der dem Anschein nach ihn tröstet,
Befahl dem Lande, dessen Wässer alle
Moldau der Elb' und die dem Meere zuführt.

Ottokar hieß er und schon in den Windeln
War er um vieles tüchtiger als Wenzel,
Sein Sohn, im Bart, den Wollust freut und Nichtstun.

Der stumpf Benas'te, der in engem Zwiesprach
Mit jenem scheinet, der so gütig aussieht,
Starb auf der Flucht die Lilien entblätternd.

Seht, wie in Reu' er sich die Brust zerschlägt!
Und seht den andren, welcher unter Seufzern
Auf seine flache Hand das Haupt gebettet:

Der Vater sind sie und der Schwiegervater
Des Frankenunheils, und daß sie sein Leben
Voll Schand' und Laster kennen, macht sie traurig.

Der Gliederkräftge dort, der im Gesange
Sich jenem anschließt mit der starken Nase,
Mit jeder Trefflichkeit war er gegürtet.

Und wäre nur die Krone jenem Jüngling,
Den hinter ihm ihr sitzen seht, geblieben,
So ging die Tüchtigkeit von Haupt zu Haupte.

Doch mit den andren Erben ist's nicht also:
Jacob und Friedrich haben wohl die Reiche,
Doch nichts besitzen sie vom besseren Erbteil.

Nur selten wiederholt sich in den Zweigen
Der Menschen Würdigkeit, und also will es
Der sie verleiht, daß man von ihm sie heische.

Und meine Rede gilt, sowohl als Peter,
Dem Großbenas'ten auch, der mit ihm singt,
Weshalb Apulien und Provence wehklagt.

Der Sam' ist so viel schlechter wie die Pflanze,
Als sich Constanze mehr wie Beatrice
Und Margarete ihres Gatten rühmet.

Sieh' dort den König von einfältigem Wandel,
Heinrich von England, abgesondert sitzen;
Der hat in seinen Zweigen bessren Ausgang.

Der andre, welcher tiefer sich gelagert
Und aufwärts schauet, ist der Markgraf Wilhelm,
Ob dessen Monferrat und Canavese

Um Alessandria weint und dessen Krieg. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 08
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 08

Gekommen war die Stunde, die die Sehnsucht
Der Schiffer weckt, die weicher macht die Herzen
Am Tag, wo sie von lieben Freunden schieden,

Und Liebeswunden schlägt dem Pilgerneuling,
Hört er von Ferne Glockentöne hallen,
Die ob des Tages Tod zu klagen scheinen,

Als aufzuhorchen ich allmählich nachließ,
Auf einen Schatten blickend, welcher aufstand,
Und winkend mit der Hand, Gehör begehrte.

Er trat hervor und richtete die Augen
Mit aufgehobenen Händen gegen Morgen,
Als sagte er zu Gott: Dich nur begehr' ich. -

Te lucis ante tönt aus seinem Munde
So fromm und innig, in so süßen Klängen,
Daß ich zuhörend selber mich verlor.

Die andren aber sangen, ihn begleitend,
Die Augen zugewandt den ew'gen Rädern,
Mit gleicher Innigkeit den ganzen Hymnus.

Nun suche, Leser, scharfen Blick's die Wahrheit;
So locker ist der Schleier itzt gewoben,
Daß wenig Mühe macht, ihn zu durchdringen.

Ich sah wie jenes edle Heer von Schatten,
Schweigsam nach oben blickend und beklommen,
Gewärtig dessen war, das kommen würde.

Da sah zwei Engel ich mit feur'gen Schwertern,
Die abgestumpft und ohne Spitzen waren,
Von oben kommen und herniedersteigen.

Mit grünen Flügeln fächelten und schlugen
Sie das Gewand, das, grün gleich jungen Blättern,
Bewegt vom Winde hinter ihnen wallte.

Nah über uns ließ sich der eine nieder,
Der zweite senkte sich zum andren Ufer,
So daß sie zwischen sich die Seelen hatten.

Das blonde Haupt erkannt' ich wohl an ihnen;
Ihr Antlitz aber blendete mein Auge,
Wie vor dem Übermaß die Kraft versagt.

Sie kommen beide von Maria's Schoße
Zur Wache dieses Tales, sprach Sordello,
Der Schlange wegen, die in kurzem nahet. -

Ich aber, der nicht wußte, von woher,
Sah forschend ringsherum, und ganz erstarret
Drängt' ich mich fest an die erprobten Schultern.

Sordell sprach weiter: Steigen wir nun nieder
Und reden wir mit jenen großen Schatten.
Gewiß ist ihnen, euch zu seh'n willkommen. -

Ich glaube, nur drei Schritte stieg ich abwärts,
Da war ich unten, und sah einen, welcher
Nach mir nur schaut, als wollt' er mich erkennen.

Schon dunkelte die Luft; doch nicht im Maße,
Daß sie nicht zwischen meinem Aug' und seinem
Erläutert hätte, was sie erst verborgen.

Entgegen trat er mir; ich ihm desgleichen:
Giudice Nino, wie zufrieden war ich,
Als ich erfuhr, du sei'st nicht bei den Sündern.

Der trauten Grüße tauschten wir die Fülle.
Dann frug er mich: Seit wann bist über's Meer
Zum Fuße dieses Berges du gekommen? -

O, sagt' ich, tief her aus den traur'gen Räumen
Kam ich heut früh und bin im ersten Leben;
Doch streb' auf dieser Reis' ich nach dem zweiten. -

Als diese meine Antwort sie vernommen,
Trat, gleich Sordell, die ganze Schar zurück,
Wie Leute, die vor Staunen sich nicht fassen.

Virgil sah einer an, der zweite wandte
Sich einem zu, der dort saß: Auf, Corrado!
Rief er, vernimm, was Gott aus Gnaden wollte. -

Und dann zu mir: Bei dem besondren Danke,
Den dem du schuldest, welcher seine Gründe
Also verbirgt, daß keine Furt zu finden,

Bist du erst jenseits von den breiten Wellen,
So bitte du Giovanna, meine liebe,
Zu bitten, wo die Unschuld man erhöret.

Nicht scheint's, daß ihre Mutter mich noch liebe,
Seit abgelegt sie hat die weißen Binden,
Die noch zurückbegehren wird die Arme.

An ihrem Beispiel kann man leicht erkennen,
Wie schnell in Weiberherzen Lieb' erlischt,
Entflammt sie nicht das Aug' und die Berührung.

Die Schlange, welche Mailand's Fahnen zeigen,
Wird ihrem Grabe mindre Zierde sein,
Als es Gallura's Hahn gewesen wäre. -

So sprach er und in seinem Antlitz prägte
Der Stempel sich des rechten Eifers aus,
Der, glühend in der Brust, doch Maß behält.

Begierig haftete mein Blick am Himmel,
Dort wo am langsamsten die Sterne kreisen,
Dem Rade gleich zunächst an seiner Achse.

Mein Führer sprach: Was schaust du nach dort oben? -
Und ich darauf: Nach den drei Fackeln schau ich,
Von denen dieser Pol so ganz entbrannt ist. -

Und er zu mir: Die leuchtenden vier Sterne,
Die du heut morgen sahst, sind jetzt dort unten,
Und diese stiegen auf an jener Stelle. -

Ich sagte: - doch Sordello zog ihn an sich
Und sprach, die Richtung mit dem Finger weisend:
Sieh hin, dort kommt er, unser Widersacher. -

Dort, wo des Tales Eingang offen lag,
War eine Schlange, der wohl zu vergleichen,
Die Eva einst die bittre Speise bot.

Der böse Streifen, zwischen Gras und Blumen
Kam er und wandte leckend oft zum Rücken
Das Haupt, wie Tiere tun, wenn sie sich putzen.

Ich sah es nicht, drum kann ich's nicht berichten,
Wie jene Himmelsfalken sich erhoben,
Doch sah ich beide während sie schon flogen.

Als sie den Schlag der grünen Flügel hörte,
Entfloh die Schlange, und die Engel kehrten
Zurück zu ihren Plätzen, gleichen Fluges.

Nicht hatte während dieses ganzen Angriffs
Der Schatten, der zu Nino war getreten,
Als dieser rief, den Blick von mir gewendet.

Soll jene Leuchte, die dich aufwärts führet,
So vieles Wachs in deinem Willen finden,
Als nötig ist bis zu der höchsten Bläue,

(Also begann er) wenn du wahre Kunde
Von Valdimacra hast und seiner Gegend,
So gib sie mir, denn einst war ich dort mächtig.

Mein Name war Corrado Malaspina;
Der alte bin ich nicht, doch von ihm stamm' ich. -
Daß ich zu sehr die Meinen liebte, büß' ich. -

Nie, sagt' ich, war bisher in eurem Land' ich;
Wo aber kann man in Europa weilen,
Daß man von denen Kunde nicht vernähme?

Es preist der Ruf, der eures Hauses Ehre
Verkündet, so die Herrn als wie die Landschaft,
So daß drum weiß, wer auch nicht dort gewesen.

So wahr hinaufzugehn ich hoffe, schwör' ich,
Daß euer ehrenhaft Geschlecht den Ruhm
Des Reichtums wie des Schwertes sich bewahrte.

Durch Übung und Natur ist es bevorzugt,
Daß es allein, den Irrweg meidend, recht geht,
Ob auch die Welt ihr schnödes Haupt verkehre. -

Und er: So gehe; denn nicht sieben Male
Wird sich die Sonn' im Bette, das der Widder
Umspannt mit seinen Füßen, niederlegen,

Daß diese günst'ge Meinung dir im Haupte
Verfestigt werden wird mit größren Nägeln
Als fremde Rede sie vermag zu bieten,

Bleibt ungehemmt im Lauf des Himmels Ratschluß. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 09
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 09

Tithon's, des alten, Bettgenossin blinkte
In weißem Schimmer von des Ostens Söller,
Entschlüpft den Armen ihres süßen Freundes.

Es leuchtet' ihre Stirne von Juwelen,
Die angeordnet waren nach dem Bilde
Des kalten Tier's, das mit dem Schwanz verwundet.

Der Schritte, welche sie emportut, hatte
Die Nacht, da wo wir waren, zwei getan,
Und seine Flügel senkte schon der dritte,

Als ich, der Adams Erbteil bei mir trug,
Vom Schlaf bewältigt, auf das Gras mich neigte,
Wo wir dann alle Fünfe niedersaßen.

Und um die Stunde, wo beim Nahn des Morgens
Die Klageruf' ertönen läßt die Schwalbe,
Vielleicht gedenkend einst erfahrner Leiden,

Und wo die Seele, mehr als sonst dem Fleische
Entrückt, und von Gedanken nicht gefesselt,
Fast göttlich ist in ihren Traumgesichten,

Glaubt' einen Adler, goldenen Gefieders,
Ich schwebend über mir mit offnen Flügeln
Zu sehn, als wollt' er eben niederschießen.

Auch war mir's als ob ich mich dort befände,
Wo Ganymed die Seinigen verließ,
Als er entrückt ward zu dem Rat der Götter.

Ich dachte bei mir selbst: des Adlers Weise
Ist wohl, nur hier zu stoßen; anderwärts
Verschmäht er, sich die Beute herzuholen.

Da schien es mir, als ob nach ein'gem Kreisen
Er niederführe, schrecklich wie der Blitz,
Und mich nach oben risse bis zum Feuer.

Dann kam mir's vor, als ob wir beide brannten!
Und den geträumten Brand fühlt' ich so schmerzhaft,
Daß plötzlich aus dem Schlaf er mich erweckte.

Nicht anders schreckte einst Achilles auf
Und wandte ringsum die erwachten Augen,
Weil er nicht wußte, wo er sich befinde,

Nachdem in ihrem Arm die Mutter schlafend
Aus Chiron's Hut nach Skyros ihn geflüchtet,
Von wo die Griechen später ihn entführten,

Als ich emporfuhr, wie von meinem Antlitz
Der Schlaf entwich, und so betroffen war ich,
Wie wohl ein Mann ist, der vor Schreck erstarret.

Zur Seite mar nur der mir, der mein Trost war;
Mehr als zwei Stunden hoch stand schon die Sonne,
Und mein Gesicht war nach dem Meer gewendet.

Sei ohne Sorgen, sprach zu mir mein Meister,
Vertraue fest, wir sind auf gutem Wege.
Erweitre denn, vermindre nicht die Tatkraft.

Zum Ort der Läut'rung bist du nun gekommen;
Sieh' dort die Felswand, die ihn rings umschließet,
Sieh', wo die Wand durchbrochen ist, den Eingang.

Noch in der Dämm'rung, die dem Tag vorhergeht,
Als deine Seele schlief auf jenen Blumen,
Womit das Tal dort unten reich geschmückt ist,

Erschien ein Weib und sprach: Ich bin Lucia;
Gestattet, daß ich diesen Schläfer nehme,
So will ich ihn auf seinem Wege fördern. -

Sordell blieb mit den andren dort zurück;
Sie aber nahm dich und sobald es Tag war
Erhob sie sich, und ich folgt' ihren Spuren.

Hier setzte sie dich nieder und es zeigte
Ihr schönes Auge mir den offnen Eingang;
Dann schwand dein Schlaf und sie zu gleicher Zeit. -

Gleich einem, der nach Zweifeln sicher wird
Und seine Furcht in Zuversicht verwandelt,
Nachdem die Wahrheit sich ihm offenbarte,

So wandelt' ich mich, und als guten Mutes
Virgil mich sah, wandt' er dem Bergesanstieg
Sich zu; ich aber folgte seinen Schritten.

Du siehst o Leser, wie zu größ'rem Stoffe
Ich mich erhebe; wundre dich denn nicht,
Wenn mit vermehrter Kunst ich ihn behandle.

Wir nahten uns, und kamen bald dahin,
Wo, was mir erst nur eine Spalte däuchte,
Wie die, von denen Mauern wohl geborsten,

Als Pforte sich ergab, zu der von unten
Drei Stufen von verschied'ner Farbe führten;
Dazu ein Pförtner, der für jetzt noch schwieg.

Wie ich bei weitrem Hinschaun wahrnahm, saß
Er auf der höchsten, und sein Antlitz strahlte
So, daß mein Aug' es nicht ertragen konnte.

Und in der Hand trug er ein bloßes Schwert,
Das spiegelte auf uns die Sonnenstrahlen
So hell, daß oft umsonst ich nach ihm blickte.

Sagt an, von dort aus, was ist eu'r Begehren,
Begann er drauf: Wen habt ihr zum Geleite?
Habt acht, daß eu'r Aufsteigen euch nicht schade. -

Ein Weib vom Himmel, dieser Dinge kundig,
Erwidert' ihm mein Meister, sprach erst eben
Zu uns: Geht dorthin, denn dort ist der Eingang. -

So möge sie denn eure Schritte fördern,
Begann mit güt'gem Blick auf's Neu' der Pförtner,
Wohlan, so tretet vor zu unsren Stufen. -

Die erste Stufe, welche wir erreichten,
War weißer Marmor, solcher Glätt' und Reinheit,
Daß treu gespiegelt ich mich drin erblickte.

Die zweite, die noch dunkler war als Purpur,
Bestand aus rauhem schlackigen Gesteine
Und war geborsten nach der Läng' und Quere.

Die dritte, die sich jenen beiden auflegt,
Schien Porphyr mir von solcher Glut der Farbe
Wie Blut, das eben aus der Ader rieselt.

Auf diese stützte seine beiden Füße
Der Engel Gottes, auf der Schwelle sitzend,
Die mir von lautrem Demantstein däuchte.

Indes ich auf das Wort des Führers willig
Hinaufstieg die drei Stufen, sagt' er: Bitte
Demütig, daß der Pforte Schloß er öffne. -

Ehrfurchtsvoll warf ich mich zu seinen Füßen,
Schlug dreimal mir die Brust und bat ihn dann,
Daß er die Tür mitleidig mir erschließe.

Da schrieb er mit der Spitze seines Schwertes
Mir auf die Stirne sieben P und sagte:
Bist du dort innen, tilge diese Wunden. -

Gleichfarbig wären trockne Erd' und Asche
Der Farbe seines Kleides, und zwei Schlüssel
Zog er aus dessen Falten nun hervor.

Der eine war von Gold, der andre silbern
Und mit dem weißen erst, dann mit dem gelben
Tat er der Pforte so wie ich es wünschte.

Versagt auch einer nur von diesen beiden,
Daß er im Schlüsselloch nicht recht sich wendet,
Sagt' er zu uns, so bleibt dies Tor geschlossen.

Der ein' ist werter; doch der andre fordert
Mehr Kunst und Einsicht, eh' das Schloß er aufschließt,
Denn dieser ist es, der den Knoten löset.

Von Petrus hab' ich sie; er hieß im Öffnen
Noch eher als im Weigern mich zu irren,
Wenn nur zu Füßen man sich vor mir werfe. -

Dann stieß der heil'gen Pforte Tür er auf
Und sagte: Tretet ein; jedoch bemerket,
Daß ausgewiesen wird, wer hier zurückschaut. -

Als nun in ihren Angeln sich die Zapfen
Des Tors der heil'gen Königsburg bewegten,
Die von Metalle stark und tönend waren,

Da rauschte nicht Tarpeja, als der gute
Metell geraubt ihr ward und sie geplündert,
So laut, und zeigte mindren Widerstand.

Aufmerksam wandt' ich mich beim ersten Laute,
Und im Gesang, den süßer Ton begleitet,
Glaubt' ich: Herr Gott dich loben wir, zu hören.

Genau den Eindruck bot mir, was ich hörte,
Als der ihn zu empfangen pflegt, der aufmerkt,
Wenn wo gesungen wird zum Orgelspiele,

Und er die Worte bald versteht, bald nicht.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 10
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 10

Als innerhalb des Tors wir uns befanden,
Das selten nur gebraucht wird, weil den Irrweg
Die falsche Liebe recht erscheinen läßt,

Hört' ich es tönend hinter mir verschließen;
Und, hätt' ich jetzt nach ihm mich umgewendet,
Wie hätt' Entschuldigung mein Fehl gefunden?

Wir stiegen auf in einer Felsenspalte,
Die sich bald rechts, bald wieder links bewegte,
Wie wohl die Welle wechselnd flieht und nahet.

Hier gilt es, einges Geschick zu zeigen,
Begann Virgil, um sich bald der, bald jener
Gebirgswand, die zurückweicht, anzuschließen. -

So taten unsre Schritte, und wir machten
So langsam sie, daß eh'r des Mondes Neige
Sein Bett' erreichte, sich darein zu legen,

Als wir hervor aus jener Schlucht gelangten.
Doch, als wir oben waren, frei und offen
Dort, wo der Berg nach innen sich zurückzieht,

Ermüdet ich, und beide wir des Weges
Unkundig, setzten wir uns auf der Fläche,
Die öder schien, als Straßen durch die Wüste.

Drei Manneslängen mäße wohl die Breite
Von ihrem Anfang, wo sie an die Leere
Angrenzt, bis wo das Ufer weiter aufsteigt.

Und rechts und links, soweit als seine Schwingen
Mein Auge trugen, schien mir dies Gesimse
In gleicher Weise überall beschaffen.

Noch waren vorwärts wir dort nicht geschritten,
Als ich bemerkte, wie ringsum das Ufer,
Das aufzusteigen jedermann verwehret,

Von weißem Marmor war, und mit Gebilden
So ausgeschmückt, daß nicht nur Polyklet,
Nein die Natur, nichts Gleiches schaffen könnte.

Dort war der Engel, der mit dem Beschlusse
Des während vieler Jahr' erweinten Friedens,
Der den so lang gesperrten Himmel auftat,

Zur Erde niederstieg, vor unsren Augen
So wahr gebildet, mit so holdem Ausdruck,
Daß er nicht einem Bildwerk glich, das schweiget.

Man schwüre, daß er spreche: Sei gegrüßet! -
Denn dargestellt war die auch, die den Schlüssel,
Die höchste Liebe zu eröffnen, drehte,

Und ausgedrückt las man in ihren Zügen
Die Rede: Sieh', ich bin des Herren Magd, -
So wie in Wachse man ein Siegel abdrückt.

Nicht eine Stelle fass' allein in's Auge, -
Begann der Meister, der mich auf der Seite,
Auf der das Herz die Menschen haben, hatte.

Da wandt' ich meinen Blick, und in der Richtung
Wo der mir war, der meine Schritte lenkte,
Sah jenseits von Marien ich am Felsen

Ein andres Bildwerk kunstvoll eingegraben
Drum trat, Virgil vorüber, ich ihm näher
Daß meinem Aug' es offenbarer würde.

Und eingemeißelt war dem Stein der Wagen
Bespannt mit Stieren, drauf die heil'ge Lade,
Die Scheu erweckt vor unberufnem Dienste.

Voraus, geteilt in sieben Chöre, gingen
Viel Leute, und von meinem Sinnen sagte
Der eine, ja, sie singen, nein der andre.

In gleicher Weise stritten ob des Dampfes
Des Räucherwerks, der dort gebildet war,
Sich Aug' und Nase über ja und nein.

Dem heiligen Gefäße ging in Demut
Voraus, geschürzt und tanzend, der Psalmist,
Der hierin mehr als König war und minder.

Und gegenüber sah man aus des großen
Palastes Fenster staunend Michal blicken,
Gleich einem Weib, das sich erboßt und zürnet.

Und weiter ging vom Ort ich, wo ich weilte,
Um nah zu seh'n das andere Gebilde,
Das hinter Michal schimmernd ich bemerkte.

Dort sah' ich dargestellt den hohen Ruhm
Des röm'schen Kronenträgers, dessen Größe
Gregor zu seinem Siege Anlaß bot.

Trajan der Kaiser ist's, von dem ich rede,
Und eine Witwe fiel ihm in den Zügel
Mit Tränen angetan und bittrem Schmerze.

Man sah, wie sich die Ritter um ihn drängten
Und glaubte, daß vom Winde über ihm
Auf goldnem Grund die Adler sich bewegten.

Es schien die Ärmste unter all' den Leuten
Zu sagen: Herr, gewähre du mir Rache
Für meines Sohnes Mord, der mich betrübet. -

Und er erwidert' ihr: So warte denn
Bis ich zurückekehre; - aber sie,
Gleich einem, den des Schmerzes Macht nicht ruhn läßt:

Doch, kehrst du nicht zurück? - und er: Wer nach mir
Regiert, wird dann dich rächen; - aber jene:
Und tät er's auch; so hast du's doch versäumet. -

Drauf er: So tröste dich; denn ich erkenne
Daß meine Pflicht ich tun muß, eh' ich ziehe.
Gerechtigkeit erheischt's und Mitleid hält mich. -

Der nie gesehn, was neu für ihn gewesen
Gab dieser Wechselrede Sichtbarkeit,
Und weil das hier nicht vorkommt, ist's uns neu.

Und noch ergötzt' ich mich, an diesen Bildern,
Die lieb dem Blick ob ihres Künstlers sind,
So vieler Demut Beispiel zu beschauen,

Da flüsterte der Meister: Sieh' hier diesseits
Viel Leute kommen; doch sie schritten langsam.
Wohl weisen die uns zu den hohen Stufen. -

Es wandten die in Schaun versunknen Augen,
Um Neues zu erspähn, wie sie begehren,
Nicht zögernd sich auf's Wort des guten Meisters.

Vernimmst du, Leser, nun, in welcher Weise
Gott will, daß man die Schuld an ihn bezahle,
So lasse drum nicht ab von gutem Vorsatz.

Nicht auf die Form der Martern sollst du merken;
Denk an die Folg', und daß im schlimmsten Falle
Sie mit dem großen Richterspruche enden.

Nicht menschliche Gestalten, so begann ich,
O Meister, dünken die mich, die dort kommen;
Doch weiß ich, was sie sind nicht zu enträtseln. -

Und er zu mir: Die schwere Art der Buße,
Die ihnen auferlegt, drückt sie zu Boden,
So daß mein Aug' anfänglich mit sich kämpfte.

Doch wenn du, fest hinblickend, mit den Augen
Was unter jenen Steinen kommt entzifferst,
So kannst du sehn, wie jeder seine Brust schlägt. -

O stolze, doch beklagenswerte Christen,
Die, krank am Blicke eures geist'gen Auges,
Vertraun ihr setzt in die verkehrten Schritte,

Erkennt ihr nicht, daß wir nichts sind als Würmer,
Bestimmt den Engelsschmetterling zu zeugen,
Der wehrlos dem Gericht entgegenfliegt?

Was überhebt sich so eu'r stolzer Mut,
Da ihr erst werdende Insekten seid,
Gleich Würmern, deren Bildung noch bevorsteht.

Wie wohl, um Söller oder Dach zu stützen,
Aus Stein gebildet wir Gestalten sehn,
Die mit den Knieen ihre Brust berühren,

So daß Unwahres wahre Qual hervorruft
In dem, der solches anschaut; - so beschaffen
Fand ich die Schatten, als ich sorglich hinsah.

Doch waren mehr und minder sie gekrümmt,
Nachdem mehr oder mindre Last sie drückte,
Und wer geduld'ger als die andren aussah,

Sprach weinend - wie es schien - ich kann nicht mehr.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 11
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 11

O Vater unser, der du bist im Himmel,
Nicht in Beschränkung, nein, weil größre Liebe
Du hegst zu jenen ersten Werken droben.

Von aller Kreatur gepriesen werde
Dein Nam' und deine Macht, wie sich gebühret
Dank darzubringen deinem süßen Hauche.

Der Friede deines Reiches komme zu uns;
Denn nicht vermögen wir mit allem Streben,
Wenn er zu uns nicht kommt, ihn zu erreichen.

So wie die Engel, Hosianna singend,
Dir ihren Willen opfern, also mögen
Die Menschen auch mit ihrem Willen tun.

Gib unser täglich Manna, Herr, uns heute;
Denn ohne solches kommt in dieser Wüste
Zurück, wer noch so sehr mit Gehn sich abmüht.

Vergib uns unsre Schuld, so wie wir jedem
Das Übel das wir litten gern vergeben,
Und blicke nicht auf das, was wir verdienen.

Versuche unsre Kraft, die wenig standhält,
Nicht durch den alten Widersacher, sondern
Erlöse uns von ihm, der ihr so nachstellt.

Doch diese letzte Bitte, teurer Herr,
Tun wir für uns nicht, die wir's nicht bedürfen;
Für die Zurückgebliebnen tun wir sie. -

So gingen jene Schatten, gute Wand'rung
Für sich und uns erbittend, von der Last,
Wie man sie manchmal träumt, verschiednermaßen

Geängstigt und erschöpft, den ersten Absatz
Des Berges rings entlang, um von dem Dunste
Des Erdenlebens büßend sich zu läutern.

Wird dorten allzeit so für uns geredet,
Was kann für jene diesseits tun und sagen
Der, dessen Willen hat die rechte Wurzel?

Die Makeln, die sie hier befleckt, zu tilgen
Behilflich soll man sein, daß leicht und lauter
Zu den gestirnten Rädern gehn sie können.

Ach, soll Erbarmen und Gerechtigkeit
Euch bald entlasten und die Flügel lösen,
Euch aufzuschwingen, so wie ihr ersehnet,

Zeigt uns auf welcher Seite man am nächsten
Zur Stiege geht, und sind mehr Weg' als einer,
So zeigt uns den, der minder steil herabsteigt.

Denn, der hier mit mir kommt, ist ob der Schwere
Des Adamsfleisches, das ihn noch bekleidet,
Zum Steigen, wider seinen Willen, lässig. -

Von wem die Worte kamen, welche Antwort
Auf dessen Rede brachten, dem ich folgte,
Das wurde meinem Ohr nicht offenbar;

Doch wir vernahmen: Geht zur rechten Seite
Gleich uns am Ufer; einen Aufgang werdet,
Der Lebenden ersteigbar, ihr dort finden.

Und wär' ich von dem Steine nicht behindert,
Der mein hochmütiges Genicke bändigt,
So daß den Blick ich senken muß nach unten,

So möcht' ich den, der lebt und sich nicht nennet,
Wohl anschau'n, um zu sehn, ob ich ihn kenne,
Und dann ob dieser Last sein Mitleid wecken.

Lateiner war ich, edlen Tuskerstammes,
Wilhelm Aldobrandesco war mein Vater:
Ich weiß nicht, ob ihr je den Namen hörtet.

Mein edles Blut, die ritterlichen Taten
Der Ahnen brachten mich zu solchem Hochmut,
Daß ich, der Mutter aller nicht gedenkend,

Geringe jeden schätzte, und das Leben
Darob verlor, wie die Saneser wissen,
Und alle Kinder Campagnatico's.

Ich bin Omberto und es bringt der Stolz
Nicht mir nur Schaden; alle meine Vettern
Hat in's Verderben er gleich mir gezogen.

Und seinethalb muß, weil ich es im Leben
Versäumte, diese Last hier bei den Toten
So lang' ich tragen, bis ich Gott genug tat. -

Aufhorchend ging ich mit geneigtem Antlitz;
Und ihrer einer, nicht der, welcher sprach,
Verwandte, trotz der Last sich, die ihn drückte.

Als er mich sah, erkannt' er mich und rief mich,
Indem das Aug' er mühsam nach mir wandte,
Der neben ihm ich ging gesenkten Hauptes.

Da sagt' ich: Ach, bist du nicht Oderisi,
Agubbio's Ehr' und Ehre jener Kunst,
Die in Paris man nennt: Illuminieren? -

Die Blätter, die der Bologneser Franco
Gemalt, mein Bruder, sprach er, lächeln schöner;
Ihm bleibt die Ehre ganz, mir nur ein Teil.

So anerkennend hätt' ich nicht geredet,
Weil ich noch lebte, wegen des Verlangens
Hervorzuragen, das mein Herz erfüllte.

Für solchen Hochmut zahl' ich hier die Buße;
Und hätt' ich nicht, als ich noch sünd'gen konnte,
Zu Gott mich hingewandt, wär' ich nicht hier.

O eitler Ruhm der menschlichen Begabung;
Wie schnell vergeht das Grünen seines Gipfels,
Wenn hinter ihm nicht rohe Zeiten folgen!

Das Feld der Malerei zu halten dachte
Einst Cimabuë; jetzt rühmt man nur Giotto,
So daß verdunkelt wird der Ruf des ersten.

So nahm der Sprache Ruhm der eine Guido
Dem andern, und vielleicht ist schon geboren,
Der diesen aus dem Nest wie jenen treibt.

Der Preis der Welt ist nichts als nur ein Hauch
Der bald von hierher bläst und bald von dorther,
Und mit der Richtung seinen Namen ändert.

Nach tausend Jahren ist dein Ruhm nicht größer
Wenn du ergraut dein Fleisch ablegst, als starbst du
Zur Zeit, wo du von »Kikerling« und »Pappen«

Noch sprachest, und, der Ewigkeit verglichen,
Sind jene wen'ger, als ein Blick der Wimpern
Dem Himmelskreise, dessen Drehn das schwächste.

Der Name dessen, der so sachten Schrittes
Hier vor mir schleicht, erfüllt' einst ganz Toscana;
Jetzt flüstert man ihn kaum noch in dem Siena,

Das sein war, als die Wut der Florentiner
Vernichtet ward, die, wie sie kleinlaut jetzt ist,
Hochfahrend damals war und übermütig.

Es ist eu'r Ruhm so wie des Grases Farbe,
Die kommt und geht, und der heißt sie erbleichen,
Der sie hervorrief aus der rauhen Erde. -

Drauf ich: Gerechte Demut pflanzt in's Herz mir
Dein wahres Wort und dämpft sein stolzes Aufblähn;
Doch wer ist der, von dem du eben sprachest? -

Das ist, so sagt' er, Provenzan Salvani,
Hier aber büßt er, daß er sich erkühnte,
Ganz Siena sich allein zu unterwerfen.

Seitdem er starb, geht er in solcher Weise,
Und rastlos geht er fort; mit solcher Münze
Bezahlen muß, wer nach zu Hohem strebte. -

Ich sagte drauf: Wenn, wer mit seiner Reue
Bis zu des Lebens letztem Rande zögert,
Falls wirksame Gebete ihn nicht fördern,

Dort unten wartet und hierher nicht aufsteigt,
Bis soviel Zeit verstrich, als er gelebt hat,
Wie wurde ihm zu kommen schon gestattet? -

Im höchsten Ruhmesglanze, sagte jener,
Lebt' er, da ließ, bewältigend die Scham,
Er auf dem Marktplatz sich von Siena nieder

Und scheute, um des Freundes Not zu enden,
Die dieser litt von König Karl gefangen,
Sich nicht des Zitterns an jedweder Ader.

Mehr sag' ich nicht, wenn dunkel auch die Red' ist;
Doch werden die dir nah stehen so verfahren,
Daß bald du selbst vermagst, sie zu erklären.

Dies Werk befreite ihn von jenen Schranken. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 12
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 12

Kaum hatte die gebenedeite Flamme
Ihr letztes Wort gesprochen, als auf's neue
Die heil'ge Mühle sich zu dreh'n begann.

Noch hatte sie die Runde nicht vollendet,
Da schloß sich rings um sie ein zweiter Kreis,
Einhaltend gleichen Takt im Tanz und Liede.

Und wie der erste Glanz den rückgestrahlten,
So übertrifft dies Lied in solchen Kehlen
Das unsrer Musen, unserer Sirenen.

So wie, wenn Juno ihre Botin sendet,
Zwei gleichgefärbte, parallele Bogen
Auf zartem Wolkengrunde sich bewegen,

Und so den inn'ren wiedergibt der äuß're,
Wie jener Flücht'gen Wort tut, die von Liebe
Verzehrt ward, wie die Sonne Dunst verzehrt,

Uns aber, ob des Bundes, welchen Gott
Mit Noah schloß, die Zuversicht gewähren,
Daß niemals überschwemmt die Welt mehr wird,

So wanden sich um uns die beiden Kränze
Von jenen Rosen, welche nie verblühn,
Und so entsprach dem inneren der äuß're.

Als nun der Tanz und all die Freudenzeichen,
Die, singend und von Licht zu Licht einander
Anstrahlend, sie in Lust und Liebe tauschten,

Gleichzeitig und in Willenseinheit ruhten,
Wie, dem Belieben das sie lenkt gehorchend,
Die Augen sich zusammen auf- und zutun,

Da tönte aus der neuen Lichter einem
Mir eine Stimme, die nach ihrem Ursprung
Mich zog, so wie der Nordstern zieht die Nadel:

Die Liebe, welche mich verschönt, begann sie,
Heißt von dem andren Herzog mich noch reden,
Um dessenthalb der meine so gerühmt ward.

Wo man vom einen spricht, soll man des andren
Gedenken; wie sie für das gleiche Ziel
Gekämpft, muß auch ihr Ruhm vereinigt leuchten.

Die Heerschar Christi, welche neu zu waffnen
Soviel gekostet, folgte ihrer Fahne
Unsich'ren Mutes und langsamen Schrittes,

Als unser Kaiser, der ohn' Aufhör herrschet,
Für seine Streiter, die gefährdet waren,
Aus Gnaden sorgte, nicht weil sie's verdienten,

Und, wie gesagt, zur Hilfe seiner Braut
Zwei Kämpfer sandte, deren Tun und Reden
Dem Volke seinen Irrweg offenbarte.

In jenem Land, von wo die jungen Knospen,
Mit denen dann Europa neu sich kleidet,
Der süße Zephyr aufzuschließen ausgeht,

Nicht weit vom Strand, an den die Wellen schlagen,
Wo jenseits, ob der großen Wasserwüste,
Zeitweis die Sonne keinem Menschen scheinet,

Dort liegt von Heil begnadigt Calaroga
Im Schutz des großen Schildes, das den Löwen
Hier unterliegend zeigt, dort unterjochend.

Zur Welt kam dort der liebentbrannte Buhle
Des Christenglaubens, jener heil'ge Kämpe,
Der, mild den Seinen, hart war mit den Feinden.

Und, kaum erschaffen, war schon seine Seele
So voll lebend'ger Kraft, daß zum Propheten
Sie ihn gemacht hat in der Mutter Schoße.

Als zwischen ihm das Bündnis und dem Glauben
Am heil'gen Born geschlossen war, wo beide
Mit Heil einander wechselsweis begabten,

Erblickte, die für ihn das Jawort gab,
Die Frau, im Traum die wunderbare Frucht,
Die bringen sollten er und seine Erben.

Und, daß er heiße wie er wirklich war,
Gebot ein Geist, ihn mit dem Eigenschaftswort
Von dem zu nennen, dem er ganz gehörte.

Dominicus ward er genannt, und von ihm red' ich,
Als von dem Ackermanne Christi, welchen
Er sich zur Hilf' erkor für seinen Garten.

Wohl schien er Christi Bote und Vertrauter,
Indem die erste Liebe, die er kund tat,
Den ersten Rat, den Christus gab, befolgte.

Gar manches Mal fand schweigend ihn und wach
Die Wärterin am Boden, daß es schien,
Als ob er sagen wollte: Dazu kam ich.

Wohl hieß mit vollem Recht sein Vater »Felix«,
Und ebenso »Johanna« seine Mutter,
Wenn dies den Sinn hat, welchen man ihm beimißt.

Nicht in dem Dienst der Welt, in dem, Thaddaeus
Und dem von Ostia folgend, man sich abmüht,
Nein, um des wahren Manna's willen nur

Gewann in kurzem er so tiefes Wissen,
Daß er den Weinberg durchzuforschen anfing,
Der bald verrottet, wenn der Winzer schlecht ist.

Und von dem Stuhl, der den gerechten Armen
Einst wohler wollte, weil zwar nicht er selbst,
Wohl aber der ihn einnimmt, aus der Art schlug,

Begehrt' er nicht das Recht, für zwei bis drei
Von sechs zu dispensieren, nicht den Nießbrauch
Vakanter Pfründen, nicht die, Gottes Armen

Gehör'gen Zehnten; nein, das Recht, den Irrtum
Der Welt für jenen Samen zu bekämpfen,
Aus dem zweimal zwölf Pflanzen dich umgeben.

Dann brach er, wie ein Strom aus reicher Quelle,
Gestützt auf apostolische Berufung,
Mit Wissens- und mit Willenskraft hervor,

Und stürzte auf die ketzerischen Knorren
Mit um so größrem Ungestüm, je zäher
Die Störrigkeit des Widerstandes war.

Viel Bäche sind von ihm dann ausgegangen,
Berieselnd des kathol'schen Glaubens Garten,
So daß nun frischer seine Sträucher grünen.

War so das eine Rad des Kriegeswagens,
In dem die heil'ge Kirche sich verteidigt,
In ihrem Bürgerkrieg das Feld behauptend,

So sollte die Vortrefflichkeit des andren,
Die Thomas eh' ich kam so freundlich pries,
Nun zur Genüge dir erkennbar sein.

Allein, verlassen ist jetzt das Geleise,
Das es gemacht mit seinem obren Umkreis,
So daß nun Schimmel sich statt Weinsteins ansetzt.

Denn sein Gefolge, das die Füß' einst grade
In seine Spur gesetzt, verwandte so sich,
Daß an der Zehen Platz der Hacken eintritt.

Doch bald wird an der Ernte man die schlechte
Bestellung sehn, wenn klagen wird der Lolch,
Daß in der Lade keinen Platz er findet.

Wer unsren Band von Blatt zu Blatt durchsuchte,
Der würd', ich sag' es selbst, auf Seiten treffen,
Auf denen stünd': Ich bin was ich gewesen.

Doch wäre deren Heimat nicht Casale,
Noch Acquasparta, woher die gekommen,
Die bald die Schrift verengen, bald verleugnen.

Ich selber bin Bonaventura's Leben
Von Bagnoregio. In den höchsten Ämtern
Stellt' immer ich hintan die falsche Sorge.

Hier sind Illuminat und Augustin,
Die ersten fast der schuhelosen Armen,
Die strickumgürtet Gottes Freunde wurden.

Hier ist mit ihnen Hugo von Sankt Victor,
Petrus Comestor und Hispaniens Petrus,
Der heute noch in zwölf Traktaten leuchtet.

Auch Nathan, der Prophet, Chrysostomus
Metropolit, Anselm und der Donatus,
Der nicht verschmäht, die erste Kunst zu lehren.

Raban ist hier, und mir zur Seite endlich
Erglänzt Abt Joachim der Calabrese,
Der mit dem Geist der Prophetie begabt war.

Solch hohem Paladine nachzueifern
Bewog die liebentbrannte Freundlichkeit
Des Bruders Thomas und sein edles Wort

So mich, als diese, die mit mir vereint sind. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 13
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 13

Zum höchsten Punkt der Treppe waren wir
Gelangt, wo in dem Berg, der die Ersteiger
Von Schuld befreit, ein zweiter Einschnitt ist.

Hier windet um den Hügel sich als Kranz
Ein breiter Weg, der ganz dem ersten ähnlich,
Nur daß sein Umkreis enger ist gebogen.

Nicht Bildwerk ist, nicht Zeichnung dort zu sehen;
Es zeigt das Ufer gleich dem schlichten Boden
Nichts andres, als des Steines düst're Farbe.

Wenn um zu fragen, Leute wir erwarten,
Begann der Meister, fürchte ich, es möchte
Zu lange uns're Wahl sich hier verzögern. -

Dann richtet' er zur Sonne fest das Auge,
Und wandte seines Körpers linke Seite,
Indem als Zentrum ihm die rechte diente.

O süßes Licht, auf welches ich vertrauend
Den neuen Weg betrete, führe du uns,
So sprach er, wie zu geh'n sich hier gebühret.

Du bist es, das die Welt wärmt und erleuchtet;
Es soll dein Strahl, wo kein besondrer Grund
Das Gegenteil befiehlt, uns Führer sein. -

Gemacht schon hatten wir nach ird'scher Rechnung
Wohl eine Miglie Weg's; doch bei dem Eifer
Der uns beseelte, in gar kurzer Frist.

Da hörten wir, doch ohne sie zu sehen,
Wie Geister uns im Flug' entgegenschwebten,
Zum Liebesgastmahl süße Ladung rufend.

Sie haben keinen Wein, - so sagte laut
Die Stimme, die zuerst vorüberflog
Und wiederholt' es hinter uns noch weiter.

Und noch bevor wir sie, ob der Entfernung,
Nicht mehr vernahmen, rief im raschen Fluge
Die zweit': Ich bin Orest - und zog vorüber.

O Vater sagt ich, was für Stimmen sind das? -
Und während ich noch frug, erscholl die dritte,
Die sagte: Liebet, die euch übeltaten. -

Der Meister sagte: Dieser Gürtel züchtigt
Die Schuld des Neides; darum ist die Geißel
Mit Strängen, die die Liebe beut, bewehrt.

In and'rem Sinne muß der Zügel lauten;
Vernehmen wirst du's, wenn ich recht vermute,
Eh' du zum Ausgang, der da sühnt, gelangest.

Doch richte vorwärts, aufmerksam die Augen
Und sitzen siehst du eine Reihe Schatten,
Von denen jeder an die Felswand lehnet. -

Da öffnet' ich mehr als zuvor die Augen,
Und Leute sah ich angetan mit Mänteln,
Nicht unterschieden von des Steines Farbe.

Als etwas weiter wir gegangen waren,
Da hört ich rufen: Bitt' für uns Maria,
Und Petrus, Michael und alle Heil'gen. -

Wohl glaub' ich, daß auf Erden niemand wandelt
So harten Herzens, daß ihn nicht das Mitleid
Bei dem, was ich nun sah, ergriffen hätte;

Denn als so nah zu ihnen ich gelangt war,
Daß ihre Haltung sicher ich erkannte,
Brach bitt'rer Schmerz hervor aus meinen Augen.

Mit grobem Haartuch waren sie bekleidet
Und auf des Nächsten Schulter stützte jeder
Sich, wie das Felsenufer alle stützte.

So sieht die Blinden man, die Mangel leiden,
Wenn sie beim Ablaß Gaben sich erbitten,
Sein Haupt den einen auf den andren lehnen,

Damit noch neben ihrer Worte Inhalt
Der Anblick, der nicht minder dringend bittet,
In fremden Herzen rasch das Mitleid wecke.

Und wie den Blinden nichts die Sonne fruchtet,
So will das Himmelslicht an jenem Orte
Den Schatten nichts von seinem Glanz gewähren;

Denn aller Augenlid durchbort ein Draht
Und schließt es also wie dem wilden Sperber
Zu tun man pflegt, damit er ruhig bleibe.

Mir kam es vor, als ob ich Unrecht tue,
Wenn, ungesehn, die and'ren ich beschaute;
Drum wandt' ich mich zu meinem weisen Rater.

Und da er den noch Stummen schon verstand,
Erwartet' er nicht erst, daß ich ihn früge
Und sagte: Rede kurz denn und verständig. -

Virgil ging neben mir auf jener Seite,
Wo man gefährdet ist hinabzufallen,
Weil Raum für keinen Rand das Ufer läßt.

Zur and'ren Seite saßen still ergeben
Die Schatten, welche durch die grause Nat
So preßten, daß sich ihre Wangen netzten.

Ich wandte mich zu ihnen und begann:
O Seelen, sicher, einst das Licht zu schauen,
Nach dem allein sich eu'r Verlangen richtet,

Soll Gnade bald den letzten Schaum zerstreuen,
Der eu'r Gewissen trübet, so daß helle
Die Rückerinn'rung in ihm niederfließe,

So sagt mir, ob Lateinerin nicht eine
Hier unter euch ist; mir wär' es willkommen,
Und fruchten könnt es ihr, wenn ich's erfahre. -

O Bruder, Bürgerin ist hier jedwede
Der einen wahren Stadt; doch willst du sagen,
Ob ein' als Pilgerin in Wälschland lebte. -

Die Worte glaubt' ich etwas weiterhin,
Als wo ich stand, zur Antwort zu vernehmen,
Weshalb mein Vorgehn ich bemerklich machte.

Da sah ich einen Schatten, dem das Warten
Man ansah, und wenn jemand früg': An was denn?
So sag' ich, Blinden gleich, erhob das Kinn er.

Geist, der um aufzusteigen, Qualen duldet,
Bist du's, begann ich, der mir Antwort gab,
So mach durch Namen oder Ort dich kenntlich. -

Ich war aus Siena, sprach er, und mit allen,
Die hier sind, läutr' ich mich vom schuld'gen Leben,
Daß Gott sich uns gewähr', in Tränen bittend.

Sapía ward ich zwar genannt; doch weise
War ich so wenig, daß der Schaden and'rer
Mehr als mein eigner Vorteil mich erfreute.

Damit du nicht, daß ich dich täusche glaubest,
So höre selbst, wie töricht ich gewesen:
Schon neigte abwärts sich mein Lebensbogen

Als meine Landsgenossen dort bei Colle
Mit ihrer Feinde Heer zusammenstießen.
Da bat ich Gott um das, was er beschlossen.

Geschlagen wurden sie und in die Schritte
Der bitt'ren Flucht gejagt, und meine Freude,
Als ich die Flücht'gen sah, war außer Maßen,

So daß empor die kecke Stirn ich wandte
Und rief: O Gott, nun fürcht' ich dich nicht länger;
Wie wegen wenig Sonnenscheins die Amsel.

Am Ende meines Lebens sucht' ich Frieden
Mit Gott; doch würde meine Schuld durch Buße
Noch sich zu mindern nicht begonnen haben,

Wenn nicht in seinen heiligen Gebeten
Sich aus Erbarmen Peter Pettinagno
Fürbittend meiner oft erinnert hätte.

Doch wer bist du, der du nach uns'rem Zustand
Mit ungebundnem Auge also fragest,
Und bei dem Sprechen, wie ich glaube, atmest? -

Das Auge wird auch mir geraubt hier werden;
Doch kurze Zeit nur, sagt' ich, denn die Sünde,
Die neidisch blickend es verübt, ist klein nur.

Viel größre Furcht indes hält meine Seele
Befangen vor der Qual im vor'gen Kreise
Und drücken fühl' ich schon die Last dort unten. -

Und sie zu mir: Wer führte hier herauf dich,
Wenn du nach unten denkst zurückzukehren? -
Und ich: der mir zur Seite geht und schweiget.

Lebendig bin ich; drum, erwählter Geist,
Verlange nur, wenn dir daran gelegen,
Daß jenseits ich für dich den Fuß noch rege. -

So neu ist was du sagst und unerhört,
Sprach sie, daß es bezeugt, Gott liebe dich;
Drum denke manchmal in Gebeten meiner.

Auch bitt' ich dich bei dem, was du vor allem
Ersehnst, daß, kommst du jemals nach Toscana,
Du meinen Ruf dort herstellst bei den Meinen.

Du findest sie bei dem leichtsinn'gen Volke,
Das noch vergeblicher, wie bei dem Suchen
Der Diana, Hoffnung baut auf Talamone;

Doch schlimmer geht es noch den Admiralen. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 14
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 14

Wer ist es, der bevor der Tod ihm Flügel
Geliehen, also uns'ren Berg umkreiset
Und nach Gefall'n die Augen schließt und auftut? -

Ich weiß es nicht; doch ist er nicht allein.
Sprich du ihn an, denn du bist ihm der Näh're;
Und rede so, daß gern er Antwort gebe. -

So sprachen über mich zu uns'rer Rechten
Zwei Geister, einer zugeneigt dem andren;
Dann hoben das Gesicht sie, um zu reden.

Und einer sagte: Seele, die im Körper
Noch weilend, du entgegengehst dem Himmel,
Gib uns'ren Bitten nach und laß uns hören

Woher und wer du seist; denn so verwundert
Die Gnad' uns, die dir ward, wie einem Dinge,
Das nie zuvor gesehen ward, sich gebühret. -

Drauf sagt' ich: Mitten durch Toscana wandert
Ein Flüßchen, das entspringt am Falterona
Und dem nicht hundert Miglien Laufs genügen;

Von seinem Ufer bring' ich diesen Leib.
Vergeblich wär', euch wer ich sei zu sagen,
Da noch mein Name nur geringen Klang hat. -

Verkörpert mein Verständnis richtig deinen
Gedanken, sagte, der zuvor gesprochen,
So meinst mit deiner Rede du den Arno. -

Der and're aber sprach zu ihm: Weswegen
Verbarg er nur den Namen jenes Flusses,
Wie man mit grauenhaften Dingen tut? -

Darauf erwiderte der so Gefragte:
Ich weiß es nicht; doch weiß ich, wohl verdiente
Den Untergang der Name dieses Tales.

Wird doch von seinem Anfang, wo die Kette,
Von der Pelorum losgerissen wurde,
An Quellen reicher ist, als irgend sonst wo,

Bis dahin wo zu dem Ersatz des Nasses
Es beiträgt, das vom Meer der Himmel aufsaugt
Und dann den Flüssen ihren Inhalt spendet,

Von jedermann die Tugend so als Feindin
Verscheucht, wie gift'ge Schlangen; sei's die Schuld
Des Bodens, sei es Unsitt', ihnen eigen.

Gewandelt haben deshalb die Bewohner
Des argen Tals so gänzlich ihre Weise,
Als wären sie in Circe's Kost gewesen.

Den armen Pfad lenkt zwischen wüsten Schweinen
Zuerst es, denen, mehr als Menschenspeise,
Zur Nahrung Eichelmast geziemen würde.

Dann findet es im Niedersteigen Kläffer,
Viel knurriger, als ihrer Macht gemäß ist;
Doch denen kehrt verächtlich es den Rücken.

Und weiter senkt der maledeite Graben,
Der unheilvolle, sich, und wie er anschwillt,
Sieht er die Hunde sich in Wölfe wandeln.

Zuletzt, durch düst're Schlünd' hinabgestiegen,
Trifft er auf Füchse, die so voller Trug sind,
Daß auch der Schlau'ste sie nicht überlistet.

Wer mich auch hört, ich rede drum nicht minder,
Und gut wird's jenem sein, gedenkt dereinst er
An das, was ein wahrhafter Geist mir kundtut.

Ich sehe deinen Enkel an dem Ufer
Des argen Strom's als Jäger jener Wölfe,
So daß sie alle sich darob entsetzen.

Ihr Fleisch verkauft er, während sie noch leben;
Dann, wie ein altes Raubtier, würgt er sie.
Das Leben raubt er vielen, sich die Ehre;

Den traur'gen Wald verläßt er blutbesudelt,
Verwüstet also ihn, daß ein Jahrtausend
Nicht hinreicht, wie zuvor ihn zu bestocken. -

Wie bei Verkündigung von Schmerz und Schaden
Das Angesicht des Hörers sich verfinstert,
Woher auch immer die Gefahr ihm drohe,

So sah die andre Seel' ich, welche hörend
Aufmerkte, voller Trauer sich verfärben,
Als jenes Wort sie in sich aufgenommen.

Begierig machten mich nach ihren Namen
Der einen Rede und der andren Mienen;
Darum verband mit meiner Frag' ich Bitten.

Der Geist, der allererst zu mir gesprochen,
Begann: Du willst, daß ich bereit mich finde,
Dir, was du selbst nicht tun willst, zu gewähren;

Doch, weil es Gott gefällt, daß seine Gnade
So aus dir leuchte, karg' auch ich nicht, drum
Vernimm, daß Guido ich del Duca bin.

Es war mein Blut so sehr entbrannt von Neide,
Daß mich entstellt der Scheelsucht Farbe hätte,
Hätt' ich in fremdem Auge Freud' entdeckt.

Von meiner Aussaat ernt' ich solches Stroh
Was wendet, Menschen, dorthin ihr das Herz,
Wo der Genossenschaft Verbot notwendig?

Der ist Rinieri, Ruhm und Preis des Hauses
Der Calboli, in dem, seit er gestorben,
Kein Erbe seiner Tüchtigkeit sich fand.

Und nicht nur seinem Blute kam abhanden
Vom Po zum Berge und vom Strand zum Reno
Was nötig ist zum Wahren wie zur Freude;

Das ganze Land ist zwischen diesen Grenzen
Von giftigem Gesträuch so dicht verwachsen,
Daß Axt und Pflugschar jetzt zu nichts mehr nützen.

Wo sind Pier Traversar, der gute Lizio
Heinrich Mainardi, Guido von Carpigna?
Wie seid, o Romagnolen, ihr entartet!

Wann keimt ein Fabbro in Bologna wieder.
Ein Bernardin di Fosco in Faenza,
Als edles Reis von unscheinbarem Grase?

Nicht wund're dich, Toscaner, daß ich weine,
Denk' ich mit Guido, dem von Prata, dessen
Der mit uns lebte, Ugolin's von Azzo,

Friedrich Tignoso's und des Freundekreises,
Der Häuser Traversar' und Anastagi
(Das eine unbeerbt sowie das andre),

Der Ritter und der Frau'n, der Müh'n und Freuden,
Die uns zu Minn' und edler Sitte führten,
Wo jetzt die Herzen so verderbt geworden.

O Brettinoro, was entfliehst du nicht,
Da sich dein Herrenhaus von dir gewendet,
Der Bosheit zu entgehn und mit ihm viele?

Wohl tut Bagnacaval, wenn sich's nicht fortpflanzt,
Doch übel Castrocar' und schlimmer Conio,
Daß sich's auf solcher Grafen Zeugung einläßt.

Gut werden die Pagani tun, sobald erst
Ihr Teufel fort ist; doch nicht in dem Maße,
Daß je von ihnen rein das Zeugnis bliebe.

Dein Name, Ugolin de' Fantolini,
Ist sicher, da kein Sproß mehr zu erwarten,
Der durch Entarten ihn verdunkeln könnte.

Nun aber geh, Toscaner, denn mich freut jetzt
Um vieles mehr, zu weinen, als zu reden,
So sehr hat dies Gespräch mein Herz befangen. -

Wir wußten wohl, daß diese teuren Seelen
Es hörten, wie wir gingen; darum hießen
Sie schweigend, unsrem Wege uns vertrauen.

Als vorwärts schreitend wir allein uns fanden,
Vernahmen einen Ruf wir uns entgegen,
Dem Blitze gleich, wenn er die Luft durchbricht:

Totschlagen wird mich jeder, der mich antrifft; -
Und er entschwand, verhallend wie der Donner,
Wenn ungestüm die Wolke er zerreißt.

Kaum hatte unser Ohr von diesem Ruhe,
Da kam ein zweiter mit so lautem Schalle,
Daß er dem Donner glich, der schleunig nachfolgt:

Aglauros bin ich, die zum Stein geworden. -
Da tat, um mich dem Dichter anzuschmiegen,
Statt vorzuschreiten, ich den Schritt zurücke.

Schon war die Luft nach jeder Seite ruhig
Und jener sprach: Das war der harte Zaum,
Der euch in euren Schranken sollte halten;

Doch ihr greift nach dem Köder, und die Angel
Des alten Widersachers zieht euch zu ihm,
So daß gar wenig Ruf und Zügel fruchten.

Es ruft der Himmel euch, der euch umkreisend,
Euch seine wandellose Schönheit zeiget,
Und dennoch blickt eu'r Auge nur zur Erde;

Drum züchtigt euch, der alles recht erkennt. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 15
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 15

Soviel als bis zum Schluß der dritten Stunde
Seit dem Beginn des Tages von der Sphäre,
Die stets nach Kindesweise spielt, zu sehn ist,

So viel von ihrem Laufe schien der Sonne
Beim Nah'n des Abends übrig noch geblieben;
Dort war es Vesperzeit, hier Mitternacht.

Es traf ihr Strahl uns mitten auf die Stirne
Denn soweit war der Berg von uns umwandelt,
Daß wir genau nun gegen Abend gingen.

Da fühlt' ich meine Augen von dem Glanze
Um vieles mehr noch als zuvor beschweret
Und staunen machte mich das Unbekannte.

Drum hob ich zu der Höhe meiner Brauen
Die beiden Hände, mir als Schirm zu dienen,
Der dem Gesichtskreis das Zuviel verschränke.

Wie, wenn vom Wasser, oder von dem Spiegel
Der Strahl zurückprallt auf die Gegenseite,
Er, wie Erfahrung lehrt und Wissenschaft,

So wie er einfiel, so auch wieder aufsteigt,
Und von dem Fall des Stein's in gleicher Weise,
Wie kommend er getan, im Gehen abweicht,

So glaubt' ich mich von einem Licht getroffen,
Das dort vor mir zurückgeworfen würde,
Weshalb zur Flucht sich schnell mein Auge wandte.

O süßer Vater, was ist das, wogegen
Ich mit Erfolg nicht schirmen kann das Auge,
Und das, so scheint es, auf uns zukommt? - sagt' ich.

Erstaune nicht, wenn dich des Himmels Diener
Für jetzt noch blenden, gab er mir zur Antwort,
Ein Bot' ist's, der zum Höhersteigen ladet.

Bald wird das Anschau'n solcher Dinge dir
Nicht mehr Beschwer, nein, so viel Freude geben,
Als zu empfinden dir Natur gewährte. -

Wie wir zum benedeiten Engel kamen,
Sprach er mit froher Stimme: Tretet hier ein!
Bequemer als die and'ren ist die Treppe. -

Wir stiegen auf, und hörten hinter uns:
Gebenedeit sind die Barmherz'gen singen
Und ferner: Freue dich, du, der du siegest. -

So gingen wir allein, ich und mein Meister,
Nach oben, und ich dachte, daß im Gehen
Ich Vorteil könnte ziehn aus seinem Worte.

Drum wandt' ich mich an ihn mit dieser Frage:
Was meinte wohl der Schatten aus Romogna,
Genossenschaft erwähnend und Verbot? -

Drauf er zu mir: Von seiner größten Sünde
Kennt er den Schaden; wenn er sie nun schilt,
Daß minder man drum weine, ist's kein Wunder.

Weil eu'r Verlangen dahin sich gerichtet,
Wo durch Genossenschaft der Teil gekürzt wird,
Bewegt der Neid den Blasebalg der Seufzer.

Doch, wenn die Liebe zu dem höchsten Kreise
Gewandt nach oben eu'r Verlangen hätte,
So spüret in der Brust ihr jene Furcht nicht.

Je mehr es sind, die droben »unser« sagen,
Um so viel mehr an Gut besitzt ein jeder,
So reichere Liebe brennt in jenem Kloster. -

Entfernter bin ich der Befriedigung,
Sagt' ich, als wenn ich ganz geschwiegen hätte,
Und größ'ren Zweifel berg' ich in der Seele.

Wie kann es sein, daß ein verteiltes Gut
Den mehreren Besitzern mehr von sich
Gewähre, als wenn Wen'ge es besäßen? -

Und er zu mir: Indem du die Gedanken
Nur auf die ird'schen Dinge richtest, glaubst du,
In wahrem Licht nur Finsternis zu sehen.

Das Gut dort oben, welches unaussprechlich
Ist und unendlich, eilt der Lieb' entgegen,
Wie sich der Strahl zum lichten Körper wendet.

Je nach dem Maß der Glut gewährt es sich,
So daß, wie sehr die Liebe sich erweitert,
So sehr die ew'ge Kraft darüber fortwächst.

Je mehr der Herzen droben sich begegnen,
Je mehr ist liebenswert und wird geliebet,
Und, Spiegeln gleich, teilt einer mit dem andern.

Doch tilgt dir meine Rede nicht den Hunger,
So harre Beatrice's, die, wie jedes,
Auch dies Verlangen ganz dir stillen wird.

Bemüh' dich nur, daß, so wie schon die beiden,
Auch die fünf andren Wunden bald getilgt sind,
Die, um je mehr sie schmerzen, schneller heilen. -

Nun hast du mich befriedigt -, wollt' ich sagen,
Da sah ich mich gelangt zum andren Kreise,
Drum hieß in Schaulust mich das Auge schweigen.

Da war's, als ob in plötzlicher Verzückung
Zu einem Bild' ich hingerissen würde
Und viele Leute säh' in einem Tempel.

Ein Weib trat eben ein, aus deren Zügen
Die Mutterliebe sprach, und diese sagte:
Warum, mein Sohn, hast du uns das getan?

Denn, sieh, ich und dein Vater haben beide
Mit Schmerzen dich gesucht. - Und wie sie schwieg,
Verschwand das Bild, das mir zuerst erschienen.

Dann sah ein andres Weib ich, deren Wangen
Das Wasser netzte, das der Schmerz hervorruft,
Den große Kränkung in der Brust entzündet.

Sie sprach: Bist wirklich du der Stadt Gebieter,
Um deren Namen sich die Götter stritten
Und die das Licht jedweden Wissens ausstrahlt,

So räche dich an den verweg'nen Armen,
Pisistratus, die unser Kind umfangen. -
Wohlwollend schien der Herr mir d'rauf und milde

Ihr zu entgegnen mit gelass'nen Zügen:
Verdammen den wir, der uns liebt, was sollen
Mit dem wir machen, der uns Unheil anwünscht? -

Dann sah, entflammt von Zornes Glut ich Männer,
Die laut einander zuschrien: Töte, töte!
Nach einem Jüngling Stein auf Steine werfen.

Ihn aber sah ich bei des Todes Nahen,
Der Kraft beraubt, sich still zur Erde neigen;
Doch seine Augen blieben Himmelspforten

Und mit dem Ausdruck, der Erbarmen aufschließt,
Bat er den Herrn im schweren Kampf, er möge
Die Sünde den Verfolgern nicht behalten.

Als mein verzückter Geist dann zu den Dingen,
Die äuß're Wahrheit haben, wiederkehrte,
Erkannt' ich mein, nicht trügerisches, Irren.

Mein Führer sah, wie ich mich gleich dem Manne
Gebahrte, der sich von dem Schlafe losmacht,
Und sprach: Unsicher ist dein Gang. Was ist dir?

Schon mehr als ein halbe Stunde gehst du
Geschloss'nen Auges und mit irrem Fuße
Gleich dem, den Wein bewältigt, oder Schlummer. -

O süßer Vater, wenn du mir Gehör gibst,
Sagt' ich, bericht' ich dir, was mir erschienen,
Als ich unmächtig meiner Füße war. -

Und er: Bedecktest du mit hundert Larven
Dein Angesicht, so wären mir die kleinsten
Gedanken, die du heg'st, doch nicht verborgen.

Was du gesehn, bereit sollt' es dich machen,
Dein Herz den Friedenswässern aufzuschließen,
Die aus der ew'gen Quelle sich verbreiten.

»Was ist dir?« frug ich nicht aus gleicher Ursach,
Wie wer nur mit dem Auge sieht, das blind wird,
Sobald entseelt der Leib am Boden liegt;

Nur deinen Füßen Kraft zu geben, frug ich.
So stacheln soll die Faulen man, die träg sind
Die Wachezeit zu nutzen, wenn sie da ist. -

Den lichten, abendlichen Strahlen gingen
Entgegen wir, und unsre Augen strebten
Vorwärts zu schauen, soweit als sie vermochten.

Und sieh: ein Rauch kam näher uns und näher,
Der uns so dunkel schien als wie die Nacht.
Auch fehlt' an Raum es, um ihm auszuweichen.

Der nahm die reine Luft uns und die Augen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 16
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 16

Der Hölle Dunkel, oder das der Nacht
Die kein Planet erhellt und deren Himmel
Von dichtestem Gewölke ganz verhüllt ist,

Sie webten meinem Auge dünn're Schleier,
Als wie der Nebel, der uns dort bedeckte,
Und schienen dem Gefühle minder scharf;

Denn offen konnt' ich nicht das Auge halten.
Weshalb mein treuer kundiger Begleiter
Mir nahetretend mir die Schulter darbot,

Und wie der Blinde seinem Führer nachgeht,
Daß er fehlgehend nicht auf Dinge stoße,
Die ihm beschwerlich sind, vielleicht gar tötlich,

So ging ich durch die herbe, schmutz'ge Luft,
Dem Führer lauschend, der beständig sagte:
Hab' acht nur, daß du nicht von mir getrennt wirst. -

Ich hörte Stimmen, und mir schien, daß jede
Zum Lamme Gottes, das die Sünden trägt,
Um Frieden bete und Barmherzigkeit.

»O du Lamm Gottes!« So begann ein jeder.
Gleich war das Wort und gleich die Weise aller,
Vollkomm'ne Eintracht schien sie zu verbinden.

Sind Schatten, Meister, was ich höre? - frug ich.
Und er zu mir: Es ist, wie du vermutest;
Des Zornes Knoten streben sie zu lösen. -

Wer bist denn du, der unsren Rauch durchschneidet
Und von uns redend dich nicht anders ausdrückst,
Als teiltest du die Zeit noch nach Kalenden? -

Also ließ eine Stimme sich vernehmen,
Weshalb mein Meister sprach: Antworte du
Und frag' auch, ob nach oben dies der Weg ist. -

Und ich: O Kreatur, die du dich reinigst,
Um schön zu deinem Schöpfer heimzukehren,
Gehst du mit mir, so wirst du Wunder hören. -

Begleiten will ich dich so weit ich darf,
Sprach er, und wenn der Rauch das Sehn nicht zuläßt,
So wird das Ohr uns doch beisammen halten. -

Drauf hub ich an: Mit eben dem Gewande,
Das durch den Tod zerstört wird, steig' ich auf
Und hierher kam ich von der Hölle Qualen.

Hat mich denn Gott so sehr in seine Gnade
Geschlossen, daß er seinen Hof mich sehn läßt
Ganz gegen den Gebrauch der neuern Zeiten,

So birg mir nicht, wer lebend du gewesen
Und sag' auch, ob ich recht zum Aufgang gehe;
Dann sollen deine Wort' uns Führer werden. -

Lombarde war ich; Marco war mein Name,
Gekannt hab' ich die Welt, geehrt die Tugend,
Nach der jetzt niemand mehr den Bogen spannt.

Du gehst den rechten Weg, um aufzusteigen. -
Nach dieser Antwort sagt' er noch: Ich bitte,
Daß, wenn du oben bist, du für mich bittest. -

Und ich: Bei meinem Wort gelob' ich dir,
Zu tun, was du begehrst; doch ich vergehe
Vor einem Zweifel, bis er mir gelöst wird.

Erst war einfach und nun ward er doppelt
Durch deine Rede, welche mir bestätigt
Das sonst Gehört', an das ich jene knüpfe.

Wohl ist, so wie du sagst, von jeder Tugend
Die Welt verlassen, und von arger Bosheit
Ganz überdeckt und von noch weit'rer trächtig,

Doch bitt ich dich, die Ursach' mir zu künden,
Daß ich sie sehn und and'ren weisen könne;
Im Himmel sucht sie der, hienieden jener. -

Erst seufzt' er tief, und seinen Seufzer streckte
Der Schmerz zum »Wehe!« Dann begann er: Bruder,
Die Welt ist blind, und wohl kommst du von ihr.

Ihr Lebenden, ihr schiebt die Schuld von allen
Nur auf den Himmel droben, als ob seiner
Bewegung jegliches gehorchen müßte.

Vernichtet wäre, wenn sich's so verhielte,
In euch die Willensfreiheit, und nicht Recht,
Daß Gutem Lohn und Bösem Strafe nachfolgt.

Der Regung Anbeginn kommt euch vom Himmel;
Nicht jeder Regung sag' ich, sagt' ich's aber,
So ward euch Licht für Gutes und für Böses

Und freier Wille, der, wenn auch ihm Mühe
Die ersten Kämpfe mit dem Himmel kosten,
Wird er gekräftigt, alles überwindet.

Denn größ're Kraft und bessere Natur
Regiert als Freie euch, von dieser habt ihr
Die Seele, der der Himmel nicht gebietet.

Drum, wenn die Welt vom rechten Weg itzt abirrt,
So liegt der Grund in euch, bei euch nur sucht ihn;
Davon will ich dir wahre Kundschaft geben.

Aus dessen Hand, der liebend sie betrachtet
Eh sie noch ist, geht, einem Kinde gleich,
Das mit dem Weinen spielt, wie mit dem Lachen,

Hervor die Seele, die in Einfalt nichts weiß,
Als daß, entsprossen einem frohen Schöpfer,
Sie gern zu dem was sie ergötzt sich wendet.

Erst findet sie Geschmack an kleinem Gute,
Das sie nur täuscht; doch eilt sie es zu haschen,
Wenn ihre Lust nicht Zaum noch Führer wenden.

Drum war der Zügel des Gesetzes nötig;
Drum mußt' ein König sein, daß er den Turm
Der wahren Stadt doch mindestens erkenne.

Gesetze gibt's, doch wer ist's der sie handhabt?
Nicht einer; weil der Hirte, der vorangeht,
Wohl wiederkäut, doch nicht die Klauen spaltet.

Sieht nun das Volk den Führer nach dem Gute
Nur trachten, das es selber lüstern macht,
So nährt sich's d'ran und sehnt sich nicht nach and'rem.

Erkennen kannst du, daß die schlechte Leitung
Die Ursach ist, warum die Welt so schlecht ward,
Und nicht in euch entartete Natur.

Das Rom, das einst die Welt zum Guten lenkte,
Zwei Sonnen hatte es, die beide Wege,
Den für die Welt und den zu Gott hin, zeigten.

Nun hat die eine ausgelöscht die andre,
Verbunden ist das Schwert dem Hirtenstabe;
Und weil, vereint, nicht eins das andre fürchtet,

Bringt ihr Zusammengehn notwendig Schaden.
Glaubst du mir nicht, so sieh' nur auf die Ähren,
Denn jedes Kraut kennt man an seinem Samen.

Im Lande, welches Etsch und Po benetzen,
War Tapferkeit und Rittersinn zu Hause,
Eh Friedrich seinen Zwist dort ausgefochten.

Jetzt könnte unbesorgt das Land durchreisen,
Wen etwa Scham bewöge, die Begegnung
Und das Gespräch der Guten zu vermeiden.

Noch leben dort drei Greise, als ein Vorwurf
Der alten an die neue Zeit; sie hoffen,
Daß Gott sie bald zu bess'rem Leben rufe:

Der gute Gerhard, Conrad da Palazzo
Und Guido da Castel: ich nenn' ihn lieber
Nach Frankenart, den einfachen Lombarden.

Nun magst du sagen, daß die Kirche Rom's
In sich vereinend die zwei Regimente,
Zur Erde fällt, sich und die Last beschmutzend. -

Mein Marco, sagt' ich drauf, du folgerst richtig,
Und nun erkenn' ich, warum von dem Erbe
Die Kinder Levi ausgeschlossen wurden;

Doch welcher Gerhard ist's, von dem du sagest,
Daß er, als Prob' erloschener Geschlechter,
Ein Vorwurf unsrer Zeit blieb, die verwildert? -

Entweder täuschet, oder prüft dein Wort mich,
Antwortet' er, wenn du, toskanisch redend,
Vom guten Gerhard nichts zu wissen scheinest.

Ich kenn' ihn unter keinem andren Namen,
Nähm' ich ihn nicht von seiner Tochter Gaja.
Gott sei mit euch; nun folg ich euch nicht weiter.

Sieh' wie die Helle schimmernd durch den Rauch
Schon leuchtet; Zeit ist's, daß ich euch verlasse,
Eh mich der Engel sieht, der dort verweilet. -

So kehrt' er um und wollte nichts mehr hören.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 17
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 17

Erinn're Leser dich, wenn im Gebirge
Dich je ein Nebel überfiel, durch den du
Nicht anders sahst, als durch das Fell der Maulwurf,

Wie dann, wenn erst die dichten feuchten Dünste
Zu lockern sich beginnen, schwachen Scheines
Das Licht der Sonnenscheibe durch sie eindringt,

Dann wird es ohne Mühe dir gelingen,
Dir vorzustellen, wie zuerst die Sonne
Ich wiedersah, die eben unterging.

So trat ich, nach des Meisters sich'ren Schritten
Mich richtend, aus der Wolke in die Strahlen,
Die schon am nied'ren Uferrand erstarben.

Einbildungskraft, die du uns manches Mal
Uns selber so entrückst, daß wirs nicht hörten,
Ob um uns tausendfach Posaunen klängen,

Wer regt dich an, da dich der Sinn nicht wachruft? -
Ein Licht ist's, das bald aus sich selbst der Himmel
Gebildet, bald ein höhrer Wille sendet.

In meiner Vorstellung erschien ein Abbild
Der Bosheit jener, die sich in den Vogel
Verwandelt, den zumeist erfreut das Singen.

Und so sehr war in sich zurückgezogen
Mein Geist, daß keine Art von äuß'rem Eindruck
Er damals in sich aufgenommen hätte.

Es stürzte in die hohe Phantasie
Dann ein Gekreuzigter, nach seinem Aussehn
Stolz und erzürnt, und ebenso verschied er.

Es standen um ihn Ahasver, der große,
Esther, die Königin, und Mardochai,
Der so gerecht im Handeln war und Reden.

Als dann dies Bild von selbst, wie es gekommen,
Verschwunden war, gleichwie, sobald das Wasser,
Das sie umhüllte, fehlt, zerspringt die Blase,

Erschien in meiner Vision ein Mädchen,
Das heftig weinend rief, o Königin,
Warum hast zürnend du dich selbst vernichtet?

Lavinien nicht zu lassen, tötetest
Du dich; jetzt hast du mich verlassen, Mutter,
Und deinen Sturz betraur' ich vor dem fremden. -

So wie der Schlaf, wenn er vom neuen Lichte,
Das plötzlich die geschloss'nen Augen trifft,
Verscheucht wird, eh' er ganz entschwindet, nachzuckt,

Also versanken diese inn'ren Bilder,
Sobald ein Lichtglanz mir das Antlitz traf,
Um vieles größer, als wir ihn gewohnt sind.

Ich wandte mich zu sehen, wo ich wäre;
Da hört' ich sagen: Hier steigt man hinauf. -
Darob vergaß ich jedes andre Denken.

Und so begierig wurde mein Verlangen,
Mit Augen den zu sehn, der so gesprochen,
Daß nicht geruht es, ohn' Erfüllung, hätte.

Doch wie die Sonne unsren Blick bewältigt
Und uns ihr Bild durch Übermaß verschleiert,
So reichte dort auch meine Kraft nicht hin.

Ein gottgesandter Geist, der ungebeten
Den Weg hinaufzugehn uns anweist, ist es
Und er verbirgt sich in dem eignen Lichte.

Er hilft uns so, wie jedermann sich selber;
Denn, wer die Not sieht, und auf Bitten wartet,
Der denkt böswillig schon an das Verweigern.

Laß solcher Ladung uns'ren Fuß denn folgen.
Beschleun'gen wir das Steigen, eh' es Nacht wird;
Unmöglich wär's nachher bis Tages Anbruch. -

So sprach mein Führer und die Schritte wandten
Wir beide, er und ich, der Treppe zu,
Und als ich kaum erreicht die erste Stufe,

Fühlt' ich mir nahe wie ein Flügelschlagen,
Gleich Windshauch im Gesicht, und: selig sind,
Die ohne Zorn friedfertig sind -, so tönt' es. -

Schon waren über uns die letzten Strahlen,
Auf welche dann die Nacht folgt, so erhaben,
Daß Sterne hin und wieder uns erschienen,

O meine Kraft, was schwindest du mir so? -
Sagt' ich zu mir, als ich die Kraft der Füße
So unerwartet mir versagen fühlte.

Wir waren da, wo nicht weiter aufwärts
Die Treppe steigt, und fühlten uns gehalten
Dem Schiffe gleich, das auf den Strand gelaufen.

Erst horcht' ich eine Weile, ob vielleicht
Im neuen Kreis' ich etwas hören möchte.
Dann sagt' ich, meinem Meister zugewendet:

O süßer Vater, welche Übertretung
Wird in dem Kreis gebüßt, in dem wir weilen?
Nicht ruhe, ruht der Fuß, auch deine Rede. -

Und er zu mir: Ergänzt wird hier die Liebe
Zum Guten, die an's Maß der Pflicht nicht reichte;
Hier schlägt man neu das schlaff geführte Ruder.

Doch, daß noch völliger du mich verstehest,
So wende deinen Geist mir zu; ergiebig
An guter Frucht wird dann dir unser Weilen.

So wenig das Geschöpf, als wie der Schöpfer
War, wie du selber weißt, je ohne Liebe,
Die bald Natur und bald der Wille einflößt.

Die Liebe von Natur kann niemals irren;
Die andre kann es wegen schlechten Zieles
Und allzu schwacher und zu großer Kraft.

Ist auf die ersten Güter sie gerichtet,
Und hält sie in den niedren rechtes Maß,
So kann sie nimmer schlechte Lust erzeugen;

Doch, kehrt sie sich zum Bösen, oder strebt sie
Zum Guten übereifrig oder lässig,
So wirkt dem Schöpfer das Geschöpf entgegen.

Hieraus kannst du entnehmen, daß die Liebe
In euch der Samen ist jedweder Tugend
Und jeder Handlung, welche Strafe fordert.

Weil nun die Liebe nimmer von dem Heile
Der eignen Wesenheit sich wenden kann,
Sind vor dem Selbsthaß alle Dinge sicher.

Und weil kein Wesen sich getrennt vom höchsten
Und nur auf sich beruhend, denken läßt,
Kann sich der Haß nie gegen jenes kehren.

So bleibt denn, teil' ich anders richtig ein,
Daß man des Nächsten Unheil liebt, und dreifach
Kann solche Lieb' entstehn in eurem Staube.

Der eine hofft vom Niedergang des Nächsten
Die eigene Erhebung und wünscht deshalb
Herabgedrückt von seiner Höhe jenen.

Der andre fürchtet, Macht, Gunst, Ruhm und Ehre,
Sobald der Nächste aufsteigt, zu verlieren,
Und scheut dies so, daß er ihm Unheil anwünscht.

Der Dritte fühlt sich durch Beleidigung
So sehr beschämt, daß er nach Rache dürstet
Und deshalb auf des Nachbarn Übel sinnet.

Solch' dreifach falsche Liebe wird hier unten
Beweint; doch sollst du nun von der vernehmen,
Die mit unricht'gem Maß zum Guten strebt.

Ein Gut nimmt jeder wahr, ob auch verworren,
In dem Befriedigung die Seele finde,
Weshalb jedweder strebt, dies zu erreichen.

Ist lässig eure Lieb' es zu erkennen,
Ist sie es im Erwerben, so bestraft euch,
Nachdem ihr recht bereu't habt, dieser Kreis.

Noch gibt es Güter, die nicht glücklich machen,
Die nicht das Heil sind, nicht der gute Keim,
In welchem alle guten Früchte wurzeln.

Geht solchem Gut zu sehr die Liebe nach,
Wird über uns beweint sie in drei Kreisen.
Warum indes die Büßung dreigeteilt ist,

Verschweig' ich, daß du selber es erkundest. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 18
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 18

Es hatte seine Rede abgeschlossen
Der hohe Lehrer und nun blickt' er forschend
In's Auge mir, ob ich zufrieden scheine.

Doch ich, gestachelt noch von neuem Durste
Schwieg äußerlich und sagte bei mir selber:
Vielleicht beschwert ihn mein zu vieles Fragen. -

Doch der wahrhafte Vater, der erkannte,
Was zaghaft ich begehrte und nicht aussprach,
Gab Mut zum Reden mir durch seine Rede.

Drum sagt' ich: Meister, so belebt mein Schauen
In deinem Licht sich, daß ich klar erkenne,
Was deine Rede schildert und entwickelt.

Drum bitt' ich dich, geliebter, süßer Vater,
Daß du die Liebe mir erklärst, auf welche
Du gute, sowie schlechte Tat zurückführst. -

So richte denn des Geistes scharfes Auge
Auf mich, so sagt' er, und dir offenbart sich
Der Blinden Irrtum, die sich Führer nennen.

Der Wille, von Natur geneigt zum Lieben,
Wird leicht bewegt von allem das gefällt,
Sobald zur Tat ihn das Gefallen weckte.

Von einem wahren Gegenstand entnimmt
Ein Abbild eure Auffassung, entwickelt
Es innerlich und zieht zu ihm den Willen.

Wenn der gezogne dann sich zu ihm hinneigt,
Heißt Liebe dieser Zug und ist Natur,
Die das Gefallen neu mit euch verbunden.

Dann, wie das Feuer sich zur Höhe wendet
Nach seinem Wesen, das dorthin zu steigen
Bestimmt ist, wo sein Stoff am längsten dauert,

Faßt den ergriff'nen Willen ein Verlangen,
Das geistige Bewegung ist, und diese
Ruht nicht, bis sich ihm, was er liebt, gewähret.

Einleuchten kann dir nun, wie tief verborgen
Die Wahrheit denen ist, die da behaupten,
Jedwede Liebe sei an sich schon löblich.

Denn, wenn auch immer gut der Stoff der Liebe
Erscheinen mag, ist doch nicht jedes Siegel
Schon gut, weil es in gutes Wachs gedrückt ward. -

Wohl hat dein Wort und mein folgsames Denken,
Antwortet' ich, die Liebe mir enthüllet;
Doch ward ich drum noch schwangerer an Zweifeln.

Denn, wenn die Liebe uns von außen kommt
Und nur durch sie die Seele sich bewegt,
So ist des Weges Wahl nicht ihr Verdienst. -

Und er zu mir: Was die Vernunft ergründet,
Kann ich dir sagen; weiteres erwarte
Nur von Beatrix, das ist Glaubenssache.

Besondre, ihr nur eigne, Kraft hat jede
Substantielle Form an sich gebunden,
Die frei vom Stoff und doch mit ihm vereint ist.

Man nimmt sie wahr, erst wenn sie sich betätigt;
Ihr Dasein zeigt sie nur in ihrer Wirkung,
Wie grünes Laub des Baumes Leben zeigt.

Drum weiß kein Mensch, woher ihm die Erkenntnis
Der Urbegriffe kam, woher die Neigung
Zu des Verlangens ersten Gegenständen,

Die euch bestimmt, sowie der Trieb die Biene,
Daß Honig sie erzeugt. Solch' erste Neigung
Verdient das Lob so wenig als den Tadel.

Damit nun ihr sich jede andre eine,
Ward angeboren euch des Rates Gabe,
Daß des Entschlusses Schwelle sie bewache.

Sie ist der Quell, und je nachdem die gute
Und schlechte Liebe sie ergreift und sichtet,
Ist sie in euch die Ursach des Verdienstes.

Die Denker, die am tiefsten eingedrungen,
Erkannten wohl die angeborne Freiheit;
Drum ließen sie der Welt die Sittenlehre.

Gesetzt nun auch, daß mit Notwendigkeit
Jedwede Liebe sich in euch entflamme,
So liegt in eurer Macht doch, sie zu halten.

Die Willensfreiheit ist es, die Beatrix
Als »edle Kraft« bezeichnet; denke dessen,
Wenn sie zu dir von diesen Fragen redet. -

Der Mond, der fast bis Mitternacht schon säumte,
Und einem Eimer glich, der ganz erglühet,
Ließ uns die Sterne seltener erscheinen.

Dem Himmelslauf entgegen zog die Bahn er,
Wo dann die Sonne flammet, wenn der Römer
Sie zwischen Korsen sinken sieht und Sardern.

Der holde Schatten aber, dessentwillen
Man Pietola mehr nennt als Mantova,
Entlastet hatt' er sich von meiner Bürde.

Und ich, der ich bestimmt' und klare Auskunft
Auf meine Fragen nun geerntet hatte,
Stand wie wer schlafbefangen Träumen nachhängt.

Doch wurd' ich diesem Halbschlaf schnell entrissen
Durch Leute, welche hinter unsrem Rücken
Uns zugewandt mit raschen Schritten eilten.

Wie einst des Nachts Asopus und Ismenus
Gedräng' an ihrem Ufer sahn und Auflauf,
Wenn Bacchus' Hilfe die Thebaner brauchten,

So schleunigten in diesem Kreis die Schritte,
Wie ich an diesen wahrnahm, all' die Seelen,
Die guter Will' und rechte Liebe spornen.

Bald hatt' uns eingeholt die ganze Schar,
Weil schnellen Lauf's sie alle sich bewegten,
Und weinend riefen laut die beiden ersten:

Auf das Gebirge ging Maria eilig,
Und um Ilerda zu bezwingen, traf
Massilien Cäsar und flog dann nach Spanien. -

Nur rasch, nur rasch, um nicht aus Liebesmangel
Zeit zu verlieren, riefen all' die andren;
Damit am Eifer neu die Gnad' ergrüne. -

O Schatten, die ihr jetzt durch Glut des Eifers
Das Säumen und die Lässigkeit ergänzet,
Womit ihr lau im Gutestun gewesen!

Sobald die Sonne wieder scheint will dieser,
Der lebt (wahrhaftig ist mein Wort) hinaufgehn;
Drum weis't uns, wo der Eingang ist hier nahe. -

Dies waren Worte, die mein Führer sagte,
Und einer jener Geister sprach: So folge
Uns nach, dann findest du die Felsenspalte.

Vom Trieb zur Eile sind wir so durchdrungen,
Daß wir nicht weilen können; drum verzeihe,
Wenn, wo wir recht tun, wir unhöflich scheinen.

Abt war ich von Sankt Zeno in Verona,
Als Kaiser war der gute Barbarossa,
Von welchem Mailand weinend noch berichtet.

Schon hat den einen Fuß im Grabe jemand,
Der wegen jenes Klosters baldigst weinen
Und trauern wird, daß er dort Macht besessen,

Weil seinen Sohn er, der am Leib und ärger
Am Geist verkrüppelt ist und schlecht zur Welt kam,
Einsetzte an den Platz des wahren Hirten. -

Ob er noch mehr sprach oder ob er schwieg,
Das weiß ich nicht, denn schon war er vorüber;
Dies aber hört' ich und dies wollt' ich merken.

Und der in jeder Not mir Hilfe war,
Rief aus: Sieh hierher; horch, wie jene Beiden
Die Lässigkeit mit herben Worten geißeln. -

Sie riefen allen nach: Aussterben mußte
Das ganze Volk, vor dem das Meer sich auftat,
Bevor der Jordan seine Erben sah.

Und die die Mühsal nicht bis an das Ende
Ertrugen mit dem Sohne des Anchises,
Bereiteten sich selbst ruhmlosen Tod. -

Als nun so fern uns jene Schatten waren,
Daß sie der Blick nicht mehr erreichte, stiegen
Gedanken neuen Inhalt's in mir auf.

Draus keimten wieder andre mannigfaltig
Und von dem einen irrt' ich so zum andren
Daß vor Behagen ich die Augen schloß

Und die Gedanken mir zu Träumen wurden.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 19
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 19

Zur Stunde, wo des Tages Glut, bezwungen
Vom Frost der Erd' und manchmal des Saturn,
Des Mondes Kälte nicht mehr mindern kann,

Und wo ihr »großes Glück« die Geomanten
Im Osten vor der Dämmerung auf Wegen
Aufsteigen sehn, wo bald das Dunkel schwindet,

Erschien im Traume mir ein stammelnd Weib
Mit schielem Blick und mißgestalten Beinen,
Von bleicher Farbe und gelähmten Händen.

Ich sah sie an, und wie die Sonne Glieder,
Die nächt'ger Frost erstarrt hat, wieder kräftigt,
So ward von meinen Blicken ihre Zunge

Gelöst; dann richtete in kurzer Weile
Sie sich empor, und wie's die Liebe wünschet,
So färbten sie ihr das erbleichte Antlitz.

Als so die Redekraft sie neu gewonnen,
Begann mit solcher Süße sie zu singen,
Daß ungern abgewandt mein Ohr ich hätte.

Sie sang: Ich bin die liebliche Sirene,
Die Schiffer auf dem hohen Meer betöret,
So wonnig ist es, meinem Sang zu lauschen.

Von seiner Irrfahrt wandte den Ulysses
Mein Singen ab; wer sich mit mir befreundet
Verläßt mich kaum, weil ganz ich ihn beglücke. -

Geschlossen hatte sie noch nicht den Mund,
Als neben mir ein heil'ges Weib ich sah,
Die jene zu beschämen sich beeilte.

Virgil, so sprach sie zürnend, o Virgil,
Wer ist dies Weib? - Doch seine Augen ruhten
Im Gehen unverwandt auf jener Reinen.

Da griff sie nach der andren und zerriß ihr
Die Kleider vorn, den nackten Leib mir zeigend;
Dann weckte mich der Stank, der von ihm ausging.

Die Augen wandt' ich und: Schon mehr als dreimal
Rief ich, steh auf und komm! (so sprach Virgil)
Erspähen wir den Spalt, durch den du eintrittst. -

Ich richtete mich auf; vom hohen Tage
Erfüllt war jeder Kreis des heil'gen Berges.
Dann gingen wir, die junge Sonn' im Rücken.

Als ich ihm folgte, trug ich meine Stirne
Wie einer, dem sie schwer ist von Gedanken,
So daß er gleicht dem halben Brückenbogen.

Da hört' ich sanft und mit so güt'gem Tone,
Als hier im Reich der Sterblichkeit man niemals
Vernimmt, uns rufen: Kommt, hier ist der Eingang. -

Es schlug, der so gesprochen, die zwei Flügel,
Gleich Schwanenflügeln auf, und wies uns zwischen
Den beiden Wänden des Gestein's nach oben.

Dann regt' er das Gefieder, uns zu fächeln,
Indem er selig, die da trauern, pries,
Weil ihre Seele reich an Troste sein wird.

Was ist dir, daß du nur zu Boden blickest? -
Begann mein Führer, als wir beide wenig
Vom Engel erst emporgestiegen waren.

Und ich: So fesselt mich ein neu Gesicht,
Daß sein zu denken ich nicht lassen kann;
Deswegen geh ich so in mich versunken. -

Du sahst, entgegnet' er, die alte Zaub'rin,
Um die allein noch über uns man weinet.
Du sahst auch, wie der Mensch von ihr sich losmacht.

Genüg' es dir, und tritt mit rüst'gem Fuß auf,
Blick' auf die Lockung, die der ew'ge König
Dir, kreisend in den großen Rädern, zeigt. -

So wie der Falk, der auf die Füße schaute,
Sich auf den Ruf des Falkners streckt und wendet,
Weil dorthin die Begier nach Fraß ihn zieht,

Tat ich, und also ging, solang' der Felsen
Zum Pfade sich für den, der aufsteigt, spaltet,
Bis wo der neue Ring ist, ich empor.

Als offenbar mir ward der fünfte Kreis
Sah Leute ich in ihm am Boden liegend,
Das Angesicht nach unten, welche weinten.

Es hat am Staub gehaftet meine Seele -
Hört' ich sie sagen, mit so tiefen Seufzern,
Daß man die Worte kaum vernehmen konnte.

O ihr Erkornen Gottes, deren Leiden
Sowohl Gerechtigkeit als Hoffnung mildern,
Weis't uns den Weg, den Berg emporzusteigen. -

Kommt von der Pflicht zu liegen frei ihr her
Und wollet ihr den Weg bildmöglichst finden,
So kehrt nach außen stets die rechte Seite. -

So frug Virgil und so ward wenig vor uns
Zur Antwort ihm erteilt und ich erriet
Was noch verhüllt mir war, an seiner Rede.

Die Augen wandt' ich da zu meinem Herrn;
Er aber willigte mit heit'rem Winke
In das, was sichtbar mein Verlangen bat.

Als, was ich wollte, mir zu tun erlaubt war,
Stellt' ich mich über jenem Schatten auf,
Den seine Worte kenntlich mir gemacht,

Und sagte: Geist, der weinend jene Buße
Beschleunigt, die allein zu Gott zurückführt,
Verschieb' ein wenig deine höchste Sorge!

Sag' an, wer warst du, und warum die Rücken
Emporgewandt ihr habt, soll etwas dort,
Woher ich lebend kam, ich dir erwirken. -

Und er: Weshalb der Himmel unsre Rücken
Sich zugekehrt, künd' ich dir; jedoch zuvor
Vernimm, daß ich Nachfolger Petri war.

Ein schönes Flußtal senkt sich zwischen Sestri
Und Chiavari zum Meer, mit dessen Namen
Des Ranges Höhe mein Geschlecht bezeichnet.

Kaum mehr, als einen Monat lang erfuhr ich,
Dem, der ihn reinhält, sei der große Mantel
So schwer, daß leicht die andren Lasten scheinen.

Zu Gott bekehrt' ich leider mich gar spät;
Doch als ich Hirte war von Rom geworden,
Erkannt' ich, wie so lügenhaft das Leben.

Ich sah, wie dort das Herz nicht Ruhe finde;
Und als ich jenes Lebens höchste Stufe
Erreicht, entbrannt' in Liebe ich für dieses.

Elend war meine Seele bis dahin,
Von Gott geschieden und dem Geiz verfallen;
Hier werd' ich drum, so wie du siehst, gezüchtigt.

Des Geizes Wirkung wird hier an der Buße
Der Seelen offenbar, die sich bekehrten;
Und keine Straf' auf diesem Berg' ist bittrer.

Wie unser Auge von den ird'schen Dingen
Befangen, sich nicht himmelwärts erhoben,
So senkt Gerechtigkeit es hier zur Erde.

Und wie der Geiz die Liebe zu dem Bess'ren
In uns erstickt, am Gutestun uns hindernd,
So hält Gerechtigkeit uns hier gebunden,

An Händen und an Füßen eng gefesselt.
Wir bleiben regungslos hier ausgestreckt
So lang' es dem gerechten Herrn gefällt. -

In's Knie gesunken wollt' ich eben reden;
Doch als ich anfing und er am Gehör nur
Die ehrerbietige Gebärde wahrnahm,

Frug er: Aus welchem Grunde neig'st du dich? -
Und ich zu ihm: Um eurer Würde willen
Hieß, so zu tun mich Stehnden mein Gewissen. -

Erhebe Bruder dich und stehe aufrecht;
Laß dich nicht irren, sagt' er, nur ein Mitknecht
Desselben Herrn bin ich mit dir und allen.

Vernahmst du je das Wort des heil'gen Buches,
Daß nach dem Tode sie nicht freien werden,
So kannst du sehn, warum ich also rede.

Nun aber geh, nicht länger sollst du bleiben;
Denn dein Verweilen hindert meine Tränen,
Mit denen ich, was du gesagt, beschleun'ge.

Die Nichte, die ich dort verließ, Alagia,
Ist gut an sich, wenn durch sein schlimmes Beispiel
Nicht mein Geschlecht zum Bösen sie verleitet,

Und sie allein ist jenseits mir geblieben. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 20
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 20

Schwer kämpft der Wille wider bess'ren Willen;
Deshalb zog, ungern zwar, ihm zu Gefallen
Den Schwamm ich ungesättigt aus dem Wasser.

Ich ging, und auf dem freien Boden setzte
Die Füße längs der Felsenwand mein Führer,
Wie man auf Mauern nächst den Zinnen geht.

Denn jene Schar, aus deren Aug' in Tropfen
Das Übel abfließt, das die Welt erfüllt,
Naht jenseits sich zu sehr dem äußern Rande.

Vermaledeiet sei'st du, alte Wölfin,
Die du mehr Beute hast als andre Tiere,
Weil ewig unersättlich ist dein Hunger!

O Himmel, dessen Kreisen man die Wandlung
Der irdischen Begebenheiten zuschreibt,
Wann wird der kommen, dem dies Tier muß weichen?

Nur klein und langsam waren unsre Schritte;
Ich aber ging und merkte auf die Schatten,
Die rührend klagen ich und weinen hörte.

Zufällig hört' ich vor uns: O Maria,
Du süße! - unter Tränen also rufen,
Wie wohl ein Weib es tut in Kindesnöten.

Ich hörte weiter: Wie so arm du warest,
Das offenbart der Stall uns und die Krippe,
Worin du deine heil'ge Bürde legtest. -

Sodann vernahm ich: Wackerer Fabricius,
Du wolltest lieber mit der Armut Tugend,
Als mit der Sünde großen Reichtum haben. -

So hatten diese Worte mir gefallen,
Daß, um vom Geist, der scheinbar sie gesprochen,
Genau'res zu vernehmen, ich voranschritt.

Noch redete der Geist von den Geschenken,
Die den drei Jungfrau'n Nikolaus machte,
Zur Ehrbarkeit zu leiten ihre Jugend.

O Seele, die so löblich redet, sagt' ich,
Sag' an mir, wer du warst, sag' an, warum
Nur du so wohl verdientes Lob erneuerst?

Nicht unbelohnt soll deine Antwort bleiben,
Denn um des Lebens, das zum Ziel dahinfliegt,
Weg zu vollenden, kehre ich zurück. -

Und er: Du sollst es hören; nicht der Hilfe,
Die ich von dort erwarte, halber, sondern
Weil eh' du starbst, dir so viel Gnade leuchtet:

Ich war die Wurzel jenes argen Baumes,
Der alles Land der Christenheit verdumpfet,
So daß es selten gute Frucht gewährt.

Doch hätten Douay, Lille, Gent und Brügge
Nur Macht genug, so folgte bald die Rache,
Die ich von dem, der alles richtet, fordre.

Man nannte mich dort jenseits Hugo Capet,
Die Ludwig's zeugt' ich alle und die Philipp's,
Von denen Frankreich neuerdings regiert ward;

Mein Vater war ein Schlächter in Paris.
Als, bis auf einen, der die Kutte trug,
Erloschen war das Haus der alten Fürsten,

Fand ich in meiner Hand der Herrschaft Zügel
So sicher ruh'n so große Kraft zu neuem
Erwerbe und an Freunden solche Fülle,

Daß meinem Sohn des Reichs verwaiste Krone
Auf's Haupt gesetzt ward, und mit ihm begann
Die Reihe der gesalbten Schädel jener.

Solange meinem Blut die große Mitgift
Von ganz Provence nicht die Scham benommen,
Taugt' es nicht viel, doch tat es keinen Schaden.

Erst da begann es mit Gewalt und Lüge
Den Länderraub, und nahm sich dann zur Buße
Ponthieu, Gascogne und die Normandie.

Karl zog nach Wälschland, und den Conradin
Ermordet' er zur Buße und nicht minder
Schickt er zur Buße Thomas in den Himmel.

Nicht fern von heute seh' ich eine Zeit,
Da zieht ein andrer Karl von Frankreich aus,
Sich und die Seinen besser noch zu zeichnen.

Er kommt allein und waffenlos; die Lanze,
Die Judas führte, legt er ein, und Florenz
Trifft er damit, daß dessen Wanst zerberstet.

Nicht Landbesitz, wohl aber Schuld und Schande
Wird er gewinnen, um so schwerer wiegend,
Je weniger er solchen Schaden achtet.

Verhandeln wird der Dritte, der schon auszog
Und dann zu Schiff gefangen ward, die Tochter,
Wie die Korsaren tun mit andren Mägden.

O Geiz, was kannst du Schlimm'res noch bewirken,
Da du so sehr gefesselt mein Geschlecht,
Daß es das eigne Fleisch und Blut nicht achtet?

Daß alte Schuld und künft'ge minder scheine,
Seh' ich die Lilien in Anagni einziehn
Und im Statthalter Christum selber fangen.

Verspottet seh' ich ihn zum zweitenmal,
Essig und Gall' erneuern sich, und zwischen
Lebend'gen Schächern seh' ich ihn getötet.

So wild seh' ich den heutigen Pilatus,
Daß hiervon noch nicht satt, er unberufen
Mit gier'gem Segel in den Tempel eindringt.

O Herr des Himmels, wann werd' ich erfreut sein,
Die Rache zu gewahren, die, in deinem
Geheimnis schlafend, deinen Zorn versüßt?

Was von der einz'gen Braut des heil'gen Geistes
Vorhin ich sagte, und was dich bewog,
Um weit're Auskunft dich an mich zu wenden,

Das ist auf alle unsre Bitten Antwort
So lang' es Tag ist; aber bricht die Nacht ein,
Bedienen wir uns umgekehrter Rede.

Pygmalion's gedenken wir alsdann,
Der Dieb, Verräter und Verwandtenmörder
Durch seine Lüsternheit nach Golde wurde;

Des geiz'gen Midas auch und seines Elends,
Das ihm erwuchs aus seinem gier'gen Wunsche,
Der heute noch zum Lachen jeden reizt.

Des tör'gen Achan auch gedenkt ein jeder,
Der von der Beute stahl, weshalb es scheint,
Daß Josua's Zorn selbst hier ihn noch erreiche.

Mit ihrem Mann verklagen wir Sapphira;
Die Tritte preisen wir, die Heliodor
Erlitt, und Polymnestor wird mit Schande

Ringsum genannt, der Polydor gemordet.
Zuletzt noch wird von uns gerufen: Crassus,
Sag' an, wie schmeckt das Gold, du mußt es wissen.

So wie mit mehr und minder raschem Schritte
Zu gehn uns Inbrunst anspornt, also redet
Der eine lauter und der andre leiser.

Drum war zum Guten, das wir Tages reden,
Vorhin ich nicht allein; nur daß hier nahe
Kein andrer seine Stimme laut erhob. -

Schon hatten wir ihn hinter uns gelassen,
Bemüht, so viel als unsre Kraft erlaubte,
Von jenem engen Pfad zurückzulegen,

Als ich den Berg, wie wenn ein Sturz geschähe,
Erbeben fühlte; drob mich Frost befiel,
Wie den zu tun pflegt, der zum Tod geführt wird.

Gewiß, so sehr erzitterte nicht Delos,
Eh' sich Latona dort ihr Nest bereitet,
Um beide Himmelsaugen zu gebären.

Darauf erhob sich rings ein Ruf, so mächtig,
Daß: Fürchte nicht, wenn ich dich führe, sagend, -
Der Meister zu mir trat, mich zu beruh'gen.

»Gott in der Höh sei Ehre« sagten alle,
Soviel von denen ich, die mir so nahe,
Daß ich den Ruf verstand, entnehmen konnte.

Wir standen regungslos und zweifelnd, gleich
Den Hirten, die zuerst dies Lied vernahmen,
Bis es verklang und bis das Beben nachließ.

Dann setzten wir die heil'ge Wandrung fort,
Die Schatten anschau'nd, die am Boden lagen
Und die gewohnten Klagen neu begannen.

Und wenn mich die Erinnerung nicht täuscht,
Bekämpfte nimmer mich Unwissenheit
Mit solchem Trieb, Belehrung zu erlangen,

Als damals ich in meinem Denken fühlte.
Und weder wagt' ich, ob der Eil zu fragen,
Noch wußt' ich Auskunft bei mir selbst zu finden;

Drum ging ich scheu und in Gedanken weiter.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 21
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 21

Es quälte mich der angeborne Durst,
Der nie gesättigt wird, als durch das Wasser,
Das sich die Samariterin erbat;

Zugleich fühlt' ich, ob der gerechten Rache
Mitleid empfindend, auf dem engen Pfade,
Dem Führer nach, zur Eile mich getrieben,

Da, siehe, so wie Lucas uns beschreibt,
Daß, schon erstanden aus der Grabeshöhle,
Christus den Zweien auf dem Weg' erschien,

So wurde hinter uns ein Schatten sichtbar,
Der nieder auf die Schar, die da lag, blickte;
Doch eh' er sprach, bemerkten wir ihn nicht.

Gott geb' euch Frieden, sagt' er, meine Brüder! -
Da wandten wir uns eilig und Virgil
Entgegnete mit grüßender Gebärde.

Darauf begann er: Möge dich in Frieden
Zur Schar der Seel'gen Gottes Wahrspruch führen,
Der mich verweist in ewige Verbannung. -

Wie, sagte jener, während scharf wir gingen,
Seid Schatten ihr, die droben Gott nicht zuläßt;
Wer führte bis hierher euch seine Treppe? -

Mein Lehrer drauf: Beachtest du die Male,
Die dieser trägt und die der Engel zeichnet,
So siehst du, mit den Guten soll er herrschen.

Weil aber, die da spinnt bei Nacht und Tage,
Ihm noch nicht leer gemacht den Wocken hatte,
Den Klotho jedem aufsteckt und zurechtmacht,

War seine Seele, dein' und meine Schwester,
Den Berg herauf allein zu gehn nicht fähig;
Denn, so wie wir, vermag er nicht zu schauen.

Entnommen ward ich drum dem weiten Schlunde
Der Hölle, das, wofür mein Wissen ausreicht,
Ihm auszudeuten und so werd' ich ferner.

Doch sag' uns, weißt du es, warum vorhin
Der Berg so bebt' und bis zu seinem Fuße,
Dem feuchten, überall ein Ruf ertönte. -

So traf in's Nadelöhr er mein Verlangen
Durch seine Frage, daß schon durch die Hoffnung
Gemindert war das Brennen meines Durstes.

Und jener drauf: Des Berg's geweihte Weise
Gestattet nichts, was außerhalb der Ordnung
Und außer dem Gebrauch des Ortes wäre;

Von jedem Wechsel frei sind diese Räume.
Nur was der Himmel aus sich selbst empfängt,
Kann hier noch Wirkung üben; andres nimmer.

Denn oberhalb der Treppe von drei Stufen
Fällt weder Regen je, noch Schnee und Hagel,
Auch tauet es so wenig, als es reift.

Nicht dichte Wolken gibt es hier, noch lockre;
Kein Wetterleuchten sehn wir, noch die Tochter
Des Thaumas, die bei euch den Stand oft wechselt.

Kein trockner Dunst steigt weiter als zur höchsten
Von jenen Stufen, die dem Stellvertreter
Sankt Petri dient als seiner Füße Schemel.

Dort unten bebt es wohl mehr oder minder;
Doch wegen Windes, der, ich weiß nicht wie,
Sich in der Erde birgt, bebt hier es nimmer.

Hier bebt der Berg, fühlt rein sich eine Seele
Sich zu erheben, oder aufzuschwingen,
Und dann gibt das Geleit ihr jener Ruf.

Der Reinheit Prüfstein ist allein der Wille,
Der, ist die Seel' erst frei den Ort zu wechseln,
Sie plötzlich faßt und zum Entschluß ihr Kraft leiht.

Auch früher will sie wohl; doch nicht gestattet's
Die Lust, die an der Qual (wie einst am Sündigen)
Die göttliche Gerechtigkeit ihr einflößt.

Und ich, der ich fünfhundert Jahr und länger
In diesen Schmerzen lag, empfand erst eben
Nach bess'rer Stuf' in mir den freien Willen.

Drum fühltest du das Beben, und es priesen
Die frommen Seelen an des Berges Abhang
Den Herrn, der bald auch sie nach oben sende. -

So redet' er zu uns, und weil, je größer
Der Durst ist, um so mehr das Trinken wohltut,
Kann ich nicht sagen, wie er mich erfreute.

Mein weiser Führer sprach: Das Netz erkenn' ich
Das hier euch festhält, nun, und wie sich's löset,
Warum es bebte und wie ihr euch mitfreu't;

Doch wer du war'st, laß mich nunmehr erfahren,
Auch laß durch deine Antwort mich begreifen,
Warum du hier so manch' Jahrhundert lagest. -

Zur Zeit, als durch des höchsten Königs Hilfe
Der gute Titus jene Wunden rächte,
Woraus das Blut, verkauft von Judas, floß,

War in dem Namen jenseits ich berühmt,
Der mehr als andre ehrt und dauert; aber
Noch fehlte Glauben mir, - so sprach der Schatten.

So lieblich tönte meine Dichterstimme,
Daß mich den Tolosaner Rom heranzog,
Wo ich der Myrte Stirnschmuck mir verdiente.

Noch nennt man jenseits meinen Namen, Statius;
Von Theben und Achill, dem großen, sang ich,
Doch mit der zweiten Last fiel ich zu Boden.

Der Same meiner Glut kam von den Funken
Der Götterflamme, welche mich erwärmet
Und die schon mehr als tausend hat entzündet:

Der Aeneide sag' ich, die mir Mutter
Gewesen ist und Amm' in meinem Dichten;
Auch nicht das Kleinste schrieb ich ohn' ihr Vorbild.

Und, um gelebt zu haben, während drüben
Virgil noch lebte, wollte gern ein Jahr
Mehr als ich muß, Verbannung ich ertragen. -

Bei diesen Worten sah Virgil mich an,
Und schweigend sagten seine Züge: Schweige! -
Doch es vermag die Willenskraft nicht alles;

Denn Lachen folgt und Weinen aus der Regung,
Die sie hervorruft so naturnotwendig,
Daß sie der Wahrheitsfreund am schlechtesten zügelt.

Ich lächelte, wie wer dem andren zuwinkt,
Weshalb der Schatten schwieg und in die Augen
Mir sah, wo sich zumeist die Seele spiegelt.

Soll so viel Müh zum guten Ziel dich führen,
Sagt' er, so sprich, warum dein Antlitz eben
Das Blitzen eines Lächelns mir gezeigt hat. -

Gefangen fühlt' ich mich nach beiden Seiten;
Heißt die mich schweigen, so beschwört mich jene
Zu reden; darum seufzt' ich, und mein Meister

Verstand mich und er sprach: So fürchte denn
Nicht mehr zu reden; sprich nur und bericht' ihm
Wonach mit solchem Eifer er verlanget. -

Drauf ich: O alter Geist, vielleicht verwunderst,
Du ob des Lächelns dich, das mir entschlüpfte;
Doch größres Wunder soll dich noch ergreifen.

Mein Führer, der empor mein Auge leitet,
Ist der Virgil, von welchem Kraft du liehest,
Die Götter und die Menschen zu besingen.

Hast du geglaubt, ich lächl' aus andrem Grunde,
So sieh als Wahn es an; jedoch die Worte,
Die du von ihm gesagt, nimm für den wahren. -

Schon beugt' er sich, die Füße meines Lehrers
Wollt' er umfassen; doch: Laß ab, mein Bruder,
Sprach dieser, Schatten bist und Schatten siehst du. -

Der Liebe Fülle, die zu dir ich hege,
Sprach Statius und erhob sich, kannst du messen,
Wenn unsre Nichtigkeit ich so vergesse,

Daß Schatten so wie Körper ich behandle. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 22
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 22

Schon war der Engel hinter uns geblieben,
Der Engel, der uns wies zum sechsten Kreise,
Und hatt' ein Mal getilgt von meiner Stirne.

Die nach Gerechtigkeit verlangen, selig
Gepriesen hatte er und seine Stimme
Mit »dürstet« ohne weiteres geschwiegen.

Ich aber, leichter als bei andren Pässen,
Ging solchen Schrittes, daß ich ohne Mühe
Den Berg empor den raschen Geistern folgte.

Und es begann Virgil: Die Liebe, welche
Entflammt durch Tugend ward, entflammt die andre,
Sobald die Flamme offenbar geworden.

Drum seit dem Tag' an welchem Juvenal
Zu uns herabstieg in der Hölle Vorhof
Und deine Neigung offenbar mir machte,

Fühlt' ich für dich Wohlwollen, wie kein größres
Für jemand, den man nie gesehn, gefühlt ward.
Nun werden kurz mir diese Treppen scheinen.

Doch gib mir Auskunft und als Freund vergib mir,
Läßt zu viel Kühnheit mir den Zügel schießen,
So daß als Freund zum Freund du mit mir redest:

Wie konnte Geiz nur bei so vieler Einsicht,
Als du gewonnen hast durch deinen Eifer,
In deinem Herzen eine Stätte finden? -

Zuerst bewogen Statius diese Worte
Etwas zum Lächeln; dann gab er zur Antwort:
Von Liebe zeugt mir jedes deiner Worte.

In Wahrheit, oft erscheinen Dinge, welche
Zum Zweifel Anlaß bieten, der doch falsch ist,
Weil unerkannt die wahren Gründe blieben.

Mir zeigt die Frage, die du tust, du glaubest,
Vielleicht des Kreises wegen, wo ich weilte,
Daß ich im andren Leben geizig war.

So wisse denn, daß mir nur allzu kerne
Der Geiz gelegen, und dies Übermaß,
Es ward bestraft durch Tausende von Monden.

Und hätt' ich mein Bestreben nicht gebessert,
Als ich die Stelle las, wo du der Menschen
Geschlechte, wie von Zorn ergriffen zurufst:

»Was zügelst du, geweihter Goldeshunger,
Die Leidenschaft der Menschen nicht?« so wälzt' ich
Im argen Wettkampf wohl dort unten Felsen.

Da sah' ich ein, daß auch zu weit die Flügel
Die Hände auftun können, wenn sie geben,
Und diese Schuld bereut' ich gleich den andren.

Geschornen Hauptes auferstehn wird mancher,
Weil aus Unwissenheit er diese Sünde
So lebend wie im Tode nicht bereute.

Nun wisse, daß die Schuld, die einer Sünde
Im graden Gegensatze widerspricht,
Mit ihr zugleich ihr grünes Holz hier trocknet.

Drum, wenn zu meiner Läuterung bei denen
Geweilt ich habe, die den Geiz beweinen,
So ist's geschehn des Gegensatzes wegen. -

Der Hirtenlieder Dichter sagte drauf:
Als du die grausenhaften Waffen sangest,
Die der Jocasta Doppeltrauer brachten,

Scheint es nach dem, wie Clio dort die Saiten
Mit dir berührt, daß dir der Glaube fremd war,
Bei dessen Mangel, recht zu tun nicht hinreicht.

Ist's also, welche Sonne, welche Kerzen
Erleuchteten dich so, daß du die Segel,
Dem Fischer nachzufolgen hast gerichtet? -

Und er zu ihm: Du hast mich zum Parnasse
Zuerst gesandt, aus dessen Born zu trinken;
Du warst es auch, nächst Gott, der mich erleuchtet.

Du tatest, wie wer bei der Nacht die Leuchte
Nach rückwärts hält, so daß sie ihm nichts fruchtet,
Wohl aber die belehrt, die nach ihm kommen,

Indem du sagtest: »neu wird das Jahrhundert,
Gerechtigkeit und goldne Zeit kehrt wieder,
Herab vom Himmel steigt ein neuer Sprößling«.

Du machtest mich zum Dichter, du zum Christen;
Doch, daß du, was ich zeichne, besser sehest,
Reg' ich die Hand, es weiter auszumalen.

Schon war die Welt nach allen Seiten schwanger
Vom wahren Glauben, welcher ausgelä't war
Durch die Verkündiger des ew'gen Reiches.

Und weil dein Wort, das ich vorhin erwähnte,
So wohl entsprach der neuen Pred'ger Rede,
Gewöhnt' ich mich, sie häufig heimzusuchen.

Und es erschien ihr Wandel mir so heilig,
Daß, während Domitian sie schwer verfolgte,
Mein Weinen ihren Tränen sich gesellte.

Ich unterstützte sie, solang' ich jenseits
Verweilte, und die Reinheit ihrer Sitten
Hieß alle andren Sekten mich verachten.

Und eh' ich dichtend zu den Flüssen Thebens
Die Griechen führte, ward ich schon getauft;
Doch hielt aus Furcht geheim ich meinen Glauben

Und stellte lange Zeit mich noch als Heiden.
Den vierten Kreis ließ diese Lauigkeit
Mehr als vierhundert Jahr lang mich umkreisen.

Du aber, der den Schleier mir gehoben,
Der jenes Gut mir barg, das ich bezeichnet,
Berichte, weißt du es, so lang zu steigen

Wir haben, wo Terenz verweilt, der alte,
Wo Varro, Plautus, wo Cäcilius, sag' auch,
Ob sie verdammt sind und an welcher Stelle? -

Sie alle, Persius, ich und noch viel andre
Sind mit dem Griechen, den die Musen mehr,
Als jemals wen getränkt, im ersten Ringe

Des blinden Kerkers, sagte drauf mein Führer,
Und von dem Berg, den unsre Nährerinnen
Stets bei sich sieht, besprechen wir uns oftmals.

Euripides und Antiphon sind bei uns,
Auch Agathon, Simonides und andre
Hellenen, die die Stirn mit Lorbeer schmückten.

Von deinen Helden sieht man dort Argia,
Deiphile und mit Antigone
Ismene, traurig, wie sie sonst gewesen.

Man sieht die dem Adrast Langia zeigte,
Auch des Tiresias und der Thetis Tochter,
So wie Deidamia mit den Schwestern. -

Verstummt war schon der beiden Dichter Rede;
Vom Steigen frei und von den Felsenwänden,
Entsandten rings sie aufmerksame Blicke.

Es waren von des Tages Dienerinnen
Schon vier zurückgeblieben und noch lenkte
Der Deichsel glühndes Horn die fünfte aufwärts.

Da sprach mein Führer: Längs dem Felsenrande,
Vermut' ich, soll'n wir rechts die Schultern wenden,
Den Berg umkreisend, so wie wir gewohnt sind. -

So ließen wir vom Brauch den Weg uns weisen
Und schritten vor mit größerem Vertrauen,
Bei jenes werten Schattens Einverständnis.

Sie wandelten voraus; nach ihnen folgte
Ich einsam und auf ihre Reden merkend,
Die Einsicht in die Dichtkunst mir erschlossen.

Da unterbrach die traulichen Gespräche
Ein Baum, den mitten wir im Wege trafen
Mit Früchten würzigen und süßen Duftes.

Und wie nach obenhin die Tanne abnimmt
Von Ast zu Ast, so tut der Baum nach unten:
Vielleicht damit ihn niemand mög' ersteigen.

Zur Seite, wo den Weg die Bergwand abschloß,
Fiel von dem hohen Fels ein klares Naß
Und netzte niederträufelnd all die Blätter.

Dem Baume nahten sich die beiden Dichter,
Und aus dem Laub' hervor rief eine Stimme:
Von dieser Speise sollt ihr euch enthalten. -

Dann sagte sie: Maria dachte mehr,
Daß ehrenhaft die Hochzeit sei und völlig,
Als an den eignen Mund, der jetzt für euch spricht.

Die Römerinnen alter Zeit begnügten
Mit Wasser sich zum Trank, und Daniel
Verschmähte Speisen und erwarb sich Weisheit.

Die erste Zeit, die schön war gleich dem Golde,
Gab Wohlgeschmack durch Hunger selbst den Eicheln
Und machte jeden Bach durch Durst zum Nektar.

Die Speisen, die den Täufer in der Wüste
Ernährten, waren Heuschrecken und Honig;
Drum ward er glorreich und so groß vor allen,

Als offenbart euch ist im Evangelium. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 23
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 23

Noch heftet' unverwandt ich meine Augen
Auf jenes grüne Laub, wie der zu tun pflegt,
Der seine Zeit verliert mit Vogelstellen.

Der mehr mir war als Vater, sagte: Sohn
Nun komm; die Zeit, die uns noch zugemessen,
Sind nützlicher wir zu verwenden schuldig. -

Das Antlitz und nicht minder schnell die Schritte
Wandt' ich den Weisen zu, und was sie sprachen
War so, daß ich des Weges Mühn nicht fühlte.

Da hörte ich: »tu' auf, Herr, meine Lippen!«
So herzgewinnend unter Tränen singen,
Daß Freude es zugleich und Schmerz erweckte.

Was ist das, süßer Vater, das ich höre? -
So frug ich. Schatten sind es, die den Knoten
Der Pflicht vielleicht im Gehen lösen, - sagt' er.

Wie Pilger wohl, versunken in Gedanken,
Wenn unterwegs sie Unbekannte treffen,
Nach ihnen umschaun, doch den Schritt nicht hemmen;

So blickte eine Schar uns staunend an,
Die andachtsvoll und schweigend hinter uns
Mit schnell'ren Schritten kam, als sie vorbeiging.

Tief in den dunklen Höhlen sag ihr Auge,
Bleich war ihr Antlitz und so abgezehrt,
Daß eng die Haut sich auf die Knochen legte.

Ich glaube nicht, daß also zum Gerippe
Vertrocknet Erysichthon war vom Fasten,
Als er den Hungertod am meisten scheute.

Ich sagte bei mir selber in Gedanken:
So waren die Jerusalem verloren,
Als in ihr eignes Kind Maria biß. -

Steinlosen Ringen glich die Augenhöhle,
Und wer im Menschenantlitz omo liest,
Der hätte hier das M gar leicht erkannt.

Wer glaubte wohl, daß eines Apfels Duft
Und eines Wassers, das Verlangen weckend,
Man weiß nicht wie, die Schatten so verwandle?

Ich staunte schon, von was so ausgehungert
Sie sei'n; denn unbekannt war mir die Ursach
Von ihrer Magerkeit und Schuppenhaut.

Da, siehe, wandte aus des Hauptes Tiefen
Ein Schatten starren Blick's auf mich die Augen
Und rief dann: Welche Gnade widerfährt mir! -

Nie hätt' ich an den Zügen ihn erkannt;
In seiner Stimme aber offenbarte
Sich was verwüstet schien in seinem Aussehn.

An diesem Funken fachte die Erinn'rung
Der so entstellten Züge neu sich an,
Daß ich Forese's Antlitz drin ersah.

Er bat: Versage nicht dem dürren Aussatz,
Der mir die Haut entfärbt, und nicht dem Mangel
An Fleisch, woran ich leide, deine Antwort;

Nein, sage Wahrheit mir von dir, und wer
Die beiden Seelen sind, die dich begleiten.
Entziehe dich mir nicht und steh' mir Rede. -

Dein Antlitz, das ich schon als tot beweinte,
Erwidert ich, gibt jetzt nicht mindren Grund mir
Zu Tränen, da ich so entstellt es sehe.

Drum sage schnell mir, was euch so entblättert.
Heiß mich nicht reden, während ich so staune;
Es spricht sich schlecht, wenn andres man im Sinn hat. -

Und er zu mir: Es legt der ew'ge Ratschluß
In Wasser und in Baum, dort hinter uns,
Die Kraft, von der ich also mich verzehre.

Die ganze Schar hier, welche weinend singt,
Erstrebt die Heiligung in Durst und Hunger,
Weil maßlos sie der Schlemmerei gefröhnt hat.

Ein Duft geht von dem Apfel und dem Wasser,
Das jenes grüne Laub besprühet, aus,
Der uns Verlangen weckt nach Trank und Speise,

Und nicht nur einmal, wenn wir diesen Ring
Im Kreis' umgehn, erneuert sich die Strafe
(Ich sage Straf' und sollte Freude sagen);

Denn zu dem Baum führt uns der gleiche Wille,
Durch welchen Christus freudig rief Eli,
Als er mit seinem Blute uns befreite. -

Und ich zu ihm: Forese, seit dem Tage,
Wo du die Welt vertauscht für bessres Leben,
Bis heute sind fünf Jahre nicht verstrichen.

War nun in dir die Fähigkeit zu sünd'gen
Erloschen, eh' die Zeit des rechten Schmerzes,
Der wieder uns mit Gott vereint, gekommen,

Wie kamst du schon bis hier herauf? Ich glaubte,
Dort außerhalb des Tor's dich anzutreffen,
Wo Zeit mit gleicher Zeit vergolten wird. -

Und er zu mir: Durch ihre heißen Tränen
Hat meine Nella mich so schnell gefördert,
Der Martern süßen Wermut zu genießen.

Ihr brünstiges Gebet und ihre Seufzer
Enthoben mich dem Abhang wo man wartet,
Und machten frei mich von den andren Kreisen.

Um so viel werter Gott, um so genehmer
Ist meine Witwe, die ich innig liebte,
Je mehr sie einsam ist im guten Wandel.

Selbst die Barbagia in Sardiniens Bergen
Hält mehr auf Scham bei Mädchen und bei Frauen,
Als die Barbagia, wo ich sie zurückließ!

Was soll, o süßer Bruder, ich dir sagen?
Schon seh' ich eine künft'ge Zeit im Geiste,
Der nicht gar alt wird heißen diese Stunde,

Wo von der Kanzel man den Florentiner
Schamlosen Weibern untersagt, die Brüste
Bis zu den Warzen unverdeckt zu zeigen.

Bedurft' es geistlicher und andrer Strafen
Bei Sarazenen- und Barbarenfrauen
Jemals, damit den Busen sie verhüllten?

Doch wären sich die Unverschämten klar,
Was ihrer in des Himmels Kreislauf wartet,
Sie öffneten schon jetzt den Mund zum Heulen.

Denn, täuscht mich nicht, was ich voraus hier sehe,
Beginnt ihr Trauern, eh' die Wange dessen,
Der jetzt dem »Nanna« zuhört, Bart bekleidet.

Nun aber, Bruder, birg dich mir nicht länger;
Du siehst, daß, nicht nur ich, die Seelen alle
Dorthin schaun, wo die Sonne du verhüllest. -

Drauf ich zu ihm: Rufst du dir in's Gedächtnis,
Wie du mit mir und wie mit dir ich lebte,
So wird dich die Erinn'rung noch beschweren.

Von solchem Leben wandte mich erst neulich
Der ab, der vor mir geht, als deren Bruder,
Die dort am Himmel steht (die Sonne wies ich),

Euch voll geleuchtet. Durch die tiefe Nacht
Der wahrhaft Toten hat er mich geleitet
Mit diesem wahren Fleische, das ihm nachfolgt.

Von dort stieg ich empor durch seinen Zuspruch,
Den Berg umkreisend, welcher, was die Welt
An euch verbogen, wieder grade richtet.

Er will so lange, sagt er, mich begleiten,
Bis ich, wo Beatrice sein wird, bin.
Von dort an soll ich sein Geleit entbehren.

Der solches mir verheißet, ist Virgil
(Und dabei zeigt' ich ihn); der andre Schatten
Ist der, um den vorhin in jedem Kreise

Eu'r Reich, das ihn aus sich entläßt, erbebte. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 24
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 24

Das Reden hemmte nicht das Gehn, noch hemmte
Das Gehen jenes, sprechend gingen wir
Schnell wir ein Schiff bewegt von günst'gem Winde.

Und die zum zweitenmal gestorben schienen,
Die Schatten, sogen durch die Augenhöhlen
Verwundrung ein, als sie erkannt, ich lebe.

Fortsetzend meine Rede, sagt' ich drauf:
Vielleicht geht minder schnell, als sonst er täte,
Aus Rücksicht auf wen anders er empor.

Doch wenn du's weißt, so sprich, wo ist Piccarda;
Und sage mir, ob wer bemerkenswert
In dieser Schar sei, die so starr mich anschaut. -

Schon freut sich triumphierend ihrer Krone
Dort droben im Olympe meine Schwester,
Die schön und gut, ich weiß nicht welches mehr, war.

So sprach er erst und dann: Hier ist jedweden
Zu nennen unverwehrt, da unser Fasten
Die Züge des Gesichts so völlig aufsog.

Der hier (und dabei wies er mit dem Finger)
Ist der Lucchese Bonagiunta; jenseits
Das Antlitz, abgezehrter als die andren,

Die heil'ge Kirche hielt's in seinen Armen.
Es war von Tours und büßt hier durch Entbehren
Den edlen Wein und die Bolsener Aale.

Noch viele nannt' er, einen nach dem andren
Und jedem schien genehm, genannt zu werden,
So daß ich finster dreinschaun keinen sah.

Vor Hunger sah umsonst die Zähn' ich brauchen
Den Bonifaz, der mit dem Krummstab viele
Geweidet, so wie Ubaldin von Pila.

Den Herrn Marchese auch, der in Forli
Mit minder trockner Kehle trinken konnte
Und dennoch nimmer sich gesättigt fühlte.

Wie wer, nachdem er umgeschaut, mehr eines
Als andres schätzt, tat ich mit dem von Lucca;
Auch schien von mir am meisten er zu wissen.

Er sprach für sich und da, wo er die Wunde
Des göttlichen Gerichts, das sie verzehret,
Empfand, vernahm ich etwas wie »Gesindel«.

O Seele, sagt' ich, die mit mir zu sprechen
So zu verlangen scheint, laß dich vernehmen,
Daß deine Rede dich und mich erfreue. -

Schon lebt ein Weib, doch trägt sie noch nicht Binden,
Begann er, welche lieh dir meine Stadt
Wird werden lassen, wie man sie auch tadle.

Begleiten wird dich diese Zukunftsahnung,
Und wenn vorhin dich mein Gemurmel täuschte,
So wird der Dinge Wahrheit es bericht'gen.

Doch sage mir, ob den ich vor mir sehe,
Der Lieder neuer Art ersann, beginnend:
»O Frau'n, die ihr Verständnis habt der Liebe«? -

Drauf gab ich ihm zur Antwort: Ich bin einer
Der aufmerkt, wenn mich Amor's Hauch berühret,
Und was er innen vorsagt, schreib' ich nieder. -

Drauf er: Den Knoten, Bruder, seh' ich nun,
Der den Notar, Guittone und mich selber
Diesseits des schönen, neuen Stil's zurückhielt.

Ich sehe wohl, wie eure Federn sorglich
Nur das, was Amor einflößt, wiedergeben;
Das war mit unsren sicher nicht der Fall.

Und wer sich anmaßt weiter noch zu blicken,
Sieht nicht die Kluft von einem Stil zum andren. -
Mit diesen Worten schwieg er wie befriedigt.

Gleichwie die Vögel, die am Nil durchwintern,
Erst in der Luft zu einer Schar sich sammeln,
Dann eiliger in einer Reihe fliegen,

Also beeilten alle, die dort waren,
Das Antlitz wendend, ihre Schritte nun,
Leicht, wie sie Magerkeit und Wille machten.

Und wie, wer müde ist des raschen Laufens,
Voraus läßt die Gefährten, langsam wandelnd
Bis seiner Brust beklommnes Keuchen nachläßt,

So ließ Forese jene heil'ge Herde
Vorüberziehn und langsam mit mir folgend,
Frug er: Wann werd' ich wohl dich wiedersehen? -

Ich weiß nicht, sagt' ich drauf, wie lang' ich lebe;
Doch kehr' ich sicher nicht so früh zurück,
Daß nicht vorausgeeilt mein Wille wäre.

Denn jener Ort, wo mir zu leben obliegt,
Entkleidet täglich mehr sich von der Tugend
Und scheint verfallen unheilvollem Umsturz. -

Er sagte: Geh'; denn der zumeist dran Schuld ist,
Den seh' an eines Tieres Schweif ich schleppen
Hin zu dem Tal, wo nie die Schuld gesühnt wird.

Mit jedem Schritte rennt das Tier geschwinder,
Wird immer wilder, bis es ihn zerschmettert
Und grauenvoll entstellt den Körper läßt.

Nicht viel zu kreisen haben diese Räder
(Und auf zum Himmel richtet' er die Augen),
Bis klar dir wird, was dunkel jetzt mein Wort läßt.

Doch bleibe nun zurück; die Zeit ist teuer
In diesem Reich. Zuviel müßt' ich verlieren,
Ging' fürder ich mit dir so gleichen Schrittes. -

Wie manchmal wohl ein Reiter im Galopp
Allein hervorsprengt aus der Schar, die anrückt,
Daß er des ersten Anprall's Ruhm gewinne;

Also verließ er uns mit größ'ren Sätzen,
Und ich ging weiter fort mit jenen Beiden,
Die lebend so als Führer vorgeleuchtet.

Als jener dann so weit von uns entfernt war,
Daß meine Augen ihm nicht besser folgten,
Als seinem Wort zuvor mein Geist gefolgt war,

Erblickte fruchtbeladen ich und kräftig
Noch eines Baumes Zweig' in kleiner Ferne,
Weil dorthin wir erst eben uns gewendet.

Und Schatten hoben unter ihm die Hände
Und riefen, was verstand ich nicht, zum Laube,
Wie Kindlein, die begehrlich sind und töricht,

Wenn auf ihr Bitten der Gebetne schweigt,
Und um noch zu verschärfen ihre Sehnsucht,
Nicht birgt, was sie begehren, sondern hochhält.

Dann gingen, wie enttäuscht, von ihm sie weiter;
Wir aber kamen zu dem großen Baume,
Der soviel Bitten, soviel Tränen abweist.

Geht, ohne euch zu nahen, rasch vorüber!
Entnommen ist dies Reis dem Baum, von welchem
Einst Eva aß, der weiter oben steht. -

So sprach, ich weiß nicht wer, aus dem Gezweige,
Weshalb ich, Statius und Virgil mich enge
Anschließend, auf der Seite ging, die aufsteigt.

Der Maledeiten denkt, die in der Wolke
Erzeugt (so sprach er), mit zwiefacher Brust,
Als sie des Weines voll, mit Theseus kämpften.

Der Juden auch, die, weil sie trinkend weichlich
Sich zeigten, Gideon nicht mit sich nahm,
Als er die Höh'n gen Midian hinabstieg. -

So hörten dicht am einen Rande gehend,
Die Schuld der Völlerei, sowie die schlimmen
Gewinnste, welche sie gewährt, wir geißeln.

Wohl hatten, breiter auf der öden Straße
Wir gehend, tausend Schritt' und mehr durchmessen,
Und schweigend ging ein jeder in Gedanken.

Was geht ihr drei so sinnend? - hörten plötzlich
Wir eine Stimme sagen, und ich fuhr
Zusammen, wie ein Tier vor Schrecken scheu wird.

Den Redenden zu sehn, wandt' ich das Haupt,
Und weder Glas sah noch Metall im Ofen
Ich je so glühend oder rot, als der war,

Den ich nun sah und der uns sagte: Wollt ihr
Noch höher gehn, so müßt ihr hier euch wenden;
Hier ist der Weg, wo man zum Frieden aufsteigt.

Die Sehkraft hatte mir geraubt sein Anblick,
Weshalb, wie wer vom Ohr sich leiten läßt,
Ich, meinen Lehrern folgend, mich bewegte.

Wie als Verkünderin der Morgenfrühe
Die Maienluft sich regt und Duft verbreitet,
Durchdrungen ganz von jungem Grün und Blüten,

So fühlt' ich mitten auf der Stirn ein Lüftchen
Mich fächeln und empfand des Flügels Regung,
Von dem ein Duften wie Ambrosia ausging.

Dann hört ich sagen: Selig sind, die Gnade
So sehr erleuchtet, daß die Lust des Gaumens
Ihr Herz nicht mit dem Qualm der Gier erfüllt,

Weil nach Gerechtigkeit sie immer hungern. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 25
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 25

Kein Säumen mehr gestattete die Stunde
Da schon den Mittagskreis dem Stier die Sonne,
Die Nacht dem Skorpion gelassen hatte.

Drum, gleich dem Mann, der, was ihm auch begegne,
Nicht anhält, sondern seines Weges fortgeht,
Weil stachelnd die Notwendigkeit ihn antreibt,

So traten, einer auf den andern folgend,
Wir in die Schlucht, hinan die Treppe steigend,
Die, weil sie eng ist, die Ersteiger trennet.

Und wie der kleine Storch, der flugbegierig
Den Flügel hebt, doch, weil das Nest zu lassen
Er sich nicht traut, ihn wieder sinken läßt,

So war zugleich mein Wunsch zu reden brennend,
Und doch erloschen, so daß meine Lippen
Wie die des Redenwollenden sich regten.

Wie eilig wir auch gingen, doch bemerkt' es
Mein süßer Vater, und: - Drück ab den Bogen
Des Wort's, der bis zum Schloß gespannt ist, - sagt' er.

Da öffnet' ich vertrauensvoll den Mund
Und sagte: Wie ist Magerwerden möglich,
Wo kein Bedürfnis der Ernährung vorliegt? -

Gedächtest du des Meleager, sprach er,
Der vom Verbrennen eines Holzscheit's sich
Verzehrt, so schiene dies dir minder schwierig.

Und dächtest du, wie, wenn ihr euch bewegt,
Eu'r Bild im Spiegel die Bewegung nachahmt,
So würdest, was dir hart scheint, weich du finden.

Doch, daß hierin nach Wunsch du heimisch werdest,
Ist Statius hier zur Hand; ihn ruf' und bitt' ich,
Daß diese Wunden dir er völlig heile. -

Entfessl' ich ihm den Blick für ew'ge Dinge,
Wo du zugegen bist, war Statius' Antwort,
So tu' ich's, weil ich nichts dir kann versagen. -

Dann hub er an: Mein Sohn, wenn meine Worte
Dein Geist recht in sich aufnimmt und bewahret,
So werden sie dir Licht für deine Frage.

Vollkommnes Blut, das von den durst'gen Adern
Niemals getrunken wird und übrig bleibt,
Wie Nahrungsmittel, die vom Tisch man abhebt,

Empfängt im Herzen Bildungskraft für alle
Gliedmaßen, gleich dem Blute, das die Adern
Durchströmt, um jene Glieder zu gestalten.

Nochmals gereinigt, steigt es dorthin nieder,
Wovon man besser schweigt als spricht, und träufelt
Auf fremdes Blut in passendem Gefäße.

Da eint mit diesem jenes sich; das eine
Geschickt zum Leiden, wie zum Tun das andre,
So edel ist der Ort, von dem es herstammt.

Also verbunden fängt es an zu wirken,
Macht erst gerinnen, und belebt alsdann
Was fest geworden war, durch seinen Einfluß.

Die tät'ge Kraft, die nun zur Seele wurde
Gleich der der Pflanze, mit dem Unterschiede,
Daß jene weitergeht und dies' am Ziel ist,

Bewirkt Gefühl schon und soviel Bewegung
Als die des Meerschwamms; dann beginnt Organe
Den ihr entkeimten Kräften sie zu bilden.

Nun, Sohn, entfaltet sich, nun dehnt die Kraft
Sich aus, die des Erzeugers Herz entstammet,
Wo die Natur dem ganzen Gliedbau obliegt.

Doch wie zum Kinde wird solch tierisch Wesen
Siehst du noch nicht, und diese Schwierigkeit
Ließ einen Weiseren, als du bist, irren,

Weil er in seiner Lehr', als von der Seele
Getrennt, den fähigen Verstand behandelt,
Für den kein eigenes Organ er vorfand.

Tu' auf der Wahrheit, die dir naht, dein Herz
Und wisse, daß sobald dem Ungebornen
Die Glied'rung des Gehirns gebildet ist,

Sich freudig solchem Kunstwerk der Natur
Der Urbeweger zukehrt, neuen Geist ihm
Einhauchend, welcher mit der Kraft begabt ist,

Was er dort tätig findet, in sein Wesen
Hineinzuziehn, nur eine Seele bildend,
Die lebt und fühlt und in sich selbst zurückkehrt.

Damit du weniger dies Wort bewunderst,
So denke, wie, der Rebe Saft verbunden,
In Wein die Glut der Sonne sich verwandelt.

Hat Lachesis dann ihren Flachs geendet,
Löst sich der Geist vom Fleisch als Fähigkeit
Mitnehmend Göttliches wie Menschliches.

Und wenn die andren Kräfte all' verstummen,
So bleibt Erkenntnis, Wille und Erinn'rung
In Tätigkeit, viel schärfer als zuvor.

Die Seele fällt von selber ohne Weilen
An eins der beiden Ufer wunderbar;
Den ihr beschiednen Ort erfährt sie dort erst.

Ist dann ein fester Raum ihr angewiesen,
So strahlt ringsum aus ihr die Bildungskraft,
Wie einst sie tat in den lebend'gen Gliedern.

Und wie die Luft, wenn sie des Regens voll ist,
Durch fremde Strahlen, welche sie zurückwirft,
Geschmückt wird mit gar mannigfachen Farben,

So bildet hier die nachbarliche Luft
Zu der Gestalt sich, die durch geist'ge Kraft
Die Seele, die dort weilet, in ihr ausprägt.

Und ähnlich, wie die Flamme stets dem Feuer,
Wie sehr dies auch den Ort vertausche, nachfolgt,
So folgt dem Geiste seine neue Form.

Und weil er nur durch sie Erscheinung hat,
Wird Schatten sie genannt, und jeden Sinn
Gewährt sie ihm, mit Inbegriff der Sehkraft.

Sie ist's durch die wir reden, sowie lachen,
Durch die so Tränen wir als Seufzer bilden,
Gehört wirst du den Berg herauf sie haben.

Wie uns ein Wunsch und sonstige Erregung
Ergreift, das drückt sich aus in jenen Schatten;
Das ist der Grund von dem, was dich verwundert. -

Schon waren wir zur letzten Büßerqual
Gekommen, und nachdem zur rechten Seite
Wir uns gewandt, ergriff uns andre Sorge.

Hier nämlich wirft die Felswand Flammen aus;
Dagegen bläs't ein Wind am Rand' empor,
Der sie, zurückebiegend, von ihm abhält,

So mußten wir denn, einer nach dem andern
Am offnen Rande hingehn, und ich scheute
Das Feuer links und rechts hinabzufallen.

Mein Führer sprach: An diesem Orte muß man
Gar kurz im Zügel seine Augen halten;
Denn übel irren könnte man um wenig. -

Dann hörte mitten in der heißen Glut
»O Gott, an höchster Gnade reich« ich singen,
So daß ich doch dorthin mich wenden mußte.

Da sah ich Geister durch die Flammen wandeln,
So daß auf sie und meine Schritte schauend,
Von Zeit zu Zeit die Blicke ich verteilte.

Und als sie jenes Lied vollendet, riefen
Sie alle laut: »Ich weiß von keinem Manne«;
Dann wiederholten leise sie den Hymnus.

Nach dessen Schlusse riefen sie: Es blieb
Im Walde Diana, Helice daraus
Verjagend, die der Venus Gift gekostet. -

Dann kehrten zum Gesange sie, und nannten
So Frau'n als Gatten, welche keusch geblieben,
Wie Tugend es und Ehepflicht erfordert.

Ich glaub' in diesem Wechsel fahren dauernd
Sie fort, solange sie dies Feuer brennet.
Mit solcher Arzenei, mit solcher Speise

Wird endlich zugeheilt die alte Wunde.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 26
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 26

Als so am Rand' hin, einer nach dem andern,
Wir gingen und der Meister öfters sagte:
Sei vorsichtig und folge meinen Tritten -

Traf auf die rechte Schulter mich die Sonne,
Die, strahlend, schon den ganzen Abendhimmel,
Statt blau, sowie zuvor, weiß scheinen ließ.

Und glühnder war der Flamme Farbe, wo
Mein Schatten hinfiel; manche Seele aber
Sah, gehend, ich auf dieses Zeichen merken.

Ob dieser Ursach fingen diese Geister
Von mir zu reden an, und einer sagte
Zum andern: Jener scheint kein Schattenkörper.

Dann traten einzelne, soviel sie konnten,
Zu mir heran, gewissenhaft vermeidend,
Den Raum der Flammenqual zu überschreiten.

Der du, wohl nicht weil säumiger du wärest,
Den andren nach, vielleicht aus Ehrfurcht, wandelst,
Gib Antwort mir, den Durst und Feuer brennen.

Bedürftig deiner Antwort bin nicht ich nur:
Wir alle dürsten mehr danach als Inder
Und Mohren sich nach kaltem Wasser sehnen.

Gieb Auskunft uns, weswegen du nicht anders
Als Wand der Sonne dienst, wie wenn du nimmer
Geraten wärest in das Netz des Todes. -

So sprach der ein' aus jener Schar, und Auskunft
Hätt' ich sogleich erteilt, wenn nicht in Anspruch
Ein neues Schauspiel mich genommen hätte.

In des entflammten Weges Mitte kamen,
Den vorigen entgegen, andre Schatten,
Auf die allein sich nun mein Auge wandte.

Da sah von beiden Seiten ich die Schatten
Sich im Vorübereilen paarweis küssen,
Mit kurzem Gruß sich ohne Rast begnügend.

So sieht in ihrer braunen Schar man eine
Ameise, Maul an Maul, die andre grüßen,
Wohl um, wohin es geht und wie zu hören.

Und eh' sie nach der freundlichen Begegnung
Den ersten Schritt getan, bemüht sich, lauter
Noch als die andre, jede Schar zu rufen:

Die Neugekommnen: »Sodom und Gomorrha!«
»Pasiphaë steigt in die Kuh«, die andre,
»Damit der Stier sich ihrer Geilheit füge«.

Wie Kraniche, die teils zur Wüste, teils
Zu den Riphäer Bergen flögen, jene,
Weil Frost sie, diese, weil sie Sonne scheuten,

So ging dann eine Schar, die andre kam
Und fuhr im vorigen Gesange, weinend,
Und in dem Rufe fort, der ihr geziemte.

Und die vorher um Auskunft mich gebeten,
Sie traten, wie zuvor, an mich heran,
Sichtlich auf was ich reden würde merkend.

Ich aber, der schon zweimal ihr Begehren
Gesehn, begann: O Seelen, die ihr Frieden,
Wann es auch sei, gewiß seid zu erlangen,

Nicht unreif und nicht reif ließ meine Glieder
Ich dort zurück; nein sie begleiten hier
Mit ihrem Blute mich und ihren Muskeln.

Empor steig' ich, um nicht mehr blind zu bleiben.
Ein Weib ist droben, das uns Gnad' erwirbt;
Ihr dank' ich's, wenn im Leib' ich zu euch komme.

Doch, soll eu'r höchster Wunsch sich bald erfüllen
Und Herberg' euch der Himmel, der am weit'sten
Sich wölbt und ganz von Lieb' erfüllt ist, werden,

So sagt mir, daß ich einst es niederschreibe,
Wer seid ihr, und wer ist die Schar, die dorten
Von hinnen eilet hinter eurem Rücken? -

Nicht anders steht, betroffen und verwirrt
Der Bergbewohner und verstummt im Schauen,
Betritt die Stadt er bäurisch, unerfahren,

Als in Gebärden jeder Schatten tat.
Doch als sie des Erstaunens sich entledigt,
Das in den edlen Herzen schneller nachläßt,

Begann derselbe, der zuerst mich fragte:
Heil dir, daß du, um seliger zu sterben,
Erfahrung sammeln darfst an unsren Küsten

Die Schatten, die nicht mit uns gehn, sie haben
Durch das gesündigt, weshalb beim Triumphe
Sich Cäsar »Königin!« zurufen hörte.

Darum entfernten sie sich »Sodom!« rufend,
Als Vorwurf für sie selbst, wie du vernahmest,
Und fördern durch die Scham der Flamme Wirkung.

Doch unsre Sünde war hermaphroditisch,
Und weil, statt menschliches Gesetz zu wahren,
Wir, Tieren gleich, der schnöden Lust gehorchten,

Wird, wenn wir scheiden, die zu unsrer Schande
Von uns genannt, die im vertierten Holze
Aus Wollust selber sich zum Tier erniedrigt.

Nun kennst du unsre Schuld und unsre Weise;
Doch, wolltest du noch, wer wir sind, vernehmen,
So langt die Zeit nicht und mir fehlt die Kunde.

Was mich betrifft, will ich dir gern genügen;
Mein Nam' ist Guido Guinizelli. Läutern
Darf ich mich jetzt schon, denn in Reue starb ich. -

Wie nach Lykurgus' Unglück die zwei Söhne
Beim Wiedersehn der Mutter sich gebahrten,
So tat ich, doch mit minderem Erkühnen,

Als ich vernahm, wie der sich selber nannte,
Der mir und all den Bess'ren Vater war,
Die süße Liebesreime je gedichtet.

Nicht redend und nicht hörend ging ich lange
Nachdenklich in sein Anschaun ganz versunken;
Doch näher trat ich nicht, des Feuers wegen.

Als ich geweidet mich zum Schauen hatte,
Erbot ich ihm zu jedem Dienst mich willig
Mit der Beteurung, welche Glauben findet.

Und er zu mir: So lichtes Angedenken
Läßt du in mir zurück durch deine Worte,
Daß Lethe mir's nicht rauben kann noch schwächen;

Doch, soll, was du geschworen, sich bewähren,
So sage mir, warum du solche Liebe
In Worten mir bezeigest und in Blicken? -

Und ich: Der Grund sind eure süßen Lieder,
Die wert den Griffel machen, der sie schrieb,
So lang' der neue Dichterbrauch bestehn wird. -

O Bruder, sagt' er, den ich mit dem Finger
Dir weis' (und einen Schatten vor mir zeigt' er),
Der war ein bessrer Schmidt der Muttersprache.

In Liebesversen und Romanenprosa
Ziemt ihm der Preis, was auch die Toren sagen,
Die den aus Limousin für höher achten.

Mehr auf den Ruf, als auf die Wahrheit schaun sie,
Und stellen so ihr Urteil fest, bevor
Was Kunst und Einsicht sagen, sie vernommen.

So tat vor Zeiten oft man mit Guittone,
Den jeder pries, weil er ihn preisen hörte,
Bis jetzt die Wahrheit obgesiegt durch manche.

Ist dir solch hoher Vorzug nun geworden,
Daß in das Kloster dir zu gehn erlaubt ist,
In welchem Christus des Kapitels Abt ist,

So richt' an ihn für mich ein Vaterunser,
So weit als wir's in dieser Welt bedürfen,
Wo die Versuchung uns nicht länger anficht. -

Dann, wohl um einem andren Raum zu geben,
Der nächst ihm ging, verschwand er in dem Feuer,
Dem Fisch gleich, der im Wasser niederfährt.

Ich trat zu dem, der mir gezeigt war, vor
Und sagt' ihm, welchen freudigen Empfang
Für seinen Namen mein Verlangen sichre.

Darauf begann er willig so zu reden:
Die Bitte, die ihr höflich tut, erfreut mich,
So daß ich mich nicht bergen kann noch will.

Ich bin Arnald und unter Tränen sing' ich.
Wohl seh' ich trauernd die vergangne Torheit;
Doch schon erquickt mich die gehoffte Freude.

Darum beschwör' ich euch bei jener Kraft,
Die euch zum Gipfel führt von diesen Stufen,
Daß ihr bei Zeiten meines Leid's gedenket! -

Drauf barg er sich im Feuer, das sie läutert.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 27
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 27

Wie wenn sie ihre ersten Strahlen dorthin
Entsendet, wo sein Blut vergoß ihr Schöpfer,
Indem die Wage überm Ebro steht

Und Mittagsglut erhitzt des Ganges Welle,
So stand die Sonne und es ging zu Ende
Der Tag, als uns erschien der Engel Gottes.

Am Ufer stand er außerhalb der Flamme
Und: Selig sind, die reines Herzens - sang er
Viel hellren Tones, als der Menschen Stimme.

Dann, als wir näher ihm gekommen, sagt' er:
Bis euch das Feuer brannt', ihr heil'gen Seelen,
Dürft ihr nicht weiter; geht denn in die Flammen

Und schließt dort drüben dem Gesang' eu'r Ohr nicht. -
Als ich dies Wort vernahm, ward ich an Blässe
Dem Manne gleich, der lebend ward begraben.

Und in die Flamme blickend, dacht' ich lebhaft
Der Menschenleiber, die ich brennen sah,
Und bog mich vorwärts mit verschränkten Händen.

Die gütigen Gefährten wandten beide
Sich zu mir, und es sprach Virgil: Mein Sohn,
Hier kann es Qualen, aber Tod nicht gelten.

Gedenke, o gedenk' ... und wenn vor Schaden
Ich auf dem Rücken Geryon's dich schützte,
Was werd' ich tun, Gott um so vieles näher.

Vertraue mir, daß, wenn du auch im Schoße
Von dieser Flamme tausend Jahre weiltest,
Sie doch dir nicht ein Härlein rauben könnte.

Und glaubtest du vielleicht, daß ich dich täusche,
So tritt heran und deines Kleides Saum
Belehrt dich, hältst du ihn in dieses Feuer.

Laß fahren denn jedwede Furcht und wende
Dich hierher, schreite zuversichtlich vorwärts. -
Doch ich blieb stehn, unfolgsam dem Gewissen.

Als er mich also stehn sah unbeweglich,
Sprach er, etwas erzürnt: Nun denn, mein Sohn,
Von Beatrice trennt dich diese Mauer. -

Wie, sterbend, Pyramus bei Thisbe's Namen
Die Augen aufschlug, um sie anzublicken,
Als rot des Maulbeerbaumes Frucht sich färbte,

So wandte ich, mit nun erweichtem Trotze,
Mich zu dem süßen Führer bei dem Namen,
Der unablässig sprießt in meiner Seele.

Dann schüttelt' er die Stirn und sprach: Was meinst du
Ob wir nicht bleiben? - und dann lächelt' er
Wie, wenn ein Kind der Apfel zwang, man tut.

Drauf trat er vor mir in die Feuersgluten
Und hinter mir zu gehen bat er Statius,
Der uns getrennt den langen Weg her hatte.

In siedend Glas hätt' ich mich, als dort innen
Ich war geworfen um mich abzukühlen,
So über alles Maß war dort die Hitze.

Mein süßer Vater sprach zu mir im Gehen,
Mir Mut zu geben, nur von Beatrice
Und sagt': Ihr Auge schon zu sehen däucht mir. -

Und ein Gesang, von jenseits zu uns tönend,
Geleitet' uns, und auf ihn merkend traten
Wir aus den Flammen da, wo man emporsteigt.

»Kommt zu mir, die mein Vater hat gesegnet!«
Erscholl aus einem Licht von solchem Glanze,
Daß, überwältigt, ich's nicht anschaun konnte.

Die Sonne sinkt, so sprach die Stimme weiter,
Der Abend kommt, beschleunigt drum die Schritte,
Bevor im Westen dunkel wird der Himmel. -

Grad' aufwärts stieg der Weg durch das Gestein
In solcher Richtung, daß der Sonne Strahlen,
Die schon tief unten stand, ich vor mir deckte.

Erst wenig Stufen hatten wir erprobt,
Als ich und meine Weisen, weil mein Schatten
Verlosch, den Untergang der Sonne spürten.

Und ehe noch in all den weiten Räumen
Gleichfarbig war der Horizont geworden
Und eh die Nacht sich ganz verbreitet, hatte

Sich jeder eine Stuf' als Bett erkoren;
Denn die Beschaffenheit des Berges raubte
Uns nicht die Lust, jedoch die Kraft zum Steigen.

Wie wenn zur Zeit der ärgsten Sonnengluten
Die Ziegen, die, bevor sie sich gesättigt,
Keck und behende um die Gipfel klimmten,

Schweigsam und zahm im Schatten wiederkäuen,
Indes der Hirt, auf seinen Stab gelehnt,
Sie hütet, ihnen Sicherheit verheißend,

Und wie der Schäfer, wenn er draußen herbergt,
Bei seiner Herde ruhig übernachtet,
Acht habend, daß kein Raubtier sie zerstreue:

So waren wir selbdritt zu jener Stunde,
Den Hirten sie, der Zieg' ich zu vergleichen,
Vom Felsen eingeengt zu beiden Seiten.

Von dem was draußen war, sah dort man wenig;
Doch an dem Wenigen sah ich viel heller
Und größer als ich sonst gewöhnt die Sterne.

In solchem Sinnen und im Schaun auf jene
Befiel mich Schlaf, der Schlaf, der manchesmal
Von Dingen Kunde hat noch eh sie kamen.

Zur Stunde, dünkt mich, wo vom Morgenhimmel
Den Berg zuerst Cytherens Stern bestrahlte,
Der stets zu glühen scheint im Liebesfeuer,

Glaubt' ich ein junges, schönes Weib im Traume
Zu sehen, die auf einer Aue wandelnd
Sich Blumen brach und singend also sagte:

Wer meinen Namen wissen will, vernehme,
Ich heiße Lea, meine schönen Hände
Beweg' ich um mir einen Kranz zu winden.

Um mir im Spiegel zu gefallen, schmück' ich
Mich hier; doch Schwester Rahel kehrt von ihrem,
Vor dem sie immer sitzt, die Blicke nie.

Sie sieht so gern in ihre schönen Augen,
Als ich mich gerne mit den Händen schmücke;
Sie freut am Schauen sich, wie ich am Wirken. -

Es floh schon vor dem Glanz der Morgenfrühe,
Den, wenn der Pilger heimkehrt, um so lieber
Er kommen sieht, je ferner er genächtigt,

Die Finsternis der Nacht in jeder Richtung.
Mit ihr entfloh mein Schlaf und ich erhob mich,
Da ich schon aufrecht sah die großen Meister.

Die süße Frucht, nach der auf so viel Zweigen
Der Menschen Sorge ausschaut, soll noch heute
Befriedigung all deinem Hunger geben. -

In diesen Worten sprach Virgil zu mir,
Und nimmer ward noch ein Geschenk gegeben,
Das Freude, diesem gleich verursacht hätte.

Und so verdoppelte sich mein Verlangen
Hinaufzukommen, daß bei jedem Schritte
Zum Flug' ich mir die Schwingen wachsen fühlte.

Als wir durchmessen nun die ganze Treppe
Und auf der obersten der Stufen standen,
Da richtete Virgil auf mich die Blicke

Und sprach: Das ew'ge und das zeit'ge Feuer,
Mein Sohn, hast du gesehn, und bist nun dorthin
Gelangt, wo mein Blick nicht mehr weiter reicht.

Mit Kunst und Weisheit führt' ich dich hierher;
Fortan nimm dein Gefallen nur zum Führer,
Nicht steile Pfade triffst du mehr noch enge.

Sieh dort die Sonne dir in's Antlitz scheinen,
Die Kräuter sieh, die Blumen und die Sträucher,
Die hier der Boden aus sich selbst erzeuget.

Hier unter ihnen ausruhn, oder wandeln
Darfst du, bis freudig dir die schönen Augen
Erscheinen, die mich weinend zu dir sandten.

Nicht harre meines Wink's noch meiner Rede,
Jetzt ist dein Wille frei, gesund und richtig;
Ihm nicht zu folgen wäre fehlerhaft,

Drum geb' ich über dich dir Kron' und Mitra.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 28
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 28

Den dichten Gotteswald, den lebensfrischen,
Der meinem Aug' das Licht des Tages dämpfte,
Ringsum und innen zu durchspähn verlangend,

Verließ ich ohne Zaudern nun den Bergrand,
Und auf dem Plan, dem Duft ringsum entströmte,
Durchwandelt' ich die Flur langsamen Schrittes.

Ein süßer Luftzug, frei von jedem Wechsel
In seinem Hauch, berührte mir die Stirne,
Nicht stärker als das Wehen leisen Windes.

Es neigten sich, davon gelind' erzitternd,
Die Blätter allesamt nach jener Seite,
Nach der des Berges erster Schatten fällt;

Doch sie entfernten von der graden Richtung
Sich so nicht, daß in Übung ihrer Kunst
Gestört die Vöglein auf den Wipfeln wären.

Nein, freudig grüßten sie die Morgenstunde
Mit Lobgesang, verborgen in dem Laube,
Das summend ihrem Lied als Grundbaß diente,

So wie im Pinienwald von Zweig zu Zweige
Es rauschet dort am Meeresstrand von Chiassi
Wenn den Scirocco Aeolus entfesselt.

Schon hatten, die ich langsam tat, die Schritte
So weit mich in den alten Hain getragen,
Daß meines Eintritts Ort ich nicht mehr sah,

Als mir ein Bach das Weitergehn verwehrte,
Von dessen kleinen Wellen sich die Gräser,
Die ihm am Ufer sproßten, linkshin neigten.

Das lauterste der Wässer hier auf Erden
Getrübt erscheinen würd' es gegen dieses,
Das nichts von dem verbirgt, das es bedecket,

Obwohl in tiefem Dunkel es dahinfließt
Des ew'gen Schattens, der dorthin zu strahlen
Der Sonne nie und nie dem Mond verstattet.

Wohl stand mein Fuß; jedoch es überschritten
Den Fluß die Augen um der frischen Maien
Zahllose Mannigfaltigkeit zu schauen.

Da sah ich, wie man plötzlich wohl gewahr wird
Was durch das Staunen, das es in uns wachruft,
Verscheucht jedweden anderen Gedanken,

Ein holdes Weib, die einsam vor sich hinging
Und singend unter all den Blüten wählte,
Die ihren Weg mit bunten Farben malten.

O schönes Weib, die an der Liebe Strahlen
Du dich entflammst, darf ich dem Aussehn glauben,
Das von dem Herzen Zeugnis pflegt zu geben,

Gefall' es dir, zu diesem Bache näher
Heranzutreten - so sprach ich sie an -
Damit ich was du singst, vernehmen möge.

Du mahnst mich, wie und wo Proserpina
Zu jener Stunde war, als sie der Mutter
Verloren ging, und ihr der Blütenfrühling. -

So wie beim Tanze sich ein Mägdlein wendet,
Die Sohlen hart am Grund und aneinander,
Und einen Fuß kaum vor den andren setzet,

So wandte auf den rot und gelben Blumen
Sie sich zu mir, der Jungfrau, welche sittsam
Den Blick zu Boden schlägt, in allem gleichend.

Und also sich mir nähernd, daß des süßen
Gesanges Wortverständnis mich erreichte,
Gewährte meinen Bitten sie Erfüllung.

Als dorthin sie gelangt war, wo die Gräser
Schon von dem Naß des schönen Bach's benetzt sind,
Schlug sie, mich zu erfreun, die Augen auf.

Ich glaube nicht, daß unter Venus' Wimpern,
Als sie der Sohn, ganz wider seine Weise,
Verwundet hatte, solch ein Licht erglänzte.

Sie lächelte von jenem rechten Ufer,
Der Farben, welche samenlos dies Hochland
Hervorbringt, mehr noch mit den Händen sammelnd.

Nur um drei Schritte trennte uns das Flüßchen;
Doch von Leander ward der Hellespont
Nicht mehr gehaßt, weil da, wo Xerxes ihn

(Ein Zaum für Menschenstolz) einst überschritten,
Er zwischen Sestos und Abydos brandet,
Als dies von mir, weil sich's nicht vor mir auftat.

Neulinge seid ihr hier - also begann sie -
Und weil an diesem Orte, der zum Neste
Der Menschheit auserkoren ward, ich lächle,

Verwundert ihr euch wohl und tragt Bedenken
Der Psalm: »Du lässest, Herr, mich fröhlich singen«
Gibt aber Licht und scheucht des Geistes Nebel.

Und du, der Vordre, der du mich gebeten,
Sag' an, was du noch hören willst; bereit,
All deinen Fragen zu genügen, kam ich. -

Das Wasser, sprach ich, und des Waldes Rauschen
Bekämpfen in mir, was ich, dem zuwider,
Erst jüngst vernommen habe und geglaubt. -

Drauf sagte sie: Wie das, was dich verwundert,
Sich zuträgt, und warum will ich dir künden,
Und so den Nebel, der dich drückt, zerstreuen.

Das höchste Gut, das selbst nur sich genügt,
Schuf gut den Menschen und zum Heil, und schenkte
Ihm diesen Ort als Pfand des ew'gen Friedens.

Ob seines Fehltritts weilt' er hier nur wenig,
Ob seines Fehltritts tauscht' er Schmerz und Tränen
Für würd'ges Lächeln ein und süßes Spiel.

Damit die Störung, die nach unten hin
Des Wassers und der Erde Dünste, welche
Der Wärme soviel möglich nachgehn, wirken,

Den Menschen hier in keiner Art beläst'ge,
Erhebt der Berg, von dort ab wo man zuschließt
Von Dünsten frei, so weit sich himmelwärts.

Weil nun die ganze Luft, wenn der Bewegung
Kein Hindernis entgegentritt, im Kreise
Sich dreht, der ersten Himmelswölbung folgend,

So wird von der Bewegung dieser Gipfel,
Der frei hinausragt in die Luft, getroffen
Und Rauschen in dem dichten Hain geweckt.

Und die berührte Pflanz' ist so beschaffen,
Daß sich mit ihrer Kraft die Luft erfüllt,
Die diese, ringsum kreisend, fallen läßt.

Der andre Boden, je nachdem er würdig
Durch sich und seinen Himmel ist, empfängt
Und zeuget Kräuter mannigfacher Art.

So wundr' es euch, nachdem ihr dies vernommen,
Nicht mehr, wenn, ohne daß ihr Samen spürtet,
Zu Zeiten neue Pflanzen bei euch keimen.

Und wissen sollst du, daß von jedem Samen
Die heil'ge Fläche, wo du bist, erfüllt ist,
Und Früchte, die man dort nicht bricht, hervorbringt.

Das Wasser hier entspringt aus keiner Ader,
Die sich ergänzt durch abgekühlte Dünste,
Wie Flüsse tun, die mehr und minder schwillen;

Lebend'gem, wandellosem Quell entstammt es,
Der was er nach den beiden Seiten ausströmt,
So viel zurückempfängt durch Gottes Willen.

Er fließet diesseits mit der Kraft hernieder,
Zu tilgen die Erinnerung der Sünde;
Die guten Taten stellt er jenseits her.

Diesseitig Lethe, jenseits Eunoe
Wird er geheißen, und damit er wirke,
Muß er erst hier, dann dort gekostet werden.

Nichts andres kommt an Wohlgeschmack ihm gleich.
Und könnt' auch, wenn ich dir nicht mehr entdeckte,
Dein Durst befriedigt sein in vollem Maße,

Will einen Zusatz ich aus Gunst dir schenken,
Und minderwert wird schwerlich meine Rede
Dir sein, geht weiter sie als ich verheißen:

Vielleicht, daß die vor Alters goldne Zeiten
Und deren Glück in ihrem Lied geschildert,
Von diesem Ort auf dem Parnasse träumten.

Hier war der Menschheit Wurzel ohne Schuld,
Hier reift jedwede Frucht bei stetem Frühling,
Der Quell hier ist der vielgenannte Nektar. -

Da wandt' ich ganz zu meinen beiden Dichtern
Mich um und sah, wie sie nicht ohne Lächeln
Der Rede letzten Satz vernommen hatten.

Zum holden Weibe kehrt' ich dann das Antlitz.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 29
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 29

Gleich einem liebentbrannten Mädchen singend
Fuhr sie nach ihren letzten Worten fort:
»Wohl denen, deren Sünden sind bedecket.«

Und wie von Nymphen, die im Waldesschatten
Lustwandelten, die eine wohl den Anblick
Der Sonne mied, indes die andr' ihn suchte,

Ging dann dem Lauf des Baches sie entgegen
Am Ufer hin, ich aber tat das Gleiche,
Mit kleinem Schritt dem kleinen Schritte folgend.

Kaum hundert Schritte hatten wir zusammen
Getan, als sich die beiden Ufer wandten,
Weshalb ich wiederum dem Morgen zuging.

Nicht waren lange also wir gegangen,
Da sprach das holde Weib zu mir gewendet:
Nun, Bruder, merke auf mit Ohr und Auge. -

Und siehe, plötzlich strömt' ein helles Leuchten
Von allen Seiten durch den weiten Wald,
So daß ich zweifelte, ob das ein Blitz sei.

Doch weil der Blitz, wie er gekommen, aufhört,
Dies Leuchten aber heller ward und heller,
So sagt' ich in Gedanken: Was kann das sein? -

Und durch die lichterfüllte Luft hin strömte
Gar süße Melodie, so daß mein Eifer
Eva's Vermessenheit mich schelten ließ,

Die, wo gehorsam waren Erd' und Himmel,
Ein einzeln Weib und eben erst geschaffen,
Daß etwas ihr verhüllt sei, nicht ertrug;

Denn, hätte folgsam sie die Hüll' ertragen,
So wären jene namenlosen Wonnen
Mir früher und auf läng're Zeit geworden.

Und während, wie verzückt, ich unter allen
Den Erstlingsfrüchten ewgen Heils dahinging
Und immer neue Seligkeit verlangte,

Ward vor uns unter all den grünen Zweigen
Die Luft so licht wie helle Feuerflammen,
Und als Gesang der süße Ton vernehmbar.

O heil'ge Jungfrau'n, wenn ich jemals Hunger
Um euch ertrug, Nachtwachen oder Frost,
So hab' ich Grund, den Lohn nun zu begehren.

Der Quelle Helikon's bedarf ich jetzt
Und daß Urania und ihr Chor mir helfe,
In Versen schwer zu Denkendes zu sagen.

Nur wenig weiter fälschte mir die große
Entfernung, die noch zwischen uns und ihnen
Bestand, das Scheinbild sieben goldner Bäume;

Doch als so nah ich war herangekommen,
Daß trügerische Gleichheit der Gestalt
Nichts vom Besondren mehr entgehn mir ließ,

Erkannte jene Kraft, die Unterscheidung
Dem Geiste bietet, daß es Leuchter waren,
Und im Gesang der Stimmen »Hosianna!«

Viel heller flammt' am ob'ren Teil das schöne
Gerät, als Mitternachts bei heitrem Himmel
Der Mond in seines Monats Mitte leuchtet.

Voll Staunen wandt' ich mich zurück zum guten
Virgil, und Antwort gaben seine Züge,
Worin Verwundrung sich nicht minder aussprach;

Dann richtet' ich auf jene hohen Dinge
Nochmals das Angesicht, die uns so langsam,
Daß schneller junge Bräute gehn, sich nahten.

Es schalt das holde Weib mich: Was entbrennst du
So in dem Anblick der lebend'gen Lichter,
Und achtest nicht auf das, was ihnen nachfolgt? -

Da sah den Lichtern ich, als ihren Führern,
Gestalten folgen, angetan in Weiß,
Wie es hienieden nie so rein gesehn ward.

Des Baches Wasser glänzte mir zur Linken
Und gab das Abbild meiner linken Seite,
Blickt' ich hinein, zurück gleich einem Spiegel.

Als ich am Ufer soweit war gekommen,
Daß nur des Flüßchens Breite noch mich trennte,
Hemmt' ich die Schritt' um besser sehn zu können.

Es ließen, wie sie sich voran bewegten,
Die Flämmlein Streifen in der Luft zurück,
Die losgelöster Wimpel Aussehn hatten.

So war der Himmel dort von sieben Streifen
Durchzogen, in denselben Farben wie
Der Sonne Bogen und des Mondes Gürtel.

Nach rückwärts reichten weiter diese Banner,
Als meine Sehkraft, und den Zwischenraum
Der beiden äuß'ren schätzt' ich auf zehn Schritte.

Von diesem schönen Himmel überwölbt,
Sah vierundzwanzig Älteste, zu Zweien
Und Zwei'n, bekränzt mit Lilien ich kommen.

Und alle sangen sie: Gebenedeiet
Sei'st unter Adams Töchtern du und ewig
Gebenedeiet werde deine Schönheit. -

Als wieder frei die Blumen und die Kräuter
Des Ufers, das mir gegenüberlag,
Von der erles'nen Schar geworden waren,

Da folgten, wie dem einen Licht am Himmel
Ein andres Licht zu folgen pflegt, vier Tiere,
Ein jegliches bekränzt mit grünem Laube.

Befiedert mit sechs Flügeln war ein jedes,
Die Federn zeigten Augen; also würden
Des Argus Augen sein, wär' er lebendig.

Mehr Verse ihre Form zu schildern, spar' ich;
So nötig brauch' ich sie zu andrem Zwecke,
Daß hier sie zu verschwenden mir verwehrt ist.

Lies denn, o Leser, den Hesekiel,
Der sie von Mitternacht mit Wolk' und Feuer
Im ungestümen Winde kommen sah.

Wie du sie finden wirst auf seinen Blättern,
So waren sie; nur daß Johannes anders
Als er die Flügel schildert und mir Recht gibt.

Es war im Raume zwischen diesen Vieren
Ein Siegeswagen, ruhend auf zwei Rädern,
Und diesen zog ein Greif an seinem Halse.

Er streckte zwischen jener Streifen mittler'n
Und drei und drei'n nach oben seine Flügel,
So daß verletzend keinen er berührte.

Sie ragten weiter auf als meine Blicke;
Die Glieder waren Gold, soweit des Vogels
Gestalt ging, aber rot und weiß die andren.

Nicht nur, daß Africanus und August
Ihr Rom mit schön'rem Wagen nie erfreuten,
Nein, gegen ihn wär' arm auch der der Sonne,

Der Wagen, welcher auf der frommen Erde
Gebet, weil abgeirrt er war, verbrannt ward,
Als Jupiter geheimnisvoll gerecht war.

Es tanzten um das rechte Rad im Kreise
Drei Frau'n, und eine war so rot, daß kaum
Im Feuer man sie unterschieden hätte.

Die andre war nicht anders anzuschauen,
Als ob smaragden Fleisch und Bein lie hätte;
Es glich die Dritte frisch gefallnem Schnee.

Bald schienen von der Weißen sie geleitet,
Bald von der Roten, und nach deren Liede
Bemaßen sie des Tanzes Eil' und Säumen.

Zur Linken tanzten vier den Festesreigen,
Und alle waren sie gehüllt in Purpur,
So wie die eine, die drei Augen hatte.

Und hinter alle dem was ich geschildert,
Sah ich zwei Greise von verschiedner Kleidung,
Im Ausdruck aber beide fest und ehrbar.

Der eine zeigte sich als ein Vertrauter
Hippokrates' des großen, den Natur
Den Tieren schenkte, welche ihr die liebsten.

Es wies des andren Schwert, das blank und scharf war,
So daß von jenseits es mir Furcht erweckte,
Auf ein Bestreben umgekehrter Art.

Dann sah ich vier von gar bescheidnem Aussehn,
Und einzeln hinter allen kam ein Greis
Mit klugem Angesicht, in Schlaf versunken.

So wie die Vordren waren diese Sieben
Gekleidet; doch um ihre Häupter blühten
Nicht Lilien, wie sie es bei jenen taten,

Nein Rosen nur und andre rote Blumen,
So daß man, nahe selbst, geschworen hätte,
Sie stünden, oberhalb der Brau'n, in Flammen.

Als gegenüber mir der Wagen war,
Ertönt ein Donnerschlag, der jenen Würd'gen
Das Weitergehn zu untersagen schien,

Da still sie standen gleich den vordren Fahnen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 30
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 30

Als so des ersten Himmels Nordgestirn,
Das Aufgang nie gekannt und Niedergang,
Noch anders als durch Sünde je umwölkt ward,

Und das, wie denen, die, den Hafen suchend
Das Steuer drehn, der niedre Nordstern tut,
So jedem dort verkündet was ihm obliegt,

Nun stillstand, wandte die wahrhafte Schar,
Die bis dahin vom Greifen es getrennt,
Dem Wagen sich als seinem Ziele zu.

Wie gottgeheißen, rief der eine singend
Dreimal: Komm meine Braut vom Libanon! -
Und alle andren folgten seinem Beispiel.

Beim jüngsten Aufruf werden so die Sel'gen,
Aus seiner Höhle jeder, schnell erstehen,
Mit neuer Stimme Halleluja singend,

Wie auf dem göttlichen Gefährte hundert,
Des ewgen Lebens Diener und Gesandte,
Auf solchen Greises Stimme sich erhoben.

»Gelobt sei der da kommt«, so sagten alle,
Und, Blumen werfend rings und drüberhin:
»O streuet Lilien aus mit vollen Händen!«

Wohl sah ich schon bei dem Beginn des Tages
Des Himmels Osten ganz wie Rosen glühn
Und anderweit in lichter Bläue glänzen,

Auch sah beim Aufgehn ich verhüllt die Sonne,
So daß das Auge durch der Dünste Mild'rung
Sie anzublicken läng're Zeit vermochte;

So ward ich in der Wolke jener Blumen,
Die sich erhoben aus der Engel Händen
Und niederfielen innen so wie außen,

Ein Weib gewahr, die über weißem Schleier
Bekränzt mit Öllaub, unter grünem Mantel
Gekleidet war in heller Flamme Farben.

Und, der so lange schon durch ihre Nähe
Nicht mehr vor Staunen zitternd sich bewältigt
Gefühlt, mein Geist, empfand, obwohl die Augen

Ihm weitre Kunde noch nicht mitgeteilt,
Auf Grund geheimer Kraft, die von ihr ausging,
Der alten Liebe mächtige Gewalt.

Als nun von jener hohen Kraft mein Auge
Getroffen ward, die, eh' das Knabenalter
Ich überschritten, todeswund mich machte,

Wandt' ich zur Linken mich mit dem Vertrauen,
Mit dem das Kind zu seiner Mutter eilt,
Wenn es sich fürchtet, oder schon versehrt ist,

Um zu Virgil zu sagen: Nicht ein Quentchen
Von Blut ist mir geblieben, das nicht bebte;
Der alten Flamme Spuren kenn' ich wieder. -

Allein entzogen hatte uns Virgil
Sein teures Selbst, Virgil, der süße Vater,
Virgil, dem ich zum Heile mich ergeben.

Und alles, was verwirkt die erste Mutter,
Nicht hindert es die taugeklärten Wangen,
Aufs neue sich durch Tränen zu verdüstern.

Dante, nicht weil Virgil von hinnen ging,
Sollst du schon weinen, darum noch nicht weinen;
Ein andres Schwert noch wird dich weinen machen. -

So wie vom Steuer bald und bald vom Schnabel
Ein Admiral erspäht, wie auf den Schiffen
Die Mannschaft tätig ist und sie ermuntert,

So sah ich, als beim Klange meines Namens,
Den ich genötigt bin hier einzutragen,
Ich mich gewandt, am linken Rand des Wagens

Das hohe Weib, die von den Blumenspenden
Der Engel mir verhüllt zuerst erschien,
Auf mich, der diesseit stand, die Augen richten,

Obwohl, umkränzet von Minervas Laube,
Der Schleier, der von ihrem Haupte wallte,
Sie unvollkommen nur erkennen ließ.

Und sie fuhr fort, mit königlichem Stolze
Im Ausdruck, dem vergleichbar, der beim Sprechen
Der Rede wärmsten Teil sich vorbehält:

Sieh uns nur an! Wohl bin ich's, bin Beatrice.
Wie wagtest diesem Berge du zu nahen?
Weißt du nicht, daß der Mensch hier glücklich ist? -

Zum klaren Bach senkt' ich das Auge nieder;
Doch als ich drin mein Bild sah, drückte Scham
Mir so die Stirn, daß ich's zur Matte wandte.

So scheint die Mutter fremd und hart dem Kinde
Wie sie mir schien, und bitter war für mich
Des herben Mitleid's brennender Geschmack.

Kaum schwieg sie, so begann der Engel Chor:
Den Psalm »Auf dich, Herr, traue ich« zu singen;
Doch weiter nicht, als »stellest meine Füße«.

Wie vom Nordost getrieben und verdichtet,
Und festgehalten von lebend'gen Balken,
Der Schnee zu Eis gefriert auf Wälschlands Rücken,

Und schmelzend dann in sich zusammensinkt,
Sobald es weht vom schattenlosen Lande,
Daß er sich auflöst, wie ein Licht am Feuer,

So konnt' ich Tränen nicht, noch Seufzer finden
Bis zum Gesange jener, deren Töne
Stets die Musik der Sphären wiedertönen;

Doch als in ihren süßen Melodie'n sie
Mir Mitleid zeigten, mehr als ob: O Herrin,
Was tust du ihm so weh? - gesagt sie hätten,

Da ward der Frost, der mir das Herz erstarrte,
Zu Hauch und Wasser, so daß mit Beklemmung
Er aus der Brust mir drang durch Mund und Augen.

Sie aber, fest auf der gedachten Seite
Des Wagens stehend, richtet' ihre Rede
An jene frommen Wesen solcherweise:

Ihr wacht ohn' Unterlaß im ew'gen Tage,
So daß euch keinen Schritt, der auf den Wegen
Der Welt getan wird, Nacht und Schlaf entziehn.

Drum fass' ich meine Antwort mehr zum Zwecke,
Daß der mich höre, der dort jenseits weinet,
Damit der Schuld das Maß des Schmerzes gleiche.

Nicht durch die Gunst allein der hohen Räder,
Die, je nachdem die Sterne günstig sind,
Jedweden zu bestimmtem Ziele leiten;

Auch aus der Fülle höchster Gnadenspende,
Die aus so hohem Dunstkreis Regen schöpft,
Daß nicht annähernd unser Aug' hinanreicht,

War dieser so in seinem neuen Leben
Begabt, daß Übung rechter Art
Bewundernswürdigen Erfolg verhieß.

Doch um so wilder wird, um so verderbter,
Schlecht angebaut und schlecht besä't, das Erdreich,
Je mehr von guter Bodenkraft ihm inwohnt.

Mit meinem Antlitz hielt ich eine Zeit ihn.
Indem die jungen Augen ich ihm zeigte,
Führt' ich ihn mit mir in der rechten Richtung;

Doch, als die Art des Lebens ich vertauschte
An meines zweiten Lebensalters Schwelle,
Macht' er sich los von mir und gab sich andren.

Als ich vom Fleisch erhoben war zum Geiste
Und Schönheit mir, wie Kraft gewachsen waren,
Ward minder lieb ich ihm und minder wert.

Zu falschen Wegen wandt' er seine Schritte,
Den Bildern trügerischen Heiles folgend,
Die kein Versprechen halten, das sie gaben,

Auch half es nicht, daß Zeichen ich erwirkte,
Durch die in Träumen ich und andrer Weise
Zurück ihn rief; so war er mir entfremdet.

Er fiel so tief, daß nur das eine Mittel
Zu seinem Heile blieb, vor allen andren:
Die Scharen der Verdammten ihm zu zeigen.

Um seinethalb hab' ich der Toten Pforte
Besucht, und meine Bitten unter Tränen
Dem dargebracht, der ihn hieher geleitet.

Ein hohes, göttliches Verhängnis würde
Gebrochen sein, wenn ohne ein'gen Zoll
Der Reu', die Tränen auspreßt, solche Frucht

Gekostet würd' und Lethe überschritten. -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 31
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 31

Der jenseit du des heil'gen Flusses weilest,
Begann fortfahrend sie ohn' alles Säumen,
Indem der Rede Spitze, deren Schneide

Mir schon so weh tat, gegen mich sie kehrte,
Sag' an, ob wahr ich sprach? denn zu so schwerer
Beschuldigung muß dein Geständnis treten. -

Es war so gänzlich meine Kraft gebrochen,
Daß sich die Stimme regte, aber tonlos
Erlosch, eh' ihr Organ sie kundgegeben.

Nach kurzem Warten sagte sie: Was denkst du?
Antworte mir; das Wasser hat die trüben
Erinnerungen dir noch nicht genommen. -

Furcht und Beschämung preßten miteinander
Verbunden solch' ein Ja! aus meinem Munde,
Daß durch das Aug' es nur vernehmbar ward.

So wie die Armbrust, die zu straff gespannt ist,
Drückt man sie los, so Sehne bricht als Bogen,
Weshalb der Pfeil mit mindrer Kraft das Ziel trifft,

So brach ich ob der großen Last zusammen,
Und Tränen quollen vor und so viel Seufzer,
Daß an der Pforte sie die Stimme schwächten.

Und sie zu mir: Was fandest im Verlangen
Nach mir, das jenes Gut dich lieben lehrte,
Jenseits von dem kein Ziel die Sehnsucht findet,

Für Ketten du und welche Wäll' und Gräben,
Die dir die Hoffnung, ihrer Herr zu werden
Und vorzuschreiten so benommen hätten?

Und welcher Vorteil, welch Entgegenkommen
Hat sich auf andrer Güter Stirn gezeigt,
Daß deine Schritte du zu ihnen kehrtest? -

Nachdem ich bitter aufgeseufzt und tief,
Gewann zur Antwort mühsam ich die Stimme
Und kaum gelang dem Mund der Worte Bildung:

Die gegenwärt'gen Dinge, sagt' ich weinend,
Sie wandten mir durch falsche Lust die Schritte,
Sobald eu'r Angesicht sich mir verborgen. -

Und sie: Ob du verschwiegst, ob leugnetest
Was du gestanden, wäre deine Schuld
Nicht minder kundig, solch ein Richter kennt sie

Doch, klagt mit eignem Mund der Schuldige
Sich selber an, so kehrt an unsrem Hofe
Des Schleifsteins Rad der Schneide sich entgegen.

Allein, damit du jetzo deines Irrtums
Dich schämest, und wenn künftig die Sirenen
Du wieder hörst, du größre Kraft bewährest,

So hemme nun der Tränen Quell und höre
Wie dir ein Antrieb umgekehrten Sinnes
Mein eingesargtes Fleisch zu sein bestimmt war.

Nie wies Natur, nie Kunst, dir solche Wonne,
Als es die schönen Glieder taten, die mich
Umschlossen und auf Erden nun zerstreut sind.

Und schlug durch meinen Tod die höchste Wonne
Dir also fehl, wie konnte dann ein andres
Sterbliches Ding noch dein Verlangen wecken?

Wohl hätt'st du dich schon bei dem ersten Pfeile
Der trügerischen Dinge, mir zu folgen,
Die nicht mehr sterblich war, aufschwingen sollen.

Nicht durften Mädchen dir, noch Eitelkeiten,
Die nutzlos rasch vergehn, die Flügel hemmen,
Daß ausgesetzt du weitren Schlägen bliebest.

Ein junges Vöglein läßt sich mehrmals täuschen;
Doch vor der ausgewachs'nen Augen stellet
Umsonst man Netze aus und zielt mit Pfeilen. -

Wie Kinder die gefehlt, sich schämend, schweigen
Und niederblickend ihre Schelte hören,
Den Fehl erkennend und die Tat bereuend,

So stand ich, und sie sagte: Schmerzt dich schon
Was du gehört, so hebe nun den Bart auf,
Und größren Schmerz wird was du siehst dir bringen. -

Wohl mit geringrem Widerstande kämpft
Der Nordwind, oder der aus Jarba's Lande,
Wenn einen kräft'gen Eichbaum er entwurzelt,

Als ihr Geheiß, daß ich das Kinn erhebe.
Und wie den Bart statt des Gesichts sie nannte,
Verstand ich wohl das Gift der Redeweise.

Als ich mein Angesicht nun aufgerichtet,
Ward ich gewahr, wie jene ersten Wesen
Mit ihrem Blumenstreuen innehielten.

Mein Aug' indes sah, scheu noch und unsicher,
Beatrix zu dem Tiere, das nur eine
Person in zwei Naturen ist, gewendet.

Verhüllt vom Schleier und jenseit des Wassers
Schien so viel schöner sie, als sie gewesen,
Wie hier sie alle andren überragte.

Da brannte mich so sehr der Reue Nessel,
Daß mir, welch' andres Ding zur Lieb' am meisten
Mich je gelockt, das feindlichste nun wurde.

So brannt' in meinem Herzen Schuldbewußtsein,
Daß ich bewältigt niedersank, - und sie,
Die das bewirkte, weiß in welchem Zustand.

Als dann das Herz den Sinnen wieder Kraft gab,
Sah ich das holde Weib, das ich allein fand,
Nun über mir, und: Fasse mich nur! - sprechend.

Sie zog mich, den sie in den Fluß getaucht
Bis an die Kehle, nach, und auf dem Wasser
Ging sie so leicht als wie ein Weberschiffchen.

Als ich dem seelgen Ufer nahe war,
Hört' ich: »Entsünd'ge mich« so süßen Tones,
Daß ich's nicht sagen, ja nicht denken kann.

Es öffnete das schöne Weib die Arme
Und tauchte mich, mein Haupt umfassend, unter,
Weshalb notwendig Wasser ich verschluckte.

Dann zog sie mich heraus, und den Benetzten
Bot sie dem Reigen der vier Schönen dar,
Und ihrer jed' umfing mich mit den Armen.

Hier sind wir Nymphen, doch am Himmel Sterne;
Bestellt sind wir zu ihren Dienerinnen,
Noch eh Beatrix niederstieg zur Erde.

Vor ihre Augen woll'n wir dich geleiten;
Doch schärfen für das heitre Licht in ihnen
Die drei, die tiefer blicken, erst die deinen. -

Also begannen singend sie und führten
Mich dann der Brust des Greifen gegenüber,
Wo zu uns hergewandt Beatrix weilte.

Dann sagten sie: Nun spare nicht die Blicke!
Vor die Smaragden stellten wir dich hin,
Draus Amor einst dir seine Pfeile sandte. -

Es zog die meinen zu den Strahlenaugen
Verlangen tausendfach, wie Flammen glühend;
Sie aber hafteten am Greife nur

Nicht anders strahlte drin, als wie im Spiegel
Die Sonne strahlt, das zwiegestalt'ge Tier,
In dieser bald und bald in andrer Weise.

Erwäge, Leser, ob ich mich verwundert,
Als ich die Sache, ruhig in sich selber,
In ihrem Abbild so sich wandeln sah.

Noch nährte froh und staunend meine Seele
Sich von der Speise, die zwar mit sich sättigt,
Doch immer neuen Hunger nach sich wachruft.

Da traten, höhre Abkunft in der Haltung
Verratend, die drei andren Frau'n hervor
Und tanzten vor dem Engelswagen her.

Beatrix, wende deine heil'gen Augen
Nun deinem Treuen zu, so war ihr Lied,
Der, dich zu sehn, so manchen Schritt getan hat.

Tu' uns die Gnad', aus Gnade deinen Mund
Ihm also zu enthüllen, daß er auch
Die zweite Schönheit, die du birgst, erkenne. -

O Glanz des ewigen, lebend'gen Lichtes!
Wer bleichte so in des Parnasses Schatten
Die Wange, wer trank so aus seinem Brunnen,

Daß nicht umnebelt dann sein Geist erschiene,
Wenn er, zu schildern, wie du war'st versuchte,
Als du, von Himmelsharmonien umschattet,

Dein Angesicht der freien Luft enthülltest!


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 32
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 32

So haftete mein Auge fest und eifrig,
Zehn Jahre langen heißen Durst zu stillen,
Daß tot die andren Sinne sämtliche schienen.

Mit einer Wand umgab sie rechts und links
Gleichgültigkeit; so zog das heil'ge Lächeln
Sie mit dem alten Netze zu sich hin.

Da ward gewaltsam nach der linken Seite
Von jenen Göttinnen mein Blick gewandt;
Denn ich vernahm: Nicht allzustier! - sie sagen.

Und jener Zustand, der die Augen blendet,
Wenn eben erst die Sonne sie getroffen,
Beraubte mich auf ein'ge Zeit der Sehkraft.

Als dann mein Aug' allmählich für Gering'res
Empfänglich ward (Gering'res im Vergleiche
Des Zuviel, dem mein Aug' entrissen war),

Gewahrt' ich, wie zur rechten Seite hin
Die heil'ge Schar gekehrt war, und das Antlitz
Zur Sonne wandte und den sieben Flammen.

Wie eine Kriegsschar, die, beschützt von Schilden,
Um sich zu retten fliehn will, mit der Fahne
Voraus, sich wendet, ehe ganz sie umkehrt,

So ging der Teil von jenem Himmelsheere,
Der erst voranging, ganz an uns vorbei,
Eh noch sein vordres Holz den Wagen wandte.

Dann stellten zu den Rädern sich die Frauen,
Und ohne, daß sich eine Feder regte,
Bewegte die geweihte Last der Greif.

Von Statius und von mir begleitet, folgte
Das holde Weib, die durch die Furth mich zog,
Dem Rade, das die kleinste Wendung machte.

Es regelte, als durch den Wald (der leer steht
Durch deren Schuld, die einst der Schlange glaubte)
Wir gingen, unsren Schritt ein Engelslied.

Vielleicht, daß solchen Raum in dreien Flügen
Ein losgelass'ner Pfeil durchmißt, als wir
Zurückgelegt, da Beatrice abstieg.

Da hört' ich murrend alle »Adam« sagen.
Drauf kreisten sie um einen Stamm, des Zweige
Beraubt der Blüten waren, wie der Blätter.

Sein Haar, das um so weiter sich verbreitet,
Je mehr es aufsteigt, würd' ob seiner Höhe
Selbst in den Wäldern Indiens Staunen wecken.

Gesegnet sei'st du, Greif! daß dieses Holzes
Dein Schnabel sich enthält, obwohl es süß schmeckt;
Denn übel wurmt es hinterdrein im Bauche. -

So schrie'n, rings um den kräft'gen Baum, die andren;
Das zwiegestalt'ge Tier dagegen sagte:
Also bewahrt man alles Rechtes Samen! -

Und zugewandt der Deichsel, die er lenkte,
Zog er zum Fuß sie des verwaisten Baumes
Und ließ an ihn, was von ihm war, gebunden.

Wie unsre Pflanzen, wenn das große Licht
Vermischt mit dem zur Erde niederfällt,
Das, auf die Himmelsfische folgend strahlt,

In ihren Knospen schwellen, und dann jede
In eigner Farbe sprießt, noch eh die Sonne
In andrem Sternbild ihre Rosse anschirrt,

So ward der Baum, der so verwaiste Zweige
Zuvor gewiesen, neu belebt, mehr Farbe
Als Veilchen, weniger als Rosen zeigend.

Den Hymnus, welchen jene Schar dann sang,
Verstand ich nicht; hier wird er nicht gesungen,
Auch konnt' ich bis zu Ende nicht ihn hören.

Wüßt' ich zu schildern, wie die strengen Augen
In Schlaf, als sie von Syrinx hörten, sanken,
Und längres Wachen dann so teuer zahlten,

Dann würd' ich, wie, wenn er ein Vorbild nachmalt,
Der Maler tut, wie ich in Schlaf fiel zeichnen;
Nun schildre, wie man einschläft, wer da Lust hat,

Drum übergeh' ich bis wo ich erwachte,
Und sag', ein Glanz zerriß des Schlafes Schleier
Mir mit dem Ruf vereint: Steh auf! was säumst du? -

So wie Johannes, Petrus und Jacobus,
Als sie (geführt, des Apfelbaumes Blüten,
Nach dessen Frucht die Engel selbst gelüstet

Und der im Himmel ew'ge Hochzeit feiert,
Zu sehn) entschlummert waren, bei dem Worte
Das tiefren Schlaf bezwungen hat, erwachten,

Und ihre Schule dann gemindert fanden
Sowohl um Moses als auch um Elias,
Und umgewandelt ihres Meisters Kleidung -

So sah, als mir Besinnung wiederkehrte,
Ich jene Fromme neben mir, die längs
Des Bachs geleitet hatte meine Schritte.

Wo ist Beatrix? - sagt' ich voller Zweifel.
Drauf jene: Siehe dort sie auf der Wurzel
Des neubelaubten Baum's im Schatten sitzen.

Sieh das Geleite, welches sie umgibt;
Die andren gehn dem Greife nach gen oben
Und singen süß're Lieder noch und tiefre. -

Nicht weiß ich, ob sie weiter noch gesprochen:
Schon hatten meine Augen die erfaßt,
Die mich für andres unempfänglich machte.

Sie saß allein auf dem wahrhaften Boden,
Geblieben, um den Wagen zu bewachen,
Den ich vom Doppeltier befest'gen sah.

Im Kreis' umschlossen sie die sieben Nymphen
Und trugen jene Lichter in den Händen,
Die sicher sind vor Nordwind oder Föhn:

Nur kurze Zeit noch wirst ein Gast du hier sein;
Dann bleibst du ewig Bürger jenes Rom's,
Von welchem Christus selbst ein Römer ist;

Darum, der Welt zum Nutz, die übel wandelt,
Sollst auf den Wagen du die Augen richten,
Und heimgekehrt, was du gesehn hast, schreiben, -

So sprach Beatrix, und, der ich bereit
Zu ihres Willens Füßen saß, ich wandte
So Geist als Augen dorthin, wo sie wollte.

Aus dichter Wolke schoß mit solcher Schnelle
Niemals die Flamme nieder, wenn der Regen
Von unsres Dunstkreis' fernster Grenze kommt,

Als durch den Baum den Vogel Jupiter's
Ich niederschießen sah, die Rinde splitternd
So wie die Blumen und die neuen Blätter.

Mit aller seiner Kraft traf er den Wagen;
Der aber wankte, wie ein Schiff in Nöten,
Das Wellen hinten bald, bald vorn bedrängen.

Dann sah ich in des Siegeswagens Wiege
Sich einen Fuchs voll Freßbegierde stürzen,
Der alles guten Futters ledig schien.

Doch meine Herrin zieh ihn schnöder Sünden
Und jagte ihn in so behende Flucht,
Als die Gebeine ohne Fleisch ihn trugen.

Dann aber sah ich in des Wagens Arche
Vom vor'gen Ort den Adler wiederkehren
Und seiner Federn einen Teil ihr lassen.

Wie aus der Brust die bitter sich beklaget,
So kam vom Himmel eine Stimm' und sagte:
Wie bist, mein Schifflein, übel du beladen! -

Dann war's, als täte zwischen den zwei Rädern
Der Grund sich auf, ausspeiend einen Drachen,
Der mit dem Schwanze das Gefährt durchbohrte.

Und, wie zurück den Stachel zieht die Wespe,
So riß, den bösen Schweif er nach sich ziehend,
Ein Stück vom Boden aus und floh behende;

Was übrig blieb, bezog, wie fettes Erdreich
Mit Grase, mit den Federn sich, die wohl
Gespendet waren in der besten Absicht.

Das ein' und andre Rad, die Deichsel auch
Bedeckten sich damit in solcher Schnelle,
Daß länger wohl den Mund ein Seufzer aufhält.

Also verwandelt, streckte dann das heil'ge
Gebäude Häupter vor aus seinen Teilen:
Drei aus der Deichsel, eins aus jeder Ecke.

Gehörnt wie die des Stieres, waren jene,
Nur ein Horn aber trugen die vier andren;
Ein ähnlich Ungetüm war nie zuvor.

Wie eine Burg auf hohem Felsen trotzig,
Sah auf dem Untier eine Hur' ich sitzen,
Die rings umher die frechen Blicke wandte,

Und neben ihr, hoch aufrecht, auf der Wacht,
Daß man sie ihm nicht raube, stand ein Riese,
Der geiler Küsse manchen mit ihr tauschte.

Als rings umschweifend sie das gier'ge Auge
Auf mich gerichtet, schlug der wilde Buhle
Vom Haupt sie bis zur Sohle mit der Geißel;

Dann aber lös't er voll Verdacht und zornig
Das Ungetüm und schleppt' es in den Wald
So weit hinein, daß dieser mich vom Anblick

Der Hure und des neuen Tiers befreite.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 33
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 33

In süßer Psalmodie begannen weinend
Die Frau'n: »Herr in dein Erbe sind die Heiden
Gefallen«, wechselnd ihrer drei und vier.

Beatrix aber horchte dem Gesange
So schmerzlich seufzend, daß am Fuß des Kreuzes
Nur wenig mehr Maria sich verfärbte.

Als ihrer Rede dann die andren Jungfrauen,
Indem sie selber schwiegen, Raum gegeben,
Erhob sie sich zur Antwort, rot wie Feuer:

In kurzem werdet ihr mich nicht mehr sehen;
Dann aber auch, ihr meine lieben Schwestern,
In kurzem werdet ihr mich wiedersehen. -

Voranzugehn befahl sie dann den Sieben
Dem holden Weib, und mir durch Wink gebietend,
Gleich Statius, der noch weilte, ihr zu folgen.

So ging sie, und nicht ihrer Schritte zehnten,
Bedünkt mich, hatte nieder sie gesetzt,
Als ihre Augen auf die meinen trafen.

Mit ruh'gem Ausdruck sprach sie: Geh geschwinder,
Damit, wenn ich die Rede an dich richte,
Du wohl bereitet sei'st, auf mich zu hören. -

Als neben ihr ich war, so wie ich sollte,
Begann sie: Bruder, da du mit mir kommst,
Warum mich zu befragen wagst du nicht? -

Wie denen, die bei zu viel Ehrerbietung
Mit dem, der höher steht, zu reden haben,
Kaum hörbar an die Zähne dringt die Stimme,

Also geschah mir; denn nur halbvernehmlich
Begann ich: Herrin, alles was mir nottut
Kennt ihr und so auch, was dafür mir gut ist. -

Von aller Furcht und Scham, das ist mein Wille,
Sollst du dich nun befrein, so sagte sie,
Daß du nicht redest, wie ein Mann der träumet.

Vernimm, der Wagen, den der Wurm zerbrochen,
War, aber ist nicht. Wer dran Schuld hat, wisse,
Die Rache Gottes scheut nicht Eingebrocktes.

Nicht immerdar bleibt unbeerbt der Adler,
Von dem der Wagen das Gefieder hat,
Das erst zum Untier, dann zur Beut' ihn machte.

Denn sicher seh' ich, und darum bericht' ich's
Schon nahe Sterne, frei sowohl von Hind'rung
Als Widerstande eine Zeit uns bringen,

In der ein Gottgesendeter Fünfhundert
Und Zehn und Fünf die Räuberin wird töten
Sowie den Riesen, welcher mit ihr sündigt.

Vielleicht, daß, dunkel, so wie die der Themis
Und Sphinx, dich meine Rede zweifeln läßt,
Weil sie nach deren Art den Sinn verhüllt;

Doch werden die Geschicke bald Najaden
Dir werden und dies schwere Rätsel lösen,
Und unbeschädigt Vieh und Feldfrucht bleiben.

Du aber merk' und melde diese Worte,
Wie ich sie sagte, denen, die des Lebens,
Das nur zum Tod' ein Laufen ist, noch leben.

Auch sollst, wenn du sie schreibst, du nicht verschweigen,
In welchem Zustand du den Baum gesehn hast,
Der nun zum zweiten Male hier beraubt ward.

Wer immer ihn beraubt, wer ihn zersplittert,
Der kränkt durch tatgewordne Läst'rung Gott,
Der nur zu seinem Dienst ihn heilig schuf.

Fünftausend Jahr' und mehr verlangt' in Sehnsucht
Die erste Seele, weil von ihm sie aß,
Nach dem, der an sich selbst den Biß bestrafte.

Es schläft dein Geist, wenn er nicht wohl erkennt,
Daß aus besondrem Grund der Baum so hoch
Und fremdgestaltet ist in seinem Gipfel.

Und wären nicht die eitelen Gedanken
Für deinen Geist gleich Elsa's Flut gewesen,
Und ihre Lust, wie Pyramus dem Maulbeer,

So würdest du schon aus so vielen Gründen
Sittlich die göttliche Gerechtigkeit
In dem Verbot des Baumes erwiesen finden.

Doch, weil in deinem Geiste ich versteinert,
Und in dem Steine noch verfärbt, dich finde,
So daß dich blendet meiner Rede Licht,

Sollst du, wenn auch als Schrift nicht, doch als Bild,
Sie innen mit dir nehmen, aus dem Grunde,
Warum den Stab mit Palmen Pilger schmücken. -

Und ich: So wie die eingegrabne Form
Des Siegels sich im Wachs entsprechend ausdrückt,
So trägt jetzt eure Prägung mein Gehirn.

Warum indes fliegt eu'r ersehntes Wort
So über meine Sehkraft weit hinaus,
Daß sie's nur mehr verliert, je mehr sie nachstrebt? -

Damit du würd'gen lernst die Schule, welcher
Du anhingst, und wie wenig ihre Lehre
Imstand' ist, meinem Wort zu folgen (sprach sie),

Und seh'st, wie Gottes Wege von den euren
So weit entfernt sind, als von eurer Erde
Der Himmel absteht, der am höchsten eilet. -

Und ich erwiderte: Ich wüßte nicht,
Daß ich mich je von euch entfremdet hätte,
Noch macht mir mein Gewissen solchen Vorwurf. -

Kannst du dich, so entgegnete sie lächelnd,
Nicht dran erinnern, so erwäge nur,
Daß du vom Lethe eben erst getrunken.

Und wie man aus dem Rauch auf's Feuer schließet
So zeigt dies dein Vergessen, daß dein Wille,
Der andres Ziel verfolgte, schuldig war.

Jedoch von nun an sollen meine Worte
Insoweit nackt sein, als sie zu enthüllen
Notwendig ist für deine blöden Augen. -

Und flammender und mit langsamren Schritten
Verweilte schon die Sonn' im Mittagskreise,
Der hin und her mit dem Beschauer wechselt,

Als an dem Ende des farblosen Schattens,
(Wie unter grünem Laub und schwarzen Ästen
Die Alpen ihn an kühlen Bächen tragen)

Die sieben Frau'n nicht anders stille standen,
Als der tut, der, geht er der Schar als Führer
Voraus, auf neues oder dessen Spur trifft.

Euphrat und Tigris schienen mir vor ihnen
Hervorzurinnen aus derselben Quelle,
Und dann, gleich Freunden zögernd, sich zu trennen.

O Licht, o Ruhm des menschlichen Geschlechtes,
Was für ein Wasser strömt von einem Ursprung
Hier aus, um dann sich von sich selbst zu scheiden? -

Auf solche Bitte wurde mir erwidert:
Matelda bitte, daß sie dir es sage. -
Da sprach das holde Weib, wie wer Verschuldung

Ablehnen will: So dies als andre Dinge
Vernahm er schon von mir, und Lethe's Wasser
Hat sicher davon nichts vor ihm verborgen. -

Drauf Beatrice: Wohl mag größre Sorge,
Die oftmals das Gedächtnis raubt, verdunkelt
Das Auge der Erinnerung ihm haben

Sieh aber Eunoè, die dort entspringet;
Zu dieser führ' ihn so wie du gewohnt bist,
Ihm die erlahmte Kraft neu zu beleben. -

So wie ein edles Herz nicht Ausflucht suchet;
Nein, zu dem seinen macht den fremden Willen,
Sobald ein Zeichen ihm ihn offenbaret,

Nicht anders schritt, nachdem sie mich erfasset,
Das holde Weib voran und sprach zu Statius
Im Ton der Herrin: Komm auch du mit ihm. -

Wär' mir, o Leser, weitrer Raum zum Schreiben
Verstattet, sänge ich den süßen Trank
Wohl teilweis, der mich nie gesättigt hätte;

Weil aber voll schon sind die Blätter alle,
Die für dies zweite Lied ich angelegt,
So heißt der Zaum der Kunst, mich innehalten.

Erneuert kehrt' ich von der heil'gen Quelle
In gleicher Art zurück, wie junge Pflanzen
Verjüngert sich durch junge Blätter fühlen,

Rein und bereit zum Aufschwung nach den Sternen.


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