Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Karl Streckfuß [1824] - Die Göttliche Komödie - Hölle
Gesang 01

Auf halbem Weg des Menschenlebens fand
Ich mich in einen finstern Wald verschlagen,
Weil ich vom rechtenWeg mich abgewandt.

Ach, wie so schwer und hart ists, auszusagen,
Wie dicht er war, wie schreckenvoll und wild!
Schon der Gedank' erneut mir Furcht und Zagen.

Der Tod ist gegen ihn noch süß und mild,
Doch ob des Heiles, das ich drinn gefunden,
Beschreib' ich manches dort entdeckte Bild.

Nicht weiß ich, wie ich mich hinein gewunden,
Denn ach, ich war vom schwersten Schlaf berückt,
Zur Zeit, da mir der wahre Weg entschwunden.

Doch, bis zum Fuß des Hügels vorgerückt,
Der an dem Ende lag von jenem Thale,
Das mir mit schwerer Furcht das Herz gedrückt,

Schaut' ich empor, und sah, den Rücken mahle
Ihm der Planet, der uns auf jeder Bahn
Gerade führt, mit seinem goldnen Strahle.

Da fingen Angst und Furcht zu schwinden an,
Die mir des Herzens Blut erstarren machten,
In jener Nacht, da Grausen mich umfahn.

Und so wie athemlos, nach Angst und Schmachten,
Schiffbrüchige vom Strand, entflohn der Fluth,
Starr rückwärts schauend, ihren Grimm betrachteten;

So kehrt ich, noch mit halberstorbnem Muth,
Mich jetzt zurück, nach jenem Passe sehend,
Der nie hindurchließ ein lebendig Blut.

Und, etwas ausgerastet, weiter gehend,
Wählt' ich bergan den Weg der Wildniß mir,
Stets auf dem Fuß, der tiefer weilte, stehend.

Sieh, beim Beginn des steilen Weges schier,
Im schnellen Sprung, gewandt und sehr behende
In buntgeflecktem Fell, ein Pantherthier.

Und immer blieb's vor mir und hemmt' ohn' Ende,
Mich nie verlassend, meine weite Bahn,
Drum dacht' ich schon: ob ich die Schritte wende?

Am Morgen wars, die Sonne stieg heran,
Von jenen Sternen, so wie einst, umgeben,
Als Gottes Huld nach nie erforschtem Plan

Der schönen Welt zuerst ihr Seyn gegeben;
Drum gab mir Hofinung, Kraft und Munterkeit,
Das heitre Fell des Panthers zu erstreben,

Die Tagesstund' und holde Jahreszeit.
Doch fühlt' ich Angst und Schrecken sich erneuen,
Denn, hoch das Haupt, voll Macht und Furchtbarkeit

Vor Hunger wüthend, sah ich einen Leuen,
Der wild und grimmig mir entgegen kam,
Und selbst die Luft schien zitternd ihn zu scheuen.

Auch eine Wölfin, so die Straße nahm,
Voll jeder Gier, und mager alle Glieder,
Die Viele schon gestürzt in Leid und Gram,

Warf den erstandnen Muth aufs neue nieder,
Und ich verlor, von Graun und Furcht durchbebt,
Die Hoffnung auf des Hügels Gipfel wieder.

Wie der, der eifrig zu gewinnen strebt,
Und doch um alles Gut zuletzt gekommen,
In Kümmerniß und tiefem Bangen lebt;

So war auch ich von schwerer Anst beklommen,
Denn rastlos drängte dieses Thier mich fort,
Zurück, dahin, wo nie die Sonn' entglommen.

Als ich hinabgestürzt zum tiefen Ort,
Da war ein Wesen dorten zu erkennen,
Rauh,wie nach langem Schweigen, Ton und Wort.

Ich rief, sobald ichs nur gewahren können
In großer Wildniß: O, erbarme dich,
Du, seyst du Schatten, seyst du Mensch zu nennen.

Und Jener sprach: Nicht bin, doch Mensch war ich;
Lombarden waren die, so mich erzeugten,
Und beide priesen Mantuaner sich.

Eh, spät, die Römer sich dem Julius beugten,
Ward ich geboren, lebte mit August,
Den Göttern dienend, jenen Trugerzeugten.

Ich war Poet, und pries in Sangeslust
Anchisens Sohn, wie er von Troja kommen
Nach Ilions Brand, mit Muth in frommer Brust.

Doch was bist du zur Quaal zurückgekommen?
Was steigst du nicht den heitern Berg hinauf,
Der Anfang ist und Grund zu heil und Frommen?

So bist du, sprach ich schaamentglüht darauf,
Bist du Virgil, des Redestromes Quelle
Der sich dahingießt im gewalt'gen Lauf?

O du, der andern Dichter Ruhm und Helle,
Entschuld'ge Lieb' und Eifer mich bei dir,
Für dein Gedicht, wenn ich mich dir geselle.

Du nur bist Vorbild, du bist Meister mir,
Und dir allein entnahm ich, mir zur Ehre,
Des Styles Kunst, der schönen Rede Zier.

Sieh dieses Thier, ob deß ich rückwärts kehre!
Berühmter Weiser, sey vor ihm mein Hort,
Daß Furcht und Graun mich fürder nicht verzehre. -

Du mußt auf einem andern Wege fort,
Sprach er zu mir, den ganz der Schmerz bezwungen,
Willst du entfliehn aus diesem wilden Ort.

Denn dieses Thier, das dich mit Graun durchdrungen,
Läßt keinen ziehn auf seines Weges Spur,
Und hält dich auf, bis daß es dich verschlungen.

Es ist von böser, tückischer Natur,
Und nimmer fühlt's die ew'ge Gier ermatten,
Ja, jeder Fraß schärft seinen Hunger nur.

Mit vielen Thiercn wird sichs noch begatten,
Bis daß die edle Dogge kommt, die kühn
Es würgt und hinstürzt in die ew'gen Schatten.

Nicht wird nach Land und Erz ihr Hunger glühn,
Doch wird sie nie an Lieb' und Weisheit darben;
Verona's Au'n wird ihre Kraft entblühn,

Zu Welschlands Heil, deß Ruhm und Glück verdarben,
Obwohl vordem Camilla für dies Land
Eurialus, Turnus und Nisus starben.

Nicht wird sie ruhn, bis sie dies Thier verbannt,
Und es gejagt zum dunkeln Höllenneste,
Von wo's zuerst der Neid heraufgesandt.

Jetzt folge mir, dies ist für dich das Beste,
Denn als getreuer Führer leit' ich dich
Von hier dahin zu einer ew'gen Veste.

Dort hörst du heulen, graus und fürchterlich,
Siehst alteGeister, die sich ewig quälen,
Denn jeder sehnt nach zweitem Tode sich;

Siehst andre, die sich durch die Hoffnung stählen,
Dereinst noch einzugehn durch Quaal und Gluth,
Sey's, wann es sey, zum Sitz der sel'gen Seelen.

Und zieht dich dort hinauf der frische Muth,
So übergeb' ich, wenn ich von dir scheide,
Dich einem würdigeren Geist zur Huth.

Denn jener Fürft im hohen Reich der Freude,
Weil ich den rechten Weg des Heils verfehlt,
Will, daß ich seine Stadt auf ewig meide.

Er herrscht im All, doch hat er sich gewählt
Zu seinem Thron die Stadt in jenen Höhen.
O glücklich die, so er dort auserwählt.

Ich sprach: O Dichter, höre jetzt mein Flehen,
Bei jenem Gotte, den du nicht erkannt,
Um Schlimmem jetzt und Schlimmrem zu entgehen,

Bring' an die Orte mich, die du genannt,
So daß ich bald Sanct Peters Thor erblicke,
Und jene Schaar, in Leid und Quaal verbannt.

Er ging voraus, und ich blieb nicht zurücke.


Gesang 02

Verglommen war des Tages goldner Schein,
Und Nacht entzog die Wesen auf der Erden
All ihren Mühn; da rüstet' ich allein

Mich zu dem harten Krieg und den Beschwerden
Des Wegs und Mitleids, und jetzt soll ihr Bild
Vom Geiste, der nicht irrt, gezeichnet werden.

O Mus', o hoher Geist, jetzt helft mir mild,
O Seele, die beschrieb, was ich gesehen,
Hier wird sichs zeigen, ob dein Adel gilt.

Jetzt, Dichter, fing ich an, bevor wir gehen,
Erwäge meine Kraft und Tüchtigkeit,
Kann sie die große Reise wohl bestehen?

Du sagst, daß Silvius Vater in der Zeit,
Im Körper noch, und noch ein sterblich Wesen,
Sey eingedrungen zur Unsterblichkeit.

Doch da der ew'ge Gegner alles Bösen
In seinen Empire'n zum Stifter ihn
Der Mutter Roma und des Reichs erlesen,

Kann jeder, dem Vernunft ihr Licht verliehn,
Beim hocherhabnen Zweck es wohl ergründen,
Daß er nicht unwerth solcher Huld erschien.

Denn Rom und Reich (um Wahres zu verkünden)
Ward nur gestiftet, um den heilgen Ort
Zum Sitz für Petri Folger zu begründen.

Und, wie du preisest, gab das, was er dort
Vernommen hatt, Grund zu seinen Siegen
Und wirkt' auf jenes Thrones Gründung fort.

Auch Paulus ist zum Himmel aufgestiegen,
Denn Kraft erwarb sich dort das würd'ge Haupt
Um siegreich für des Glaubens Licht zu kriegen.

Doch Ich, was soll ich dort? Wer hat's erlaubt?
Aeneas nicht noch Paul, ich, dessen Schwäche
Gleich mir, kein Andrer, dessen würdig glaubt,

Wenn Ich dorthin zu kommen mich erfreche,
So fürcht' ich, daß mein Kommen thöricht sey.
Du, Weiser, weißt es besser, als ich spreche.

Und wie wer will und nicht will, mancherlei
Erwägt und prüft und fühlt im bangen Schwanken,
Mit dem, was er begonnen, sey's vorbei;

So ich - das was ich leicht und ohne Wanken
Begonnen hatte, gab ich wieder auf,
Entmuthigt von den wechselnden Gedanken.

Verstand ich dich, so sprach der Schatten drauf,
So fühlst du Angst und Schrecken sich erneuen,
Und Feigheit nur hemmt deinen weitern Lauf.

Das Beste macht sie oft den Mann bereuen,
Daß er zurücke springt von hoher That,
Gleich Rossen, die vor Truggebilden scheuen.

Doch hindre sie dich nicht am weitern Pfad,
Drum höre jetzt, was ich zuerst vernommen,
Da mirs um dich im Herzen wehe that.

Mich, nicht in Höll' und Himmel aufgenommen,
Rief eine Frau, so selig und so schön,
Daß ihr Geheiß mir werth war und willkommen.

Mit Augen, gleich dem Licht an Himmelshöhn,
Begann sie gegen mich gelind und leise,
Und Sprach' und Wort war englisches Getön:

O Geist, geboren einst zu Mantua's Preise,
Deß Ruhm gedauert hat und dauern wird,
So lang die Sterne ziehn die lichten Kreise,

Mein Freund, doch nicht der Freund des Glückes, irrt
Gehemmt im Weg am einsamen Gestade,
Und wendet sich, von Furcht und Angst verwirrt.

Schon fürcht', ich irrt' er so von seinem Pfade,
Daß ich, so sagte man im Himmel mir,
Zu später Hülfe Vorwurf auf mich lade.

Jetzt geh' und hilf mit deiner Redc Zier
Und besten Fleißes, daß sein Irrthum ende,
Denn Trost und Ruh erwart' ich jetzt von dir.

Beatrix nenn' ich mich, die ich dich sende,
Und Liebe trieb mich her vom sel'gen Ort,
Zu dem ich schon zurück mich sehnend wende.

Und steh' ich erst vor meinem König dort,
So werd' ich du dich loben und ihm preisen -
Sie sprachs und schwieg und ich begann sofort:

O Weib voll Kraft, du Lehrerin der Weisen,
Durch das die Menschheit alles überragt,
Was lebt in jenes Himmels kleinern Kreisen!

Ich dächte, wie mir dein Befehl behagt,
Gehorcht' ich auch sogleich, zu lang zu säumen.
Wohl deutlich hast du deinen Wunsch gesagt,

Doch sprich, ich kann die Ursach nicht erträumen,
Die dich hernieder führt vom Himmels-Licht,
Das neu dich lockt, zu diesen dunkeln Räumen?

Willst du es denn so tief ergründen, spricht
Die Hohe drauf, so will ichs kürzlich sagen.
Ich fürchte mich vor diesem Dunkel nicht.

Vor solchem Uebel ziemt sich wohl zu zagen,
Das mächtig ist und leicht uns Schaden thut,
Vor solchem nicht, bei welchem nichts zu wagen.

Mich, welche Gott schuf, kann in Seiner Huth
Das Elend, das euch peinigt, nicht berühren
Und nicht versengt mich dieses Brandes Gluth.

Ein edles Weib im Himmel ließ sich rühren
Von Jenes Noth, zu dem ich dich gesandt,
Und will zu Heil und Glück ihn wieder führen.

Sie flehte, zu Lucien hingewandt:
Dein Treuer braucht dich jetzt im harten Streite,
Darum empfehl' ich ihn in deine Hand.

Lucia, die sich ganz dem Mitleid weihte,
Bewegte sich zum Orte, wo ich war,
In Ruhe stitzend an der Rahel Seite.

Sie sprach: Beatrix, Gottes Preis fürwahr!
Hilfst du ihm nicht, ihm, der aus großer Liebe
Für dich entrann aus der gemeinen Schaar,

Als ob dein Ohr taub seinen Klagen bliebe,
Als sähest du ihn nicht im Wirbel dort,
Bedroht, mehr als ob Meeressturm ihn triebe?

Nicht eilt so schnell auf Erden Einer fort,
Den Gier nach Glück und Furcht vor Leid bethören,
Wie ich herabgeeilt bei solchem Wort,

Von meinem Sitz in jenen sel'gen Chören,
Vertrau'nd auf deiner würd'gen Rede Macht
Die Ruhm dir bringt, und allen die sie hören -

Als nun Beatrix solches vorgebracht,
Da wandte sie die Augenstern' in Zähren,
Und dies hat mich nur schneller hergebracht.

So komm' ich denn daher auf Ihr Begehren,
Das Unthicr von dir scheuchend, dem's gelang,
Den kurzen Weg des schönen Bergs zu wehren.

Was also ist Dir? warum weilst du bang?
Was herbergst du die Feigheit im Gemüthe?
Was weicht dein Muth, dein kühner Thatendrang,

Da sich drei heil'ge Himmelsfrau'n voll Güte
Für dich bemühn, und dir mein Mund verspricht,
Daß ihre treue Sorge dich behüthe? /p>

Gleichwie die Blum' im ersten Sonnenlicht,
Beim nächt'gen Reif gesunken und verschlossen,
Den Stiel erhebt und ihren Kelch entflicht;

So hob die Kraft, erst schmachtend und verdrossen,
In meinem Herzen sich zu gutem Muth,
Und ich begann, frohsinnig und entschlossen:

O wie ist Sie, die für mich sorgte, gut!
Wie freundlich bist auch du, der den Befehlen
Der Herrlichen so schnell Genüge thut!

Schon fühl' ich mich zu heißer Sehnsucht stählen
Von deinem Wort, schon fühl' ich, nicht mehr bang
Vom ersten Vorsatz wieder mich beseelen.

Drum auf, in Beiden ist ein gleicher Drang,
Herr, Führer, Meister, auf zum großen Wege! -
Ich sprachs zu ihm, und, folgend seinem Gang,

Schritt ich daher auf waldig rauhem Stege.


Gesang 03

Ich führe dich zur Stadt der Quaalerkornen,
Ich führe dich zum unbegrenzten Leid,
Ich führe dich zum Volke der Verlornen!

Mich schuf mein Meister aus Gerechtigkeit.
Die erste Liebe wirkte, mich zu gründen,
Die höchste Weisheit und Allmächtigkeit.

Vor mir war nichts Erschaffenes zu stnden,
Als Ewiges, und ewig daur' auch ich.
Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung schwinden.

Die Inschrift zeigt' in dunkler Farbe sich
Vor meinen Blicken über einer Pforte,
Drum sprach ich: Herr, ihr Sinn beängstet mich.

Er aber drauf zu mir mit klugem Worte:
Hier sey jedweder Argwohn weggebannt,
Und jede Feigheit sterb' an diesem Orte.

Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt,
Hier wirst du jene Jammervollen schauen,
Die nicht den wahren Weg des Heils erkannt.

Er faßte meine Hand, daher Vertrauen
Durch sein Gesicht voll Muth auch ich gewann.
Drauf führt' er mich in das geheime Grauen.

Gleich hob Geächz, Geschrei und Klagen an,
Laut durch die sternenlose Luft ertöncnd,
So daß ich selber weintem da's begann.

Verschiedne Laute, Worte, gräßlich dröhnend,
Handschläge, Klänge heiseren Geschreis,
Die Wuth, aufkreischend, und der Schmerz, erstöhnend -

Dies alles wogte tosend stets, als seys
Im Wirbel Sand, durch Lüfte, die zu schwärzen
Es keiner Nacht bedarf, im ew'gen Kreis.

Und ich noch blöden Sinns und bang im Herzen,
Sprach: Meister, welch Geschrei das sich erhebt?
Wer ist doch hier so ganz besiegt von Schmerzen?

Und Er: der Klang, der durch die Lüfte bebt,
Kommt von den Jammer-Seelen jener Wesen,
Die ohne Schimpf und ohne Lob gelebt.

Vermischt sind die Nicht-Guten und Nicht-Bösen
Mit jenen Engeln, die sich nicht empört,
Und Gott nicht treu und nur für sich gewesen.

Der Himmel stößt die Seelen sonder Werth
Als Mißzier aus, und die Verdammten jagen
Sie gleichfalls fort, durch solches Volk entehrt.

Und ich: Mein Meister, sprich warum sie klagen?
Was ist das Leiden, das so hart sie drückt?
Er sprach darauf: das will ich kurz dir sagen.

Des Todes Hoffnung ist dem Volk entrückt,
Im blinden Leben trüb und immer trüber
Scheint ihrem Neid jed' andres Loos beglückt.

Sie kamen lautlos aus der Welt herüber,
Von Mitleid und Gerechtigkeit verschmäht.
Doch still von ihnen! Schau', und geh vorüber.

Ich schaute hin und sah, im Kreis geweht,
Ein Fähnlein ziehn, so eilig umgeschwungen,
Als dürft' es nimmer ruhn, nicht früh noch spät.

In langer Reihe folgten ihm, gezwungen,
So viele Leute, daß ich kaum geglaubt,
Daß je der Tod so vieles Volk verschlungen.

Und hier erblickt' ich manch bekanntes Haupt,
Auch Jenes Schatten, der aus Angst und Zagen
Sich den Verzicht, den großen, feig erlaubt.

Ich war sogleich gewiß, auch hört' ich sagen,
Der Schlechten jämmerliche Rotte seys,
Die Gott und seinen Feinden mißbehagen.

Dies Volk, das nichts vom eignen Leben weiß,
War nackt und rings gestachelt und umflogen
Von Flieg' und Wesp' und ähnlichem Geschmeiß.

Von Streifen, die sich durch das Antlitz zogen,
Von Blut und Thränen ward der Grund benetzt,
Wo ekle Würmer draus sich Nahrung sogen -

Als ich darauf mein Schauen fortgesetzt,
Erblickt' ich Leut' an einem Stromgestade,
Und sprach zum Führer: Mester, sage jetzt,

Von welcher Art sind die, die so gerade,
Wie ich beim düstern Dämmerlicht erkannt,
So eilig weiter ziehn auf ihrem Pfade?

Und Er: dies wird dir alles bald bekannt.
Bald wirds am Strand des Acheron sich zeigen,
Wer diese sind, und wo sie hingerannt.

Da zwang mich Schaam, die Augen tief zu neigen,
Aus Furcht, daß ihm mein Fragen lästig sey,
Und ich gebot mir bis zum Strome Schweigen.

Und sieh, es kam ein Mann zu Schiff' herbei,
Ein Greis, bedeckt mit schneeig weißen Haaren.
Weh euch, Verworfne! tönte sein Geschrei.

Nicht hofft, den Himmel jemals zu gewahren.
Ich komm', euch jenseits hin an das Gestad
In ew'ge Nacht, in Hitz' und Frost zu fahren.

Und du, lebend'ge Seele, die genaht,
Mußt dich von diesen, die gestorben, trennen! -
Dann, da er sah, daß ich nicht rückwärts trat:

Hier kann ich dir den Uebergang nicht gönnen,
Für dich geziemen andre Wege sich,
Ein leichtrer Kahn nur wird dich tragen können.

Virgil drauf: Charon, nicht erboße dich.
Sie wollen's dort, die können was sie wollen;
Dies sey genug, nicht weiter frage mich.

Ruhn ließ die rauhen Wangen und das Grollen
Bei diesem Wort des Sumpfes Steuermann,
Deß Augen in entflammten Kreisen rollen.

Doch hob graunvolles Zähneklappen an
Und es entfärbten sich die Tiefgebeugten,
Seit Charon jenen grausen Spruch begann.

Sie fluchten Gott, und denen, die sie zeugten,
Dem menschlichen Geschlecht, dem Vaterland,
Dem ersten Licht, den Brüsten, die sie säugten.

Dann drängten sie zusammen sich am Strand,
Dem schrecklichen, zu welchem alle kommen,
Die Gott nicht scheun, und laut Geheul entstand.

Charon, mit Augen, die wie Kohlen glommen,
Winkt ihnen, und schlug mit dem Ruder los,
Wenn Einer sich zum Warten Zeit genommen.

Gleich wie im Herbste bei des Nordwinds Stoß
Ein Blatt zum andern fällt, bis daß sie alle
Der Baum erstattet hat dem Erdenschooß;

So stürzen, hergewinkt in jähem Falle
Sich Adams schlechte Sprossen in den Kahn,
Wie angelockte Vögel in die Falle.

Durch schwarze Fluthen geht des Nachens Bahn,
Und eh' sie noch das Ufer dort erreichen,
Drängt hier schon eine neue Schaar heran.

Mein Sohn, so sprach der Meister, die erbleichen
In Gottes Zorne, werden alle hier
Am Strand vereint aus allen Erdenreichen.

Man scheint zur Ueberfahrt sehr eilig dir,
Doch die Gerechtigkeit treibt diese Leute
Und wandelt ihre bange Furcht in Gier.

Kein guter Geist macht diese Fahrt; und dräute
Dir Charon, weil du hier dich eingestellt,
So kannst du wissen, was sein Wort bedeute -

Hier wankte fo mit Macht das dunkle Feld,
Daß mich noch jetzt Schweißtropfen überthauen,
So oft dies Schreckenbild mich überfällt .

Ein Windstoß fuhr aus den bethränten Auen,
Und blitzt' ein rothes Licht, das jeden Sinn
Bewältigte mit ungeheurem Grauen,

Und, wie vom Schlaf befallen, stürzt' ich hin.


Gesang 04

Mir brach den tiefen Schlaf im Haupt ein Krachen
Von schwerem Donner, und ich fuhr empor,
Gleich Leuten, die in großem Schreck erwachen.

Ich stand, und warf, befreit vom dunklen Flor,
Den festen Blick umher, damit ich sähe,
Nach welchem Ort ich wohl mich hin verlor.

Wahr ists, ich fand am Rand mich, in der Nähe
Des quaalenvollen Abgrunds, dessen Kluft
Zum Donnerhall vereint unendlich Wehe.

Tief war er, dunkel, nebelhaft die Luft,
Drum wollte nichts sich klar dem Blicke zeigen,
Den ich geheftct an den Grund der Gruft.

Laß uns zur blinden Welt hinuntersteigen,
Ich bin der erste, du der zweite dann.
So sprach Virgil. um drauf erblaßt zu schweigen.

Ich, sehend, wie die Bläss' ihn überrann,
Sprach: Scheust du selber dich, wie kann ichs wagen,
Der Trost im Zweifel nur durch dich gewann?

Und er zu mir: Des tiefen Abgrunds Plagen
Entfärben mir durch Mitleid das Gesicht,
Und nicht, so wie du meinst, durch feiges Zagen.

Fort, zaudern läßt des Weges Läng' uns nicht.
So gieng er fort und rief zum ersten Kreise
Mich auch hinein, der jene Kluft umflicht.

Mit schien, nach meinem Ohr, des Klanges Weise
Der dort die ew'ge Luft erzittern hieß,
Nicht Klaggeschrei, nur Seufzen, dumpf und leise.

Und von dem Leiden ohne Quaal war dies,
Das dieser Ott die ungezählten Schaaren
Von Männcrn, Fraun und Kindern fühlen ließ.

Da sprach der Meister: Willst du nicht erfahren
Zu welchen Geistern du gekommen bist?
Bevor wir fortgehn, will ich offenbaren,

Daß sie nicht sündigten; doch gnügend mißt
Nicht ihr Verdienst, da sie der Tauf' entbehrten,
Die ein Bestandtheil deines Glaubens ist.

Und lebten sie vor Christo auch, so ehrten
Sie doch den Höchsten nicht, wie sichs gebührt;
Und diese Geister nenn' ich selbst Gefährten.

Nur dies, nichts andres hat uns hergeführt.
Wir sind verdammt, doch dazu nur, daß Sehnen
Die Seele stets, und nimmer Hoffnung spürt.

Wie ich dies hörte, strömten meine Thränen,
Denn Leute großen Werthes zeigten sich
In banger Unentschiedenheit bei Jenen.

Und ich begann: Mein Herr und Meister, sprich,
(Ich wollte mich in jenem Glauben stärken,
Vor dessen Licht des Irrthums Nacht entwich.)

Kam keiner je durch Kraft von eignen Werken,
Durch fremd Verdienst, von hier zur Seligkeit? -
Er schien des Worts versteckten Sinn zu merken,

Und sprach: Ich war noch neu in diesem Leid,
Da ist ein Mächtiger herabgekommen,
Bekrönt mit Siegesglanz und Herrlichkeitz,

Der hat den Schatten Adams fortgenommen,
Auch Abels war und Noah's Rettung dies,
Des Moses auch, des Weisen und des Frommen

Davids und Abrams, die er folgen hieß,
Mit Jacob, sammt dem Vater und den Söhnen,
Und Rahel, der sich Jacob treu bewies,

Um sie und andre noch mit Heil zu krönen,
Vor welchen keinem Geist es noch gelang,
Den Zorn des ew'gen Richters zu versöhnen -

Fortsetzten wir im Sprechen unsern Gang
Durch einen dichten Wald, der uns umschlungen,
Ich meine, durch der Geister dichten Drang.

Noch waren wir gar weit nicht vorgedrungen
Vom obern Rand, als ich ein Feuer sah,
Das rings im halben Kreis die Nacht bezwungen.

Zwar waren wir dem Ort nicht völlig nah,
Doch einen Kreis von ehrenhaften Leuten,
Der diesen Platz besetzt, erkannt' ich da.

Du, deß sich Wissenschaft und Kunst erfreuten,
Beliebe, wer sie sind, und was sie ehrt
Und von den Andern trennt, mir auszudeuten.

Ich sprachs und Er: Für hochgepries'nen Werth,
Der oben wiederklingt in deinem Leben,
Ward ihnen hier vom Himmel Huld gewährt.

Da hört' ich eine Stimme sich erheben:
Der hohe Dichter, auf jetzt zum Empfang!
Sein Schatten kehrt, der jüngst sich fortbegeben.

Sobald nur in der Luft der Ton verklang,
Da schritten auf uns zu vier große Geister,
Im Angesicht nicht fröhlich und nicht bang.

Und da begann zu mir mein edler Meister:
»Der mit dem Schwert voraus den andern geht,
Als Herr, von Ansehn mächtiger und dreister,

Das ist Homer, der herrschende Poet,
Horaz, der Satir, folgt zunächst dem Heheren,
Ovid darauf, Lucan, der hinten steht.

Mag jedem auch der Nahme Ruhm gewähren,
Der mit von jener Stimm' entgegen klang,
Doch sind sie gern bereit, mich hoch zu ehren.«

So kam den Pfad die schöne Schul' entlang,
Folgend dem Herrn der höchsten Sanges-Weise,
Der, gleich dem Aaar, sich über Alle schwang.

Ein Weilchen sprachen sie im trauten Kreise,
Doch als sie grüßend sich zu mir gekehrt,
Da lächelte Virgil zu solchem Preise.

Allein noch höher ward ich dort geehrt,
Denn als der sechste ward ich aufgenommen
In eine Schaat von solchem Sinn und Werth.

So waren wir zum Feuer hingekommen,
Sprechend von dem, was ich verschweigen muß,
So schön es mir im Sprechen vorgekommen.

Bald kamen wir an eines Schlosses Fuß,
Von siebenfacher hoher Mau'r umfangen,
Und rings beschützt von einem schönen Fluß.

Als wir mit trocknem Fuße durchgegangen,
Gings weiter dann durch sieben Thore fort
Und eine Wiese sah ich grünend prangen.

Wir fanden Leute strengen Blickes dort,
Mit großer Würd' in Ansehn, Gang und Mienen
Und wenig sprechend, doch mit sanftem Wort.

Und wir ersahn dort seitwärts nah bei ihnen
Frei eine Höh' in hellem Lichte glühn,
Von welcher Alle klar vor uns erschienen.

Dort gegenüber auf sammtnen Grün
Sah ich die Großen, ewig denkenswerthen,
Die heut mir noch in stolzer Seele blühn.

Electren sah ich dort mit viel Gefährten,
Aeneas, Hectorn hatt' ich bald erkannt,
Cäsarn, den mit dem Adlerblick bewehrten.

Penthesilea war auf grünem Land,
Zur andern Seite sah ich auch Latinen,
Der bei Lavinien, seiner Tochter, stand.

Ich sah den Brutus, der verjagt Tarquinen,
Lucrezien, Julien, Marzien, und, allein
Bei Seite sitzend, sah ich Saladinen.

Dann, höher blickend, sah im hellen Schein
Ich auch den Meister derer, welche wissen,
Der von den Seinen schien umringt zu seyn,

Sie all' ihn hochzuehren sehr beflissen;
Den Plato ihm zunächst und Socrates,
Die dort den Sitz vor andern an sich rissen.

Den Anaxagoras, Diogenes,
Den Demoncrit, deß Welt der Zufall machte,
Den Zeno, Heraclit, Empedokles.

Ihn, der ans Licht der Pflanzen Kräfte brachte,
Den Dioscorides, den Orpheus dann,
DenSeneca, der Schmerz und Lust verlachte.

Auch Ptolemäus kam, Euklid heran,
Auck Averroes, der dem Schacht des Weisen
Sein reiches Gold nachgrabend abgewann.

Doch nicht vermag ich jeden hier zu preisen,
Denn also drängt des Stoffes Größe mich,
Daß ihren Dienst mit kaum die Wort' erweisen.

Hier theilten nun die sechs Gefährten sich.
Mich führt' auf anderm Weg mein weiser Leiter
Dahin, wo Stille lautem Tosen wich,

Und in dem tiefsten Dunkel schritt ich weiter.


Gesang 05

So ging's hinab vom ersten Kreis zum zweiten,
Der größern Schmerz verschließt an kleinerm Ort,
Wo Wehgeheul und Winseln sich verbreiten.

Minos steht furchtbar zähnefletschend dort,
Erforscht hier alle Schuld, erkennt und sendet
Dann, je nachdem er sich umwindet, fort.

Ich sage: wenn ein Sündenleben endet,
So kommt vor ihn, so beichtet ihm der Geist.
Der Sündenkenner, der, durch nichts geblendet,

Zum rechten Höllenplatze Jeden weist,
Schickt dann sie so viel Grad' hinab zur Hölle,
Als oft er sich mit seinem Schweif umkreist.

Von vielem Volk ist stets besetzt die Schwelle,
Und nach und nach kommt Jeder zum Gericht,
Spricht, hört und eilt zu der bestimmten Stelle.

Du, der in diese Quaalbehausung bricht,
So rief mir Minos, als er mich ersehen,
Und ließ indeß die Uebung großer Pflicht;

Schau, wem du traust! leicht ist's hineinzugehen,
Doch täusche nicht dich ein verwegner Drang.
Mein Führer drauf: »Laß dir den Groll vergehen!

»Nicht hindre den verhängnisvollen Gang!
Die wollen's dort, die können, was sie wollen.
Nicht mehr gefragt, denn unser Weg ist lang.«

Bald hört' ich nun wie Jammertön' erschollen,
Denn ich gelangte nieder zu dem Haus,
Zur Klag' und dem Geheul der Unglückvollen.

Jedwedes Licht verstummt' g im dunkeln Graus,
Das brüllte, wie, wenn sich der Sturm erhoben,
Beim Kampf der Winde lautes Meergebraus.

Nie ruht der Höllen Wirbelwind vom Toben
Und reißt zu ihrer Quaal die Geister fort,
Und dreht sie um nach untcn und nach oben.

Und sind sie nun am Rand des Abgrunds dort,
Da heulen sie,da brüllen sie und klagen,
Und fluchen Gott mit wild verruchtem Wort.

Und ich vernahm hier, daß zu solchen Plagen
Verdammt die fleischlichen Verbrecher sind,
Die mit dem Triebe die Vernunft verjagen.

Wie, irren Fluges, wenn der Frost beginnt,
Ein dichtgedrängter breiter Troß von Staaren;
So sieht man sie in jenem Wirbelwind

Hierhin und dort, hinauf, hinunter fahren,
Gestärkt von keiner Hoffnung, mindres Leid,
Geschweige jemals Ruhe zu erfahren.

Wie Kraniche, zum Streifen lang gereiht,
In hoher Luft die Klagelieder krächzen,
So sah ich von des Sturms Gewaltsamkeit

Die Schatten hergeweht mit bangem Aechzen.
»Wer sind die, Meister, welche her und hin
Der Sturmwind treibt, und die nach Ruhe lechzen?”

So ich - und Er: »Des Zuges Führerin,
Von welchem du gewünscht, Bericht zu hören,
War vieler Zungen große Kaiserin.

Sie ließ von Wollust also sich bethören,
Daß sie für das Gelüst Gesetz' erfand,
Um nur der tiefen Schmach sich zu erwehren.

Sie ist Semiramis, wie allbekannt,
Nachfolgerin des Ninus, ihres Gatten,
Einst herrschend in des Sultans Stadt und Land.

Dann Sie, die, ungetreu Sichäus Schatten,
Aus Liebe sich dem Tode selbst geweiht.
Sieh dann Kleopatren im Flug ermatten.«

Auch Helena, die Ursach böser Zeit,
Achillen sah ich sich im Sturme heben,
Den Lieb' hinabgestürzt ins letzte Leid.

Den Paris sah ich dort, den Tristan schweben,
Und tausend andre zeigt' und nannt' er dann,
Die Liebe fortgejagt aus unserm Leben.

Lang hört' ich den Bericht des Lehrers an,
Von diesen Rittern und den Fraun der Alten,
Voll Mitleid und voll Angst, bis ich begann:

Mit diesen zwei'n, die sich zufamnlen halten,
Die, wie es scheint, so leicht im Sturme sind,
Möcht' ich, o Dichter. gern mich unterhalten.

Und Er darauf: Gieb Achtung, wenn der Wind
Sie näher führt, dann bei der Liebe flehe,
Die beide führt, da kommen sie geschwind.

Kaum waren sie geweht in unsre Nähe,
Als ich begann: Gequälte Geister, weilt,
Wenns niemand wehrt, und sagt uns euer Wehe.

Gleich wie ein Taubenpaar die Lüfte theilt,
Wenns mit weit ausgespreizten stäten Schwingen
Zum süßen Nest herab voll Sehnsucht eilt;

So sah ich sie dem Schwarme sich entringen,
Bewegt vom Ruf der heißen Ungeduld,
Und durch den Sturm sich zu uns niederschwingen.

»O du, der uns besucht voll Güt' und Huld
In purpurschwarzer Nacht, uns, die die Erde
Vordem mit Blut getüncht durch unsre Schuld,

Gern bäten wir, daß Fried' und Ruh dir werde,
Wär' uns der Fürst des Weltenalls geneigt,
Denn dich erbarmt der seltsamen Beschwerde.

Wie ihr zu Red' und Hören Lust bezeigt,
So reden wir, so leihn wir euch die Ohren,
Wenn nur, wie eben jetzt der Sturmwind schweigt.

Ich ward am Meerstrand in der Stadt geboren,
Wo seinen Lauf der Po zur Ruhe lenkt,
Bald mit dem Flußgefolg im Meer verloren.

Die Liebe, die in edles Herz sich senkt,
Fing diesen durch den Leib, den Liebreiz schmückte,
Der mir geraubt wurde, wie's noch jetzt mich kränkt.

Die Liebe, die Geliebte stets berückte,
Ergriff für diesen mich mit solchem Brand,
Daß, wie du siehst, kein Leid ihn unterdrückte.

Die Liebe hat uns in ein Grab gesandt -
Kaina harret deß, der uns erschlagen.«
Der Schatten sprachs, uns kläglich zugewandt.

Vernehmend der bedrängten Seelen Klagen,
Neigt' ich mein Angesicht und stand gebückt.
Was denkst du? hört' ich drauf den Dichter fragen.

Weh, sprach ich, welche Gluth, die sie durchzückt,
Welch süßes Sinnen, liebliches Begehren,
Hat sie in dieses Qnaalenland entrückt?

Drauf säumt' ich nicht zu Jener mich zu kehren:
»Franziska,« so begann ich nun, »dein Leid
Drängt mir ins Auge fromme Mitleidszähren.

Doch sage mir: In süßer Seufzer Zeit.
Wodurch und wie verrieth die Lieb' euch beiden
Den zweifelhaften Wunsch der Zärtlichkeit.«

Und Sie zu mir: Giebts wohl ein größres Leiden,
Als schöner Zeit Erinnrung bei der Wuth
Des Mißgeschicks? Dein Meister mags entscheiden.

Doch forschest du dem Ursprung unsrer Gluth
So eifrig nach, so sollst du ihn erfahren
Durch meine Red' und meine Thränenfluth-

Wir lasen einst zur Lust von den Gefahren
Des Lanzilott und wie ihn Lieb' umwand,
Wobei wir einsam und ohn' Argwohn waren.

Oft war beim Lesen unser Blick entbrannt,
Und unsre Wang' entfärbt - doch eine Stelle,
Nur eine war es, die uns überwand.

Denn wie des heißersehnten Lächelns Quelle
Im Buche küßt der Buhle, stolz und hehr,
Da naht' auch mir mein ewiger Geselle,

Da küßte zitternd meinen Mund auch Er -
Galeotto war das Buch, und der's verfaßte -
An jenem Tage laden wir nicht mehr.

Der eine Schatten sprachs, der andre faßte
Sich kaum vor Weinen, und mir schwand der Sinn
Vor Mitleid, daß ich wie im Tod erblaßte,

Und wie ein Leichnam hinfällt, fiel ich hin.


Gesang 06

Als mir der Geist gekehrt, nachdem das Leid
Um jene beiden Schwäger mich entseelte,
Die mich verwirrt in tiefer Traurigkeit,

Erblickt' ich neue Quaalen und Gequälte
Rings um mich her, ob den, ob jenen Pfad
Zum Gehn und Schaun sich Fuß und Auge wählte.

Es war der dritte Kreis, den ich betrat,
Von ew'gem, kaltem, maledeitem Regen
Von gleicher Art und Regel früh und spat.

Schnee, dichter Hagel, dunkle Fluthen pflegen
Die Nacht dort zu durchziehn in wildem Guß,
Und aus der Erde qualmt Gestank entgegen.

Ein Unthier, wild und seltsam, Cerberus
Bellt, wie ein böser Hund, aus dreien Kehlen
Jedweden an, der dort hinunter muß.

Schwarz, feucht der Bart, die Augen rothe Höhlen,
Mit weitem Bauch, die Hände scharf beklaut,
Viertheilt, zerkratzt und schindet er die Seelen.

Sie heulen, wie die Hund', im Regen laut
Und sie verschaffen sich, sich öfters drehend,
Auf einer Seite mindstens trockne Haut.

Der große Höllenwurm, uns dort ersehend
Wies uns die Zähn' im dreifach offnem Schlund,
Zitternd vor Grimm und vor Begier vergehend.

Mein Führer aber griff hinab zum Grund,
Erfaßte Schlamm und warf ihn, mir zum Troste,
Mit vollen Fäusten in den gier'gen Mund.

Und wie ein Hund, der bellend sich erboßte,
Beruhigt schweigt, wenn er den Fraß erbeißt,
Um dessenwillen nur er kämpft' und tos'te;

So jetzt mit schmutz'gen Schlünden jener Geist,
Der so durchdröhnt die armen Leidensmatten,
Daß jeder hochbeglückt die Taubheit preist.

Wir gingen über die gequälten Schatten,
Indem wir auf ihr Nichts, das Körper schien,
Im tiefen Schlamm gestellt die Sohlen hatten.

Sie lagen allesammt am Boden hin,
Nur Einen sahn wir sich zum Sitzen heben,
Wie er uns dort erblickt' im Weiterziehn.

»Du, der in diese Hölle sich begeben,«
Sprach er, » da fern du kannst, erkenne mich.
Du lebtest, eh' ich aufgehört zu leben.«

Und ich darauf zu ihm: Vielleicht kann ich
Bei deiner großen Angst nicht dein gedenken,
Denn nimmer, wie mir vorkommt, sah ich dich.

Wer bist du? sprich, was konnte dich versenkcn
In eine Quaal, die, giebts auch größte Pein.
Kein Geist vermag sich widriger zu denken.

In eurer Stadt, so sprach er, die allein
Der Neid erfüllt, und bis zum Ueberfließen,
Genoß ich einst des Tages heitern Schein.

Ich bins, den Ciacco eure Bürger hießen.
Det Gaumeslust verruchte Sünde macht,
Daß sich auf mich die ew'gen Regen gießen.

Auch hat sie nicht nur mich hieher gebracht,
Denn alle diese leiden gleiche Plagen,
Für gleiche Schuld, in dieser trüben Nacht.

Und ich: Mich haben, Ciacco, deine Klagen
Zum Mitleid und zu Thränen fast gerührt.
Allein, wenn du es weißt, so magst du sagen,

Wohin nah unsrer Stadt Partheiung führt?
Ob wer gerecht ist? was in diesen Zeiten
In ihr die Gluth der wilden Zwietracht schürt?

Und Er darauf zu mir: Nach langem Streiten
Kommts dort zu Blut, dann treibt die Waldparthei
Die andre fort mit vielen Grausamkeiten.

Doch in drei Sonnen ists mit ihr vorbei,
Neu günstig sind der andern die Gestirne,
Durch Eines Mannes Macht und Heuchelei.

Hoch hebt sie dann auf lange Zeit die Stirne
Und hält den Feind mit großer Last beschwert,
Wie er auch sich beklag' und sich erzürne.

Zwei sind gerecht dort, aber nicht gehört.
Neid, Geiz und Hochmuth - diese drei sind Gluthen
In welchen sich der Bürger Herz verzehrt.

Als hier des Schatten Jammertöne ruhten,
Sprach ich zu ihm: Noch weiteren Bericht
Erlaube mir, dir bittend anzumuthen.

Tegghiajo, Farinata, treu der Pflicht,
Arrigo, Rusticucci, Mosca - sage! -
Und Andre, nur auf Gutesthun erpicht,

Wo sind sie? welches ist ihr Loos? Ich trage
Verlangen, hier ihr Schicksal zu erspähn,
Obs Himmelswonne sey, ob Höllenplage?

Und Er: Sie stürzte mancherlei Vergehn
Zu schwärzern Seelen nach den tiefern Gründen.
Steigst du so tief, so wirst du alle sehn -

Kehrst du zur süßen Welt aus diesen Schlünden,
Bring' ins Gedächtniß dann der Menschen mich.
Mehr sag' ich nicht, mehr darf ich nicht verkünden.

Scheel ward sein grader Blick, er wandte sich
Nach mir, dann fiel er mit dem Haupte nieder,
So daß er ganz den andern Blinden glich.

Drauf sprach mein Führer: Nie erwacht er wieder,
Bis er vor englischer Posaun' ergraust,
Und der Gewalt, dem Sündenvolk zuwider.

Denn jeder kehrt zum Grab, wo er gehaust,
Wird neu mit Fleisch und mit Gestalt umgeben,
Und hört, was ewig wiederhallend braust -

Indem wir, schwer und langsam, weiter streben
Durchs Kothgemisch von Schatten und von Fluth,
Besprachen wir, doch kurz, das künft'ge Leben.

Drum ich: Mein Meister wird der Quaalen Wuth
Sich nach dem großen Urtheilsspruch vermehren?
Vermindert sichs, bleibt sich nur gleich die Gluth?

Und Er: Gedenk an deines Weisen Lehren:
So sehr ein Ding vollkommen ist, so sehr
Wird sichs im Glücke freun, im Schmerz verzehren.

Und kann gleich der Verdammten zahllos Heer
Vollkommenheit, die wahre, nie erringen,
So harrt es doch in jener Zeit auf mehr.

Wir fuhren fort, im Kreise vorzudringen,
Mehr sprechend, als zu sagen gut erscheint,
Bis hin zum Platz, wo Stufen niedergingen,

Und fanden Plutus dort, den große Feind.


Gesang 07

Aleph, Pape Satan, Pape Satan!
Erhob, rauh kluchzend, Plutus seine Stimme.
Und Er, der alles wohl verstand, begann:

Getrost! nicht fürchte dich vor seinem Grimme,
Mit aller Macht verwehrt er nicht, daß ich,
Dich leitend, jenen Felsen niederklimme.

Dann kehrt' er zu dem Giftgeschwollnen sich,
Und sprach: Wolf, schweige, du Vermaledeiter,
In dir mit deiner Wuth verzehre dich.

Wir gehn nicht ohne Grund zur Tiefe weiter,
Dort will man's, dort, wo einst den Stolz mit Schmach
Gezüchtigt Michael, der Himmelsstreiter.

Gleichwie die Segel, wenn der Mast zerbrach,
Erst aufgebläht, zum Knäuel niederrollen,
So fiel das Unthier, das so drohend sprach.

So gings zur vierten Schlucht im schmerzenvollen
Unsel'gen Land, das alle Schuld verschlingt,
Von welcher je im Weltall Kund' erschollen.

Gerechter Gott, wer ist wohl, dem's gelingt,
Was ich gesehn von Martern, auszusagen?
Was ists, daß unsre Schuld nach Elend ringt?

Wie der Charibdis Wogen sich zerschlagen,
Zum Gegenstoß gewälzt von Süd und Nord,
So muß sich hier das Volk im Wirbel jagen.

Noch nirgend war die Schaar so groß, wie dort.
Laut heulend kamen sie von beiden Enden,
Und wälzten Lasten mit den Brüsten fort.

Und stießen sich, um sich beim Prall zu wenden,
Und dann zurück im Bogenlauf zu ziehn,
Und schrien sich zu: Was halten? Was verschwenden?

So durch den Kreis, in dem kein Lichtstrahl schien,
Gings beiderseits dann nach der andern Seite,
Indem sie beid' ihr schändlich Schmähwort schrien.

Dann wandte jeder sich zum neuen Streite,
Sobald er seines Zirkels Hälft' umkreist;
Und ich, noch ungewiß, was dies bedeute,

Sprach: Meister, o wie zagt, wie bangt mein Geist.
Wer ist dies Volk? die, links hier, scheinen Pfaffen!
Ists jeder, der uns eine Glatze weist?

Und Er: Dies sind die Blinden, Geistes-Schlaffen.
Sie wußten in der Welt zum Geben nie,
Und nie zum Sparen sich ein Maaß zu schaffen.

Und dies erhellt aus dem, was jeder schrie,
Und schreit, sobald sie an einander fahren;
Dann trennt der Gegensatz des Lasters sie.

Wohl Pfaffen sind die, mit geschornen Haaren,
Auch giebt's hier manchen Pabst und Kardinal,
Der einst des Geizes Uebermacht erfahren.

Drauf sprach ich: Meister, kenn' in dieser Zahl
Ich keinen, der im Schmutz so eitlen Strebens
Sich hier erworben hat die ew'ge Quaal?

Und er zu mir: Dein Suchen ist vergebens,
Unkenntlich macht sie ihr verdientes Loos
Durch Koth und Schmutz bewußtlos dunkeln Lebens.

Sie kommen stets zum Stoß und Gegenstoß,
Bis sie erstehn - die mit verschnittnen Haaren,
Die mit geschloßner Faust - dem Grabes-Schooß.

Versetzt hat sie schlecht Geben und schlecht Sparen
Von jener heitern Welt in diesen Zwist,
Nicht sag' ich welchen, denn du kannst's gewahren.

Sieh hier, mein Sohn, welch eitles Ding es ist
Um jedes Gut Fortunens, das die Leute
Zum Kampfe reizt und zu Gewalt und List.

Gieb diesen Müden alles Gold zur Beute,
Das sie gehabt, ja alles Gold der Welt,
Und keine Stunde Ruh giebts ihnen heute.

Und ich: Mein Meister, sprich, wenn dirs gefällt,
Wer ist Fortuna doch, die, wie ich hörte,
In ihren Klau'n der Erde Güter hält?

Und Er zu mir: O Arme, Trugbethörte!
Unwissende, zum Schlimmsten stets geneigt!
O daß mein Spruch jetzt Aller Wahn zerstörte!

Er, dessen Weisheit alles übersteigt,
Erschuf die Himmel und gab ihnen Leitung,
Daß jedem Theil sich jeder leuchtend zeigt,

Durch seines Lichts gleichmäßige Verbreitung.
So gab er schaffend auch die Dienerin
Dem Erdenglanz zur Führung und Begleitung.

Von Volk zu Volk, von Blut zu Blute hin,
Bringt sie das eitle Gut, das nirgends dauert,
Und kümmert nicht sich um der Menschen Sinn.

Dies Volk befiehlt, ein andres dient und trauert,
Wie jene Führerin das Urtheil spricht,
Die, wie die Schlang' im Gras', verborgen lauert.

Nichts gegen sie hilft eurer Weisheit Licht,
Sie sorgt, erkennt, vollzieht in ihrem Reiche,
Und weicht darin den andern Göttern nicht.

Nie haben Stillstand ihre Wechselstreiche;
So macht sie, von Nothwendigkeit gejagt,
Aus Reichen Arme, dann aus Armen Reiche.

Sie ists, die ihr ans Kreuz oft wüthend schlagt,
Von der ihr oft, wenn ihr, anstatt zu schmollen,
Sie loben solltet, fälschlich Böses sagt.

Doch sie, die Sel'ge, hört nicht euer Grollen;
In andrer Erstgeschaffnen Seligkeit
Und Wonne, läßt sie ihre Kugel rollen. -

Doch eilig weiter jetzt zu größerm Leid!
Die Stern' aufsteigend, als wir fortgezogen,
Versinken schon, und unser Weg ist weit.

Gerad durchschritten wir des Kreises Bogen
Und einen Bach, der sprudelnd dort entspringt,
Deß Wellen fort in einen Graben zogen.

Mehr trüb' als schwarz ist seine Fluth und bringt,
Wenn man ihr folgt, hinab zu rauhen Wegen,
Durch die man mit Beschwerde niederdringt.

Dann qualmt ein Sumpf, mit Nahmen Styx, entgegen
Dort, wo der traur'gc Fluß vom Laufe ruht,
Am Fuß des gräulichen Gestads gelegen.

Dort stand ich nun und sah nach jener Fluth
Und sah im Sumpfe Leute, koth'ge, nackte,
Zugleich des Jammers Bilder und der Wuth.

Man schlug sich nicht mit Fäusten nur, man hackte
Mit Haupt und Brust und Füßen auf sich ein,
Indem man wild sich mit den Zähnen packte.

Mein Meister sprach: Sohn, sieh in dieser Pein
Die Seelen derer, so der Zorn bezwungen.
Auch unterm Wasser müssen Viele seyn,

Und wenn ein Seufzer ihnen sich entrungen,
Dann steigen Blasen auf von ihrer Noth,
Drum sieh von Kreisen diese Fluth durchschwungen.

Und immer rufen sie, versenkt im Koth:
Wir waren elend einst im Sonnenschimmer,
Und hegten Groll und Tücke bis zum Tod,

Und elend sind wir nun im Schlamm noch immer.
Dies Lied klingt gurgelnd vor aus ihrem Schlund,
Stets schluckend, enden sie die Worte nimmer.

So gingen, zwischen Pfuhl und festem Grund,
Wir an dem schmutz'gen Teich in weitem Bogen
Den Blick gewandt zum Volk mit Schlamm im Mund,

Bis wir zu eines Thurmes Fuß gezogen.


Gesang 08

Bevor wir noch, so fahr' ich fort, zu sagen,
Den Fuß des hohen Thurms erreicht, hatt' ich
Den Blick zu seinem Gipfel aufgeschlagen.

Und dort entzündeten zwei Flämmchen sich,
Ein drittes auch entstand, doch so entlegen,
Daß, kennbar kaum, es einem Fünkchen glich.

Da kehrt' ich meinem Weisen mich entgegen:
»Was ist dies? welch ein Zeichen wohl bezweckt
Das dritte Feu'r? Wer sind sie, die's erregen?«

Und er zu mir: »Sieh hin, dein Aug' entdeckt
Was unsrer harrt, dort auf den schmutz'gen Wogen,
Wenn dirs der Qualm des Sumpfes nicht versteckt.«

Und rasch, wie ich den leichten Pfeil vom Bogen
Je fortgeschnellt durch hohe Lüfte sah,
Kam durch den Moor ein kleiner Kahn gezogen.

Bald war er uns am grauen Strande nah,
Obwohl von einem Rudrer nur gefahren,
Der schrie: Verruchte Seele, bist du da?

»Phlegias, Phlegias, du magst dein Schreien sparen,«
So sprach mein Herr, umsonst ists angestimmt;
Wir sind nur dein, so lang wir überfahren.«

Wie wer von einem großen Trug vernimmt,
Den man ihm angethan zu Schmach und Schaden,
So zeigte Phlegias wild sich und ergrimmt.

Und in den Nachen stieg von den Gestaden
Mein Führer ein, gebot mir dann, zu nahn,
Und als ich drinn war, schien er erst geladen.

Und schnell enteilte nun mit uns der Kahn,
Und furcht' im trüben Wasser tiefre Zeilen
Als er noch je mit andrer Last gethan.

Indessen wir die todte Moorfluth theilen,
Kommt einer, kothbedeckt, vor mich und spricht:
Wer heißt dich vor der Zeit herniedereilen?

»Ich komme,« sprach ich, »aber bleibe nicht.
Doch wer bist du, so widrig und abscheulich?« -
»Ein Heulender, dies sagt dir dein Gesicht.« -

Und ich: Denkst du, dein Heulen sey erfreulich?
Vermaledeiter Geist, fort, weg von mir!
Ich kenne dich, sey noch so wild und gräulich!

Die Hände streckt' er nun zum Kahn voll Gier
Und mit Gewalt mußt' ihn mein Herr verjagen,
Und sprach: Mit andern Hunden, weg von hier!

Drauf hielt er seinen Arm um mich geschlagen,
Und küßte mich und sprach: Erzürnter Geist,
Beglückt die Mutter, welche dich getragen!

Stolz war im Leben dieser - niemand preist
Von ihm nur einen guten Zug auf Erden,
Daher er hier sich noch in Wuth zerreißt.

Viel Fürsten giebts dort, die sich stolz geberden,
Die, Schmach nur hinterlassend, wie die Sau'n,
Im Schlamme hier auf ewig wühlen werden.

Und ich: Mein Meister, gern wohl möcht' ich schaun,
Wie er hinuntertaucht im schlamm'gen Bade,
Eh wir verlassen diesen See voll Graun.

Und er zu mir: Bevor du das Gestade
Erblicken kannst, wirst du befriedigt seyn,
Denn schauen sollst du ja auf deinem Pfade. -

Und bald erblickt' ich wie zu Quaal und Pein
Um ihn gedrängt die Kothbedeckten waren,
Und muß darob noch Dank dem Höchsten weihn.

Frisch, auf Philipp Argenti! schrien die Schaaren,
Dann sah ich, selbst sich beißend, auf sich los
Den tollen Geist des Florentiners fahren.

Und dies erzähl' ich nur von seinem Loos.
Ich ließ ihn dort, und hört' ein Schmerzens-Brüllen,
Und macht' um vorzuschaun, die Augen groß.

»Bald wird sich, Sohn, dir jene Stadt enthüllen,«
So sprach mein guter Meister, »Dis genannt,
Die schaarenweis' unsel'ge Bürger füllen.«

Und ich: Mein Meister, deutlich schon erkannt
Hab' ich im Thale jener Stadt Moscheen,
Gluthroth, als ragten sie aus lichtem Brand.

Drauf sprach mein Führer: Ew'ge Flammen wehen
In ihrem Innern, drum im rothen Schein
Sind sie in diesem Höllengrund zu sehen.

Bald fuhren wir in tiefe Gräben ein,
Den Zugang sperrend zu dem grausen Orte;
Die Mauer schien von Eisen mir zu seyn.

Dann aber hörten wir des Steurers Worte,
Nachdem vorher wir auf dem Pfuhle weit
Umhergekreuzt: »Steigt aus, hier ist die Pforte,«

Wohl Tausende, vom Himmel hergeschneit,
Sind auf dem Thor, und zornig schreien die Frechen:
Wer wagt's, noch lebend, voll Verwegenheit

Ins tiefe Reich der Todten einzubrechen?
Mein Meister aber, ihnen winkend, lud
Sie klüglich ein, ihn erst geheim zu sprechen.

Da legte sich ein wenig ihre Wuth.
Sie sprachen: Komm' allein, laß Jenen gehen,
Der hier hereindrang mit so keckem Muth.

Der Tolle kehr' allein, und mag er sehen
Ob, wenn du bleibst, auch ungeleitet, Er
Vermag, den dunkeln Rückweg zu erspähen.

Und nun bedenk', o Leser, wie so schwer
Mich der Verdammten Rede niederdrückte,
Denn ich verzweifelt' an der Wiederkehr.

»Mein theurer Führer, du, durch den mir's glückte,
Daß ich gerettet ward schon siebenmal,
Deß Schutz mich drohender Gefahr entrückte,

Verlaß mich,« sprach ich, »nicht in dieser Quaal,
Und darf ich auch nicht weiter vorwärts dringen,
So komm mit mir zurück durchs dunkle Thal.«

Und Er, befehligt, mich hierher zu bringen,
Sprach: Fürchte nichts; erlaubt hat unsern Gang
Er, dem nichts wehrt, drum wird er wohl gelingen.

Hier harre mein, und ist die Seele bang,
So magst du sie mit guten Hoffnung speisen,
Denn nicht verlass' ich dich in solchem Drang.

So ging er - Ich, getrennt von meinem Weisen,
Dem süßen Vater, fühlte Ja und Nein
Beim Zweifelkampf in meinem Haupte kreisen.

Nicht hört' ich, was sein Antrag mochte seyn,
Allein er blieb bei jenem Volk nicht lange,
Denn alle rannten in die Stadt hinein,

Und schlugen ihm das Thor im wilden Drange
Vorm Antlitz zu, und sperrten ihn heraus.
Da kehrt' er sich zu mir mit schwerem Gange.

Den Blick gesenkt, die Brau'n verstört und kraus,
Ließ er in Seufzern diese Worte hören:
Wer schließt mich von der Stadt der Schmerzen aus?

Und dann zu mir: Nicht mög' es dich verstören,
Wenn du mich zürnen siehst - ich siege doch,
Wie keck sie auch dort drinnen sich empören.

Schon früher stieg ihr kecker Muth so hoch,
An einem Thor, nicht so geheim gelegen,
Und ohne Schloß und Riegel heute noch,

Am Thor, von dem die schwarze Schrift entgegen
Dem Wandrer droht - doch diesseits schon von dort
Kommt, ohne Leitung, auf den dunklen Wegen

Ein Andrer her und öffnet uns den Ort.


Gesang 09

Weil ich vor Angst und banger Furcht erblich,
Als Er genöthigt war, zurück zu kehren,
Verschloß mein Hort die eigne Furcht in sich.

Aufmerksam stand er still, wie um zu hören,
Weil frei Umherschaun dort die Dunkelheit
Der schwarzen Luft und dichte Nebel wehren.

Er sprach: »Wir siegen doch in diesem Streit -
Wenn nicht - doch hab' ich nicht ihr Wort vernommen?
Er säumt fürwahr doch gar zu lange Zeit.«

Ich sah es deutlich ein, zurückgenommen
Sey durch der Rede Folge der Beginn,
Da beide mir verschieden vorgekommen.

Drum lauscht' ich sorgenvoll und zagend hin,
Denn ich erklärte mir vielleicht noch schlimmer,
Als er es war, des halben Wortes Sinn.

»Kommt wohl ein Geist in diese Tiefe nimmer
Vom ersten Grad, wo nichts zur Quaal gereicht,
Als jeder Hoffnung trüberloschner Schimmer?«

So fragt' ich ihn, und Jener sprach: »Nicht leicht
Geschiehts, daß auf dem Weg, den wir gefunden,
Ein Andrer meines Grads dies Land erreicht.

Wahr ists, einst hab' ich mich herabgewunden,
Als ich auf der Erichtho Bann erschien,
Die Leiber oft und Geister neu verbunden.

Kaum war mein Geist vom Fleisch entblößt, als ihn
Die Zauberin beschwor in jene Mauer,
Um eine Seel' aus Juda's Kreis zu ziehn.

Dort ist die tiefste Nacht der bängste Schauer,
Am fernsten von des Himmels ew'gem Licht.
Ich weiß den Weg - drum scheuche Furcht und Trauer.

Der Sumpf hier, welcher Qualm verhaucht, umflicht
Die quaalenvolle Stadt, durch deren Pforten
Man Zugang nur mit Drohn und Zorn sich bricht.«

Mehr sprach er, doch mich zog von seinen Worten
Der hohe Thurm und bannte mit Gewalt
Den Blick ans Feuer auf dem Gipfel dorten.

Drei Höllenfurien sah ich dort alsbald,
Die, blutbefleckt, grad' aufgerichtet, stunden,
Und Weibern gleich an Haltung und Gestalt;

Mit grünen Schlangen statt des Gurts umbunden,
Mit kleinern Schlangen aber, wie mit Haar,
Und Ottern rings die grausen Schläf' umwunden.

Und Jener, dem bekannt ihr Anblick war,
Der Sclavinnen der Fürstin ew'ger Plagen,
Sprach: Nimm die wilden Erinnyen wahr.

Zur linken Seite sieh Megären ragen,
Immitten ist Tisiphone zu schaun,
Und rechts Alecto in Geheul und Klagen.

Die Brust zerriß sich jede mit den Klaun,
Und sie zerschlugen sich mit solchem Brüllen,
Daß ich mich an den Dichter drängt' aus Graun.

»Medusa komm, dein Antlitz zu enthüllen;
Er werde Stein!« - sie schrien's und sahn auf mich -
»Die Rach' an Thcseus soll sich hier erfüllen.«

»Schnell mit geschloßnen Augen wende dich.
Wenn Gorgo's Blicke deine Blicke fänden,
Verschlöss' auf ewig dir der Rückweg sich.«

Er sprachs, und eilte nun, mich umzuwenden,
Verließ sich auch auf meine Hände nicht,
Und schloß die Augen mir mit seinen Händen.

Ihr, die erhellt gefunden Geistes Licht,
Bemerkt die Lehre, die, vom Schlei'r umwoben,
Verborgen hält das seltsame Gedicht.

Schon kam durch jene trübe Fluth ein Toben,
Und beide Küsten zitterten voll Graus,
Wie das Getos urplötzlich sich erhoben.

Nicht anders tos't des wilden Sturms Gebraus,
Der sich vom Norden stürzt auf wärm're Gauen;
Und unaufhaltsam reißt er Wälder aus,

Streut Aeste hin durch die zerwühlten Auen,
Stolz zeichnen Staubeswirbel seinen Lauf
Und Wild und Hirten fliehn voll Angst und Grauen.

Da ließ er mir die Augen frei: »Schau auf!
Wo ob dem alten Schaum in schwarzen Bogen
Der Rauch sich wirbelnd hebt, dort sieh hinauf!«

Gleichwie die Frösche durch des Teiches Wogen
Vor ihrem Feind, der Wasserschlange, fliehn,
Bis sie am Strand sich der Gefahr entzogen;

So floh die Schaar verstörter Seelen ihn,
Den ich erblickte, den Erhabnen, Hehren,
Mit trocknem Fuß ob jenem Sumpfe ziehn.

Er schien den Qualm vom Antlitz abzuwehren,
Vor sich bewegend seine linke Hand,
Und dieser Dunst nur schien ihn zu beschweren.

Ich sah's, er sey vom Himmel hergesandt.
Zum Meister kehrt' ich mich, doch, auf sein Zeichen,
Neigt' ich mich schweigend, Jenem zugewandt.

Mir schien er einem Zornigen zu gleichen.
Er ging ans Thor, berührt' es unverzagt
Mit einem Stab, und krachend sah ichs weichen.

»Verächtlich Volk, vom Himmel fortgejagt,«
Begann er dort am Schreckensthor, »was nährte
Die Kühnheit, daß ihr neue Frevel wagt?

Was ists, das gegen Ihn euch neu bewehrte,
Deß Wille nie sein Ziel verfehlen kann,
Und der schon öfter eure Quaal vermehrte?

Was kämpft ihr gegen das Verhängniß an,
Obwohl eu'r Cerberus, ihr mögt's bedenken,
Mit kahlem Kinn und Halse nur entrann?«

Dann sah ich ihn zurück die Schritte lenken.
Uns sagt' er nichts, und achtlos ging er fort,
Gleich einem, welchen andre Sorgen kränken,

Als die um kleine Ding' am nächsten Ort.
Worauf wir beide nach der Vestung schritten,
Nun völlig sicher durch das heilge Wort.

Auch ward der Eingang uns nicht mehr bestritten;
Und ich, des Wunsches voll, mich umzusehn
Nach dieser Stadt Verhältniß, Art und Sitten,

Ließ, drinnen kaum, das Aug' im Kreise gehn,
Und rechts und links war weites Feld zu schauen,
Von Mattern voll und ungeheuren Weh'n.

Gleichwie wo sich der Rhone Wogen stauen,
Bei Arles, und bei Pola dort am Meer,
Das Welschland schließt, und neigt der Grenze Gauen.

Grabhügel sind im Lande rings umher;
So schienen hier auch Todte rings zu modern,
Doch schreckte dieser Gräber Anblick mehr,

Denn zwischen ihnen sieht man Flammen lodern,
Und alle sind so durch und durch entflammt,
Daß keine Kunst hier Stahl und Eisen fodern.

Halb offen ihre Deckel allesammt,
Und draus erklingen solche Klagetöne,
Daß man erkennt, wer drinnen, sey verdammt.

Und ich: Verkünde, Meister, wer sind Jene,
Die, hier begraben, sonder Ruh und Rast
Ausströmen in die Luft ihr Schmerzgestöhne?

Und Er: Hauptketzer hält der Ort umfaßt,
Und die den Sekten angehangen haben,
In größrer Zahl, als du gerechnet hast.

Denn Gleiche sind zu Gleichen hier begraben,
Und mehr und minder glüht jedwedes Maal -
Er sprachs, worauf wir rechtshin uns begaben

Fortschreitend zwischen hoher Mau'r und Quaal.


Gesang 10

Fortging nun, hier die Mauer, dort die Pein,
Auf einem engen Pfad der edle Weise,
Er mir voraus und ich ihm hinterdrein.

Du, der mich führt durch die verruchten Kreise.
Sprach ich, ich wünsche, daß, wenn dirs gefällt,
Dein Wort auch hier mich ferner unterweise.

Darf man die sehn, die jedes Grab enthält,
Wie mich die offnen Deckel hoffen hießen,
Da Niemand hier, uns wehrend, Wache hält?

Und Er: Die Deckel werden sich verschließen,
Wenn sie von Josaphat hierher gekehrt,
Mit ihren Körpern, die sie droben ließen.

Hier liegen Epikur, und die bethört
Ihm nachgefolgt, nach deren argen Lehren
Der Tod die Seele sammt dem Leib zerstört.

Nur eine Frage ließest du mich hören,
Und Antwort wird dir dies Begräbniß hier,
Und Stillung dem verschwiegnen Wunsch gewähren.

Und ich: Mein Herz verberg' ich nimmer dir,
Nur redet' ich in bündig kurzem Worte,
Und nicht nur jetzt empfahlst du solches mir.

»Toskaner, du, der lebend durch die Pforte
Der Feuerstadt, so ehrbar sprechend, drang,
Verweil', ich bitte dich, an diesem Orte.

O, ich erkenn' an deiner Sprache Klang,
Du seyst dem edlen Vaterland entsprungen,
Dem ich, ihm nur zu lästig, auch entsprang.«

Wie diese Red', aus einem Sarg' erklungen.
Urplötzlich war, naht' ich dem Führer mich
Zurücketretend und von Furcht durchdrungen.

Und Er zu mir: Was thust du? Wende dich!
Sieh grad empor den Farinata ragen;
Vom Haupte bis zum Gürtel zeigt er sich.

Ich, der auf sein Gesicht den Blick geschlagen
Sah, wie er hoch mit Brust und Stirne stand,
Als lach' er nur der Höll' und ihren Plagen.

Mein Führer, der mich schnell mit muth'ger Hand
Durch Gräber bis zu ihm mit fortgenommen,
Sprach: Was er fragt, mach' offen ihm bekannt.

Er sah mich, als ich bis zum Grab gekommen,
Ein wenig an: »Wer deine Väter? sprich!«
So fragt' er mich und schien von Zorn entglommen,

Gern fügt' ich dem Befehl des Meisters mich,
Ihm alles unverstellt zu offenbaren,
Da hoben etwas seine Brauen sich.

Er sprach darauf: »Furchtbare Gegner waren
Sie meinen Ahnen, mir und meinem Theil
Und zweimal drum vertrieb ich sie in Schaaren.«

Wenn auch vertrieben, kehrten sie in Eil,
Sprach ich, zweimal zurück aus jeder Gegend.
Doch nicht den Euren ward die Kunst zu Theil.

Sieh, da erhob, sich neben jenem regend,
Ein Schatten sich urplötzlich bis zum Kinn,
Sich auf den Knie'n, so schien's empor bewegend.

Er blickt' um mich nach beiden Seiten hin,
Als wollt' er sehn, ob jemand mich begleite,
Doch floh der Argwohn bald aus seinem Sinn,

Und weinend sprach er, wie nach innerm Streite:
Führt Geistes-Hoheit dich in diese Nacht,
Wo ist mein Sohn? warum nicht dir zur Seite? -

Nicht eigner Geist hat mich hierher gebracht,
Der dort harrt, führte mich ins Land der Klagen.
Dein Guido hatte sein vielleicht nicht Acht.

So ich - beim Wort und bei der Art der Plagen
Konnt' ich wohl seines Nahmens sicher seyn,
Und drum ihm auch so sicher Antwort sagen.

Und schnell erhob er sich mit lautem Schrei'n:
»Er hatte, sagst du? ist er nicht am Leben?
Saugt nicht sein Auge mehr den süßen Schein?«

Und da ich nun, statt Antwort ihm zu geben,
Noch zauderte, so fiel er rücklings hin,
Um fürder sich nicht wieder zu erheben.

Doch jener Andre mit dem stolzen Sinn,
Der mich gerufen, blieb auf seiner Stätte
Starr, ungebeugt und trotzig wie vorhin.

Er sprach, als ob er sich besonnen hätte:
»Ward jene Kunst zu Theil den Meinen nicht?
Dies martert mehr mich noch als dieses Bette.

Doch wird nicht funfzigmal sich das Gesicht
Der Herrin dieses Dunkels neu verklären,
So wirst du fühlen jener Kunst Gewicht.

Sprich, darfst du hier der Erde Thun erklären,
Warum mag auf die Meinen seine Wuth
Das Volk in jeglichem Gesetze kehren?«

Ich sprach: »Das große Morden ists, das Blut,
Das rothgefärbt der Arbia klare Wogen,
Das eu'r Geschlecht mit solchem Fluch belud.«

»Hab' ich allein die blut'ge That vollzogen?«
Sprach er, und seufzt' und schüttelte das Haupt.
»Hat uns nicht Alle trift'ger Grund bewogen?

Doch Ich war's, der, da jeglicher geglaubt,
Es müsse bis zum Grund Florenz verschwinden,
Die schreckliche Zerstörung nicht erlaubt.«

»Soll euer Saame jemals Ruhe finden,«
So sprach ich bittend, »löst die Schlingen hier,
Die noch, mein Urtheil hemmend, mich umwinden.

Versteh' ich recht, so scheint es wohl. daß ihr
Erkennen mögt, was künft'ge Zeiten bringen,
Doch mit der Gegenwart scheint's anders mir.«

Er sprach: Uns trägt der Blick zu fernen Dingen,
Wie's öfters wohl der schwachen Sehkraft geht,
Denn dahin läßt der höchste Herr uns dringen.

Doch nahn sie oder sind, wie weggeweht
Ist unser Wissen, und nur durch Berichte
Erfahren wir, wie's jetzt auf Erden steht.

Darum begreifst du: einst beim Weltgerichte
Wenn sich der Zukunft Thor auf ewig schließt,
Wird die Erkenntniß unsers Geist's zu nichte.

Drauf ich: Wie jetzt mein Fehler mich verdrießt!
O sagt dem Hingesunknen, Trostentblößten,
Daß noch sein Sohn das heitre Licht genießt.

Und war ich vorhin säumig, ihn zu trösten,
So sagt ihm, daß ich Raum dem Irrthum gab,
Den eben jetzt mir eure Worte lös'ten.

Hier rief mein Meister schon mich wieder ab,
Drum bat ich schnell den Geist, mir zu erzählen,
Wer noch verborgen sey in seinem Grab.

Er sprach: »Hier liegen mehr als tausend Seelen,
Der Kardinal, der zweite Friederich,
Und andre, die's nicht Noth thut, aufzuzählen.«

Und er versank, ich aber kehrte mich
Zum alten Dichter, jene Red' erwägend,
Die einer Unglücks-Prophezeihung glich.

Er aber ging und sprach, sich vorbewegend,
Zu mir gewandt: Was bist du so verstört?
Ich thats ihm kund, die Angst im Herzen hegend. /p>

Behalte, was du Widriges gehöret,
Sprach mit erhobnem Finger jener Weise,
Und jetzt merk' auf, daß dich kein Trug bethört.

Bist du dereinst im süßen Strahlenkreise,
Verströmt vom schönen Blick, der Alles sieht,
Dann deutet Sie dir deine Lebens-Reise.

Nun ging es links ins höllische Gebiet,
Um von der Mau'r der Mitte zu zuschreiten,
Wo sich der Pfad nach einem Thale zieht,

Von dem Gestank und Qualm sich weit verbreiten.


Gesang 11

Am äußern Saum von einem hohen Strande,
Umkreist von Felsentrümmern ohne Zahl,
Gelangten wir zu einem grausern Lande.

Dort bargen wir vor des Gestankes Quaal,
Der gräßlich dampft aus jenen tiefen Gründen,
Uns hinter eines hohen Grades Maal.

Wir sahn den Inhalt diese Schrift verkünden:
Hier liegt Pabst Annastasius, den Photin
Vom rechten Pfad verführt zu Schmach und Sünden.

Wir müssen, sprach er, langsam abwärts ziehn,
Erträglicher wird nach und nach den Sinnen
Der schlechte Dunst, der unerträglich schien.

So laß uns etwas, sprach ich drauf, beginnen,
Das uns die hier verbrachte Zeit ersetzt.
Du siehst, erwiedert' er, darauf mich sinnen.

Mein Sohn, du wirst in diesen Steinen jetzt,
So fuhr er fort, drei kleinre Kreise zählen,
Nach Stufen, wie die andern, fortgesetzt.

Erfüllt sind alle von verdammten Seelen,
Doch weil du selbst sie sehn wirst, so vernimm,
Wie und warum sie sich hier unten quälen.

Jedwede Bosheit weckt des Himmels Grimm,
Der Unrecht Zweck ist, denn sie macht es immer
Durch Trug und durch Gewalt mit Andern schlimm.

Doch Trug, des Menschen eigne Sünd', ist schlimmer,
Und die Betrüger bannt des Herrn Geheiß,
Drum tiefer hin zu schmerzlicherm Gcwimmer.

Gewaltthat wird bestraft im ersten Kreis,
Doch, nach dreifacher Gattung von Vergehen,
In dreien Binnenkreisen stufenweis.

An Gott, an sich, am Nächsten kann's geschehen,
Daß man Gewalt verübt, an Leib und Gut.
Wie? sollst du jetzt mit klaren Gründen sehen.

Gewaltthat an des Nächsten Leib und Blut
Geschieht durch Todtschlag und durch schlimme Wunden,
Am Gute durch Verwüstung, Raub und Gluth.

Todtschläger werden, die, so schwer verwunden,
Verwüster, Räuber, drum hinabgebannt.
Zur Pein im ersten Binnenkreis gefunden.

Gewalt übt man an sich mit eigner Hand,
Und seinem Gut - Um fruchtlos zu bereuen,
Sind drum zum zweiten Binnenkreis gesandt,

Die selber sich zu tödten sich nicht scheuen,
Die, so im Spielhaus all' ihr Gut verthan,
Und dorten weinten, statt sich zu erfreuen.

Gewalt auch thut der Mensch der Gottheit an,
Im Herzen sie verleugnend, und nicht achtend,
Was er durch Güte der Natur empfahn.

Du wirst, den kleinsten Binnenkreis betrachtend,
Drum die von Sodom und von Cahors schaun,
Und Volk, im Herzen seinen Gott verachtend.

Trug, des Gewissens Quaal, ist am Vertraun,
Und ist auch oft verübt an solchen worden,
Die nicht als Freund' auf den Betrüger baun.

Die letzte Gattung scheint das Band zu morden,
Das die Natur aus Lieb' um Alle flicht;
Drum nisten in dem zweiten Kreis die Horden

Der Heuchler, Schmeichler, die, so falsch Gewicht
Gebrauchen, Simonisten, Zaubrer, Diebe,
Und Kuppler und dergleichen Schandgezücht.

Zerrissen wird die allgemeine Liebe
Von jener Art des Trugs, und auch das Band,
Das Treue fordert aus besonderm Triebe.

Zum Mittelpunkt des Alls, wo seinen Stand
Dis selber hat, zum letztern kleinen Kreise,
Sind die Verräther drum zur Quaal verbannt.

Und ich: Du stellst nach deiner klaren Weise
Wohl abgetheilt den Höllenschlund mir dar
Und welche Sünder jedes Rund umkreise;

Doch sprich: Das Volk, das dort im Sumpfe war,
Die, so der Wind führt und die Regen schlagen,
Die mit Geschrei sich stoßen immerdar,

Warum, wenn sie den Zorn des Himmels tragen,
Sind sie nicht in der Feuerstadt? Wenn nicht,
Warum erdulden sie doch jene Plagen?

»Wohin schweifst du mit den Gedanken,« spricht
Der Weise drauf, »von den gewohnten Wegen?
Und was trübt also deines Geistes Licht?

Willst du nicht deine Sittenlehr' erwägen,
Die Kunde dreier Neigungen verleiht,
Die Gottes Zorn und seinen Haß erregen.

Die Bosheit ists, die Unenthaltsamkeit
Und tolle Wuth; doch trifft mit mindern Plagen
Die Zweite Gott ob mindrer Strafbarkeit.

Willst du den Spruch bedenken, und dir sagen,
Wer jene sind, die vor der Stadt voll Gluth
Dort oben ihre Züchtigung ertragen,

So wirst du sehn, wie sie von dieser Brut
Geschieden sind, und minder sie beschwerend
Auf ihnen das Gewicht des Himmels ruht.« -

»O Sonne, du, die trübsten Blicke klärend,
Wie Wissen, so erfreut der Zweifel mich,
Vernehm' ich dich ihn lösend, mich belehrend.

Drum wend' ein wenig,« sprach ich, »rückwärts dich.
Du sagtest, daß dic Wuchrer Gott verletzen,
Jetzt sage mir, wie lös't dies Räthsel sich?«

Weltweisheit, sprach er, lehrt in mehrern Sätzen,
Daß nur aus Gottes Geist und Kunst und Kraft
Natur entstand mit allen ihren Schätzen;

Und überdenkst du deine Wissenschaft
Von der Natur, so wirst du bald crkennen,
Daß eure Kunst, mit allem, was sie schafft,

Nur der Natur folgt, wie nach bestem Können
Der Schüler geht auf seines Meisters Spur;
Drum ist sie Gottes Enkelin zu nennen.

Vergleiche nun mit Kunst und mit Natur
Die Genesis, wo's also lautet: Leben
Sollst du im Schweiß des Angesichtes nur -

Weil Wuchrer nun nach anderm Wege streben,
Schmähn sie Natur und ihre Folgerin,
Indem sie andrer Hoffnung sich ergeben.

Doch folge mir, denn vorwärts strebt mein Sinn,
Da schon die Fisch' empor am Himmel springen;
Schon auf den Caurus sinkt der Wagen hin,

Und weit ists noch, eh wir zur Tiefe dringen.


Gesang 12

Rauh war die Stelle, wo wir niederklommem,
Und meines Herzens Bangigkeit war groß,
Ob dessen, den ich dorten wahrgenommen.

Dem Bergsturz gleich bei Trento, der den Schooß
Der Etsch vordem dort ausgefüllt, entstanden
Durch Unterwühlung oder Erdenstoß;

Wo man vom Berg, auf dem die Trümmer standen,
Am steilen Felsen keinen Pfad entdeckt,
Der niederleite zu den eb'nen Landen;

So jener Felsenschlund, der mich erschreckt;
Und auf dem Rand lag, wie wir weiter drangen,
Das Unthier, Kreta's Schande, hingestreckt,

Einst von dem Scheinbild einer Kuh empfangen.
Sich selber nagt' er, als er uns erblickt,
Wie innerlich von wildem Grimm befangen.

Mein Meister rief: Bist du vom Wahn bestrickt,
Als sähst du hier den Theseus vor dir stehen,
Der dich von dort zur Höll' herabgeschickt?

Fort, Unthier, fort. Den Weg, auf dem wir gehen,
Nicht deine Schwester hat ihn uns gelehrt,
Doch dieser kommt, um eure Quaal zu sehen.

So wie Stier, vom Todesstreich versehrt,
Sich losreißt, um die Hörner bald zu neigen,
Doch erst im Sprung wild hin und wieder fährt;

So sah ich jetzt den Minotaur sich zeigen,
Drum rief Virgil: Jetzt weiter ohne Rast,
Indeß er tobt, ists gut hinabzusteigen.

So gingen wir, von Trümmern rings umfaßt,
Auf Trümmern durch den Paß, und öfters wichen
Sie unter meinem Fuß der neuen Last.

Er sprach, da ich tiefsinnig hergeschlichen:
Denkst du an diesen Felsenschutt, bewacht
Von toller Wuth, die meinem Wort gewichen?

Vernimm jetzt, als ich in der Hölle Nacht
Zum erstenmal so tief hereingedrungen,
War dieser Fels noch nicht herabgekracht.

Doch kurz vorher, eh' Er, herabgeschwungen
Vom höchsten Himmel, herkam, der dem Dis
So edler Seelen großen Raub entrungen,

Erbebte so die grause Finsterniß,
Daß ich die Meinung faßte, Liebe zück
Durchs Weltenall, und stürz' in mächt'gem Riß

Ins alte Chaos neu die Welt zurücke.
Der Fels, der seit dem Anfang fest geruht,
Ging damals hier und anderwärts in Stücke.

Doch blick' ins Thal; schon naht der Strom von Blut,
In welchem Jeder siedet, der dort oben
Dem Nächsten durch Gewaltthat wehe thut.

O blinde Gier, o toller Zorn! eu'r Toben
Es spornt uns dort im kurzen Leben an,
Und macht uns ewig dann dies Bad erproben -

Hier ist ein weiter Graben, der den Plan
Ringshin umfaßt im weiten runden Bogen,
Wie mir mein weiser Führer kund gethan.

Im schnellen Lauf, bewehrt mit Pfeilen, zogen
Centauren zwischen Graben hin und Strand,
Wie sie auf Erden einst der Jagd gepflogen.

Still hielten alle, wie sie uns erkannt,
Doch trennten drei sich von der Schaar, mit Pfeilen,
Die sie gesucht, und Bogen in der Hand.

Und Einer rief von fern: Ihr müßt verweilen!
Zu welcher Quaal kommt ihr an diesen Ort?
Von dort sprecht, sonst soll euch mein Pfeil ereilen!

»Dem Chiron sag' ich in der Näh' ein Wort,«
Sprach drauf Virgil. »Zum Unheil dich verführend,
Riß vorschnell stets der blinde Trieb dich fort.«

Nessus ist dieser,« sprach er, mich berührend,
»Der starb, als Dejaniren er geraubt,
Die Rache noch vor seinem Tod vollführend.

Der in der Mitt' ist, mit gesenktem Haupt,
Der große Chiron, der Achillen nährte.
Dort Pholus, welcher stets vor Zorn geschnaubt.

Am Graben streichen tausend Pfeilbewehrte,
Die schießend, die aus diesem Blutpfuhl sich
Mehr heben, als des Richters Spruch gewährte.«

Wie wir der flinken Schaar genaht, sah ich,
Daß Chiron einen Pfeil nahm, und vom Barte
Das Haar mit seinem Knauf nach hinten strich.

Als nun das große Maul sich offenbarte,
Sprach er: »Bemerkt: der hinten kommt, bewegt,
Was er berührt, wie ich es wohl gewahrte,

Und wie's kein Todtenfuß zu machen pflegt.«
Da trat ihm an die Brust mein weiser Leiter,
Wo Mensch und Roß sich einigt und verträgt.

»Lebendig ist,« so sprach er, »der Begleiter,
Der dieses dunkle Thal mit mir bereist;
Nothwendigkeit, nicht Neugier zieht uns weiter.

Von dort, wo Gott Ihr Halleluja preist,
Kam Eine her, dies Amt mir aufzutragen.
Er ist kein Räuber, ich kein böser Geist.

Doch bei der Kraft, durch die ich sonder Zagen
Auf wildem Pfad im Schmerzensland erschien,
Gieb einen uns von diesen, die hier jagen,

Daß er die Furth uns zeig' und jenseits ihn
Trag' auf dem Kreuz ans andere Gestade,
Denn Er, kein Geist, kann durch die Luft nicht ziehn.«

»Auf, Nessus, leite sie auf ihrem Pfade,«
Rief Chiron drauf, »beschütz' auch treulich sie,
Daß sonst kein Trupp der Unsern ihnen schade.«

Da solch Geleit uns Sicherheit verlieh,
So gingen wir am rothen Sud von hinnen,
Aus dem die Rotte der Gesottnen schrie.

Bis zu den Brauen waren viele drinnen.
»Tirannen sinds, erpicht auf Gut und Blut,«
So hört' ich den Centauren nun beginnen,

»Jetzt heulen sie in ihrer Quaalen Wuth.
Den Alexander sieh, und Dionysen,
Der auf Sizilien Schmerzensjahre lud.

Mit schwarzbehaarter Stirn sieh neben diesen
Den Ezzelin - und jener Blonde dort
Ist Obiz Este, der, wie's klar erwiesen,

Vertilgt ward durch des Rabensohnes Mord.«
Den Dichter sah ich an, der sprach: der zweite
Bin ich, der erste der, merk' auf sein Wort.

Und weiter gab uns Nessus das Geleite
Zu Volke, das, bis an des Mundes Rand
Im heißen Sprudel, heult' und maledeite.

Und seitwärts zeigt er Einen mit der Hand:
»Der macht' einst am Altar das Herz verbluten,
Das man noch jetzt verehrt am Themsenstrand.«

Und viele hielten aus den heißen Fluthen
Das ganze Haupt, dann Brust und Leib gestreckt,
Auch kannt' ich manchen in den nassen Gluthen.

Stets seichter ward das Blut, so daß bedeckt
Am Ende nur der Schatten Füße waren,
Und dorten ward des Grabens Furth entdeckt.

Da sagte der Centaur: Du wirst gewahrem,
Wie immer seichter hier das Blut sich zeigt.
Jetzt aber will ich, sollst du auch erfahren,

Daß dort der Grund jemehr und mehr sich neigt,
Bis wo die Fluth verrinnt in jenen Tiefen,
Woraus das Seufzen der Tirannen steigt.

Gerechter Zorn und Rache Gottes riefen
Dorthin der Erde Geißel, Attila,
Pirrhus und Sextus; und von Thränen triefen,

Von Thränen, ausgekocht vom Blute, da
Die beiden Rainer, arge Raubgesellen,
Die man die Straßen hart bekriegen sah -

Hier wandt' er sich und eilte durch die Wellen.


Gesang 13

Noch war nicht Nessus jenseits 'am Gestade,
Da schritten wir in einen Wald volle Graun,
Und nirgend war die Spur von einem Pfade.

Nicht grün war dort das Laub, nur schwärzlich braun,
Nicht glatt ein Zweig, nur knotige, verwirrte,
Nicht Frucht daran, nur gift'ger Dorn zu schaun.

Nie bei Cornet und der Cecina irrte
Damhirsch und Eber durch so dichten Hain,
Dies Wild, das nie die Saat des Feldes kirrte.

Hier aber nisten die Harpy'n sich ein,
Die, von den Inseln Troja's Volk zu scheuchen,
Es ängsteten mit Unglücks-Prophezei'n.

Mit breiten Schwingen, Federn an den Bäuchen,
Klaun an den Füßen, menschlich von Gesicht,
Hört man sie von den Bäumen klagend keuchen.

Worauf zu mir mein guter Meister spricht:
»Vernimm zuförderst, eh wir weiter gehen,
Daß dich dcr zweite Binnenkreis umflicht.

Drauf siehst du dich von gräul'gem Sand' umwehen,
Doch gieb nur Acht, und alles, was ich sprach,
Wirst du hier unten klar bewiesen sehen.«

Schon hört' ich rings Geheul und O und Ach.
Doch sah ich keinen, der so ächzt' und schnaubte,
So daß mein Knie mir fast vor Schauder brach.

Ich glaub', er mochte glauben, daß ich glaubte,
Verborgne stöhnten in dem dunkeln Raum,
Die mir zu sehn das Dickigt nicht erlaubte.

»Brich nur ein Zweiglein ab von einem Baum«
Begann mein Meister, »und du wirst entdecken,
Was du vermuthest, sey ein leerer Traum.«

Da säumt' ich nicht, die Finger auszustrecken,
Riß einen Zweig von einem großen Dorn,
Und plötzlich schrie der Stumpf zu meinem Schrecken:

»Was brichst du mich?« - worauf ein blut'ger Born
Aus ihm entquoll, und diese Wort' erklangen:
»Was peinigt uns dein mitleidloser Zorn,

Uns, Menschen einst, von Rinden jetzt umfangen.
Wohl größre Schonung ziemte deiner Hand,
Und wären wir auch Seelen nur von Schlangen.«

Gleichwie ein grüner Ast, hier angebrannt,
Dort ächzt und sprüht, wenn, aufgelöst in Winde,
Der feuchte Dunst den Weg nach außen fand;

So drangen Wort und Blut aus Holz und Rinde,
Und mir entsank das Reis, das ich geraubt;
Dann stand ich dort, als ob ich Furcht empfinde.

»Verletzte Seele, hätt' er je geglaubt,
Was früher schon ihm mein Gedicht entdeckte,«
So sprach Virgil, »nie hätt' er sich erlaubt,

Daß er die Hand nach deinem Aste streckte.
Mich selber reut, daß, weils unglaublich schien,
Ich Lust in ihm zu solcher That erweckte.

Sag' ihm, wer warst du? und er wird, wenn ihn
Die Welt einst neu umfängt, dir gern vergüten,
Und neu ans Licht dein Angedenken ziehn.«

»Wohl muß die süße Rede mich begüten,«
Sprach drauf der Stamm, »und zwingt zum Sprechen mich,
Um über meinem Unglücksloos zu brüten.

Ich bins, der einst das Herz des Friederich
Mit zweien Schlüsseln auf- und zugeschlossen
Und sie so sanft und leis gedreht, daß Ich,

Ich nur, sonst Keiner, sein Vertraun genossen -
Und bis ich ihm geopfert Schlaf und Blut,
Weiht' ich dem hohen Amt mich unverdrossen.

Die Hure, die mit buhlerischer Gluth
Auf Cäsars Haus die geilen Blicke spannte,
Sie, aller Höfe Tod und Sünd' und Wuth,

Schürt' an, bis Alles gegen mich entbrannt,
Und alle schürten Friedrichs Gluthen an,
Daß heitrer Ruhm in düstres Leid sich wandte.

Da hat mein zornentflammter Geist, im Wahn,
Durch Sterben aller Schmach sich zu entwinden,
Mir, dem Gerechten, Unrecht angethan.

Bei diesen Wurzeln schwör' ich, diesen Rinden:
Nie brach ich Ihm die Treu', ihm, der als Held
Und Herrscher werth war, ew'gen Ruhm zu finden.

Kehrt einer je von euch zurück zur Welt,
So mög' er dort mein Angedenken heben,
Das jener Streich des Neids noch niederhält.«

Hier hielt er an, ich aber schwieg mit Beben.
Da sprach der Dichter: Ohne Zeitverlust
Frag' ihn, er wird auf Alles Antwort geben.

Ich aber: frag' ihn selbst. Dir ist bewußt,
Was mir ersprießlich sey, ihm abzufragen;
Ich könnt' es nicht, denn Leid drückt meine Brust.

Und Er: Soll einst, was du ihm aufgetragen,
Er frei vollziehn, dann, o gefangner Geist,
Beliebe dir, zuvor uns anzusagen,

Wie dieser Stämme Band die Seel' umkreist?
Und, wenn um sie sich starre Rinden legen,
Ob diesen Gliedern eine sich entreißt?

Ein starker Hauch schien sich im Stamm zu regen,
Dann aber ward der Wind zu diesem Wort:
»In kurzer Rede sag' ich dies dagegen:

Wenn die vom Leib' sich trennen, welche dort
Sich frevelhaft in wildem Grimm entleiben,
Schickt Minos sie zu diesem Schlunde fort.

Hier fallen sie, wie sie die Stürme treiben,
In diesen Wald nach Zufall, ohne Wahl,
Um wie ein Speltkorn wuchernd zu bekleiben.

So wachsen Büsch' und Bäum' in diesem Thal,
Und die Harpy'n, die sich vom Laube weiden,
Sie machen Quaal, und Oeffnung für die Quaal.

Einst eilen wir nach unserm Leib, doch kleiden
Uns nie darein, denn was man selbst sich nahm,
Will Gott uns nimmer wieder neu bescheiden.

Wir schleppen ihn in diesen Wald voll Gram,
Und an den Baum wird jeder Leib gehangen,
Den hier zur ew'gen Haft sein Geist bekam.«

Wir horchten auf den Stamm noch, voll Verlangen,
Mehr zu vernehmen, als urplötzlich schnell
Schrei'n und Getos zu unsern Ohren drangen,

Als ob hier Eber, Hund und Jagdgesell,
Die ganze Jagd, heran laut tosend brauste,
Mit Hüfthorns-Klang und Tosen und Geben. -

Und sieh, linksher, zwei Nackende, Zerzauste,
Fortstürmen, wie vom Aeußersten bedroht,
Daß das Gezweig zertrümmert kracht' und sauste.

Der Vordre schrie: Zu Hülfe, Hülfe, Tod!
Doch, ihm nicht folgen könnend, rief der Zweite:
Lan, liefst du doch so rasch nicht in der Noth

Bei Toppo einst, nach jenem großen Streite. -
Drauf barg er, da ihm Luft zu mangeln schien,
Sich ganz und gar in einem Busch zur Seite.

Doch schwarze Hündinnen verfolgten ihn,
Indem sie voll Begier die Läufe streckten,
Den Doggen gleich, die von der Koppel fliehn,

Und schlugen ihre Zähn' in den Versteckten,
Zerissen ihn und trugen stückweis dann
Die Glieder fort, die frischen, blutbefleckten.

Mein Führer faßte bei der Hand mich an,
Und führte mich zum Busche, der vergebens
Aus Rissen klagte, welchen Blut entrann.

Er sprach: Was machtest du doch eitlen Strebens
O Jacob, meinen Busch zu deiner Huth?
Trag' ich die Schulden deines Lasterlebens?

Mein Meister, dessen Schritt bei ihm geruht,
Sprach: Wer bist du? Warum aus so viel Wunden
Hauchst du zugleich die Schmerzensred' und Blut?

Und Er: Ihr, die ihr euch hierher gefunden,
Und, mir zur jammervollen Schmach, geschaut,
Wie meinem Busch sein düstres Laub geschwunden,

O bringts zum Stamme her, den Blut bethaut.
Ich bin aus jener Stadt, die statt des alten
Sich einem neuen Schutzpatron vertraut.

Feindselig wird drum stets ihr Jener walten,
Und wenn am Arno-Paß sein Bild nicht stand,
Wenn auch nur roh, aus alter Zeit erhalten,

Dann glückte wohl auf Asche von dem Brand
Des Attila der Wiederaufbau nimmer,
Und fruchtlos mühte sich der Bürger Hand, -

Zum Galgen macht' ich mir mein eignes Zimmer.


Gesang 14

Von Rührung für die Vaterstadt durchdrungen,
Las ich das Laub, und gab's mit tiefem Leid
Dem Busch zurück, deß Laute schon verklungen.

Zur Grenze kamen wir in kurzer Zeit
Vom zweiten Binnenkreis, und sahn im dritten
Ein grauses Kunstwerk der Gerechtigkeit.

Und nun eröffnete vor unsern Schritten
Und unsern Blicken sich ein ebnes Land,
Deß Boden nimmer Pflanz' und Gras gelitten.

Und wie sich um den Wald der Graben wand,
War dieses von dem Schmerzenswald umwunden.
Hier weilten wir an beider Kreise Rand.

Dort ward ein tiefer, dürrer Sand gefunden,
Der jenem Sand' in Libyens Wüsten glich,
Durch welchen einst sich Cato's Fuß gewunden.

O Gottes Rache! Jeder fürchte dich,
Dem, was ich sah, mein Lied wird offenbaren,
Und wende schnell vom Lasterwege sich.

Denn nackte Seelen sah ich dort in Schaaren,
Die, alle klagend jämmerlich und schwer,
Doch sich nicht gleich in ihren Strafen waren.

Die lagen rücklings auf der Erd' umher,
Die sah ich sich zusammenkrümmend kauern,
Noch andre gingen immer hin und her.

Die Mehrzahl mußt im Gehn die Straf' erdauern,
Der Liegenden war die geringre Zahl
Doch mehr gedrängt zum Klagen und zum Trauern.

Und langsam sah ich hier mit rothem Strahl
Hernieder breite Feuerflocken gleiten,
Wie Schnee bei stiller Luft im Alpenthal -

Und wie in Indien vor uralten Zeiten
Auf Alexanders sieggewohnte Schaar
Die Feuer-Ballen bis zur Erde schneiten;

Daher er dann in dringender Gefahr
Den Boden stampfen ließ von seinen Heeren,
Weil einzeln sie zu löschen leichter war;

So sah ich stets die Gluthen wiederkehren.
Wie unterm Stahle Schwamm, entglomm der Sand,
Um bis zum Doppelten den Schmerz zu mehren.

Nie hatten hier die Hände Stillestand,
Und hier- und dorthin sah ich sie bewegen,
Abschüttelnd von der Haut den frischen Brand.

Da sprach ich: Du, dem alles unterlegen,
Bis auf die Geister, die sich dort voll Wuth
Am Thor zur Wehr gestellt und dir entgegen,

Wer ist der Große, welcher, diese Gluth
Verachtend, liegt, die Blicke trotzig hebend,
Noch nicht erweicht von dieser Feuerfluth?

Und Jener rief, mir selber Antwort gebend,
Weil er gemerkt, daß ich nach ihm gefragt,
Uns grimmig zu: Todt bin ich, wie einst lebend.

Sey auch mit Arbeit Jovis Schmidt geplagt,
Von welchem Er den spitzen Pfeil bekommen,
Den er zuletzt in meine Brust gejagt;

Zur Hülfe sey die ganze Schaar genommen,
Die rastlos schmiedet in des Aetna Nacht;
Hilf, hilf, Vulkan, so schrei' er zornentglommen,

Wie er bei Phlägra that in jener Schlacht;
Mit aller Macht sey das Geschoß geschwungen,
Gewiß, daß nie ihm frohe Rache lacht -

Da hob so stark, wie sie mir nie erklungen,
Mein Meister seine Stimm', ihm zuzuschrei'n:
O Kapaneus, daß ewig unbezwungen

Der Stolz dich nagt, ist deine wahre Pein,
Denn keine Marter, als dein eignes Wüthen,
Kann deiner Wuth vollkommne Strafe seyn.

Drauf schien des Meisters Zorn sich zu begüten.
Von jenen sieben war er, sagt' er mir,
Die Theben zu erobern sich bemühten.

Er höhnte Gott in seiner wilden Gier
Und, wie ich sprach, sein Stolz bleibt seine Schande,
Sein Trotz des Busens wohlverdiente Zier.

Jetzt folge mir, doch vor dem heißen Sande
Nimm immer noch die Füße wohl in Acht,
Und halte dicht sie an des Waldes Rande.

Wir gingen schweigend fort, und sahn mit Macht
Vor jenem Wald ein Flüßchen sprudelnd quellen,
Deß Röthe noch mich heute schaudern macht.

Dem Sprudel bei Viterbo gleichzustellen,
Der Buhlerinnen schändlichem Verein,
Entrann es niederwärts mit raschen Wellen.

Und Grund und Ufer waren dort von Stein,
Auch beide Ränder, die den Fluß umfassen,
Drum mußte hier der Weg hinüber seyn.

Von Allem, was ich noch dich sehen lassen,
Seit wir durch jenes Thor hier eingekehrt,
Das uns, wie Alle, ruhig eingelassen,

War noch bis jetzt nichts so bemerkenswerth,
Als dieser Fluß, zu dem du eben ziehest,
Der über sich die Flämmchen schnell verzehrt.

So Er zu mir und ich darauf: Du siehest
Mich schon genug von Lüsternheit entbrannt.
Gieb Kost nun, wie du Essenslust verliehest.

Im Meere, sprach er, liegt ein ödes Land,
Das Creta heißt, und Keuschheit hat gewaltet,
Als unter seinem Herrn die Erde stand.

Ein Berg hier, Ida, war einst schön gestaltet,
Mit Quellen, Laub und Blumen reich geschmückt,
Jetzt ist er öd, verwittert und veraltet.

Hierher hat Rhea ihren Sohn entrückt,
Und, alle Späher listig hintergehend,
Des Kindes Schrei'n durch Tosen unterdrückt.

Ein hoher Greis ist drinn, grad' aufrecht stehend,
Den Rücken nach Damiette hingewandt,
Nach Rom hin, wie in seinen Spiegel, sehend;

Das Haupt von feinem Gold, Brust, Arm und Hand
Von reinem Silber, weiter dann hernieder
Von Kupfer nur bis an der Hüften Rand;

Von tücht'gem Eisen bis zur Sohle nieder,
Nur von gebranntem Thon der rechte Fuß,
Und dennoch ruht auf ihm die Last der Glieder.

Das Gold allein ist von gediegnem Guß;
Die andern haben Spalt' und träufeln Zähren,
Und diese brechen durch die Grott' als Fluß,

Um ihren Lauf nach diesem Thal zu kehren,
Als Acheron, als Styx, als Phlegethon.
Und bilden, wenn sie zu den tiefsten Sphären

Durch diesen engen Graben hingeflohn,
Dort den Cocyt; doch nahst du diesem Teiche
Bald selber dich, drum hier nichts mehr davon.

Und ich zu ihm: »Wenn auf der Erd', im Reiche
Des Tages, schon der kleine Fluß entstund,
Wie kommt es, daß ich ihn erst hier erreiche?«

Und Er zu mir: »Du weißt, der Ort ist rund,
Und ob wir gleich schon tief hernieder drangen,
Doch haben wir, da wir uns links zum Grund

Herabgewandt, den Kreis nicht ganz umgangen,
Und Staunen bring' es nicht auf dein Gesicht,
Wenn wir zu manchem Neuen hingelangen.«

Und Ich: »Du gabst vom Ursprung mir Bericht,
Und von den Rahmen, so die Wässer tragen,
Allein was sprichst du von der Lethe nicht?«

Mein Meister drauf: »Gern hör' ich deine Fragen,
Doch sollte dieser rothen Wässer Sud
Auf deine letzte wohl dir Antwort sagen.

Nicht in der Hölle fließt der Lethe Fluth,
Dort siehst du sie beim großen Seelen-Bade,
Wenn die bereute Schuld auf ewig ruht.

Jetzt fort vom Wald! Und schreite nur gerade
Hier, wo die Bahn sich öffnet, hinter mir,
Denn hier ist Stein, nicht brennen die Gestade

Und jeder böse Dunst verschwindet hier.«


Gesang 15

Wir gingen längs dem Rand von Stein zusammen,
Und feuchter Dampf, den Fluß umnebelnd, schützt
Die Wässer und die Dämme vor den Flammen.

Gleichwie sein Land der Flandrer unterstützt
Die Springfluth fürchtend, die vom festen Baue
Rückprallend, Schaum in hohe Lüfte spritzt;

Wie längs der Brenta Schloß und Dorf und Aue
Gesichert werden vor der Fluthen Macht,
Bevor der Schnee der Chiarentana thaue;

So waren hier die Dämm' am Fluß gemacht,
Doch hatte nicht so hoch und nicht so dicke
Der Meister, wer's auch war, sie angebracht.

Weit ließen wir bereits den Wald zurücke,
Auch war die Gegend nirgends nebelfrei,
Drum barg er gänzlich sich vor unserm Blicke.

Am Fuß des Damms kam vieles Volk herbei,
Und wie am Neumond bei des Abends Grauen
Man lugend späht, wer der und jener sey,

So sahn wir sie auf uns nach oben schauen;
Und wie der alte Schneider nach dem Oehr,
So spitzten sie nach uns die Augenbrauen.

Und wie sie Alle gafften, faßte Wer
Mich bei dem Saum, und wie er mich erkannte,
Rief er erstaunt: »Welch Wunder! Du? Woher?«

Und ich, wie er nach mir gegriffen, wandte
Den Blick ihm fest aufs Angesicht, das schier
Geröstet war; doch zeigte das verbrannte

Sogleich die wohlbekannten Züge mir,
Drum neigt' auch ich nach seinem Hals die Arme,
Und rief: »Ei, Herr Brunetto, seyd ihr hier?«

Mein Sohn, sprach Jener, daß dich mein erbarme!
Gern spräche wohl Brunett Latini dich
Ein wenig hier, entfernt von diesem Schwarme.

Ich bitt' euch selbst darum, entgegnet' ich,
Daher ich gern mit euch mich setzen werde,
Wenn's dieser billigt, denn Er leitet mich.

Und Er: »Ach Sohn, wer weilt von dieser Heerde,
Darf sich nicht wedeln hundert Jahr hernach,
Und liegt, die Gluth erduldend, auf der Erde.

Drum geh', ich folge deinem Tritte nach,
Bis wir aufs neu zu meiner Rotte kommen,
Die weinend geht in Leid und ew'ger Schmach.«

Gern wär' ich neben ihn hinabgeklommen,
Doch wagt' ichs nicht, und ging, das Haupt geneigt,
Als wär' ich ganz von Ehrfurcht eingenommen.

»Du, welcher vor dem Tod herniedersteigt,«
Begann er nun, »welch Schicksal führt dein Streben?
Und wer ist der, der dir die Pfade zeigt?«

»Dort oben,« sprach ich, »in dem heitern Leben
Sah ich, bevor das Alter mir genaht,
Mich jüngst, verirrt, von einem Thal umgeben,

Aus dem ich eben gestern Morgens trat.
Zurück ins Thal wollt' ich, da kam mein Leiter
Und führt mich wieder heim auf diesem Pfad.«

Drauf sprach er: »Folgst du deinem Sterne weiter,
Dann, wenn ich recht bemerkt im Leben, schafft
Er dich zum Hafen, ehrenvoll und heiter.

Und hätte mich der Tod nicht weggerafft,
Hätt' ich, da dir so hold die Sterne waren,
Dich selbst zum Werk gestärkt mit Muth und Kraft.

Doch jenes Volk von Schnöden, Undankbaren
Einst von Fiesole herabgerannt,
Noch jetzt, dcn Felsen ähnlich, rohe Schaaren,

Ist, weil du wacker thust, von Haß entbrannt,
Und dies mit Recht, weil übel stets im herben
Ebreschenwald die süße Feige stand.

Die Blinden hießen sie schon längst, und sterben
Vor Stolz und Geiz und Neid, der sie verzehrt.
Laß ihre Sitten nimmer dich verderben!

Dein Glück bewahrt dir solchen Ruhm und Werth,
Daß beide Theil' einst hungernd nach dir ringen.
Doch ihrem Schnabel ist solch Kraut verwehrt.

Mag sich das Vieh von Fiesole verschlingen,
Doch nie berühr' es mehr ein edles Kraut,
Kann seinem Mist ein solches sich entringen,

In dem man neu belebt den Saamen schaut
Von jenen Römern, die dorthin gezogen,
Als man dies Nest der Bosheit auferbaut.«

»O hätte mein Gebet der Herr erwogen,«
Entgegnet' ich, »so hättet ihr noch nicht
Des Leibes Hüll' auf Erden ausgezogen.

Das theure gute Vater-Angesicht,
Noch seh' ichs vor betrübtem Geiste schweben,
Noch denk' ich, wie ihr mich im heitern Licht

Gelehrt, wie Menschen ew'gen Ruhm erstreben,
Und wie ich euch geliebt, soll mein Gesang,
So lang ich lebe, vor der Welt erheben.

Was ihr erzählt von meines Lebens Gang,
Wird meine Herrin mir zu deuten wissen,
Darum bewahr' ichs, bis ich zu ihr drang.

Deß seyd gewiß: Ist ruhig mein Gewissen,
Zu jedem Schicksal bin ich dann bereit,
Und nimmer solls die feste Brust vermissen.

Mir ist nicht neu, was ihr mir prophezeiht.
Doch mag, wie Bauern ihre Hacken schwingen,
Ihr Rad Fortuna drehn zu Glück und Leid.«

Mein Meister aber, hinter dem wir gingen,
Kehrt hier sich um, und sah mich an und sprach:
»Gut hören, die's behalten und vollbringen.«

Ich aber ließ drum nicht im Sprechen nach,
Und wünschte die berühmtesten zu kennen
Von den Genossen dieser Pein und Schmach.

Drauf Herr Brunett: »Gut ist es, ein'ge nennen,
So wie von andern schweigen löblich scheint,
Auch würd' ich nicht von Allen sagen können.

Gelehrte sind und Pfaffen hier vereint
Von großem Ruf, die einst besudelt waren
Mit jenem Fehl, den Jeder nun beweint.

Franz von Accorso geht in diesen Schaaren,
Auch Priscian, und war dirs nicht zu schlecht,
Vorhin so schnöden Aussatz zu gewahren,

So sahst du Jenen, den der Knechte Knecht
Zwang, nach Vicenz vom Arno aufzubrechen,
Allwo der Tod sein toll Gelüst gerächt.

Gern sagt' ich mehr - doch mit dir gehn und sprechen
Darf ich nicht länger, denn schon hebt sich dicht
Ein neuer Rauch auf jenen sand'gen Flächen.

Auch naht hier Volk, von dem mich das Gericht
Geschieden hat - Mein Schatz sey dir empfohlen,
Ich leb' in ihm noch - mehr begehr' ich nicht.«

Hier wandt' er sich, die Andern einzuholen,
Wie nach dem Ziel mit grünem Tuch geziert,
Der Veroneser läuft mit flücht'gen Sohlen,

Und schien, wie wer gewinnt, nicht wer verliert.


Gesang 16

Von fernher hallte schon des Wassers Brausen,
Das sich herniederstürzt' ins nächste Thal,
Gleich eines Bienenschwarmes dumpfem Sausen;

Da rannten Schatten her, drei an der Zahl,
Und trennten sich von einer größern Bande,
Die hinlief durch des Feuerregens Quaal,

Und schrien: »Halt du, wir sehn es am Gewande
Dir deutlich an, du bist hierher versetzt
Aus unserm eignen schnöden Vaterlande.«

Ach, alt' und neue Wunden, eingeätzt
Von Flammen, sah ich nun in ihrem Fleische,
Und noch voll Mitleid denk' ich ihrer jetzt.

Mein Meister stand nun still bei dem Gekreische,
Und sah mich an und sprach: »Hier harren wir,
Und hören freundlich an, was Jeder heische.

Und wäre nicht der Feuerregen hier,
Nach der Natur des Orts, so würd' ich sagen:
Die Eile zieme, mehr als ihnen, dir.«

Und wie wir standen, fing ihr altes Klagen
Von neuem an, doch als sie uns erreicht,
Da sah ich sie sich selbst im Kreise jagen.

Wie Kämpfer, nackend und von Salben feucht,
Angriff und Schutz sich abzusehen pflegen,
Bevor man noch sich Püff' und Stöße reicht;

So sah ich sie im Kreise sich bewegen,
Mir immer dar das Antlitz zugewandt,
Und Hals und Fuß an Richtung sich entgegen.

Und Einer sprach: »Wenn dieser lockre Sand
Und unsre Noth uns nicht verächtlich machte,
Und unsre Haut, so rusig und verbrannt,

Dann unser Flehn, ob unsers Rufs, beachte;
Sprich, wer du bist? wie lebend hier erscheinst?
Und was dich sicher her zur Hölle brachte?

Der, welchem du mich folgen siehst, war einst,
Muß er auch nackt hier und geschunden rennen,
Von höherm Range wohl, als du vermeinst.

Wer hörte nicht Gualdrada's Enkel nennen
Den Guidoguerra, dessen Schwert und Geist
Wohl Puglia und Florenz als tüchtig kennen?

Der hinter mir den lockern Sand durchkreist,
Tagghiajo ists, deß Rath man noch auf Erden,
Thut man, was sich geziemt, als heilsam preist.

Ich, ihr Genoß in schrecklichen Beschwerden,
Bin Iacob Rusticucci, den die Wuth
Des bösen Weibes ließ so elend werden.« -

Ich wollte gern, war irgend vor der Gluth
Dort Schutz und Schirm, vom Damm zu ihnen nieder,
Auch hieß mein Meister wohl die Regung gut,

Allein verbrannt hätt' ich auch meine Glieder,
Drum unterdrückte Furcht in mir die Lust,
Die Jammervollen zu umarmen, wieder.

Nicht der Verachtung bin ich mir bewußt,
Begann, ich nur des Leids für euch Geplagte,
Und schwer verwinden wird es meine Brust.

Ich fühlt' es, seit mein Herr mir Worte sagte,
Aus deren Inhalt ich mir wohl erklärt,
Daß, wer jetzt komme, hoch auf Erden ragte.

Ich bin aus eurem Land, und euer Werth
Läßt dort noch eurer Thaten Ruhm erklingen,
Und euren Nahmen hab' ich stets geehrt.

Die Galle lass' ich, um mich hinzuringen
Zur süßen Frucht, die mir mein Herr verspricht,
Doch muß ich erst zum Mittelpunkte dringen.

»Soll lange noch dein Geist des Führers Pflicht
Dem Leib' erweisen,« sprach er nun dagegen,
»Soll leuchten lang nach dir des Ruhmes Licht,

So sage mir, bewohnen, wie sie pflegen,
Wohl unsre Stadt noch Kraft und Edelmuth?
Sind sie verbannt und völlig unterlegen?

Denn Borsiere, welcher diese Gluth
Seit kurzem theilt, und dort mit Andern schreitet,
Erzählt' uns Manches, was uns wehe thut! - «

»Neu Volk und schleuniger Gewinn verleitet
Zu Unmaaß dich und Stolz, der dich bethört,
Florenz, und dir viel Leiden schon bereitet!«

Ich riefs, das Angesicht emporgekehrt,
Da sahn die drei sich an bei meinen Reden,
Wie man sich anblickt, wenn man Wahrheit hört.

Wir wünschen Glück, wenn du so wohlfeil Jeden
Abfert'gen kannst, war Aller Gegenwort,
Und dir's bekommt, nach Herzenslust zu reden.

Entkommst du einst aus diesem dunkeln Ort,
Und siehst den Sternenglanz, den schönen, süßen,
Und sagst dann froh und heiter: Ich war dort,

Vergiß dann nicht, die Welt von uns zu grüßen! -
Hier aber brachen sie den Kreis und flohn
Voll Eil und wie mit Flügeln an den Füßen.

Eh man ein Amen ausspricht waren schon
Sie alle drei aus meinem Blick verschwunden,
Drum ging sogleich mein Meister auch davon.

Ich folgt' ihm nach, um Weitres zu erkunden,
Worauf uns bald des Stroms Gebraus erklang,
So nah, daß wir uns sprechend kaum verstunden.

Gleich jenem Flusse mit dem eignen Gang,
Deß Fluthen ostwärts vom Berg Veso rennen,
Linkshin vom Apenin, den Po entlang,

Den wir dort oben Aquacheta nennen,
Bis er sich senkt, um dann bei Forli bald
Von seinem ersten Nahmen sich zu trennen;

Deß Sturz vom jähen Felsenhang erschallt,
Bei Benedicts Abtei, mit solchcm Brausen,
Daß Berg und Thal erzitternd wiederhallt;

So brach von einem Felsenhang voll Grausen
Der rothgefärbte Fluß sich brüllend Bahn,
Und kaum ertrug das Ohr sein wildes Sausen.

Lang trug als Gurt ich einen Strick, im Wahn,
Damit das Thier, mit dem ich oft gerungen,
Das buntgefleckte Pantherthier zu fahn.

Und als ich ihn vom Leibe losgeschlungen,
Reicht' ich, denn so gebot des Meisters Wort,
Den Strick ihm dar, zum Knäuel fest verschlungen.

Rechts wandt' er nun sich nach dem grausen Ort,
Und schleuderte zum dunkeln Felsenschlunde
Weithin vom Rande dieses Bündel fort.

Ich dachte: Sicher, daß die neue Kunde
Dem neuen Wink, und diesem Blick' entspricht,
Mit dem der Meister starrt zum tiefen Grunde. -

Behutsamkeit vergeßt, ihr Menschen, nicht
Bei solchen, die des Herzens Sinn erspähen,
Und nicht die That allein und das Gesicht.

Er sprach: »Bald werden wir auftauchen sehen
Was ich erwart'; und das, was du gedacht,
Wird deutlich bald vor deinen Blicken stehen.«

Bei Wahrheit, die der Lüge gleicht, habt Acht
So viel ihr kennt, euch nimmer auszusprechen,
Sonst werdet ihr ohn' eure Schuld verlacht.

Doch kann ich mich zu reden nicht entbrechen,
Und schwör, o Leser, dir, bei dem Gedicht,
Dem nimmer möge huld und Gunst gebrechen:

Ich sah durch jene Lüfte schwarz und dicht
Ein Bild nach oben schwimmen, wohl erschreckend
Den kühnsten Muth, ein wunderlich Gesicht,

Die Füß' einziehend, und die Hände streckend,
Wie Einer, der ins Meer herniederfährt,
Den Anker, in des Riffes Spalte steckend,

Herauszuziehn, wenn er nach oben kehrt.


Gesang 17

Sieh hier das Unthier mit dem spitzen Schwanze,
Das, Berge spaltend, brechend Mau'r und Wehr,
Gestank und Pestqualm haucht durchs große Ganze!

So sprach mein Führer und dann winket' Er
Das Ungethüm zu jenes Flusses Rande,
Und nah zu unserm Marmorpfade her.

Da kam des Truges Gräuel-Bild zum Lande,
Und schob den Kopf und dann den Rumpf heran,
Doch zog es nicht den scharfen Schweif zum Strande.

Von Antlitz glich es einem Biedermann,
Und ließ von außen Mild' und Huld gewahren,
Doch dann fing die Gestalt des Drachen an,

Mit zweien Tatzen, die bedeckt mit Haaren,
Und Rücken, Brust und Seiten, die bemahlt
Mit Knoten und mit kleinen Schnörkeln waren;

Vielfarbig, wie kein Werk Arachnr's strahlt,
Wie, was auch Türk' und Tartar je gewoben
So bunt doch nichts an Grund und Muster prahlt.

Wie man den Kahn, im Wasser halb, halb oben,
Am Lande sieht an unsrer Flüsse Strand,
Und wie, zum Kampf den Vorderleib erhoben,

Der Biber in der deutschen Fresser Land;
So sah ich jetzt das Ungeheuer, ragend
Und vorgestreckt auf unsers Dammes Rand,

Wild zappelnd, mit dem Schweif durchs Leere schlagend,
Und, mit der Scorpionen Wehr versehn,
Die Gabel windend und sie aufwärts tragend.

Mein Führer sprach: Jetzt müssen wir uns drehn,
Und auf gewundnem Pfad zum Ungeheuer
Dorthin, wo's jetzo liegt, hinunter gehn.

Nun führte rechter Hand mich mein Getreuer
Nur wenig Schritt' hinab am Rande fort,
Den heißen Sand vermeidend und das Feuer.

Und unten angelangt, erkannt' ich dort
Noch etwas vorwärts auf dem Sande Leute,
Nah sitzend an des Abgrunds dunklem Bord.

Mein Meister sprach: »Erkennen sollst du heute
Den ganzen Binnenkreis mit seiner Pein,
Drum geh' und sieh, was jenes Volk bedeute.

Doch kurz nur dürfen deine Worte seyn.
Ich will indeß dem Ungethüm befehlen,
Den starken Rücken uns zur Fahrt zu leihn.«

Nun ging ich fort am Rand der schwarzen Höhlen
An dieses Kreises Grenz', allein, und nahm
Den Weg zum Sitze der betrübten Seelen.

Aus jedem Auge starrte Schmerz und Gram,
Indeß die Hand, jetzt vor dem heißen Grunde,
Jetzt vor dem Dunst dem Leib zu Hülfe kam.

So scharren sich zur Sommerzeit die Hunde
Mit Fuß und Schnauze, jetzt gezwickt von Flöh'n,
Jetzt fühlend eines Wespenstiches Wunde.

Die Augen wandt' ich nun auf den und den,
Der dort im Regen saß und heißer Asche.
Zwar kannt' ich keinen, doch ich konnte sehn,

Vom Halse hänge jedem eine Tasche,
Bezeichnet und bemahlt, und wie voll Gier
Nach diesem Anblick noch ihr Auge hasche.

Ich sah, wie ich genaht, ein blaues Thier
Auf gelbem Beutel, wie auf einem Schilde,
Das schien ein Leu an Kopf und Haltung mir.

Dann blickt' ich weiter durch dies Quaal-Gefilde,
Und sieh, ein andrer Beutel, blutig roth,
Zeigt' eine butterweiße Gans im Bilde.

Ein blaues Schwein auf weißem Sacke bot
Sich dann dem Blick', und seine Stimm' erheben
Hört ich den Träger: »Du hier vor dem Tod?

Fort! fort! doch wisse, weil du noch am Leben
Bald findet mir mein Nachbar Vitalian,
Zur Linken seinen Sitz, hier gleich daneben.

Oft schrein mich diese Florentiner an,
Mich Paduaner, mir zum größten Schrecken:
Möcht' aller Ritter Ausbund endlich nahn!

Wo mag doch die Drei-Schnabel-Tasche stecken?« -
Hier zerrt' er's Maul schief, und die Zunge zog
Er vor, gleich Ochsen, so die Nase lecken.

Schon fürchtet' ich, weil ich so lang verzog,
Da Eil mein Herr verlangt, sein Mißvergnügen,
Daher ich schnell mich wieder rückwärts bog.

Ich fand den Meister, der, schon aufgestiegen,
Sich auf das Kreuz des Ungethüms gesetzt,
Und zu mir sprach: »Jetzt sey dein Muth gediegen!

Hinunter gehts auf solcher Leiter jetzt.
Steig vorn nur auf, ich will immitten sitzen,
Daß dich des Schwanzes Stachel nicht verletzt.«

Wie wer mit todtenkalten Fingerspitzen
Erzitternd fühlt, das Fieber nahe sich,
Und nicht vermag, sich vor dem Frost zu schützen;

So wurde bei des Meisters Worten ich,
Doch nöthigte die Schaam, gleich einem Knechte,
Bedroht vom milden Herrn, zum Muthe mich;

Drum setzt' ich auf dem Unthier mich zurechte.
Und bitten wollt' ich (doch erstarb der Ton)
Daß er mich halten und umfassen möchte.

Doch Er, der oft bei der Dämonen Drohn
Mich unterstützt und der Gefahr entzogen,
Umfaßte mich mit seinen Armen schon.

Und sprach: »Geryon, auf! Nun fortgeflogen!
Allein bedenke, wen dein Rücken trägt,
Drum steige sanft hinab in weiten Bogen.«

Wie rückwärts sich vom Strand her Kahn bewegt,
Schob sichs vom Damm, doch, kaum hinabgeklommen,
Ward dann im freien Spielraum umgelegt.

Als, wo die Brust war, nun der Schweif gekommen,
Ward dieser, wie ein Aalschweif, ausgestreckt,
Und mit dem Tatzenpaar die Luft durchschwommen.

So, glaub' ich, war nicht Phaëton erschreckt,
Als einst die Zügel seiner Hand entgingen,
Beim Himmels-Brand, deß Spur man noch entdeckt;

Noch Icarus, als von erwärmten Schwingen
Das Wachs herniedertroff, bei Dädals Schrein:
Dein Weg ist schlecht, dein Flug wird nicht gelingen;

Wie ich, nichts sehend, als das Thier allein,
Und rings umher von öder Luft umfangen,
Wo nie entglomm des Lichtes heitrer Schein.

Daß wir uns, langsam langsam niederschwangen,
Im Bogenflug, bemerkt' ich nur beim Wehn
Der Luft von unten her an Stirn und Wangen.

Rechts hört' ich schon das Wirbeln und das Drehn
Des Wasserfalls und sein entsetzlich Brausen,
Und bog mich vorwärts, um hinabzusehn.

Doch schüchtern wieder bei des Abgrunds Sausen,
Bei Klag' und Gluth, die ich vernahm und sah,
Setzt' ich im Schluß mich fest mit tiefem Grausen.

Was ich erst nicht gesehn, das sah ich da:
Wie wir im weiten Kreis hinunterstiegen,
Und sah mich überall den Quaalen nah.

Gleichwie ein Falk, wenn er, nach langem Wiegen
In hoher Luft, nicht Raub noch Lockbild sieht,
Und ihn der Falkner ruft, herabzufliegen,

So schnell er stieg, so langsam niederzieht
Und, zürnend, wenn der Herr ihn eingeladen,
Im Bogenflug zum fernen Sitze flieht;

So setzt' uns an den steilen Felsgestaden
Geryon ab, und flog in großer Eil,
Sobald er nur sich unsrer Last entladen,

Zurück, gleich einem abgeschnellten Pfeil.


Gesang 18

Ein Ort der Hölle, Nahmens Uebelsäcken,
Ist eisenfarbig, ganz erbaut von Stein,
So auch die Dämme, die ringsum ihn decken.

Grad in der Mitte dieses Lands der Pein
Gähnt hohl ein Brunnen, weit, mit tiefem Schlunde.
Von dem wird seines Orts die Rede seyn.

Und zwischen Höhl' und Felswand gehn im Runde
Ringsum die Dämme, dergestalt, daß zehn
Abschnitte sind, wie Wäll' auf tiefem Grunde.

Wie um ein Schloß mehrfache Gräben gehn,
Dahinter wohlverwahrt die Mauern ragen,
Und sicherer den Feinden widerstehn;

So war umgürtet dieser Ort der Plagen;
Und wie man Brücken pflegt zum andern Strand
Aus solcher festen Schlösser Thor zu schlagen,

So sprangen Zacken aus der Felsenwand,
Durchschnitten Wäll' und Gräben erst, und gingen
Wie Räder-Speichen bis zum Brunnenrand.

Kaum konnten wir vom Kreuz Gerions springen,
So ging mein Meister linker Hand, und ich
Versucht', auf seinen Spuren vorzudringen.

Im ersten Grund, der einem Sacke glich,
Rechts, wohin Klagen meine Blicke riefen,
Wies neue Quaal mit neuen Quälern sich.

Denn nackte Sünder waren in den Tiefen,
Und rannten uns zum Theil entgegen her,
Zum Theil mit uns, nur daß sie schneller liefen.

So ists in Rom, wenn nun ein ganzes Heer
Schaulustige das Jubelfest begehen.
Da wogt es auf der Brück' hierhin, dorther,

Denn zum Hinüber- und Herübergehen
Ist sie getheilt, daß die zum Schloß hinein,
Die andern aber nach dem Berge sehen.

Von hier und dort sah ich auf schwarzem Stein
Mit Geißeln Teufel, scheußliche, gehörnte,
Die schlugen grausamlich von hinten ein.

Wie man beim ersten Hiebe laufen lernte!
Wie Jeder schleunig vor des Zweiten Drohn
Mit jähen langen Sprüngen sich entfernte!

So kam jetzt Einer auf mich zugeflohn,
Und kaum erblickt' ich ihn im vollen Rennen,
So sagt' ich zu mir selbst: Den sah ich schon.

Da weilt' ich etwas, um ihn zu erkennen,
Worauf auch still mein süßer Führer stand,
Um ein'ge Schritte rückwärts mir zu gönnen.

Zwar suchte, bodenwärts den Blick gewandt,
Sich der Gegeißelte mir zu verstecken,
Doch sprach ich, da ich dennoch ihn erkannt:

»Wenn deine Züge Wahrheit mir entdecken,
So bist du Venedigo. Aber sprich:
Was macht dich in so scharfer Beize stecken?«

Drauf sprach er: »Ungern nur belehr' ich dich,
Und nur von deinem klaren Wort gezwungen,
Denn an die alte Zeit erinnerts mich.

Ich bins, der in Ghisolen so gedrungen,
Daß sie nach des Markgrafen Willen that,
Wie ganz entstellt auch das Gerücht erklungen.

Und aus Bologna ist auf gleichem Pfad
An diesen Quaalort so viel Volk gekommen,
Als jetzo diese Stadt kaum Bürger hat.

Und sollte dir hierbei ein Zweifel kommen,
So denk', um sicher auf mein Wort zu baun,
Wie Habsucht unsre Herzen eingenommen.«

Sprachs, und ein Teufel kam, um einzuhaun,
Mit hochgeschwung'ner Geißel her und sagte:
»Fort, Kuppler, fort, hier giebts nicht feile Fraun.«

Zum Führer ging ich, da ich bebt' und zagte,
Und bald gelangten wir an einen Ort,
Wo aus der Wand ein Felsen vorwärts ragte.

Und dieser Zacken dient' als Brücke dort;
Leicht klommen beide wir hinauf, und zogen
Auf ihm aus jenen ew'gen Kreisen fort.

Bald dort, wo unter uns der Fels als Bogen
Sich höhlt' und Durchgang der Gepeitschten war,
Sprach Er: »In gleicher Richtung fortgezogen,

Sind wir bis jetzt mit dieser schnöden Schaar,
Drum konnten wir sie nicht von vorne sehen,
Jetzt aber nimm die Angesichter wahr.«

Wir blieben nun am Rand der Brücke stehen,
Und sahn den Schwarm, der uns entgegen sprang,
Denn eilig hieß die Geißel Alle gehen.

Da sprach mein Hort: »Sieh, noch mit Stolz im Gang,
Den Großen, der sich keine Klag' erlaubte,
Dem aller Schmerz noch keine Thrän' entrang,

So königlich noch an Gestalt und Haupte!
Der Jason ists, der durch Verstand und Muth
Das Widdervließ dem Volk von Colchis raubte.

Nach Lemnos kam er, als in ihrer Wuth
Die Frau'n, die Gluth der Eifersucht durchzückte,
Vergossen hatten aller Männer Blut;

Wo er durch Worte täuschend ausgeschmückte,
Berückt Hypsipylen, das junge Herz,
Die alle Fraun von Lemnos erst berückte.

Dort ließ er schwanger sie in ihrem Schmerz.
Dies bracht' ihn her; und gleiche Straf' erheischen
Medea's Leiden, einst ihm Spiel und Scherz.

Auch gehn mit ihm, die gleicher Weise täuschen.
Allein dies sey vom ersten Thal genug,
Und denen, so die Geißeln drin zerfleischen.«

Im Kreuz den zweiten Damm durchschneidend, trug
Der Felspfad uns, der, auf den Widerlagen
Der Dämme, hier den andern Bogen schlug.

Dort, aus dem zweiten Sack, klang dumpfes Klagen,
Und Leute sahn wir tief im Grunde sich
Zornschnaubend mit den flachen Händen schlagen.

Der Dämme Seiten waren schimmelich
Vom untern Dunste, der wie Teig dort klebte,
Für Aug' und Nase feindlich widerlich.

Doch vor dem Blick, so sehr ich forschte, schwebte
Noch dunkle Nacht, weil tief der Abgrund ist,
Bis ich des Felsenbogens Höh' erstrebte.

Von hier, wo erst der Blick die Tiefe mißt,
Sah ich viel Leut' im tiefen Kothe stecken,
Und, wie mir's vorkam, war es Menschenmist.

Ich forscht' und sah ein Haupt sich vorwärts strecken,
Doch ganz beschmutzt mit Koth, drum konnt' ich nicht,
Obs Lai, ob Pfaffe sey, genau entdecken.

Da schrie er her: »Was bist du so erpicht,
Mich mehr, als and're Schmutz'ge, zu gewahren?«
Und ich: »Weil, ist mir recht, dein Gesicht

Bereits gesehn, allein mit trocknen Haaren.
Alex Interminei nennst du dich,
Drum seh' ich mehr auf dich, als jene Schaaren.«

Er sprach darauf, und schlug die Stirne sich:
»Mich stürzte Schmeichelei herab zur Hölle,
Die nimmer dort von meiner Zunge wich.«

Da sprach zu mir mein guter Meister: »Stelle
Dich etwas vor, und in die Augen fällt
Dir eine schmutz'ge Dirn' an jener Stelle.

Sieh die Zerzauste, die sich kratzt und krellt
Mit koth'gen Nägeln, jetzt aufs neue gräulich
Im Mist versinkt, und jetzt sich aufrecht stellt,

Die Hure Thais ists, jetzt so abscheulich.«
Fragt' einst ihr Buhl: »Steh ich in Gunst bei dir?«
Versetzte sie: »Ei, ganz erstaunlich! Freilich!«

»Doch sey gesättigt unsre Schaulust hier.«


Gesang 19

O Simon Magus, und ihr armen Leute,
Ihm folgend, die, was nur die Tugend schenkt,
Das Göttliche, ihr räuberisch als Beute

Durch Gold und Silber zu erbuhlen denkt,
Für euch muß jetzo die Posaun' erbrausen,
Denn ihr seyd in den dritten Sack versenkt.

Schon waren wir beim nächsten Schlund voll Grausen,
Und sahn vom hohlen Felsen in den Schooß
Senkrecht hinab der schwarzen Marterklausen.

Allweisheit, wie ist deine Kunst so groß,
Im Himmel, auf der Erd, im Höllenschlunde,
Und wie gerecht vertheilst du jedes Loos!

Ich sah dort an den Seiten und im Grunde
Viel Löcher im schwarzbläulichen Gestein,
Gleich weit gehöhlt, und sämmtlich in der Runde.

Sie mochten so, wie die, in die hinein
Beim Taufstein Sanct Johanns die Täufer treten,
Und enger nicht, doch auch nicht weiter seyn.

Eins dieser sprengt' ich einst, weil ich in Nöthen
Ein Kind drin sah, und glücklich half ich doch.
So sey's besiegelt, so will ichs vertreten!

Aus jedes Loches Munde ragen noch
Zwei Füße vor, die Bein' auch bis zum Dicken,
Verborgen ist der andre Leib im Loch.

Und aus den Sohlen sieht man Flammen zücken,
Daher die Knorren zappeln und sich drehn,
Und sprengen würden jedes Band von Stricken.

Wie wirs an ölgetränkten Dingen sehn,
Wo obenhin die Flammen flackernd rennen,
So von der Ferse dort bis zu den Zehn.

»Gern, Meister,« sprach ich, »möcht' ich diesen kennen,
Der stärker zappelt als die Andern hier,
Und dessen beide Sohlen röther brennen.«

Und Er: »Ich will dich gern, vertraust du mir,
Hier, an dem schiefern Abhang niedertragen.
Dort nennt er sich und seine Sünden dir.«

Und ich: »Was dir gefällt, ist mein Behagen.
Du bist der Herr, du, dem mein Innres kund,
Weißt, was du willst, das werd' ich nie versagen.«

Wir kamen zu des vierten Dammes Rund
Und klommen linker Hand hinab die Höhe
Zu dem durchlöcherten und engen Grund.

Nicht von der Hüfte ließ mein Herr mich, ehe
Wir hingelangt zum jammervollen Geist,
Der mit den Beinen klagt' ob seinem Wehe.

»Du, mit dem Obern unten, wer du seyst,
Hier eingerammt gleich einem Pfahl, verkünde,
Dafern du kannst,« so sprach, ich, »wie du heißt.«

Ich stand, dem Pfaffen gleich, dem seine Sünde
Der Mörder beichtet, welcher, schon im Loch,
Ihn noch zurückruft, daß er Aufschub finde.

Da schrie er: »Bonifaz, so kommst du doch,
So kommst du doch schon jetzt, mich fortzusenden?
Und man versprach dir manche Jahre noch?

Schon satt des Guts, ob deß mit frechen Händen
Du trügerisch die schöne Frau geraubt,
Um ungescheut und frevelnd sie zu schänden?«

Ich stand verlegen, mit gesenktem Haupt,
Wie wer nicht recht versteht, was er vernommen,
Und sich beschämt kein Gegenwort erlaubt.

Da sprach Virgil: »Was stehst du so beklommen?
Sag' ihm geschwind, daß du nicht Jener seyst,
Den er gemeint!« - Ich eilt', ihm nachzukommen.

Die Füße nun verdrehte wild der Geist,
Und sprach mit Seufzern und mit dumpfen Klagen:
»Was also ists, das so dich fragen heißt?

Doch standest du nicht an, dich herzuwagen,
Um mich zu kennen, wohl, so sag' ich dir,
Daß ich den großen Mantel einst getragen.

Der Bärin wahrer Sohn war ich, voll Gier
Fürs Wohl der Bärlein, und für diese steckte
Ich in den Sack dort Gold, mich selber hier.

Auch unter meinem Haupt giebts viel Versteckte.
Dort, durchgepreßt durch einen Felsenspalt,
Sind, die vor mir die Simonie befleckte.

Und dort hinab versink' auch ich, sobald
Der kommt, für welchen ich dich angesehen,
Und der mir folgt in diesem Aufenthalt.

Doch wird er nicht so lang, als mir geschehen,
Die Füße brennend, köpflings umgewandt,
Fest eingepfählt in diesem Loche stehen.

Denn nach ihm kommt, vom Westen hergesandt,
Ein wilder Hirt, zu größerm Fluch erlesen,
Der mich und ihn in tief'res Dunkel bannt.

Ein neuer Jason ists, von dem zu lesen
Im Maccabäer-Buch, dem Philipp wird,
Was diesem einst Antiochus gewesen.«

Ich weiß nicht, ob ich nicht zu sehr geirrt,
Auf solche Red' ihm dieses zu versetzen:
»Sprich, was verlangte Christus, unser Hirt,

Zuerst von Petrus wohl an Gold und Schätzen,
Um ihm das Amt der Schlüssel zu verleihn?
Komm, sprach er, um mein Werk nun fortzusetzen!

Was trugs dem Petrus und den Andern ein,
Als man durch Loos einst den Matthias kührte,
Statt dessen, der ein Raub ward ew'ger Pein?

Nichts ward dir hier, als das, was sich gebührte!
Betrachte nur das schlecht erworb'ne Geld,
Das gegen Karln zur Kühnheit dich verführte.

Und nur weil Ehrfurcht meine Zunge hält
Für jene Schlüssel, die du einst getragen,
Da du gewandelt in der heitern Welt,

Enthalt ich mich, dir Schlimmeres zu sagen:
Daß schlecht die Welt durch eure Habsucht ist,
Die Guten sinken und die Schlechten ragen.

Euch Hirten meinte der Evangelist
Bei Ihr, die sitzend auf den Wasserwogen
Mit Königen zu huren sich vermißt.

Sie, mit den sieben Häuptern auferzogen,
Sie hatt' in zehen Hörnern Kraft und Macht,
So lang der Tugend ihr Gemahl gewogen.

Eu'r Gott ist Gold und Silber, Glanz und Pracht.
Wohl besser sind die, so an Götzen hangen,
Die einen haben, wo ihr hundert macht.

Welch Unheil, Konstantin, ist aufgegangen,
Nicht, weil du dich bekehrt, nein, aus dem Gut,
Das Papst Silvester einst von dir empfangen.«

Indeß ich also sprach mit keckem Muth,
Da, sey's daß Zorn ihn, daß ihn Reue nagte,
Verdreht' er beide Bein' in großer Wuth.

Doch konnt' ich wohl bemerken: es behagte
Dem Führer, der zufrieden horchend stand,
Daß ich so nachdrucksvoll die Wahrheit sagte.

Und als er mit den Armen mich umspannt,
Und mich auf seine Brust hinaufgenommen,
Stieg er den ersten Weg empor am Strand.

Bald hatt' er auch des Bogens Höh' erklommen
Und trug, nie rastend, immer mich umfaßt
Um bis zum fünften Damme hinzukommen.

Hier setzt' er sanft zu Boden meine Last,
Auf einem rauhen steilen Felsenstücke,
Das kaum zum Weg für eine Ziege paßt.

Da lag ein andres Thal vor meinem Blicke.


Gesang 20

Wie ich zu neuen Quaalen hingewandelt
Beschreib' ich jetzt im zwanzigsten Gesang
Des ersten Lieds, das von Verdammten handelt.

Ganz Schaulust, stand ich auf dem rauhen Gang,
hinabzuspähn nach jenem offnen Schlunde,
Aus welchem jämmerlich Gewinsel klang.

Viel Leute zogen langsam in der Runde,
(Ein Wallfahrtszug von Büßern schiens zu seyn)
Stillschweigend, weinend, in dem tiefen Grunde.

Kaum aber drang mein Auge tiefer ein,
So sah ich sie, und traute kaum den Blicken,
Verdreht vom Kinn bis zu dem Achselbein,

Das Antlitz grausig umgekehrt zum Rücken,
Drum mußten sie gezwungen rückwärts gehn,
Denn keiner konnte jemals vorwärts blicken.

So soll der Fallsucht Krampf das Haupt verdrehn,
Wie man erzählt in wunderlichen Sagen,
Doch glaub' ichs nicht, da ich es nie gesehn.

Läßt Gott dein Lesen, Leser, Früchte tragen,
So frage selber dich, wie mir geschah,
Ob ich nicht weinen mußt' und ganz verzagen,

Als ich des Menschen Ebenbild so nah
Verrenkt, verdreht, und von der Augen Thränen
Genetzt den Spalt der Hinterbacken sah?

Gestützt auf eine von den Felsenlehnen,
Stand ich und weinte, doch da sprach mein Hort:
»Was magst du noch, gleich andern Thoren, wähnen?

Nur, wenn's erstirbt, lebt hier das Mitleid fort.
Wer ist verruchter wohl, als der zu schmähen
Wagt, durch Bedauern, Gottes Richter-Wort.

Blick auf! Amphiaraus wirst du sehen,
Den einst vor Thebens Blick der Grund verschlang,«
Drob alle schrien: »Wohin? was ist geschehen?

Was eilst du fort? Wird dir der Kampf zu lang?« -
Doch stürzt' er fort und fort im tiefen Schachte,
Bis Minos ihn, gleich anderm Volk, bezwang.

Schau, wie er ihm die Brust zum Rücken machte!
Schau, wie er rückwärts schreitet, rückwärts sieht,
Weil er zu weit voraus zu sehen dachte.

Tiresias sieh, der uns entgegenzieht.
Verwandelt ward er einst, der Mann, zum Weibe
Und weiblich ward an ihm jedwedes Glied.

Dann, daß er fürder nicht derselbe bleibe,
Schlug er auf zwei verwundne Schlangen ein,
Und ward aufs neu' ein Mann am ganzen Leibe.

Den Rücken ihm am Bauch, kommt hinterdrein,
Nah angedrängt an ihn, Aronta's Schatte,
Der lebend einst in Luni's Felsenreihn

Als Haus die weiße Marmorhöhle hatte,
Wohl ausgesucht, daß sie zum Meeresstrand
Und zu den Sternen freien Blick gestatte. -

Die mit den wilden Haaren ohne Band
Die Brüste deckt, die sich nach hinten kehren,
Was sonst behaart ist, hinterwärts gewandt,

War Manto, die in Ländern und auf Meeren
Umirrte bis zum Ort, der mich gebar.
Drum sollst du jetzo Weitres von ihr hören.

Nachdem der Erd' entrückt ihr Vater war,
Und unterjocht die Stadt des Bacchus worden,
Durchstreifte sie die Welt mit mancher Fahr.

Ein See liegt in des schönen Welschlands Norden,
Benaco, wo das Alpgebirg verschließt
Nah bei Tirol, das Land der deutschen Horden.

Von Val Camonica bis Garda schießt
Das Wasser aus dem See in tausend Bächen,
So wie es erst in ihm zusammenfließt.

Immitten aber liegen ebne Flächen
Und drei verschiedne Hirten könnten dort
Auf einem Grenzpunkt ihren Segen sprechen.

Hier liegt Peschiera dann, ein starker Ort,
Um Bergamo von Brescia abzuschneiden,
Und rings geht flacher dann die Gegend fort.

Hier muß sich von dem See das Wasser scheiden,
Das nicht mehr Raum in seinem Schooß gewinnt,
Und strömt als Fluß herab durch grüne Weiden.

Das Wasser, das hier seinen Lauf beginnt,
Heißt Mincio nun, und seine Wellen gleiten
Bis nach Governo, wo's im Po verrinnt.

Nicht weit gelaufen, trifft es ebne Weiten,
Wo es sich ausdehnt und zum Sumpfe staut,
Der bösen Dunst verhaucht zu Sommerszeiten.

Als dort das rauhe Weib ein Land erschaut,
Das jenes Sumpfes Wogen rings umgaben,
Entblößt von Leuten und unangebaut,

Da blieb, um nichts von Menschen nah zu haben,
Sie mit den Dienern da, trieb Zauberei,
Und lebt' und ward in diesem Land begraben.

Bald kamen Menschen, rings zerstreut, herbei,
Die, weil sie sich auf diesen Ort verließen
Und sahn, daß durch den Moor kein Zugang sey,

Sich auf dem Grabe Manto's niederließen,
Und dann nach ihr, die erst den Ort erwählt,
Die Stadt, ohn' andres Zeichen, Mantua hießen.

Sie hat vordem des Volkes mehr gezählt,
Bevor die Schlauheit Pinamont's dem Thoren,
Dem Casalodi, seinen Trug verhehlt.

Drum merk' es wohl, und kommt dir je zu Ohren,
Daß anders meine Vaterstadt entstand,
So laß die Wahrheit nicht vom Trug umfloren.«

Und ich: »Mein Meister, was du sagtest, fand
Ich stets bewährt, und halt' es hoch in Ehren,
Und Andrer Rede scheint mir leerer Tand.

Doch sprich, von diesen, die sich zu uns kehren,
Ist irgend wer bemerkenswerther Art?
Denn Unterricht ist einzig mein Begehren.«

Und Er: »Augur war dieser, dessen Bart
Die braunen Schultern deckt, in jenen Zeiten,
Da Griechenland geleert von Männern ward,

Und Knaben selbst sich sehnten, mitzustreiten.
In Aulis sagt' er einst mit Calchas wahr,
Zeit seys, zur Fahrt die Seegel auszubreiten.

Kund thut mein tragisch Lied dir, wer er war.
Du wirst dich des Euripilus entsinnen,
Denn mein Gedicht ja kennst du ganz und gar.

Sieh Michael Scotto auch, den magern, dünnen,
Der sich in jenem Leben nicht gescheut,
Jedweden Trug des Zaubers auszuspinnen.

Asdent, den Schuster, sieh, der jetzt bereut,
Daß er bei seinem Leisten nicht geblieben,
Und an Wahrsagerkünsten sich erfreut.

Sieh Vetteln, die, statt Spill' und Rad zu lieben,
Und Weberschiff, wie's einem Weib' gebührt,
Mit Kraut und Bildern Hexerei getrieben.

Jetzt komm! Indeß ich dich hierher geführt,
Hat an der Grenze beider Hemisphären
Der Mond im Westen schon die Fluth berührt.

Du sahst ihn gestern völlig sich verklären
Und in dem dichtverwachs'nen Walde dir,
Trotz der Gefahren, sichern Pfad gewähren -«

So redet' er, und weiter gingen wir.


Gesang 21

So schritten wir, noch sprechend manches Wort,
Das ich zu sagen nicht für nöthig halte,
Von Brück' auf Brück' im hohen Bogen fort,

Und blieben stehn ob einer neuen Spalte,
Und hörten draus den eitlen Laut der Quaal,
Und sahn, wie unten tiefes Dunkel walte.

So sieht man in Venedigs Arsenal
Das zähe Pech im Winter siedend wogen,
Womit das lecke Schiff, das manches Mal

Bereits bei Sturmgetos das Meer durchzogen,
Kalfatert wird - da stopft nun der in Eil
Mit Werg die Löcher aus am Seitenbogen,

Der klopft am Vorder-, der am Hintertheil,
Der ist bemüht, die Seegel auszuflicken,
Der bessert Ruder aus, der dreht ein Seil;

So ist ein See von Pech dort zu erblicken,
Das kocht durch Gottes Kunst, und nicht durch Gluth,
Deß Dünste sich am Strand zum Leim verdicken.

Nichts aber sah ich in der zähen Fluth,
Die bald sich blähte, bald sich wieder senkte,
Als Blasen, ausgehaucht vom regen Sud.

Indem ich ganz darein den Blick versenkte,
Begann mein guter Meister: »Jetzt hab' Acht!«
Wobei er mich zu seiner Stelle lenkte.

Da wandt' ich mich, gleich Einem, den mit Macht
Die Neugier zieht, das Schreckliche zu sehen,
Und der, da jähe Furcht ihn schaudern macht,

Doch, um zu schaun, nicht zögert, fortzugehen.
Und sieh, ein rabenschwarzer Teufel sprang
Uns hinterdrein auf jenen Felsenhöhen.

Ach, wie sein Ansehn mich mit Graus durchdrang.
Wie wild er schien, wie froh in Andrer Schaden!
Gespreizt die Schwingen, leicht und schnell den Gang,

Kam er, die Schultern hoch gespitzt, beladen
Mit einem Sünder her, der oben ritt,
Und mit den Klauen packt' er seine Waden.

»Von Lucca bring' ich einen Rathsherrn mit« -
Schrie er, »auf, taucht ihn unter Grimmetatzen!
Und jene Stadt ist wohl versehn damit,

Drum hol' ich gleich noch mehr von solchen Fratzen.
Gauner sind alle dort, nur nicht Bontur,
Und machen Ja aus Nein für blanke Batzen.«

Hinunterwarf er noch den Sünder nur,
Und rannte gleich zurück in solcher Eile,
Wie je der Hofhund nach dem Diebe fuhr.

Der Sünder sank, doch hob sich sonder Weile,
Da schrien die Teufel unten:» Fort mit dir,
Hier dient kein Heilgenbild zu deinem Heile.

Ganz anders, als in Serchio, schwimmt man hier.
Und sollen dich nicht unsre Haken packen,
So bleib' im Peche nur, sonst fassen wir.«

Gleich packten ste mit tausend scharfen Zacken,
Und schrien: »Dein Tänzchen mache hier versteckt.
Such' unten Einem etwas abzuzwacken.«

Nicht anders macht's ein Koch, wenn er entdeckt,
Das Fleisch im Kessel komm' emporgeschwommen,
Und schnell es mit dem Haken untersteckt.

Da sprach Virgil: »Eh sie dich wahrgenommen,
Birg hinter einem Felsenstücke dich,
Es wird dir jetzt, um dich zu schirmen, frommen.

Sey nur getrost, wie sehr man immer mich
Beleid'gen mag - wohl kenn' ich ihre Tücke,
Und früher schon in solchem Zwist war ich.«

Er ging nun völlig über jene Brücke,
Und wie er kaum erreicht den sechsten Strand,
Da braucht' er sein Vertrann zum guten Glücke.

Denn wie im wilden Sturm, von Wuth entbrannt,
Die Haushund' auf den armen Bettler fallen,
Wenn er am Haus', laut flehend, stille stand;

So stürzten Jen' aus dunkeln Felsenhallen,
Und streckten all' auf ihn die Haken hin,
Er aber schrie: »Zurück jetzt mit euch Allen.

Mich anzuhaken habt ihr wohl im Sinn?
Doch tret' erst Einer vor, um mich zu sprechen,
Und dann bedenkt, ob ich zu packen bin.«

»Geh vor denn, Stachelschwanz!« so schrien die Frechen,
Und Einer kam - die Andern blieben stehn -
Und fragte, »wie er wag', hier einzubrechen?«

»Wie,« sprach mein Meister, »würdest du mich sehn,
Wie würd' ich wagen, je hier einzudringen,
Wär' ich auch sicher, euch zu widerstehn,

Wenn's Gott und Schicksal also nicht verhingen?
Drum laß mich ziehn, der Himmel will, ich soll
Als Führer Einen durch die Hölle bringen.«

Die Haken warf, da dieses Wort erscholl,
Der Stolze hin, von jäher Furcht durchschauert,
Und rief: »Gesellen, still, laßt euren Groll.«

»Du, der dort zwischen Felsenstücken kauert,«
Rief nun mein Meister, »eile zu mir her,
Da jetzt kein Feind mehr auf dem Wege lauert.«

Und vorwärts trat ich, und kam schnell daher,
Doch sah ich vorwärts auch die Teufel fahren,
Als gelte nichts die Uebereinkunft mehr;

Und war voll Schrecken, wie Caprona's Schaaren,
Die, dem Vertrag zum Trotz, dem Tode nah,
Als sie die Festung übergeben, waren.

Fest drängt' ich mich an meinen Führer da,
Und hielt den Blick gespannt auf ihre Mienen,
Aus denen ich nichts Gutes mir ersah.

Und diese Rede hört ich zwischen ihnen:
»Den Haken ihm ins Kreuz? Was meinst du? sprich!«
Der Andre: »Ja, du magst ihn nur bedienen!«

Doch jener Geist, der mit dem Meister sich
Besprochen, wandte schleimig sich zurücke.
Und rief: »Still, Raufbold, ruhig halte dich.«

Und dann zu uns: »Auf diesem Felsenstücke
Kommt ihr nicht weiter, denn im tiefen Grund
Liegt längst zertrümmert schon die sechste Brücke.

Und wollt ihr fort, so geht durch diesen Schlund,
Dann seht ihr vorwärts einen Felsen ragen,
Und kommt darauf bis zu dem nächsten Rund.

Denn gestern, um euch alles anzusagen,
Wars just zwölfhundert sechs und sechszig Jahr,
Seit jenen Weg ein Erdenstoß zerschlagen.

Dorthin entsend' ich ein'ge meiner Schaar,
Um Sündern, die sich lüften, nachzuspüren;
Mit ihnen geht, und fürchtet nicht Gefahr.

Auf, ihr Gesellen, jetzt, euch frisch zu rühren!
Eistreter, Senkflug, Bluthund, kommt heran,
Du, Sträubebart, sollst alle zehen führen.

Auf, Drachenblut, Kratzkrall' und Eberzahn,
Scharfhaker, und auch du, Grimmroth der Tolle,
Und Firlefanz, schickt euch zum Wandern an.

Schaut, wer etwa im Pech' auftauchen wolle,
Doch wißt, daß dieses Paar in Sicherheit
Bis zu der nächsten Brücke reisen solle.«

»Ach, guter Meister,« rief ich, »welch Geleit?
Ich, meinerseits, ich will es gern entbehren,
Und bin mit dir allein zu gehn bereit.

Sieh nur, wie sie vor Grimm im Innern gähren,
Wie sie die Zähne fletschen und mit Drohn
Nach uns die tiefgezognen Brauen kehren.«

Und Er zu mir: »Nicht fürchte dich, mein Sohn,
Laß sie nur fletschen ganz nach Gutbedünken,
Sie thun dies nur zu der Verdammten Hohn.«

Sie schwenkten dann sich auf dem Damm zur Linken,
Nachdem vorher die Zunge jeder wies,
Hervorgestreckt, dem Hauptmann zuzuwinken,

Der mit dem hintern Mund zum Abmarsch blies.


Gesang 22

Oft sah ich Reiter aus dem Lager ziehn,
Die Mustrung machen, in die Feinde brechen,
Auch wohl sich schwenken und zurückefliehn;

Von Streifpartein sah ich in euren Flächen,
Ihr Aretiner, einst euch hart bedrohn;
Sah Festturnier' und große Lanzenstechen;

Trommeten hört' ich, Trommeln, Glockenton,
Sah Rauch und Feuer auch als Kriegeszeichen,
Und fremd' und heimische Signale schon;

Doch nimmer hieß ein Tonwerkzeug, dergleichen
Ich hier gehört, das Volk zu Roß und Fuß,
Zu Land und Meer, noch vorgehn oder weichen.

Mit zehen Teufeln ging ich, voll Verdruß,
Doch dacht ich, daß man Säufer in den Schenken,
Und Beter in den Kirchen suchen muß,

Und suchte stets den Blick zum Pech zu lenken,
Um ganz des Orts Bewandtniß zu erspähn,
Und welche Leut' in diese Gluth versänken.

Wie die Delphine vor des Sturmes Wehn
Mit den gebognen Rücken oft verkünden,
Zeit seys, sich mit den Schiffen vorzusehn;

So, um Erleichterung der Quaal zu finden,
Taucht' oft ein Sünder-Rücken auf und schwand
Im Peche dann so schnell, wie Blitze schwinden.

Und wie die Frösch' an eines Grabens Rand
Mit Beinen, Bauch und Brust im Wasser stecken,
Die Schnautzen nur nach außen hingewandt;

So sah man Jen' hervor die Mäuler strecken,
Allein, wenn sie den Sträubebart erschaut,
Sich schleunig in dem heißen Pech verstecken.

Ich sah, und jetzt noch schaudert mir die Haut,
Nur Einen harren, wie wenn all' entsprangen,
Ein einzler Frosch noch aus dem Pfuhle schaut.

Kratzkralle, der am weit'sten vorgegangen,
Schlug ihm den Haken ins bepichte Haar,
Und zog ihn auf, wie Angler Fische fangen.

Ich wußte schon, wie Jedes Nahme war
Von ihrer Wahl, und, daß mir nichts entfalle,
Nahm ich der Nahmen dann im Sprechen wahr.

»Frisch, Grimmroth, mit den scharfen Klauen falle
Auf diesen Wicht! Er soll geschunden seyn!«
So schrie'n zusammen die Verruchten alle.

Und ich: »Mein Meister, zieh' Erkund'gung ein,
Wie dieser Arme heißt, der in die Klauen
Der Feinde fiel zu Mehrung seiner Pein.«

Mein Führer bat ihn nun, ihm zu vertrauen,
Wie seine Heimath heiß' und sein Geschlecht;
»Ich bin gebürtig aus Navarra's Auen.

Die Mutter gab mich einem Herrn zum Knecht,
Weil sie von einem Prasser mich empfangen,
Der all sein Gut und auch sich selbst verzecht.

Dann, in den Dienst des Theobald gegangen,
Des guten Königs, trieb ich Gaunerei,
Wofür ich hier im Pech den Lohn empfangen.«

Und Eberzahn, aus dessen Munde zwei
Hauzähne ragten, wie aus Schweinefratzen,
Bewies ihm jetzt, wie scharf der eine sey.

Die Maus war in den Krallen arger Katzen,
Doch Sträubebart umarmt' ihn fest und dicht.
Und rief: »Ich halt' ihn, fort mit euren Tatzen.«

Und zu dem Meister kehrt er das Gesicht:
»Willst du, bevor die Andern ihn zerreißen,
Noch etwas fragen, wohl, so zaudre nicht.«

Mein Führer: »Sprich, wie andre Sünder heißen,
Dort unterm Pech? Sind auch Lateiner da?«
Und Jener sprach: »Mir war dort in der heißen

Pechfluth vor kurzer Zeit noch Einer nah!
Was mußt' ich doch darüber mich erheben,
Da ich dort nichts von Klaun und Haken sah!«

»Wir haben's schon zu lange zugegeben!«
Scharfhaker schrie's, und hakt' auf ihn hinein,
Auch blieb ein Stück vom Arm am Haken kleben.

Schon zielte Drachenblut ihm nach dem Bein,
Allein der Hauptmann blickt' auf seine Schaaren
Im Kreis herum und schien ergrimmt zu seyn.

Da wandte sich, sobald sie stille waren,
Mein Herr zu ihm, der auf sein wundes Glied
Herniedersah, um mehr noch zu erfahren.

»Wer ists, von dem dein Mißgeschick dich schied,
Als du dich nach der Oberfläch' erhoben?«
»Der von Gallura ists, der Mönch Gomit.

Im Trug bestand er all' und jede Proben,
Hielt des Gebieters Feind' in seiner Hand,
Und that mit ihnen, was sie alle loben.

Er nahm ihr Geld, und ließ sie, wie bekannt,
In Frieden ziehn; so wie er sonst in Ehren
Als Herr und König aller Gauner stand.

Viel pflegt er mit Herrn Zanche zu verkehren
Von Logodor - sie schwatzen immerfort,
Als ob sie jetzt noch in Sardinien wären.

Ach, seht, wie fletscht die Zähne Jener dort!
Gern spräch' ich mehr, doch würd' er mich kuranzen!
Er droht ja wüthend schon bei jedem Wort.«

Allein der Probst, gewandt zu Firlefanzen,
Deß Auge grimmig glotzte, schalt ihn sehr:
»Verdammter Vogel, wirst du rückwärts tanzen?«

»Willst du«, begann der bange Wicht nunmehr,
»Willst du Toskaner und Lombarden sehen?
Ich schaffe sie dir nach Belieben her,

Wenn nur die Grimmetatzen ferne stehen,
Und deren Rache sie nicht zittern macht.
Und ich, ich will nicht von der Stelle gehen,

Und locke doch dir leicht statt Eines, acht,
Sobald ich pfeife, wie wir immer pflegen,
Um anzudeuten, daß kein Teufel wacht.«

Da streckt' ihm Bluthund seine Schnauz' entgegen,
Und schrie kopfschüttelnd: »Hört die Büberei!
Er will ins Pech, sobald wir uns bewegen.«

Allein der Sünder, reich an Schelmerei,
Sprach: »Wahrlich, bübisch bin ich wohl zu nennen,
Denn zu der Meinen Unglück trag' ich bei.«

Und Senkflug wollt' ihm den Versuch vergönnen,
Und sprach, mit Jenen uneins: »Senkst du dich,
So werd' ich nicht im Sprunge nach dir rennen,

Nein, übers Pech im Fluge schwing' ich mich.
Wir treten hinter diesen Damm, und sehen,
Ob du wohl mehr vermagst, als die und ich.«

Jetzt, Leser, wird ein neuer Tanz entstehen!
Man wandte sich - der erst der Aergste war,
War doch der Erste jetzt, hinabzugehen.

Da nahm den Vortheil der Navarrer wahr,
Stemmt' ein die Füß' und war mit einem Satze
Im Augenblick befreit von der Gefahr.

Dort standen alle mit verblüffter Fratze.
Und jener, der die Schuld des Fehlers trug,
Flog nach, und schrie: »Du bist in meiner Tatze!«

Umsonst! die Furcht war schneller als der Flug.
Das Pech verbarg bereits den Gauner wieder,
Und rückwärts nahm der Teufel seinen Zug.

So taucht die Ente vor dem Falken nieder,
Und dieser hebt, ergrimmt und matt, vom Teich
Zur Luft empor das sträubende Gefieder.

Eistreter kam, wie Jener sank, sogleich
Im schnellsten Fluge durch die Luft geschossen
Und fiel, erboßt von diesem Narrenstreich,

Mit seinen scharfen Klaun auf den Genossen,
Und beide hielten über'm Pech voll Wuth
In wilder Balgerei sich fest umschlossen.

Doch braucht' auch Jener seine Krallen gut,
Und beide stürzten bald zu den Bepichten,
Die sie bewachten, in die heiße Fluth.

Der Hitze ward es leicht, den Kampf zu schlichten,
Doch, ganz bepicht das rasche Flügelpaar,
Vermochten sie es nicht, sich aufzurichten.

Und Sträubebart, der sehr betreten war,
Ließ vier der Seinen rasch zu Hülfe fliegen,
Die äußerst schnell mit ihren Haken zwar,

Auf sein Geheiß zum Peche niederstiegen,
Wo Jeder den Besalbten Hülfe bot,
Doch sahn wir sie gekocht im Sude liegen,

Und ließen sie in dieser großen Noth.


Gesang 23

Wir gingen einsam, schweigend, unbegleitet,
Ich hinterdrein, der Meister mir voraus,
So wie ein Paar von Franziskanern schreitet.

Mir mußte wohl der Teufel wilder Strauß
Aesopens Fabel ins Gedächtniß bringen,
Worin er spricht vom Frosch und von der Maus.

Denn wer Beginn und Schluß von beiden Dingen
Mit reiflicher Erwägung wohl verglich,
Dem konnte Jetzt und Izt nicht gleicher klingen.

Und wie aus einem der Gedanken sich
Der zweit' entspinnt, so mußt' ich weiter denken,
Und doppelt faßte Furcht und Schrecken mich.

Ich dachte so: Die sind in ihren Ränken
Durch uns gestört, beschädigt und geneckt,
Und müssen drob sich ärgern und sich kränken.

Wenn dies zur Bosheit noch den Zorn erweckt,
So folgen sie uns wüthend, gleich dem Hunde,
Der nach des Hasen Hals die Schnauze streckt.

Und rückwärts blickt' ich bang und in die Runde,
Das Haar gesträubt, und sprach: »Mein Meister, flieh!
Verbirg uns Beid' in diesem Felsenschlunde.

Die Grimmetatzen kommen schon. O sieh,
Sie kommen schon mit einem ganzen Heere!
So, wie ich sie mir denke, fühl' ich sie!«

Und Er zu mir: »Wenn ich ein Spiegel wäre,
So faßt ich doch dein Aeußres nicht so klar,
Als ich dein innres Wesen mir erkläre.

Jetzt aber nimmst auch du mein Innres wahr,
Und kommst mir selber schon mit dem entgegen,
Was für uns beid' in mir beschlossen war.

Und ist der Abhang rechts nur so gelegen,
Daß man zum nächsten Schlund hinunter kann,
So fliehn wir, eh sie uns erreichen mögen.«

Kaum hatt' er dies gesprochen, so begann
Die Teufelsjagd, und mit gespreizten Schwingen
Kam, nicht gar fern, der wilde Zug heran.

Da faßt' er mich, um schnell mich fortzubringen,
Der Mutter gleich, die, vom Getös' erweckt,
Die Flammen sieht, die schon zur Kammer dringen,

Und nicht für sich, nur für ihr Kind erschreckt,
Es aus der Wiege reißt, und schnell ins Weite,
Nie rastend, flieht, nur mit dem Hemd bedeckt.

Daß er herab am harten Felsen gleite,
Streckt' er sich rücklings an den steilen Hang,
Der jenen Sack verstopft von einer Seite.

Nie hat ein Mühlbach sich mit schnellerm Drang
Aufs Mühlenrad durch seine Rinn' ergossen,
Als jetzt mein Meister, vor Verfolgung bang,

Von jenem Felsenhang herabgeschossen,
Mich mit sich nehmend, an die Brust gepreßt,
Und fest umstrickt, als Kind, nicht als Genossen.

Kaum stand sein Fuß am Rand der Tiefe fest,
So hörten wir sie über jenem Grunde,
Doch Er blieb ohne Furcht; denn nimmer läßt

Die ew'ge Vorsicht, die im fünften Runde
Als Diener Ihrer Macht sie eingesetzt,
Sie wieder vor aus diesem schmalen Schlunde.

Getünchte Leute sahn wir unten jetzt
Im Kreise ziehn mit langsam schweren Tritten,
Matt, weinend, wie von großer Last verletzt.

Verhüllt die Augen von Kapuzen, schritten
Sie träg in Kutten fort, gleich dem Gewand
Der Mönch' in Köln am Rheine zugeschnitten;

Nach außen Gold, deß Glanz ich blendend fand,
Ganz Blei von innen, schwer, daß leicht erschienen,
Die Friedrich für den Hochverrath erfand.

O Quaal, sich ihrer ewig zu bedienen!
Auch zeugt' ihr Klagelaut, was Jeder litt,
Und horchend wandten wir uns rechts mit ihnen.

Doch so erschwert war durch die Last ihr Tritt,
Daß neben uns, so oft wir vorwärts traten,
Ein neuer Sünder durch das Dunkel schritt.

Ich sprach: »O sieh dich um! ist wohl durch Thaten
Und Nahmen mir von diesen wer bekannt?
Und sage mir's, sobald wir Einem nahten!«

Und Einer, der Toskanisch wohl verstand,
Rief hinter uns: »O bleibt ein wenig stehen,
Ihr, die ihr rennt durch dieses dunkle Land.

Was du verlangst, kann wohl durch mich geschehen!«
Da wandte sich mein Herr und sprach: »Halt' an,
Und suche langsam, wie er selbst, zu gehen.«

Ich stand, und sah nun zwei, die, um zu nahn,
Sich sehr anstrengten und sich weidlich plagten,
Gehemmt von schwerer Last und enger Bahn;

Dann, angelangt, mit keinem Worte fragten,
Vielmehr nach mir den scheelen Blick gedreht,
Sich unter sich besprechend, dieses sagten:

»Der lebt, so scheint's mir, weil sein Odem weht.
Und welcher Freibrief dient zu ihrem Schilde,
Daß der und jener ohne Bleirock geht?«

Darauf zu mir: »Toskaner, der zur Gilde
Der Heuchler kommt, zu ihrem trüben Leid,
Wer bist du? sag es uns mit Huld und Milde.«

Und ich: »Mich hat die Stadt voll Herrlichkeit
Am Arnostrand geboren und erzogen,
Und diesen Körper trug ich jederzeit.

Doch wer seyd ihr, von deren Wang' in Wogen
Ein Thränenstrom so schmerzlich niederrinnt?
Und was hat euch solch Uebel zugezogen?«

Und Einer sprach: »Die gelben Kutten sind
Von Blei, so schwer, daß ihr Gewicht der Wage,
Die's trägt, ein heulend Knarren abgewinnt.

Lustbrüder waren wir von gleichem Schlage,
Ich Catalano, Loderingo Er,
Von deiner Stadt erwählt an einem Tage,

Weil sich zum Friedenstifter eignet, wer
Parteilos selber ist - und wer wir waren,
Zeigt beim Gardingo noch sich rings umher.«

Und ich begann: »Das Leid, das ihr erfahren -«
Doch schwieg und mußt' an dreien Pfählen dort
Gekreuzigt Einen auf dem Grund gewahren.

Als er mich sah, verrenkt' er sich sofort,
Und haucht' in seinen Bart mit lautem Stöhnen,
Und Bruder Catalan sprach dieses Wort:

»Der Angepfählte, dessen Klagen tönen,
Gab einst den Pharisäern diesen Rath:
Mög' Eines Tod fürs Volk den Zorn versöhnen!

Nun liegt er nackt und queer auf unserm Pfad
Und fühlen muß er, wenn wir drüber wallen,
Wie viel Gewicht von uns ein Jeder hat.

So wird sein Schwäher auch gestraft, mit Allen
Vom Pharisäer-Rath, durch den soviel
Der schlimmen Saat für Juda's Volk gefallen.«

Da sah ich wohl, es staunte selbst Virgil,
Daß dem Gekreuzigten im Höllenschlunde
Ein solches Loos der Schmach und Schande fiel.

Drauf sprach er zu dem Bruder: »Gieb mir Kunde,
Dafern du kannst: ist rechts die Straße frei?
Führt irgend eine Schlucht aus diesem Grunde,

Und findet sich ein Ausgang für uns zwei,
Ohn' einen von den Teufeln erst zu zwingen,
Daß er zum Weitergehn uns Führer sey?«

Und Jener sprach: »Ihr braucht nicht weit zu dringen,
So seht ihr einen Stein vom ersten Rund
Als Steg die Thäler sämmtlich überspringen.

Er ist nur eingestürzt ob diesem Schlund,
Allein ihr könnt die Trümmer leicht ersteigen,
Denn, schief sich lagernd, stehn sie auf dem Grund.«

Ich sah den Herrn das Haupt ein wenig neigen,
Drauf sprach er: »Mußte doch der Teufel hier
Sich wiederum in schlechtem Rathschlag zeigen.«

Und Jener: »In Bologna merkt' ichs mir,
Der Teufel sey ein Lügner stets, ein dreister,
Ja, aller Lügen Vater für und für.«

Nun ging davon mit großem Schritt mein Meister,
Und schien ein wenig zornig und erboßt,
Und ich verließ die bleibeschwerten Geister

Und folgte der verehrten Spur getrost.


Gesang 24

In jenem Theil vom jugendlichen Jahre,
Wo Nacht den halben Tag nur deckt, und mild
Im Wassermann erglänzen Phöbus Haare,

Mahlt oft der Reif, wenn Nebel das Gefild
Am Abend deckt, bei scharfen Morgenlüften
Vom Bruder Schnee ein schnell verwischtes Bild.

Wenn dann der Hirt, der Futter von den Triften
Gar nöthig braucht, aufsteht und jeden Ort
Schneeweiß erblickt, dann schlägt er sich die Hüften,

Und kehrt zum Haus, beklagt sich hier und dort
Und weiß nicht was zu thun vor großem Leide -
Doch frische Hoffnung faßt er dann sofort.

Denn schon erscheint die Welt im andern Kleide;
Schnell kommt er nun mit seinem Stab herbei
Und treibt die muntern Schäflein auf die Weide.

So staunt' ich, daß mein Meister zornig sey,
Daß ungewohnter Mißmuth ihn bedrücke;
So schnell auch kam zum Schmerz die Arzenei.

Denn kaum gelangt zu der verfallnen Brücke,
Kehrt' ihm die Huld, die er mir zeigt', als ich
Am Berg ihn traf, aufs Angesicht zurücke.

Er öffnete die Arm' und sprach mit sich,
Den Felsenschutt zuförderst wohl betrachtend,
Und trat dann auf mich zu und faßte mich.

Und wie ein Mann, der, wohl auf Alles achtend,
Bedenklich ist, vorsichtig, klug und klar,
Hob er mich auf ein Felsenstück, beachtend,

Daß dort ein andres in der Nähe war,
Und sprach: »Fass' an, um dort hinauf zu kommen,
Doch obs dich trage, nimm erst sorglich wahr.«

Kein Kuttenträger wär' hinauf gekommen,
Da wir, ich fortgeschoben, Er so leicht,
Mit Mühe nur von Block zu Blocke klommen.

Auch hätt' ich nimmermehr, und Er vielleicht,
Wenn niedrer nicht, als jenseits diesem Grunde
Das Ufer war, des Dammes Höh' erreicht.

Doch weil sich Uebelsäcken nach dem Munde
Des tiefen Brunnens hin allmählig neigt,
So liegts von selbst im Bau von jedem Runde,

Daß hier der Damm sich senkt, dort höher steigt.
Am Ende kamen wir bis zu der Spitze,
Wo sich der Felsentrümmer letzte zeigt.

Nicht konnt' ich mehr - und athemlos, voll Hitze
Die angestrengten Lungen und das Blut,
Sucht' ich, kaum angelangt, nach einem Sitze.

Da sprach mein Herr: »Jetzt ziemt dir frischer Muth,
Denn nimmer kommt der Ruhm dem zugeflogen,
Der unter Flaum auf weichen Kissen ruht.

Und wer durchs Leben ruhmlos hingezogen,
Der läßt nur so viel Spur in dieser Welt,
Wie in den Lüften Rauch, Schaum in den Wogen.

Drum auf! wenn Mattigkeit dich niederhält,
Wird sie der Geist, wird jeden Feind besiegen,
Wenn er nicht wie der schwere Leib verfällt.

Erklimmen mußt du noch so manche Stiegen;
Nicht gnügt's, von hier gerettet fortzuziehn,
Verstehe mich, so wirst du nie erliegen!« -

Da stand ich auf und Kraft und Odem schien
An mir jetzt frischer, als ich sie empfunden,
Drum rief ich: »Fort, denn ich bin stark und kühn.«

Wir gingen fort. Der Pfad war eng gewunden,
Der Fels voll Höcker, schwierig zu begehn,
Und steiler, als ich ihn vorher gefunden.

Um frisch zu scheinen, sprach ich laut im Gehn,
Bis eine Stimm' aus jenem Grund erschollen,
Verworren, wild und schwierig zu verstehn.

Nicht weiß ich, was die Stimme sagen wollen,
Obwohl ich auf des Bogens Höhe stand,
Doch schien, der sprach, zu zürnen und zu grollen.

Ich stand, das Angesicht zum Grund gewandt,
Doch drang kein Menschenblick in seine Schauer,
Drum sprach ich: »Meister, komm zum nächsten Strand,

Und führe mich hinab von seiner Mauer.
Hier hör' ich zwar, doch ich verstehe nicht,
Und, sehend, unterscheid' ich nichts genauer.«

»Die That,«, sprach Er mit freundlichem Gesicht,
»Sey Antwort dir, weil sichs geziemt, mit Schweigen
Zu thun, was der verständ'gen Bitt' entspricht.«

Wir eilten nun, die Brück' hinabzusteigen,
Da, wo sie auf dem achten Damme ruht,
Und deutlich sah ich, sich die Tiefe zeigen.

Ich sah in Knäueln grause Schlangenbrut,
Und denk' ich heut der ekeln, mannigfachen
Scheusale noch, so starrt vor Graun mein Blut.

Nicht mag sichs Libyen mehr zum Ruhme machen,
Daß es Blindschleichen, Nattern, Ottern hegt
Und Vipernbrut und gift'ge Wasserdrachen.

Wie solche Pest nicht Aethiopien trägt,
So tönt am ganzen Strand kein solch Gezische,
An den die Fluth des rothen Meeres schlägt.

Und unter diesem gräulichen Gemische
Lief eine nackte, schreckensvolle Schaar,
Nicht hoffend, daß sie je von dort entwische.

Am Rücken band die Händ' ein Schlangenpaar,
Das Schwanz und Haupt durch Kreuz und Nieren steckte
Und vorn zu einem Knäul verschlungen war.

Da stürzt' auf Einen, den ich dort entdeckte,
Ein Ungeheu'r, das ihm den Hals durchstach
Und aus dem Nacken vor die Zunge streckte.

Und eh man Amen sagt und O und Ach,
Sah ich, wie er, entzündet und in Flammen,
Auch schon als Staub in sich zusammenbrach.

Und wie die Glieder kaum in Nichts verschwammen,
So fügte sich, gesammelt, alsobald
Der Staub zur vorigen Gestalt zusammen.

So stirbt der Phönix fünf Jahrhundert' alt,
(Die großen Weisen sagen's) sich bekleidend
Mit neuerzeugter junger Wohlgestalt.

Sich nicht von Kräutern noch von Körnern weidend,
Von Weihrauchthränen und Amomen nur,
Und zwischen Nard' und Myrrhenduft verscheidend.

Und gleichwie der, der ohne Lebens-Spur
Zu Boden sank, vielleicht vom Krampf gebunden,
Vielleicht auch, weil in ihn ein Dämon fuhr,

Sich umschaut, wenn er sich emporgewunden,
Und um sich schauend stöhnt, verwirrt, entsetzt,
Von großer Todesangst, die er empfunden;

So war der aufgestandne Sünder jetzt. -
O möge keiner Gottes Rach' entzünden,
Der solche Streich' in seinem Zorn versetzt!

Gebeten, seinen Nahmen zu verkünden,
Entgegnet' er: »Ich bin seit kurzem hier,
Von Tuscien hergeschneit nach diesen Schlünden.

Ich lebte nicht als Mensch, ich lebt' als Thier,
Ich, Bastard Fucci, den man Vieh benannte,
Und würd'ge Höhle war Pistoja mir.«

Ich sprach, indem ich mich zum Meister wandte:
»Er weicht uns aus - doch frag' ihn: weshalb kam
Er hierher, da er stets von Blutdurst brannte?«

Aufrichtig ward er, als er dies vernahm,
Und Geist und Angesicht mir zugewendet,
Begann er nun, gedrückt von trüber Schaam:

»Mehr schmerzt's mich, daß dein Schicksal dich gesendet,
Um mich in diesem Jammerstand zu sehn,
Als daß ich oben meinen Lauf geendet.

Doch was du fragtest, muß ich dir gestehn.
Ich bin so tief hier unten, weil ich wagte
Am Heiligthume Diebstahl zu begehn.

Drob litten manche fälschlich Angeklagte. -
Daß du mich sahst, soll wenig dich erfreun,
So sehr auch jetzt mein Anblick dir behagte,

Drum hör', um immerdar ihn zu bereun:
Pistoja wird die Schwarzen erst verjagen,
Und dann Florenz so Volk als Sitt' erneun.

Aus Nebeln, die auf Magra's Thale lagen,
Zieht Mars den schweren Wetterdunst heraus,
Und Stürme tosen dann und Blitze schlagen

Auf dem Picener-Feld im wilden Straus,
Daß sich zerstreut die Nebel plötzlich senken,
Und alle Weißen fliehn in Angst und Graus.

Dies aber sagt'ich dir, um dich zu kränken.«


Gesang 25

Er sprachs, und hob die Händ' empor mit Spott,
Ließ beide Daumen durch die Finger ragen,
Und rief dann aus: »Nimm's hin, dies gilt dir, Gott!

Mir ists zum Scherz, wenn deine Schlangen nagen!« -
Worauf um seinen Hals sich eine wand,
Als sagte sie: Du sollst nichts weiter sagen.

Die zweite schlang sich um die Arm' und band,
Ihn ganz durchbohrend, vorn sich so zusammen,
Daß er nicht Raum damit zu zucken fand.

Was übergiebst du dich nicht selbst den Flammen,
Pistoja, du, und tilgst dich in der Gluth?
Sind Frevler alle doch, die dir entstammen?

Nie fand ich so verruchten Uebermuth.
Selbst Kapaneus gottlästerndes Erfrechen
Erhob sich nicht zu dieses Diebes Wuth.

Er floh von dannen, ohn' ein Wort zu sprechen
Und ein Centaur kam wüthend hergerannt,
Mit lautem Schrei'n: »Wo find' ich diesen Frechen?«

Nicht so viel Schlangen nährt Toskana's Strand,
Als ihm am Kreuz und auf dem Rücken hingen,
Bis dahin, wo sich Roß und Mensch verband.

Ein Drache hielt mit ausgespreizten Schwingen
Sich an den Schultern fest und spie mit Macht
Gluth aus auf Alle, die vorübergingen.

Da sprach mein Meister: »Kakus ist's, hab' Acht!
Er ist es, der so oft zu blut'gen Teichen
Die Auen unterm Aventin gemacht.

Er geht nicht einen Weg mit Seinesgleichen,
Weil er sich nicht gescheut, durch schlauen Trug
Mit jener großen Heerde zu entweichen.

Allein gefrevelt hatt' er nun genug,
Weil mit der Keul' Alcid, der Wuthentbrannte,
Ihn todt, und nach dem Tod noch grimmig schlug.«

Indeß er sprach und jener weiter rannte,
Da liefen drei durch jene Tiefe fort,
Auf welche sich erst unser Auge wandte,

Als ihr Geschrei begann: »Wer seyd ihr dort?«
Drum blieben wir in der Erzählung stehen,
Und horchten hin nach dieser Schatten Wort.

Von ihnen hatt' ich keinen je gesehen,
Da rief den andern einer dieser drei,
Und nannt' ihn, wie's durch Zufall oft geschehen.

»Wo bleibst du, Cianfa,« rief er, »komm herbei!«
Drum legt' ich auf die Lippen meinen Finger,
Damit mein Führer horch' und stille sey.

Meinst du jetzt, Leser, daß ich Hinterbringer
Von eiteln Fabeln sey, so staun' ich nicht;
Ich sah's, doch ist mein Zweifel kaum geringer.

Von vornher warf sich, wie ich das Gesicht
Auf sie gekehrt, schnell eine von den Schlangen
Mit drei Paar Füßen her und packt' ihn dicht.

Der Bauch ward von dem mittlern Paar umfangen,
Indeß das vordre Paar die Arm' umfing,
Dann schlug sie ihre Zähn' in beide Wangen.

Wie an den Lenden drauf das Hintre hing,
Schlug sie den Schwanz durch zwischen beiden Beinen
Und drückt' ihn hinten an als engen Ring.

Kein Epheu kann dem Baum sich so vereinen,
Wie dieses Ungethüm sich wunderbar
An Jenes Glieder schmiegte mit den seinen.

Zusammen klebte plötzlich dann dies Paar,
Wie warmes Wachs, die Farben so vermengend,
Daß Keins von Beiden mehr dasselbe war,

Gleichwie die Flammen, ein Papier versengend,
Bevor es brennt, mit Braun es überziehn,
Noch eh' es schwarz wird, schon das Weiß verdrängend.

Die andern Beiden, ihn betrachtend, schrien:
»Weh dir, Agnel, du bist nicht zwei, nicht Einer!
Doch sieh, dir ist ein andres Bild verliehn.«

Schon war vereint der Schlange Kopf und seiner,
Aus zwei Gestalten sah man ein' entstehn,
Vermischt, verwirrt, doch gleich von beiden keiner.

Die Arme sah man aus einandergehn;
Sie wurden vier, und Bauch und Brust und Lenden,
Sie wurden Glieder, wie man nie gesehn.

Es schien, als ob die vor'gen ganz verschwänden.
Nicht zwei, nicht einer schien's, und ganz entstellt
Sah ich das Bild sich langsam abwärts wenden.

Gleichwie die Eider öfters, wenn die Welt
Der Hundstern peitscht, blitzschnell von Dorn zu Dorne,
Von Zaun zu Zaun queer durch die Straße schnellt,

So fuhr jetzt eine Schlang' in wildem Zorne
Auf jene zwei nach ihren Bäuchen hin,
Bläulich und schwarz, gleich einem Pfefferkorne.

Und durch den Theil, der bei des Seyns Beginn
Uns Nahrung zuführt, bohrte sie den Einen,
Dann fiel sie ausgestreckt vor ihn dahin.

Er sah sie starr, mit fest geschloßnen Beinen,
Stillschweigend, gähnend, an, und mußte mir
Wie schläfrig oder fieberhaft erscheinen.

Nach Ihm hin sah die Schlang' und Er nach ihr,
Sie rauchend aus dem Maul, Er aus der Wunde,
Dann nahte sich der Rauch von dort und hier.

Still schweige jetzt Lukan mit seiner Kunde
Vom Unglück des Sabell und vom Rasid,
Und horchend häng' er nur an meinem Munde.

Von Aretus' und Kadmus schweig' Ovid,
Denn wenn er Ihn zum Drachen umgedichtet,
Und Sie zum Quell, so neid' ich nicht sein Lied.

Nie hat er von zwei Wesen uns berichtet,
Die umgetauscht Gestalt und Stoff und Seyn,
Indem sie starr auf sich den Blick gerichtet.

Gleich ging die Wandlung fort in jenen Zwei'n.
Zur Gabel spaltete den Schwanz die Schlange,
Und der Gestochne drückte Bein an Bein.

Sie klebten an einander, und nicht lange
Hatt' es gewährt, als auch die Fuge schwand,
Verdrängt vom völligen Zusammenhange.

Der Lenden Form, die hier entwich, entstand
Am Gabelschweif; die Haut schien zu erweichen;
Hart ward sie dort, nach Schlangenart gespannt.

Die Arme sah ich in die Schultern weichen,
Der Schlange kurze Vorderfüße dann,
Wie jene schwanden, weiter vorwärts reichen.

Wie drauf zu jenem Gliede, das der Mann
Zu bergen pflegt, die hintern sich verbanden,
So fing sich seins in zwei zu theilen an.

Und unterm Rauch, der beide deckt', entstanden
Ganz neue Farben, sproßten Haare vor,
Und zeigten hier sich, wenn sie dort verschwanden.

Er sank dahin, Sie raffte sich empor,
Doch blieb der Kopf mit jenen starren Blicken,
Durch die er selbst nun seine Form verlor.

An dem, der stand, schien er sich platt zu drücken,
Auch sah man von dem Fleisch, das hinter drang,
Die Ohren seitwärts aus den Wangen rücken.

Aus dem was vorn zurückeblieb, entsprang
Ein Lippenpaar, wie sichs gebührt, erhoben
Und eine Nase, zugespitzt und lang.

Der dort lag, zog den Mund gespitzt nach oben;
Die Schnauz' entstand, auch war das Ohr sofort,
Gleich einem Schneckenhorn, zurückgeschoben.

Die Zung', erst ganz, und schnell zu Red' und Wort,
Ward nun getheilt, und ganz ward die getheilte
Im Mund des Andern, und der Rauch blieb dort.

Der Geist, jetzt Schlange, zischte laut und eilte
Durchs Thal davon - der Andre spuckt' ihr nach,
Indem er noch, sie schmähend, dort verweilte.

Dann kehrt er ihr den Rücken zu und sprach:
»So schlüpfe Buoso nun durch diese Gründe,
Statt meiner, auf dem Bauch in Quaal und Schmach.«

So mischt' im siebenten der Lasterschlünde
Sich Bild und Bild, drum werde mir's verziehn,
Wenn ich so Neues etwas breit verkünde.

Doch ob mir gleich der Blick geblendet schien,
Und kaum mein Geist vom Staunen sich ermannte,
Doch bargen jene sich nicht so im Fliehn,

Daß ich den Puccio nicht gar wohl erkannte,
Der einzig von den drei'n, erst hier vereint,
Sich unverwandelt jetzt von dannen wandte.

Der Andre war's, um den Gaville weint.


Gesang 26

Erfreue dich, Florenz, du bist so groß,
Daß du die Flügel schwingst zu Land und Meere,
Und selbst dein Nam' erklingt im Höllenschooß.

Fünf deiner Bürger fand ich, und verzehre
Mich drob vor Schaamgluth, bei den Dieben hier,
Und dadurch steigst du nicht zu größ'rer Ehre.

Und zeigt' ein Morgentraum die Wahrheit mir,
So wirst du großes Unglück bald empfinden,
Und selbst dein Freund und Nachbar gönnt es dir.

Wär's jetzt, so würd' ich es zur Unzeit finden,
Doch, da's geschehn muß, möcht' es jetzo seyn,
Denn, älter, werd' ichs schwerer nur verwinden.

Wir stiegen nun auf zackigem Gestein,
Das uns als Trepp' herabgeführt, zurücke,
Mein Herr voraus und ich ihm hinterdrein.

Durch Trümmer ging und rauhe Felsenstücke
Der öde Weg, und nöthig war die Hand,
Damit der Fuß aufklimmend weiter rücke.

Tief schmerzte mich der Jammer, den ich fand,
Und jetzt noch fass' ich, wenn ich sein gedenke,
Des Geistes Zaum zu festerm Widerstand,

Damit ich nicht den Lauf vom Rechten lenke,
Und nicht verderb', aufs eigne Glück voll Neid,
Des Glücksterns oder höh'rer Huld Geschenke.

Soviel der Bauer, in der Jahreszeit,
In der die Sonne glänzt im hellsten Strahle,
Wenn er beim Eintritt nächt'ger Dunkelheit

In Weinberg oder Feld beim kargen Mahle
Nach Tagesarbeit ruht am Bergeshang,
Johanniswürmchen sieht im dunkeln Thale;

So viele Flammen sah ich jetzt, entlang
Dem achten Schlund, die Dunkelheit verklären,
Sobald mein Aug' in seine Tiefe drang.

Wie der, der sich gerächt durch wilde Bären,
Elias Wagen sah von dannen ziehn
Sammt dem Gespann, zu lichten Himmel-Sphären,

Umsonst ihm mit dem Auge folgt' und ihn
Gestaltlos nur als ferne Flamm' erkannte,
Die golden, gleich der Abendwolk' erschien;

So konnt' ich jetzt, daß Flamm' an Flamme brannte,
Und flackernd lief, doch nichts vom Raube sehn,
Ob jegliche gleich einen Geist entwandte.

Ich stand am Brückenrand, um hinzuspähn,
Indem die Arm' ein Felsenstück umschlangen,
Denn stürzt' ich hier, so wars um mich geschehn.

Mein Meister sah mich an den Flammen hangen,
Und sprach: »Ein Geist verbirgt in jeder sich,
Und jede hält ihn wie ein Kleid umfangen.«

»Dein Wort,« so sprach ich, »vergewissert mich,
Denn selber glaubt' ich schon, dies zu erkennen,
Und fragen wollt' ich jetzt nach jener dich.

Ich sehe sie in zwei sich oben trennen,
Als säh' ich in des Scheiterhaufens Gluth
Eteokles und seinen Bruder brennen.«

Und Er: »Sie dämpft Ulyssens Uebermuth
Und Diomeds. Sie laufen hier zusammen
In ihrer Quaal, wie einst in ihrer Wuth.

Ums Trugroß klagen sie in diesen Flammen,
Und um das Thor, das Ausgang Jenen bot,
Der Heldenschaar, von der die Römer stammen.

Die List beweinen sie, durch die, schon todt,
Noch Deidamia den Achill beklagte,
Auch das Palladium rächt nun ihre Noth.«

»Vermögen sie noch hier zu sprechen,« sagte
Ich drauf zum Meister, »o dann bitt' ich dich
Viel Tausendmal, da ich sie gern befragte,

Laß mich, bis die getheilte Flamme sich
Zu uns hierher bewegt, ein wenig weilen.
Sieh, hin zu ihr zieht die Begierde mich.«

»Der Bitte,« sprach er, »muß ich Lob ertheilen,
Wie sie verdient; sie sey darum gewährt,
Doch laß die Sprechlust nicht dich übereilen.

Laß mir das Wort; ich weiß was du begehrt.
Sprächst du, sie würden kaum dir Antwort geben,
Denn Griechen sind sie, stolz auf ihren Werth.«

Und näher sah ich nun die Flamme schweben,
Und hörte, da dem Führer Ort und Zeit
Geeignet schien, ihn so die Stimm' erheben:

»Ihr, die ihr zwei in einer Flamme seyd,
Wenn ich euch jemals Grund gab, mich zu lieben,
Da ich dem Ruhm der Helden mich geweiht,

Und in der Welt das hohe Lied geschrieben,
So weilt bei mir und sag' Uliß mir an,
Wo auf der Irrfahrt sein Gebein geblieben.«

Der alten Flamme größtes Horn begann
Zu flackern erst, und murmelnd sich zu regen,
Als wäre sie vom Wind gefaßt, und dann

Rasch hin und her die Spitze zu bewegen,
Gleich einer Zung' und deutlich tönt' und klar
Dann aus der Flamm' uns dieses Wort entgegen:

»Als ich von Circen schied, die mich ein Jahr
Und länger, bei Gaëta festgehalten,
Eh's so benannt noch von Aeneas war,

Da ließ ich nicht das Mitleid für den alten
Gebeugten Vater, nicht die Gattenpflicht,
Noch Vaterzärtlichkeit im Herzen walten.

Sie tilgten all' in mir das Sehnen nicht,
Die Welt zu sehn und alles zu erkunden,
Was sie besitzt, wie das, was ihr gebricht.

Drum warf ich mich, kaum jener Haft entbunden,
In einem einz'gen Schiff ins offne Meer,
Sammt einem Häuflein, das ich treu erfunden.

Nach Spanien führt' und Libyen hin und her
Ich meine wackre Schaar, als kühner Leiter,
Und jedem meerumfloßnen Land umher.

Alt war ich schon und schwach, auch die Begleiter,
Als sich mein Schiff am engen Schlund befand,
Wo Herkuls Säulenpaar gebeut: Nicht weiter!

Als hinter uns nun rechts Sevilla's Strand,
Und links in Libyen Septa's Zinnen waren.
Da sprach ich, den Gefährten zugewandt:

O Brüder, die durch tausend von Gefahren
Ihr hier im Abend kühn euch eingestellt,
Verwendet jetzt, um Neues zu erfahren,

Weil Seele noch und Leib zusammenhält,
Den kurzen Rest von euren Erdenleben!
Der Sonne nach zur unbewohnten Welt!

Bedenkt, wozu dies Daseyn euch gegeben!
Nicht um dem Viehe gleich zu brüten, nein,
Um Wissenschaft und Tugend zu erstreben.

Den Meinen schien dies Wort ein Sporn zu seyn,
Kaum hielt ich sie, hätt' ich gewollt, im Zügel
Und rastlos gings ins weite Meer hinein.

Erst morgenwärts gewandt des Schiffes Spiegel
Ging unser toller Flug dann linker Hand,
Und seiner Eil verliehn die Ruder Flügel.

Schon alle Sterne jenes Poles fand
Der Blick der Nacht und die des unsern klommen
Kaum übers Meer noch an des Himmels Rand.

Schon fünfmal war entzündet und verglommen
Des Mondes Licht, seit wir dem Glück vertraut,
Und durch den schicksalvollen Paß geschwommen,

Als uns ein Berg erschien, von Dunst umgraut
Vor weiter Fern', und schien so hoch zu ragen,
Wie ich noch keinen auf der Erd' erschaut.

Erst jubeln ließ er uns, dann bang verzagen,
Denn einen Wirbelwind fühlt' ich entstehn
Vom neuen Land, und unsern Vorbord schlagen.

Er macht' uns dreimal mit den Fluthen drehn,
Dann, als der hintre Theil emporgeschossen,
Nach höh'rem Spruch, den vordern untergehn,

Bis über uns die Wogen sich verschlossen.«


Gesang 27

Schon aufrecht stand und still der Flamme Haupt;
Sie schwieg und eilte nun, davon zu schweben,
Nachdem der süße Dichter ihr's erlaubt.

Da sah ich näher eine zweie streben,
Und dumpf Gestöhn, das aus dem Innern drang,
Hieß uns den Blick nach ihrer Spitz' erheben.

Gleichwie Siciliens Stier, der dumpf und bang
Zuerft von dessen Klaggeschrei erbrüllte,
(Und dies war Recht) dem solches Werk gelang,

Deß Klagen von sich gab, den er verhüllte,
Und, ganz von Erz, in seinem Angstgestöhn
Erschien, als ob ihn selbst der Schmerz erfüllte;

So schien das Klagewort, das in den Höh'n
Und an den Seiten nirgend durchgedrungen,
Erst gleich des Feuers knisterndem Getön.

Doch als es sich zur Sptz' emporgerungen,
Und bei des Worts und Hauches Durchgang sich
Die Flamme flackernd hin und hergeschwungen,

Erklang dies Wort: »O du, an welchen ich
Die Rede kehre, der mit welschem Klange
Gesprochen: Geh' itzt, ich entlasse dich! -

Obwohl ich etwas spät hierher gelange,
Doch weil' und gieb auf meine Fragen Acht,
Denn sieh, ich weile trotz der Gluthen Drange.

Bist du zur Reis' in diesen dunkeln Schacht
Erst jetzt vom süßen Latier-Land geschieden,
Von dem ich alle Schuld hierher gebracht,

So sprich: Hat Krieg Romagna oder Frieden?
Denn da das schöne Land auch mich erzeugt,
So kümmert mich sein Schicksal noch hienieden.«

Ich stand aufmerksam niederwärts gebeugt,
Da stieß Virgil mich leis' und sagte: »Rede,
Ein Latier ist er, wie sein Wort bezeugt.«

Und ich, bereitet schon zur Gegenrede,
Ergriff nun ohne Zögerung das Wort:
»Es glüht, und glühte stets die innere Fehde

In deinem Land, und nach Tyrannenmord
Lechzt jedes Herz, doch als ich wegging, waren
Nicht offen ausgebrochne Kämpfe dort.

Ravenna ist, wie's war seit vielen Jahren;
Dort brütet immerfort Polenta's Aar,
Des Flüges unter sich auch Cervia wahren.

Die Stadt, die fest in langer Probe war,
Wo jüngst ein Frankenhauf' in Blut gelegen,
Liegt unterm grünen Leu'n nun ganz und gar.

Verruchio's alt' und neuer Hund, sie hegen
Die Tücken, die Montagna's Tod erlauscht,
Und bohren noch die Zähn' ein, wo sie pflegen.

Die Stadt, wo Lamon und Santerno rauscht,
Hat sich dem Leu'n im weißen Nest ergeben,
Der die Parthei mit jedem Mond vertauscht.

Und jene, die der Savio netzt, muß eben,
Wie sie gelegen zwischen Berg und Plan,
Auch zwischen Tirannei und Freiheit leben.

Jetzt, bitt' ich, sprich, wie andre schon gethan -
Daß der Vergessenheit dein Nam' enttauche
Auf unsrer Welt, sag' ihn getreulich an.«

Da grunzt' und braust' es in der Flamme Bauche,
Wie Feuer braust, sie regte hin und her
Das spitze Haupt, und gab dann diese Hauche:

»Spräch' ich zu Einem, dessen Wiederkehr
Nach jener Welt ich jemals möglich glaubte,
So regte nie sich diese Flamme mehr.

Doch da dies keinem je die Höll' erlaubte,
So sag' ich ohne Furcht vor Schand' und Schmach,
Was mich hierher stieß und des Heils beraubte.

Ich war erst Kriegesmann und Mönch hernach,
Um mich vom Fall durch Buß' emporzurichten;
Gewiß geschah auch, was ich mir versprach.

Allein der Erzpfaff - mög' ihn Gott vernichten -
Stieß mich aufs neu' in meine Schuld hinein,
Wie und warum? das werd' ich jetzt berichten.

Als ich noch oben lebt' in Fleisch und Bein,
Da ward ich selten mit dem Leu'n verglichen,
Doch oft wohl mit dem Fuchs in Thun und Seyn.

In allen Ränken und geheimen Schlichen
War ich geschickt, zum Angriff und zum Fliehn,
Und drob berühmt in allen Himmelstrichen.

Allein, wie nun das Alter mir erschien,
Wo's rathsam wird, das hohe Meer zu scheuen,
Und Tau' und Seegel klüglich einzuziehen,

Da mußt' ich, was mir erst gefiel, bereuen,
Ward Mönch und that nun Buß' am heil'gen Ort,
Ach, und noch konnt' ich mich des Heils erfreuen.

Der neuen Pharisäer Herr und Hort
(Im Krieg, mit Juden nicht und Türkenschaaren
Vielmehr am Lateran und nahe dort,

Weil alle seine Feinde Christen waren,
Die nicht bei Acri mit gesiegt, und nicht
Des Sultans Land als Schacherer befahren)

Nicht achtet' er an sich die höchste Pflicht,
Und nicht den Strick, der meinen Leib umpfangen,
Der jeden magrer macht, den er umflicht.

Wie Konstantin Silvestern angegangen,
Ihm Hülf' und Rath beim Aussatz zu verleihn,
So sollt' ich jetzt als Arzt auf sein Verlangen

Vom Fieber seines Hochmuths ihn befrei'n.
Doch mußt' ich mich beinah der Antwort schämen,
Denn eines Trunk'nen schien sein Wort zu seyn.

Du darfst nicht sorgen, sprach er, noch dich grämen;
Ablaß ertheil' ich dir, mich lehre du:
Wie fang' ichs an, Preneste wegzunehmen.

Du weißt, den Himmel schließ' ich auf und zu,
Denn beide Schlüssel sind mir übergeben,
Die Cölestin vertauscht um träge Ruh.

Nicht war so trift'gem Grund zu widerstreben,
Und da hier Schweigen mir das Schlimmste schien,
So sprach ich endlich: Vater, da du eben

Die Sünde, die ich thun soll, mir verziehn,
So wisse: Viel versprechen, wenig halten,
Dadurch wird deinem Stuhl der Sieg verliehn -

Franz wollte, wie ich starb, sein Amt verwalten,
Mich heimzuführen, doch ein Teufel kam,
Und sprach: Halt' ein, denn den muß ich erhalten.

Er kommt mit mir hinab zu ew'gem Gram,
Weil ich, seitdem er jenen Trug gerathen,
Ihn bei dem Haar als meine Beute nahm.

Wer Ablaß will, bereu' erst seine Thaten.
Doch wer bereut und Böses will, der muß
Wohl mit sich selbst in Widerspruch gerathen.

Er packte mich, ob ich mit Hand und Fuß
Gleich zappelte, und sprach, mich mit sich reißend:
Du meintest wohl, ich sey kein Logikus?

Zu Minos trug er mich, der, sich umkreisend
Den harten Rücken, bei dem achten Mal
Ausrief, sich in den Schweif vor Ingrimm beißend:

Der wird der Flamme Raub im achten Thal!
Und also ward ich von dem Schlund veschlungen,
Und geh' im Feuerkleid zu ew'ger Quaal.«

Hier endet' er, und als das Wort verklungen,
Da ging sogleich die Flamme jammernd fort,
Das Horn gedreht und hin und her geschwungen.

Und weiter ging ich nun mit meinem Hort
Zur nächsten Brück' auf rauhen Felsenpfaden,
Und sah im Grund, den Lohn empfangend, dort

Die, Zwiespalt stiftend, sich mit Schuld beladen.


Gesang 28

Wer könnte je, auch mit dem freisten Wort,
Das Blut, das ich hier sah, die Wunden sagen,
Erzählt' er auch die Kunde fort unf fort.

Jedwede Zunge muß den Dienst versagen,
Da Sprach' und Geist zu eng und schwach erscheint,
So Schreckliches zu fassen und zu tragen.

Und wäre das gesammte Volk vereint,
Das Puglien, das verhängnißvolle, hegte,
Dies Land, das einst die blut'ge Schaar beweint,

Die Rom und jener lange Krieg erlegte,
Wo man so große Beut' an Ringen fand,
Wie Livius schrieb, der nicht zu irren pflegte,

Vereint mit dem, das harte Schläg' empfand,
Weils gegen Robert Guiscard ausgezogen;
Mit dem, deß Knochen modern, dort im Land

Bei Ceperan, wo Pugliens Schaar gelogen;
Mit dem von Tagliacozzo, wo Alard,
Der Greis, durch List die Waffen aufgewogen;

Und zeigte, wie es hier verstümmelt ward,
Sich jedes Glied, nicht wär' es zu vergleichen
Mit dieses neunten Schlundes Weis' und Art.

Ein Faß, von welchem Reif' und Dauben weichen,
Ist nicht durchlöchert, wie hier Einer ging,
Zerfetzt vom Kinn bis zu Gesäß und Weichen,

Dem aus dem Bauch in manchem ekeln Ring
Gedärm und Eingeweid, wo sich die Speise
In Koth verwandelt, sammt dem Magen hing.

Ich schaut' ihn an und Er mich gleicher Weise,
Dann riß er mit der Hand die Brust sich auf,
Und sprach zu mir: »Sieh, wie ich mich zerreiße!

Sieh hier das Ziel von Mahoms Lebenslauf!
Vor mir geht Ali, das Gesicht gespalten
Vom Kinn bis zu dem Scheitelhaar hinauf.

Sieh alle, die, da sie auf Erden wallten,
Dort Aergerniß und Trennung ausgesät,
Zerfetzt hier unten ihren Lohn erhalten.

Ein wilder Teufel, der dort hinten sieht,
Zerhaut uns grausamlich mit Säbelstreichen,
Wenn wir, da jeglicher im Kreise geht,

Bei seinem Stande bang vorüberschleichen,
Weil stets die Wunde sich, wie weit sie klafft,
Verschließt, bevor wir diesen Ort erreichen.

Doch wer bist du, der dort hernieder gafft?
Weilst du noch zögernd über diesen Schlünden,
In welche Klag' und Urtheilsspruch dich schafft?«

»Er ist nicht todt, noch hergeführt von Sünden«
So sprach mein Meister drauf, zu Mahoms Pein,
»Doch soll er, was die Höll' umfaßt, ergründen,

Und ich, der todt bin, soll sein Führer seyn.
Drum führ' ich ihn hinab von Rund zu Runde,
Und Glauben könnt ihr meinem Wort verleihn.«

Jetzt blieben Hundert wohl im tiefen Grunde,
Nach mir hinblickend, still verwundert stehn,
Vergessend ihre Quaal bei dieser Kunde.

»Du wirst vielleicht die Sonn' im Kurzen sehn.
Dann sage dem Dolcin, er soll mit Speisen,
Eh ihn der Schnee belagert, sich versehen,

Wenn er nicht Lust hat, bald mir nachzureisen.
Allein vollbringt er, was ich rieth, so muß
Novara's Heer ihn lang' umsonst umkreisen.«

Zum Weitergehn, erhoben einen Fuß,
Rief dieses Wort mir zu des Mahom Seele,
Und setzt' ihn hin und ging dann ohne Gruß.

Dann sah ich Einen mit durchbohrter Kehle,
Die Nase bis zum Auge hin zerhau'n,
Und wohl bemerkt' ich, daß ein Ohr ihm fehle.

Und staunend sah auf mich dies Bild voll Graun,
Und öffnete zuerst des Schlundes Röhre,
Von außen roth und blutig anzuschaun.

»Du, nicht verdammt für Sünden, wie ich höre,
Dich sah ich schon in Latium einst, wenn ich
Nicht durch die Aehnlichkeit mich selbst bethöre;

O zeigen dir die schönen Eb'nen sich,
Die von Vercell nach Marcabo sich neigen,
Erinnr' an Pier von Medicina dich,

In Fano dort dem Guido zu bezeugen
Und Angiolell, daß, wenn mein Geist nicht irrt,
Vor welchem sich der Zukunft Bilder zeigen,

Nah bei Catolica, schlau angekirrt,
Vom schändlichsten der Wütheriche verrathen,
Das edle Paar ersäuft im Meere wird.

Noch nimmer hat Neptun so schnöde Thaten
Von Cipern bis Majorka hin geschaut,
Von Griechenschaaren nicht, noch von Piraten.

Der Bub', auf einem Aug von Nacht umgraut,
Jetzt Herr des Land's, von welchem mein Geselle
Hier neben wünscht, er hätt' es nie erschaut,

Ruft sie als Freund, und thut an jener Stelle
So, daß sie nicht zum Himmel fürder flehn,
Wie wild der Wind auch von Focara schwelle. -«

Drauf ich: »Soll dein Gedächtniß auferstehn,
So magst du dich zu reden nicht entbrechen!
Sprich drum, wen reut's, daß er das Land gesehn?«

Da griff er, um den Mund ihm aufzubrechen,
Nach eines Andern Kiefer hin und schrie:
Sieh her, der ists, allein er kann nicht sprechen,

Er, der verbannt, einst Cäsarn Muth verlieh,
Und alle seine Zweifel scheucht', ihm sagend:
Dem Kampfbereiten fromme Zögern nie.

O wie jetzt Curio ganz verblüfft und zagend,
Die Zunge tief am Schlund verschnitten, stand,
Die Zung', einst kühn und eilig alles wagend -

Und abgeschnitten die und jene Hand,
Stand Einer, in die Nacht die Stümpf' erhoben,
Mit Blut bespritzt, mir kläglich zugewandt,

Und rief: »Denkt man des Mosca noch dort oben?
Ich bins, der meine Hand zum Morde bot,
Ob deß jetzt Tuscien die Parthei'n durchtoben.«

Der Grund auch war zu deines Stammes Tod!
Setzt' ich hinzu - und häufend Grau'n auf Grauen,
Zog er davon in höchster Angst und Noth.

Ich aber blieb, die Andern anzuschauen,
Und was ich sah - ich würde schüchtern seyn,
Es unverbürgt dem Liede zu vertrauen,

Fühlt' ich nicht mein Gewissen treu uns rein,
Dies gute feste Schild, den sichern Leiter,
Und, so geschützt, mein Herz von Furcht befrei' n,

Ich sah - noch ist dies Schreckbild mein Begleiter -
Ein Rumpf ging ohne Haupt mit jener Schaar
Von Unglücksel'gen in der Tiefe weiter.

Er hielt das abgeschnittne Hanpt beim Haar,
Und ließ es von der Hand als Leuchte hangen,
Und seufzte tief, wie er uns nahe war.

So kam er Eins in Zwei'n dahergegangen,
Und leuchtet' als Laterne sich mit sich -
Wie's möglich, weiß nur der, der's so verhangen.

Nachdem er bis zum Fuß der Brücke schlich,
Hob er, um näher mir ein Wort zu sagen,
Den Arm zusammt dem Haupte gegen mich,

Und sprach: »Hier sieh die schrecklichste der Plagen!
Du, der du athmend zu den Todten gingst,
Sprich, ist wohl eine schwerer zu ertragen?

Jetzt horch, damit von mir du Kunde bringst:
Beltram von Bornio bin ich, und Johannen,
Dem König, gab ich bösen Rathschlag jüngst,

Drob Sohn und Vater wilden Krieg begannen,
Wie zwischen David einst und Absalon,
Durch Ahitoffel Fehden sich entspannen.

Mein Hirn nun muß ich zum gerechten Lohn
Getrennt von seinem Quell im Rumpfe sehen,
Weil ich getrennt den Vater und den Sohn,

Und so, wie ich gethan, ist mir geschehen.«


Gesang 29

Das viele Volk und die verschiednen Wunden,
Sie hatten so die Augen mir berauscht,
Daß sie vom Schaun mir ganz voll Zähren stunden.

Da sprach Virgil: »Was willst du noch? Was lauscht
Und starrt dein Auge so nach diesen Gründen,
Wo's Gräuelbild um Gräuelbild vertauscht?

Nicht also that'st du in den andern Schlünden.
An zwanzig Stunden windet sich dies Thal,
Drum kannst du hier nicht Jegliches ergründen.

Schon unter unserm Fuß glänzt Lunens Strahl,
Und wenig dürfen wir uns nur verweilen,
Denn noch zu sehn ist viel' und große Quaal.«

Ich sprach: »Erlaubtest du, dir mitzutheilen,
Welch einen Grund ich hatt', hinabzuspähn,
So würdest du wohl minder mich beeilen.«

Er ging und ich ihm nach, und gab im Gehn
Dem Meister von dem Grund des Forschens Kunde,
Und sprach: »Wohl hab' ich scharf hinabgesehn,

Denn eine Seele wohnt in diesem Schlunde
Von meinem Stamm, und sicher ist an ihr
Bestraft die Schuld durch manche schwere Wunde.«

Mein Meister sprach darauf: »Nicht mache dir
Noch länger Sorg' um diesen Anverwandten;
An Andres denk', Er aber bleibe hier.

Ich sah ihn bei der Brücke den Bekannten
Dich zeigen, und dir mit dem Finger drohn,
Und hörte, wie sie ihn del Bello nannten.

Doch du bemerktest eben nichts davon,
Weil auf dem Beltram deine Blicke weilten.
Als dieser ging, war jener schon entflohn.«

»Weil Rach' und Schwert des Feindes ihn ereilten«
Sprach ich, »und Keiner seinen Tod gerächt.
Von allen denen, so die Kränkung theilten,

Zürnt er auf mich und zürnt auf sein Geschlecht,
Und ging drum, ohne mich zu sprechen, weiter,
Und darin, glaub' ich, hat der Arme Recht.«

Nun folgt' ich hin zum Felsen meinem Leiter,
Zum Felsen, wo man sah' ins nächste Thal,
Wär' irgend nur von Licht die Tiefe heiter.

Doch von der Brück' erschien mit einem Mal,
Der letzte Klosterbann von Uebelsäcken,
Und Mönche waren drin in großer Zahl.

Sie schossen, mir zum Mitleid und zum Schrecken,
Gleich spitzen Pfeilen, Jammertön' heraus,
Und zwangen mich, die Ohren zu bedecken.

Wär' aller Schmerz aus jedem Krankenhaus
Zur Zeit, da wild die Sommergluthen flammen,
Und Valdichiana's und Sardiniens Graus

Und Seuch' und Pest in einem Schlund beisammen,
Nicht ärger wär's als hier, wo Leichenduft
Und Stank und fauler Qualm die Luft durchschwammen.

Wir stiegen auf den Rand der letzten Kluft
Vom langen Felsen niederwärts zur Linken,
Und deutlicher erschien der Schooß der Gruft.

Gerechtigkeit, nie irrend, Gottes Winken
Gehorsam stets, bestraft die Fälscher hier,
Die oben rettunslos in Schuld versinken.

Der Ort schien traurig, wie Aegina mir,
Wo alle Menschen vor uralten Tagen
Ja, bis zum kleinsten Wurm jedwedes Thier,

Der pesterfüllten, gift'gen Luft erlagen;
Und aus Ameisenblut dem öden Land,
Wie für gewiß die alten Dichter sagen,

Ein neu erschaffnes, frisches Volk entstand.
So zeigte sich dies dunkle Thal den Blicken,
Wo man schichtweise sieche Geister fand,

Den auf des Andern Bauch, den auf dem Rücken.
Ein andrer strebt', auf allen Vieren dort
Auf ekelm Wege krächzend vorzurücken.

Wir gingen Schritt um Schritt und schweigend fort,
Sahn Kranke dort, unfähig aufzustehen,
Und horchten auf ihr kläglich Jammerwort.

Sich gegenseitig stützend, saßen zweeen,
Wie in der Küche Pfann' an Pfanne lehnt,
Mit Grind bedeckt vom Kopf bis zu den Zehen.

Gleich wie ein Stallknecht, der nach Schlaf sich sehnt
Und bald sein Tagwert hofft, vollbracht zu haben,
Die Striegel eiligst führt, und öfters gähnt;

So sah ich sie sich mit den Nägeln schaben
Und hier und dort sich kratzen und geschwind,
So gut es ging, ihr wüthend Jücken laben.

Und schnell war unter ihren Klaun der Grind
Wie Schuppen von den Barschen abgegangen,
Die unterm Messer schneller Köche sind.

»Du, vor deß Fingern Schien' und Masche sprangen,«
Begann Virgil zu einem von den zwei'n
»Und der du sie auch oft gebrauchst, wie Zangen,

Sprich, fanden sich auch hier Lateiner ein,
Und mögen dich zu kratzen und zu krauen,
Dafür dir ewig scharf die Nägel seyn.«

»Lateiner kannst du in uns beiden schauen,«
So sprach der Ein', und stöhnte laut vor Quaal,
»Doch wer du bist, magst du mir erst vertrauen.«

Mein Meister drauf: »Ich muß von Thal zu Thal
Als Führer diesen durch die Hölle bringen,
Der wiederkehrt zum goldnen Sonnenstrahl.«

Da schien das Band, das alle hielt, zu springen;
Nach mir hin wandte zitternd Jeder sich,
Wie sie von dieser Rede Kund' empfingen.

Mein guter Meister blickte nun auf mich,
Und sprach: »Du magst sie nach Belieben fragen!«
Dann, als er sich von mir gewandt, sprach ich:

»Soll dein Gedächtniß noch in späten Tagen
Auf unsrer Welt und in der Menschen Geist
Erhalten seyn, so magst du jetzo sagen,

Wie du dich nennst und deine Heimath heißt?
Und, trotz der ekeln Quaal, nimm dich zusammen,
Daß du in deinen Reden offen seyst.«

»Mich zeugt' Arezzo, und den Tod in Flammen
Verschafft' einst Albero von Siena mir,
Doch andrer Grund hieß Minos mich verdammen.

Wahr ists, ich sagt' im Scherz: ins Luftrevier
Verstünd' ich mich im Fluge hinzuschwingen.
Er, klein an Witz, und groß an Neubegier,

Verlangt', in diese Kenntniß einzudringen,
Und nur, weil man ihn nicht als Dädal prieß,
Befahl sein Vater dann, mich umzubringen.

Allein ich bin im zehenten Verließ,
Weil ich mich dort der Alchemie ergeben,
Nach Minos Spruch, der nie sich täuschen ließ.«

Zum Dichter sagt' ich: »Sprich, ob man im Leben
So eitles Volk, wie die Sanesen fand?
Selbst die Franzosen sind ja nichts daneben.«

Der andre Grind'ge, welcher mich verstand,
Rief: »Mag nur Stricca ausgenommen bleiben,
Der all sein Gut so klüglich angewandt;

Und Nikel, dem die Ehre zuzuschreiben,
Daß er zuerst die Braten wohl gewürzt,
Dort, wo dergleichen Saaten wohl bekleiben,

Und jener Klubb, der schön die Zeit gekürzt,
Der Gold, Verstand, Wald, Weinberg, Feld und Auen
Zersplittert hat, und durch den Schlund gestürzt.

Doch daß du wissen magst, auf wen du bauen
Im Kampf mit Siena kannst, so sieh auf mich,
Ja, such' ins Antlitz mir recht scharf zu schauen.

Du siehst dann, des Capocchio Geist bin ich,
Metall verfälscht' ich, daß ich Gold erschaffe,
Und, wenn ich dich erkannt, erinnre dich:

Ich war von der Natur ein guter Affe.«


Gesang 30

Als Juno gegen alles Blut von Theben
Bereits in mancher Art des Zornes Gluth,
Ob Semele's, durch Thaten kund gegeben,

Befiel den Athamas so tolle Wuth,
Daß er ausrief, wie er sein Weib entdeckte,
Auf jedem Arm ein Kind, sein eignes Blut:

»Die Löwin und die Jungen, die sie heckte!
Das Netz gestellt am Furth und aufgepaßt.« -
Und dann nach ihr die wilden Klauen streckte.

Dann als er einen, den Learch, gefaßt,
Geschwungen und am Felsenstück zerschlagen,
Sprang sie ins Meer mit ihrer zweiten Last.

Und als das Glück, das alles kühn zu wagen,
Die stolzen Trojer trieb, sein Rad gewandt,
So daß zusammen Reich und Fürst erlagen,

Und Hekuba, gefangen und verbannt,
Geopfert die Polixena erblickte,
Und sie ihr Mißgeschick an Thraciens Strand

Zum Leichnam ihres Polidorus schickte,
Da bellte sie, wahnsinnig, wie ein Hund,
Weil Schmerz den Geist verkehrt' und ganz bestrickte.

Doch nichts in Theben ward noch Troja kund,
Von einer Wuth, die Vieh und Menschen packte,
Wie ich hier sah, wo, mit dem Schaum am Mund,

Ein Paar von Geistern, todtenfahle, nackte,
Vorbrechend, wie aus seinem Stall das Schwein,
Auf Alles mit den grimmen Zähnen hackte.

Der eine biß auf den Capocchio ein,
Zog ihn am Halse fort und kratzt' ihm, eben
Nicht säuberlich, den Bauch am harten Stein.

Der Aretiner blieb und sprach mit Beben:
»John Schicchi ists, der tolle Poltergeist,
Der solch ein Schauspiel oft schon uns gegeben.« -

»Wie du geschützt von jenem Andern seyst,«
Entgegnet ich, »so sprich, eh' er entronnen,
Wer dieser Schatten ist, und wie er heißt.«

Die Myrrha ists, die schnöden Trug ersonnen,«
Erwiedert' er, »die mehr als sich gebührt
Vor alter Zeit den Vater lieb gewonnen,

Und die mit ihm das Werk der Lust vollführt,
Weil sie die fremde Form sich angedichtet,
Wie jener, der Capocchio dort entführt,

Weil Simon ihn durchs beste Roß verpflichtet,
Als falscher Buoso sich ins Bett gelegt
Und so für ihn ein Testament errichtet.«

Als nun die Tollen sich vorbei bewegt,
Ließ ich mein Auge durch die Tiefe streichen,
Und sah, was sonst der Schlund an Sündern hegt.

Und Einer war der Laute zu vergleichen,
Nur paßt zu diesem Bild die Gabel nicht,
Die jeder Mensch hat, abwärts von den Weichen.

Der Wassersucht schwer lastendes Gewicht,
Ein Glied abmagernd und das andre blähend,
So daß der Wanst dem Antlitz schlecht entspricht,

Hielt ihm die beiden Lippen offenstehend,
Die nach dem Kinn, und die emporgekehrt,
Und lechzend schien er und vor Durst vergehend.

»Ihr die ihr schmerzenlos und unversehrt,
Dies Land durchzieht - wie? weiß ich nicht zu sagen - «
Begann er nun, »o weilt, und seht und hört

Des Meister Adam jämmerliche Plagen.
Kein Tröpflein labt hier meines Durstes Glühn,
Und dort lebt' ich in Reichthum und Behagen.

Die muntern Bächlein, die vom Hügelgrün
Des Casentin zum Arno niederrollen,
Und frisch mit Thau den Blumenbord besprühn,

Ach, daß sie mir sich ewig zeigen sollen,
Und nicht umsonst - mehr, als die Wassersucht,
Entflammt dies Bild den Durst des Jammervollen.

Denn die Gerechtigkeit, die mich verflucht,
Treibt durch den Ort, wo ich in Schuld verfallen,
Zu größrer Eile meiner Seufzer Flucht.

Dort liegt Romena, wo ich mit Metallen
Geringren Werths verfälscht das gute Geld,
Weshalb ich dort der Flamm' anheimgefallen.

Doch wäre Guido nur mir beigesellt,
Und jeder, der zum Laster mich verführte,
Ich gäbe drum den schönsten Quell der Welt.

Zwar, wenn der Tolle Wahrheit sagt, so spürte
Er jüngst den Einen auf in dieser Nacht.
Doch da dies Uebel meine Glieder schnürte,

Was hilft es mir? Hätt' ich nur so viel Macht,
Um im Jahrhundert einen Zoll zu gehen,
So hätt' ich schon mich auf den Weg gemacht,

Um mich nach ihm im Thal hier umzusehen,
Mag's auch sich eine halbe Stunde ziehn
Der Breite nach, und in der Runde zehen.

Bei dem Gesindel hier bin ich durch ihn,
Denn er hat mich verführt, daß ich den Gulden
An schlechtem Zusatz drei Karat verliehn.«

Und Ich: »Was mochten jene Zwei verschulden,
Die, dampfend, wie im Frost die nasse Hand,
Fest an dir liegend, ihre Straf' erdulden?«

Er sprach: »Sie liegen fest, wie ich sie fand,
Als ich hieher geschneit nach Minos Winken
Und werden ewiglich nicht umgewandt.

Die ist das Weib des Potiphar, zur Linken
Liegt Simon ihr, berühmt durch Troja's Roß.
Im faulen Fieber liegen sie und stinken.«

Und dieser letzte, den's vielleicht verdroß,
Daß Meister Adams Wort ihn so verhöhnte,
Gab auf den harten Wanst ihm einen Stoß,

Daß dieser gleich der besten Trommel tönte.
Doch Meister Adam schlug ihm ins Gesicht
Mit dem nicht minder harten Arm, und stöhnte:

»Zwar regen kann ich Leib und Beine nicht,
Doch thut mein Arm noch, wie du eben spürtest,
Gar schnell in voller Freiheit seine Pflicht.«

»Als du zum Scheiterhaufen gingst, da rührtest,«
Sprach jener, »du so schnell nicht Arm und Hand,
Doch schneller, da du einst den Stempel führtest.«

Und Adam: »Das ist wahr und sey bekannt!
Allein in Troja hat man kein Exempel
Von großer Wahrheitsliebe dich genannt.«

»Fälscht' ich das Wort, so fälschtest du den Stempel!
Nur eine Schuld hat mich hierher gebracht,
Du aber dientest stets in Satans Tempel.«

So Sinon. »Hast du nicht des Rosses Acht,«
Schrie Jener mit dem aufgeschwollnen Bauche.
»Sey zornig nur, die Welt hat dein gedacht.«

Der Grieche: »Zornig sey auf dich die Jauche
Und schwelle stets den Wanst zum Bollwerk dir!
Der Durst, der deine Zung' in Flammen tauche!«

»Zerrissen sey dein schlechtes Maul, voll Gier,«
Sprach drauf der Münzer, »Schändliches zu sagen.
Mir bleibe Durst, mein Wasser bleibe mir,

Wenn Dich nur Brand und arges Kopfweh plagen,
Bät' Einer dich: Sauf' aus den ganzen Bach!
Ich denke wohl, du würdest's nicht versagen.«

Ich horchte stumm, was der und Jener sprach,
Da rief Virgil: »Nun, wirst du endlich kommen?
Zu lange sah ich schon der Neugier nach.«

Als ich des Meisters Wort voll Zorn vernommen,
Wandt ich voll Schaam zu ihm das Angesicht,
Und fühle jetzt noch mich von Schaam entglommen.

Wie man im schreckensvollen Traumgesicht
Zu wünschen pflegt, daß man nur träumen möge
Und das, was ist, ersehnt, als wär' es nicht;

So bangt' ich, daß mir Schaam das Wort entzöge,
Und ich entschuldigte mit Schweigen mich,
Indem ich glaubte, daß ichs nicht vermöge.«

»Durch mindre Schaam entschuldigt Schlimm'res sich,«
Begann mein Meister drauf, »als du begangen,
Drum gräme jetzt deshalb nicht weiter dich.

Doch wenn wir je zu solchem Streit gelangen,
So denke stets, daß ich dir nahe bin,
Und bleibe nicht daran voll Neugier hangen,

Denn drauf zu horchen zeigt gemeinen Sinn.«


Gesang 31

Dieselbe Zunge schlug mir harte Wunden
Und mahlte mir die Wangen roth vor Pein,
Und gab mir Mittel dann, um zu gesunden.

Sie schien mir wie der Speer Achills zu seyn,
Der öfters Wunden gab mit einem Zücken,
Um mit dem andern Heilung zu verleihn.

Wir kehrten nun dem Jammerthal den Rücken
Und suchten auf dem Damm, um diesen Schacht,
Ihn queer durchschreitend, schweigend vorzurücken.

Dort war's nicht völlig Tag, nicht völlig Nacht,
Daher die Augen wenig vorwärts gingen;
Doch klang ein hohes Horn mit solcher Macht,

Um selbst des Donners Krachen zu verschlingen.
Da suchten meine Blicke, dem Gebraus
Entgegen, bis zu seinem Quell zu dringen.

Nicht tönte nach dem unglücksel'gen Straus,
Der Karls des Großen heil'gen Plan vernichtet,
Des Grafen Roland Horn mit solchem Graus.

Wie ich mein Auge nun dorthin gerichtet,
Glaubt' ich, viel hohe Thürme zu ersehn,
Und sprach: »Ist eine Veste dort errichtet?«

Mein Meister drauf: »Weil du zu weit zu spähn
Versuchst in diesen nachterfüllten Räumen,
Mußt du dich selber öfters hintergehn.

Dort näher siehst du, wie zu eitlen Träumen
Von fern der Sinn verführt - drum spute dich,
Und schreite vorwärts ohne lang zu säumen.«

Nun faßt' er bei der Hand mit Liebe mich,
Und sprach: »Ich will dir die Bewandtniß sagen,
Dann scheint dir's nahe minder seltsamlich.

Obs Thürme wären, wolltest du mich fragen?
Nein, Riesen sind's, die rings am Brunnenrand
Vom Nabel aufwärts in die Lüfte ragen.«

Wie wenn die Nebel, welche rings das Land
Mit Dunst umhüllen, nach und nach verschweben,
Man nach und nach erkennt, was er umwand;

So floh, je näher ich mich hinbegeben
Durch dicke finstre Luft zum tiefen Schlund,
Mein Irrthum mehr, doch mehrte sich mein Beben.

Wie um Montereggione's Zinnen-Rund
Rings eine Krone hohe Thürme machen,
So thürmten sich, mit halbem Leib im Grund,

Mit halbem Leib rings aus des Brunnens Rachen
Furchtbare Riesen, welchen Jovis Drohn
Noch immer gilt, wenn seine Donner krachen.

Von Einem sah ich das Gesicht voll Hohn,
Und Schulter, Brust und großen Theil vom Bauche
Und grad' hinabgestreckt die Arme schon.

Wenn die Natur nicht mehr nach altem Brauche
Dergleichen Wesen schafft, so thut sie recht,
Damit nicht Mars sie mehr als Schergen brauche.

Schafft sie den Wallfisch auch und das Geschlecht
Der Elephanten noch, doch sicher findet,
Wer reiflich urtheilt, sie hierin gerecht,

Weil, wenn die Ueberlegung sich verbindet
Mit bösem Willen und mit großer Macht,
Jedwede Schutzwehr dann dem Volke schwindet.

Das Antlitz schien mir lang und ungeschlacht,
Dem Thurmknopf von Sankt Petern zu vergleichen,
Und jedes Glied nach solchem Maaß gemacht.

Es mochten wohl vom Strand, der von den Weichen
Ihn abwärts barg, der oberen Gestalt
Drei Friesen ausgestreckt nicht dahin reichen.

Wo seine Stirn das borst'ge Haar umwallt,
Denn aufwärts maaß er dreißig große Spannen
Bis zu dem Ort, wo man den Mantel schnallt.

Raphegi mai amech itzabi brannen!
So tönt' es aus den dicken Lippen vor,
Die niemals wohl ein süßres Lied begannen.

Mein Führer rief: »Nimm doch dein Horn, du Thor,
Und magst du Zorn und andern Trieb empfinden,
So sprudl' ihn flugs durch seinen Bauch hervor.

Du kannst an deinem Hals den Riemen finden,
Woran es hängt. O du verwirrter Wicht,
Sieh doch ihn dort die dicke Brust umwinden.«

Darauf zu mir: »Er giebt von sich Bericht.
Der Nimmroth ists, durch dessen toll Vergehen,
Man auf der Welt so viele Sprachen spricht.

Mit ihm ist nicht zu sprechen. Mag er stehen!
Kein Mensch versteht von seiner Sprach' ein Wort,
Und Er kann keines Andern Wort verstehen.«

Wir gingen nun zur Linken weiter fort
Und fanden schon in Bogenschusses Weite
Den zweiten größern, wildern Riesen dort.

Nicht weiß ich, wem's gelang, daß er im Streite
Ihn fing und band, doch vorn geschnürt erschien
Sein linker Arm und hinter ihm der zweite.

Denn eine Kett' umwand vom Nacken ihn,
Um, was von seinem Leib nach oben ragte,
Nach unten hin fünf Male zu umziehn.

Da sprach mein Meister: »Mit dem Donn'rer wagte
Sein kühner Stolz des großen Kampfes Loos.
Hier aber sieh den Preis, den er erjagte.

Ephialtes ists. Sein Thun war kühn und groß
Im Riesenkampfe, zu der Götter Schrecken;
Nun ist sein droh'nder Arm bewegungslos.«

Ich sprach darauf: »Den ungeheuren Recken,
Den Briarus, möcht' ich in diesem Schlund,
Dafern er hier zu finden ist, entdecken.«

»Antäus ist,« that mir mein Führer kund,
»Der Nächste hier; er spricht, ist ungebunden,
Und bringt uns in den tiefsten Martergrund.

Der, den du suchst, wird weiterhin gefunden,
Gleich diesem hier, nur schrecklicher zu schaun,
Allein wie Er mit Ketten fest umwunden.«

Hier schüttelt' Ephialtes sich, und, traun!
Kein Erdenstoß, bei dem die Thürme beben,
Erregt den Sterblichen ein solches Graun.

Ich bangte mehr als jemals um mein Leben,
Und hätt' ich nicht die Kett' um ihn gesehn,
Mir hätte schon die Furcht den Tod gegeben.

Wir säumten nun nicht länger, fortzugehn,
Und sah'n Antäus aus dem tiefen Bronnen,
Zehn Ellen bis zum Kopf, hochragend stehn.

»Du, der im Thal, das ew'gen Ruhm gewonnen,
Weil Hannibal in ihm, der kühne Feind,
Mit seiner Schaar vor Scipio's Muth entronnen,

Einst tausend Löwen fing, wenn du, vereint
Mit deinen Brüdern kühn den Arm geschwungen
Im hohen Krieg, so hätten, wie man meint,

Die Erdensöhne doch den Sieg errungen.
Jetzt setz' uns dort hinab, wo, fern dem Licht,
Die starre Kälte den Cocyt bezwungen.

Zu Tiphöus oder Tityus schick' uns nicht.
Das, was man hier ersehnt, kann dieser geben,
Drum wende nicht so mürrisch dein Gesicht.

Er kann auf Erden deinen Ruf erheben.
Er lebt, und hofft, wenn ihn nicht vor der Zeit
Die Gnade zu sich ruft, noch lang zu leben.«

Mein Meister sprachs, da sah, zum Griff bereit,
Ich auf ihn zu die Hand des Riesen fahren,
Die Herkul einst gefühlt im großen Streit.

Virgil, gepackt, rief, um auch mich zu wahren,
Mich schleunig zu sich hin, und faßte mich,
So daß wir beide nur ein Bündel waren -

So zeigt dem Blick die Carisenda sich,
Und scheint gekrümmt von oben vorzuhangen,
Entgegen oft gebeugt dem Wolkenstrich,

Wie jetzt Antäus, der, uns zu erlangen,
Sich niederbückt, und gern wär' ich sofort
Auf einem andern Weg' davon gegangen.

Er aber setzt' uns leicht am tiefen Ort,
Der Lucifern und Judas einschlang, nieder,
Doch weilte, so gebückt, nicht lange dort,

Und hob sich, wie ein Schiffmast, eilig wieder.


Gesang 32

O hätt' ich Reime von so heiserm Schalle,
So rauh, wie sie erheischt dies Loch voll Graus,
Auf welchem ruhn die andern Felsen alle,

Dann drückt' ich, was ich will, vollkommen aus;
Doch, sie nicht habend, geh' ich nur mit Bangen
Jetzt an die Rede, wie zum harten Straus.

Denn nicht ein Spiel ist ja mein Unterfangen,
Der Grund zu singen unsers Weltenalls,
Und nicht mit Kinder-Lallen auszulangen.

Doch helft, ihr Fraun, mir, die ihr halfet, als
Amphion einst geschlossen Thebens Mauern,
Dann sing ich, wie die That ist, grausen Schalls.

O schlechtste Brut des Orts, den ich mit Schauern
Beschreiben will, daß ihr im Leben hier
Nicht Schaaf' und Ziegen war't, ist zu bedauern.

Schon in dem dunkeln Brunnen waren wir,
Tief unter des Giganten mächt'gen Füßen,
Der Mauer nah, und noch schaut' ich nach ihr,

Da hört' ich diese Stimme mich begrüßen:
»Schau, wie du gehst! Zu treten hüthe dich
Die Häupter armer Brüder, die hier büßen.«

Ich wandte mich, und vor mir zeigte sich
Und unter mir ein festgefrorner Weiher,
Der nur dem Glase, nicht dem Wasser, glich.

Nicht hemmt der Winter mit so dickem Schleier
Der Donau Lauf, und in der längsten Nacht,
Bleibt selbst der kalte Don vom Eise freier.

Und wäre der Mont-Blanc mit aller Macht
Darauf gestürzt, nicht hätte nur am Saume
Das Eis geklirrt, geknistert und gekracht.

Wie Abends, wenn die Bäuerin im Traume
Noch Aehren lies't, die Schnauze vorgestreckt,
Der Frösche Volk quäkt aus dem nassen Raume;

So bis dahin, wo sich die Schaam entdeckt,
Fahl, mit dem Ton des Storchs die Zähne schlagend,
War elend Geistervolk im Eis versteckt,

Zur Tiefe hingewandt das Antlitz tragend,
Vom Froste mit dem Mund, und von den Weh'n
Des Herzens mit den Augen Zeugniß sagend.

Als ich ein Weilchen erst mich umgesehn,
Schaut' ich zum Boden hin und sah von oben
Zwei, eng umfaßt, vermischt das Haupthaar, stehn.

»Ihr, die ihr drängend Brust an Brust geschoben,
Wer seyd ihr?« sprach ich - dann, als sie auf mich,
Die Hälse rückend, ihre Blick' erhoben,

Sah ich die Augen, feucht erst innerlich,
Von Thränen träufeln, die, noch kaum ergossen,
Zu Eis erstarrten; und sie schlossen sich,

Fest, wie nie Klammern Holz an Holz geschlossen,
Drum stießen sich im Grimme wilden Streits,
Gleich zweien Böcken, diese Quaalgenossen.

Und Einer, der sein Ohrenpaar bereits
Durch Frost verlor, brach, stets gebückt, das Schweigen:
»Was hängst du so am Schauspiel unsres Leids?

Soll ich, wer diese beiden sind, dir zeigen?
Das Thal, das des Bisenzio Fluth benetzt,
War ihnen einst und ihrem Vater eigen.

Ein Leib gebar sie, und durchsuche jetzt
Caina ganz, du findest sicher Keinen
Mit besserm Grund in dieses Eis versetzt;

Nicht ihn, des Brust und Schatten einst durch einen
Stoß seines Speers durchbohrt des Artus Hand;
Focaccia nicht, noch ihn, des Kopf den meinen

So deckt, daß mir die Aussicht gänzlich schwand,
Den, hörst du Sassol Mascheroni nennen,
Du, ein Toskaner, sicher leicht erkannt.

Jetzt hör', um mir nur schleunig Ruh zu gönnen,
Ich, Camicion, erwarte den Carlin,
Und werde neben ihm mich brüsten können.«

Noch sah ich Viele Hundesfratzen ziehn
Vor großem Frost in diesem dunkeln Kreise,
Und schaudre noch vor dem, was mir erschien.

Und weiter ging zum Mittelpunkt die Reise,
Auf welchem ruht des ganzen Alls Gewicht,
Und selber zittert' ich beim ew'gen Eise.

War's Vorsatz, war's Geschick - ich weiß es nicht,
Genug, es stieß mein Fuß beim Weitergehen
Durch viele Häupter, eins ins Angesicht.

»Was trittst du mich« - so hört' ich's heulend schmähen,
»Rächst du noch schärfer Montapert an mir?
Wenn aber nicht, weswegen ists geschehen? - «

»Mein Meister,« sprach ich, »harr' ein wenig hier,
Denn gern belehrt' ich mich von diesem näher,
Dann folg' ich, wie dir's gut dünkt, eilig dir.«

Still stand, wie ich gewünscht, der hohe Seher,
Und Jener fluchte noch so wild wie erst,
Da sprach ich: »Wer bist du, du arger Schmäher?«

»Und du, der du durch Antenora fährst,«
Sprach er, »wer du, der so stößt Andrer Wangen,
Daß es zu arg wär, wenn du lebend wärst?« -

»Ich lebe,« sagt' ich. »Hättest du Verlangen
Nach Ruf, so wird er dir durch mich zu Theil,
Drum wirst du wohl mit Freuden mich empfangen.«

Drauf Er: »Ich wünsche nur das Gegentheil,
Drum packe dich. Von einem solchen Tropfe
Empfängt man hier nicht eben großes Heil.«

Ich aber faßt' ihn mit Gewalt beim Schopfe,
Und rief ihm drohend zu: »Gleich nennst du dich,
Sonst bleibt kein einzig Haar auf deinem Kopfe.«

Er aber rief mir zu: »Zerzause mich,
Zerstampfe mich, doch sollst du nichts erkunden,
Und nimmer stille deine Neugier sich.«

Ich hielt sein Haar um meine Hand gewunden,
Und ob schon ausgerauft manch Büschel war,
Schaut' er hinab, und bellte gleich den Hunden.

Da rief ein Andrer: »Bocca, nun fürwahr,
Du ließest schon genug die Kiefern klingen,
Jetzt bellst du noch? Plagt dich der Teufel gar?«

»Dich,« rief ich, »mag ich nicht zum Reden zwingen,
Verräther du, allein zu deiner Sehmach
Will ich zur Erde wahre Nachricht bringen.«

»Erzähle, was du willst, doch hintennach,«
Rief Bocca, »magst du diesen nur nicht schonen,
Der eben jetzo so geläufig sprach.

Sieh ihn für's Gold der Franken hier belohnen,
Und sage, daß Duera da nicht fehlt,
Wo ziemlich kühl und frisch die Sünder wohnen.

Und fragt man noch, wen sonst dies Eis verhehlt,
So kannst du auch von Beccheria sagen,
Den jüngst die Florentiner abgekehlt.

Hier kannst du den Soldanier auch erfragen,
Gan, Tribaldello, der Faenza's Thor
Geöffnet, da im Schlaf die Bürger lagen.«

Wir gingen fort, und, etwas weiter vor,
War, Haupt auf Haupt gedrückt, ein Paar zu finden,
Das fest in einem Loch zusammenfror.

Und wie man nagt an hartem Brot und Rinden,
So nagt' am Untern der, der oben war,
Da, wo sich Nacken und Gehirn verbinden.

Wie Tydens einst, geweiht dem Tode zwar,
Doch seine Zähn' in Menalipp geschlagen,
So macht es der mit Schädel, Fleisch und Haar.

»O du, der du mit viehischem Behagen
Den Haß an diesem stillst, den du verzehrst,
Weshalb,« begann ich, »magst du dich beklagen?

Und wenn du mich von deinem Recht belehrst,
Und wer er sey, und was dein Nagen räche,
So mach' ich, daß du dort zu Ehren kehrst,

Wenn diese nicht verdorrt, mit der ich spreche.«


Gesang 33

Den Mund erhob vom schaudervollen Schmaus
Der Sünder jetzt, und wischt' ihn mit den Locken
Des angefreß'nen Hinterkopfes aus.

Er sprach: »Du willst zum Reden mich verlocken?
Verzweiflungsvollen Schmerz soll ich erneun,
Bei deß Erinn'rung schon die Pulse stocken?

Doch darf ich hoffen, Saaten auszustreun,
Die Schmach als Frucht für den Verräther bringen,
Nicht Worte werd' ich dann noch Thränen scheun.

Zwar, wer du bist, wie dir hierher zu dringen
Gelungen, weiß ich nicht, doch schien vorhin
Wie Florentiner-Laut dein Wort zu klingen,

Drum höre jetzt: ich war Graf Ugolin,
Erzbischof Roger Er, den ich zerbissen.
Nun horch, warum ich solch ein Nachbar bin.

Zwar, daß er mich, der ich auf sein Gewissen
Vertraute, fing durch seinen argen Rath,
Und dann mich tödtete, das wirst du wissen.

Doch wie der Tod mir quaalenvoll genaht,
Das weißt du nicht - so hör' es, um zu schauern
Und sprich, ob Haß mir ziemt für solche That.

Ein enges Loch in des Verließes Mauern,
Durch mich beniemt vom Hunger, wo gewiß
Fortan noch manche fest verschlossen trauern,

Es zeigte kaum nach nächt'ger Fiusterniß
Das erste Zwielicht, als ein Traum voll Grauen
Der dunkeln Zukunft Schleier mir zerriß.

Er jagt', als Herr und Meister, durch die Auen
Den Wolf und seine Brut zum Berge hin,
Der Pisa hindert, Lucca zu erschauen.

Mit Hunden, mager, schnell, von gier'gem Sinn,
Und mit Lanfrank, Gualand und mit Sismunden
Zog dieser vor der wilden Jagd dahin.

Bald schien im Lauf des Wolfes Kraft geschwunden,
Und seiner Jungen Kraft, und bis zum Tod
Sah ich von scharfen Zähnen sie verwunden.

Als ich erwacht' im ersten Morgenroth,
Da jammerten, im Schlafe noch, die Meinen
Die bei mir waren, und verlangten Brot.

Theilst du nicht meinen Schmerz, so theilst du keinen,
Und denkst du, was mein Herz mir kund gethan,
Und weinest nicht, wann pflegst du denn zu weinen?

Schon wachten sie, die Stunde naht' heran,
Wo man uns sonst die Speise bracht', und Jeden
Weht' ob des Traumes Unglücksahndung an.

Verriegeln hört' ich unter mir den öden,
Gramvollen Thurm - und ins Gesicht sah ich
Den Kindern allen, ohn' ein Wort zu reden.

Ich weinte nicht, so starrt' ich innerlich,
Sie weinten, und Anselm, mein Kleiner, fragte:
Du blickst so, Vater! ach, was hast du? sprich!

Doch weint' ich nicht, und diesen Tag lang sagte
Ich nichts, und nichts die Nacht, bis abermal
Des Morgens Licht der Welt im Osten tagte.

Als in mein jammervoll Verließ sein Strahl
Ein wenig fiel, da schien es mir, ich fände
Auf vier Gesichtern mein's und meine Quaal;

Da biß ich mich vor Schmerz in beide Hände,
Und Jene, wähnend, daß ich es aus Gier
Nach Speise thät, erhoben sich behende

Und schrie'n: Iß uns, dann leiden minder wir!
Wie wir von dir die arme Hüll' erhalten,
O so entkleid' uns, Vater, auch von ihr.

Da sucht' ich ihrethalb mich still zu halten;
Stumm blieben wir den Tag, den andern noch.
Und du, o Erde, konntest dich nicht spalten?

Als wir den vierten Tag erreicht, da kroch
Mein Gaddo zu mir hin mit leisem Flehen:
Was hilfst du nicht? Mein Vater, hilf mir doch!

Dort starb er - und so hab' ich sie gesehen,
Wie du mich siehst, am fünften, sechsten Tag,
Jetzt den, jetzt den hinsinken und vergehen.

Schon blind, tappt' ich dahin, wo jeder lag,
Rief sie drei Tage, seit ihr Blick gebrochen,
Bis Hunger that, was Kummer nicht vermag.«

Und scheelen Blickes fiel er, dies gesprochen,
Den Schädel an, den er zerriß, zerbrach,
Mit Zähnen, wie des Hundes, stark für Knochen.

O Pisa, du, des schönen Landes Schmach,
In dem das Si erklingt mit süßem Tone,
Sieht träg dein Nachbar deinen Freveln nach,

So schwimme her Capraja und Gorgone,
Des Arno Mund zu stopfen, daß die Fluth
Dich ganz ersäuf' und keiner Seele schone.

Denn, wenn auch Ugolino's Frevelmuth,
Wie man gesagt, die Schlösser dir verrathen,
Was schlachtete die Kinder deine Wuth?

O neues Theben, war an solchen Thaten
Unschuldig nicht das zarte Knabenpaar,
Das ich genannt? nicht Hugo sammt Brigaten? -

Wir gingen nun zu einer andern Schaar,
Die, statt, wie jene, sich hinabzukehren,
Das Antlitz aufwärts, eingefroren war.

Die Zähren selber hemmen hier die Zähren,
Drum wälzt der Schmerz, der nicht nach außen kann,
Sich ganz nach innen, um die Angst zu mehren.

Denn, was zuerst dem trüben Aug' entrann,
War zum krystall'nen Klumpen festgefroren,
Und füllte ganz die Augenhöhlen an.

Und ob mir gleich an Wangen, Nas' und Ohren
Die Haut vor Frost bedeckt mit Schwielen schien,
Und deshalb jegliches Gefühl verloren,

Doch schien ein schwacher Wind auf mich zu ziehn,
Drum sprach ich: »Herr, wie mag hier Luft sich regen,
Wo nie die Sonne, dunstentwickelnd, schien?«

Und Er: »Du gehst der Antwort schnell entgegen,
Und siehst, wenn wir noch weiter fortgereis't,
Aus welchem Grund die Lüfte sich bewegen.«

Da rief ein eisumstarrter armer Geist:
»Grausame Seelen, ihr, die jetzt vom Lichte
Zu dieser letzten Stelle Minos weis't,

Hebt mir den harten Schleier vom Gesichte,
Damit ich lüfte meines Herzens Weh'n,
Eh' neu die Thräne sich zu Eis verdichte.«

Ich sprach: »Soll dir's nach deinem Wunsch gescheh'n,
So nenne dich, und wenn ich's nicht erzeige,
So will ich selbst zum Grund des Eises gehn.«

»Ich bin bekannt durch Frucht von bösem Zweige,«
Erwiedert' er: »bin Bruder Alberich,
Und speise hier die Dattel für die Feige.«

»O,« rief ich; »noch im Leben glaubt' ich dich!«
Und Er: »Nicht weiß ich es, ob noch am Leben
Mein Körper ist? ob er bereits erblich?

Denn Ptolommäa hat den Vorzug eben,
Daß oft hierher die Seele stürzt, eh' ihr
Dazu noch Anstoß Atropos gegeben.

Damit du lieber thust, was ich von dir
Gebeten habe, sollst du mehr noch wissen.
Sobald der Geist Verrath übt, wie von mir

Geschehen ist, wird ihm der Leib entrissen,
In dem ein Teufel lebenslang regiert,
Indeß die Seel' in diesen Finsternissen,

Im tiefen kalten Brunnen sich verliert.
Vielleicht ist oben noch der Körper dessen,
Der hinter mir in diesem Eise friert.

Kommst du von dort, so magst du's selbst ermessen,
Herr Branca d'Oria ist's, der jämmerlich
Schon manches Jahr im Eise fest gesessen.«

»Ich glaube,« sprach ich, »du betrügest mich,
Denn Branca d'Oria ist noch nicht begraben,
Und ißt und trinkt und schläft und kleidet sich.«

Und Er darauf: »Es konnte jenen Graben,
An dem beim Pech die Schaar von Teufeln wacht,
Noch nicht erreicht Herr Michel Zanche haben,

Da war sein Leib schon in des Dämons Macht.
So ging's auch dem von d'Oria's Geschlechte,
Der den Verrath zugleich mit ihm vollbracht.

Jetzt aber strecke zu mir her die Rechte
Und nimm das Eis hinweg« - doch that ich's nicht,
Denn gegen ihn war Schlechtseyn nur das Rechte.

O Genua, Feindin jeder Sitt' und Pflicht,
Ihr Genueser, jeder Schuld Genossen,
Was tilgt euch nicht des Himmels Strafgericht?

Ich fand mit der Romagna schlimmsten Sprossen
Der Euren Einen, für sein Thun belohnt,
Die Seel' in des Cocytus Eis verschlossen,

Deß Leib bei euch noch scheinbar lebend wohnt.


Gesang 34

»Uns naht des Höllenköniges Panier!
Schau hin, ob du vermagst ihn zu erspähen.«
So sprach mein edler Meister jetzt zu mir.

Und wie, wenn dichte Nebel uns umwehen,
Wie in der Dämmerung, vom fernen Ort
Windmühlenflügel aussehn, die sich drehen;

So sah ich jetzo ein Gebäude dort -
Nichts fand ich sonst, mich vor dem Wind zu decken,
Drum drängt' ich fest mich hinter meinen Hort.

Dort war ich, wo - ich sing' es noch mit Schrecken -
Die Geister, in durchsicht'ges Eis gebannt,
Ganz drin, wie Splitterchen im Glase, stecken.

Der lag darin gestreckt, und mancher stand,
Der aufrecht, jener auf dem Kopf; der bückte
Sich sprenkelkrumm, das Haupt zum Fuß gewandt.

Indem ich hinterm Meister vorwärts rückte,
Sprach er zuletzt: »Das Wesen zeig' ich dir,
Das einst die Schönheit eines Engels schmückte.«

Mit diesen Worten trat er weg von mir,
Und fuhr dann fort: »Bleib', um den Dis zu schauen,
Doch stark zu seyn und muthig gilt es hier.«

Wie ich da starr und heiser ward vor Grauen,
Darüber schweigt, o Leser, mein Bericht,
Denn keiner Sprache läßt sich dies vertrauen.

Nicht starb ich hier, auch lebend blieb ich nicht.
Nun denke, was dem Zustand dessen gleiche,
Dem Tod und Leben allzugleich gebricht.

Der Kaiser von dem thränenvollen Reiche
Entragte mit der halben Brust dem Glas,
Und wie ich eines Riesen Maaß erreiche,

Erreicht' ein Riese seines Armes Maaß.
Nun siehst du selbst das ungeheure Wesen,
Dem solch ein Glied verhältnißmäßig saß.

Ist er, wie häßlich jetzt, einst schön gewesen,
Und hat den güt'gen Schöpfer doch bedroht,
So muß er wohl der Quell seyn alles Bösen.

O Wunder, das sein Kopf dem Auge bot!
Mit drei Gesichtern sah ich ihn erscheinen,
Von diesen aber war das Vordre roth.

Die beiden andern fügten sich dem einen
So an, daß jedes ob der Schulter stand,
Um oben sich beim Kamine zu vereinen.

Weißgelblich war das Antlitz rechter Hand,
Das linke jenen gleich, die in den Landen
Jenseit des Nilfalls Sonnengluth verbrannt.

Groß, angemessen solchem Vogel, standen
Zwei Flügel unter jedem weit heraus,
Die wir den Segeln gleich, nur größer, fanden,

Und federlos, wie die der Fledermaus.
Sie flatterten ohn' Unterlaß und gossen
Drei Winde nach verschiedner Richtung aus,

Die, kältend, den Cocyt mit Eis verschlossen.
Sechs Augen waren nie von Thränen frei,
Die auf drei Kinn' in blut'gen Geifer flossen.

Und einen armen Sünder malmt' entzwei
Und kaute jeder Mund, daher zerbissen,
Flachsbrechen gleich, die scharfen Zähne drei.

Der vordre Mund schien sanft in seinen Bissen,
Verglichen mit den scharfen Klaun, zu seyn,
Die oft die Haut vom Fleisch des Sünders rissen.

Da sprach Virgil; »Sieh hier die größte Pein!
Ischarioths Kopf steckt zwischen scharfen Fängen.
Und außen zappelt er mit Arm und Bein.

Zwei Andre sieh, den Kopf nach unten hängen;
Hier Brutus an der schwarzen Schnauze Schlund
Sich ohne Laute winden, drehn und drängen;

Dort Cassius, kräftig, wohlbeleibt und rund -
Doch naht die Nacht, drum sey jetzt fortgegangen,
Denn ganz erforscht ist nun der Hölle Grund.«

Er winkte mir, den Hals ihm zu umfangen.
Als ichs gethan, ersah er Zeit und Ort,
Da eben aufwärts sich die Flügel schwangen,

Hing an die zott'ge Seite sich sofort,
Griff Zott' auf Zott', um sich hinabzusenken,
Und wand sich zwischen Haar und Eise fort.

Dort angelangt, wo in den Hüftgelenken
Des Riesen sich der Lenden Kugeln drehn,
Eilt' er, mit Müh' und Angst, sich umzuschwenken.

Wo erst der Fuß war, kam das Haupt zu stehn;
Die Zotten fassend, klomm er aufwärts weiter,
Als sollten wir zurück zur Hölle gehn.

»Hier halte fest dich; denn auf solcher Leiter
Entkommt man nur dem Reich der ew'gen Pein.«
So sprach jetzt matt und keichend mein Begleiter.

Drauf kroch er durch ein Loch in dem Gestein,
Und setzte mich auf einen Rand daneben
Und kam dann selbst behutsam hinterdrein.

Ich blickt' empor und glaubte, wie ich eben
Den Dis gesehn, so stell' er noch sich dar,
Doch seine Füße sah ich sich erheben.

Wie ich erschrak, bedenk', o dumme Schaar
Unwissender, unfähig, zu verstehen
Durch welchen Punkt ich jetzt gedrungen war.

Da sprach Virgil: »Steh' auf, wir müssen gehen!
Weit ist der Weg, den du noch vor dir hast,
Auch wird im Osten fast die Sonne stehen.

Nicht wars ein Gang durch einen Pracht-Pallast,
Der vor mir lag; er lief auf rauhem Grunde
Durch eine Felsschlucht, völlig dunkel fast.

»Bevor ich scheid' aus diesem Quaalen-Schlunde,
Mein Meister,« sprach ich, als ich aufrecht stand,
»Reiß' aus dem Irrthum mich, und gieb wir Kunde:

Wo ist das Eis? Wie kommts, daß umgewandt
Dis köpflings steht? Und wie hat solche Weiten
Von West zu Ost so eilig Sol durchrannt? -«

»Du glaubst dich auf des Centrums andrer Seiten,
Wo ich den Wurm, den Gott hier eingesenkt,
Beim Haar ergriffen, um hinabzugleiten.

Dort warst du, da ich abwärts dich gelenkt,
Allein den Punkt, der anzieht alle Schwere,
Durchdrangest du, da ich mich umgeschwenkt.

Jetzt kamst du zu der andern Hemisphäre,
Entgegenstehend der, die großes Land
Bedeckt, und unter deren Zelt der Hehre

So fehllos lebt' und starb, wie er entstand.
Du stehest jetzo auf dem kleinen Kreise,
Der hier Judecca's andre Seit' umspannt.

Und hier beginnt der Sonne Tages-Reise,
Wenn sie dort endet, und im Brunnen steckt
Noch immer Luzifer nach alter Weise.

Vom Himmel ward er hier herabgestreckt.
Das Land, das erst hier ragte, hat sich droben
Aus Furcht vor ihm im Meeresgrund versteckt,

Und sich auf jenem Halbkreis dort erhoben.
Um ihn zu fliehn, drang auch die Erde vor
Aus dieser Höhl' und drängte sich nach oben.«

So sprach Virgil - und sieh, vom Dis empor
Ging eine Schlucht, tief, wie die ganze Hölle,
Zwar nicht erkannt vom Auge, doch vom Ohr;

Denn rauschend lief ein Bach, deß muntre Welle
Sich Bahn durch Felsen brach, mit sanftem Hang
Und vielgewunden, bis zu jener Stelle.

Nun trat mein Führer auf verborgnem Gang
Den Rückweg an entlang des Baches Windung;
Und wie ich, rastlos folgend, aufwärts drang,

Da blickte durch der Felsschlucht ob're Ründung
Des Himmels Herrlichkeit zu uns herein;
Und eilig stieg ich vor aus ihrer Mündung

Und grüßte neu der Sterne goldnen Schein.


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