Zweisprachig
03 Fegefeuer - Karl Eitner - Die Göttliche Komödie
Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio



Avvegna che la subitana fuga
dispergesse color per la campagna,
rivolti al monte ove ragion ne fruga,
3

Obschon die eil'ge Flucht sie, die zum Berge
Sich wendeten, wohin Vernunft uns treibt,
Durch das Gefild umher zerstreuet hatte,3

i' mi ristrinsi a la fida compagna:
e come sare' io sanza lui corso?
chi m'avria tratto su per la montagna?
6

So hielt doch ich mich an den treuen Führer;
Wie wär' ich denn ohn' ihn auch hingekommen?
Wer hätte mich den Berg hinaufgeleitet?6

El mi parea da sé stesso rimorso:
o dignitosa coscïenza e netta,
come t'è picciol fallo amaro morso!
9

Doch schien er bei sich selber sich zu tadeln.
O würdiges, empfindliches Gewissen,
Wie ist dir kleiner Fehl so bittrer Stachel!9

Quando li piedi suoi lasciar la fretta,
che l'onestade ad ogn'atto dismaga,
la mente mia, che prima era ristretta,
12

Als seine Füße nun die Eile hemmten,
Die jeder Handlung ihre Würde raubet:
Da ließ mein anfangs engbeklommner Sinn,12

lo 'ntento rallargò, sì come vaga,
e diedi 'l viso mio incontr'al poggio
che 'nverso 'l ciel più alto si dislaga.
15

Gleichsam entzückt, der Sehnsucht freien Lauf:
Ich richtete mein Antlitz nach dem Berge,
Der zu dem Himmel sich sehr hoch erhebet.15

Lo sol, che dietro fiammeggiava roggio,
rotto m'era dinanzi a la figura,
ch'avëa in me de' suoi raggi l'appoggio.
18

Die Sonne, die mir roth im Rücken flammte,
Erschien gebrochen vorn durch meinen Körper,
Woran die Strahlen Widerstand erfuhren.18

Io mi volsi dallato con paura
d'essere abbandonato, quand'io vidi
solo dinanzi a me la terra oscura;
21

Ich wandte mich zur Seiten, in der Furcht,
Daß ich verlassen worden, als die Erde
Vor mir allein ich nur verdunkelt sah.21

e 'l mio conforto: "Perché pur diffidi?",
a dir mi cominciò tutto rivolto;
"non credi tu me teco e ch'io ti guidi?
24

Und er mein Trost: »Warum mißtraust du denn?«
Begann zu nur herumgewandt zu sprechen,
»Glaubst du, ich sei nicht bei dir, ich dein Führer?24

Vespero è già colà dov'è sepolto
lo corpo dentro al quale io facea ombra;
Napoli l' ha, e da Brandizio è tolto.
27

Schon Abend ist es dorten, wo begraben
Mein Körper liegt, mit dem ich Schatten warf;
Neapel hat ihn, und Brundusium mißt ihn.27

Ora, se innanzi a me nulla s'aombra,
non ti maravigliar più che d'i cieli
che l'uno a l'altro raggio non ingombra.
30

Nun, wenn er jetzt vor mir nicht Schatten wirft,
Sei dir's mehr Wunder nicht, als jene Himmel,
Wo einer nicht des andern Licht verhindert.30

A sofferir tormenti, caldi e geli
simili corpi la Virtù dispone
che, come fa, non vuol ch'a noi si sveli.
33

Qual zu erdulden, heiße so wie kalte,
Macht derlei Körper fähig jene Kraft,
Die, was sie schafft, vor unserm Blick verhüllet.33

Matto è chi spera che nostra ragione
possa trascorrer la infinita via
che tiene una sustanza in tre persone.
36

Ein Thor ist, wer da hofft, daß unser Denken
Den endlos weiten Weg durchlaufen könne
Der einen Wesenheit in drei Personen.36

State contenti, umana gente, al quia;
ché, se potuto aveste veder tutto,
mestier non era parturir Maria;
39

Befriedigt euch, ihr Menschen mit dem Weil;
Denn wenn ihr alles hättet einsehn können,
So war nicht nöthig, daß gebar Maria.39

e disïar vedeste sanza frutto
tai che sarebbe lor disio quetato,
ch'etternalmente è dato lor per lutto:
42

Vergebens schmachten saht ihr ja so Große,
Daß wohl gestillt wär' worden ihr Verlangen,
Das ihnen nur zur ew'gen Klage dient.42

io dico d'Aristotile e di Plato
e di molt'altri"; e qui chinò la fronte,
e più non disse, e rimase turbato.
45

Wohl mein' ich Aristoteles und Plato
Und andre viel« - - Hier neigt' er seine Stirne,
Und sprach nichts weiter und verharrt in Trauer. -45

Noi divenimmo intanto a piè del monte;
quivi trovammo la roccia sì erta,
che 'ndarno vi sarien le gambe pronte.
48

Indeß gelangten wir zum Fuß des Berges.
Hier fanden wir den Felsen also steil,
Daß hurt'ge Füße da vergeblich waren.48

Tra Lerice e Turbìa la più diserta,
la più rotta ruina è una scala,
verso di quella, agevole e aperta.
51

Die zwischen Lerici und Turbia wildste,
Einsamste Straße ist noch eine Treppe,
Die, gegen jene, leicht ersteigbar scheint.51

Or chi sa da qual man la costa cala,
disse 'l maestro mio fermando 'l passo,
"sì che possa salir chi va sanz'ala?".
54

»Wer weiß nun, wo der Abhang so sich neigt«,
Begann der Meister, seinen Schritt anhaltend,
»Daß, wer nicht Flügel hat, aufklimmen könne?«54

E mentre ch'e' tenendo 'l viso basso
essaminava del cammin la mente,
e io mirava suso intorno al sasso,
57

Und weil er noch, den Blick zur Erde senkend,
Des Wegs Beschaffenheit bei sich erwog,
Und ich zur Höh umher am Felsen schaute:57

da man sinistra m'apparì una gente
d'anime, che movieno i piè ver' noi,
e non pareva, sì venïan lente.
60

Erschien zur linken Hand mir eine Schaar
Von Seelen, die sich auf uns zu bewegten;
Doch schien's nicht so, weil sie zu langsam gingen.60

Leva, diss'io, "maestro, li occhi tuoi:
ecco di qua chi ne darà consiglio,
se tu da te medesmo aver nol puoi".
63

Erheb, o Meister«, sagt' ich, »deine Augen,
Da kommt von dort, der uns wird Rath ertheilen,
Wenn du von selber ihn nicht finden kannst.« -63

Guardò allora, e con libero piglio
rispuose: "Andiamo in là, ch'ei vegnon piano;
e tu ferma la spene, dolce figlio".
66

Er sah darauf mich an und freien Blickes
Sprach er: »Gehn wir dahin, sie schreiten langsam;
Steh fest in deiner Hoffnung, lieber Sohn.« -66

Ancora era quel popol di lontano,
i' dico dopo i nostri mille passi,
quanto un buon gittator trarria con mano,
69

Als wir wohl tausend Schritt gethan, befand sich
Die Schaar von uns noch so entfernt, so weit
Wohl mit der Hand ein guter Schleudrer würfe.69

quando si strinser tutti ai duri massi
de l'alta ripa, e stetter fermi e stretti
com'a guardar, chi va dubbiando, stassi.
72

Als alle sich zum harten Felsen drängten
Des hohen Abhangs, fest und unbeweglich,
Wie jemand schaut, der einen Zweifel hegte:72

O ben finiti, o già spiriti eletti,
Virgilio incominciò, "per quella pace
ch'i' credo che per voi tutti s'aspetti,
75

»O wohl geschiedne, auserwählte Geister«,
So sprach Virgil sie an, »bei jenem Frieden,
Den, wie ich glaub', ihr allesammt erwartet:75

ditene dove la montagna giace,
sì che possibil sia l'andare in suso;
ché perder tempo a chi più sa più spiace".
78

Sagt uns doch, wo der Berghang so sich neiget,
Daß zu der Höh der Aufgang möglich wird;
Denn wer mehr weiß, haßt mehr den Zeitverlust.« -78

Come le pecorelle escon del chiuso
a una, a due, a tre, e l'altre stanno
timidette atterrando l'occhio e 'l muso;
81

Wie aus dem Stall die Schafe gehen, einzeln,
Zu zwei'n, zu dreien, und die andern furchtsam
Dastehn, zu Boden Aug' und Schnauze senkend,81

e ciò che fa la prima, e l'altre fanno,
addossandosi a lei, s'ella s'arresta,
semplici e quete, e lo 'mperché non sanno;
84

Und was das erste thut, thun auch die andern,
Sich an die Seit' ihm drängend, wenn es stehn bleibt,
Einfältig sanft, und das Warum nicht wissend:84

sì vid'io muovere a venir la testa
di quella mandra fortunata allotta,
pudica in faccia e ne l'andare onesta.
87

So sah den Leiter der glücksel'gen Heerde
Ich nun zum Vorwärtskommen sich bewegen,
Verschämt im Antlitz und ehrbaren Ganges.87

Come color dinanzi vider rotta
la luce in terra dal mio destro canto,
sì che l'ombra era da me a la grotta,
90

Sobald die Vordern unterbrochen sahen
Das Licht zu meiner Rechten auf der Erde,
So daß dem Felsen zu der Schatten lag:90

restaro, e trasser sé in dietro alquanto,
e tutti li altri che venieno appresso,
non sappiendo 'l perché, fenno altrettanto.
93

Verweilten sie, etwas zurück sich ziehend;
Und all die Andern, die dahinter kamen,
Den Grund nicht kennend, thaten ebenso.93

"Sanza vostra domanda io vi confesso
che questo è corpo uman che voi vedete;
per che 'l lume del sole in terra è fesso.
96

»Auch ohne daß ihr fragt, will ich euch sagen,
Daß dieser, den ihr seht, lebend'ger Leib ist:
Drum ist der Sonne Schein zertheilt am Boden.96

Non vi maravigliate, ma credete
che non sanza virtù che da ciel vegna
cerchi di soverchiar questa parete."
99

Seid nicht darob verwundert, sondern glaubet,
Daß ohne Kraft nicht, die der Himmel sendet,
Er diese Wand zu übersteigen wage.« -99

Così 'l maestro; e quella gente degna
"Tornate", disse, "intrate innanzi dunque",
coi dossi de le man faccendo insegna.
102

Also der Meister, und die würd'ge Schaar
Sprach: »Kehret um und schreitet vor uns her!«
Und macht' ein Zeichen mit der Hände Rücken.102

E un di loro incominciò: "Chiunque
tu se', così andando, volgi 'l viso:
pon mente se di là mi vedesti unque".
105

Von ihnen einer sprach: »Wer du auch seiest,
Kehr, also wandelnd, dein Gesicht mir zu
Und sinne nach, ob jenseits du mich sahest.« -105

Io mi volsi ver' lui e guardail fiso:
biondo era e bello e di gentile aspetto,
ma l'un de' cigli un colpo avea diviso.
108

So that ich denn und blickte starr ihn an.
Schön war und blond er und von edlem Anblick,
Doch eine Braue hatt' ein Hieb gespalten.108

Quand'io mi fui umilmente disdetto
d'averlo visto mai, el disse: "Or vedi";
e mostrommi una piaga a sommo 'l petto.
111

Als drauf ich ehrerbietig es verneint,
Ihn je gesehn zu haben, sagt' er: »Siehe!«
Und zeigt ein Wundenmal zu höchst der Brust.111

Poi sorridendo disse: "Io son Manfredi,
nepote di Costanza imperadrice;
ond'io ti priego che, quando tu riedi,
114

Dann sprach er lächelnd weiter: »Manfred bin ich,
Der Enkelsohn der Kaiserin Constanze:
Drum bitt' ich dich, geh, wenn zurück du kehrest,114

vadi a mia bella figlia, genitrice
de l'onor di Cicilia e d'Aragona,
e dichi 'l vero a lei, s'altro si dice.
117

Zu meiner schönen Tochter, die der Welt
Siciliens und Castiliens Stolz geboren:
Sag ihr das Wahre, wenn man andres saget.117

Poscia ch'io ebbi rotta la persona
di due punte mortali, io mi rendei,
piangendo, a quei che volontier perdona.
120

Nachdem der Leib mir durch zwei Todeswunden
Gebrochen worden, gab ich mich mit Thränen
Zurück an Jenen, welcher gern verzeiht.120

Orribil furon li peccati miei;
ma la bontà infinita ha sì gran braccia,
che prende ciò che si rivolge a lei.
123

Furchtbar hatt' ich gesündigt; doch die Gnade
Hat, die unendliche, so weite Arme,
Daß gern sie aufnimmt, was zu ihr sich wendet.123

Se 'l pastor di Cosenza, che a la caccia
di me fu messo per Clemente allora,
avesse in Dio ben letta questa faccia,
126

Wenn damals nur der Seelenhirt Cosenza's,
Den Clemens mich zu jagen ausgesendet,
Dies Blatt, in Gott bedacht, gelesen hätte:126

l'ossa del corpo mio sarieno ancora
in co del ponte presso a Benevento,
sotto la guardia de la grave mora.
129

So lägen die Gebeine meines Leibes
Bei Benevento's Brückenausgang noch
Im Schutz des Steinmals, unter dessen Bürde.129

Or le bagna la pioggia e move il vento
di fuor dal regno, quasi lungo 'l Verde,
dov'e' le trasmutò a lume spento.
132

Jetzt wäscht der Regen sie, fegt sie der Wind
Fast aus dem Reich hinaus, entlängs des Verde,
Wohin man mit gelöschtem Licht sie brachte.132

Per lor maladizion sì non si perde,
che non possa tornar, l'etterno amore,
mentre che la speranza ha fior del verde.
135

Doch schadet nicht ihr Fluch so sehr, daß nicht
Die ew'ge Liebe wiederkehren könne,
So lang die Hoffnung Keime zeigt des Grünens.135

Vero è che quale in contumacia more
di Santa Chiesa, ancor ch'al fin si penta,
star li convien da questa ripa in fore,
138

Wahr ist, daß, wer im Bann der heil'gen Kirche
Hinscheidet, wenn am End' er auch bereuet,
An diesem Abhang dreißigmal so lange138

per ognun tempo ch'elli è stato, trenta,
in sua presunzïon, se tal decreto
più corto per buon prieghi non diventa.
141

Für alle Zeit, die er im Trotz verharrte,
Verweilen muß, wenn solcherlei Beschluß nicht
Durch manch ein fromm Gebet Abkürzung findet.141

Vedi oggimai se tu mi puoi far lieto,
revelando a la mia buona Costanza
come m' hai visto, e anco esto divieto;
144

So sieh denn zu, ob du mich kannst erfreuen,
Berichtend meiner trefflichen Constanze,
Wie du mich sahst, und dies Verbot dazu;144

ché qui per quei di là molto s'avanza".147

Denn für uns hier kann jenseits viel geschehen.«147

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