Dante Alighieri - La Divina Commedia
August Kopisch - Die Göttliche Komödie
Paradies - Gesang 01

Der Dichter ruft den Apollo an, ihm jetzt höchste, wahrste Kraft zu verleihen, nun er beginne, die Schau des Himmels zu besingen, der am meisten des göttlichen Lichtes empfängt. Ein Gipfel poetischer Erhebung (der irdische) genügt ihm nicht zu diesem Gesange, er muß dazu den zweiten betreten, der in das himmlische Paradies hineinragt. - Schon war ihm das Himmelslicht der Erkenntnissonne in der günstigsten Constellation aufgegangen, die sieben Tugenden leuchteten ihm vor mit den sieben heiligen Geistesgaben, als er aus der Eunoe trank; nun ist aber die Sonne in den Meridian getreten und die ganze Hälfte der Erdkugel erleuchtet worauf Dante steht, hebt Beatrice, zur Linken gewandt, den Blick empor, fester in die Sonne schauend, als je ein Adler. Da ist ihm, als ob Tag zu Tage käme, als ob der Schöpfer der Welt eine zweite Sonne geschaffen. In dieser Vorahnung der Engelsonne (s. Parad. X V. 53) sinkt sein Auge zu Beatricen herab, die nach den ewigen Kreisen emporblickt. Jetzt wird er der menschlichen Natur durch den heiligen Liebes-Geist entrückt, während ihn die Harmonien des sonnentflammten Himmels sehnsuchtregend anklingen. Diesen Zustand vermag er nicht zu singen. Beatrice kommt den Fragen des Staunenden zuvor, ihm sagend: er stehe nicht mehr auf der Erde, und als er nun fragt: wie es geschehen könne, daß er den ihn ringsumflammenden Aether überfliege? antwortet sie ihm: der reine Trieb zu Gott trage ihn nun empor; wenn er jetzt, nachdem er vom falschen Trieb geläutert sei, nicht aufschwebte, würde dies so unnatürlich sein, als wenn ein Strom nicht abwärts flöße, oder lebendig Feuer träg am Boden läge und nicht emporflammte. Wie einfach und wahr ist hier der Gedanke ausgedrückt, daß die reine Seele sich natürlicher Weise zu Gott erheben und ihm nahen muß, weil ihre Gott-entflammte Sehnsucht, ihr reiner Trieb, die Glut des heiligen Geistes selbst sie emporträgt, und sie nichts mehr stört und hindert. (Wie sehr kontrastirt hiemit Hölle I V. 28 u. w. das mühsame und vom falschen Triebe gestörte eigenwillige Klettern an der göttlichen Steile!) - Beatrice wendet, nach solcher Belehrung, den Blick zurück zum Himmel.

Die Glorie Dessen, welcher Alles reget,
Dringt durch das Weltall; aber sie erstrahlet
In einem Theil mehr, weniger im andern.

Im Himmel, der mehr aufnimmt Seines Lichtes,
War ich und sahe Dinge, die zu sagen
Nicht weiß und nicht vermag, wer da herabkommt;

Dieweil, indem er seinem Wunsch sich nähert,
Sich unser Geist dermaßen dort vertiefet,
Daß die Erinn'rung nicht kann wiederkehren.

In Wahrheit, so viel ich des heil'gen Reiches
In meinem Geiste Schatz ansammeln konnte,
So viel wird nun der Stoff zu meinem Lied sein.

O gütiger Apoll, zum letzten Werke
Laß Deiner Kraft ein solch' Gefäß mich werden,
Wie es erheischt geliebten Lorbeers Reichung!

Bis hierher war ein Gipfel des Parnasses
Genügend mir; doch jetzt mit allen beiden
Muß in die Bahn ich treten, die noch übrigt.

Dring' ein in meinen Busen und erathme
Wie damals, als den Marsyas du rissest
Aus der Umhüllung aller seiner Glieder.

O göttliche Gewalt, leih' dich mir also,
Daß ich den Schatten nur des sel'gen Reiches,
In dies mein Haupt gezeichnet, offenbare!

Du wirst mich nahn sehn deinem holden Baume,
Und mich dann kränzen mit den Blättern, deren
Der Stoff und du mich würdig schaffen werden,

So selten, Vater, pflücket sich derselben
Zum Triumphiren Kaiser oder Dichter
(Schuld so wie Schande der menschlichen Gierden),

Daß Wonne triefen sollte auf den heitern
Gott Delphi's das peneische Gezweige,
Sobald es Einen nach sich dürsten machet.

Geringem Funken folgt gewalt'ge Flamme,
Vielleicht wird einst nach mir mit bess'rer Stimme
Gebetet werden, daß Cirrha erhalle! -

Den Sterblichen steigt aus verschiedner Gegend
Des Weltalls Leuchte auf; allein von jener,
Die vier der Kreise eint mit dreien Kreuzen,

Kommt sie auf bess'rer Bahn und bessern Sternen
Vereint hervor, das irdsche Wachs erwärmend,
Und prägt es mehr nach ihrer Art und Weise.

Sie hatte jenseits Morgen, Abend disseits,
Geschaffen fast von da, und gänzlich hell war
Die halbe Kugel dort, und schwarz die andre:

Als Beatrice ich zur linken Seite
Gewendet sah, und schauen in die Sonne:
So heftet nie ein Adler sich an diese!

Und wie ein zweiter Strahl wohl aus dem ersten
Hervorzugehn pflegt und zurückzusteigen,
Gleich Pilger, welcher umzukehren wünschet:

So ward von ihrem Thun, das durch die Augen
Zu Sinn mir drang, mein Thun, und fester spannt' ich
Die Augen in die Sonn' als unser Brauch ist.

Viel ist gewährt dort, was hier nicht gewähret
Ist unsern Kräften, Gnade jenes Ortes,
Gemacht zum Eigenthum des Stamms der Menschen.

Ich trug es nicht so lange, noch so wenig,
Daß ich's nicht ringsher Funken sprühen sehen,
Wie Eisen, das glühend entkommt dem Feuer.

Und plötzlich schien nunmehro Tag zu Tage
Gefügt zu sein, als hätte der deß Macht hat,
Geziert den Himmel mit noch einer Sonne.

Die Augen gänzlich zu den ew'gen Kreisen
Gewandt, stand Beatrice, und ich hielt nun
Die Blick' auf sie zurückgewandt von droben.

In ihrem Anblick ward in mir ich also,
Wie Glaucus ward beim Kosten jenes Krautes,
Das ihn im Meer gesellt den andern Göttern.

Das Uebermenschlichwerden läßt in Worten
Sich nimmer malen; drum genüg' das Beispiel
Dem. welchem Gnad' Erfahrung aufbehalten.

Ob ich durch mich allein der war, den neu du
Erschufst, o Liebe, die den Himmel leitet,
Weißt du, die mich mit ihrem Licht emporhub!

Sobald das Kreisen, welches du verewigst,
Ersehnete, mich auf sich merksam machte
Durch Einklang, den du ordnest und erwählest:

Schien mir so viel des Himmels von der Flamme
Der Sonn' entbrannt, daß Regen oder Strom nie
See bildete so mächtig ausgebreitet.

Des Klanges Neuheit und das große Leuchten
Entflammten mir nach ihrer Ursach' Sehnsucht.
Niemals empfunden mit so mächt'gem Stachel.

Drauf sie, die, gleich mir selber, mein Gemüth so
Beweget schauete, mich zu beruh'gen,
Eh' ich noch fraget' - aufthat ihre Lippen,

Und so begann: »Du selber schaffst dich blöder
Mit solcher Einbildung, daß du nicht siehest,
Was du ersähst, wenn du sie abgeworfen.

Du bist nicht auf der Erde, wie du meinest:
Nie flog ein Blitz, dem höchsten Sitz entfliehend,
Dir gleich, der du dahin zurückekehrest.« -

War ich vom ersten Zweifel nun enthüllet,
Durch jene lächelnden und kurzen Wörtlein
War ich bestricket nun in einem neuen:

Und sprach zu ihr: »Bereits befriedigt ruht' ich,
Vom mächtigen Erstaunen, doch nun staun' ich,
Wie ich die leichten Körper überfliege?« -

Auf welches sie, nach einem frommen Seufzen,
Die Augen zu mir wandte, mit der Miene,
Die eine Mutter macht dem Kind, das irret,

Und so begann: »Die Dinge haben alle
Unter sich Ordnung, welches die Gestalt ist,
Die dieses Weltall Gott selbst ähnlich machet.

Hier schauen die erhabenen Geschöpfe
Die Spur des ew'gen Gutes, die das Ziel ist,
Wozu geschaffen vorbenannte Satzung.

Der Ordnung, die ich nannte, zugeneigt sind
Alle Naturen nach verschiednen Loosen,
Bald mehr, bald wen'ger nahe ihrem Ursprung:

Weshalb sie nach verschiednen Häfen fahren
Hin durch das große Meer des Seins, ein Jedes
Mit ihm gegebnen Trieb, der es beweget:

Der trägt den Feuerglanz hin zu dem Monde,
Der ist in Menschenherzen der Beweger,
Der drückte zusammen die Erde und vereint sie,

Und nicht nur die Geschöpfe, die entäußert
Sind des Verstandes, treibet dieser Bogen;
Nein, die auch, die Verstand und Liebe haben.

Die Vorsicht, welche so Allmächt'ges ordnet,
Stillt ihres Lichtes immerdar den Himmel,
Worin sich der regt, der am meisten Eil' hat.

Und jetzo hier, wie zu bestimmtem Sitze,
Trägt uns dahin die Tugend jener Sehne,
Die, was sie schnellt, in sel'ges Ziel hin richtet.

Wahr ist es: so wie oftmals ein Gebilde
Nicht mit der Kunst Absicht zusammenstimmet,
Indem der Stoff ihr taub ist im Erwiedern:

So scheidet sich wohl auch von dieser Laufbahn
Zuweilen das Geschöpf, dem so getrieben
Macht bleibt, nach andrer Seite sich zu neigen:

Recht also, wie man Feuer aus der Wolke
Kann fallen sehen (ward der erste Anstoß
Zur Erde hin von falscher Lust gebeuget);

Nicht mehr anstaunen, wenn ichs richtig schätze,
Sollst Du Dein Steigen, als des Stromes Fallen,
Geht er von hohem Berg hinab zu Thale.

Ein Wunder wär's an dir, wenn du, befreiet
Von Hinderniß, da unten wärst geblieben;
Gleichwie, wenn lebend Feuer blieb am Boden.« -

Drauf wandte sie den Blick zurück zum Himmel.


Gesang 02

Nunmehr bittet der Dichter alle Zuhörer, welche sich nie sehnsüchtig am Himmelsbrot, d. h. am Worte Gottes gelabt, ihn zu verlassen, da sie ihm nicht mehr folgen könnten: das Schiff seines Gesanges segle von Weisheit getrieben, vom Lichtgott und den neun himmlischen Musen geleitet, durch unbefahrnes Meer, ihm könnten nur die folgen, welche sich zeitig mit Himmelsspeise genährt, die hier niemals sättige; diese wenigen werde hier größeres Staunen ergreifen als die Argonauten, welche den Jason mit flammenhauchenden Stieren pflügen sahn. - Dante schaut auf seine Führerin, die göttliche Lehre, die emporblickt. Plötzlich umgiebt ihn wie ein glänzendes Gewölk, und Beatrice fordert ihn zum Dank gegen Gott auf, der ihn in die Sphäre des Mondes gebracht. Das Wunder, daß der Dichter mit seinem Körper in dem himmlischen Körper war, soll Sehnsucht regen, Christum zu schaun, der in sich Himmlisches mit unsrer Natur verbunden. Im Himmel werden wir alles Dieses erfahren, nicht durch mühsame Schlüsse, sondern offenbar wie das, was bereits hier als wahr einleuchtet. Nun frägt Dante, woher die dunkeln Flecken des Mondes entstünden, die man auf Erden sehe, und erfährt, daß sie nicht, wie er gemeint, durch dichte und dünne Stellen des Mondes entstünden. Hiebei macht Beatrice den rechten Gebrauch der Philosophie, indem sie seinen Irrthum durch logische Schlüsse wiederlegt (»meiden das Böse ist Verstand«): dann aber giebt sie ihm himmlische Belehrung und sagt ihm: im Himmel seien die Ursachen der Erscheinungen mannigfaltiger, als er es denken könne: Gottes strahlende Weisheit präge sich vermannigfaltigt aus in den belebten Himmelssphären, mehr oder minder, je nachdem die gemischte Natur derselben mehr oder weniger empfänglich dafür sei, und so daß die obern immer den untern von dem verleihen, was sie von oben empfangen. Die göttliche Natur strahle aus ihren gemischten Kräften verschieden hervor, wie Wonne aus lebendigem Augensterne. Sie sei ja Urbildungskraft und schaffe nach ihrer Huld Trübes und Helles. - Gott hat den Mond (die Philosophie) eben nicht so hell erschaffen wollen, als die Sonne (die göttliche Erleuchtung und Offenbarung).

O ihr, die ihr etwa im kleinen Bote,
Begierig zuzuhören, meinem Fahrzeug
Gefolget seid, das singend überschiffet:

Kehrt, eure Ufer wieder zu erblicken,
Werft Euch nicht in das hohe Meer, indem ihr
Mich da verlierend, Euch vielleicht verirrtet!

Das Wasser, drin ich segl, ist unbefahren,
Minerva hauchet und Apollo führt mich,
Und die neun Musen zeigen mir die Bärin.

Ihr andern Wen'gen, die den Hals ihr zeitig
Gestrecket nach der Engel Brot, von welchem
Dahier man lebt, doch deß man niemals satt wird:

Ihr könnet Euer Fahrzeug wohl noch wagen
In's hohe Salzmeer, haltend meine Furche,
Voran dem Wasser, das sich wieder ebnet.

Die Ruhmgekrönten, die nach Kolchis fuhren,
Sie staunten sich nicht an, wie ihr es werdet,
Als sie den Jason sahn zum Pflüger worden.

Das mitgeschaffene und ew'ge Dürsten
Zum Gott-gestalten Reiche trug dahin uns,
So schnell beinah, wie ihr den Himmel schauet.

Empor sah Beatric', und ich auf sie hin,
Und in der Zeit, als wohl ein Bolzen ruhet,
Und flieget, und sich von der Nuß befreiet:

Sah ich mich angelangt, wo meine Blicke
Ein wunderbar Ding anzog, weshalb Jene,
Der nicht verhüllt sein konnte meine Regung,

Zu mir gewandt so heiter als anmuthig:
»Heb' dankend deinen Geist zu Gotte, sagte:
Der uns vereinigt hat dem ersten Sterne!« -

Mir schien, als ob uns da Gewölk umschlösse,
Durchsichtig, häufig, dichtgefügt und glanzhell,
Gleich einem Diamant, den trifft die Sonne.

In sich hinein empfing die ew'ge Perle,
Dem ähnlich wie das Wasser ihn empfähet,
Den Strahl des Lichtes, allvereinigt bleibend.

War ich ein Körper, und begreift man hier nicht,
Wie ein Gemessnes duldete das andre,
Wie doch geschehn muß, dringt in Körper Körper:

Sollt' es uns mehr entzünden das Verlangen,
Die Wesenheit zu schaun, in der man siehet,
Wie unsere Natur sich Gott vereint hat.

Da wird erkannt, was wir für Glauben halten,
Nicht durch Beweis, nein durch sich offenbaret,
Nach Art des ersten Wahren, das der Mensch glaubt.

Ich sprach zurück: »Madonna, so ergeben,
Als ich nur irgend sein kann, dank ich Ihm dort,
Der mich der Welt, der sterblichen, entrückt hat!

Doch saget mir: was sind die dunklen Flecken,
In diesem Körper, die auf Erden unten
Von Kain fabeln machen alle Leute?« -

Sie lächelte ein wenig, sodann: Irret,
Sprach sie zu mir: der Sterblichen Vermeinen,
Wo nimmer aufthun kann des Sinnes Schlüssel,

So sollten dich wohl nicht des Staunens Pfeile
Verwunden jetzt, wo du erkennst, wie Sinnen
Folgend Vernunft die Fittige zu kurz hat!

Doch sag' mir, was du aus dir selbst da denkest?« -
Und ich: »Was uns verschieden scheint da unten,
Glaub' ich, bewirken Körper, dünn und dichter.« -

Und sie: »Gewiß gar sehr versenkt in Täuschung
Wirst du dein Meinen sehen, hörst du recht an
Den Grund, den ich ihm werd' entgegenstellen.

Die achte Himmelswölbung zeigt euch viele
Der Lichter, welche sich nach Macht und Umfang
Verschiednen Angesichts aufzeichnen lassen.

Wenn dies allein nur dünn und dicht bewirkte,
Wär' eine einz'ge Kraft allein in Allen
Mehr oder wen'ger, oder gleich vertheilet.

Es müssen ja verschiedne Kräfte Früchte
Sein bildender Ursachen, doch die, außer
Der einen, schwänden ja nach Deinem Grundsatz

Dazu, wär' Dünne jenes Dunkeln Ursach',
Um das du fragest, oder wäre theilweis
Im Innersten so leer von seinem Stoffe

Dieser Planet hier, oder wenn wie Fettes
Und Mageres ein Körper scheidet, dieser
In seinem Band verschiedne Blätter hätte.

Wär' hier das Erste, würd' es offenbaret
Bei Sonnenfinsterniß, weil dann hindurchschien
Das Licht, wie es bei andrem Dünnen durchdringt.

Doch nicht geschieht's, drum muß man nach dem Andern
Hinschaun, und wenn das Andre ich vernichte,
Wird trügerisch erwiesen deine Meinung.

Ist es, daß jenes Dünne nicht hindurchgeht,
Muß da wohl eine Grenze sein, an welcher
Es seinen Gegner weiter nicht mehr durchläßt;

Und dorther muß des Andern Strahl zurückgehn,
Gleichwie die Farbe wiederstrahlt vom Glase,
Das hinter seinem Rücken Blei verbirget.

Nun wirst du sagen, daß daselbst sich dunkler
Der Strahl erweise, wie in andern Theilen,
Weil er aus größ'rer Tiefe dort zurückprallt?

Von diesem Einwurf kann dich die Erfahrung
Befrein, wenn du sie irgend prüfst, sie pfleget
Sonst Quell zu sein den Strömen eurer Künste.

Drei Spiegel nimm, und zwei derselben stelle
Etwas zurück von dir, der andre, ferner
Zwischen den ersten, treffe deine Augen:

Gewandt zu ihnen, schaff' daß hinterm Rücken
Dir steh' ein Licht, das die drei Spiegel helle,
Und zu dir kehr' zurückgestrahlt von allen;

Obwohl am Umfang sich das Fernstgeschaute
So weit nicht breiten würde, sähst du's dennoch,
Wie es sein muß, dort gleichermaßen leuchten:

Jetzt, so wie bei Berührung warmer Strahlen
Der Boden bleibt, befreiet von dem Schneee,
Und von der frühern Farb' und frühern Kälte:

So will ich, wenn du im Verständniß bliebest,
Es dir vollenden, so lebend'gen Lichtes,
Daß du aufzittern wirst in seinem Anblick.

Im Himmel innen des göttlichen Friedens
Regt kreisend sich ein Körper, in deß Tugend
Beruht das Sein von allem seinem Inhalt.

Der nächste Himmel dann, der so viel Blicke
Hat, theilt dies Sein an unterschiedne Wesen,
Von ihm geschieden und von ihm enthalten.

Die andern Kreis' in bunten Unterschieden
Bestimmen, was getrennt sie in sich tragen,
Zu dessen Zwecke und zu dessen Aussaat.

Es folgen so sich diese Weltorgane.
Wie jetzo du ersiehst, nach Stufe Stufe,
Daß sie von oben nehmen, unten schaffen.

Merk' wohl auf mich, wie ich durch diese Stelle
Zur Wahrheit geh', die du ersehnst, damit du
Die Furt dereinst allein zu halten wissest.

Die Regung und die Kraft der heil'gen Kreise,
Wie von dem Schmied das Kunstwerk seines Hammers,
Muß sie von seligen Bewegern athmen.

Der Himmel aber, den so viel Gestirn ziert,
Von dem urtiefen Geiste, der ihn reget,
Nimmt er das Bild und wird desselben Abdruck.

Und wie die Seele, innert eures Staubes,
Sich durch verschiedne Glieder und geschaffen
Zu mannigfachen Fähigkeiten strecket,

So breitet Seine Weisheit Seine Güte
Vermannigfaltigt aus in alle Sterne,
Indem Er schwebet über Seiner Einheit,

Verschiedne Kraft macht auch verschiednen Bund mit
Dem edlen Körper, welchen sie belebet,
Drin sie, wie in euch Leben, sich verschließet.

Von seliger Natur, der sie entspringet,
Strahlt die gemischte Kraft aus diesem Körper,
Wie Wonne aus lebend'gem Augensterne.

Von ihr entspringt das, was von Licht zu Lichte
Verschieden scheinet, nicht aus dicht und dünne:
Sie ist Urbildungskraft, die da hervorbringt,

Nach ihrer Huld, das Trübe wie das Helle.


Gesang 03

Dante richtet sich auf, zu gestehn, daß er sich geirrt habe, und daß er nun belehrt sei; da erscheinen ihm plötzlich eine Menge Gesichter, die er für gespiegelte hält, indem sie durchsichtig erscheinen; er wendet sich deshalb zurück, die wirklichen zu schauen. Da lächelt Beatrice und sagt ihm, er irre sich, wiederum auf irdische Schlüsse bauend: diese Gestalten seien nicht Spiegelbilder, sondern Seelen, in diese unvollkommne Sphära gebannt, weil sie, der Gewalt nachgebend, ihr Gelübde nicht vollkommen erfüllt hätten. Der Mond ist ja mit seinen Flecken ein Bild unvollkommner Weisheit; höchst sinnreich erscheinen deshalb hier diejenigen Seelen welche, durch Sophismen überredet, fehlten; es ist ein Sophismus, zu meinen, man müsse irdischer Gewalt nachgeben, da doch Spr. X V. 29 geschrieben steht: »Der Weg des Herrn ist die Stärke des Arglosen; aber Schrecken für die, so Böses thun. Der Gerechte wanket nicht in Ewigkeit.« - Dante vernimmt ferner von Beatrice, daß diese Seelen jetzt auch nicht mehr wankten und wichen von Gottes Licht, und wendet sich an die frohbewegteste derselben mit der Bitte, ihm mit der Kunde ihres Namens und des Zustandes dieser Seelen zu genügen. Da giebt sich die Seele als Piccarda, Forese's Schwester zu erkennen, und bestätigt Beatrice's Wort, daß hier die Seelen derer erschienen, die ihre Gelübde nicht ganz erfüllt hätten; dennoch seien sie selig auf dieser untern Stufe, weil ihr Wille sich ganz in den Willen Gottes füge. Dies erinnert an Christi Wort (s. Matth. XI V. 29 und 30): »Nehmt mein Joch auf Euch und lernet von mir, denn ich bin sanft und demüthig von Herzen: so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele, denn mein Joch ist sanft und meine Bürde ist leicht.« Piccarda erzählt auf des Dichters Frage, wie man sie mit Gewalt aus dem Kloster der heiligen Clara, wo sie Profeß gethan, in die böse Welt zurückgeführt habe; Gleiches sei auch mit der Seele neben ihr, der Kaiserin Constanza geschehn, dieselbe habe indeß in ihrem Herzen beständig die Liebe zum Schleier bewahrt. Hierauf scheidet Piccarda, Maria, das Vorbild der Keuschheit, preisend, und der Dichter vermag ihr mit dem Auge nicht mehr zu folgen, womit hier zugleich angedeutet ist, daß er ihren Worten auch geistig nicht ganz folgen könne.

Die Sonne, die mein Herz mit Lieb' erst wärmte,
Sie hatte schöner Wahrheit süßes Anschaun
Beweisend mir enthüllt, und widerlegend;

Doch ich, mich selbst berichtigt zu bekennen
Und überzeugt, erhub, so viel geziemte,
Das Haupt gerader, um es zu gestehen;

Doch ein Gesicht erschien mir, das so nahe
Mich zu sich hinzog, um es zu betrachten,
Daß ich nicht mehr an mein Bekenntniß dachte.

Gleichwie aus Glas durchsichtig und erglänzend,
Oder aus Wasser lauter und geruhig,
Doch nicht so tief, daß sich der Grund verlöre,

Scheinbilder unsrer Angesichter kehren,
So schwach, daß eine Perl' auf weißer Stirne
Nicht minder schnell uns in die Augen fiele:

Sah viel' Gesichter ich, bereit zum Sprechen;
Drob ich gerieth in Irrthum, dem entgegen,
Der zwischen Mensch und Quelle Lieb' entflammte:

Denn eilig, als ich sie bemerkte, meinend,
Es seien nur gespiegelte Gestalten,
Wandt' ich zu schauen weß sie seien die Blicke:

Und sahe nichts, und wandte sie nun vorwärts,
In's Licht der holden Führerin gerichtet,
Das heiter flammte in den heil'gen Augen.

»Es nehme dich nicht Wunder, wenn ich lächle,
Sprach sie zu mir: ob deiner kind'schen Rechnung,
Da sie den Fuß nicht setzet auf das Wahre,

Nein, dich umsonst umwendet, wie sie pfleget.
Wahrhafte Wesen sind's, die du erblickest,
Hierher gebannt um Fehlen am Gelöbniß.

Drum sprich mit selbigen, und hör' und glaube,
Daß das wahrhafte Licht, das sie befriedigt,
Von sich nicht ihren Fuß abirren lässet.« -

Und zu dem Schatten, der zumeist erfreut schien
Zu reden, wendete ich mich, beginnend,
Gleichwie ein Mensch, den zu viel Sehnsucht irret.

»O reingeschaffner Geist, der in den Strahlen
Ewigen Lebens du die Süße schmeckest,
Die ungekostet nimmermehr erkannt wird:

Du wirst mir gnädig sein, wenn deines Namens
Du mir genügst, und dazu Eures Schicksals!« -
Worauf sie willig und mit heitern Augen:

»Nicht schließet unsre Liebe je die Pforte
Gerechtem Wunsche; nein, nur wie die ew'ge,
Die ähnlich sich all' ihren Hof verlanget.

Als Jungfrau war ich auf der Erde Schwester;
Und wenn mich deine Seele wohl betrachtet,
So wird mein Schönersein mich dir nicht bergen:

Und wirst erkennen, wie ich bin Piccarda,
Die hier bestallt mit diesen andern Sel'gen,
Ich selig bin auf der langsamsten Sphära.

Unsere Wünsche, die allein entflammet
Sind von der Seligkeit des heil'gen Geistes,
Erfreuen sich gereiht in seinen Orden:

Und dieses Loos, das so tief unten scheinet,
Ist uns verliehn, weil unsere Gelübde,
Versäumt, und nicht durchaus erfüllet worden.« -

Drauf ich zu ihr: »In euren wunderbaren
Anblicken glänzt nicht weiß ich welch ein Göttliches,
Das euch entrückt den früheren Begriffen;

Drum war ich nicht so rasch in dem Erinnern;
Allein nun hilft mir was du mir gesaget,
Daß das Entsinnen mir nun mehr Latein ist.

Doch sag mir noch: Ihr, die ihr hier beglückt seid,
Sehnt ihr euch wohl nach einem höhern Orte,
Nach mehr der Schau, nach innigerer Freundschaft?« -

Erst lächelte mit jenen andern Schatten
Ein wenig sie, antwortete so froh dann,
Daß liebentglüht sie schien im ersten Feuer:

»Bruder, es sänftiget hier unsern Willen
Der Liebe Kraft, die uns nur wünschen lässet,
Was unser ist, und nicht nach Andrem Durst regt.

Wenn weiter oben wir zu sein begehrten,
So wären nicht einstimmig unsre Wünsche
Mit jenes Willen, der uns hier gesondert:

Was du nicht finden wirst in diesen Kreisen
Da hier nothwendig ist das Sein in Liebe,
Und wenn ihr Wesen du genau betrachtest:

Wird es zum Seligsein durchaus erfordert,
Sich in dem Willen Gottes zu erhalten,
Daß unsre Wünsche damit einig werden.

Wie wir von Stufe sind vertheilt zu Stufe
Durch dieses Reich, gefällt das Reich uns allen,
Gleichwie dem König, der zu seinem Willen

Uns lenket, und sein Will' ist unser Frieden;
Er ist das Meer, auf dem sich Alles reget,
Was er erschaffet und was die Natur baut.« -

Klar war es jetzo mir, wie allenthalben
Im Himmel Paradies ist, wenn die Gnad' auch
Des höchsten Heils nicht gleichvertheilet hinfällt.

Doch wie's geschieht, wenn eine Speise sättigt,
Und nach der andren noch Gelüst verbleibet,
Daß man sie wünscht, und für die andre danket;

So that ich mit Geberde wie mit Sprechen,
Von ihr zu lernen, welches das Geweb' war,
Davon sie nicht zum Ende zog das Webschiff.

»Vollkommnes Leben hohes Werkthun, sprach sie:
Hub eine Frau zu höher'm Himmel, deren
Norm nach bei Euch man Kleider trägt und Schleier;

Daß man so bis zum Sterben leb' und schlafe
Mit jenem Bräut'gam, der jedwed' Gelübde
Annimmt, das Liebe thut, ihm zu gefallen.

Ihr nachzufolgen floh ich aus der Welt schon
Als Mägdlein, und verschloß in ihr Gewand mich,
Gelobt' auch ihres Ordens Weg zu wandeln;

Doch Männer, mehr an Böses als an Gutes
Gewöhnt, entrissen mich dem süßen Kloster:
Gott weiß es, welches dann mein Leben worden!

Und dieser andre Glanz, der sich dir zeiget
Zu meiner rechten Seit', und der erglühet
Von allem Lichte dieser unsrer Sphära,

Versteht von sich, was ich von mir verkünde.
Auch sie war Schwester, und auch ihr ward also
Geraubt vom Haupt der heil'gen Binden Schatten.

Doch, ward sie auch zur Welt zurückgezwungen,
Entgegen ihrem Willen und der Sitte,
Blieb ungelöst doch ihres Herzens Schleier!

Dies ist das Licht der herrlichen Constanze,
Derselben, die vom zwoten Sturm aus Schwaben
Gebar den dritten und die letzte Herrschaft.

So sprach zu mir sie und begann dann: »Ave
Maria!«
singend; aber so entschwand sie
Gleichwie ein schweres Ding in tiefem Wasser.

Mein Blick jedoch, der ihr so lange folgte
Wie möglich war; als er sie nun verloren,
Wandt' er sich hin zum Ziele größrer Sehnsucht,

Und wendete sich ganz zu Beatricen;
Doch diese blitzet' also in mein Schauen,
Daß anfangs mein Gesicht es nicht ertragen:

Dies aber schuf mich langsamer im Forschen.


Gesang 04

Piccarda's Rede hat den Dichter in zwei frommen Zweifeln bestrickt. Er wünscht die Lösung beider so sehnsüchtig, daß er nicht weiß, über welchen er Beatricen zuerst befragen soll? Die Sehnsucht und das Bangen dieses Zustandes wird in drei sinnreichen Bildern geschildert. Endlich kommt Beatrice seiner Frage zuvor und nennt ihm selbst seine Zweifel. Er hält es nämlich erstens für ungerecht, daß die an den Nonnen von Andern verübte Gewaltthat ihre Seligkeit mindere und hängt zweitens, noch immer zu viel philosophirend, an der Meinung des Timäus bei Plato, welcher sagt: die Seelen gingen von bestimmten Sternen aus und kehrten dahin wieder zurück. Bezugs der letztern Ansicht sagt Beatrice, ihm daß alle heil'gen Seelen derselbe Himmel umfasse; diese seien ihm nur hier erschienen, ihm sinnlich ihre niedrere Seligkeitsstufe anzudeuten, da zu sinnlichen Menschen nur in Sinnbildern gesprochen werden könne, weshalb auch die Schrift Gott Hände und Füße beilege, und die Kirche den Engeln menschliche Gestalt, und es doch anders meine. Der Fehler Timäus sei es eben, daß er seine Worte nicht sinnbildlich meine, sondern wirklich. Dergleichen Ansicht habe die Abgötterei mit den Gestirnen erzeugt. Was den ersten Zweifel betreffe, seien die Nonnen nicht schuldlos: wäre ihr Wille vollkommen gewesen, so würden sie nicht der Gewalt gewichen, sondern bis in den Tod treu bestanden sein wie Laurentius auf dem Rost und Mucius Scavola vor Porsenna. Diesem vollkommnen Willen sei Constanza zwar, wie Piccarda sagte, im Herzen treu geblieben; in der That aber habe sie andrem irdischen Willen zu viel Raum gelassen, und damit Tadel und eine mindre Stufe der Seligkeit erworben. Daß ihm ihr Schicksal irriger Weise ungerecht erscheine, sei übrigens kein Zeichen ketzerischer Bosheit, sondern vielmehr ein Zeichen des Glaubens, daß Gott gerecht sein müsse. Hierdurch erquickt und ermuthigt frägt Dante getrost, ob man im Himmel wohl solchem Fehlen am Gelübde genügen könne? Hiebei blickt er Beatricen an, senkt aber, von ihrem Glanze geblendet, demüthig die Augen, und erwartet ihre Belehrung, die sie im folgenden Gesange ertheilt.

Inmitten zweier Speisen, gleich entfernet
Und gleich verlockend, stürbe wer die Wahl hat
Vor Hunger, eh zum Mund er eine brächte:

So stünd' ein Lämmchen zwischen zween Begierden
Grimmiger Wölf' in gleichem Maß erbangend,
So stünd' ein Hund inmitten zweier Hirschlein:

Weshalb ich mich nicht strafe, daß ich stillschwieg,
Von meinem Zweifel dergestalt umwoben,
Noch mich drum lobe; denn nothwendig schwieg ich.

Ich schwieg, allein es war mir mein Verlangen
Gemalt in's Antlitz und mit ihm die Frage,
Viel wärmer als durch Reden, unterschieden.

Da that nun Beatrice wie einst Daniel,
Als er benahm den Grimm Nebukadnezars
Der ungerechter Weise schlimmgemuth war:

Und sprach zu mir: »Wohl seh' ich wie ein Sehnen
Dich anzieht gleich dem andern, daß dein Wünschen
Sich selbst so bindet, daß es nicht hervorkann.

Du denkst bei dir: wenn guter Willen fortwährt,
Aus welchem Grund soll Anderer Gewalt dann
Mir des Verdienstes Maaß vermindern können?

Auch giebt zum Zweifeln dir die Meinung Anlaß,
Als kehreten die Seelen zu den Sternen
Auf's Neu zurücke nach dem Spruche Plato's.

Dies sind die Fragen, die auf deinem Willen
Gleichmäßig lasten; drum will ich zuerst dir
Die eine lösen, die der Galle mehr hat.

Der Seraphim, der sich zumeist in Gott senkt,
Moses und Samuel, der Johannes, welchen
Du nehmen willst, ich sag', auch nicht Maria

Haben in andrem Himmel ihre Sitze,
Als jene Geister, die dir jetzt erschienen,
Noch ihres Seins mehr oder wen'ger Jahre:

Nein, Alle zieren sie den ersten Umkreis,
Und haben unterschieden süßes Leben,
Minder und mehr den ew'gen Hauch empfindend.

Hier zeigten sie sich nicht, als ob denselben
Bestimmt die Sphäre, nein, nur anzudeuten
Die himmlische, die weniger erhöht ist.

So will gesprochen sein zu eurem Geiste,
Der nur von einem Sinnlichen erlernet,
Das was sodann ihn würdig schafft der Einsicht.

Deßhalb auch lässet sich die Schrift hernieder
Zu eurer Fähigkeit, und leget Füße
Und Hände Gott bei, und versteht's doch anders.

Und heil'ge Kirche mit menschlichem Ansehn
Stellt Gabriel und Michael sie vor euch,
Und den auch, der Tobias wieder heilte.

Das, was Timäus von den Seelen ausspricht,
Ist dem nicht ähnlich, was dahier geschaut wird:
Indem er's wie er's sagt zu meinen scheinet:

Spricht, daß die Seele kehr' zu ihrem Sterne,
Meinend, es sei daher entnommen diese,
Als die Natur sie als Gebild gegeben.

Vielleicht auch ist sein Spruch ganz andrer Art noch,
Als ihn das Wort ertönt, und könnte Meinung
In sich enthalten, die nicht zu verlachen:

Verstünd' er, daß zu diesen Kreisen kehre
Die Ehre ihrer Wirkung und ihr Tadel,
In ein'ges Wahre trifft sodann sein Bogen.

Derselbe Grundsatz, falsch verstanden, wandte
Fast alle Welt einst ab, daß sie so weit ging,
Sie Jupiter, Merkur und Mars zu nennen.

Der andre Zweifel, welcher dich beweget,
Hat weniger des Giftes, da sein Makel
Dich nimmermehr von mir ableiten könnte.

Das Ungerechterscheinen unsers Rechtes
In Augen Sterblicher ist ein Beweis nur
Von Glauben, nicht von ketzerischer Bosheit;

Allein, daß eure Einsicht rechtermaßen
Durchdringen möge zu sothaner Wahrheit,
Werd' ich nach Wunsche dich zufrieden stellen.

Ist es Gewalt, wenn der, der sie erleidet,
Gar nichts zu dem beiträgt, was ihn gewältigt,
Sind diese Stelen nicht durch sie entschuldigt:

Denn Wille, will er nicht, verlöschet nimmer,
Nein thut, wie auch Natur thut mit der Flamme,
Wenn sie Gewalt auch tausendmale beuget.

Drum, beuget er sich viel da oder wenig,
Folgt der Gewalt er, und so thaten diese,
Rückkehren könnend zu dem heil'gen Orte.

Denn wär ihr Willen ungetheilt gewesen,
Wie er Laurentius auf dem Rost gehalten,
Und Mucius strenge gegen seine Hand schuf,

Hätt' er sie ja zurückgeführt zur Straße,
Der man geraubt sie. als sie frei geworden;
Doch so fehlloser Will' ist allzuselten.

Und durch die Worte, hast du sie gesammelt,
Wie du gesollt, ist ganz getilgt der Zweifel,
Der dich gewiß noch oft beschweret hätte.

Doch jetzo zieht sich eine andre Kluft dir
So tief vor Augen, daß für dich allein du
Ihr nicht entkämst, nein, eher müde würdest.

Ich hab' dir als gewiß zu Sinn geführet,
Wie sel'ge Seele nimmer lügen könne,
Da sie beständig nah dem ersten Wahren:

Und konntest dann doch von Piccarda hören:
»Constanza wahrte Liebe zu dem Schleier,«
So daß sie mir da scheint zu widersprechen:

Doch vielemale, Bruder, ist's geschehen,
Daß, um Gefahr zu fliehen, wider Lust auch,
Verübet worden, was zu thun nicht ziemte:

Gleichwie Alkmäon, der, von seinem Vater
Drum angefleht, die eigne Mutter tödtend,
Die Scheu nicht zu verlieren, scheulos wurde.

In diesem Punkt will ich, daß du erkennest,
Wie die Gewalt sich mischt dem Willen, also
Thuend, daß nichts entschuldiget die Sünden.

Vollkommner Wille willigt nicht in Uebles,
Nein, giebt so viel nur nach, als er befürchtet,
Wenn er sich weigert, in mehr Leid zu fallen.

Drum wenn Piccarda jenes also ausdrückt,
Meint den vollkommnen Willen sie, ich aber
Den andern, so daß Beide wahr wir reden.« -

So war des heiligen Geströmes Wallen,
Kommend vom Quell, dem alles Wahr' entspringet,
So stellt' es den wie jenen Wunsch zufrieden.

»O Braut des ersten Liebenden, o Göttin,
Sagt' ich nun: deren Wort mich überfluthet,
Und wärmt, so daß mich's mehr und mehr belebet;

Es ist so tief, ja nimmer mein Empfinden,
Daß es genügend Dank für Huld Euch reiche,
Doch der, der schaut und kann, mag sie vergelten.

Ich sehe wohl, daß unsre Einsicht nimmer
Sich stillt, wenn nicht das Wahre sie erleuchtet,
Außerhalb dessen sich kein Wahres breitet.

Sie ruht in ihm, wie in der Höhl' ein Wild ruht
Sobald sie es erreicht, und kann's erreichen,
Sonst wäre jeglich Sehnen ganz vergeblich.

Durch Dieses sprießt, nach eines Schößlings Weise,
Am Fuß des Wahren Zweifel, und Natur ist's,
Die uns zum Gipfel treibt von Höh' zu Höhe.« -

Dies ladet mich so ein, schafft so getrost mich,
Mit Ehrerbietung, Frau, euch zu befragen,
Um eine andre Wahrheit, die mir dunkel.

Ich möchte wissen, ob der Mensch hier g'nügen
Könn' unerfülltem Schwur durch andre Güter,
Die Eure Wage nicht als leicht erwiese?« -

Beatrice sah mich an, erfüllt die Augen
Mit Liebesfunken, göttlichen, so mächt'gen,
Daß meine Kraft besiegt den Nacken hingab,

Und ich mich fast verlor gesenkten Auges.


Gesang 05

Beatrice (die heilige Lehre) sagt dem Dichter: er solle nicht staunen, wenn sie, je höher sie sich mit ihm in Anschauungen erhebe, je höher im Feuer des heiligen Geistes (der Liebe) erglühe. Dies sei natürliche Folge, und auch er werde schon von diesem Licht bestrahlt. Alles was auf Erden verlocke, sei ein von hier durchleuchtender aber mißverstandner Schimmer dieses Liebeslichtes. Hierauf sagt sie ihm, in Bezug auf seine Frage im vorigen Gesange: bei einem Gelübde seien zwei Dinge nothwendig, erstens, der Vertrag mit Gott, wovon selbst die Kirche nie entbinden könne, zweitens aber der Gegenstand des Gelübdes: letzterer könne allerdings, mit Erlaubniß der Kirche, vertauscht werden; dafür genügen aber könne man nur, wenn das Ersatzopfer größer sei als das vertauschte. Da nun bei Klostergelübden die Freiheit des Willens Gott geopfert wird, und diese Freiheit schon der höchste Schatz des Menschen ist, welchen Ersatz kann man dann noch bieten, wenn solch ein Gelübde gebrochen worden? Ein wahres Gelübde ist das, welches mit Gottes Willen übereinstimmt, es erfüllen ist Tugend; dagegen ist die Erfüllung eines thörigen mit Gottes Willen nicht übereinstimmenden Gelübdes Sünde; Beispiele solcher Versündigung sind Jephtha und Agamemnon. Dem Gott der Weisheit und Liebe diene man nicht, wenn man Thöriges gelobe und halte, rathe Jemand dazu, so solle ein Christ nicht blindlings folgen, wie ein albernes Schaf, sondern sich Raths erholen im alten und neuen Testament und bei dem Priester, um nicht zuletzt selbst vom Juden verlacht zu werden. - Nach solcher Belehrung tauchen wieder neue Fragen in dem Dichter auf; doch schweigt er, da Beatrice sich wieder dem Himmel zuwendet, und mit ihm, so schnell wie ein Pfeil, dessen Sehne noch zittert, während er schon in das Ziel schlägt, in höherer Sphäre in dem Planeten Merkur ankommt, seiner zitternden Sehnsucht gleichsam voraneilend. Der schwachleuchtende Planet wird durch Beatrice's Nahen viel heller, und, wie Fische im Wasser, kommen mehr als tausend Schimmer heran, hoffend, der Dichter werde ihre Liebe mehren. Einer derselben bietet ihm, dafern er sie verlange, Belehrung an, sprechend, diese Geister seien alle vom Licht des heiligen Geistes erleuchtet, was Beatrice bestätigt. Nun sagt Dante zu der Seele, die gesprochen: er sehe wohl ihre Liebe und ihren Glanz, wisse aber nicht, wer sie sei, und warum sie hier in dem Planeten erscheine, der fast immer von andrer Schimmer überstrahlt werde? Da wird die gefragte Seele von Liebe heller und heller und giebt, ganz verhüllt in strahlendes Licht, die Antwort, welche der folgende Gesang singt.

Erflamme ich dir in der Glut der Liebe
Viel mächt'ger, als auf Erden je geschaut wird,
So daß ich deiner Augen Kraft bewält'ge;

Nicht staune du darum, es ist die Wirkung
Vollkommnen Schauens, das, wie es erkennet,
Also in dem erkannten Heil emporsteigt.

Ich sehe wohl, wie schon etwas erschimmert
In deiner Einsicht vom urew'gen Lichte,
Das, kaum erblickt, beständig Lieb' entzündet;

Verlocket aber Andres eure Liebe,
So ist es nichts, als eine Spur desselben,
Von hier durchscheinend, aber mißverstanden.

Erfahren willst du, ob mit andrem Dienste
Man unerfüllt' Gelübd' so könn' erstatten,
Daß man die Seele berge vor Verklagen?« -

So hub nun Beatrice den Gesang an,
Und wie ein Mensch, der nicht zerstückt sein Reden,
Führte sie also fort den heil'gen Rechtsstreit:

»Die größte Gabe, die in seiner Großmuth
Gott schuf und bildete, und seiner Güte
Am ähnlichsten, und die er schätzt am höchsten,

Die Freiheit war's, die Freiheit in dem Willen,
Mit welcher die verständigen Geschöpfe
Allein begabet wurden und begabt sind.

Denkst du hier weiter fort, muß dir der hohe
Werth des Gelübd's erscheinen, wenn es so ist,
Daß Gott einwilliget, wenn du einwilligst.

Denn bei dem Bundschluß zwischen Gott und Menschen
Bringt jenen Schatz der Mensch dar als ein Opfer,
So wie ich sag' und diese That ist seine.

Was also kann man geben zum Ersatze?
Meinst wohl zu brauchen du, was du geopfert,
So willst mit bösem Raub du gutes Werk thun.

Du bist nun in dem Hauptpunkt wohl befestigt;
Doch weil dabei die heil'ge Kirch' entbindet,
Was gen das Wahre scheint, das ich dir aufschloß:

Mußt du nun noch verweilen an dem Tische:
Indem die schwere Speise, die du nahmest,
Nachhülfe noch verlangt aus deinem Würzschrank.

Thu' auf den Sinn dem, was ich dir erkläre,
Und schließ darein es; denn es schafft das Hören
Ja nimmer Wissenm ohne das Behalten.

Zwei Dinge sind zum Wesen jenes Opfers
Erforderlich: das Eine ist die Gabe,
Womit man's darbringt, und der Bund das Andre.

Dies Letzte wird nie aus dem Buch getilget,
Nein, will bewahrt sein, und es ward darüber
Von mir vorhin schon so bestimmt gesprochen.

Drum war nur Opferbringen den Ebräern
Nothwendig, obwohl jener Opfer manches,
Wie du es wissen mußt, vertauschet worden.

Das Eine, was als Gegenstand dir kund ist,
Kann also wohl so sein, daß man nicht sündigt,
Wenn man mit andrem Gegenstand es umtauscht:

Nur ändert Keiner seiner Schultern Bürde
Nach eigner Willkür, ehe nicht der Schlüssel
Sich wendet, so der weiße, wie der gelbe:

Und jegliche Vertauschung halte thörig,
Ist das Verlassne in dem Uebernommnen
Nicht wie die Viere in der Sechs enthalten.

Drum, wiege jedes Ding noch so gewichtig,
Durch seinen Werth, daß jede Waag' es ziehe,
Mit andrer Spende kann man da nicht g'nügen.

Nehmt, Sterbliche, Gelübde nicht als Scherze;
Seid treu, doch werdet auch damit nicht sündhaft,
Wie Jephtha ward mit seinem ersten Opfer:

Dem mehr es ziemte sagen: übel that ich!
Als, drauf bestehend, übler thun. So thörig
Muß auch der Griechen großer Fürst dir scheinen,

Deßhalb ihr schönes Antlitz Iphigenie
Beweint', und weinen machte Weis' und Thoren,
Die sagen höreten von diesem Opfer.

Seid, Christen, langsamer es auszusprechen,
Nicht wie die Feder in jedwedem Winde,
Und glaubt nicht, daß euch jedes Wasser wasche.

Ihr habt das Testament, das alt' und neue,
Dazu der Kirche Hirten, der euch leitet,
und dies genüge euch zu eurem Heile.

Wenn bösliche Begier euch Andres zuruft,
So seid doch Menschen und nicht thör'ge Schafe,
Daß neben euch der Jud' euch nicht verlache.

Thut nicht dem Lamm gleich, das die Milch der Mutter
Verlässet und nun dumm und übermüthig
Nach eignem Trieb herumtobt mit sich selber.« -

So sprach da Beatrice, wie ich's schreibe;
Dann wendete sie sich gänzlich verlangend
Nach Richtung, wo lebendiger die Welt ist.

Ihr Schweigen, so wie ihrer Züge Wandlung
Gelobten Schweigen meinem gier'gen Sinne,
Der wieder neue Fragen vor sich hatte.

Und also wie ein Pfeil, der in das Zeichen
Hineinschlägt, ehe ruhig ist die Sehne,
Fuhren empor wir zu dem zweiten Reiche.

Hier aber sah ich meine Frau so heiter,
Indem in dieses Himmelslicht sie einging,
Daß der Planet davon noch lichter wurde.

Und wenn der Stern sich wandelte und lachte,
Wie wurde ich erst, der ich von Natur schon
In jeder Art veränderlich geschaffen!

Wie in dem Weiher, welcher still und klar ist
Die Fische ziehn nach dem, was außen ankommt,
Indem sie es für ihre Speise halten:

So sahe ich wohl mehr als tausend Schimmer
Herziehn zu uns, und man vernahm aus allen
»Sieh da, wer unsre Liebe kommt zu mehren!« -

Und so wie jeglicher zu uns daherkam
Erblickte man den Schatten wonn'erfüllet
Im lichten Glanze, welcher von ihm ausging.

Denk', Leser, wenn dies, was dahier begonnen,
Nicht weiter ginge, wie mehr zu erfahren
Du peinigende Noth empfinden würdest:

Dann kannst nach dir du schließen, wie's mein Wunsch war,
Von Jener Art und Weise nun zu hören,
Sobald sie meinen Augen kund geworden.

»Zum Heil Geborner, dem zu schaun die Throne
Des ewigen Triumphs gewährt die Gnade,
Noch ehe er den Kriegeszug verlässet:

Vom Licht, das in den ganzen Himmel ausströmt,
Sind wir entzündet, und darum, verlangst du
Von uns Erleuchtung, sättige nach Lust dich!« -

So ward von einem jener frommen Geister
Gesagt mir, und von Beatrice: »Sprich, sprich
Mit Zuversicht, und glaub' wie Göttern ihnen.« -

Ich sehe wohl, wie du dein Nest gebauet
Im eignen Licht, und dies dem Aug' entsendest,
Damit es also blitze, wie du lächelst.

Doch weiß ich, wer du bist, nicht, noch warum du,
O würd'ge Seel', einnimmst der Sphäre Stufe,
Die Sterblichen von Andrer Strahl verhüllt wird.

Dies aber sagte ich gewandt zur Leuchte,
Die schon zu mir gesprochen, wovon selbe
Um vieles heller ward, als sie zuvor war.

Gleichwie die Sonne, die sich selbst verbirget
In zu viel Licht, sobald die Glut verzehrt hat
Die Mäßigungen der vielfält'gen Dünste:

So barg sich mir mit mehr und mehr der Wonne
In seinem Strahl das heilige Gebilde,
Und so verhüllt, verhüllt gab es mir Antwort,

Wie der Gesang sie, der nun folgt, verkündet.


Gesang 06

Das redende Licht giebt sich als die Seele Kaiser Justinian's zu erkennen, und sagt: daß sie durch den Pabst Agapitus den Glauben an die zwei Naturen Christi gewonnen, und sodann von Gott inspirirt worden sei, aus dem römischen Recht Unmaß und Mangel zu verbannen. Sie habe mit ganzem Eifer das große Werk des Gesetzbuches vollführen können, weil sie dem Feldherrn Belisar die Führung der Kriege vertrauen durfte. Das ungerechte Verfahren der Ghibellinen und Guelfen veranlaßt den großen kaiserlichen Rechtsfreund von der römischen Herrschaft zu sprechen, die von Gott geordnet sei und sich von ihrem Ursprunge an siegreich erwiesen habe, bis Rom den Adler, das Zeichen der Herrschaft, freiwillig an Cäsar gegeben. So sei das Kaiserthum gegründet nahe der Zeit, wo Gott die Welt durch sein Vorbild auch geistig läutern wollen. Unrecht also hätten die, welche dem Adler trotzten, und unrecht die, welche ihn mit Gewalt an sich reißen wollten, da er freiwillig verliehen werden müsse. Die Verräther an Cäsar am Kaiserthume büßten in der tiefsten Hölle: Gott selbst habe es verherrlicht, indem er es zweimal als Werkzeug seiner Strafe gebraucht: erstlich zu Bestrafung aller menschlichen Sünden durch Christi Kreuzigung unter Tiber, zweitens durch die Zerstörung Jerusalems unter Titus, wodurch das Unrecht, welches die Juden an Christus geübt, gerächt worden. Frankreich solle demnach nicht glauben, daß die Lilien sich je über den Adler stellen könnten, das römische Reich habe schon stärkere Feinde besiegt. Nach so großartiger Symbolisirung der römischen Geschichte sagt Justinianus dem Dichter: Hier in dem Planet Mercur erschienen ihm die Seelen, welche im thátigen Leben guter Ehre und gutem Ruhme nachgetrachtet, es sei daher natürlich, daß nicht so viel Licht auf sie strahle, als wenn sie sich ganz der lebendigen Liebe zugewandt; das Bewußtsein, daß dies gerecht sei, sei indeß schon Seligkeit; die Seelen ordneten sich stufenweise wie verschiedne Stimmen zu einem mannigfachen, großen, harmonischen Chore: in dem einen Lichte neben ihm sei der edle Romeo, der Raimondo Berlinghieri's Güter so trefflich verwaltet habe, daß er ihm drei Könige zu Eidamen gewonnen.

Nachdem den Adler Constantin gewendet,
Dem Himmelslauf entgegen, dem er folgte
Hinter dem Urahn, der Lavinien freite:

Hundert und hundert, und mehr Jahre hielt man
Den Vogel Gottes an dem End' Europens,
Den Bergen nah, draus Anfangs er hervorging.

Und unterm Schatten seiner heil'gen Fitt'ge
Regierte er die Welt von Hand zu Hand dort,
Und also wechselnd kam er auf die meine.

Cäsar war ich, und bin Justinianus,
Der, höchster Liebe Wunsch nach, die ich fühle,
Aus den Gesetzen bannt' Unmaß und Mangel.

Und, eh' ich eifrig war in diesem Werke,
Glaubt' ich, in Christus sei nicht mehr als eine
Natur, und war zufrieden solchen Glaubens;

Doch der gebenedeite Agabitus,
Der damals Oberhirte war, bekehrte
Zum wahren Glauben mich mit seinen Reden.

Ich glaubte ihm, und was sein Wort mir kund that,
Seh' ich nunmehr so klar, wie du erkennest,
Daß Widersprüch' in falsch und wahr zerfallen,

Sobald die Füß' ich regte mit der Kirche,
Gefiel es Gott aus Huld mir einzuhauchen
Das hohe Werk, und ganz weiht' ich mich diesem:

Befahl dann meinem Belisar die Waffen,
Dem so zur Seite war des Himmels Rechte,
Daß mir es Zeichen war: ich solle ruhen.

Nunmehro findet mit der ersten Frage
Sich meine Antwort ab, doch ihre Weise
Drängt mich, daran zu hängen eine Glosse:

Damit du schauest, mit wie vielem Rechte
Sich reget wider das hehrheil'ge Zeichen,
Wer's an sich reißt, und wer demselben trotzet.

Schau', wie viel Tugend es geschaffen, würdig
Der Ehrfurcht; aber dies begann zur Stunde,
Als Pallas fiel, um ihm das Reich zu lassen.

Du weißt, daß es in Alba Wohnstatt aufschlug,
Dreihundert Jahr' und drüber bis an's Ende,
Als drei und drei noch um dasselbe kämpften.

Du weißt, was es seit dem Sabinerweh that,
Bis zu Lucretia's Schmerz, mit sieben Kön'gen
Besiegend rings die nachbarlichen Völker.

Weißt, was es that dann, von den edlen Römern
Getragen wider Brennus, wider Pyrrhus,
Und all' die andern Fürsten und Genossen:

Woher Torquat und Quinctius, der benamet
War nach dem wirren Haar und Decier, Fabier,
Ruhm fanden, den ich gern mit Myrrhen salbe:

Es warf den Stolz der Araber zur Erde,
Die, Hannibal nachfolgend, überschritten
Die alp'gen Felsen, die du Po herabfällst:

Darunter triumphirte noch als Jüngling
Scipio, Pompejus auch, bei jenem Hügel,
Darunter du geboren, zeigt' es herb sich:

Dann jener Zeit nah, wo der ganze Himmel
Die Welt nach seinem Vorbild läutern wollte,
Nahm Cäsar es dahin nach Roma's Willen:

Und was es that vom Varus bis zum Rheine,
Isara sah's und Era sah's, und Senna,
Und jede Kluft, woraus sich füllt der Rhodan.

Was dann es that, als von Ravenn' es auszog
Und übersprang den Rubikon, so fliegend,
Daß ihm nicht Zung', nicht Feder folgen könnte!

Dann gegen Spanien kehrt's die Heeresschaaren,
Dann gen Durazzo, und Pharsalia hieb es,
Daß man am heißen Nil das Weh empfunden:

Antander, Simois, woher es kommen,
Sah's wiederum, wo Hektor ausgestreckt ruht;
Dann wandt' es grimmig sich gen Ptolemäus,

Von wo es Blitze schleudernd kam zu Juba;
Darauf in euren Occident sich wandte,
Wo es vernahm die Pompejan'sche Tuba:

Das, was es mit dem Träger that, der folgte,
Bellt Brutus dort mit Cassius in der Hölle,
Und Modena war und Perugia traurig:

Drob weinet noch Cleopatra, die düstre,
Die, vor demselben fliehend, mit der Natter
In Eile sich und grausenvoll getödtet:

Es zog mit ihm bis zu dem rothen Meerstrand,
Mit ihm die Welt in solchen Frieden bringend,
Daß Janus Tempelthür geschlossen wurde:

Doch was das Zeichen, das mich reden machet,
Auch Anfangs that, und dann vollführen mochte,
Im sterblichen Gebiete, das ihm dienet:

Es war geringen Ansehns und verfinstert,
Schaut man es in der Hand des dritten Kaisers,
Mit klarem Auge und mit reinem Sinne:

Denn die mich athmen machet, die lebend'ge
Gerechtigkeit bot in die Hand desselben
Den Ruhm, zu üben ihres Zornes Rache.

Jetzt aber staune dem, was ich dir sage:
Es zog dann aus mit Titus Rache nehmend
Der Rache für die ältere Verschuldung.

Und als der longobardsche Zahn gebissen
Die heil'ge Kirche, kam unter den Fitt'gen
Ihr siegend beizuspringen Karl der Große.

Nunmehro aber kannst du richten jene,
Die ich vorhin anklagt', und ihre Sünden,
Die Ursach' sind an allen euren Uebeln.

Der setzt gen das gemeinschaftliche Zeichen,
Die gelben Lilien, jener rafft es an sich,
So daß es schwer zu schauen, wer mehr sündigt.

Die Ghibellinen mögen, was sie treiben,
Thun unter andrem Zeichen, stets folgt bös ihm,
Wer die Gerechtigkeit von selbem scheidet.

Und nicht zertrümm're jener neue Karl es
Mit seinen Guelfen, nein, die Klauen fürcht' er,
Die höh'ren Leuen schon das Vließ entrissen.

Schon vielemale weineten die Söhne
Um ihres Vaters Schuld, und nimmer glaub' er,
Daß Gott das Wappen tauscht mit seinen Lilien!

Es zieret aber dieser kleine Stern sich
Mit guten Geistern, welche thätig waren,
Damit denselben Ruhm und Ehre folgte.

Und wenn die Wünsche sich hierher bewegen,
Abirrend also, müssen wohl die Strahlen
Der wahren Liebe minder hell sie treffen.

Doch ist ja in dem Messen unsers Lohnes
Mit dem Verdienst ein Theil schon unsrer Wonne,
Da wir ihn weder kleiner sehn noch größer:

Drum sänftiget den Trieb so die lebend'ge
Gerechtigkeit in uns, daß man ihn niemals
Verleiten kann zu irgend einem Unrecht.

Verschiedne Stimmen bilden süße Weisen,
So schaffen andre Stufen in unserm Leben
Die Harmonie süß innert dieser Kreise:

Und innerhalb der Perle, drin du weilest,
Erstrahlt das Licht Romeo's, dessen Arbeit
Groß war und schön, doch übel aufgenommen.

Die Provenzalen aber, die entgegen
Ihm wirkten, lachen nicht, ja übel wandelt,
Wer sich aus Andrer Wohlthat Schaden bildet!

Vier Töchter hatte, jede eine Kön'gin,
Ramondo Berlinghieri, und dies schuf ihm
Romeo, nur ein schlichter Mann und Fremdling;

Und doch bewegten ihn die scheelen Reden,
Von dem Gerechten Rechenschaft zu fordern,
Der ihm für zehn fünf wiedergab und sieben.

Drauf ging von dannen er arm und betaget;
Und säh die Welt das Herz, das er besessen,
Das Leben sich erbettelnd bissenweise:

Sie preist ihn sehr und würd' ihn mehr noch preisen.


Gesang 07

Die Alles überleuchtende Gottesklarheit (s. Offenb. Joh. XXI V. 23) mit Hosianna preisend, wendet sich die Seele Justinian's wieder ihrem Sterne zu, und entschwindet mit den andern Seelenflammen, durch den Lauf desselben plötzlich in die Ferne gerückt. Dem Dichter sind bei Justinian's Worten (s. Parad. VI V. 90-93) zwei Bedenken gekommen: wenn die Kreuzigung Christi, wie Justinian gesagt hat, von Gott gerechter Weise zu Bestrafung der menschlichen Sündhaftigkeit verhängt war, begreift Dante nicht, wie sie wiederum mit Fug und Recht an den Juden durch Titus gerächt werden konnte? Sein andres Bedenken ist, warum Gott gerade seinen Sohn kreuzigen lassen, und die Menschen nicht auf andre Art erretten wollen? - Da kommt Beatrice wiederum den Fragen des Schüchternen zuvor, und sagt ihm: In Betracht der Sünde, die durch Adam in die Welt gekommen, und an Christi menschlicher Natur um Erfüllung der Gerechtigkeit willen durch Vergießung seines Blutes gerächt werden mußte, war die Kreuzigung gerecht, von Gott aus, von den Juden aus aber das größte Unrecht, Ansehens der göttlichen Person Christi, an der sie sich vergriffen. Dieses Unrecht ward durch Titus gerächt, als er Jerusalem zerstörte. In Betreff des zweiten Bedenkens sagt Beatrice weiter: Gott gehorsam verbunden sei der Mensch gut gewesen wie alle von Gott geschaffnen Dinge; aber nachdem durch Verführung der Schlange Adam ungehorsam, somit Gott abwendig und mit allem seinem Stamm unvollkommen geworden sei, die Menschheit nur auf zwei Wegen zu retten gewesen. Entweder hätte der Mensch von selber demüthig werden und seinen Ungehorsam wieder abbüßen müssen, oder Gott mußte ihm von freien Stücken verzeihen. Da nun der Mensch, vermöge des ihm durch Adam anhaftenden Ungehorsams, nicht von selbst demüthig werden und abbüßen konnte, gab Gott dem Menschen Christus zum Vorbilde der Demuth und des Gehorsams bis in den Tod, und verzieh zugleich denen, welche Christi Beispiele folgen würden. So hat er zur Erlösung der Menschheit nicht einen Weg allein erwählt, sondern viel reichlicher schenkend, beide vereinigt: dem menschlichen und dem göttlichen Christus folgend kann nun der Mensch genug thun, und Gott verzeiht. Daß Beatrice alles Geschaffne gut nennt, scheint der Vergänglichkeit der irdischen Dinge zu widersprechen; aber sie sagt, ihr Ausspruch beziehe sich nur auf das wirklich Geschaffne, die Engel, die Himmel und den Stoff aller Dinge: diese seien gut und ewig. Die Gestaltung des Stoffes aber sei Folge der Gestirnstellungen, so auch das Leben der Thiere und der Pflanzen, also wandelbar. Anders verhalte es sich mit dem Leben des Menschen; dieses sei ein Hauch Gottes und ewig; er werde demnach am jüngsten Tage wieder auferstehn, und der ewige Stoff, aus dem der Leib bestand, sich wieder zu nun unvergänglichem Leibe gestalten.

Osanna sanctus Deus Sabaoth,
Superillustrans claritate tua
Felices ignes horum malahoth:

So, als zu seinem Stern es wiederkehrte,
Vernahm ich da lobsingen jenes Wesen,
Auf welchem sich ein doppelt Licht verzwiefacht:

Dann folgt' es mit den andern dessen Reigen.
Und wie die schnellsten Funken bargen alle
Sich mir, verhüllt von plötzlicher Entfernung.

Ich war in Zweifel, und sprach zu mir selber:
Sprich, sprich, ja sprich davon mit deiner Herrin,
Die dir mit süßem Träufeln stillt das Dürsten.

Allein die Ehrfurcht, die mein ganzes Wesen
Gebietend einnimmt, schon bei B und ice,
Verneigte mich gleich Einem, welcher schlummert.

Nicht lang' ertrug mich also Beatrice,
Und hub nun an, zustrahlend mir ein Lächeln,
Wie es in Feuer Menschen selig schüfe:

Nach meinem unfehlbaren Schauen trägst du,
Wie die gerechte Rache irgend Strafe
Rechtlich empfahen könne, ein Bedenken:

Doch werd' ich dir den Geist sogleich entwirren,
Und höre wohl mich an, da meine Worte
Mit großem Spruche dich beschenken werden.

Weil bei der Kraft, die ihm zum Heile Zaum will,
Nicht Zaum ertrug der Mensch, der nicht geboren,
Verdammend sich, all seinen Stamm verdammt' er:

Weshalb das menschliche Geschlecht erkrankt lag
Viel hundert Jahre tief in großem Irrthum,
Bis Gottes Wort gefiel hinabzusteigen:

Wo der Natur, die sich von ihrem Schöpfer
Entfernte, es persönlich sich vereinte
Allein durch Walten seiner ew'gen Liebe.

Nun richte fest den Blick auf was ich sage:
Jene Natur, vereinigt ihrem Schöpfer,
War, eben erst geschaffen, schlicht und trefflich;

Nur durch sich selbst allein ward sie verbannet
Vom Paradies, weil sie sich abgewendet
Vom Weg der Wahrheit und von ihrem Leben.

Drum wenn die Pein man, die das Kreuz verursacht,
Nur an der angenommenen Natur mißt,
Hat niemals eine so gerecht gezüchtigt:

Und wieder war auch keine so voll Unrechts
Ansehens der Person, die sie erlitten,
Mit der die andere Natur sich einte.

Verschiednes ging hervor aus einer Handlung,
Da Gott und Juden einen Tod verlanget:
Die Erd' erbebt' ihm, auf that sich der Himmel.

Nun sollt' es fürder nicht mehr hart dir scheinen,
Sobald gesagt wird, daß gerechte Rache
Sodann gerächt ward von gerechtem Rathe.

Doch seh' ich von Gedanken in Gedanken
Befangen deinen Geist in solcher Schlinge,
Draus man mit großem Drang harrt auf Erlösung.

Du sagst: gar wohl erkenn' ich, was ich höre,
Doch birgt sich mir, warum Gott diese Weise
Allein gewollt zu unserer Erlösung.

Derselbe Rathschluß, Bruder, ist vergraben
Den Augen eines Jeden, dessen Sinnkraft
Nicht in der Liebe Flamme mündig worden.

Doch wahrlich, weil nach jenem Ziel wohl häufig
Geschauet, aber wenig nur erkannt wird:
Sag' ich, warum die Weise war die hehrste.

Die Gottesgüte, die von sich entfernet
Jedweden Haß, ersprüht in sich erglühend,
Daß ewige Schönheiten sie entfalte.

Das, was von ihr unmittelbar erträufelt,
Hat dann kein Ende, da sich nimmer ändert
Ihr eingedrücktes Bild, sobald sie siegelt.

Das, was von ihr unmittelbar herabträuft,
Ist Alles frei, weil es nicht unterlieget
Der Mächtigkeit von irgend neuen Dingen:

Ihr gleicht es mehr, und drum gefällt es mehr ihr,
Indem die heil'ge Glut, die Alles hell macht,
Im Allerähnlichsten lebend'ger webet.

All' dieser Dinge wird voraus theilhaftig
Die menschliche Natur, und, sündigt eine,
Von ihrem Adel muß herab sie sinken.

Die Sünd' ist's nur, was ihr die Freiheit raubet,
Und sie unähnlich macht dem höchsten Gute,
Weil seines Lichtes sie nur wenig aufnimmt.

Sie kommt nicht wiederum in ihre Würde,
Füllt sie nicht wieder da, wo Sünde aushöhlt,
Für falsche Lüste mit gerechten Bußen.

Eure Natur, als sie in ihrem Samen
Sich ganz versündigt, ward von diesen Würden
Gleichwie vom Paradiese weggebannet:

Und konnte sich nicht raffen, wenn genauer
Du es erwägen willst, auf keinem Wege,
Ohn' eine dieser Furten zu durchwallen:

Es hätte Gott denn nur durch seine Gnade
Verziehen, oder durch sich selbst der Mensch dann
Genuggethan, entgegen seiner Thorheit.

Nun senk' das Auge innen in die Tiefe
Des ew'gen Rathes, so viel als du Macht hast,
An meine Rede inniglich geheftet.

Der Mensch, nicht konnte er in seinen Schranken
Jemals genugthun, da er nicht vermochte
Hinabzugehn, in Demuth dann gehorchend,

So viel er nicht gehorchend aufwärts wollte:
Dies aber ist der Grund, warum den Menschen
Verschlossen war das Durchsichgnügenkönnen.

Drum kam es Gotte zu, auf seinem Wege
Zu neu'n den Menschen zum vollkommnen Leben,
Ich sag' auf einem, nein, vielmehr auf beiden.

Doch weil das Werk um so viel angenehmer
Dem Bildner ist, je mehr es irgend darstellt
Der Trefflichkeit des Herzens, dem es ausging:

War Gottes Güte, die dem All sich aufprägt,
Auf allen ihren Wegen es bewirkend,
Euch wiederum neu zu erheben selig.

Nicht zwischen letzter Nacht und erstem Tage
Geschah. und wird jemals geschehn so große
Und reiche That für diesen und durch jenen.

Denn reicher schenkte Gott, da er sich selbst gab,
Und zum Erstehn den Menschen gnügen machte,
Als hätte Gott nur seinerseits erlassen.

Und nimmer reichten all' die andern Weisen
Zur Rechtserfüllung, sobald Gottes Sohn nicht
Erniedriget sich hätte Fleisch zu werden.

Dir jeden Wunsch nun recht zu stillen, kehr' ich
Zurück, dir eine Stelle zu erhellen,
Damit allda du schauest wie ich selber.

Du sagst: ich seh' die Luft, ich seh' das Feuer,
Wasser und Erd', und alle ihre Mischung
Gelangen zum Verderb, und wenig dauern:

Und diese Dinge waren doch geschaffne;
Drum war es wahr, was ich vorhin gesprochen,
So müßten vor Verderben sie bewahrt sein?

Die Engel, Bruder, und die sichre Wohnstatt,
Worin du bist, kann man geschaffen nennen,
Weil sie vollkommen sind in ihrem Wesen:

Die Elemente aber, die du nanntest,
Und Dinge, die daraus gebildet werden,
Empfahen von erschaffner Kraft Gestaltung.

Geschaffen ward der Stoff, der ihnen inn' ist,
Geschaffen ward die Kraft, sie zu gestalten,
In diesen Sternen, welche sie umkreisen.

Die Seele jedes Thieres und der Pflanzen
Von mächtigerer Wesenheit empfäht sie
Strahl wie Bewegung aus den heil'gen Lichtern;

Allein unmittelbar haucht unser Leben
Uns höchste Huld, und flößt zu ihr ihm Lieb' ein,
So daß es immerdar sich nach ihr sehnet.

Dazu noch magst du eure Auferstehung
Hieraus begreifen, wenn zurück du denkest:
Wie menschlich Fleisch gebildet wurde damals,

Als die Ureltern beid' erschaffen wurden.


Gesang 08

An dem zunehmenden Glanze Beatricens gewahrt der Dichter, daß er sich plötzlich in höhern Stern, in den der Venus entrückt befinde, dem die Heiden fälschlich die irdische thörige Liebesregung zuschrieben und ihm irrthümlich Opfer brachten. Dieser Irrthum der Heiden bildet hier zugleich den frühern Irrthum der hier erscheinenden Seelen vor, welche vordem der irdischen Liebe auch allzuviel gehuldigt. Schneller als Sturmmind kommen sie heran, anzudeuten, daß sie dem Sturme der irdischen Licbe entfliehen konnten und entflohen sind, und sie werden in dem Stern himmlischer Liebe wie Funken in der Flamme unterschieden, oder wie Stimme im Gesange mehr und minder hell nach dem Maß ihrer göttlichen Anschauungen. Das am meisten genahte Licht erbietet sich, Dante's Fragen zu beantworten, sagend auch diese ganze Hosianna singende Schaar sei dazu bereit. Alle folgeten der Bewegung der Himmelsfürsten welche er einst angerufen, im Convito singend: Die ihr erkennend regt den dritten Himmel. - Nachdem Dante Beatricens Einwilligung in ihrem Blick erkannt, fragt er das redende Licht inbrünstig: wer sie seien? Da wird das gefragte Licht vor Wonne, ihm zu genügen, heller und größer, und giebt sich als Karl Martell, den König von Ungarn, Dante's Freund zu erkennen, sprechend, daß manches Unheil, was jetzt geschehe, nicht geschehen würde, wenn er noch auf Erden geblieben wäre; dann hätte auch Dante seiner Freundschaft erst recht froh werden sollen. Dann tadelt er die böse Herrschaft, welche Sizilien empört hat, auch das geizige Schalten seines Bruders Robert, der von so freigebigem Vater entsprossen. Auf die Frage Dante's aber, wie von gutem Vater böse Kinder entstehen könnten, antwortet Karl Martell: Alles sei verbedacht im ewigen Rathe, die Geschopfe mit all ihrer Wohlfahrt. Die Väter wurden immer ihnen gleiche Söhne zeugen, wenn Gott nicht durch den Einfluß der Gestirne bei Erschaffung der Seelen andre Grundanlagen hervorbringen ließe, die Mannigfaltigkeit zu bewirken, welche zur Bildung des Staates nothwendig sei. - Zu dieser Mannigfaltigkeit der Grundanlagen treten dann noch die Veränderungen, welche Fortuna hervorbringe; doch entstehe viel Böses daraus, daß die Menschen auf jene Grundanlagen nicht genugsam achteten, und die zu Priestern machten, welche zum Kriege bestimmt seien, aber die, welche predigen sollten, zu Königen machten. Darum sei die Welt eben so uus dem Gleise gekommen. Dies wird nicht ohne Bezug auf die gewaltthätigen Päbste gesagt.

Gefährlich war der Welt vordem die Meinung:
Die schöne Kypris strahl' die thör'ge Liebe
Herab im dritten Epicyclus kreisend:

Weshalb nicht ihr allein nur Ehr' erwiesen,
Mit Opferspenden und mit Weiherufen,
Die alten Völker im uralten Irrthum;

Nein, Dione ehrten sie auch und Cupido,
Als ihre Mutter die, als ihren Sohn den,
Erzählend, wie er Dido saß im Schooße:

Und ihr, mit der ich nun beginn', entnahmen
Des Sterns Benamung sie, der bald im Scheitel
Der Sonne äugelt, bald vor ihrem Auge.

Des Steigens in ihn wurde nicht gewahr ich;
Allein darin zu sein, bezeugte g'nug mir,
Daß ich verschönen sahe meine Herrin.

Und wie in Flamme wird geschn der Funke
Und wie in Stimme Stimme unterscheiden,
Bleibt fest die ein', und kommt und flieht die andre:

Sah ich in diesem Licht nun andre Leuchten
Im Kreis sich regen, mehr und minder eilend,
Nach Maßen, glaub' ich, ihres ew'gen Schauens.

Aus kalter Wolke fielen niemals Stürme,
Sichtbare oder nicht, so eilend nieder,
Daß hier sie nicht gehemmt und träg erschienen,

Dem, welcher jene göttlichen Geleuchte
Gesehn zu uns hergehn, den Reigen lassen,
Der bei den hohen Seraphinen anhebt.

Und hinter jenen, die mehr vorn zu schauen,
Erscholl Hosianna so, daß ich seitdem nie
Ohn' Sehnen war, es wieder anzuhören.

Nunmehro kam uns deren eines näher
Und hub allein an: »Alle sind bereit wir,
Wie dir's gefällt, weil du dich unser freuest.

Wir drehn uns mit den Himmelsfürsten gleichen
Kreises, und gleichen Gangs, und gleichen Durstes,
Zu welchen einst du auf der Welt gesprochen:

»Die ihr erkennend regt den dritten Himmel!«
Und sind so lieberfülltm daß, dir zu Liebe,
Nicht minder süß ein wenig ruhn uns sein wird.« -

Darauf als sich ehrfürchtig meine Augen
Erboten meiner Herrin, und sie diese
In ihr zufrieden und gewiß geschaffen:

Wandten sie wieder sich zum Licht, das also
Gewaltig sich verhieß, und: »Sagt, wer seid ihr?«
Erscholl mein Laut von großem Drang besiegelt

Und wie viel größer sah' ich es und schöner
Von neuer Wonne werden, die sich mehr ...,
Sobald ich also sprach zu seinen Wonnen

So angethan sprach es: »Die Erde hatte
Mich unten kurze Zeit, und blieb ich länger,
Viel Böses wird geschehn, das nicht geschähe.«

Es hält mich dir verborgen meine Freude,
Die ringshin mir entstrahlt und mich verhüllet,
Gleichwie ein Thier von seiner Seid' umhüllt ist.

Sehr liebtest du mich, hattest deß auch Ursach;
Denn weilte ich da unten noch, dir hätt' ich
Von meiner Liebe mehr als Laub geboten.

Das linke Ufer, das sich unten badet
Im Rhodanus, wenn ihm gemischt die Sorgue,
Erwartete mich einst zu seinem Herrscher;

Auch jenes Horn Ausoniens, das sich thürmet
Mit Bari, mit Gaeta, und Crotona,
Wo in das Meer der Tront' und Verde mündet.

Schon an der Stirn' erglänzte mir die Krone
Von jenem Lande, das die Donau streifet,
Sobald die deutschen Ufer sie verlässet:

Trinakrien, das schön' auch, welches dampfet
Zwischen Pachinum und Pelorus (über
Dem Golf, der stärksten Kampf besteht im Eurus),

Nicht durch Tiphoeus, durch entstehnden Schwefel,
Erwartete dann auch zu seinen Kön'gen
Die mir gebornen Sprossen Karl's und Rudolf's;

Wenn böse Herrschaft, welche stets beherzt macht
Die unterworfnen Völker, nicht Palermo
Erreget hätte: »Stirb, stirb, stirb!« zu schreien.

Und wenn mein Bruder dies vorausgesehen,
Die geiz'gen Bettelnden von Catalonien
Hielt er sich fern, daß sie kein Leid ihm brachten.

Denn wahrlich nöthig ist es, vorzuschauen
Für ihn, wie auch für Andre, daß sein Schifflein
Mit mehrer Last beschweret nicht versinke.

Seine Natur, die karg aus so freigeb'ger
Entsprossen ist, bedurfte einer Kriegsschaar,
Die nicht den Kasten anzufüllen sorgte.«

»Indem ich glaube, daß die hohe Wonne,
Die mir dein Wort einflößet, mein Gebieter,
Wo jedes Heil sein Ziel hat und beginnet,

Von dir geschauet wird, wie ich sie schaue,
Ist sie geliebter mir auch; dies ist werth mir,
Weil du's erkennst, empor zu Gotte schauend.

Du hast erfreut mich, so erklär' mir ferner,
Da du mit Sprechen mich bewegt zu Zweifeln,
Wie bittrer Samen kommen könn' aus süßem?«

So ich zu ihm; und er zu mir: »Vermag ich,
Dir Wahrheit darzulegen, zum Verlangten
Kehrst du das Antlitz dann, wie nun den Rücken.

Das Heil, das all' das Reich, das du ersteigest,
Regt und befriedigt, lässet seine Vorsicht
Kraft sein in diesen mächtiggroßen Körpern.

Und nicht nur vorbedacht sind die Naturen
In jenem Geiste, der aus sich vollkommen,
Nein, vorbedacht auch alle ihre Wohlfahrt.

Drum wieviel dessen Bogen je hinabschießt,
Fällt strebend hin zu vorbestimmtem Ziele,
Gleichwie ein Pfeil gerichtet auf sein Zeichen.

Wär' dem nicht so, es brächte dieser Himmel,
Den du durchwallest, also seine Früchte,
Daß sie nicht Werke wären, sondern Trümmer:

Und solches kann nicht sein, sind die verständ'gen
Beweger dieser Sterne, nicht voll Mängel,
Voll Mängel der auch, der sie nicht vollendet.

Willst du, daß diese Wahrheit mehr erhellt sei?« -
Und ich: »Nicht mehr, ich seh', es ist unmöglich,
Daß die Natur in dem, was Noth, ermüde.« -

Worauf er noch: »Nun sprich, wär's für den Menschen
Das Schlimmst' auf Erden, wäre er kein Bürger?« -
»Ja, sprach ich: und deß gehr ich nicht Beweise.« -

Und kann dies sein, wenn unten nicht gelebt wird
Verschiedner Weise, in verschiednen Diensten?
Nein wenn es recht euch schreibet euer Meister.«

Also gelangt' er bis hierher im Folgern,
Und schloß sodann: »Verschieden müssen also
Die Wurzeln sein von allen euren Sprossen;

Drum wird der Solon, Xerxes der geboren,
Ein Andrer Melchisedech, und ein Andrer,
Der fliegend durch die Luft den Sohn verloren.

Sphärennatur, die Siegel ist dem Wachse,
Dem sterblichen, macht trefflich ihre Arbeit,
Doch Unterschied nicht bei dem Haus' und jenem.

Daher geschieht's, daß Esau sich im Samen
Von Jakob trennt, Quirin auch von so niedrer
Erzeugung stammt, daß man dem Mars ihn zuschiebt.

Erzeugete Natur zög' ihren Weg fort,
Allimmer ähnlich denen, die erzeugen,
Wenn göttliche Vorschau nicht überwände.

Nun liegt, was hinter dir gelegen, vor dir.
Doch, daß du wissest, daß ich dein mich freue,
Empfah' noch einen Zusatz, der dich zudeckt.

Natur, wenn Zufall sie antrifft mißstimmend
Zu ihr, giebt gleich jedwedem andern Samen,
Der nicht in seinem Boden, bösen Ausschlag.

Und wenn die Welt da unten Obacht gäbe
Auf Grundanlage, welche die Natur legt,
Sie würd', ihr folgend, gutes Volk erzielen.

Allein ihr zwinget zu dem Priesteramte
Den, welcher für das Schwert geboren wurde,
Und macht zum König den, der taugt zur Predigt:

Darum ist eure Spur so außer'm Wege.


Gesang Canto 09

Karl Martell prophezeiht dem Dichter noch, was das Geschlecht der Provenzalen für Verräthereien erleiden, und was darauf für Strafe folgen werde, verbietet ihm aber, das Vorhergesagte zu verkünden, und wendet sich wieder Gott zu. Da schwebt ein andres Licht heran, und Beatrice gewährt dem Dichter, mit demselben zu reden. Darin ist die einst üppige Cunizza, die Schwester des Ezelino da Romano, welche gesteht, daß sie auf Erden von der irdischen Liebe beherrscht worden, und deshalb auf diesem Stern erscheine. Sie ist nicht mehr von Reue gequält, sondern hat sich, wie Gott ihr, verzichen, worüber der Pöbel wohl staunen möchte, wie sie selbst sagt. Neben ihr zeigt sie Dante die Seele des Dichters Folco von Marseille, erhebt dessen Ruhm und schilt dagegen das unrühmliche Thun des Trevisaner Volkes, dafür es, besonders aber die Stadt Padua Unheil erleben werde. Hierauf wendet sie sich in ihren Kreis zurück. Nun wird das andre Licht vor Freude heller und heller (wie die Schatten in der Hölle vor Leid dunkler werden), und Dante frägt ungeduldig, warum es seinen Wunsch noch nicht erfülle und mit ihm spreche? Hierauf giebt sich Folco weiter zu erkennen und erzählt, wie er in seiner Jugend der irdischen Liebe ergeben gewesen, was er indeß nicht mehr betraure, sondern vielmehr der Weltordnung froh sei, die zuletzt die irdische Liebe in die himmlische verklärt habe. Neben ihm strahle das Liebeslicht der Rahab, welche Christus, als er die Altvordern aus der Vorhölle erlöst, von allen Seelen zuerst aus seinem Triumphzug hier zurückgelassen habe als Siegespalme: denn sie habe, obwohl sie eine Buhlerin war, das Reich Gottes wirksam befördert; dagegen vergesse dies der an der Kirche ehebrecherische Pabst gänzlich, und trachte nur nach Weltlichem. Die vom Teufel gegründete Stadt Florenz schlage die Floren, welche alle Welt verführten und die Priester zu gierigen Wölfen machten, so daß man statt der Bibel und der Kirchenväter nur die Decretalen des Pabstes studire. Bald aber werde dem Ehebruch an der Kirche ein Ende gemacht werden. (Ueber das Wie? s. Fegef. XXXIII. Inhalt.)

Als mich dein Karl, anmuthige Clemenza,
Erleuchtet, nannt' er die Verrätherein mir,
Die sein Geschlecht dereinst erleben sollte;

Doch sprach er: Schweig', und laß die Jahre rollen,
So daß ich nichts verkünden kann, als Klage,
Gerechte, wird einst folgen euren Schäden.

Schon hatte sich des heil'gen Lichtes Antlitz
Zurückgewandt zur Sonne, die's erfüllet,
Als zu dem Gut, das jedem Ding genüget.

Getäuschte Seelen, sündliche Geschöpfe,
Die ihr von solchem Gut die Herzen abkehrt,
Auf Eitelkeit nur richtend eure Blicke!

Und siehe da, ein andrer Glanz aus jenen
That sich zu mir, und zeigte seinen Willen,
Mir zu gefallen, außen heller werdend.

Die Augen Beatricens, fest gerichtet
Auf mich, wie erst, mit lieblicher Gewährung
Befestigte sie mich in meinem Wunsche.

»O reiche bald Genügen meiner Sehnsucht,
Du sel'ger Geist, sagt' ich: und gieb Beweise,
Daß, was ich denk', in dir sich spiegeln könne!« -

Worauf das Licht, das mir bis dahin fremd war,
Aus seinem Innern, darin es zuvor sang,
Fortfuhr, wie Einer, den Wohlthun erquicket:

»In jenem Theile des verderbten Landes
Italien, der zwischen dem Rialto
Und Brenta's Quell gelegen ist und Piava,

Erhebt ein Hügel sich und ragt nicht hoch auf,
Von wo ein Feuer einst herabgekommen,
Das rings die Gegend mächtig überfallen.

Aus einer Wurzel sproßte ich und jenes:
Cunizza hieß ich und hier unten glänz' ich,
Weil dieses Sternes Licht mich einst besiegt hat.

Doch wonniglich verzeihe ich mir selber
Die Ursach' meines Looses, unbetrübet,
Was euren Pöbel vielleicht Wunder nähme.

Vom lichterfüllten hellen Edelsteine,
Der mir am nächsten ist in unserm Himmel,
Blieb großer Ruhm, und ehe der verschwindet,

Wird dies Jahrhundert hier annoch verfünffacht.
Sieh, ob der Mensch sich trefflich soll herfürthun,
Daß erstes Leben hinterlass' ein zweites!

Doch solches glaubet nicht der jetz'ge Haufe,
Den Tagliamento so wie Etsch umschließen,
Der, selbst geschlagen, dennoch nicht bereuet.

Doch bald geschieht's, daß Padua zum Sumpfe
Verkehrt das Wasser, das Vicenza netzet,
Da wider Pflicht halsstarrig sind die Leute.

Und da wo Sile und Cagnan' gesellt gehn,
Regieret und trägt hoch das Haupt so Einer,
Daß schon zu haschen ihn das Netz gewebt wird.

Auch Feltro wird seines verruchten Hirten
Treubruch beweinen, der so schändlich sein wird,
Daß man um Gleiches nimmer kam nach Malta.

Zu mächtig würde wohl ein Bottich werden,
Der dann der Ferrareser Blut aufnähme,
Und müde, wer es wöge Loth nach Lothe:

Was schenken wird der sehr gefäll'ge Priester,
Sich von Parthei zu zeigen; und dergleichen
Geschenke werden dort nach Landesbrauch sein.

Spiegel sind droben: ihr benennt sie Throne,
Woher zu uns Gott richtend widerstrahlet;
Daß wir als richtig schauen was ich sagte.« -

Hier schwieg sie, und erschien mir so als hätte
Sie Andrem sich im Kreise zugewendet,
In den sie, wo zuvor sie war, zurückging.

Die andre Wonne, die mir schon bekannt war,
Ward überleuchtend Ding mir vor dem Antlitz,
Gleich köstlichem Rubin, den trifft die Sonne.

Durch freudig sein erwirbt man Glanz da oben,
Wie Lächeln hier; doch es erdunkelt drunten
Der Schatten außen, wie sein Geist betrübt ist.

»Gott schaut das All, dein Schaun vertieft in ihm sich,
Sprach ich: o selger Geist, daß nicht ein Wille
In ihm dir noch verdunkelt bleiben könne.

Doch deine Stimme, die der Himmel froh macht
Allimmer durch den Sang der heil'gen Feuer,
Die Ordenskleid sich machen mit sechs Flügeln:

Warum genüget sie nicht meinen Wünschen?
Würd' ich doch deine Bitte nicht erwarten,
Schaut' also ich in dich, wie du in mich schaust!« -

»Das größte Thal, drin sich das Wasser breitet,
War jetzo seiner Reden Anfang: außer
Dem Ocean, der rings umkränzt die Erde,

Er woget zwischen den ungleichen Ufern,
Der Sonn' entgegen, bis es Mittagkreis macht
Da. wo zuerst es Horizont gebildet.

Desselben Thals Strandwohner war ich, zwischen
Dem Ebro und der Macra, die mit kurzem
Lauf vom Toskaner trennt den Genueser.

Fast gleichen Untergang und Aufgang haben
Buggea und die Stadt, daraus ich stammte,
Die einst mit ihrem Blut heiß schuf den Hafen.

Es nannte Folco jenes Volk mich, welchem
Bekannt mein Name war, und dieser Himmel
Erhält durch mich Gepräg, wie einst durch ihn ich:

Denn mehr entbrannte nicht die Tochter Belus,
Sichäus Trauer bringend und Creusen,
Als ich, so lang es meinem Haar gemäß war:

Noch jene Rhodopäerin, die vormals
Demophoon betrogen, noch Alcides,
Als Jolä er in sein Herz geschlossen.

Doch dies bereut man hier nicht, nein, man jauchzet,
Nicht dem Vergehn, das nicht kehrt zur Erinn'rung,
Der Kraft nur, die da ordnete und vorsah.

Hier schauet man die Kunst an, welche zieret
Mit solcher Inbrunst, und erkennt das Gute,
Weil zu der obern Welt rückkehrt die untre.

Doch daß du deine Wünsche all' erfüllet
Mitnehmest. so die Sphära hier geboren,
Muß ich nunmehr noch weiter fürderschreiten:

Du willst erfahren, wer in diesem Licht sei,
Was dir in meiner Nähe hier erfunkelt,
Gleichwie ein Sonnenstrahl in klarem Wasser?

So wisse, daß da innen sich beruhigt
Rahab, und unsrer Ordnung angeschlossen
Von ihm gezeichnet wird auf höchster Stufe.

Von diesem Himmel, wo der Schatten spitz wird,
Den eure Welt macht, ward vor allen Seelen
Sie Christi Siegeszug zuerst entrücket.

Wohl ziemt' es sich, als Palme sie zu lassen
In einem Himmel, jenes hohen Sieges,
Der einst erworben ward mit beiden Händen:

Dieweil sie günstig war dem ersten Ruhme
Von Josua, dort in dem heil'gen Lande,
Das wenig an's Gedächtniß rührt dem Pabste.

Doch deine Stadt, die dessen Pflanze, welcher
Zuerst gewandt den Rücken seinem Schöpfer,
Wovon der schon so viel beweinte Neid stammt,

Erzeugt, verbreitet die verfluchten Blumen,
Die von dem Weg gelocket Schaf' und Lämmer,
Indem zum Wolfe sie gemacht den Hirten.

Drum ruht das Evangelium, ruhn die Lehrer,
Die großen, und allein die Decretalen
Studirt man, daß sich's zeigt an ihren Rändern.

Danach nur trachten Pabst und Cardinäle:
Ihr Denken geht nicht mehr nach Nazareth hin,
Wo Gabriel die Flügel einst entfaltet!

Allein der Vatican und all' die andern
Erwählten Theile Rom's, die Gruft geworden
Der Heeresschaar, die Petrus nachgefolgt ist:

Bald werden ledig sie des Ehebruches.


Gesang Canto 10


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