Dante Alighieri - La Divina Commedia

Otto Gildemeister - Die Göttliche Komödie

Die Hölle

Hölle - Gesang 01

Das Gedicht beginnt mit genauer Zeitbestimmung. Nach dem Psalmisten währt unser Leben siebenzig Jahre, der halbe Lebensweg bedeutet also fünfundfreißig. Dante, im Jahre 1285 geboren, verlegt den Beginn seiner mystischen Pilgerfahrt in das Jahr 1300, welches zugleich ein kirchliches Jubeljahr war. Es war Frühlingsanfang; die Sonne stand wie am Schöpfungsmorgen, das heißt im Sternbilde des Widders, und es war, wie der 21. Gesang lehrt der Todestag Christ, den die Überlieferung auf den 25. März verlegte.

Die allegorische Bedeutung des ersen Gesanges ist schon von den ältesten Auslegern im wesentlichen festgestellt worden. Der Dichter ist in dem dunklen Walde des gottentfremdeten weltlichen Lebens verirrt; die wilden Tiere, die in diesem Walde hausen, das heißt die zügellosen Laster der Zeit, Wollust (das Pardeltier), Stolz und Herrschsucht (der Löwe) und Geiz oder Habgier (die Wölfin) drohen ihn zu verderben und hindern ihn, das Heil, welches er vor sich sieht, „den Berg der Wonnen”, den die Sonne, das Licht der Wahrheit, bestrahlt, zu erreichen. Die gehobene Stimmung der Jugend ermutigt ihn zwar eine Zeitlang, von der Weltlust, dem „bunten Wilde”, Befriedigung zu erwarten, „Gutes zu hoffen”, aber schließlich verzweifelt er, dem Labyrinthe der Sünde und des Irrtums zu entkommen. Da sendet ihm die Gnade den Retter in der Person Virgils, der im Sinne des Mittelalters als der vollkommenste Dichter, als der Sänger der römischen Weltherrschaft für Dante der Vertreter der höchsten menschlichen Bildung und Weisheit ist. An Virgils Hand, von menschlicher Erkenntnis geleitet, wird er den Weg finden, der allein zur Erlösung aus dem dunklen Walde führt; zuerst das Entsetzen vor den Abgründen der Sünde, sodann die Heilswirkung der Buße, den Weg durch die Hölle und durch das Fegefeuer, wo die Geister „zufrieden Pein bestehn”, weil die Pein nur Läuterung ist zum ewigen Frieden, im Anschauen Gottes. Dies Anschauen des Himmlischen freilich vermag Virgil ihm nicht zu gewähren; dazu bedarf es der christlichen Erleuchtung und der göttlichen Gnade, welche beide in der Gestalt der Beatrix, der verklärten Jugendgeliebten Dantes, verkörpert erscheinen.

Nur darf man weder in diesem ersten Gesange noch überhaupt in der göttliche Komödie sich ausschließlich an die Allegorie halten. Die Personen wie die Vorgänge haben immer neben ihrer sinnbildlichen Bedeutung ihre volle Existenz als wirkliche Individuen, als wirklich Geschehendes. Der Virgil der Hölle ist nicht bloß eine allegorische Figur, sondern zugleich der historische Dichter der Äneis; Beatrix ist nicht allein die vermenschlichte Theolgie oder die Gratia perficiens, sondern zugleich die schöne Florentinerin, die in dem Herzen des neunjährigen Dante die unverlöschliche Liebesflamme entzündet hatte. Dies Verfließen des eigentlichen und des symbolischen oder des allegorischen Sinnes geht durch das ganze Gedicht, und auf ihm beruht zu nicht geringem Teile der poetische Eindruck.

Wie man die göttliche Komödie zu lesen habe, dazu hat Dante selbst in der Widmung, die er an Can Grande della Scala schrieb, Anleitung gegeben. Dort nennt der sein Werk „polysensum, hoc est plurium sensuum” und er führt den 114. Psalm („Als Israel aus Ägypten zog”) an, um zu zeigen, wie in den nämlichen Worten ein tieferer unter dem buchstäblichen Sinne liegen könne. Er sagt: „Sehen wir den Buchstaben an, so bedeutet er den Auszug der Kinder Israels unter Moses. Sehen wir auf die Allegorie, so bedeutet er unsere Erlösung durch Christus. Sehen wir auf den moralischen Sinn, die Bekehrung der Seele von dem Elende der Sünde zum Stande der Gnade. Sehen wir auf den anagogischen Sinn, den Ausgang der heiligen Seele aus der Knechtschaft dieser Verderbnis in die ewige Freiheit der Herrlichkeit.” So wie er es hier meint, hat er in seiner eigenen Dichtung parallel laufende, aber verschiedene Ideen zu einer untrennbaren Kunstform zusammengeschmiedet.

Hölle - Gesang 02

Dem ersten Entschlusse des Dichters folgt zaghaftes Bedenken. Er zweifelt an seiner Kraft und Würdigkeit, den Weg durch die Geisterwelt zu gehen. Zwar habe Äneas und das „Gefäß der Wahl” (vas electionis, wie Paulus in der Apostelgeschichte 9, 15. genannt wird), vor dem Tode Elysium und Paradies geschaut, aber Dante kann sich ihnen nicht gleichstellen. Dem Äneas vergönnte Gott („der Feind des Bösen”) diesen Gang, weil er durch die Verkündigungen des Anchises befähigt werden sollte, der „Vater Roms”, der Vorbereiter der auf Kaisertum und Papsttum ruhenden Weltordnung zu werden. Und Paulus ward in den Himmel entrückt, um den christlichen Glauben kräftiger lehren zu können. So hohe Rücksichten stehen dem Unterfangen Virgils nicht zur Seite.

Virgil beruhigt den Furchtsamen mit dem Hinweise auf den himmlischen Auftrag, dem er folgt. Virgil war „bei jenen, die in Zweifel schweben”, das heißt bei den tugendhaften Heiden, die in der Vorhölle, in einem Zweifelzustande, weder unselig noch selig, weilen, als Beatrix, vom höchsten Himmel herabsteigend, ihm den Befehl brachte, Dantes sich anzunehmen. Verschleiert wird angedeutet, daß die Mutter Gottes selbst die Hilfesendende war. Als Vermittlerinnen gebraucht sie die heilige Lucia, eine syrakusanische Märtyrin, zu der Dante, welcher „ihr Getreuer” genannt wird, in einem besonderen Andachtsverhältnis gestanden haben mag, und vor allem des Dichters verklärte Jugendliebe, Beatrix, „wahres Lob des Herrn” genannt, wohl deshalb, weil, wie Dante in der Vita nuova erzählt, die Leute, wenn sie auf der Straße ging, Gott priesen, der ein solches Wunder schuf.

Es ist gewiß nicht unrichtig, in den drei heiligen Frauen, die sich Dantes erbarmen, die drei Arten der Gnade, wie die scholastische Theologie sie definiert hat, symbolisiert zu sehen, in Maria die gratia praeveniens, die den ersten unverdienten Anstoß zur Besserung gibt, in Lucia die gratia operans oder nach anderen die erleuchtende Gnade, und in Beatrix die gratia perficiens, die das Streben des Bußfertigen mit Vollendung krönt. Unverkennbar ist aber die Beatrix des Gedichts außerdem als Spenderin der göttlichen, dem Menschen nur auf dem Wege der Offenbarung zugänglichen Wahrheit in einen Gegensatz zu Virgil, dem Vertreter der höchsten menschlichen Intelligenz und Weisheit gebracht, wie sie denn am Schlusse des Fegefeuers geradezu mit der heiligen Kirche identifizeirt erscheint. Die gelehrte Auslegung mag genötigt sein, die geheimnisvollen Beziehungen von der Gestalt, wie der Dichter sie hinstellt, abzuscheiden und mit harten Strichen tabellarisch zu ordnen; der Leser sollte sich hüten, diesen Prozeß mitzumachen, vielmehr die Gestalt so nehmen, wie Dante sie geschaffen hat, als Einheit und Realität, aus der man wohl vieles abstrahieren kann, die aber selbst sich nie einfach in eine Abstraktion verwandeln läßt.

Hölle - Gesang 03

Die Inschrift des Höllentors besagt, daß die Dreieinigkeit (Macht, Weisheit, Liebe) die Hölle schuf aus Gerechtigkeit, das heißt zur Strafe für die ersten Geschöpfe, die von Gott abgefallenen Engel. Hier scheint es am Orte, die im Gedichte zerstreute Topographie der Hölle vorweg zu erledigen.

Die Hölle bildet unter der Erdoberfläche einen Trichter, dessen Spitze im Mittelpunkt der Erde, also des Weltalls (nach dem alten System) liegt. Den Deckel des Trichters bildet ein Kreis, in dessen Mitte Jerusalem, an dessen Peripherie u. a. Florenz sich befindet. Die Achse des Trichters liegt mithin in der Linie von Jerusalem durch das Erdzentrum nach der südlichen und der westlichen Hemisphäre. Die Wand des Trichters senkt sich in acht Absätzen zur Tiefe. Auf jedem Absatze ist einer der neun Höllenkreise, nur auf einem liegen zwei konzentrisch nebeneinander. Zwischen dem Tor und dem großen Kreise liegt neutrales Revier, der Ort der verächtlichen Geister, die es weder mit Gott noch mit dem Bösen gehalten haben. Unter ihnen erkennt Dante einen, „der aus Feigheit den großen Verzicht leistete”. Wahrscheinlich ist Papst Cölestin V. gemeint, der, um sich aus den Kämpfen des Lebens zurückzuziehen, sein Amt aufgab und dadurch dem von Dante über alles gehaßten Bonifazius VIII. Raum machte. Die Strafe, welche an diesen Feigen vollstreckt wird, soll den Auslegern zufolge die Natur derselben versinnbildlichen, das willenlose Folgen hinter einer Fahne, die nie rasten darf und immer im Kreise läuft, die Anstachelung verächtlicher Tiere, die Hingabe von Blut und Tränen an das Gewürm im Staube. In manchen der folgenden Höllenstrafen tritt ein symbolischer Zusammenhang mit dem bestraften Laster zu Tage, doch ist die Frage, ob man gerade in jeder Einzelheit danach suchen sollte.

Auf dies neutrale Grenzland folgt der die Hölle umschließende Fluß Acheron, über den Charon die Seelen schifft. Die unseligen Schatten eilen trotz ihrer Furcht, angespornt von dem Stachel der ewigen Gerechtigkeit, nach dem Strande. Dante selbst wird vom Charon zurückgewiesen, weil sein Körper für das Geisterschiff zu schwer wäre, außerdem weil, wie Virgil ihm zu verstehen gibt, kein Guter je den Acheron durchschiffte.

Hölle - Gesang 04

Auf geheimnisvolle Weise, schlafend gelangt der Dichter über den Acheron an den Rand des Trichters, aus dessen Tiefe das Geheul der Verdammten schallt. Er betritt den ersten Höllenkreis, wo jene Geister wohnen, „die im Zweifel scheben”, die Seelen der Tugendhaften, welche ungetauft gestorben sind. Es ist die Vorhölle der alten Theologie, der Limbus patrum, in welchem die Gerechten des Alten Bundes, bis Christus kam, verweilten, die gerechten Heiden (nach Dantes Theorie) ewig weilen, ohne Pein, aber auch ohne Hoffnung. Die Lehre von der Vorhölle stützt sich auf 1. Epistel Petri, 3, 18, aber dort steht von der Erlösung der Patriarchen nichts, und Dante zeigt sich deshalb bemüht, Bestätigung der kirchlichen Überlieferung zu erlangen. Virgil, der erst fünfzig Jahre in der Hölle war, als Christus niederfuhr, berichtet als Augenzeuge jener Erlösung.

Die erlauchtesten unter den Heiden erfreuen sich einer hellen Wohnstätte in einem gleichmäßig nach allen Seiten strahlenden Lichte, das mithin von der Dunkelheit „halbkugelförmig” umgrenzt wird. Hier wird Dante von den größesten Dichtern begrüßt; sie behandeln ihn als ihregleichen, und sie sagen ihm Dinge, die ihn beglücken, die aber wiederzusagen ihm nicht ziemt. Noch nennt er drei Gruppen anderer Heiden, 1. solche, welche mit den Geschicken Roms in Beziehung stehen, auch Trojaner als Ahnen der Römer, die sich um Elektra, Tochter des Atlas und des Dardanus Mutter, scharen; 2. die Philosophen des Altertums, als deren größester Aristoteles, „der Meister der Wissenden”, den obersten Sitz einnimmt, gemäß der während des Mittelalters ihm erwiesenen fast göttlichen Verehrung; nur zwei werden näher charakterisiert, Demokrit als Urheber der Lehre, daß der Zufall die Welt hervorbrachte, Dioskorides als Verfasser eines Werkes über die Qualitäten der Pflanzen und Steine; etwas befremdlich gesellen sich Orpheus und der sagenhafte Sänger Linus zu dieser Gruppe; 3. die Naturforscher, Mathematiker, Ärzte. Isoliert stehen Saladin, als einziger unter den mohammedanischen Großen und Averroes, der arabische Ausleger des Aristoteles. Die beiden letztgenannten, wie auch der arabische Arzt Avicenna, beweisen, daß Dantes Toleranz sich nicht auf gas klassische Heidentum beschränkt.

Daß Dante, der selbst das Griechische nicht las, den Homer in diesem Gesange so hoch erhebt, erklärt sich daraus, daß er unbedingt glaubte, was Aristoteles, Virgil und andere ihm bekannte alte Schriftsteller zum Lobe Homers sagen. Den griechischen Dichter läßt er mit einem Schwerte auftreten, ein Hinweis auf den kriegerischen Inhalt der Ilias.

Hölle - Gesang 05

Im zweiten Kreise beginnt die eigentliche Hölle. Minos, nach der Art des Mittelalters in einen Teufel verwandelt, weist jeder Seele den Kreis an, der ihrer besonderen Sünde gebührt; die Zahl der Ringe, die sein Schweif schlägt, gibt die Zahl des Kreises an.

In dem zweiten Kreise wird Fleischeslust und sündliche Liebe gebüßt. Semiramis, welche die Ehe zwischen Eltern und Kindern erlaubt haben soll, um ihre blutschänderische Liebe zum eigenen Sohne zu legalisieren, Dido, Kleopatra und andere berühmte Schatten ziehen in dem ewigen Wirbelsturm, der ihre Leidenschaft symbolisch andeutet, vorüber, bis zwei kommen, die allein Dante ihren Ruhm verdanken, Francesca da Rimini und Paul Malatesta. Die unnachahmlichen Verse, welche ihnen gewidmet sind, lassen erkennen, daß Dante von einem Ereignisse spricht, welches seinen Zeitgenossen in frischer Erinnerung war und tiefe Teilnahme erweckt, vermutlich auch zu vielfachen Gerüchten und Zweifeln Anlaß gegeben hatte.

Francesca war die Tochter Guido Polentas, Herrn von Ravenna. Im Jahre 1275, zehn Jahre nach Dantes Geburt, ward sie aus politischen Gründen mit Gianciotto, ältestem Sohn des Herrn von Rimini, Malatesta Verucchio, verheiratet. Der zweite Sohn Paolo, der schon seit 1269 vermählt war, bekleidete 1282 ein militärisches Kommando in Florenz, war also wahrscheinlich Danten wenigstens von Ansehen bekannt. Gianciotto entdeckte im Jahre 1285, daß zwischen seiner Gemahlin und Paolo ein Liebesverhältnis bestehe; er überraschte sie und stach sie nieder. Boccaccio will in Ravenna von einem alten Diener Dantes gehört haben, Paul habe, weil er schön gewesen sei, den Freiverkehr für seinen lahmen und häßlichen Bruder gemacht; Francesca habe ersteren für den Bräutigam gehalten, sich in ihn verliebt und erst am Morgen nach der Brautnacht den Irrtum entdeckt. Dante selbst lebte während seiner letzten Jahre in Ravenna bei Guido Polenta, dem Neffen Francescas und wird von diesem die näheren Umstände der Familientragödie gehört haben. Er würde schwerlich den von Boccaccio erzählten Betrug, der Francescas Schuld so wesentlich gemildert hätte, verschwiegen haben, wenn er davon gewußt oder daran geglaubt hätte. Denn augenscheinlich synpatisierter mehr mit den Ehebrechern als mit dem betrogenen Gatten, dem er den tiefsten Hölleinkreis, "Kaïna", den Aufenthalt der Verwandtenmörder, in Aussicht stellt. (Gianciotto lebte noch um die Zeit, in die Dante seine Höllenfahrt verlegt; er starb 1304.)

Das Buch, welches Francesca und Paolo an dem verhängnisvollen Tage lasen, ist einer jener Ritterromane aus dem Sagenkreise König Arturs, die zu Dantes Zeit in allen Landen Europas eifrig gelesen wurde, "die Geschichte Lanzelotts vom See", welche im 66. Kapitel ausführlich erzählt, wie Königin Ginevra, auf Zureden des Königs Galehaut oder Galeotto, dem im stillen sie anbetenden Ritter "das ersehnte Lächeln" zeigt, das den ersten Kuß herbeiführte. Galeotto war der Kuppler gewissermaßen, und desalb sagte Francesca, das Buch sei ihr Galeotto gewesen.

Der Familie Malatesta begegnen wir in der Hölle" noch zweimal. Im 27. Gesange werden der alte Verucchio und ein dritter Sohn, Malatestino, als zwei Fanghunde geschildert, und im 28. Gesange wird Malatestino von Rimini eines Meuchelmordes beschuldigt. Das Geschlecht hat sich bis ins 16. Jahrhundert in Rimini behauptet; Lord Byrons Paristina, welche im Jahre 1418 mit Riccolo, Markgrafen von Ferrara, sich vermählte, war eine Malatesta.

Francescas berühmter Ausspruch, daß es keinen größeren Schmerz gebe, als im Elend sich des Glücks zu erinnern, scheint Dante auf eine Stelle in Virgil zurückführen zu wollen. Dein Lehrer kennt dies Leid," sagt sie zu unserem Dichter. Man hat aber eine solche Stelle in Virgils Werken nicht gefunden (das von Philaletes zitierte Ifandum regina jubes renovare dolorem enthält den gerade entgegengesetzten Gedanken), wohl aber nachgewiesen, daß in dem Danten wohlbekannten Werke des Boëthius "de cosolatione" die Worte vorkommen: In omni adversitate fortunae infelicissimum genus infortunii est fuisse felicem. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Dante diesen Satz im Auge hatte, jedenfalls wahrscheinlicher, als daß er, wie ein Ausleger meint, Francesca ganz allgemein sagen lassen wollte, Virgil als ein weiser Mann werde wohl wissen, daß sie recht habe.

Schon den alten Kommentatoren ist die besondere Ergriffenheit aufgefallen, mit der Dante diesen 5. Gesang schließt, und sie erklären sie so, daß er selbst auf eine von Sünden der Liebe nicht freie Jugend zurückgeblickt habe. Ohne dem zu widersprechen, kann man sich auch mit einer minder persönlichen und vielleicht poetischeren Deutung begnügen; die Betrachtung, daß so das Menschenschicksal sei, daß eine so süße Sehnsucht wie die der Liebe zu solchem Elend führen könne, reichte wohl aus, den Zeugen dieses Elends so zu erschüttern, wie es dargestellt wird.

Hölle - Gesang 06

Im dritten Kreise büßen diejenigen, welche dem Bauche gefrönt haben, die Schlemmer und Völler, in den Schlamm dahingestreckt wie Schweine, bewacht von dem "Dämon Cerberus", dessen dreifacher Rachen ein Sinnbild ihres Lasters scheint. Mit dem Laster der Völlerei selbst beschäftigt sich der Gesang sehr wenig; er wird vom Dichter mit lakonischer Verachtung behandelt; von allen diesen Sündern wird nur ein einziger der Erwähnung gewürdigt, und mit diesem wird von ganz anderen Dingen als von den Freuden der Tafel geredet. Der Florentiner, welcher sich selbst als Zeitgenossen Dantes zu erkennen gibt, Ciacco mit Namen, scheint eine Art öffentliche Rolle in seiner Stadt gespielt zu haben. Boccaccio erzählt von ihm einen lustigen Schwank (Decameron IX, 8), und schildert ihn als einen Feinschmecker und nimmersatten Schmarotzer, der übrigens bei seinen reicheren Mitbürgern wohl gelitten war, weil er Geist und Witz besaß.

Um die Prophezeihung zu verstehen, die Dante dem Ciacco in den Mund legt, braucht man sich nicht in das Wirrsal der florentinischen Parteiungen zu vertiefen. Zwei feindliche Familiengruppen, die Weißen und die Schwarzen genannt, hatten im Jahre 1300 die Stadt in Unruhe gestürzt, in einem Augenblicke, wo Dante als einer der Prioren im Regimente saß. Die Prioren verbannten die Häupter beider Gruppen, doch scheint man die Weißen (welche auch aus irgend einem Grunde la parte selvaggia, die Waldpartei, hieß) glimpflicher behandelt zu haben. Der Führer der Schwarzen Corso Donati gewann die Unterstützung des Papstes Bonifaz VIII., des "Starken", von welchem V. 69 die Rede ist. Auf Antrieb des Papstes bemächtigte Karl von Valois, Bruder des Königs von Frankreich, sich der Stadt Florenz, und die Schwarzen verbannten mit vielen anderen ihnen feindlichen Bürgern auch Dante, welcher damals sich zu den Weißen hielt (1302), bis er später, wie er an einer anderen Stelle von sich rühmt, für sich allein eine Partei bildete und als einsamer Flüchtling für die kaiserliche Sache und die Regeneration Italiens eiferte. Unter französischem Schutze vertrieben im Jahre 1304 die Schwarzen alle zu den Weißen gehörenden Familien. Von dieser Katastrophe scheint Dante zu sprechen, wo er der "drei Jahreswenden" erwähnt, V. 67, und jedenfalls geht aus V. 70 hervor, daß die Prophezeihung nicht früher als 1304, wenn so früh, geschrieben wurde.

Man wird bemerken, daß Dante drei Fragen an Ciacco richtet, 1. wohin der Bürgerzwist führen werden; 2. wie viele Gerechte in Florenz seien; 3. wo einige verstorbene verdiente Mitbürger jetzt sich aufhielten. Nur zwei Gerechte sind in Florenz, aber Ciacco nennt sie nicht; einen derselben wird jeder erraten. Von den namhaft gemachten gut gesinnten Bürgern finden wir Farinata bei den Ketzern (Gesang 10, 33), Tegghiajo und Rusticucci im Flammenregen Sodoms (Ges. 17, 41 ff.), und Mosca bei den Zwietrachtschürern (Ges. 28, 103 ff.).

Am Schlusse des Gesanges wird die Frage, ob die Höllenpein nach der Auferstehung des Fleisches sich steigern werde, bejaht, weil Leib und Seele vereint eine höhere Vollkommenheit darstellen als die Seele allein, und das vollkommenere Wesen wie mehr Lust so auch mehr Schmerz empfindet. Im "Paradiese" wird derselbe Satz in entgegengesetzter Richtung auf die Seligen angewandt.

Aus den drei letzten Versen ersieht man, daß die beiden Dichter den Kreis quer durchschneiden, bis zu seinem inneren Rande, wo es zum vierten Kreise hinabgeht, zu den Geizigen und den Verschwendern. Dort hält Plutus, der Gott des Reichtums, hier zum Teufel degradiert, Wache.

Hölle - Gesang 07

In einer unverständlichen Höllensprache ruft Plutus den Satan die Eindringlinge an. Die Ausleger haben sich den Kopf zerbrocken, um klar zu machen, was der Dichter im Dunkel halten wollte. Neuerdings deutet man die rätselhaften Worte als eine Corruption des hebräischen Satztes pach pi Satan, pach pi Satan hallehabe, was heißen würde: Spei, Satans Mund, spei, Satans Mund, Feuer. Vielleicht hat Dante einen solchen hebräischen Vers mit Hilfe eines sprachkundigen Mannes angefertigt, ohne sich um die genaue Wiedergabe des Gehörten zu kümmern.

Im vierten Kreis werden die gestraft, welche an den irdischen Gütern freveln, der Geiz sowohl wie die Verschwendung. Den einen Halbkreis durchwandern die Geizigen, unter ihnen viele Geistliche; den andern Halbkreis der Verschwender in entgegengesetzter Richtung. So gleichen die beiden Züge der zwiefachen Strudelbewegung der Charybdis. An den beiden Enden des Halbkreises stoßen sie zusammen und bellen einander mit Schmähworten an. Keiner dieser Sünder wird der Nennung des Namens gewürdigt.

Die irdischen Güter stehen unter der Verwaltung der Fortuna, die keineswegs, wie die gewöhnliche Meinung ist, zu den Teufeln gehört. Virgil belehrt den Dichter eines besseren. Wie Gott die Lenkung der himmlischen Gestirne »den Intelligenzen« anvertraut hat, welche das Volk Engel nennt, (so sagt Dante in seinem Convito), ebenso hat er die irdischen Güter unter die Verwaltung Fortuna's gestellt, deren steter Flug der Notwendigkeit, d. h. dem ewigen Ratschlusse Gottes, folgt und die man deshalb mit Unrecht schmäht und verwünscht. Ihr Wechsel ist ebenso gesetzmäßig wie die Bewegung der Himmel, welche so geordnet ist, daß jeder Teil jedem Teile sichtbar wird. Daß Dante die Intelligenzen oder Engel als »Götter« bezeichnet, ist nur ein Anklang an den antiken Sprachgebrauch. Bei den Alten waren Jupiter, Mars, Venus u. s. w. zugleich Götter und Gestirne, und Dante glaubte an die Wirklichkeit dieser Wesen,denen er nur eine andere Stellung, seiner christlichen Kosmologie gemäß, anwies.

Mit V. 98 beginnt der zweite Tag der mystischen Reise. Die Sterne, welche aufgingen, als Virgil an die Oberwelt trat, sinken jetzt; Mitternacht ist vorüber; der 26. März nimmt seinen Anfang. Man gelangt niedersteigend in den fünften Kreis, an den weiten sumpfigen See des Styx, in dem die Zornigen liegen.

Die Ausleger sind uneinig darüber, was für Sünder es sind, die unter dem Wasser des Styx liegen und ungesehen jammern. Die einen nehmen an, daß ihr Laster die Trägheit war (vgl. V. 124), gewissermaßen der Gegensatz des Zorns, wie die Verschwendung Gegensatz des Geizes. Die andern erklären sich für Groll und Neid, die im Innern brennen, ohne zu offnem Ausbruch zu kommen, und die das heitre Leben demjenigen, der sich diesen Lastern hingiebt, verdunkeln wie Rauch. Diese Deutung scheint mir die einfachere; Trägheit im Sinne der scholastischen Theologie ist Saumseligkeit in der Erfüllung der christlichen Pflichten, nichts was zum Zorne in directem Gegensatze stünde. Auffallend ist es allerdings, daß die Trägheit, obwohl sie zu den sieben Todsünden gehört, in der Hölle keinen Platz findet, während sie im Fegefeuer ihren besonderen Ring einnimmt. Allein dasselbe tträfe vom Neide zu, wenn hier statt seiner die Tragheit angenommen würde.

Hölle - Gesang 08

Der Styx umgiebt als fünfter Kreis den in gleicher Fläche liegenden sechsten. Fährmann über den Styx ist Phlegias, der im Zorn, weil Apollo seine Tochter überwältigte, den Tempel in Delphi verbrannte. Während der Fahrt erkennt Dante im Sumpfe einen Landsmann, den auch Boccaccio im Decameron (IX, 8) als brutalen, jähzörnigen und hochmütigen Menschen schildert, Philipp Cavicciuoli, Argenti zubenannt, weil er sein Pferd mit Silber beschlagen ließ. Seiner rohen Leidenschaft wird Dante's gerechter Zorn gegenübergestellt, um dessen Willen Virgil ihn lobt und glücklich preist.

Am inneren Ufer des Styx liegt, einer mittelalterlichen Festung ähnlich, die Höllenstadt Dis, so genannt nach dem römischen Pluto, mit dem Satan indentificirt wird. Diese Stadt bildet den sechsten Kreis, zugleich die Grenzscheide zwischen der oberen und der unteren Hölle, den Sünden der bloßen Unmäßgkeit einerseits und denen der Bosheit und Herzensverderbtheit andererseits. An dieser Stelle begegnet den beiden Wanderern der erste Widerstand, der den Worten Virgils nicht glaubt und seiner Aufforderung nicht gehorcht.

Hölle - Gesang 09

Um den erbleichenden Gefährten nicht noch mehr zu erschrecken, verschließt Virgil seinen Unmut und die Sorge, die der Widerstand der Teufel ihm erregt; aber seine Worte, die er abbricht und verschluckt, verraten Zweifel, in denen er schwebt, und Dante fragt ihn deshalb, ob wohl schon einmal einer den Weg aus dem ersten Kreise in diese Tiefen gemacht habe. Das bejaht Virgil. Er kennt den Weg in die unterste Hölle, in den Kreis des Judas, wohl, denn die thessalische Zauberin Erichtho, die Lucan in dem Epos Pharsalia als Geisterbeschwörerin auftreten läßt, hat ihn einst gezwungen ihr einen Todten von dort heraufzuholen.

Während Virgil noch redet, erscheinen die Dienerinnen der Hekate, die "Erynnen", auf dem Turme der Höllenstadt, die Medusa rufend, daß sie die Eindringlinge in Stein verwandle. Einst war Theseus wie sie in die Unterwelt gekommen und war lebend entronnen; sein Beispiel, meinen die Furien, habe die beiden ermutigt, Gleiches zu wagen, und man dürfe daher sie nicht schonen. Vor dem Anblick der Medusa bewahrt Virgil seinen Schützling, und alsbald naht der Engel, der ohne Kampf die Pforte der Festung öffnet und die Dämonen zur Ruhe bringt, sie an die üblen Erfahrungen erinnernd, welche sie bei früheren Auflehnungen gegen den Willen des Allmächtigen und selbst damals machten, als Herkules in die Hölle kam und Cerberus sich dem gottgesandten Helden widersetzen wollte. Trage der Höllenhund doch noch die Spuren der Kette am Halse, mit der Herkules ihn fortschleppte.

In V. 61-65 fordert Dame ausdrücklich auf, den verborgenen Sinn der seltsamen Erzählung zu merken. Nicht zu verkennen ist, daß in der Zitadelle der unteren Welt die Hölle ihre stärksten Hindernisse auftürmt, damit der rettungsuchende Mensch (Dante) den notwendigen Weg des Heils nicht vollende, daß menschliche Weisheit (Virgil) solche Hindernisse nicht zu bewältigen vermag und daß es himmlischen Beistandes bedarf, um diese Festung zu überwinden, Daß die Medusa den das Herz versteinernden Zweifel, welcher zum Unglauben und damit zum Tode führt, darstelle, hat zuerst Philalethes (König Johann von Sachsen) vermutet, und diese Erklärung leuchtet mir am meisten ein, umsomehr, als wir sogleich erfahren, daß in der Höllenstadt die Ketzer, die Sünder wider den alleinseligmachenden Glauben, ihre Strafe verbüßen. Ob die Erynnien, wie einige meinen, das böse Gewissen bedeuten, lasse ich dahingestellt; man beruft sich darauf, daß das böse Gewissen immer den Zweifel zu Hilfe rufe, wie die Furien die Medusa herbeirufen. Dagegen ließe sich einwenden, daß die Qual des Gewissens auch zur Reue, Buße und Rechtfertigung führen könne. Vielleicht darf man die Furien als die Verzweiflung am Heil auffassen, die in ihrer Wut alle Gnadenmittel verschmäht und dem Unglauben ohne Rettung verfällt. Vielleicht auch sind die Furien nur Staffage, und die Medusa allein ist der Mittelpunkt der Allegorie.

Der Anblick der inneren Stadt, also des sechsten Kreises, erinnert Dame an die zahlreichen Grabhügel, die zu seiner Zeit bei Arles, wo die Rhone Lachen bildet, zu sehen waren. Ähnliche Hügel gab es unweit Pola am Carnaro (Quarnero), dem Grenzflusse zwischen Italien und Kroatien. Die über dem Erdboden stehenden Gräber der Höllenstadt wird man sich zu denken haben wie die großen steinernen Gruftkammern der allitalienischen Kirchhöfe, in denen Raum für mehrere Leichen war. An der Grenze des Sarggefildes, wo die Ketzer in ewiger Glut liegen, längs der Stadtmauer setzen die Wanderer ihren Weg fort.

Hölle - Gesang 10

In den Feuersärgen erwarten die Verdammten die Auferstehung des Fleisches und das letzte Gericht, welches nach der Stelle beim Propheten Joel (Kap. 3, V. 2 und 12) im Tal Josaphat bei Jerusalem stattfinden wird. Dante fragt, ob er in die Särge blicken dürfe, ohne hinzuzufügen, daß er zu sehen wünsche, ob er hier Landsleute antreffe. Als Virgil ihm dieses Verschweigen leise verweist, rechtfertigt Dante sich: der Führer selbst habe ihm vorhin (Gesang 5, V. 76 ff.) voreiliges Fragen abgeraten.

Schon im 6. Gesange hatte Dante den Ciacco gefragt, wo er den wackeren Farinata treffen werde; jetzt redet Farinata selbst ihn an, an der Sprache ihn als Toskaner erkennend. Vor Dantes Geburt war Farinata der mächtigste Führer der florentinischen Ghibellinen, aus dem edlen Geschlechte der Uberti, ein großartiger, aber herrschsüchtiger und von Parteigeist erfüllter Patriot. Dantes Vorfahren hielten sich zu den Guelfen, obgleich der Dichter selbst der kaiserlichen Sache eifrig ergeben war und von weltlichem Einfusse der Päpste nichts wissen wollte. Zweimal halte Farinata die Gegenpartei aus Florenz verjagt, zuerst 1248 mit Hilfe Friedrichs II., damals aber nur auf kurze Zeit. Schon 1251 kehrten die Guelfen siegreich zurück, und nun mußten die Ghibellinen nach Siena entweichen. Dort sammelte, von König Manfred unterstützt, Farinata ein starkes Heer, und durch List wußte er die Florentiner in den Wahn zu versetzen, daß sie ohne Schwertstreich sich Sienas bemächtigen könnten. Als nun die Bürger ins Feld rückten, wurden sie, nichts Böses ahnend, bei Montaperti am Flusse Arbia von Manfreds deutschen Reitern und den Ghibellinen plötzlich angegriffen, in ihren eigenen Reihen waren Verräter; eine furchtbare Niederlage folgte, und zum zweiten Male mußten die Guelfen aus Florenz fliehen. Gern hätten Manfreds Stellvertreter und der ghibellinische Adel den Sieg benutzt, um die verhaßte Stadt gänzlich zu vernichten; in einer Versammlung der Führer war schon beschlossen worden, Florenz zu einem offenen Dorfe zu machen. Farinata allein widersprach und vereitelte den Anschlag. Er starb 1264, drei Jahre später kamen die Guelfen, unter dem Beistande Karls von Anjou, wieder in den Besitz der Macht. Während der folgenden Jahrzehnte ließ die Bürgerschaft zwar die meisten vertriebenen Ghibellinen nach und nach zurückkehren, aber unerbittlich nahmen sie von jeder Amnestie die Familie Uberli aus; das Blutbad von Montaperti blieb unvergessen; des patriotischen Protestes ihres Familienhauptes gegen die Zerstörung der Stadt gedachte man nicht. Darum sagt Dante: 'Die Euren haben die Kunst der Rückkehr nicht gelernt.' Wie schwer diese Kunst sei, antwortete Farinata, werde Dante selbst erfahren, ehe die Mondgöttin (Hekate) fünfzigmal ihr Antlitz wechsle, also vor Juni 1304. Im Frühjahr 1304 bemühte sich der päpstliche Hof, die Parteien zu versöhnen, aber der Versuch scheiterte, und Dante mußte mit den übrigen Opfern der Umwälzung von 1302 in der Verbannung bleiben.

In demselben Sarge wie Farinata liegt der Guelfe Cavalcante, wie Farinata epikureischer Ketzerei beschuldigt. Sein Sohn Guido Cavalcante war Dantes Altersgenosse und Freund, Dichter und Philosoph, von Boccaccio im Decameron (VI, 9) interessant charakterisiert. Des Vaters Verwunderung darüber, daß sein Sohn nicht mit Dante gleichen Schritt halte, und Dantes Antwort, daß Guido vielleicht den Virgil zu sehr geringgeschätzt habe, scheinen darauf zu deuten, daß Dante es bedauerte, in dem Freunde einen ebenbürtigen Geist nicht erkennen zu dürfen. Übrigens war auch Guido schon gestorben, als die "Hölle" erschien.

Aus Cavalcantes Fragen entnimmt Dame, daß diese Toten keine Kunde von der Gegenwart haben; gleichwohl prophezeien sie, früher Ciacco, jetzt Farinata. Darüber läßt der Dichter sich von Farinata aufklären. Er bedurfte für die Maschinerie des Gedichts einer Theorie, welche den Toten die Gabe der Weissagung beilegt. Am letzten Tage erlischt die Erkenntnis der Verdammten, weil dann keine Zukunft mehr ist.

Daß Friedrich II. sich unter den Ketzern befindet, wird nicht befremden. Das Mittelalter betrachtete den freidenkenden, selbst mit Sarazenen zwanglos verkehrenden Hohenstaufen mit unheimlichem Grauen. Schrieb man doch ihm das lästerliche Buch de tribus impostoribus zu, welches Moses, Jesus und Mohammed als drei Betrüger darstellt. Außer ihm wird nur noch ein Ketzer genannt, "der Kardinal". Wenn man im 13. Jahrhundert sagte: "der Kardinal", so meinte man Octavian Ubaldini (blühte um 1260), der am päpstlichen Hofe eine leitende Rolle gespielt haben und ein so eifriger Ghibelline gewesen sein soll, daß man ihm die Äußerung in den Mund legt: "Wenn es eine Seele gäbe, so hätte ich sie für die Ghibellinen verloren." In der Geschichte ist der Glanz dieses Namens sehr dunkel geworden; man weiß nicht recht anzugeben, worin seine Leistungen für die ghibellinische Sache bestanden haben.

Die bedenkliche Prophezeiung Farinatas hat den Dichter beunruhigt. Virgil mahnt ihn, sich jetzt solcher Sorge zu entschlagen und an das Nächste zu denken; die Aufklärung über seine Zukunft, deren er bedürfe, werde Beatrix ihm verschaffen, ein Hinweis auf den 17. Gesang des Paradieses.

Die letzte Terzine zeigt, wie Virgil seine Wanderung einrichtet. In jedem Kreise geht er eine Strecke rechts den äußeren Rand entlang, schwenkt dann links und begibt sich quer durch die Kreisfläche nach dem inneren Rande, wo man zum nächsten Kreise hinabsteigt.

Hölle - Gesang 11

Noch in dem Kreise der Ketzer treffen die Wanderer den Papst Anastasius II. (erwählt 496), welcher von einem gewissen Photinus, Diakonus in Thessalien, zu falscher Lehre verleitet worden sein soll. Die Stelle zeigt, daß nach Dantes Meinung das päpstliche Amt allein keine Sicherheit gegen Irrlehre bietet.

Vor dem Abstieg in die untere Hölle erläutert Virgil das System, nach dem die Strafen sich abstufen, damit sein Begleiter fortan nicht mehr zu fragen, sondern nur zu sehen brauche. Mit einigen Abänderungen folgt er der Ethik des Aristoteles, auf die er V. 81 ff. sich ausdrücklich beruft. Der griechische Philosoph kennt drei Arten verwerflicher Sitten, Unmäßigkeit, tierisches Wesen und Schlechtigkeit oder Bosheit. Zur Unmäßigkeit zählt er die zügellose Befriedigung der an sich naturgemäßen Triebe, der Geschlechtsliebe, der Freude an Speise und Trank, der Freude an Erwerb und Besitz, des Zornes, des Ehrgeizes u. s. w. Die Sünden der Unmäßigkeit in Liebe, Schwelgerei, Geiz und Zorn (Vergl. jedoch Seite 67, Nachtrag, wonach hier statt Zorn Trägheit zu lesen wäre. Auch die Bedeutung der untern Höllenkreise wird dort in ein etwas anderes Licht gerückt) sind demgemäß von Dante in den Kreisen 2 bis 5 der oberen Hölle untergebracht. Der sechste Kreis vertritt eine dem Griechen unbekannte Gattung, die Ketzerei. Unter tierischem Wesen oder bestialitas, wie die Lateiner es übersetzen, versteht Aristoteles allerlei Handlungen, die der menschlichen Natur zu widersprechen und nicht einem ihr gemäßen Bedürfnisse zu entspringen scheinen, wie Grausamkeit, gewisse Arten der Fleischeslust, das Menschenfressen, bis herab zu krankhaften Unarten wie Nägelkauen u. dgl. Die Bezeichnung "tierisches Wesen" ist nicht glücklich, da es sich vorzugsweise um Erscheinungen handelt, die der unschuldigen Tierwelt fern liegen. Dante schiebt an dieser Stelle die Gewaltsamkeit (als eine Unterabteilung der aristotelischen Bosheit, malizig, oder Schlechtigkeit) ein und läßt die "Bestialität" auf sich beruhen. Bosheit oder malizia ist ihm jede auf Verletzung eines Rechtes ausgehende Handlung, sei es, daß dieselbe durch Gewalt oder durch Betrug vollzogen wird. Im letzteren Falle entspricht sie der aristotelischen Bosheit oder Schlechtigkeit. Der Betrug ist Gott am meisten verhaßt und gehört deshalb in die beiden untersten Kreise, je nachdem er nur im allgemeinen die Menschenpflicht oder außerdem noch ein besonderes Band der Pietät verletzt. Er wird "die der menschlichen Natur eigene Sünde" genannt, entweder weil sie auf Mißbrauch der Intelligenz beruht oder weil sie mehr oder minder in allen Menschen sich regt, so daß "jedes Gewissen davon schlägt" (V. 52).

Der erste der drei unteren Höllenkreise, der siebente der ganzen Hölle, umfaßt nun die Gewalttätigen, die halbwegs den Bestialischen der aristotelischen Theorie entsprechen. Sie sind in drei "Ringe" gesondert, je nachdem sie gefrevelt haben: 1. wider den Nächsten oder dessen Gut (Totschläger, Räuber, Erpresser), oder 2. wider sich selbst oder das eigne Gut (Selbstmörder und sinnlose Zerstörer der zu weisem und heiterem Genusse bestimmten Habe), oder 3. wider Gott oder die von Gott gewollte Ordnung der Natur (Lästerer, unnatürlicher Wollust Frönende, Wucherer). Für diese beiden letzteren Kategorien stehen die typischen Städte Sodom und Cahors. Cahors in Languedoc war im Mittelalter als Sitz von Geldverleihern berühmt und so verrufen, daß cahorsinus im barbarischen Latein geradezu Wucherer bedeutet. Wie der Wucher als Frevel wider die Natur gelten kann, erklärt der Schluß des Gesanges. Nach der Genesis soll der Mensch im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen, von den Gaben der Natur und seiner Kunst, das heißt der von Gott stammenden Fähigkeit zweckmäßiger Arbeit, leben. Daß "die Kunst die Natur nachahme", also ihre Tochter und Schülerin sei, lehrt Aristoteles in der "Physik". Wenn also der Wucherer seine Hoffnung auf arbeitsloses Zinsennehmen setzt, verstößt er gegen Gottes Ordnung, bricht sie gewaltsam und gehört in den siebenten Kreis.

Diese Höllenordnung hat für den Dichter einen dunklen Punkt. Die Sünder, welche im Schlamme für Zorn, im Sturm für Fleischeslust, im Regen für Schlemmerei büßen, und diejenigen, welche in stetem Rundgange einander Geiz und Verschwendung vorwerfen, befinden sich alle in minderer Pein außerhalb der glühenden Stadt. Haben sie nicht ebenso wie die anderen Gottes Zorn erregt? In dieser Frage spiegelt sich eine theologische Meinung, deren Widerlegung dem Dichter am Herzen liegt, als ob Gottes Zorn etwas Absolutes, ohne Gradunterschied sei. Darum verweist Virgil nachdrücklich auf die oben erwähnte Lehre des Aristoteles von der dreifachen Art der Verschuldung, welcher eine Abstufung der Strafen entspricht. Aristoteles sagt in seiner Ethik ausdrücklich nur, daß die tierartigen Laster minder schlimm seien als die Bosheit, aber es versteht sich bei ihm von selbst, daß er die Unmäßigkeit als den entschuldbarsten Grad des Lasters ansieht. Die bestialitas, sagt er, verderbe nicht das Edelste im Menschen, die Vernunft, sondern habe es überhaupt nicht. Die Bosheit dagegen mißbrauche gerade dies Edelste.

Während der Unterredung der beiden Dichter ist in der Oberwelt das Sternbild der Fische über dem Horizont erschienen, und der "Wagen" steht gegen den "Caurus", das heißt nach der antiken Terminologie der Winde gegen Nordnordwest gerichtet. Für den 26. März ergibt dies die Zeit kurz nach zwei Uhr Morgens. Beiläufig sieht man aus dieser und anderen Stellen, daß die Bewohner der Vorhölle nicht wie die übrigen Verlorenen die Erkenntnis der gegenwärtigen Ereignisse der Oberwelt verloren haben; Virgil wenigstens weiß genau, wie die Sterne stehen, die er doch nicht sieht.

Zu beachten ist in diesem Gesange, daß im siebenten Höllenkreise Kreis und Ring (Unterabteilung des Kreises) unterschieden werden und daß erster, zweiter, dritter Kreis hier sich nur auf die untere Hölle bezieht, also für siebenter, achter, neunter Kreis steht.

Hölle - Gesang 12

Der Abhang zum siebenten Kreise wird seiner schrägen Konfiguration wegen mit einer Lokalität bei Trient verglichen, die festzustellen den Forschern noch nicht gelungen scheint. (Nachträglich finde ich, daß eine veronesische Chronik zitiert wird, welche berichtet, daß am 20. Juni 1509 bei stillem Wetter ein Stück des Berges oberhalb der Klause unweit Verona eingestürzt sei. Dante befand sich damals in Verona. Die Notiz wäre bedeutsam für die Bestimmung der Entstehungszeit der Göttlichen Komödie. Indes bleibt zweifelhaft, ob Dante gerade diesen Fall im Auge hatte.) Den Weg bewacht, ein Symbol unmenschlicher Grausamkeit und Tyrannei, der Minotaurus von Kreta, den Pasiphaë, des Minos Weib, von einem Stier gebar, und den Ariadne, des Minos Tochter, also die Halbschwester des Ungeheuers, in die Hände des Theseus, "des Herzogs von Athen", lieferte. Der Bergsturz selbst ist eine Folge des Erdbebens, welches kurz vor Christi Höllenfahrt, nämlich im Augenblicke seines Todes, stattfand. Dies Erdbeben war so gewaltig, als ob das Chaos wiederkehre, das nach der Lehre des Empedokles immer eintritt, wenn im Weltall eine der beiden Urkräfte Liebe und Haß das Übergewicht über die andere gewinnt.Im ersten Ringe des siebenten Kreises bewachen Centauren den siedenden Blutstrom, als ihre Führer Chiron, der Lehrer des Achilles, Nessus, der "aus sich selbst", aus seinem Blute, das Rachewerkzeug schuf, und Pholus, der bei der Hochzeit des Pirithous den wilden Kampf mit den Lapithen entzündete. Chiron legt die Spalte des Pfeils an die Sehne und zieht sie hinters Ohr zurück, auf die Wanderer zielend. Durch diese Bewegung streicht er den Bart zurück und enthüllt den Mund. Ehe er abdrückt, staunt er, daß unter Dantes Schritten die Steine sich bewegen. Er ist kolossal, denn Virgil reicht ihm nur an die Stelle, wo der Menschenleib mit der Pferdebrust sich vereint.

Von den namhaft gemachten Gewalttätigen ist Alexander wohl kaum der Mazedonier, den Dante in anderen Schriften als glorreichen Monarchen preist, sondern der Tyrann von Pherä, eine Geißel Siziliens wie Dionys. Azzolin ist der berühmte Wüterich Ezzelin, Obizzo ein Markgraf von Ferrara zu Dantes Zeit, von dessen Gewalttätigkeiten wir nichts wissen und dessen Tod durch die Hand seines Sohnes Azzo mehr dem Gerüchte als der Geschichte angehört. Nicht genannt, aber bezeichnet wird Guido von Montfort, der Sohn jenes Simon von Montfort, der 1265 als Rebell gegen Heinrich III. von England fiel. Guido, um den Vater zu rächen, erstach 1291 des Königs Neffen Heinrich von Cornwallis zu Viterbo in der Kirche. Das Herz des Ermordeten ward in London in einem Denkmal verwahrt. Pyrrhus ist der König von Epirus, schon als Feind Roms dem Dichter verhaßt, Sextus der Sohn des Pompejus, welcher als Seeräuber gegen die Triumvirn kämpfte, ein Gegner Cäsars und des Kaisertums. Ganz am Schlusse werden zwei gefürchtete Straßenräuber des 13. Jahrhunderts genannt, Rainer von Corneto, ein Zeitgenosse Dantes, und Rainer Pazzo, um eine Generation älter, beide den Florentinern wohlbekannt durch ihre Wegelagerungen.

Hölle - Gesang 13

Die Wildnis, mit welcher im Eingange der zweite Ring des siebenten Kreises verglichen wird, ist die berüchtigte Maremma zwischen dem Flusse Cecina und der Stadt Corneto, zu Dantes Zeit ein von Schlangen und Sauen bewohnter Sumpfwald an den Grenzen Toskanas und des päpstlichen Gebietes. Die hier nistenden Harpyien kommen in der Äneïs vor, wo sie den auf den Strophaden landenden Trojanern das Mahl besudeln und ihnen schlimme Hungersnot in Italien weissagen. Ebenso sind die unheimlichen Bäume dieses Ringes, welche bluten und wehklagen, der Äneïs entlehnt, daher Virgil V. 46 ff. sagt, Dante kenne solche Bäume nur aus jenem Gedichte.

Die Frevler gegen sich selbst, Selbstmörder und Spieler, sind die Insassen dieses Ringes. Unter den ersteren ist Friedrichs II. berühmter Kanzler Pietro delle Vigne, der, als er in Ungnade fiel und des Verrats beschuldigt wurde, im Kerker sich umgebracht haben soll. Seine Unschuld ist unerwiesen, aber Dante hält ihn für ein Opfer der Verleumdung und "der Metze, die immer nach dem Kaiserhofe lauernd späht", der Mißgunst.

Einige der Verdammten werden von schwarzen Hündinnen zerfleischt. Der erste von diesen ist ein gewisser Lano aus Siena, der sein Gut verpraßt und dann in einem Gefechte gegen die Aretiner am Toppo im Val de Chiana den Tod gesucht hatte, wie er ihn noch in der Hölle sucht. Der ihm folgende zweite Verdammte höhnt ihn, daß er jetzt noch schneller als damals am Toppo in den Tod zu rennen suche.

Dieser zweite ist ein Florentiner, Jakob von Sankt Andreas, ein toller Verschwender, der Goldstücke ins Wasser warf, Landhäuser anzündete, kostbare Stoffe zerstörte, um eine Kurzweil zu haben. Ob er ein Spieler oder ein Selbstmörder oder beides war, finde ich nicht angegeben, Vor den Hunden fliehend, klammert er sich an einen Strauch, in welchem ein nicht genannter Florentiner steckt, der sich an seinem Hause erhängt hat. Offenbar spielt Dante auf einen stadtkundigen Vorfall an. Zum Verständnis der Worte dieses Florentiners muß man merken, daß Johannes der Täufer als Schutzpatron der Stadt den heidnischen Mars verdrängt haben soll. Darum grollt Mars der Stadt und sucht sie mit häufigen Kriegen heim. Eine trümmerhafte Bildsäule des Mars, die als Palladium der Stadt galt, stand noch bis 1333 an der alten Arnobrücke; ohne sie, meint der Geist, würde der Wiederaufbau des von Attila zerstörten Florenz nicht gelungen sein. Weshalb gerade an dieser Stelle an die alten Stadtsagen und an das Marsbild erinnert wird, ist nicht mehr zu erkennen. Man hat deshalb einen allegorischen Sinn angenommen. Der Täufer sei der florentinische Goldgulden, welcher das Bild dieser Heiligen zeigte, und bedeute den Mammondienst, dem die Bürger sich ergehen hätten, untreu dem kriegerischer Geiste der Vorfahren, der unter dem Mars zu verstehen sei und dessen letzte Überreste allein noch den Untergang abwendeten. Richtig ist, daß Dante auch an einer anderen Stelle Johannes den Täufer nennt, wo er das Geldstück meint.

Hölle - Gesang 14

Der dritte Ring des siebenten Kreises umschließt die Frevler wider Gott und Natur, die alle unter demselben Feuerregen auf glühendem Sande dulden, nur mit der Abstufung, daß die Gotteslästerer liegen, die Wucherer sitzen, die Wollüstigen wandern. Der Sand ist wie die Libysche Wüste, durch die Catos Heer, wie Lucans Epos es schildert, marschieren mußte, und der Feuerregen gleicht den glühenden Flocken, die - nach dem unechten Briefe Alexanders an Aristoteles - in Indien auf das mazedonische Heer niederfielen und, wie Dante mißverständlich annimmt, von den Kriegsleuten ausgestampft wurden.

Als Gotteslästerer wird Capaneus vorgeführt, einer der Sieben gegen Theben, von dem Statius in der Thebaïs erzählt, wie er den Jupiter höhnte und dafür vorn Blitz erschlagen ward. Hier ist Jupiter nicht als heidnischer Gott, sondern als Vertreter der wahren göttlichen Macht zu verstehen. Auch an anderen Stellen behandelt Dante die Lichtgötter des Altertums mit religiöser Achtung. Ohnehin verknüpfte die naivere Zeit unbefangen Biblisches und Mythologisches mit dem Geschichtlichen, wie denn auch die klassische Gigantenschlacht im Tale Phlegra und der volkstümliche Name des Ätna "Mongibello" nebeneinander stehen.

Die drei ineinander liegenden Ringe des siebenten Kreises sind: Blutstrom, Dornenwald und glühender Sand. Aus dem ersten Ringe fließt das kochende Blut durch den Wald nach dem dritten Ringe und durch diesen in einem von steinernen Wänden eingefaßten Kanal nach dem achten Kreise hinab. Die Ufer des Kanals bilden Steindämme, die vor dem Sande schützen, und über denen kein Feuer regnet, weil der Dunst des Kanals es erstickt. In solchen steinernen Einfassungen wurde, wie es scheint, im 14. Jahrhundert das heiße Wasser des Sprudels von Viterbo nach den umliegenden Badehäusern, die oft zugleich liederliche Häuser sein mochten, geleitet.

Den Ursprung der vier Höllenflüsse verlegt Dante in den Idaberg auf Kreta, dahin, wo im goldenen Zeitalter Saturn König war, wo Rhea den neugeborenen Jupiter vor den Nachstellungen des Vaters verbarg. Der Greis, der in dem Berge steht und die Flüsse ausströmen 1äßt, ist dem Traumgesichte Nebukadnezars (Daniel 2, 51 ff.) nachgebildet; er scheint die vier Zeitalter des Menschengeschlechts zu bedeuten, dessen Tränen, aus der Sünde entstanden, in den Abgrund sickern. Der rote Fluß, der den siebenten Kreis durchschneidet, ist der Phlegethon, das heißt der brennende. Virgil spielt auf diese Bedeuumg des Namens an, wo er sagt, daß Dante aus dem Sieden der Flut selbst hätte schließen können, wie sie heiße. Da die Alten auch den Lethe in die Unterwelt verlegten, wundert Dante sich, diesen nicht anzutreffen; erst auf dem Berge des Fegefeuers, im irdischen Paradiese wird er den Strom des Vergessens finden.

Hölle - Gesang 15

Der Phlegethon ist von Dämmen eingefaßt, die der Dichter mit den Meerdeichen der flandrischen Küste von ISrügge bis Wissant (Guizzante, unweit Calais) und den Deichen der Brenta vergleicht, welch letztere das Land schützen, wenn der Schnee der Chiarentana, eines Höhenzuges im Trenlino, schmilzt. Nur ist der Damm am Höllenflusse niedriger, so daß der im Sande schreitende, entgegenkommende Geist den Mantelsaum des auf dem Damme gehenden Dante fassen kann.

Dieser Geist ist der im 13. Jahrhundert hochberühmte florentinische Philosoph, Rhetor und Poet Brunetto Latini (1220-1294), Dantes verehrter Lehrer, von dem Villani sagt: "Er war ein großer Philosoph und Meister der Rhetorik und verfaßte das gute, nützliche Buch il Tesoro und il Tesoretto (Schatz und kleinen Schatz) und den Schlüssel zum Tesoro und mehrere andere Bücher in der Philosophie und das Buch von den Tugenden und Lastern und war unser Stadtschreiber; aber er war ein weltlicher Mensch, und wir haben sein erwähnt, weil er der erste und der Meister war, den Florentinern Schliff zu geben und ihnen das Sprechen und die Kunst beizubringen, unsere Republik nach den Regeln der Politik zu lenken." Sein Hauptwerk, der Tesoro, dessen Pflege er V. 119 dem Dante ans Herz legt, ist eine Kompilation aus der Bibel, dem Plinius u. s. w., an welche sich eine Anweisung schließt, wie ein von einer Stadt erwählter Signore sich zu verhalten habe. Wie Dame ihn hochschätzte, zeigen seine Verse; Brunetto ist neben Farinata der einzige von den Verdammten, der mit "Ihr" angeredet wird, eine Auszeichnung, die sonst in der ganzen Divina Commedia nur der Beatrix und dem Urahnen des Dichters Cacciaguida (Paradies 16, 10) widerfährt.

Brunetto ist nach Ciacco und Farinata der dritte Geist, der Danten Unheil weissagt. Er weist darauf hin, daß ein unversöhnlicher Gegensatz bestehe zwischen der großen Menge und den wenigen guten Bürgern. Dieser Gegensatz wird auf den Stammbaum zurückgeführt; die alten Geschlechter, zu denen Dante sich zählt, stammen aus Rom, die Menge ist großenteils aus Fiesole eingewandert und noch immer so rauh und hart wie der Felsen, auf dem Fiesole liegt. Dantes politische Vereinsamung während der Verbannungszeit ist ein Vorwurf für beide Parteien. Sie werben um ihn, aber er verschmäht die eine wie die andere: sie mögen sich untereinander zertreten, wie das Vieh die Streu zertritt, aber sie sollen das edle Kraut aus römischem Samen nicht berühren. Dantes Antwort, daß der Umschwung des Glücksrades ihm so gleichgültig sein werde wie des Bauern Spatenstich, der die Scholle umwendet, wird von Virgil belobt als ein Beweis rechten Zuhörens, denn sie zeigt, daß er Virgils Verse mit Aufmerksamkeit sich zu nutze gemacht hat. "Man besiegt jedwedes Geschick durch Ertragen," steht in der Äneïs, "superandu omnis fortuna ferendo est."Die Sünder dieser Region scheinen nach ihrem irdischen Berufe in Scharen geteilt, die sich nicht miteinander vermengen dürfen. Brunetto geht mit lauter Geistlichen und Gelehrten; im folgenden Gesange treffen wir lauter Staatsmänner und Soldaten. Brunetto macht drei seiner Genossen namhaft, den berühmten Grammatiker Priscianus (6. Jahrhundert), den Rechtslehrer Franz Accursius aus Bologna († 1294) und einen, wie es scheint, besonders liederlichen Bischof aus Dantes eigner Zeit, Andrea de' Mozzi, den Papst Bonifaz VIII. ("der Knecht der Knechte Gottes") um 1298 von Florenz nach Vicenza (am Flusse Bacchiglione) versetzte, woselbst dieser unwürdige Prälat bald darauf starb.

Die letzte Terzine spielt auf ein veronesisches Volksfest an, das Dante aus eigener Anschauung gekannt haben wird. Am ersten Fastensonntag fand ein Wettlauf nackter Männer statt, bei welchem der Sieger ein Stück grünen Tuchs erhielt. So schnell wie der beste dieser Läufer rennt Brunetto, um seine Gefährten einzuholen.

Hölle - Gesang 16

Den Dichtern begegnen die Geister dreier erlauchter Florentiner, denen entgegenzugehen sich geziemt hätte, wenn das Feuer nicht gewesen wäre. Da diese Geister nicht rasten dürfen, schwingen sie sich, um mit Dante reden zu können, im Kreise, einer in des andern Fußstapfen tretend, den Hals zurückwendend, wenn die Füße vorwärts eilen. Diese drei sind:

1. Graf Guido Guerra aus dem Geschlechte der Guidi, die in Toskana Pfalzgrafen waren. Im Anfange des 13. Jahrhunderts heiratete ein Guido die Erbtochter des Bellincione de' Ravignani, desselben, der im Paradiese, Gesang 16, V. 99 unter den allen Edlen der Stadt als "der hohe Bellincione" aufgeführt wird. Von dieser Erbtochter Waldrada stammte Guido Guerra, ein gewaltiger Kriegsmann der Guelfen, als Dante ein Kind war, und ein guter Patriot, wie er denn die Stadt zu seiner Erbin einsetzte. Bei Benevent focht er mit Karl von Anjou gegen König Manfred.

2. Tegghiajo Aldobrandi, ein weiser Mann, dessen Rat, wenn er befolgt worden wäre, den Florentinern jenes Blutbad am Flusse Arbia (1260) erspart haben würde, von dem im 10. Gesange, V. 84 die Rede war. Nach diesem Landsmann wie auch nach dem folgenden hatte Dame schon den Ciacco gefragt (Gesang 6, 79).

3. Jakob Rusticucci, ein Plebejer von Abkunft, aber ein angesehener, beliebter und tüchtiger Bürger, der eine böse Frau hatte und deshalb, wie es heißt, sich dem Laster ergab. Dieser dritte ist es, welcher das Wort führt.

Der von Rusticucci erwähnte Wilhelm Borsiere muß kurz vor 1300 gestorben sein, da er die neuesten Nachrichten aus Florenz den älteren Verdammten überbracht hat. Von ihm erzählt Boccaccio im Decameron (I, 8), daß er ein feiner und witziger Kopf war. Als ein reicher geiziger Genuese ihn fragte, was Neues, Niegesehenes er wohl in seinem Saale malen lassen könnte, antwortete Borsiere: »Ich kann euch etwas raten, was ihr nie gesehen habt: lasset die Freigebigkeit hineinmalen.«

Dantes Antwort auf Rusticuccis Fragen faßt kurz zusammen, was das Ende des 13. Jahrhunderts in Florenz umgewandelt hat, die Zunahme des Reichtums, Einwanderung Fremder, steigende Macht der Zünfte, anfangs unter Führung ehrgeiziger Edelleute, dann vollständige Ausschließung der Geschlechter vorn Regiment. Um 1300 war bereits die Exekutive ganz in den Händen der von den Zünften und Stadtvierteln, immer nur auf wenige Monate, gewählten Prioren, und der einflußreiche Demagoge Giano della Bella hatte ein Gesetz durchgebracht, welches dies Amt dem Adel unzugänglich machte. Die Geister geben dem Dichter zu verstehen, daß, wenn er in Florenz ebenso offen seine Meinung sagte wie in der Hölle, es ihm dort mehr kosten würde.

Vom inneren Rande des siebenten Kreises fällt der Phlegethon tief hinab in den achten, ähnlich dem Flusse Acquacheta beim Kloster San Benedetto in den Apenninen. Die Acquacheta vertauscht unter Forli ihren Namen und heißt Monrone, der erste Fluß, wenn man von den Quellen des Po am Veso oder Viso ostwärts geht, welcher am Nordabhange der Apenninen nicht in den Po, sondern ins Meer mündet. Dante bemerkt, daß in San Benedetto noch Tausende Schutz finden könnten, wenn nämlich die Mönche ihren Reichtum nicht für sich allein verzehrten.

Der Dichter erzählt uns, er habe damals einen Strick auf dem Leibe getragen, hoffend, mit dem das "bunte Pardel", die Fleischeslust, zu bändigen, und dar Virgil diesen Strick jetzt in den Abgrund wirft, um dem Geryon das Signal zu geben, heraufzukommen. Daß Dante in jungen Jahren den Franziskanerstrick anlegte, wenn auch nicht in den Orden eintrat, bezeugt einer der ältesten Kommentatoren Francesco da Buti; die hier vorgetragene Erzählung mag daher wohl bedeuten, dar für den innerlich geläuterten, von den Schrecken der Hölle überzeugten Menschen es solcher äußerlichen Kasteiung nicht mehr bedarf, daß der Strick weggeworfen werden kann.

Hölle - Gesang 17

Der von Herkules getötete König Geryon, der seine Gäste tückisch überwältigte und seinen Stieren zum Fraße vorwarf, erscheint, während die Alten ihn als dreileibigen Riesen schildern, hier als ein Ungeheuer mit freundlichem Menschenantlitz und schlangenartigem Leibe, ein Symbol des Betruges. Wie er auf den Rand des siebenten Kreises sich niederläßt, den Schweif in die Tiefe hängen lassend, gleicht er dem Biber, der, nach der Sage, den öligen Schwanz ins Wasser streckt, um die Fische zu locken. Ehe die Wandrer den Rücken Geryons besteigen, tritt Dante zu den im heißen Sande und im Feuerregen sitzenden Wucherern. Durch Beschreibung ihrer Wappen brandmarkt er verschiedene florentinische Geschlechter, deren Namen die Kommentare anführen, die uns aber kaum mehr interessieren. Unter den Florentinern sitzt ein Paduaner, (es ist ein Scrovigni, wie das Wappen mit der Sau, scrofa, anzeigt,) welcher einem noch lebenden Mitbürger Vitaliano einen Platz in der Hölle in Aussicht stellt, während die Florentiner ihrerseits einen gewissen Bojamenti de' Bicci, "den Fürsten der Ritter", das heißt den verrufensten aller patrizischen Wucherer ihrer Stadt, in ihrer Mitte erwarten. Die Familie des letzteren führte drei Böcke im Wappen. Man meint, Dante habe durch Anführung der Wappen andeuten wollen, daß der Wucher die Familien, nicht bloß einzelne ihrer Mitglieder, angesteckt habe.

Hölle - Gesang 18

Von nun an führen die Höllenkreise besondere Namen. Der achte Kreis heißt Malebolge, und seine zehn Unterabteilungen, kreisförmige Gräben oder Täler, nennt Dante bolge, welches der Plural von bolgia, Felleisen, ist, aber so sehr den Klang eines Eigennamens gewonnen hat, daß es geraten scheint, das Wort in den deutschen Text herüberzunehmen. Auch dem Italiener ist bolgia in der eigentlichen Bedeutung kaum geläufig; schon alte Herausgeber pflegen zu erklären daß es so viel sagen wolle wie ein Mantelsack, eine Tasche oder dergleichen.

Die Anordnung des Kreises wird deutlich genug vom Dichter beschrieben; konzentrisch umkreisen die zehn Bolgen, tiefe Terraineinschnitte, den in der Mitte gähnenden Schlund, der zum letzten, neunten Kreise abstürzt, und quer durch sämtliche Gräben läuft ein Damm, auf dem man von dem äußeren Rande nach dem Schlunde gehen kann. Dieser Damm überschreitet die Gräben in Form von Brückenbogen. Solcher Dämme sind mehrere vorhanden.

In der ersten Bolge (Kuppler und Verführer) schreiten die Sünder in zwei entgegengesetzten Zügen, ähnlich wie in Rom während des Jubiläums (1300) die ungeheure Pilgermenge auf der Engelsbrücke in zwei Zügen sich bewegen mußte, je nachdem sie in derRichtung des "Schlosses" (der Engelsburg) oder des "Berges" (des Janiculum) ging.

Der erste Geist, den Dante erkennt, ist Venedico Caccianimico († zwischen 1290 und 1300), ein angesehener Bolognese, der seine schöne Schwester Gisela dem Markgrafen Azzo VIII. von Este um Geld oder politische Dienste verkuppelt haben soll. Über den Vorgang scheinen verschiedene Gerüchte umgelaufen zu sein, daher ausdrücklich die hier gegebene Darstellung als die richtige betont wird. Wenn der Verdammte von dem Lande zwischen Reno und Saveno spricht, wo man sipa sage (statt si, ja), so meint er Bologna.

Unter den Verführern treffen wir Jason, den Argonauten. Als er nach Lemnos kam, hatten dort die Weiber alle Männer umgebracht; nur den König Thoas hatte seine Tochter Hypsipyle durch List dem Blutbade entzogen. Jason verführte und verließ sie.

Die zweite Bolge beherbergt die Schmeichler. Diese sind mit Kot so bedeckt, daß man nicht unterscheidet, ob sie Tonsur haben oder nicht, Geistliche oder Laien sind. Unter ihnen ist Alexius Interminei, ein ghibellinischer Florentiner, ein glattzüngiger Demagoge, wie es scheint. Eine zahlreiche Gattung wird vertreten von einer Figur der römischen Komödie, der Thaïs, welche im "Eunuchen" des Terenz die Geliebte des Thraso ist. Sie wird ohne weiteres als historische Person behandelt und ein Vers, der im Stücke sie charakterisiert, wie ein wirklich gesagtes Wort zitiert. Bei Terenz schickt der Verliebte ihr ein kostbares Geschenk und fragt dann den Unterhändler, ob Thaïs auch recht viel Dank für ihn habe, worauf der Unterhändler antwortet: "ungeheuren" (ingentes).

Hölle - Gesang 19

Von Simon Magus, der nach der Apostelgeschichte Kap. 8 den Aposteln die Gaben des heiligen Geistes abkaufen wollte, ward im Mittelalter der Schacher mit heiligen Dingen, namentlich mit geistlichen Ämtern, "Simonie" genannt. Die Simonisten sind in der dritten Bolge untergebracht, köpflings in Röhren steckend, so daß nur die Füße aus der Öffnung vorragen. Daute vergleicht die Röhren mit den runden Vertiefungen, welche im Baptisterium St. Johannis zu Florenz neben dem Taufbecken angebracht waren, damit an den Tauftagen vor Ostern und Pfingsten die amtierenden Priester, in diesen Vertiefungen stehend, vor dem Andrange der Menge geschützt blieben. Einmal geriet ein spielendes Kind in eine solche Vertiefung und konnte nicht herausgezogen werden, bis Dante dazu kam und die Flursteine aufbrach. Aus der Art, wie er hier auf den Vorfall anspielt, scheint hervorzugehen, dafl man ihm die Lebensrettung hernach als Tempelschändung ausgelegt hat.

Auf Virgils Schultern in die Bolge hinabgetragen, befragt Dante einen der Gepeinigten, ähnlich dem Beichtiger eines Mörders, der lebendig begraben werden soll und nun, um Frist zu gewinnen, den Beichtiger aufzuhalten sucht; ein dem Leben entnommenes Bild, denn solches Begraben, und zwar mit dem Kopfe nach unten, gehörte zu den Strafmitteln der Zeit. Der Angeredete ist Papst Nikolaus III. (1277-1280), der zuerst die Nepotenbereicherung in großem Maßstabe betrieb und von den Sizilianern Geld nahm, um sie gegen Karl von Anjou zu unterstützen. Der verdammte Geist in seinem Loche glaubt, Bonifacius VIII. rede ihn an, und wundert sich darüber, weil er (nach einer "Schrift", wahrscheinlich einer astrologischen) dessen Tod noch nicht erwartete. Bonifaz VIII. starb 1303; er hatte 1294, nachdem er den schwachen Cölestin V. zum Verzichte bewogen hatte, mit französischer Hilfe und Versprechungen aller Art seine Wahl durchgesetzt, obwohl damals schon 77 Jahre alt, und während seines Pontifikats grolle Reichtümer gesammelt, seine zahlreichen Verwandten zu kirchlichen Würden befördert, sogar die Form des Kreuzzugs mißbraucht, um sich der Besitzungen der Colonnas zu bemächtigen. Für Dante war er der Inbegriff aller verwerflichen Politik, der Rebell gegen die göttliche Ordnung, die dem Kaiser das weltliche Regiment zuwies. Hier wird indes nur seine Simonie betont: er hat die "schöne Frau", die Kirche, um Geld gekauft, um sie dann zu prostituieren. Der Papst ist gleichsam der Gemahl der Kirche.

Nikolaus III. war ein Orsini, daher er sich Sohn der Bärin (orsar) und seine Nepoten Bärlein nennt. Nach seiner Beschreibung kommen die simonistischen Päpste in eine besondere Röhre, und jedesmal, wenn ein neuer eintrifft, fährt sein Vorgänger, um ihm Platz zu machen, in eine tiefere Höhlung hinab. Nikolaus hat seit 1280, zwanzig Jahre lang, in der Röhre gesessen; Bonifaz, sagt er, wird schneller abgelöst werden, denn schon 1307 wird Klemens an seine Stelle kommen, der Baske oder Gascogner, "der Hirt aus Westen", die Kreatur König Philipps des Schönen, der mit dem Hohepriester Jason oder Josua im Buche der Makkabäer verglichen wird, weil er wie dieser von einem Tyrannen die geistliche Würde um schnöden Entgelt erkaufte. So werden an dieser Stelle drei Päpste mit einem Eisen gebrandmarkt.

Auf den römischen Stuhl deutet Darrte die Vision des h. Johannes (Offenbarung 17) von dem Weibe, die auf dem siebenköpfigen Tiere sitzt, nur daß er dem Weibe selbst, also dem Papsttum, die sieben Köpfe und zehn Hörner gibt. Anscheinend betrachtet er Köpfe und Hörner als Attribute der Kirche, die von den schlechten Hirten als Einnahmequelle millbraucht wurden. Die Ausleger sehen deshalb in ihnen die sieben Sakramente und die zehn Gebote, als in welchen die Stärke der Kirche beruhe. Von den Götzendienern unterscheiden sich die Päpste nur insofern, als die letzteren, die jedes Geldstück zum Gott machen, hundertmal mehr Götzen haben. Als Anfang solches Verderbens betrachtet Dante die Schenkung Konstantins, an deren Echtheit er natürlich nicht zweifelte.

Hölle - Gesang 20

Der Dichter zeigt an, daß die "Hölle" nur den ersten Teil des ganzen Werkes bildet, "das erste Lied, la prima canzone". Dann beschreibt er die vierte Bolge mit den Wahrsagern und Zauberern. Das Mitleid, das in den früheren Kreisen nicht anstößig erschien, wird hier von Virgil gerügt. In Malebolge muß das Erbarmen und die Nächstenliebe sterben, sonst wäre sie nicht die lebendige Liebe, die Gott fordert. Sie ist menschliche Schwäche Dantes; die Verklärten wie Beatrix (Ges. 2, V. 91 ff.) bleiben gleichgültig beim Anblick der Verdammten, was schon im Begriffe der Seligkeit liegt.

Den Reigen eröffnet wieder ein Held aus Statius' Thebaïs, der Seher Amphiaraus, der, obwohl er seinen Tod im Kampfe vorauswußte, in den Krieg der Sieben gegen Theben mitzog und während des Angriffs von der Erde verschlungen ward. Ihm gesellt sich der thebanische Prophet Tiresias, der, als er zwei sich paarende Schlangen mit dem Stabe schlug, in ein Weib verwandelt ward und erst, als er nach sieben Jahren dieselben Schlangen wiedertraf und wieder schlug, die männliche Gestalt zurückgewann. Dann folgt aus Lucans Pharsalia der etrurische Zeichendeuter, welcher "deserla moenia Lunae" (wie Dame statt "Lucae" gelesen hat) bewohnte. Dante hat aus Lunä die Stadt Luni gemacht, die in der Nähe der Marmorbrüche von Carrara lag. Ausführlicher ist die Rede von des Tiresias zauberkundiger Tochter Manto, weil sie Virgils Geburtsstadt Mantua gründete. Vom Benacus (Gardasee), dort wo drei Bistümer zusammentreffen, fließt der Mincio nach der Niederung, wo die Thebanerin die hewohnbare Stelle der künftigen Stadt entdeckte. Nach Virgil war Mantos Sohn der Gründer; auffällig ist, daß Dante hier von ihm abweicht und zwar geflissentlich. Die Anspielung auf Mantuas Entvölkerung bezieht sich darauf, daß zu Dantes Zeit der Graf von Casalodi, beredet von dem schlauen Demagogen Pinamonte, viele edle Geschlechter aus Mantua vertrieb, worauf Pinamonte selbst die Herrschaft an sich riß und gegen den Adel mit Schafott und Verbannung wütete.

Virgil erkennt den in seiner Aneïs vorkommenden Seher Eurypylus, den Ratgeber der Griechen im trojanischen Kriege, einem nach Dantes Anschauung frevelhaften, weil gegen die Stammutter Roms gerichteten Unternehmen. Bei diesem Anlasse nennt Dante Virgils Aneïs "eine Tragödie", was nur den Stil des Gedichts bezeichnen soll. Wie er in der Widmung an Can Grande della Scala auseinandersetzt, macht die hohe, vornehme Ausdrucksweise den tragischen Stil, die gemeine, volkstümliche den komischen; deshalb habe er sein eignes Gedicht "Komödie" genannt, da es in der Vulgarsprache abgefaßt sei, wie die Weiber im Verkehr miteinander reden, sicut et mulierculae communicant. Für Dantes Zeit war das Latein immer noch eine lebendige Sprache, die edle und vornehme, neben welcher das Italienische sich mit untergeordnetem Range zu bescheiden hatte. Er selbst schreibt sein Latein mit der Freiheit und Unbefangenheit, mit welcher man die Muttersprache handhabt, ohne von der ciceronianischen Schablone eine Ahnung zu haben.

Den klassischen Zauberern folgen drei mittelalterliche: Michael Scott aus Balweary, Friedrichs II. Arzt und Astrolog, dem seine Schriften über Alchimie, Chiromantie u. s. w. den Ruf eines großen Nekromanten eintrugen. Eine Menge Wundergeschichten von ihm waren (und sind in Schottland noch) in Umlauf. Sodann Guido Bonatti aus Forli, der Sterndeuter des Grafen Guido von Montefeltro, und als dritter ein als Wahrsager berühmter Schuster Asdente aus Parma.

Die Zeitangabe am Schlusse bereitet den Auslegern große Schwierigkeiten, weil in der Nacht, wo Dante die Reise begann, am 26. März 1300, der Mond nicht voll war und überhaupt nicht aufging. Ob man nun dieses Umstandes willen, wie viele tun, das ganze Datum verwerfen und auf den 6. oder 9. April verlegen soll, nmuß den Gelehrten zur Entscheidung überlassen bleiben. Schwierigkeiten ergeben sich auch, wenn man diese letzteren Tage annimmt. Vollmond war in der Nacht vom 4. zum 5. April 1300. Keinem Zweifel unterliegt es, daß eine Morgenstunde des zweiten Tages der Höllenfahrt bezeichnet werden soll.

Der Mond wird mit den Worten "Kain und sein Strauch" bezeichnet, weil nach der Volkssage der sogenannte Mann im Monde Kain ist, der einen Dornstrauch schleppt. Im "Paradiese" Gesang 2, V. 51 verwirft Dante diese Fabel.

Hölle - Gesang 21

In der fünften Bolge sind die Sünder, welche Dante barattieri, Tauschkrämer, nennt, diejenigen, welche öffentliche Amter zum Geldgewinn ausnutzen. Eine besondere Teufelsgattung bewacht sie, die malebranche (böse Klauen), deren einer gerade einen Ältesten aus Lucca heranschleppt. Lucca wird durch den Namen einer Lokalheiligen Sancta Zita bezeichnet. Die Teufel verhöhnen den Lucchesen mit Anspielungen auf seinen heimatlichen Fluß Serchio und auf das berühmte Christusbild im Dome zu Lucca, das sogenannte heilige Antlitz, das ihm nun nicht mehr helfen könne.

In V. 94-96 wird auf ein Ereignis angespielt, dessen Augenzeuge Dante in seinem 25. Jahre war. Die guelfischen Städte Toskanas berannten Caprona, eine Burg der Pisaner; die Besatzung ergab sich, und als man sie durchs Lager führte, schrieen die Truppen: hängt sie! hängt sie! Doch blieb es bei den Worten.

V. 106 ff. lehrt uns, daß das Erdbeben beim Tode Christi, welches den Bergsturz im siebenten Höllenkreise verursachte (Ges. 12, V. 31 ff.), auch einige Brücken von Malebolge niederwarf. Dies ist, wie der Teufel angibt, "gestern vor 1266 Jahren, und zwar fünf Stunden später, als es jetzt ist", geschehen. Christi Tod fällt nach der Annahme der Kirchenväter auf den 25. März des Jahres 34 in die neunte Stunde oder vor drei Uhr nachmittags. Es ist demnach in dem Augenblicke, von dem das Gedicht redet, vor zehn Uhr vormittags am 26. März 1300.

Der groteske Schluß des Gesanges deutet darauf hin, daß, wie sich später zeigt, der Hauptmann der Malepranken den Virgil belogen hat; die andern Teufel bezeugen ihr Einverständnis mit diesem Streiche; dann gibt der Hauptmann das rüpelhafte Trompetensignal zum Abmarsch.

Hölle - Gesang 22

Anknüpfend an die teuflische Trompete am Schlusse des vorigen Gesanges zählt der Dichter allerlei Arten von Truppenbewegungen, Wettspielen und Schiffsmanövern auf, bei denen Signale gebraucht werden; nie hat er ein solches Signal gehört wie das des unsaubren Geistes.

Die Delphine, von denen V. 19- 21 die Rede ist, gelten, wenn sie auf der Oberfläche des Meeres spielen, für Sturmverkünder, die den Schiffer warnen.

Der erste Verdammte, mit dem die Wandrer reden, wird von den Kommentatoren Ciampolo (so viel wie Johann Paul) genannt, ein ungetreuer Diener König Thibauts II. von Navarra, der den Beinamen des Guten führte und 1270 starb. Mit ihm sitzt im heißen Bade der Mönch Gomita aus Gallura in Sardinien, welcher gehängt wurde, weil er um Geld Gefangene seines Herrn laufen ließ. Der sodann erwähnte Don Michael Zanche war Seneschall des Königs Enzius von Sardinien, eines natürlichen Sohnes Friedrichs II.; was ihm den Platz im Pechbrei verschafft hat, ist nicht bekannt. Er heiratete König Enzios Witwe, die ihm die Herrschaft Logodoro zubrachte. Im Jahre 1275 ermordete ihn sein Eidam Branca Doria aus Genua, dessen Geist wir in dem Höllenkreise Kaïna (Ges. 33, V. 136 ff.) antreffen. Die beiden Sardinier reden selbst in der Hölle von nichts als ihren heimatlichen Interessen, ein Charakterzug, der vielleicht auch auf andere Landsmannschaften passen würde.

Hölle - Gesang 23

Bedenkend, wie die beiden Teufel, da sie einem andern zu schaden gedachten, sich selbst Ungemach zuzogen, erinnert sich der Dichter der Fabel Äsops, wie der Frosch die Maus beredete, ihren Fuß an den seinen zu binden, und sie dann, ins Wasser tauchend, erstickte. Weil nun die tote Maus an dem Faden oben schwamm, lockte sie einen Weih, der sie und den Frosch herausholte und beide fraß.

Der Ausdruck V. 23 "wär' ich Blei und Glas" bedeutet:, wär' ich ein Spiegel.

In der sechsten Bolge sind die Heuchler, angetan mit bleiernen Kutten von dem Schnitte, wie die Benediktiner von Clugny sie tragen. Einer Sage zufolge hätte Kaiser Friedrich II. die überführten Verräter in bleierne Röcke stecken und so ins Feuer werfen lassen: darauf spielt Dante an. So schwer ist das Gewicht des Bleies, daß "die Wage", das heißt der Träger des Gewichts, unter der Last ächzt.

Zwei der Heuchler sind Mitglieder des Ordens der "lustigen Brüder", frati godenti, der unter Urban IV. in Bologna gegründet ward. Diese Brüder legten kein Gelübde ab, blieben in der Welt, verpflichteten sich aber, fromm zu leben, nur für die Kirche das Schwert zu ziehen, kein Amt zu bekleiden außer zur Friedensstiftung. Wahrscheinlich war der Name ursprünglich als Spott gemeint. Solche "ledige", das heißt den Parteiungen fremde Männer, wurden gern zu Schiedsrichtern berufen. Als solche wurden die beiden hier genannten von den Florentinern, um die Zeit der Geburt Dantes, als nach König Manfreds Tode die Herrschaft der Ghibellinen zur Neige ging, in Eid genommen. Man machte sie sogar zu Podestàs, sie sollen aber unter dem Deckmantel der Frömmigkeit ihren eigenen Vorteil gesucht haben. Jedenfalls verhinderten sie nicht den Aufruhr, der 1267 zur Vertreibung der Ghibellinen führte. Bei der Gelegenheit zerstörte das Volk im Stadtviertel Gardingo die Häuser der Uberti, der vornehmsten Ghibellinen, und noch um 1300 waren die Plätze nicht wieder bebaut.

Die Pharisäer und die Mitglieder des Hohen Rates, die den Tod Christi herbeiführten, namentlich der Hohepriester Kaïphas und dessen Schwäher Hannas (vergl. Ev. Johannis 10, V. 47 ff.) liegen in der Bolge gekreuzigt am Boden, und ewig wandeln die anderen bleischweren Heuchler über sie hinweg.

Hölle - Gesang 24

So schnell wie im Februar (Italiens) der Reif, "der Bruder des Schnees", von den Wiesen, wo er den Anblick einer beschneiten Fläche hervorrief, wieder verschwindet, so schnell verliert sich des Dichters Besorgnis, als er mit Virgil die sechste Bolge verläßt. Bei dem Aufklettern aus der Tiefe kömmt es ihm zu statten, daß der ganze achte Kreis, Malebolge, eine schiefe Ebene bildet, die gleichmäßig nach der Mitte, wo es zur tiefsten Hölle geht, abfällt und daß daher in jeder der zehn Bolgen das innere Ufer niedriger als das äußere ist.

Die siebente Bolge ist voll furchtbarer Schlangen; die aufgezählten Namen afrikanischer Schlangen sind meistens der Pharsalia des Lucan entlehnt, als Chelydri (Wassernattern), Cenchris (Fleckenottern), Jaculi (Lanzennattern), Pharëen (Brillenschlangen), Amphisbaenae (Ring]er). Vor ihnen schützt dort weder Schlupfloch noch der unsichtbar machende Stein Heliotrop. Es ist die Bolge der Diebe. Dante wundert sich, unter diesen den Vanni Fucci aus Pistoja zu treffen; denn dieser Bastard (er nennt sich selbst "Maultier"), ein wütiger Parteigänger der "Schwarzen", hatte wohl manchen Mord auf der Seele. Er ist aber zu den Dieben verwiesen worden, weil er aus dem Dome zu Pistoja das Altargerät gestohlen, es im Hause eines Unschuldigen versteckt und dann diesen angegeben und an den Galgen geliefert hatte.

Um den zur Partei der "Weißen" sich haltenden Dante zu betrüben, weissagt Vanni Fucci ihm den nahen Niedergang derselben. Um 1300 behaupteten sich die Weißen nicht nur in Florenz, sondern hatten auch in Pistoja die Schwarzen unterdrückt. Aber schon 1301 wurden sie aus Florenz vertrieben und bald darauf in Pistoja von den florentinischen Gegnern, welche mit Lucca im Bunde und vom Markgrafen Malaspina geführt waren, gestürzt. Aus dem Tale von Magra, sagt Fucci, werde dies Unwetter gegen die Weißen heranziehen: dort nämlich lagen des Markgrafen Besitzungen. Wegen der von Vanni Fucci erwähnten Schlacht auf dem Felde von Piceno ist man im unklaren; vermutlich ist eine Niederlage der Ghibellinen im Jahre 1302 gemeint.

Hölle - Gesang 25

Am Schlusse seiner Worte macht Vanni Fucci in der Richtung nach dem Himmel mit beiden Händen jenes alte Zeichen der Verhöhnung, welches man "die Feige stechen" nennt. Die Faust wird dem Verhöhnten entgegengestreckt, so daß der Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger vorschaut. Darob befreundet sich der Dichter mit den Schlangen, weil sie den Gotteslästerer anfallen und hindern, Hände und Mund zu gebrauchen. Dieser Frevler erscheint ärger als Capaneus, den wir im siebenten Höllenkreise als Verächter Jupiters lästern hörten.

Unter den Dieben erscheint der (in der Äneïs als semihomo) von Dante als Centaur dargestellte Cacus, der weiland unter dem Aventin seine Höhle hatte, ein flammenspeiender Räuber, Sohn des Vulkan. Herkules, dessen Rinder er gestohlen hatte, tötete ihn, vor dem zehnten Keulenschlage, meint Dante. Bei der Beschreibung des Unholdes wird wieder au[ den Schlangenreichtum der Maremma, der sumpfigen Wildnis im Südwesten Toskanas, angespielt. Als Dieb ist er nicht bei den Centauren im siebenten Kreise.

Der Rest des Gesanges ist fünf edlen Florentinern, lauter Dieben, gewidmet. Beide Parteien, die Weißen wie die Schwarzen, finden sich vertreten. Cianfa Donati, derjenige, der seinen Genossen abhanden gekommen ist, hat sich in ein Reptil verwandelt und verschmilzt dann mit Agnello Brunelleschi zu einem einzigen Ungetüm. Buoso Abati vertauscht seinen Menschenleib mit dem einer Schlange, in der Guercio Cavaleanti steckt, wie der Schlußvers anzeigt; denn Guercio ward in Gaville ermordet und der Ort dafür von den Verwandten gezüchtigt. - Der vierte, Puccio Sciancato, bleibt unverwandelt; Dante erkennt ihn, was beweist, daß er, hier von verstorbenen Zeitgenossen redet.

Die Schilderung der unheimlichen Umgestaltungen, die sich an diesen Sündern vollziehen, vergleicht der Dichter mit dem, was Lucans Pharsalia von den römischen Kriegern Sabellus und Nassidius berichtet, wie sie auf geheimnisvolle Art durch Eidechsen- und Schlangenbiß umkommen, und mit Ovids Metamorphosen, namentlich mit der Verwandlung des Cadmus in eine Schlange. Aber er betont, daß bei Ovid das Wunder nur die Hälfte des hier gesehenen ausmache, eine einfache Verwandlung, während hier zwei Geschöpfe ihre Form vertauschen.

Hölle - Gesang 26

Anknüpfend an die fünf Florentiner Verdammten, weissagt der Dichter, von einem wahrheitverkündenden Morgentraume erleuchtet, seiner Vaterstadt nahes Unheil, wie die kindlichen Nachbarstädte, Prato usw., es ihr wünschen. Die Wanderer steigen von der Einfassung der siebenten Bolge, auf die sie sich von der Brücke hinabbegeben hatten (Ges. 24, V. 72 ff.), wieder auf den Dammweg, der rauher und abschüssiger wird, je mehr er sich der Mitte des Kreises nähert, so daß sie beim Klettern die Hände zu Hilfe nehmen müssen. Sie kommen an die achte Bolge der schlimmen Ratgeber, deren Schicksal dem Dichter eine Mahnung ist, seinen Witz (sein Ingenium) in strenger Zucht zu halten, damit diese Gabe der Sterne, wenn nicht direkt Gottes, ihm nicht zum Schaden ausschlage.

Hier sind die Geister in Flammen gehüllt. Eine derselben spaltet sich in zwei Spitzen, wie das Feuer tat, das die Leichen der feindlichen Brüder Eteokles und Polynices verzehrte. In dieser Flamme wohnen vereint Ulisses und Diomedes, wie sie im Leben vereint Trojas Verderben suchten. Wieder ist es ein Frevel gegen Roms Ahnherrn, der hier gestraft wird. Sie legten die Bresche in die Mauern Trojas, durch welche Äneas, "Roms edler Same", auszog; sie raubten das Palladium der Stadt; Ulisses entführte der Deïdamia ihren jungen Gatten Achill, ohne dessen Hilfe sie nicht fallen konnte.

Die Erzählung, die Dante dem Ulisses in den Mund legt, ist entweder von ihm erfunden oder aus uns verlorener Quelle geschöpft. Sie hat mit Homer nur die Circe gemein, deren Insel an die Küste verlegt wird, wo Virgils Aneas seine Amme Cajeta bestattete, den Ort (jetzt Gaëa) nach ihr benennend. Dante läßt den Ulisses eine Fahrt nach der westlichen Halbkugel unternehmen, nach der "menschenlosen Welt", denn man dachte sie sich ganz von Meer bedeckt. Das Schiff fährt fünf Monate in südwestlicher Richtung, bis es an den verhängnisvollen Berg gelangt. Daß mit diesem Berge der Berg des Fegefeuers gemeint sei, erhellt daraus, daß außer diesem nach Dantes Annahme kein Land auf der westlichen Halbkugel liegt. Das Fegefeuer liegt nach Dante am anderen Ende des von Jerusalem durch den Mittelpunkt der Erde gehenden Diameters.

Hölle - Gesang 27

Eine zweite Flamme redet die Wandrer an. Anfangs gleicht ihr unartikulierter Ton dem Gebrüll, welches aus dem ehernen Stier des Tyrannen von Agrigent, Phalaris, erscholl, wenn ein Mensch in den glühenden Bauch verschlossen wurde, ein Schicksal, dem bekanntlich der Anfertiger des Erzbildes als erstes Opfer verfiel. Der Geist dieser Flamme hat gehört, wie der Mantuaner Virgil lombardisch sprach, als er die beiden Griechen verabschiedete. (In der Übersetzung kann der Dialekt natürlich nur als Abweichung von der Schriftsprache ganz allgemein angedeutet werden, während im Urtext wirklich lombardische Worte Virgils zitiert werden.) Der Geist ist ein Romagnole, und seine Frage veranlaßt den Dichter, über den Zustand der Romagna sich zu äußern.

Seit Dantes Geburt war die Geschichte dieses Landes eine fast ununterbrochene Kette von Fehden und Umwälzungen gewesen; Parteiung in den Städten und Ehrgeiz der Adelsgeschlechter führte zu stets neuen Bündeleien und Kriegen. Um 1299 kam eine Art Landfrieden zu stande; damals war Krieg nur in den Gemütern, wie Dante sagt. Während der gedachten Wirren hatten die Polentas von Ravenna (die Familie der unglücklichen Francesca von Rimini) ihre Macht ausgebreitet (Wappen ein Adler); die Stadt Forli, wo 1282 der berühmte Ghibelline Graf Guido von Montefeltro ein Heer von Franzosen und Guelfen gründlich geschlagen hatte, war unter die Herrschaft der Familie Ordelaffi (Wappen ein grüner Löwe) geraten; die Malatestas vom Schlosse Verrucchio, in welche Familie Francesca Polenta zu ihrem Unheil heiratete, hatten sich in Rimini behauptet, ein böses Tyrannengeschlecht, hier vertreten durch den Schwäher Francescas, "die alte Dogge", und dessen einäugigen Sohn Malatestino, welcher seinen gefangenen Gegner Montagna Percitati, als der alte Malatesta immer wieder nach dessen Befinden fragte, im Kerker umbringen ließ. In Imola am Santerno und in Faenza am Lamone hatte die Familie Pagani (Wappen ein roter Löwe in weißem Felde) sich festgesetzt, die abwechselnd zu den Guelfen und den Ghibellinen sich hielt; in Cesena am Flusse Savio endlich war beständiger Wechsel der Herrschaft, bald derer von Montefeltro, bald der Malatestas, so daß weder die Macht eines Einzigen noch die Bürgerfreiheit wurzeln konnte.

Der Geist in der Flamme ist kein anderer als eben jener Graf Guido von Montefeltro, der größeste unter den ghibellinischen Kriegsmännern in Dantes Jugendzeit. Bis 1284 hatte er in der Romagna den Guelfen und dem römischen Hofe die Spitze geboten, dann sich mit der Kirche versöhnt und nach Piemont zurückgezogen. Um 1288 berief Pisa ihn als Regenten, und bis 1293 diente er der Stadt mit Erfolg, unbekümmert um den Bann, den der Papst deshalb über ihn verhängte. Im Jahre 1294 abermals mit Rom versöhnt, kehrte er nach der Romagna zurück, trat aber bald, der Welthändel müde, in den Franziskanerorden und starb 1298 in Ancona.

Die ergreifende Erzählung, wie er sein Seelenheil verlor, gründet sich auf folgende Begebenheit. Dantes Erzfeind Papst Bonifacius VIII. veranstaltete um 1297 einen Kreuzzug, nicht etwa gegen Ungläubige, nicht gegen die Besieger von Acre (das 1290 den Christen verloren ging), sondern gegen Römer, gegen die Familie Colonna, deren Burg Pellestrino aber sich unbezwinglich erwies. Ähnlich wie Kaiser Konstantin den Papst Silvester, der Sage nach, berief, um des Aussatzes los zu werden, ließ Bonifaz den kriegskundigen Guido aus dem Kloster holen und gebot ihm bei der Pflicht des Gehorsams, von allen etwaigen Sünden im voraus ihn lossprechend, anzugeben, wie man der Feste beikommen möge. Guido sträubte sich, aber zuletzt, nachdem er die Absolution erhalten hatte, riet er dem Papste, weil die Burg nur mit List zu gewinnen sei, "viel zu versprechen, wenig zu halten". Bonifaz folgte dem Rate und bewog durch weitgehende Zusagen die Colonnas zur Übergabe der Burg, hielt aber sein Wort so wenig, daß die betrogenen Gegner es vorzogen, ihrer Sicherheit wegen zu flüchten.

Man wird bemerken, daß in Dantes Erzählung wieder ein Hieb auf den Papst Cölestin V., der die Schlüssel Petri freiwillig niederlegte, abfällt.

Der Teufel, welcher trotz der päpstlichen Absolution die Seele Guidos holt, ist ein schwarzer Cherub. Im "Paradiese" werden wir sehen, daß die Cherubim den achten Rang der neun himmlischen Heerscharen (von unten gezählt) einnehmen, den zweithöchsten also. Dem entspricht es, daß im achten Kreise der Unterwelt schwarze Cherubim walten.

Am Schlusse des Gesanges wenden sich die Wanderer zur neunten Bolge, in die Minos diejenigen verweist, "die spaltend ihre Last vermehren". Der dunkle Ausdruck des Urtextes, "che scommettendo acquistan carco" enthält einen Wortwitz, den die Übersetzung nicht recht wiedergeben kann. Während eine Last gewöhnlich durch Zusammenbringen entsteht, bereiten die Sünder der neunten Bolge sich eine Last (nämlich von Schuld) durch Auseinanderbringen (scommettendo), durch Zwietrachtstiften.

Hölle - Gesang 28

Die Blutszenen der neunten Bolge gemahnen den Dichter an die Schlachtfelder Apuliens, zumal an Cannä, wo so viele römische Ritter fielen, daß ihre silbernen Ringe einen Scheffel füllten, und an die Kämpfe der Apulier gegen den Normannen Robert Guiscard, an Manfreds Niederlage, die Dante ungenau nach Ceperano verlegt, und an Karl von Anjous Sieg über Konradin bei Tagliacozzo. Den letztgedachten Sieg soll der französische Ritter Alard de Vallery herbeigeführt haben durch den Rat, die Ritter Karls sollten im Hinterhalt warten, bis die Deutschen sich beim Plündern zerstreuten, und erst dann einhauen.

Es sind zunächst Schismatiker und Stifter großer Religionsparteien, welche in der neunten Bolge erscheinen, neben den mohammedanischen auch ein Spezimen der christlichen Sektierer, die schon im 13. Jahrhundert in Italien sich regten und Rom gegenüber auf die Einfachheit der apostolischen Zeit pochten. Fra Dolcino, über den Dante dem Mohammed Worte in den Mund legt, lebte noch um 1300; er war vor der Inquisition in die Berge von Novara geflohen und führte dort, vom Hunger genötigt, mit seinen Anhängern eine Art von Räuberleben. Sieben Jahre lang erwehrte er sich aller Angriffe der umwohnenden Machthaber, bis er im Winter 1306/1307, von Schneemassen blockiert und aller Lebensmittel beraubt, sich den Novaresen ergab. Er ward zu Vercelli mit greulichen Martern hingerichtet, standhaft bis zuletzt.

Der Herr von Medicina (einem Städtchen unweit Bologna), welcher dann erscheint, soll aus Eigennutz Unfrieden zwischen den Malatesta und den Polenta genährt haben. Er war Dantes Zeitgenosse. Die Prophezeiung, die ihm in den Mund gelegt wird, erfüllte sich einige Jahre später. Malatestino, der einäugige Tyrann von Rimini, "der Sohn der alten Dogge", von dem schon im vorigen Gesange die Rede war, lud zwei angesehene Edelleute von Fano nach Cattolico zur Unterredung; die bestochenen Schiffer aber warfen beide in Säcke eingeschnürt über Bord. Rimini wird bezeichnet als eine Stadt, welche je gesehen zu haben einer der Insassen der Bolge noch täglich verwünsche. Bei Rimini (Ariminium) überschritt Cäsar den Rubicon; Curio, der aus Rom vertriebene Tribun, stachelte den Zaudernden an (so erzählt Lucan in der Pharsalia) mit den Worten: Tolle moras, semper nocuit differe paratis. (Zaudere nicht; dem Gerüsteten war stets schädlich das Warten.) Diese Worte, die den Bürgerkrieg entschieden, büßt Curio in der Hölle, und deshalb wünscht er Rimini nie gesehen zu haben.

Auch jenen Mosca, nach dem er im 6. Gesange, V. 80 den Ciacco fragte, trifft Dante hier. Mosca spielte eine Rolle bei einer Tat, deren unheilvolle Folgen Dante wiederholt beklagt. Im Anfange des 13. Jahrhunderts hatte Buondelmonte sich mit einer Amidei verlobt, dann aber eine Donati geheiratet. Die Amidei erschlugen den Jünglinge auf der Straße. Mosca halte sie angetrieben; gegen ihr Zögern sagte er: "cosa fatta, capo ha, ist's getan, so ist es aus." Aber endloser Familien- und Parteihader in Florenz und Toskana knüpfte sich an die blutige Tat. Mosca gehörte zu der Familie der Lamberti, die wahrscheinlich schon untergegangen war, als Dante sein Gedicht schrieb.

Mit Fug befindet sich unter den Zwietrachtstiftern auch Bertrand de Born, Herr von Hautefort, der bekannte normannische Sänger, der Prinz Heinrich von England gegen seinen Vater zur Empörung anstachelte und zugleich den König so zu bezaubern wußte, daß dieser ihn völlig begnadigte. Er trägt zur Strafe seinen Kopf in der Hand, so daß das Gehirn von seinem Quell oder Ursprunge (dal suo principio), dem Rückenmark, getrennt ist. Er vergleicht sich selbst mit Ahitophel, der Absalons Empörung gegen David begünstigte, wie im zweiten Buche Samuelis Kap. 15 ff. erzählt wird.

Hölle - Gesang 29

Virgil gibt den Umfang der neunten Bolge, auf die nur noch eine kleinere folgt, zu zweiundzwanzig ital. Meilen an, wofür ich, da wir nach geopraphischen Meilen rechnen, fünf Meilen gesetzt habe (1 geogr. M. = 4,408 Miglien). Der Gesang beginnt mit ein Uhr nachmittags oder etwas später, da angegeben wird, daß der Mond, der am Tage vorher voll gewesen war, "unter den Füßen" der Wanderer, also im Zenith bei den Antipoden, gestanden habe, was am Tage nach Vollmond die genannte Stunde ergeben würde. Es ist indes schon bemerkt worden, daß in Betreff des Mondes und der sonstigen Data des Gedichts Widersprüche obwalten. Der Tag, der 26. März, stimmt nicht mit der angenommenen Mondphase.

Unter den Verdammten hat Dante einen Oheim seiner Mutter, Geri del Bello, entdeckt, von dem die alten Kommentatoren allerlei Übles, sogar Falschmünzerei, berichten. Er wurde aus Florenz verbannt und von einem Manne, dessen Vetter er umgebracht hatte, ermordet. Wie man aus dem Zusammenhange sieht, hatte Bellos Familie den Tod des Verwandten ungerochen gelassen, was Dante als eine Art Unrecht empfindet. Dreißig Jahre nach Bellos Ermordung soll sein Sohn die Rache doch noch vollzogen haben.

In der zehnten Bolge, "dem letzten Klostergange" des achten Kreises, herrscht mehr Jammer und Entsetzen, als in den größesten Spitälern, wenn man sie alle vereinigte, selbst in der heißen Fieberzeit herrschen würde. Die Spitäler des sumpfigen Valdichiana, der wüsten Maremma und der ungesunden Insel Sardinien werden als Stätten besonders furchtbaren Elends angeführt. Beim Anblick der Bolge erinnert sich der Dichter der von Ovid beschriebenen Pest, die zur Zeit des Königs Äacus in Agina erst die Tiere, dann die Menschen hinraffte, bis die Insel fast ausgestorben war. Jupiter verwandelte hernach Ameisen (myrmex) in Menschen, die davon Myrmidonen genannt wurden.

Die zehnte Bolge straft die Fälscher. Griffolino von Arezzo hatte sich gegen Albert von Siena gerühmt, fliegen zu können, und unter dem Vorwande, ihn die Kunst zu lehren, den Gimpel ausgebeutet. Albert aber gab ihn schließlich als Hexenmeister bei seinem Pflegevater, dem Bischof von Siena, an, der den Griffolino verbrennen ließ. In der achten Hölle ist er jedoch nicht wegen dieser Gaukelei, sondern wegen Goldfälscherei.

Die Erwähnung Sienas veranlaßt einen kleinen Exkurs über den Charakter der Sienesen, welche schlimmer, windiger seien als die Franzosen, "die Erfinder aller eitlen und verderblichen Moden", wie Boccaccio zu dieser Stelle anmerkt. Von der frivolen Üppigkeit und Verschwendung, der reichen Sienesen waren allerlei Geschichten im Umlauf, auf die Dante anspielt. Es gab eine Gesellschaft von zwölf jungen Herren, die in einem Jahre sich mit Gastereien und Festen ruinierten; ein gewisser Niccolo Bonsignori ließ Fasanen und Kapaunen auf einem Feuer von Gewürznelken braten. Der mit letzterem genannte Stricca ist nicht weiter bekannt, doch zeigt der Zusammenhang, daß es ironisch gemeint ist, wenn er von dem Tadel des Leichtsinns ausgenommen wird.

Die Bemerkungen über Siena legt Dante einem florentinischen Bekannten in den Mund, einem gewissen Capocchio, der die Sienesen zu hassen besonderen Grund hatte; denn sie verbrannten ihn wegen betrügerischer Alchimie. Er soll ein Tausendkünstler gewesen sein, der es namentlich verstand, die Natur täuschend zu kopieren.

Hölle - Gesang 30

Um sich für Jupiters Untreue zu rächen, machte Juno, nicht zufrieden, Semele zerstört zu haben, deren Schwester Ino samt dem Gemahl Athamas wahnsinnig. Athamas hielt seine Gattin für eine Löwin, riß ihr den einen ihrer Zwillinge Learchus vom Arme und schleuderte ihn gegen einen Felsen. Ino sprang mit dem anderen Sohne ins Meer, wo beide in Seegötter verwandelt wurden. Hekuba, dem Jammer über den Tod ihrer letzten Kinder erliegend, ward zur wütenden Hündin. Mit dem Toben dieser mythischen Personen vergleicht Dante die Raserei, welche in der höllischen Pestgrube herrscht. Einige der Schalten stürmen beständig wie im wildesten Fieberwahnsinn durch den Raum und fallen die übrigen mit Zähnen und Fäusten an. Einer von diesen ist Gianni Schischi von den Cavalcanti, der bei einem vielberufenen Verbrechen Helfer war. Buoso Donati, derselbe, der im 25. Gesange, V. 140 unter den florentinischen Dieben vorkömmt, war von seinem nach der Erbschaft begierigen Neffen ermordet worden; Schicchi legte sich ins Bett des Toten und diktierte, dessen Stimme nachahmend, dem herbeigerufenen Notar ein Testament, das den Mörder zum Erben einsetzte, ihm selbst eine kostbare Stute und andere Schätze vermachte.

Der andere wütige Schatte ist Myrrha, die ihren Vater König Cinyras von Paphos frevelhaft liebte und mit ihm den Adonis erzeugte. Weil sie den Vater durch erborgte Gestalt täuschte, ist sie unter die Fälscher versetzt.

Der Sünder, dessen geschwollener Leib und hagerer Kopf an die Form einer Laute erinnern, ist Meister Adam von Brescia, welcher zu Romena, unweit der Quellen des Arno, florentinische Goldmünzen (mit dem Bilde Johannes des Täufers) nachmachte. Die Söhne jenes Grafen Guido, des Enkels der guten Frau Waldrada, dem wir im 16. Gesange begegnet sind, Alexander, Guido und Aghinolfo, waren die Mitschuldigen Meister Adams. Sich an ihnen zu rächen, sagt er, wäre ihm mehr wert als der schöne Brunnen von Siena, Fonte Branda oder Blanda. Die Goldgulden von Florenz oder Zechinen hielten 1/3 Unze feines Gold ohne allen Zusatz; Meister Adam setzte drei Kanal, das heißt ein Achtel des Gewichts, Kupfer zu. Der Frevel erschien einem Florentiner wie Dante umso ärger, als seine Vaterstadt auf die Redlichkeit ihrer Münze stolz und eifersüchtig den guten Ruf ihres Geldes zu wahren bemüht war. Der Falschmünzer erlitt zu Danzes Lebzeiten den Feuertod.

Die Maße der zehnten Bolge werden im Urtext auf elf Miglien Umfang und eine halbe Miglie Breite angegeben. Das wären, die Meile zu 4,4 Miglien und die Miglie zu 5400 Fuß gerechnet, zwei und eine halbe geographische Meile Umfang und 2700 Fuß oder 1550 Ellen Breite. In der Übersetzung mußten die Ziffern versgerechter gemacht, das heißt abgerundet werden.

Meister Adam gerät in Zank mit seinem Leidensgenossen Sinon, jenem griechischen Überläufer, der die Trojaner beredete, das hölzerne Pferd in ihre Stadt zu lühren. Zu dem Gezänk der beiden ist nur zu bemerken, daß Sinon dem Falschmünzer so viel Sünden als fabrizierte Gulden anrechnet und ihn dadurch an die Spitze aller Verdammten befördert; ferner, daß die Redensart "den Spiegel des Narzissus lecken" eine gezierte Umschreibung für Wasser vom Erdboden trinken ist, weil solches Wasser dem Narzissus als Spiegel diente.

Dadurch, daß Dante dem Streite begierig zuhört, zieht er sich Virgils Tadel zu, und er gewinnt danach, ohne es zu wissen, nämlich durch die Zeichen der Beschämung, dessen Verzeihung.

Hölle - Gesang 31

Im 18. Gesange wurde beschrieben, wie Malebolge, der achte Kreis, nach der Mitte sich abdacht und in der Mitte ein Schacht sich öffnet. Am Rande dieses Schachtes, dessen Boden der neunte und letzte Kreis einnimmt, stehen jetzt die Wanderer. Rings um den Schacht stehen als Wächter Giganten, mit den Füßen drinnen, mit halbem Leibe über den Rand ragend, wie um Schloß Montereggione bei Siena die Türme in gleichen Abständen ragen. Etwa 27 Fuß tief fällt die Felswand des Schachtes ab, und die Riesen sind ungefähr 54 Fuß hoch. Das Gesicht des ersten, sagt Dante, war so lang wie der Pinienzapfen, der von Hadrians Grab nach der (alten) Peterskirche geschafft worden war, und die übrigen Glieder waren im Verhältnis. Dieser Zapfen maß 6 Fuß; vom Nabel bis an den Hals, wo man den Mantel befestigt, waren zehn italienische Ellen (18 Pariser Fuß), für den Hals sind 3 Fuß zu rechnen. Dies ergibt 27 Fuß vom Nabel bis zum Scheitel; für die untere Hälfte, der die Felswand als Schurzfell dient, ist ebensoviel zu rechnen. Mit Recht wird daher gesagt, daß drei Friesen, hochgewachsene Männer, einer auf dem anderen stehend, nicht an das Haupthaar des Giganten gereicht hätten. Daß der Kopf ein Neuntel der Körperlänge ausmache, ist auch sonst als Regel aufgestellt worden.

Der erste dieser Riesen, Nimrod, redet in einer Sprache, die, wie Virgil bezeugt, andere Menschen nicht mehr verstehen. Man hat gleichwohl sich gequält, die unverständlichen Worte aus dem Arabischen oder auch als Anagramm zu deuten. Sollte Dante nicht geflissentlich dem Urheber der babylonischen Verwirrung den Fluch der Unverständlichkeit auf die Zunge gelegt haben?

Der zweite Riese, Fialtes (Ephialtes bei den Griechen), ist der Gigant, der mit seinem Bruder Otos den Pelion auf den Ossa türmte, um den Olymp zu erstürmen.

Antäus, der dritte, hauste in Nordafrika, unweit Zanna, wo Scipio den Hannibal schlug. Virgil besänftigt ihn mit Schmeichelworten: hätte Antäus in der Gigantenschlacht mitgekämpft, Jupiter wäre vielleicht unterlegen! und er deutet ihm an, daß Dante der Mann sei, in der Oberwelt seinen Namen zu verherrlichen. "Der kann dir geben, was man hier begehrt," nämlich gute Nachrede auf Erden, wonach die Verdammten aller Höllenkreise, mit Ausnahme des letzten, sich sehr begierig zeigen.

Antäus setzt die beiden Wanderer auf den Boden des untersten Kreises nieder. Indem er sich bückt, sieht er aus wie ein Turm, der sich neigt. Den Eindruck eines sich neigenden Turms hat man, wie Dante anführt, vor dem schiefen Turm Carisenda in Bologna, wenn man lange hinaufblickt, während die Wolken gegen die Seite, auf welcher der Bau überhängt, ziehen. Dann scheint die Wolke festzustehen, der Turm sich zu bücken.

Hölle - Gesang 32

Der neunte Kreis bildet eine steil nach der Mitte abfallende, trichterförmige Fläche (V. 16), deren tiefster Punkt das Zentrum der Erde und, nach dem Ptolemäischen System, des Weltalls ist. Er teilt sich in vier Gebiete, die Kaïna (nach dem Brudermörder), Antenora (nach dem Vaterlandsverräter Antenor von Troja), Ptolemäa (nach dem Ptolemäus des Makkabäerbuchs, welcher die Gastfreundschaft durch Meuchelmord entweihte), und Judecca (nach Judas Ischariot) heißen. Eine Strafe beherrscht alle, ewiger Frost, der sich aber steigert, je näher man dem Zentrum kömmt, wo den drei Erzverrätern wider Gott und Cäsar eine besondere Pein vorbehalten ist.

Das Eis des Cocytus, der wie ein gefrorener See den ganzen Raum ausfüllt, ist so dick, daß es nicht einmal krachen würde, wenn der Berg Tabernick (in Slavonien) oder der Pietrapana (im Lucchesischen) hinauffiele. Die namhaft gemachten Verdammten in Kaïna sind:

1. Zwei Grafen aus dem Hause der Alberti von Mangona, das im oberen Tale des Bisenzio ansässig war. Sie sollen sich gegenseitig umgebracht haben. "Verräterischer Meuchelmord saß diesem Hause im Blute," sagt ein alter Kommentator.

2. König Arturs Bastard Mordrec, der sich wider den Vater empörte. In der Schlacht durchbohrte Arturs Lanze ihm "Brust und Schatten"; denn die Sonne schien durch die Wunde. Sterbend versetzte Mordrec dem Vater einen tödlichen Hieb.

3. Focaccia Cancellieri von Pistoja, ein Anhänger der "Weißen", der aus Rache seinen zu den "Schwarzen" haltenden Verwandten Detto Cancellieri ermordete.

4. Sassol Mascheroni aus Florenz, der seinen Neffen, um ihn zu beerben, ermordete. Man köpfte ihn, nachdem man ihn an ein Faß genagelt und so zum Richtplatze geschafft hatte.

5. Camicione de' Pazzi aus dem Val d' Arno, der seinen Verwandten Ubertino tötete. Er wartet in der Hölle auf die Ankunft seines Vetters Carlino de' Pazzi, gegen den er harmlos erscheinen wird. Dieser Carlino verriet 1502 eine ihm von den ghibellinischen Pistojern anvertraute Burg den Florentinern und lieferte damit Partei- und Blutsfreunde an die Schlachtbank.

In der zweiten Abteilung Antenora stößt Dante auf einen, der sich nicht nennen will, wie denn überhaupt die Verräter nicht wie die anderen Höllenbewohner den Wunsch hegen, im Gedächtnis der Menschen fortzuleben, und statt dessen sich begierig zeigen, von ihren Leidensgefährten Schlechtes zu sagen. Zum 10. Gesange ist schon von der Niederlage die Rede gewesen, welche die Sienesen und die aus Florenz vertriebenen Ghibellinen am Flusse Arbia den Florentinern beibrachten. Diese Niederlage heißt hier die Schlacht bei Montaperti. Bocca degli Abati diente im florentinischen Heere, war aber im geheimen Einverständnisse mit den Ghibellinen. Er hieb dem Fahnenträger der Stadt plötzlich die Hand ab, so daß die Fahne sank und die ohnehin überrumpelte Schar vollends in Verwirrung geriet. Dante hat als Knabe die Geschichte erzählen hören; nun er vernimmt, daß hier einer wegen Montaperti Pein leidet, will er sich vergewissern, ob die Sage recht hatte, und er weiß genug, sobald Boccas Name ihm verraten wird.

Dem ghibellinischen folgt der guelfische Verräter. Buoso von Duera (Dovara) nahm zu Karl von Anjous Zeit Geld von den Franzosen und erleichterte ihnen den Marsch nach Mittelitalien.

Beccaria, Abt von Valombrosa, wurde 1258 als Verschwörer gegen Florenz enthauptet.

Soldanier wird unter die Verräter versetzt, weil er, obwohl aus ghibellinischem Geschlechte, sich an die Spitze der Zünfte stellte und seine eigene Partei zu Grunde richtete.

Ganelon ist der bekannte Verräter aus der Rolandssage.

Tribadello schickte den Bolognesen einen Wachsabdruck des Torschlüssels seiner Vaterstadt Faenza und führte so deren Niederlage herbei. Sein Motiv war Rache.

Wer endlich der Verdammte ist, der einen anderen zerfleischt, wie Tydeus in der Wut des Kampfes den Kopf des Melanippus zerbiß, lehrt der nächste Gesang.

Hölle - Gesang 33

Pisa war im 13. Jahrhundert eifrig ghibellinisch. Als aber 1284 seine Flotte von den Genuesen zerstört und die Blüte seiner Geschlechter erschlagen oder gefangen war, übertrug die geängstigte Stadt, dem Untergange nah, die Herrschaft dem Grafen Ugolino della Gherardesca, dessen Familie immer an der Spitze der Ghibellinen gestanden, der aber persönlich mit den Guelfen sich gut stand, sogar seine Schwester dem pisanischen Guelfen Giovanni Visconti verheiratet hatte. Um sich zu befestigen, teilte Graf Ugolin die Macht mit dem Neffen Niro Visconti; da er aber merkte, daß dieser seinen Sturz plante, und da die Ghibellinen allmählich sich wieder erhoben, verband er sich im stillen mit den letzteren, in der Absicht, mit ihrer Hilfe die Alleinherrschaft an sich zu reißen. Die Geschlechter Gualandi, Sismondi und Lanfranchi standen mit Erzbischof Roger degli Ubaldini an der Spitze der Ghibellinen; am 30. Juni 1288 wich Nino vor ihnen aus der Stadt, und Ugolin versuchte vergebens, ihnen die Macht streitig zu machen. Nach heftigem Straßenkampfe ward er mit seinen Söhnen Gaddo und Uguccione und seinen Enkeln Brigita und Anselmuccio gefangen genommen und in den Turm der Gualandi am Platze der Anziani gesperrt. Im März 1289 ließen die Sieger trotz des Geschreis der um Erbarmen flehenden Gefangenen den Turm verschließen und den Schlüssel in den Arno werfen. Nach acht Tagen öffnete man den Kerker und begrub die Verhungerten. Selbst den erflehten geistlichen Beistand hatte man ihnen versagt.

Das ist der geschichtliche Kern der Begebenheit, die den Stoff zu Dantes furchtbaren Versen geliefert hat. Der Vorwurf, daß Ugolin Schlösser Pisas den Feinden verraten habe, läßt sich nicht mehr begründen; zwar lieferte er 1285 den Lucchesen zwei Burgen aus, doch ist es möglich, daß es geschah, um einen Angriff auf die fast wehrlose Stadt abzukaufen. Immerhin fällt das Zeugnis Dantes, des Zeitgenossen und Nachbarn, ins Gewicht. Man hat dem Dichter vorgeworfen, daß er Ugolins Söhne fast als unschuldige Kinder darstelle, da doch schon die Enkel Waffen trugen und einige derselben sogar verheiratet waren und Kinder hatten. Vielleicht hat Dante es nicht gewußt oder es nicht wissen wollen. Jedenfalls waren die mit ihm gefangenen Söhne nicht die Väter der beiden verhungerten Enkel und möglicherweise jünger als diese. Der alte Graf, den auch Dante mit zäher Lebenskraft ausstattet, war ein Mann, dem auch als Großvater noch Kinder geboren werden konnten.

In Ugolins Erzählung von dem Traume, der ihn im Kerker erschreckte, ist von dem Hügel die Rede, der so schwelle, "daß Pisas Augen nicht bis Lucca tragen". Damit ist der Monte Giuliano gemeint; ohne ihn würden die beiden Städte, die nur etwa drei Meilen voneinander entfernt liegen, sich gegenseitig sehen können.

Gegen Pisa, wo die schreckliche Tat geschah, ruft Dante die Rache der Nachbarstädte auf, und wenn diese säumen, sollen Capraja und Gorgona, die Inseln vor der Arnomündung, den Fluß verstopfen, damit er "dies neue Theben" (mit Anspielung auf die Greuel, die vom Geschlechte des Cadmus verübt wurden) ersäufe.

In der Ptolemäa, der dritten Abteilung der Verräterhölle, treffen die Wanderer wieder einen Frate godente oder "lustigen Ordensbruder", den Alberigo de' Manfredi. Dieser hatte von einem andern Manfredi während eines Wortwechsels einen Backenstreich empfangen, den er, obwohl der Beleidigen um Vergebung bat, blutig zu rächen beschloß. Verzeihung heuchelnd lud er den Vetter und dessen Söhnlein zu Tisch; auf das Stichwort "bringt das Obst" kamen zwei andere Manfredi und ermordeten beide Gäste. Daher nannte man meuchlerische Streiche "Obst des Fra Alberigo". Dies geschah 1285 zu Faenza. Um 1300 lebte Alberigo noch, und der Dichter stellt sich deshalb verwundert, ihn schon dort unten zu finden. Aber für die Ptolemäa gilt das besondere Gesetz, daß die Seele des ihr verfallenen Sünders sofort nach der Missetat, während der Körper noch fortlebt, zur Hölle fährt. So ist es möglich, daß Branca d' Oria (aus der berühmten genuesischen Familie), der seinen Schwiegervater Michael Zanche (vergl. Ges. 22, V. 88) mit Hilfe eines Neffen bei Tische ermordete, schon im Jahre 1300 in der Hölle sitzt, obgleich er 1311 noch lebte. Er kam zugleich mit dem Ermordeten in der Unterwelt an, sogar noch etwas früher, als ob die Teufel Verräter schneller beförderten als andere Sünder. Es wird erzählt, die Dorias hätten wegen dieser Stelle den Dichter, als er 1311 zu Kaiser Heinrich VII. nach Genua kam, übel behandelt; doch ist dies wenig glaublich. Die Hölle ist wahrscheinlich erst nach 1311 veröffentlicht worden.

Den Alberigo bewegt Dante durch das Versprechen, ihm das Eis von den Augen nehmen zu wollen, zur Erzählung seiner Missetat; er fügt die Beteuerung hinzu: "ich will ins tiefste Eis hinabfahren, wenn ich dir nicht helfe." Diese Worte enthalten einen Doppelsinn, der den Sünder täuscht. Während er in ihnen eine Bekräftigung des Versprechens erblickt, denkt Dante an das Ende seines Wegs, der ihn wirklich ins tiefste Eis führen soll, an den untersten Punkt der Hölle. Demgemäß betrügt er den Alberigo um den Lohn seines Bekenntnisses, und er rühmt sich dessen, weil es redlich sei, den Verräter mit gleicher Münze zu zahlen.

Wie Pisa wird auch Genua in diesem düstersten aller Höllengesänge gegeißelt, die siegreiche wie die besiegte Stadt. Genua war von Parteihader kaum minder heimgesucht als Florenz selbst.

Hölle - Gesang 34

Ein alter lateinischer Karfreitagshymnus beginnt mit den Worten, mit denen Virgil seinen Begleiter vor das Angesicht Satans führt: "Vexilla regis prodeunt"; "inferni" setzt Virgil hinzu: "Des Höllenkönigs Fahnen schreiten vor entgegen uns." Des Reimes wegen mußte der Vers, da inferni keinen deutschen Reim bietet, etwas abgeändert werden. Im untersten Höllenraum, Judecca geheißen, sieht Lucifer oder Dis (das ist Pluto), zur Hälfte diesseits, zur Hälfte jenseits des Erdzentrums, die drei Erzverräter, die Frevler an Gott und Cäsar, ewig zermalmend. Lucifers Arm ist ungefähr neunmal so groß wie der ganze Körper eines der Giganten; man hat sich ihn fast fünfhundert Fuß lang und die Gestalt des Höllenfürsten vierzehn- bis fünfzehnhundert Fuß hoch zu denken. Der größere Teil des Körpers steckt jedoch verborgen in der Schlucht, in der er steht; erst von der halben Brust an ragt er über die Umgebung hinaus, immerhin noch vierhundert Fuß. Er müßte weit über den Rand des neunten Höllenkreises, der nur siebenundzwanzig Fuß hoch ist, sich emporheben, wenn nicht anzunehmen wäre, daß der Kreis selbst sich nach der Mitte stark senke. Drei Gesichter hat Lucifer, eins rot, eins weiß-gelb, eins schwarz. Daß dieselben eine allegorische Bedeutung haben, ist wahrscheinlich genug; nach einigen bedeuten sie die drei Weltteile Europa, Asien, Afrika, was wenig einleuchtet; die meisten alten Kommentatoren und viele neuere sind einig daß die Farben auf drei Laster oder infernale Eigenschaften hinweisen, und sie bieten uns eine reiche Auswahl. Haß, Neid, Geiz, Stolz u. s. w. Beachtenswert scheint, daß die älteste Überlieferung sich für "Unwissenheit, Haß und Ohnmacht" entscheidet, was genau den Gegensatz zu den Attributen der göttlichen Dreieinigkeit, Weisheit, Liebe, Macht, bildet; doch wage ich es nicht, die Farben auf jene drei zu verteilen.

Auffallen wird, daß Dante - im Gegensatz zu Plutarch und Shakespeare - den Cassius stark und feist nennt. Er hat vermutlich den in Ciceros dritter catilinarischer Rede als feist bezeichneten Lucius Cassius mit Gajus Cassius verwechselt, Plutarch aber nicht gelesen.

In dem Augenblicke, wo die Wanderer sich anschicken, die Hölle zu verlassen, bricht auf der Oberwelt die Nacht an; es sind also etwa vierundzwanzig Stunden seit dem Beginn der Reise verflossen, von denen zwölf auf die sechs oberen, zwölf auf die drei unteren Kreise kommen.

Lucifers Hüftgelenk, die Mitte des Körpers, befindet sich neben dem Zentrum der Erde; demgemäß wird von diesem Punkte an oben, was bisher unten war, und Dante hatte den Eindruck, daß der den Füßen Lucifers zustrebende Virgil plötzlich statt hinab hinauf klettere, also in die Hölle zurückkehre. Denn natürlich erscheinen die Füße jetzt nicht mehr unter, sondern über den Klimmenden. Die Dummen, meint Dante, würden es ihm wohl glauben, daß er bei dem Anblick verwirrt worden sei, während er bei einigem Nachdenken sich nicht hätte wundern sollen.

Eine weitere Folge des Durchganges durch das Zentrum ist es, daß die Wanderer aus dem Abend plötzlich in den Morgen übertreten. Eben war die Sonne seit mehr als zwei Stunden untergegangen, jetzt ist es mit einmal die dritte Stunde nach Sonnenaufgang. Über zwei Stunden hatte das Klettern von Luzifers Brust bis zu seinen Füßen gewährt.

Die Verse 112 ff. beweisen, daß Jerusalem den Mittelpunkt der Oberfläche derjenigen Hemisphäre bildet, innerIialb welcher die Hölle liegt. In der verlängerten Achse des Höllentrichters fortschreitend, müssen die Wanderer also zu den Antipoden Jerusalems gelangen. Dante hatte hierbei eine Schriftstelle, Hesekiel 5, V. 5, im Auge: "So spricht der Herr: das ist Jerusalem, die ich in die Mitte der Völker (Luther übersetzt: unter die Heiden) gesetzt habe und ringsumher Länder." Zunächst gelangen die Dichter in ein kreisförmiges Gewölbe, dessen Boden dem Umfange der Judecca auf der anderen Seite genau entspricht. Der Ursprung dieser Höhle ist folgender.

Satan stürzte vom Himmel auf die Erde an dem Jerusalem gegenüberliegenden Punkte und fuhr bis ins Zenrum, wo er stecken blieb. Das Land verhüllte sich vor schrecken mit Meer und floh auf die andere Erdhälfte. Die Erde aber, die der Sturz Satans aus dem Innern der Erdkugel verdrängte, entwich nach oben und bildete dort den Berg des Fegefeuers, eine hohle Röhre zurücklassend. Unten also in dieser Höhlung befinden sich jetzt die Dicher, und von dort steigen sie durch den leergebliebenen, von einem Wasserlaufe begleiteten Raum, welcher ebenso lang ist wie die Hölle, "die Gruft Beelzebubs", zur Oberfläche der anderen Hemisphäre hinauf. Dazu scheinen sie zwanzig Stunden oder mehr zu brauchen, denn sie beginnen um neun Uhr etwa zu steigen, und als sie oben ankommen, ist es Nacht; sie sehen die Sterne über sich, und wie der Anfang des "Fegefeuers" zeigt, ist es kurz mr Sonnenaufgang.

Das letzte Wort der "Hölle" ist Sterne. Mit dem nämlichen Worte endet das "Fegefeuer", endet das "Paradies".


Fegefeuer


Fegefeuer - Gesang 01

Der zweite Teil der Göttlichen Komödie beginnt mit einer Anrufung der Musen, namentlich der epischen, und einer Anspielung auf den Wettkampf, in welchem die Pieriden von den Musen besiegt und in Elstern verwandelt wurden.

Es ist Nacht; "bis zum ersten Kreise", das heißt bis zum Horizonte (nach anderen bis zum ersten oder Mondhimmel) dehnt sich die saphirblaue Luft; am Horizont steht bedeutungsvoll die Venus, der Stern der Liebe, das Zeichen der Fische überglänzend, und nach Süden zu erscheint ein so herrliches Viergestirn, daß unsere nördliche Hemisphäre, weil sie des Anblicks entbehrt, zu beklagen ist. Dieses Sternbild bedeutet, wie aus Gesang 31, V. 104 ff, erhellt, die vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Mäßigung, Stärke, Klugheit; nur das erste Menschenpaar im Stande der Unschuld hat es leuchten sehen, der bewohnten Erde zeigt es sich nicht. Das irdische Paradies nämlich befindet sich auf der Höhe des Berges, an dessen Fuß Virgil und Dante beim Austritt aus der Unterwelt jetzt gelangt sind. In dem Augenblicke, wo sie ankommen, ist der große Bär, der von dieser Stelle (Jerusalem gegenüber auf der südlichen und westlichen Halbkugel) nur tief am Horizont gesehen wird, schon untergegangen. Dante hat sich nicht an die landläufigen Vorstellungen gehalten, die das Fegfeuer in die Unterwelt neben die Hölle verlegten, also weitab von der Stätte des irdischen Paradieses.

Die Wanderer treffen zuerst den Wächter der Zugänge zum Berge des Heils, Cato von Utica, den seiner Gerechtigkeit und durch den Tod bewährten Freiheitsliebe wegen Dante zu der kleinen Zahl der Heiden rechnet, welche eine besondere Gnadenfügung erlöst hat. Freilich wird er bis zum Jüngsten Gericht die ankommenden Seelen der Bußfertigen zu beaufsichtigen haben; dann aber soll auch er in den Himmel eingehen. Sein Weib Marcia wird in der Vorhölle der tugendhaften Heiden mit aufgeführt; ihr Schicksal bekümmert den Gatten nicht mehr, nach dem Gesetze, das den Geretteten jedes Mitleid mit den Verlorenen, als welches der vollkommenen Glückseligkeit Abbruch tun würde, benimmt. Merkwürdig ist, daß Dante an Cato den Selbstmord, dem er in der Hölle so entsetzliche Strafe zuerkennt, geradezu als Beweis der Tugend preist.

Der Berg des Fegefeuers steht auf einer runden Inselfläche. Rings um die Insel wächst Schilf, die Pflanze der Demut. Der Berg selbst ist zu denken als eine im ganzen kegelförmige, aber unten steilere, oben immer sanfter ansteigende Höhe, um welche übereinander sieben horizontale Einschnitte sich ziehen, je einen Kreis für jede der sieben Todsünden bildend. Der Gipfel ist eine Ebene, das irdische Paradies. Ehe man in das eigentliche Fegefeuer gelangt, hat man die unteren Regionen des Berges zu überwinden, wo die des Einlasses noch nicht gewürdigten Seelen sich harrend aufhalten.

Das Aufsteigen ist am schwierigsten im Beginne und wird leichter, je mehr man sich dem Ziele nähert, wie die bußfertige Abwendung von der Sünde, je länger sie währt, umso leichter erscheint.

Fegefeuer - Gesang 02

Um die Zeitbestimmung der ersten Verse zu verstehen, man sich erinnern, daß Jerusalem und der Berg des Fegefeuers einander antipodisch gegenüberliegen. Der Horizont mithin, dessen Meridian mit seinem höchsten Grade, mit dem Zenit, über Jerusalem hingeht, oder "es bedeckt", ist auch der Horizont des Fegefeuers, und während dort die Sonne untergeht, ist hier Sonnenaufgang. Am Ganges, nach Dantes Geographie 90 Grad östlich von Jerusalem, ist Mitternacht, das Sternbild der Wage geht durch den Meridian. Dante sagt, die Wage entfalle den Händen der Nacht, sobald diese siege, das heißt länger als der Tag werde, zur Zeit der Herbstäquinoktien; denn um diese Zeit geht die Wage lange vor Mitternacht unter. Da die Sonne jetzt im Zeichen des Widders steht, so passiert der Steinbock, der 90 Grad westlicher sich befindet, um Sonnenaufgang den Meridian, von dem er sich entfernt, so wie der Tag vorrückt. Deshalb wird V. 55, um dies Vorrücken zu bezeichnen, gesagt, daß die Sonne den Steinbock mit ihren Pfeilen (man muß an den antiken Sonnengott denken) vom Meridian verjage.

Schon in dem Gespräche mit Cato war die Freiheit, welche Dante sucht, mit der politischen Freiheit, für die Cato starb, in Parallele gebracht. Der Weg durch das Fegefeuer soll ihn zu der Freiheit der ewigen Erlösung führen. Dem entspricht es, daß die an der Insel der Reinigung landenden, für das Fegefeuer bestimmten Seelen den Psalm "Als Israel aus Ägypten kam" anstimmen, denn nach Dantes eigener Erklärung (in dem Widmungsschreiben an Can Grande della Scala) feiert dieser Psalm seinem verborgenen Sinne nach den Ausgang der Seele aus der Knechtschaft der irdischen Verderbnis in die Freiheit der ewigen Herrlichkeit.

Unter den Gelandeten erkennt Dante seinen Freund, den Sänger und Musiker Casella. Er muß geraume Zeit vor 1300 gestorben sein, denn Dante wundert sich, ihn erst jetzt ankommen zu sehen. Von Casella erfahren wir, daß der Eintritt ins Fegefeuer nicht immer sofort nach dem Tode erfolgt. Die geretteten Seelen versammeln sich zwar sogleich am Ausflusse des Tiber, aber der himmlische Fährmann nimmt nicht alle in sein Schiff auf; je nach ihrem Verschulden müssen sie längere oder kürzere Zeit am Strande harren. Seit drei Monaten aber, seit dem Anfange des Jubeljahres 1300, hat der verkündete Ablaß die zeitlichen Strafen niedergeschlagen und die Überfahrt beschleunigt.

Casella singt eine von Dantes eigenen Kanzonen, deren erster Vers lautet: Amor che nella mente mi ragione. Vielleicht hatte der Sänger selbst die Musik dazu gesetzt. Boccaccio erzählt in seiner Vita di Dante, daß Dante in seiner Jugend sich an Musik und Gesang sehr erfreut habe und ein Freund aller trefflichen Musiker seiner Zeit und Heimat gewesen sei. Diese Liebe zur Musik habe Ihn zur Abfassung vieler Gedichte getrieben, zu denen er dann von solchen Freunden liebliche und meisterliche Weisen habe setzen lassen. Im Convito II, 14 spricht Dante selbst über die Macht der Musik in Worten, die seine Empfänglichkeit für "die Eintracht holder Töne" über alle Zweifel erhebt.

Fegefeuer - Gesang 03

Während Virgil und Dante im Sonnenschein weitergehest, bemerkt der letztere, daß sein Führer keinen Schatten wirft. Der Leib der Abgeschiedenen läßt das Sonnenlicht durch, wie nach der Ptolemäischen Theorie die unteren Himmelssphären das Licht der oberen durchlassen. Virgils irdischer Leib liegt in Neapel begraben, nicht in Brundisium, wo er starb. Daran erinnert sich der römische Dichter, an die ungeheure Entfernung seines Grabes denkend, wo es Abend ist, während er in der Morgensonne wandert.

Virgil belehrt seinen Gefährten, daß der schattenhafte Leib der Abgeschiedenen gleichwohl Empfindung habe, ohne welche allerdings Höllenstrafe und Pein des Fegefeuers nicht bestehen könnten. Die Scholastiker hatten sich vielfach bemüht, zu erklären, wie die Seelen ohne Sinnesorgane Schmerz empfinden könnten; solches Grübeln findet Virgil unnütz und verwegen. Dem Menschen genüge dass quod, daß es so sei, zu wissen; das Wie und Warum könne er so wenig ergründen wie die Unermeßlichkeit der dreieinigen Gottheit. Wenn der Mensch das vermöchte, hätte es der Fleischwerdung Christi nicht bedurft. Unter denn Heiden hätten viele sich gesehnt, das Geheimnis Gottes zu verstehen, was doch ohne Offenbarung nicht möglich sei, und all' ihr Bemühen habe sie nur dahin geführt, in ewiger Hoffnungslosigkeit "im Zweifel zu schweben". Überwältigt von diesem Gedanken, der sein eigenes Los so nahe berührt, unterbricht Virgil sich in seiner Rede.

Der unterste Teil des Berges ist steiler als die steilsten Pfade des Hochgebirges, das zwischen den beiden Enpunkten der Riviera, Lerici am Golf von Spezzia und Turbia oberhalb Monaco, das Meer überragt. Auf horizontalen Einbuchten des unteren Abhanges bewegen sich Seelen, die noch nicht das eigentliche Fegefeuer betreten dürfen. Unter ihnen ist König Manfred, Friedrichs II. Sohn, Enkel Heinrichs Vl. und Konstanzens von Sizilien. Weil er im Banne der Kirche bei Benevent fiel, mußte man ihn in der Hölle glauben. Deshalb bittet er den Dichter, er möge seiner Tochter Konstanze, der Gemahlin Peters von Aragon und Sizilien und Mutter des von Dante verehrten Königs Alfons von Aragon, anzeigen, daß ihr Vater unter den Geretteten sei und der Fürbitte bedürfe, um eher ins Fegefeuer zu gelangen. Manfreds Leiche ward an der Brücke von Benevent begraben, und die Franzosen türmten einen Steinhaufen darüber. Aber angestiftet von Papst Clemens IV., ließ der Erzbischof von Cosenza den Toten wieder ausscharren und an das Ufer des Flusses Verde werfen, damit er nicht im Boden eines Lehens der Kirche ruhe.

Fegefeuer - Gesang 04

Während Dante dem König Manfred zuhört, erfährt er an sich selbst, daß die schon von Aristoteles widerlegte Lehre der Platoniker, wonach der Mensch drei selbständige Seelen, vegetative, sensitive, intellektuelle, haben soll, irrig ist. Denn während seine sensitive Kraft durch das Zuhören gefesselt war, merkte die währenddessen freie oder ungefesselte Intelligenz nicht, daß die Sonne zum 50. Grad emporgestiegen sei, was nicht hätte geschehen können, wenn jede der beiden Kräfte einer besonderen Seele angehörte. Dante drückt die falsche Lehre so aus, daß eine Seele über der anderen entfacht sei, weil die Platoniker annahmen, die intellektuelle Seele habe ihren Sitz im Gehirn, die sensitive im Herzen, die vegetative in der Leber. Von der Kirche war diese Theorie ausdrücklich verdammt.

Ein Engpaß führt den Berg hinan, schmaler als in der Mauer eines Weingartens ein Loch, das der Bauer zur Traubenzeit mit einer Heugabel voll Dornen den Näschern verschließt, steiler als die Straßen zu den Felsennestern San Leo (unweit San Marino) und Noli (an der westlichen Riviera) oder zum Berge Pietra Bismantova (in der Lombardei). Der Engpaß mündet auf dem Abhange des Berges; man hat nun freie Bahn rechts und links, aber der Abhang oberhalb dieser Mündung ist immer noch "stolzer als der Strich von der Mitte des Kreises zum Halbquadranten", das heißt steiler als 45 Grad. Emporsteigend gelangt man an den ersten der horizontalen Einschnitte, welche von nun an in gewissen Zwischenräumen die Bergwand unterbrechen und den ganzen Berg wie Gurten oder Simse umfassen. Auf dem ersten Sims, der übrigens noch nicht der erste Kreis des Fegefeuers ist, rasten die Wanderer, gen Osten blickend, und sehen die Sonne links im Norden stehen. Virgil erklärt, wie es sich damit verhalte, und bemerkt, daß um die Zeit, wo die Sonne im Zeichen der Zwillinge stehe, auf der südlichen Halbkugel Winter sei und man dort den von der Sonne beleuchteten Teil des Tierkreises dann noch weiter gen Norden zu sehe. Die Sonne nennt er einen Spiegel, weil sie das von Gott empfangene Licht zurückstrahlt, und zwar sowohl abwärts, nämlich auf die drei unteren Planeten Venus, Merkur und Mond, als aufwärts auf Mars, Jupiter und Saturn, die nach dem Ptolemäischen System über der Sonne kreisen. Dantes Wort, daß "der Äquator immer zwischen der Sonne und dem Winter stehe", wird verständlich, wenn man bedenkt, daß im Winter des Nordens die Sonne im Steinbock, im Winter des Südens im Krebse steht, in beiden Fällen also der Äquator zwischen ihr und dem Orte des Winters liegt.

Auf dem Sims trifft der Dichter wieder Geister, die noch nicht Aufnahme im Fegefeuer finden, unter ihnen einen alten Bekannten, von dem er gefürchtet hatte, daß er in, der Hölle sei, den kunstfertigen Zitherschnitzer Belacqua aus Florenz, der, weil er die Reue auf den letzten Augenblick verschoben hatte, nun eine Wartezeit von der Dauer seines Erdenlebens, ehe er seine Läuterung beginnen kann, zu bestehen hat. Belacquas Sünde ist, wie man leicht erkennt, Trägheit zum Guten gewesen.

Mittlerweile ist es Mittag geworden, in Spanien geht die Sonne unter. Nach Dantes Rechnung liegt Jerusalem auf dem Längengrade 0, der 90. Grad westlicher Länge geht durch Spanien, der 90. Grad östlicher Länge durch Indien und gerade zwischen beiden, auf dem 180. Grad, als 90 Grad westlich von Spanien, liegt der Berg des Fegefeuers.

Fegefeuer - Gesang 05

Die Wanderer treffen harrende Seelen solcher, die gewaltsam umkamen, ehe sie Ablaß erlangen konnten, die aber sterbend noch bereuten und ihren Feinden verziehen. Aufmerksam gemacht, dar Dante ihnen Fürbitter erwecken und dadurch ihre Frist kürzen könnte, bestürmten sie ihn mit Gesuchen um seine Vermittlung. Folgende werden genannt:

1. Jakob del Cassero aus Fano, 1297 Podestà von Bologna, als die Stadt mil Azzo, Markgrafen von Este, in Fehde lag. Jakob sprach schnöde von dem Markgrafen, nannte ihn Verräter, Feigling, Sohn einer Waschfrau; Azzo dagegen schwor, "diesen Stallknecht tür seine Eseleien mit eiserner Rute zu züchtigen". Jakob reiste einmal nach Padua, wo er sich sicher glaubte. Aber die Paduaner, würdige Nachkommen des trojanischen Verräters Antenor, lieferten ihn in die Hand des Markgrafen. Von dessen Banditen wurde er bei Oriaco an der Brenta überfallen und umgebracht, da er, statt nach dem nahen Mira zu fliehen, in die Sümpfe geriet. Der Ermordete spricht von seinem Blut als von seiner Wohnung, denn nach 3. Buch Mosis 17, 11 ist "des Leibes Leben (oder Seele) im Blute". Die Seele wohnt im Blute; in der Vulgata las Dante die Stelle "quia anima carnis in sanguine est".

2. Buonconte von Montefeltro, Sohn jenes Grafen Guido, der im 27. Gesange der Hölle die Ursache seiner Verdammnis erzählt. Im Dienste der Aretiner fiel er bei Campaldino gegen Florenz kämpfend im Jahr 1289. Man fand seine Leiche nicht, daher Dante ihn fragt, wo sie blieb. Im Casentino, das heißt im oberen Arnotale, mündet der oberhalb der Öde von Camaldoli entspringende Archiano im Arno und verliert damit seinen Namen. Dort starb Buonconte, dort stritten Engel und Teufel um ihn, wie um des Vaters Seele St. Franziskus und der schwarze Cherub gestritten hatten. Eine einzige Träne verschafft dem Engel den Sieg, und der Teufel läßt nun seinen Grimm, statt an der Seele, an dem "andern", das heißt dem Körper des Toten aus. Da bei den Teufeln Verstand und böser Wille gepaart sind, so versteht er es, eine Überschwemmung zwischen dem Hauptzuge der Apenninen und den Höhen vom Pratomagno zu erregen, daß "der königliche Strom" Arno anschwillt und "in seinem Raube", das heißt in dem Schutt und Schlamm, den er mit sich führt, den Toten begräbt, die auf der Brust gekreuzten Arme ihm auseinander reißend.

3. Eine edle Sieneserin, Pia Guastelloni, in zweiter Ehe mit Nello de' Pannocchieschi, einem begüterten Edelmann, vermählt. Nello, entweder an ihrer Treue zweifelnd oder weil er eine andere vorteilhafte Heirat im Auge hatte, führte sie auf eines seiner Schlösser in der Maremma und brachte sie dort um, mit solcher Heimlichkeit, sagen die allen Kommentatoren, daß man die Art und Weise nie erfahren hat. Doch wird auch des Gerüchtes erwähnt, sie sei aus einem Fenster in die Tiefe gestürzt worden.

Fegefeuer - Gesang 06

Noch mehr Seelen bestürmen den Dichter mit der Bitte, dafür zu sorgen, daß ihre Hinterbliebenen für sie beten. Es sind ihrer sechs, nämlich:

1. Der Rechtsgelehrte Benincasa aus Arezzo, der als Podestà von Siena einige Raubritter köpfen ließ und hernach von Ghino di Tacco, Sohn eines Hingerichteten, ermordet ward. Boccaccio macht diesen Ghino, der ein gewaltiger Wegelagerer war, zum Helden einer Novelle. (Decameron X, 2.)

2. Ciacco de' Tarlati, ein edler Florentiner, der fliehend oder verfolgend mit seinem Pferde in den Arno geriet und ertrank.

3. Friedrich Novello, Sohn des Grafen Guido Novello, Toskaner, im Jahre 1291 von einem Gegner getötet. "Er war ein guter Mann," heißt es in einem alten Kommentar, "darum nennt Dante ihn."

4. Ein Sohn des rechtsgelehrten Ritters Marzucco aus Pisa. Marzucco trat in den Franziskanerorden. Als sein Sohn von einem Pisaner erschlagen worden war, predigte er Vergebung und Versöhnung und küßte selbst dein Totschläger die Hand. Eine andere Version lautet dahin, daß Graf Ugolino den Sohn Marzuccos habe töten lassen und verboten habe, den Leichnam zu bestatten. Des anderen Tages sei der Vater zu ihm gekommen, ohne Tränen, ohne Zeichen des Schmerzes, und habe zum Grafen gesagt: "Herr, Eure Ehre verlangt es, daß der arme Getötete begraben werde und nicht den Hunden verfalle," und der Graf, von solcher Geduld besiegt, habe das Begräbnis erlaubt. Diese zweite Lesart scheint mir zu Dantes Vers, welcher nicht von der Friedfertigkeit und Versöhnlichkeit, sondern von der Stärke Marzuccos redet, besser zu stimmen. Marzucco ist übrigens eine geschichtliche Person; er war 1275 als Unterhändler bei der Berufung des Grafen Ugolino in den Dienst der Stadt Pisa tätig.

5. Graf Orso. Wer er war, ist von den Gelehrten noch nicht ausgemacht.

6. Peter de la Brosse, Oberkämmerer und Günstling König Philipps des Kühnen von Frankreich. Durch den Einfluß der Königin Marie von Brabant ward er gestürzt, des Verrates angeklagt und gehenkt.

An die Bitten dieser Geister knüpft sich eine Erörterung der Frage, ob denn überhaupt Gebet an dem Schicksal der Verstorbenen etwas ändern könne. Virgils Sibylle sagt, daß göttliches Verhängnis sich nicht durch Bitten ändern lasse, "desine fata deum flecti sperare precando". Allein dieser Ausspruch, so belehrt Virgil seinen Gefährten, gelte nur für die Hölle, von wo das Gebet nicht mehr zu Gott gelange. Die Buße des Fegefeuers kann durch den Brand der Liebe, nämlich durch Gebet und gute Werke anderer, in einem einzigen Augenblicke ersetzt werden, ohne daß deshalb "der Gipfel des Gerichts", die Majestät der Gerechtigkeit, sich neigt und erniedrigt. Thomas von Aquino sagt: es wäre ungerecht, wenn Gott den einen für die Schuld des andren strafte, aber es ist Güte, wenn er einem die Verdienste anderer zu gute kommen läßt. Übrigens verweist Virgil im Gefühle seiner Unzulänglichkeit den fragenden Dante hinsichtlich solcher Geheimnisse an eine höhere Autorität.

Zur Abendzeit, da der Berg den von Osten her aufsteigenden Wanderern seinen Schatten entgegenwirft, treffen sie den berühmten Troubadour Sordello von Mantua, der im 13. Jahrhundert in provenzalischer Sprache dichtete. Er hatte ein Liebesverhältnis mit Ezzelins Schwester Cunizza, der wir in Paradiese begegnen werden. Die Herzlichkeit, mit der Sordello Virgil als Landsmann begrüßt, veranlaßt Dante zu einer Wehklage über Italien, wo landsmannschaftlicher Sinn der Zwietracht gewichen sei. Italien ist ein Pferd ohne Reiter; vergebens hat Kaiser Justinian die Zäume (das Gesetz) angefertigt; der Herrscher fehlt. Statt seiner wollen die Päpste, die berufen wären, sich Gott zu weihen, den Gaul meistern; die, welche im Sattel sitzen sollten, König Rudolf, König Albrecht, lassen das Roß verwildern. Albrechts Ermordung (1308) wird als Strafe der versäumten Pflicht angekündigt. Doch beschwört der Dichter ihn, nach Italien zu kommen, den bedrängten ghibellinischen Geschlechtern aufzuhelfen (unter denen die Montecchi und Capuletti von Verona namhaft gemacht werden), dem von den Sienesen bedrängten gräflichen Hause Santafiore beizustehen und Rom der Witwentrauer zu entreißen. Der Dichter fragt Gott (den er als höchsten Jupiter anzureden nicht ansteht), ob dieser Zustand Italiens, wo jeder Bauer Politik treibe und Partei nehme wie weiland ein Marcellus gegen Cäsar, nur ein Vorspiel zu besseren Wendungen sei. Dann wendet er sich ironisch an seine Vaterstadt: auf sie gehe die Anklage nicht, weil ja in Florenz das Volk so klug sei, so schnell Reht spreche, s bereitwillig neue Lasten beschließe und durch seine steten Neuerungen Athen und Sparta in Schallen stelle. Der Vorwurf häufiger Münzveränderungen könnte befremden, da der florentinische Goldgulden des verdientesten Ansehens wegen seines streng bewahrten Feingehalts und Gewichts genoß; das Silbergeld wurde aber allerdings im 13. Jahrhundert wiederholt verschlechtert.

Fegefeuer - Gesang 07

Auf Sordellos Frage beschreibt Virgil seinen Zustand in der Vorhölle. Er sei gestorben, sagt er, ehe die erste Seele das Fegefeuer betrat, das heißt vor dem Tode Christi, weil nur die Erlösten ins Fegefeuer gelangen. Bis zum Tode des Erlösers blieben die gerechten Israeliten in der Vorhölle mit den ungetauften Kindern und den Heiden, welche zwar Glaube, Liebe und Hoffnung, die Tugenden des Christentums, nicht gekannt, aber die ihnen bekannten Tugenden geübt haben. Der Sitte der Zeit entspricht es, daß Sordello den Virgil, als er ihn erkennt, gebückt umarmt, unter der Brust oder über den Knieen.

Sordello führt die Wanderer auf sanft ansteigendem Wege in eine Einbucht des Berges, die wie ein Tal zwischen den Wänden des Wegs sich erweitert. Weil der Weg steigt, werden seine Wände allmählich niedriger. Der Blumenflor des Tals wird mit allerlei Kostbarkeiten verglichen, unter denen nur das "leuchtende Holz" (legno lucido) uns unbekannt ist.

In dem Tale weilen, den Abendhymnus an die h. Jungfrau singend, Könige und Fürsten, die noch nicht Einlaß ins Fegefeuer fanden, wohl weil sie saumselig in der Buße gewesen waren, unter ihnen Rudolf von Habsburg, der sich um Italien nicht gekümmert hat; Ottokar von Böhmen, der auf Kosten seines Sohnes Wenzel als tüchtiger Herrscher gepriesen wird; Philipp der Kühne von Frankreich, "der mit der Stumpfnase", welcher 1285 nach einem unglücklichen Feldzuge gegen Aragon (Dante sagt auf der Flucht) starb; Heinrich der Dicke von Navarra, der Schwiegervater des von Dante grimmig gehaßten Philipp des Schönen von Frankreich; der tapfere und energische Peter von Aragon, der Sizilien den Franzosen wieder entriß, Manfreds Eidam; Karl von Anjou, König von Neapel, kenntlich an der Adlernase; Alfons von Aragon, König Peters Thronerbe, der 1290 zwanzigjährig starb, ein Liebling Dantes, während die anderen Söhne Peters, Jakob und Friedrich, ihm widerwärtig waren. Ehemalige Feinde wie Rudolf und Ottokar, Peter und Karl von Anjou haben hier ihrer Zwiste vergessen. Karl von Anjou, der Vernichter des hohenstaufischen Stammes, mußte dem kaiserlich gesinnten Dichter unsympathisch sein, wie denn im 20. Gesange, V. 66 auch zu Tage tritt; indes haben der Ruhm des Feldherrn, die kirchliche Gesinnung und das erbauliche Ende dieses Fürsten die Schale zu seinen Gunsten gesenkt. Jedenfalls stellt Dante den Vater über den Sohn Karl II. von Neapel. Die Untertanen, Neapel und Provence, trauern um Karl von Anjou, weil der Sohn ihnen um vieles schlimmer dünkt. Der Same, sagt er, übertreffe in diesem Falle die Pflanze um so viel wie der Gemahl Konstanzens, Peter von Aragon, die Gemahle Beatricens und Margaretens. Die Gemahle dieser beiden Töchter des Grafen Raimund von der Provence waren Ludwig IX. von Frankreich und Karl von Anjou. Letzterer übertrifft mithin seinen Sohn, wie er selbst und Ludwig von Peter übertroffen werden.

Dante glaubt nicht an die Erblichkeit der Tugend. Es ist eine Ausnahme, wenn sie, wie bei den Aragonesen, vom Vater auf den Sohn übergeht, wie man Wein aus einem Kruge in den andern gießt. In jedem einzelnen Falle ist es Gott, der die hohen Gaben austeilt.

Der schwache und fromme Heinrich III. von England, des tapferen Eduard I. Vater, schließt die Reihe der Könige. Ihnen gesellt sich der mächtige Markgraf von Montferrat, Wilhelm Langschwert, der, um die Stadt Alessandria zu züchtigen, mit den Guelfen der Lombardei und Savoyen Krieg führte, selbst in der Gefangenschaft starb (1292) und seine Lande Montferrat und Canavese (am Po) den Folgen der Niederlage preisgab.

Fegefeuer - Gesang 08

Die Könige singen nach Sonnenuntergang eine Hymne des Breviariums, welche um Abwendung der nächtlichen Anfechtungen fleht. Nach dem kirchlichen Ritual folgt auf den Hymnus das Gebet, daß Gott während der Nacht das Haus vor dem Feinde schirme und seine Engel darin wohnen lasse. Dementsprechend erscheinen in dem nunmehr dunklen Tale die beiden Engel und wehren der Schlange, die sich einzuschleichen sucht. Dante deutet an, daß hier der Sinn der Dichtung am leichtesten zu fassen sei. Wie die Hölle das Elend der Sünde, so stellt das Fegefeuer Beginn, Fortgang und siegreichen Schluß der Rechtfertigung durch die Buße allegorisch dar. Auf den Vorstufen der Läuterung, vor dem Eintritt in das eigentliche Purgatorium erlahmt nicht allein beim Schwinden des Lichtes zeitweilig die Kraft zum Höhensteigen, sondern es naht auch noch die Versuchung und wird nur durch Gebet um göttlichen Beistand überwunden. Die Engel erscheinen mit stumpfen Schwertern, was darauf gedeutet wird, daß sie nur Abwehr, nicht Angriff bezwecken. Maria sendet sie, weil an sie der erste Hymnus "Salve regina, mater misericordiae" gerichtet war.

Trotz der Nacht erkennen die Schatten in der nächsten Nähe einander noch, und auch Dante unterscheidet die Züge seines Bekannten Nino Visconti aus Pisa. Dieser war ein Enkel und zugleich Gegner des Grafen Ugolino, der einem der Visconti eine Tochter zur Frau gegeben hatte. Nino war eine Zeitlang Richter zu Gallura auf Sardinien; später als Guelfe aus Pisa vertrieben, nahm er an verschiedenen Kriegszügen gegen die Vaterstadt teil und machte wahrscheinlich in einem derselben Dantes Bekanntschaft. Er starb 1296. Sein Leben war derart, daß die Meinung, er sei zur Hölle gefahren, gerechtfertigt scheinen mochte. Seine Witwe, eine Tochter des Markgrafen Obizzo von Este, heiratete 1300 einen der Mailänder Visconti (deren Wappen die Nattern waren) und teilte mit diesem von 1302 bis 1311 die Verbannung. Darum sagt Dante, sie werde sich nach dem Witwenschleier zurücksehnen und das Familiengrab mit dem Hahne von Gallura, dem Wappen ihres ersten Mannes, würde der Gruft in Mailand vorzuziehen gewesen sein. Hannah, Ninos Tochter, heiratete Richard von Cammino, Sohn des Herrn von Treviso. Die Tochter starb vor der Mutter, welche letztere die erstere beerbte und so das Vermögen der Visconti von Pisa denen von Mailand zubrachte.

Konrad der Jüngere von Malaspina, der den Dichter anredet, war Markgraf in Val di Magra zwischen Genua und Lucca, ein Zeitgenosse Dantes, obwohl diesem nur durch den Ruf bekannt. Die Malaspina waren gut kaiserlich, unbeirrt durch die falsche Lehre "des bösen Hauptes", das ist Bonifaz' VIII., freigebig und tapfer, "mit Börse und Degen" Ehre einlegend. Auf dieses seinem Hause auf bloßes Hörensagen gespendete Lob antwortet Konrad mit der Prophezeiung, dasselbe werde dem Dante, ehe die Sonne zum siebenten Male (seit 1300) im Widder untergehe, besser als durch bloßen Ruf, "mit festeren Nägeln", sich einprägen - eine Anspielung auf die Gastfreiheit, die der Verbannte 1306 bei dem Neffen Konrads, dem Markgrafen Moroello von Malaspina, fand. Der hier auftretende Konrad von Malaspina wird auch in einer Novelle des Decameron (II, 6) als ein mächtiger und weiser Herr geschildert. Nach einer Sage widmete Dante seinem Neffen das Fegefeuer.

Während dieser Nacht erblickt Dante in der Nähe des Südpols, "wo die Stern' am langsamsten sich drehen", ein glänzendes Dreigestirn, an derselben Stelle, wo er gegen Ende der vorigen Nacht die mystischen vier Lichter sah. Wie diese die vier Kardinaltugenden, so bedeuten die drei Sterne ohne Zweifel die drei christlichen, welche die Finsternis erleuchten, Glaube, Liebe und Hoffnung.

Fegefeuer - Gesang 09

Im Eingange des Gesanges folge ich, wenn auch nicht frei von Zweifel, statt der hergebrachten Lesart "la concobina de Titone antico" der von Scartazzini gewählten, wonach statt Titone Titan steht. La concubina di Titone kann nur Aurora sein, die doch von allen Poeten als Gemahlin, nicht als Buhle Tithons anerkannt wird und die außerdem an dieser Stelle, wo ein Mondaufgang lange vor Tagesanbruch geschildert wird, so unmöglich ist, daß man, um den hergebrachten Text zu retten, auf die verzweifelte Auslegung verfallen ist: Dante spreche hier nicht von der Aurora, welche dem Tag vorangehe, sondern von der Helle, die den nahen Mondaufgang ankündige, gewissermaßen einer Aurora zweiten Ranges, die er deshalb zum Kebsweibe Tithons herabsetze. Liest man concubina di Titan antico, so verschwinden wenigstens die Hauptschwierigkeiten. Titan ist bei den von Dante gelesenen römischen Richtern der (ältere) Sonnengott, der abends zu der Meergöttin Tethys, des Oceanus Gemahlin, hinabtaucht und in ihrem Schoße ausruht. Die Stelle bedeutet dann: Schon, das heißt nach den im vorigen Gesange berichteten Gesprächen mit Sordello, Nino und Malaspina, erhellte sich in Osten von dem Mondaufgange die See, die jetzt nicht mehr vom Sonnengott umarmt und erwärmt ward. (Ich muß zugeben, daß die Erklärung des dritten Verses gezwungen herauskömmt.) Über dem Antlitz der See stand wie ein Diadem das Sternbild des Skorpions, welches an diesem Abend kurz vor dem Monde aufging und dem das Beiwort "kalt" gegeben sein mag, weil es den November über das herrschende ist. Von den "Schritten der Nacht", das heißt von ihren Stunden waren zwei verflossen, die dritte dem Ende nahe, "ihre Flügel" senkend. Es war also fast neun Uhr abends, als Dante in dem blumigen Tale, wo er selbfünft mit Virgil und den drei anderen Schatten saß, vom Schlafe übermannt ward.

In der Morgenfrühe, wann die Schwalbe ihr Klagelied beginnt (mit Anspielung auf den Mythus von der unseligen Prokne, die von den Göttern in diesen Vogel verwandelt ward), sind nach alter Meinung die Träume am bedeutsamsten. Im Schlafe sieht um diese Stunde der Dichter auf troischem Gefilde den Adler Jupiters, der einst den Ganymed zu den Göttern trug und seitdem andere Jagdgründe zu verschmähen scheint. Der Adler ist ein Sinnbild der göttlichen Kraft, die den Menschen vom Staube emporhebt; er ist im Traume das, was die heilige Lucia, die reuewirkende Gnade, in der Wirklichkeit ist; denn wie der Adler Dante in die oberste Region der Erdatmosphäre, in die Feuersphäre (zwischen Erde und Mondhimmel) zu tragen scheint, so hebt Lucia den Schlafenden über alle Zwischenräume bis vor den Eingang des Purgatoriums.

Wie er erwachend seine Umgebungen anstaunt, schildert Dante mit Anspielung auf eine Stelle der Achilles des Statius. Den Knaben Achilles entführte seine Mutter im Schlafe von Thessalien, wo der Centaur Chiron ihn erzog, nach der Insel Scyrus und verbarg ihn unter den Mädchen, damit er nicht gegen Troja ins Feld ziehe und dort seinen Tod finde. Aber Ulisses entdeckte ihn dort und nahm ihn mit in den Krieg.

Der Eingang zum Purgatorium ist vom Dichter mit symbolischer Ornamentik ausgestattet, die sich auf die kirchliche Lehre vom Sakrament der Buße und dessen Ritual beziehen. Wie die Buße drei Grade hat, Zerknirschung, Geständnis, Genugtuung, so führen drei Stufen zu dem diamantenen Sitze, auf welchem der Pförtner des Purgatoriums des Schlüsselamtes waltet. Die marmorblanke Stufe scheint die Selbsterkenntnis des Sünders, die geborstene seine innere Wandlung, die blutrohe das Opfer des Bußfertigen an guten Werken zu bedeuten. Der Engel, welcher das Tor hütet, vertritt die geistliche Gerichtsbarkeit, daher er ein Schwert führt, und die freisprechende Gewalt des Bußpriesters, deren Emblem die beiden Schlüssel sind. Der silberne Schlüssel ist die Scientia discernendi, die Kunst, den Würdigen vom Unwürdigen zu unterscheiden, den Knoten der schwierigen Fragen zu entwirren, das Urteil festzustellen. Der goldene Schlüssel ist das von Christus ausfließende Recht der Freisprechung und der Verdammnis.

Ehe das Tor für Dante sich öffnet, zeichnet der Engel ihn als einen der Läuterung Würdigen und Geweihten. Siebenmal ritzt er ihm mit der Schwertspitze ein P in die Stirn, an die sieben Peccata oder Sünden mahnend, die in den sieben Kreisen des Fegefeuers gebüßt und getilgt werden.

Mit donnergleichem Geräusch öffnet sich das Tor, an den Augenblick erinnernd, wo Cäsar die Schatzkammer der Republik auf dem Kapitol gewaltsam erbrechen ließ, trotz des mutigen Widerstandes, den ihm der Tribun Metellus leistete. Lucan schildert in der Pharsalia, wie damals der tarpejische Felsen von dem Klange der großen Torflügel widerhallte.

Mit der Klängen des Ambrosianischen Lobgesanges wird der Ankömmling von den Seelen drinnen empfangen. Man wird bemerken, daß die Hymnen und Gebete des römischen Ritus den Dichter durch das ganze Fegefeuer begleiten.

Fegefeuer - Gesang 10

Das Tor des Fegefeuers, der Weg der Buße, ist "außer Brauch" gekommen, weil die falsche Liebe, die nach wertosen Gütern trachtet, auf Erden vorherrscht. Von dem Tore zum ersten Kreise des Fegefeuers führt ein schmaler, steiler Weg zwischen den Felswänden, hin und her sich windend, wie die Welle hin und her spielt. Es ist schwierig, im Emporklimmen den steten Biegungen zu folgen, daher Virgil bemerkt, daß man darauf zu achten habe, sich anzuschmiegen an diejenige der beiden Wände, welche weicht, das heißt, welche in der Biegung des Wegs die kürzere, innere Krümmung beschreibt. Der erste Kreis wird um etwa neun Uhr vormittags erreicht, während der Mond, der jetzt schon fünfthalb Tage im Abnehmen begriffen ist, untergeht.

Der Kreis, der zuerst sich den Wanderern eröffnet, ist wie ein flacher, um den ganzen Berg laufender Weg zu denken, der mit seiner inneren Grenze an die höher steigende Bergwand, mit der äußeren an die freie Luft stößt und nur drei Mannslängen breit ist. Hier, wo die Stolzen büßen, sind in Marmorbildern Muster der Demut dargestellt: Maria, vom Erzengel begrüßt, bekennt sich als Magd Gottes; David, einer königlichen Würde vergessend, tanzt vor dem Wagen, der die Bundeslade nach Zion bringt. Sie, die heilige Lade, schrecke den unberufenen Mann vom Amte, denn die Schrift erzählt, wie Oza des Todes sterben mußte, weil er unbefugterweise die Lade, als sie zu fallen schien, stützen wollte. Im Gegensatz zu David erscheint sein Weib Michal als Vertreterin törichten Stolzes. Das dritte Bild bezieht sich auf eine Erzählung des Paulus Diaconus (im "Leben Gregors des Großen"). Als Kaiser Trajan eben in den Krieg ziehen wollte, trat eine Witwe zu ihm und verlangte Gerechtigkeit für ihren erschlagenen Sohn. Trajan versprach, nach der Rückkehr den Mord zu rächen. Die Witwe warf ein: Wenn du fällst, wer wird mir helfen? Mein Nachfolger, versetzte der Kaiser. Darauf sagte die Frau: Was nützt es dir, wenn ein anderer mir hilft? Als Trajan dies hörte, stieg er vom Pferde, getrieben von Vernunft und Mitleid, und verschob seine Kriegsfahrt, bis er der Frau geholfen hatte. Der Papst Gregor aber, als er eines Tages über das Forum Trajanum ging, erinnerte sich dieser Geschichte und erwirkte durch sein Gebet die Erlösung des guten Kaisers aus der Hölle. Im 20. Gesange des Paradieses erscheint Trajan unter den gerechten Herrschern des Jupiterhimmels.

Der Dichter ermahnt seine Leser, sich durch seine Beschreibung der Martern nicht abschrecken zu lassen, einen Platz unter den Büßenden zu erstreben, da diese Qualen, anders als die der Hölle, am Jüngsten Tage, wenn nicht früher, aufhören.

Die Stolzen müssen gebückt unter Felslasten, Karyatiden ähnlich, wandeln. Bei ihrem Anblick eifert der Dichter über die Torheit des Stolzes so unfertiger Geschöpfe, wie der Mensch eins ist, unfertig wie die Puppe des Schmetterlings, vielmehr weniger noch als das, mißraten in der Geburt, die ihnen die Erbsünde auf den Weg mitgibt.

Fegefeuer - Gesang 11

Die Büßer beten das Vaterunser sowohl für sich als für die Lebenden, daher sie, obwohl selbst der Versuchung entrückt, die sechste Bitte nicht auslassen. Wie sie für uns, so sollen wir, wofern wir "gute Saat zum Willen in uns tragen", das heißt im Stande der Gnade uns befinden, für jene Seelen Fürbitte einlegen.

Der Grafen von Santafore und ihrer Bedrängnis im Kampfe mit den Guelfen ist Geang 6, V. 111 gedacht. Hier erscheint ein Sproß dieses Hauses Umberto Aldobrandeschi, der 1259 auf Anstiften der Sienesen im Schlosse Campagnatico von Meuchelmördern im Bette erstickt ward. Von diesen Grafen hieß es, sie könnten jede Nacht des Jahrs in einem anderen Schlosse und immer unter eigenem Dache schlafen.

Der zweite Geist ist ein seinerzeit berühmter Miniaturmaler Oderisi aus Agubbio oder Gubbio (im Urbinatischen), von dem Vasari im Leben Giottos berichtet, er habe viele Bücher der päpstlichen Bibliothek mit trefflichen Malereien verziert, die meisten aber habe die Zeit zerstört. Diese Kleinkunst ward in Italien miniare (von minio, Mennig), in Frankreich illuminer genannt. Der Zusammenhang lehrt, daß Oderisi auf seine Kunst sehr stolz war; jetzt, nach dem Tode, erkennt er, daß Franco von Bologna ein weit besserer Meister war, wie auch Vasari bezeugt. Franco von Bologna lebte noch, als Dante sein Gedicht schrieb.

Die Vergänglichkeit des Künstler- und Dichterruhms erörtert Oderisi an dem Beispiele Cimabues, der von Giotto so schnell verdunkelt ward, und zweier Dichter namens Guido. Wer diese letzteren seien, ist streitig. Im Hinblick auf das, was im 26. Gesange vorkömmt, ist es wahrscheinlich, daß der erste Guido Fra Guiltone del Vive aus Arezzo (Mitte des 13. Jahrhunderts), angeblich der Erfinder des Sonetts, und der zweite Guido Guinicelli aus Bologna ist, welcher etwa um dieselbe Zeit Kanzonen, jetzt verschollene, schrieb. Daß Dante mit dem dritten, der jene beiden verdrängen werde, sich selbst meint, dünkt mir unzweifelhaft.

Der dritte Stolze, auf den der Maler den Dichter aufmerksam macht, ist Provenzano Salvani, einst, zumal nachdem die Sienesen bei Montaperti den Florentinern die mehrerwähnte blutige Niederlage beigebracht hatten, Sienas mächtigster Bürger. Er fiel 1269 in die Hände der Florentiner, und ein ihm feindlicher Sienese ermordete ihn. Er scheint sich erst im letzten Augenblicke bekehrt zu haben und hätte, wie Dante meint, noch nicht so bald, einunddreißig Jahre nach seinem Tode, Einlaß im Fegefeuer finden sollen. Aber um einer Tat willen ist ihm die Wartezeit gekürzt worden. Karl von Anjou hatte bei Tagliacozzo den Vigna, Provenzanos Freund, gefangen genommen und forderte zehntausend Goldgulden als Lösegeld. Da ging der stolze Mann auf den Markt von Siena und setzte sich zu den Bettlern, so lange die Hand ausstreckend, bis er das Lösegeld beisammen hatte. Was solche Selbstdemütigung bedeute, sagt Oderisi, das weißt du, Dante, nicht; aber bald, nachdem deine Nachbarn dich ins Exil werden getrieben haben, wirst du es verstehen lernen, wie schwer es ist, sich an die Freigebigkeit anderer wenden zu müssen.

Fegefeuer - Gesang 12

Weiter schreitend heißt Virgil seinen Gefährten, um die Müdigkeit zu verscheuchen, auf den Boden zu seinen Füßen, "das Bett seiner Sohlen", blicken, wo nach Art von Grabsteinen Bildwerke eingefügt sind. Beispiele gezüchtigten Stolzes sind der Vorwurf dieser Skulpturen: Satan vom Himmel gestürzt; der hundertarmige Briareus vom Blitze getroffen und schwerlastend auf der Erde; die Giganten von den Olympiern besiegt; Nimrod; Niobe; Saul auf den Bergen Gelboe, von denen David sang: "Es müsse weder tauen noch regnen auf euch!" Arachne in eine Spinne verwandelt, weil sie sich vermaß, besser als Minerva zu weben: Rehabeam, der das Volk statt mit Ruten mit Skorpionen züchtigen wollte und vor dem Aufruhr flüchten mußte; Eriphyle, die um eines Geschmeides willen ihren Gatten Amphiaraus verriet und dafür von ihrem Sohn Alkmäon getötet ward ; Sanherib, den seine Söhne im Tempel von Ninive umbrachten; Cyrus, dessen abgeschnittenen Kopf die Scythenkönigin Tomiris in den blutgefüllten Schlauch steckte; das flüchtige Heer des Holofernes mit "den Reliquien der Niederlage", das heißt dem Rumpf des enthaupteten Feldherrn.

Am Mittag, wo von den Horen, den Mägden der Sonne, die sechste den Dienst verläßt, erreichen die Dichter den Aufstieg zum zweiten Kreise; den schmalen Pfad vergleicht Dante mit einem (nicht mehr vorhandenen) durch Stufen bequemer gemachten Weg, welcher unweit "der Stadt voll Weisheit" (wie Florenz ironisch genannt wird) vom Ponte Rubaconte ab nach der Bergkirche San Miniato führte, - einem Werke alter Zeit, sagt Dante, als noch Redlichkeit herrschte, Grundbuch, Maß und Gewicht noch nicht gefälscht wurden. Gerade um 1299 war es vorgekommen, daß einer der Prioren von Florenz, um einem Freunde eine Bloßstellung zu ersparen, ein Blatt aus dem Grundbuche entfernt und Herr Durante Chermontesi, Kämmerer des Salzmagazins, das Scheffelmaß, um sich zu bereichern, verkleinert hatte.

Bei dem Übergange aus einem zum anderen Kreise läßt Dante jedesmal eine der Seligsprechungen der Bergpredigt, die im Gegensatze zu der Sünde des zurückbleibenden Kreises sieht, ertönen. Dem Stolzen wird demgemäß gesungen: selig sind, die geistlich arm sind, was nach Thomas von Aquino auf die Verächter weltlicher Schätze und Ehren geht.

Fegefeuer - Gesang 13

Im zweiten Kreise, dem des Neides, sind keine Skulpturen, "weder Schatten noch Bild", alles ist glatt, schwefelgelb (livido) von der Farbe dieses Lasters. Den von Ost gen West steigenden Dichtern steht jetzt die Mittagssonne zur Rechten, im Norden; ihr wenden sie sich zu, also rechts, was in den Versen 13-15 umständlich ausgemalt wird wie ein Teil einer Kreisbewegung, den die linke Seite des Körpers um die rechte oder nördliche Seite, letztere als Mittelpunkt des Kreises gedacht, beschreibt.

Etwa eine (italienische) Meile wandern sie, ohne etwas wahrzunehmen. Dann schweben Stimmen an ihnen vorüber, die das Gegenteil des Neides verkünden, wie im ersten Kreise die Bilder das Gegenteil des Stolzes verherrlichen. Töne treten an Stelle der Bilder; denn die Büßer des zweiten Kreises sind blind. "Vinum non habent, sie haben keinen Wein mehr," ruft eine Stimme, wie Maria bei der Hochzeit zu Kana. "Ich bin Orestes," ruft eine zweite, anspielend auf die wetteifernde Freundschaft des Pylades und des Orestes, die beide, als der Barbarenkönig den Sohn Agamemnons töten wollte, ausriefen: ich bin's! Solche Beispiele selbstloser Liebe dienen hier, die Neidischen zu geißeln. Die Abschreckung, den zurückhaltenden Zaum, liefern Stimmen entgegengesetzten Inhalts, wie sich später zeigen wird, ehe man an den "Paß der Vergebung", den Ausgang aus dem Kreise, gelangt. Ein analoges System herrscht in allen Kreisen des Fegefeuers: auf das Muster der Tugend folgt das abschreckende Beispiel der Sünde, und jedesmal wird die Lehre mit einem Exempel aus dem Leben der Jungfrau Maria begonnen.

Die Büßer singen die Litanei aller Heiligen, ihr Gebet richtet sich an die Erben der himmlischen Güter, welche von den irdischen sich dadurch unterscheiden, daß, so viele an ihnen teil haben mögen, der Anteil des einzelnen darum nicht geringer wird, daher auch von Neid unter den Seligen keine Rede sein kann. Die Neidischen werden an den Augen gestraft, weil diese zu dem Glücke anderer scheel geblickt haben. Sie müssen sich einer ähnlichen Operation unterziehen wie der eingefangene wilde Falke, dem man, um ihn durch Lichtentziehung zu zähmen, die unteren Augenlider mittels zweier Fäden in die Höhe zog und, indem man beide Fäden verknüpfte, für einige Tage das Sehen unmöglich machte.

Die erste Seele, mit der Dante redet, ist eine Sieneserin, Sapia. Sie war verbannt, als 1269 die Ghibellinen von Siena bei Colle eine schwere Niederlage erlitten. Ihr Schloß Pigezio lag unweit des Schlachtfeldes; Sapia, so wird erzählt, sah dem Treffen zu, und als die Sienesen flohen, rief sie, jetzt werde sie zufrieden leben und sterben, was Gott ihr auch antun möge. Deshalb wird sie mit der törichten Amsel verglichen, die im Januar, als mildes Wetter eintrat, sagte: "Der Winter ist vorbei, jetzt fürcht' ich Gott nicht mehr." Sapia bereute erst in extremis und hätte deshalb mit dem Antritt ihrer Buße noch warten müssen ohne die Fürbitte des Einsiedlers Peter Pettinajo, der schon bei Lebzeiten in Siena als Heiliger verehrt wurde.

Sapia hat übrigens im Fegefeuer den Groll gegen ihre Vaterstadt noch nicht ganz abgetan. Sie nennt Siena die eitle, törichte Stadt und wirft ihr namentlich zwei unkluge Streiche vor. Der erste war der, daß die Sienesen auf eine bloße Sage hin viel Geld verwendeten, um eine der Diana geweihte Quelle zu suchen, die unter der Stadt fließen sollte. Teurer zu stehen kam ihnen der zweite, der Versuch, eine Seemacht zu werden. Im Jahre 1305 kauften sie um 8000 Goldgulden von dem Abte von San Salvadore den Hafenort Talamone in der Maremma, wo der Fieberluft wegen das Unternehmen schon im Anfang verunglückte. Am schlimmsten fuhren dabei die sienesischen Admirale, die in der Sumpfgegend Gesundheit und Leben opferten.

Die Verse 155-158 enthalten eine Selbstkritik Dantes, der sich mehr Stolz als Neid zuschreibt und deshalb meint, er werde dermaleinst länger im ersten Kreise Lasten tragen als im zweiten des Lichtes entbehren.

Fegefeuer - Gesang 14

Zwei ehemalige Edelleute der Romagna, Guido del Duca und Rinieri de' Calboli, beide der Geschichte nicht sonderlich bekannt, befinden sich unter den Büßern des zweiten Kreises. Sie knüpfen mit Dante ein Gespräch an, das sich zu einer bitteren Klage gegen den politischen Zustand Toskanas und der Romagna entfaltet. Der Arnofluß läuft gewissermaßen Spießruten in den ihm gewidmeten Terzinen. Die Bestien werden geschildert, die zwischen seinem Ursprunge auf dem Falterone und seiner Mündung, auf einer Strecke von etwas mehr als hundert (ital.) Meilen seine Ufer bewohnen. Zunächst den Quellen hausen "Schweine" (porci), die Grafen Guidi da Romena, Besitzer des Schlosses Porciano im Casentino, berüchtigt, sagen die alten Kommentare, wegen viehischer Üppigkeit, dem Dante wohl vornehmlich wegen ihrer Treulosigkeit gegen Heinrich VII. verhaßt. Noch heute soll in der Umgegend von Porciano die Sage leben, daß Dante einmal in dem Turme dieses Schlosses gefangen gesessen habe. Auf die Schweine folgen die "Kläffer", die Bürger von Arezzo, von denen der Arno in weitem Bogen sich gleichsam verächtlich abwendet. Arezzo, obwohl nicht sehr mächtig, spielte eine geräuschvolle Rolle unter den ghibellinischen Städten Toskanas. Dann, nach dem Meere tiefer hinabfallend, trifft der Fluß "Hunde, die Wölfe worden sind", die habsüchtigen Florentiner. Endlich durch die letzten Höhen sich in die Küstenebene ergießend, erreicht er in Pisa die "Füchse", die nicht fürchten, daß jemand sie überlisten werde. Guido del Duca, dem diese Verse in den Mund gelegt sind, weissagt seinem Gefährten Rinieri, daß des letzteren Enkel bald in Florenz ein Schreckensregiment führen werde. Fulcieri de' Calboli ward 1302 von den siegreichen Schwarzen als Podestà nach Florenz berufen, wo er mit Folter, Strang und Beil gegen die Weißen wütete.

Von sich selbst sagt Guido, er ernte im Fegefeuer das Stroh, das aus dem Samen seines Neides aufgewachsen sei, und er bejammert die Verkehrtheit der Menschen, das zu lieben, "was sie nicht mit Genossen teilen können", Worte, die Gesang 15, V. 45 ff. erklärt werden.

Dann klagt er über die Entartung der Geschlechter nicht allein seiner Vaterstadt Forli, sondern der Romagna überhaupt ("zwischen Reno, Po, Gebirg' und Meere"). Vier edle Romagnolen der guten alten Zeit, des 13. Jahrhunderts, werden namhaft gemacht, ritterliche, freigebige Edelleute, wie die Kommentatoren lehren und der Zusammenhang ergibt. Von einem derselben, Lizio von Valbona, und von einem Manardi erzählt Boccaccio (Decameron V, 4) eine lustige, wenn schon unanständige Geschichte. Ferner werden als Vertreter einer besseren Vergangenheit Fabbro von Bologna und Fosco von Faenza genannt, beide Gegenstand der Kontroverse, jedenfalls dem Zusammenhange nach illustre Bürger der Generation, welche um 1300 ins Grab gesunken war. Einigen alten Kommentatoren zufolge war Fosco eines Bauern Sohn, aber wegen seiner Weisheit und seiner anmutigen Reden bei allen angesehen. Andere preisen seinen Reichtum und seine Freigebigkeit.

Der Adel der Romagna, namentlich in der Gegend von Bertinoro war, ehe er in den Parteikämpfen herunterkam, seines heitren, gastfreien Lebens wegen berühmt; Guido da Prata, Ugolino d'Azzo, Friedrich Tignoso (der Grindige, wie er scherzweise seines blonden Haares wegen hieß) hielten zu ihrer Zeit offenes Haus; die Traversara, die Anastagi glänzten in Ravenna, ehe die Polenta (die Familie der Francesca da Rimini) die Oberhand gewannen. Die Stadt Bertinoro, von sprichwörtlicher Gastfreiheit, verlor gegen Ende des 13. Jahrhunderts ihre edelsten Geschlechter durch das Exil, die Manardi, die Bulgari u. a., die von den Guelfen vertrieben wurden. Auf diese Verhältnisse wird V. 103 ff. angespielt. Ironisch werden die Grafen von Bagnacavallo ob ihrer Weisheit belobt, weil sie aussterben werden, während die von Castrocari und Conio in so schlechten Zeiten sich fortpflanzen.

Schließlich wird der Familie Pagani, deren "Teufel" Mainardo Pagani Imola und Faenza unterjocht hatte, geweissagt, sie werde nach dem Tode besagten Teufels (1302) zwar auch "wohl tun" wie jene weisen Grafen von Bagnacavallo, nämlich aussterben, aber nicht wie sie einen guten Namen hinterlassen, und in demselben Sinne wird Ugolin de' Fantolin glücklich gepriesen, weil er, ein tapfrer, kluger Mann, keinen Sohn hinterlasse, der sein Andenken schänden könnte.

Weiter schreitend erfährt Dame, was "der Zaum des Neides" ist, von dem Virgil vorhin (Ges. 13, V. 40) gesprochen hat, Stimmen nämlich solcher, die der Neid ins Verderben stürzte, Kains und der athenischen Aglauros, welche, weil sie ihrer Schwester die Liebe Merkurs mißt gönnte, in Stein verwandelt ward.

Fegefeuer - Gesang 15

Der seltsame Anfang des Gesanges bedeutet, daß die Sonne (welche wie ein Kind immer spielt, das heißt nie stille steht) noch so weit vom westlichen Horizont abstand, als sie morgens in drei Stunden steigt. Es war hier, in Italien, Mitternacht, dort, auf dem Berge, etwa drei Uhr nachmittags. Da die Dichter den Berg in westlicher Richtung erstiegen hatten und dann auf den beiden Simsen rechts gegangen waren, jetzt aber wieder gerade nach Westen schreiten, so ergibt sich, daß sie den vierten Teil des Bergkegels umkreist haben.

Dante wird von einem blendenden Lichte getroffen; er beschattet umsonst die Augen von oben; das Licht bleibt. Darum glaubt er, es rühre von einem Strahle her, der von oben die Erde treffe und in demselben Winkel ("gleich weit vom Fall des Steines", von der lotrechten Linie) in die Höhe zurückfahre. Es ist der Glanz des Engels, der den Aufgang zum dritten Kreise behütet. Die Seligkeit der Barmherzigen wird hier verkündet, wo die Stätte der Neider verlassen wird.

Unterwegs erklärt Virgil, was im vorigen Gesange, V. 86, 87 Guido del Duca sagte: "O Menschen, warum liebet ihr so heiß, was ihr nicht teilen könnet mit Genossen?" Die irdischen Güter verringert man, wenn man sie teilt; das Glück des Himmels wächst für jeden, je mehr Genossen da sind.

Im dritten Kreise, dem des Zorns, sind es Visionen, die belehren, teils indem sie Beispiele der Sanftmut und Versöhnlichkeit, teils indem sie unheilvolle Folgen des Zorns vorführen. Maria findet, ohne zu schelten, den verlornen Knaben im Tempel wieder. Pisistratus von Athen verweist seiner zürnenden Gemahlin ihre Rachsucht wider den Jüngling, der ihre Tochter geküßt hatte (wobei auf den Streit Poseidons und Athenens um den Namen der Stadt angespielt wird). Der gesteinigte Stephanus betet für seine Feinde.

Erst allmählich unterscheidet Dante zwischen den Visionen und "den Dingen, die auch außer der Vorstellung des Geistes wahr", also objektiv wirklich sind, und erkennt den Wahn, der doch nicht Irrtum, sondern Wahrheit enthält.

Fegefeuer - Gesang 16

Im Rauche zu wandeln ist die Buße der Zornigen. In der finsteren Wolke beten die Seelen mit den Worten der Messe: Agnes Dei ... miserere nobis, Agnes Dei, dona nobis pacem, um Erbarmen und Frieden. Der Lombarde Marco, mit dem Dante redet, soll ein angesehener, freigebiger, aber jähzorniger Mann gewesen sein, nach einigen ein Venezianer. Sonst ist wenig von ihm bekannt. Ein Wort Marcos über das Schwinden der Tugend in der Welt verstärkt einen Zweifel, den Dante schon bei den ähnlichen Äußerungen Guido del Ducas gefühlt hatte: ob die zunehmende Sittenverderbnis vom Einflusse der Gestirne (vom "Himmel") oder von den Menschen herrühre. Marco leugnet ersteres. Der Himmel, das ist der Einfluß der Gestirne, gibt zwar dem Trachten und Tun, wenn auch nicht aller, doch vieler Menschen einen ersten Anstoß, hebt aber nicht die Willensfreiheit auf. Der Wille kann die böse Regung bejahen oder verneinen. Wenn er sie ernstlich bekämpft und nicht schon im Anfange unterliegt, so wird er, gestärkt durch die richtige Nahrung, eines Tages siegen. Aus freier Wahl unterwirft sich dann der Mensch der größeren Kraft, der Gnade, und der besseren Natur, der göttlichen, die in ihm den von den Sternen, dem Einflusse des Himmels, unabhängigen, nach oben strebenden Sinn erschafft. Von Haus aus strebt die Seele, sobald sie vom Schöpfer entlassen ist, nach dem, was sie beglückt; aber unwissend täuscht sie sich über das rechte Ziel, hält Nichtiges für das wahre Gut, jagt auf falscher Fährte, wenn sie nicht gelenkt und gezügelt wird. Daher muß es Gesetze geben, damit die Menschen das Rechte erkennen, und ein Fürst muß sein, damit sie es auch wollen, ein Fürst, der wenigstens von fern die Türme der Stadt Gottes sieht, um den heilsamen Weg vorschreiben zu können. Das ist nach Dantes Glauben das Amt des Kaisers. Daß nun das Kaisertum, aller göttlichen Ordnung zuwider, in Italien ohnmächtig wurde, ist die Schuld des verweltlichten Papsttums. Es ist unrein geworden wie (nach dem mosaischen Gesetz) "die Tiere, welche wiederkäuen, aber den Huf nicht trennen". Das Volk, das nur nach irdischen Gütern giert, beruhigt sich, wenn es den Hirten dasselbe tun sieht. Schlechtes Regiment ist also die Ursache der verderbten Sitten.

Dem, was ist, stellt Marco gegenüber, was sein sollte, die Summa der Dantischen Theorie. Als Gott seinen Sohn zur Erde sandte, wollte er, daß diese in der vollkommensten Ordnung, nämlich der einer Monarchie, sich befinde, und dazu (so lehrt Dante in seiner Schrift de monarchia und im Convito) ersah Gott die glorreiche Roma. Und weil dem Menschen zwei Ziele gesetzt sind, die irdische und die himmlische Glückseligkeit, die erstere auf dem Wege der Vernunft in der Ausübung der Tugend zu erreichen, die andere im Anschauen Gottes bestehend und nur durch Glauben, Liebe und Hoffnung unter Mitwirkung des heiligen Geistes zu erlangen, so bedarf die Welt einer zwiefachen Leitung: des Kaisers, der nach philosophischer Erkenntnis den Weg zur zeitlichen Vollkommenheit zeigen, des höchsten Bischofs, der auf Grund der Offenbarung zum ewigen Leben führen soll. Aber auch der Kaiser hat mehr als das irdische Heil zu wahren: ohne Zaum und Gebiß würden ja die viehischen Gelüste der Menschen alles über den Haufen rennen, und christliches Leben wäre dann unmöglich. Diese Heilsordnung nun ist zerrüttet, seit der Bischof neben dem Hirtenstab auch das Schwert, die weltliche Gewalt, führen will; der Papst fürchtet den Kaiser nicht mehr, der Kaiser den Papst nicht. An den, Früchten ist es zu erkennen. Ehe der Streit zwischen Friedrich II. und der Kirche begann, herrschte in der Lombardei Ehre und Tugend; jetzt leben dort nur noch drei Gute, alte Männer, ein Vorwurf für die neue Zeit. Die drei Guten sind: 1. Gerhard von Cammino, der gerechte Beherrscher Trevisos, auch in Toskana wohlbekannt als "der gute Gerhard", freilich auch als Vater einer sittenlosen Tochter, der Gaja, die ein lebendes Beispiel der Entartung der Geschlechter ist; 2. Konrad von Palazzo aus Brescia, ein Mann von solchem Ansehn, daß viele Städte ihn zum Podestà wählten; 3. Guido da Castello aus Reggio, ein Gastfreund Dantes, wie es heißt, den man, sagt der Dichter, am besten, nach dem Beispiel der Franzosen, "den einfachen Lombarden" nennt. Guido scheint danach in Frankreich sich den Ruf der schlichten Ehrlichkeit erworben zu haben, was vermutlich wenige Lombarden von sich rühmen konnten.

Dante bekräftigt die Lehre des Marco von der Trennung der weltlichen und der geistigen Gewalt durch den Hinweis auf das jüdische Gesetz, das die Leviten vom Grundbesitz ausschloß.

Fegefeuer - Gesang 17

Dem Maulwurf gleich (dem das Fell über die Augen, wie man glaubte, gewachsen ist) wandert der Dichter durch den Rauch zurück ins Sonnenlicht, das schon die Ebene nicht mehr bescheint. Sofort macht eine Vision ihn für die Außenwelt unempfindlich. Ohne jeden Anreiz der Sinne wirkt in ihm die Phantasie, vermöge einer Gestaltungskraft, welche der Einfluß der Sterne ("der Himmel") entweder aus sich oder durch göttliche Fügung verleiht. Es beginnen die Gesichte, die vom Zorn abmahnen sollen. Prokne erscheint, die aus Rachsucht dem Tereus sein Kind als Speise vorsetzte und in eine Nachtigall oder eine Schwalbe verwandelt ward; Haman, der Peiniger der Juden, hängt am Galgen; die Gemahlin des Königs Latinus (aus der Äneis) erhängt sich vorschnell, als ein falsches Gerücht des Königs Turnus Tod meldet, und ihre Tochter Lavinia bleibt jammernd zurück.

Der Engel hilft den Wanderern zum Aufstiege nach dem nächsten Kreise so schnell, wie Menschen den eigenen Wunsch zu befriedigen pflegen. Darum heißt es: "Er tut unsertwegen, was Menschen für sich tun."

Die Seligsprechung der Friedfertigen ertönt, während der Kreis der Zornigen verlassen wird und der Flügel des Engels das dritte Sündenmal von Dantes Stirn tilgt.

Im vierten Kreise, bei den Trägen, hemmt die Nacht das Weitergehen. Virgil benutzt die Zeit, um seinen Gefährten über die Natur der sieben Sünden zu belehren. Im wesentlichen trägt er die Gedanken des Thomas von Aquino vor, jedoch weicht er in Nebenpunkten von ihm ab.

Jedes Geschöpf liebt sein eignes Glück: es kann nicht anders, seine Natur läßt ihm keine andere Wahl. Diese von aller Wahl unabhängige natürliche Liebe kann nicht irren. Dagegen kann die vernunftbegabte Seele verkehrt lieben, obschon auch sie immer ihr Glück sucht. Sie kann statt des wahren Guts (Gott) andere Güter für das Glück halten und lieben, entweder ausschließlich oder vorzugsweise oder mehr, als mit dem Streben nach Gott sich verträgt. Sie kann Gott zu wenig, sie kann andere Güter zu sehr, und sie kann Verwerfliches an sich lieben. Richtet sie ihr Begehren auf die "ersten Güter", die göttlichen Vollkommenheiten, oder erstrebt sie neben denselben maßvoll andere gute Dinge, so fehlt sie nicht. Sie geht aber gegen Gottes Willen, wenn sie das Glück im Übel sucht, oder auch, wenn sie im Trachten nach dem Guten träge ist. Immer ist Liebe der Keim der Sünde wie der Tugend. Auch der Schlechteste haßt nie sich selbst, daher auch Gott, ohne den keiner bestehen würde, im Grunde von keinem gehaßt werden kann. Niemand kann sich selbst Übles wünschen, wohl aber seinem Nächsten, wenn er nämlich glaubt, daß solches ihm selbst zum Glücke gereiche. Aus diesem Irrtum der Selbstliebe entstehen die drei Sünden, die in den unteren Kreisen des Fegefeuers gebüßt werden, "derentwegen man unten weint": der Stolz, der, um selbst zu steigen, andere erniedrigen will, der Neid, welcher zu verlieren meint, wenn andere gewinnen, der Zorn, der aus Rache anderen schaden möchte. Alle drei lieben das Übel, das anderen widerfährt. Die Trägheit dagegen liebt richtig, aber nicht eifrig genug. Sie bildet eine Klasse für sich. Eine dritte Klasse liebt etwas an sich Gutes, welches aber nicht das wahre Gut, nicht Seligkeit ist, im Übermaß. nämlich irdischen Besitz, Speise und Trank, Liebesgenuß. Die drei Sünden Geiz, Völlerei und Wollust gehören den drei oberen Kreisen an. Thomas von Aquino teilt etwas anders ein: maßlose Liebe zur Ehre, Stolz, maßlose Liebe zum Sinnengenuß, Völlerei und Wollust, - maßlose Liebe zu zeitlichen Gütern, Geiz, - Haß gegen das Gute, dessen der Nächste genießt, Neid und Zorn. Die Trägheit kommt als siebente hinzu.

Fegefeuer - Gesang 18

Virgil setzt seine Belehrung im Geiste des Thomas von Aquino fort, das Wesen der Liebe, aus welcher alle guten und bösen Handlungen entspringen, weiter erörternd. Wie das Feuer in die Höhe strebt, aus der es (nach der scholastischen Physik) stammt und wo es ewige Dauer hat, so, mit gleicher Naturnotwendigkeit, bewegt sich die Seele, sobald die Wahrnehmung ihr die Dinge der äußeren Welt im Bilde zeigt, demjenigen zu, was ihrem Wohlgefallen entspricht: ihre Natur und das ihr Wohlgefällige binden sich in der Seele durch das Gefallen zu einem Neuen, welches die Liebe ist, wie denn die Scholastiker lehren, daß zwischen der Seele und dem, was sie liebt, eine gewisse Gemeinschaft des Wesens, connaturalitas, bestehe. Die von Liebe erfüllte Seele gerät in eine Bewegung, die das Verlangen genannt wird und die nur im Genusse des geliebten Gegenstandes zur Ruhe kömmt. Amor, desiderium, delectatio bilden in der scholastischen Psychologie eine geschlossene Kette.

Dies alles nun läßt noch unentschieden, ob das, was die Seele liebt, gut oder böse sei. Die Liebe ist "ihrem Stoffe" nach, das heißt in potentia, gut, in der Wirklichkeit aber hängt es von ihrem Gegenstande ab, ob sie gut ist oder nicht. Das Wachs mag noch so gut sein, der Stempel kann doch einen schlechten Abdruck liefern. Der Einwand, daß die Liebe, wenn sie so durch den Zwang der äußeren Eindrücke bestimmt werde, nie dem Menschen zum Verdienste gereiche, wird von Virgil nicht erledigt, weil dieser Punkt jenseits unserer Vernunft liegt und nur im Glauben Aufklärung findet; jedoch gibt er eine Lösung, so weit sein Verständnis reicht.

Virgil nennt mit der Sprache der Schule die Menschenseele "eine forma substantialis, die von der Materie verschieden und doch mit ihr vereint ist.", weil nämlich die Seele der Engel ohne Verbindung mit der Materie ist, die Seele der Tiere nur mit der Materie besteht. (Forma heißt bei den Scholastikern dasjenige, wodurch etwas aus der bloßen Möglichkeit in die Wirklichkeit übertritt, und die Form heißt substantial, wenn sie das Sein des Dinges bedingt, akzidentell, wenn sie bedingt, daß das Ding die und die Eigenschaften habe. Darum heißt die Seele, welche macht, daß der Mensch sei, "substantiale Form", während zum Beispiel das Geschlecht des Menschen eine akzidentelle Form ist.)

Wie nun die Seele die Fähigkeit der ersten Begriffe und das Begehren nach dem Guten empfange, das weiß zwar niemand. Diese an sich unfehlbare Kraft aber, das Gute zu begehren, welcher alle anderen Begehren sich anschließen sollen, hat zur Begleiterin eine andere Kraft, "welche die Schwelle des Beifalls oder der Zustimmung hütet", welche abrät oder zurät, das eine zu begehren, das andere nicht, vermöge welcher der Mensch sich für das eine oder das andere entscheidet, also die Vernunft, die den freien Willen lenkt. So besteht neben der Notwendigkeit, zu lieben, die Wahlfreiheit, gut oder schlecht zu lieben; die Moral, die Verantwortlichkeit des Menschen für sein Tun ist gerettet.

Das Ungenügende dieser Lösung scheint Dante wohl gefühlt zu haben; er verweist auf künftige Aufschlüsse, die ihm Beatrix geben werde; aber auch diese (Paradies Ges. 5, V. 19 ff.) läßt das Dunkel ungelichtet.

Während des Gesprächs geht der Mond auf, dessen Bahn an diesem Tage ungefähr mit der Sonnenbahn zusammentrifft, und den Römern geht um Frühlingsanfang die Sonne in der Richtung unter, die zwischen Sardinien und Korsika durchlaufen würde. Dante soll in Rom selbst auf diesen Umstand, den er V. 80-81 beschreibt, aufmerksam gemacht worden sein.

Den Geburtsort Virgils nennt Dante Pietola. Dies ist ein kleiner Flecken bei Mantua, angeblich das alte Andes, wo Virgil das Licht der Welt erblickt haben soll.

Im vierten Kreise herrscht ein Getümmel wie weiland bei den bacchantischen Bittfesten der Thebaner; die büßenden Trägen spornen einander an, indem sie sich erinnern, wie Maria flink war und schleunig aufs Gebirge zu der Stadt Juda ging (Lukas 1, V. 39) und wie schnell Cäsar von Brundisium nach Gallien flog, Massilia einschloß, nach Spanien ging, bei Ilerda das Heer des Pompejus zwang, die Waffen zu strecken.

Ein unter Kaiser Barbarossa 1178 verstorbener Abt des Klosters Sankt Zeno bei Verona tritt hier auf. Zu Dantes Zeit hatte Albert della Scala seinen Bastard Joseph, der verkrüppelt war, den kirchlichen Gesetzen zuwider, dort zum Abte gemacht. Er starb bald nach der hier angenommenen Zeit, im Jahre 1301. Der Abt Joseph blieb trotz eines lästerlichen Lebens bis zum rode (1314) im Amte.

Zwei andere Büßer führen als Beispiele bestrafter Saumseligkeit an, 1. daß die Israeliten, die durch das Schilfmeer gezogen waren, ihrer Kleinmütigkeit wegen alle starben, ehe sie das gelobte Land gesehen hatten, und 2. daß von den Genossen des Äneas diejenigen, welche der Abenteuer müde und des Ehrgeizes bar waren, in Sizilien zurückblieben und des Ruhmes, den ihre Gefährten erkämpften, verlustig gingen.

Fegefeuer - Gesang 19

Die Erde, so glaubte man früher, überwinde während der Nacht durch ihre eigene Kälte die in der Luft verbliebene Sonnenwärme, und auch dem Monde und dem Saturn schrieb man kältebringenden Einfluß zu. Darauf geht die erste Terzine, die von der Stunde vor Sonnenaufgang redet. In dieser Stunde, sagt die zweite Terzine, geht am bald hell werdenden Himmel das Sternbild auf, welches gestaltet ist wie "das größte Glück der Geomanten", derjenigen, welche aus Punkten wahrsagen, die man aufs Geratewohl in den Sand oder aufs Papier macht. Entstand durch die Punkte die Figur ... so nannte man diese das größte Glück. Am südlichen Himmel hat eine Sterngruppe im Delphin, die im Frühling kurz vor Tag aufgeht, eine an die Figur erinnernde, nur schrägere Stellung. Nach anderen meint Dante den großen Bären, dessen letzten Schwanzstern nicht berücksichtigend.

Dem Dichter erscheint im Traume eine Sirene, das Bild der falschen Güter, an die der Mensch, weil er sie für schön hält, das Herz hängt. In Wahrheit ist es sein eigner liebevoller Blick, der ihr den Schein der Lieblichkeit verliehen hat. Sobald die Vernunft (Virgil) unter dem Einflusse eines heiligen Willens dem Truge die Hülle abreißt, entsteht der heilsame Ekel, welcher befreit. Der Traum deutet auf die Sünden der Sinnlichkeit, die in den nächsten Kreisen gebüßt werden. Ihrer Lockung wird "der Köder" der Sphären droben, die himmlische Freude, gegenübergestellt.

Die Seligpreisung im vierten Kreise, beati qui lugent (selig, die da trauern), steht in dem gewollten Gegensatze zur Trägheit, weil die Trauer über die Sünde zur Buße und Heiligung spornt, die Trägen aber diesem Sporn zu wenig gefolgt sind.

Um Sonnenaufgang wird der fünfte Kreis, der dem Geize gehört, erstiegen. Sein eignes Emporstreben nach dem Schlafe vergleicht Dante mit der Begier des Falken, der eben noch gesenkten Blicks auf der Stange saß, sowie er aber den Ruf des Vogels hört, den er jagen soll, sich nach diesem emporstreckt.

Die Morgensonne steht im Rücken der Wandrer, die gen Westen steigen.

Die Geizigen sind in den Staub gestreckt. Sie singen den Psalmenvers (Psalm 119, V. 25) "Meine Seele liegt un Staube". Ihre Plage lindern Hoffnung der Erlösung sind "Gerechtigkeit", die Erkenntnis, daß die Strafe verdient sei. Dem nach dem Wege fragenden Virgil antwortet einer der Schatten: "Haltet euch so, daß die rechte Hand immer nach außen gekehrt bleibe, wofern ihr vor dem Liegen (hier im Staube) sicher seid", das heißt wenn ihr nicht hier zu büßen habt. Dieser Schatten ist der Geist des Papstes Hadrian V. († 1276), welcher ein Fiesco aus dem Grafenhause Lavagna war. Der Fluß Lavagna, von dem diese Grafen sich nannten, fließt bei Chiaveri an der östlichen Riviera ins Meer. Hadrian V. regierte nur vierzig Tage; von seiner Habsucht weiß die Geschichte nichts. Als Dante erfährt, mit wem er redet, rührt sich sein Gewissen; er will knieen, und er redet den Schatten an. Der Papst verweist es ihm; das Amt gilt nur auf Erden. Mit dem Tod erlischt jede Ehe, nach Matthäi 22, V. 30 ("Neque nubent etc.: in der Auferstehung freien sie nicht, noch werden sie gefreit"), und ebenso die symbolische Ehe zwischen Papst und Kirche.

Von Hadrians noch lebenden Verwandten kümmert allein seine Nichte Alagia sich um sein Seelenheil. Sie soll die Gemahlin des Moroello Malaspina, des Gastfreundes Dantes, gewesen sein. Daß sie sich rühmlich von anderen Frauen des berühmten genuesischen Hauses unterschied, gibt die letzte Terzine zu verstehen.

Fegefeuer - Gesang 20

Dantes Wille, den Geist zu befragen, wird besiegt von dem besseren Willen des Büßers, für das Heil der Seele zu sorgen. Drum wendet er sich zu den anderen Geistern, aus deren Augen die Sünde in Reuetränen hinwegfließt. Die Avaritia wird hier ausdrücklich die alte Wölfin genannt, als welche sie im ersten Gesange der Hölle erscheint. Geiz und Habgier sind dem Dichter das herrschende, verderblichste Laster der Zeit.

Einer der Geister preist die Armut Marias, die Geldverachtung des römischen Fabricius, die Freigebigkeit des heiligen Nikolaus, der einem armen Vater, als dieser seine drei Töchter verkaufen wollte, dreimal die Aussteuer schenkte, damit die Mädchen ehrbar verheiratet würden. Dante fragt, warum der Geist allein, nicht im Chor mit den anderen, wie es in den untersten Kreisen geschah, die heiligen Beispiele verkünde. Darauf gibt der Geist sich zu erkennen als Stammvater des französischen Königshauses, dieses weltüberschattenden Unkrauts, Hugo Capet. Zu Dantes Zeit (darauf spielt der Geist an) hätten die Städte Flanderns, mit denen Philipp der Schöne schwere Kämpfe zu bestehen hatte, die Ausrottung dieses Unkrauts gern übernommen, wenn nur ihre Macht größer gewesen wäre. Im Jahr 1303 schlugen die Städte bei Courtray das Iranzösische Heer und zwangen den König, einen großen Teil seines Länderraubs fahren zu lassen.

Im Mittelalter existierte eine Sage, an die Dante geglaubt hat, daß Hugo Capet eines reichen Pariser Fleitichers Sohn gewesen sei und daß nicht er selbst, sondern sein Sohn die Krone getragen habe. Ebenso ungeschichtlich ist Dantes Anspielung auf den letzten Karolinger, der wie ein Mönch in Grau sich gekleidet habe.

Die Verderbnis des französischen Königshauses begann (nach Dantes Darstellung), als Ludwigs IX. Bruder Karl von Anjou dem Grafen Raimund von Toulouse die Erbtochter Raimunds von der Provence abgejagt und das Land des letzteren erworben hatte. Philipp der Schöne entriß durch Hinterlist den Engländern Ponthieu und die Gascogne, nicht die Normandie, wie Dante irrtümlich annimmt; diese war schon seit hundert Jahren französisch, Die französische Ländergier wird mit besonders bitterem Sarkasmus als eine Sünderin dargestellt, die, nach verübtem Frevel, "zur Buße" einen noch größeren begeht. Daß bei einem solchen Anlasse Karl von Anjou den heiligen Thomas von Aquino, in dem er einen politischen Gegner fürchtete, habe vergiften lassen, wird auch von anderen Schriftstellern bezeugt.

Philipps des Schönen Bruder Karl von Valois, dessen der Geist V. 67 ff. erwähnt, ist Dantes unmittelbarer Feind und Widersacher. Bonifaz VIII. rief ihn 1301 nach Italien, damit er in Florenz die Ghibellinen stürze, in Sizilien Friedrich von Aragon bekämpfe. Mit "der Lanze des Judas", verräterisch, siegte er in Florenz; in Sizilien dagegen mußte er sich zu schimpflichem Frieden bequemen, Karl ohne Land nannten ihn die Italiener. Sein Vetter Karl II. von Neapel (Sohn Karls von Anjou) fiel 1282 auf See in die Hände des Königs von Aragon. Nach sechsjähriger Gefangenschaft in sein Reich zurückgekehrt, verheiratete er 1305 seine Tochter mit dem alten Azzo von Este, um Geld, wie es hieß. Der ärgste Frevel aber war, daß Philipp der Schöne 1305 durch Sciarra Colonna den Papst selbst in Alagna (heute Anagni) gefangen nehmen ließ. Obwohl der verhaßte Bonifaz das Opfer war, verdammt Dante die Gewalttat, als ob sie an Christus selbst verübt wäre. Freilich wurde Bonifaz nicht umgebracht, doch starb er bald nach der Gefangennahme, die er so würdevoll ertrug, daß er den Vergleich mit Christus einigermaßen verdiente. Daß hiernach Philipp der neue Pilatus heißt, erklärt sich von selbst. Die Unterdrückung des Tempelordens, bei der Habsucht ihn vorzugsweise leitete, wird nebenbei gebrandmarkt, wo davon gesprochen wird, daß er mit gierigem Segel nach dem Tempel steuerte.

Gottes Rache auf sein Haus herabflehend, erklärt der Geist zugleich, weshalb Gott den Freveln so geduldig zusehe. Noch sei die Rache in den Geheimnissen der Zukunft verborgen, aber sie sei sicher und von Gott vorausgewußt; darum mache sie seinen Zorn gelassen.

Schließlich beantwortet der Geist die Frage, weshalb er allein für sich die Armut Marias preise. Bei Tage beschäftigen sich die Büßer mit Beispielen heiliger Armut, nachts mit Beispielen des Geizes. Dann erinnern sie sich, wie Pygmalion von Tyrus seinen Schwager Sichäus, Didos Gemahl, um seiner Schätze willen umbrachte, wie Midas mitten im Golde verhungerte, wie Achan gesteinigt ward, als er aus der Beute Jerichos einen babylonischen Mantel, zweihundert Säckel Silbers und fünfzig Säckel Goldes unterschlug (Josua 7), wie Heliodor, da er Zion berauben wollte, den Tod fand (2. Makkabäer 3), wie Ananias und Sapphira sterben mußten, weil sie das Gut der Gemeinde entwandten (Apostelgeschichte 5), wie Hekuba dem König Polymnestor, der um Geld ihren Sohn Polydor tötete, wütend die Augen auskratzte, wie die Parther den Kopf des Crassus in geschmolzenes Gold tauchten, sprechend: nach Gold hast du gedürstet, nun hast du es getrunken.

Ein Erbeben des Berges folgt nun, welches mit dem Erzittern der Insel Delos verglichen wird. Dies Eiland schwamm im Meere, bevor Latona dort Apoll und Diana (Sonne und Mond) gebar. Die Ursache der Erschütterung wird im nächsten Gesang erklärt.

Fegefeuer - Gesang 21

Voll Mitleid mit der "gerechten (wohlverdienten) Pein" der Geizigen wandert Dante weiter, dürstend nach Wahrheit wie die Samariterin (Ev. Johannis 4, V. 15); da gesellt sich zu ihm und Virgil, von hinten kommend, ein Geist, wie Jesus zu den ihn nicht erkennenden Jüngern, die nach Emaus wanderten. Der Geist begrüßt sie und erklärt auf Virgils Frage das Beben des Berges, das nicht wie gewöhnliche Erdbeben dem Walten der Naturkräfte entsprang. Das Reich der letzteren endet an der dreistufigen Treppe, dem Eingange ins Fegefeuer; niemals sieht man innerhalb des Tors, wo der Engel mit den Schlüsseln sitzt, die Tochter des Thaumas, Iris; nie fühlt man, wie die Erde von den Winden in ihrem Innern erchüttert wird. Der Berg zittert, weil etwas, das vom Himmel stammt, eine Menschenseele, zum Himmel wieder einzugehen sich anschickt, ihre Läuterung auf dem Berge vollendet ist. Dieser Augenblick tritt ein, wann die Seele im Gefühl ihrer Entsühnung den Übergang freudig will. An sich wird sie immer die Seligkeit wollen, aber der Wunsch, durch Buße der Gerechtigkeit zu genügen, hebt dies erste Wollen auf; gegen den eingeborenen Trieb begehrt sie im Fegefeuer nach der Folter, wie sie auf Erden nach sündhafter Lust begehrte. Erst nachdem sie sich geläutert weiß, will und kann sie sich zur Seligkeit aufschwingen.

Der redende Geist ist eine solche freigewordene Seele; ihm galten das Beben des Berges und der Freudenhymnus der zurückbleibenden Büßer. Es ist der römische Dichter Statius (aus Neapel, nicht aus Toulouse, wie man zu Dantes Zeit annahm). Seine beiden Heldengedichte Thebais und Achilleis hat Dante, wie viele Stellen der Divina Commedia zeigen, mit Eifer gelesen. Unter der Last der Achilleis ist Statius "am Wege gefallen", das heißt gestorben, eh' er sie vollendete. Er erwarb in Rom dreimal den Siegerpreis und den Ruhm, "der am längsten währt", den dichterischen. Dazu ist zu bemerken, daß im Mittelalter Statius weit höher geschätzt ward als heutzutage.

Fegefeuer - Gesang 22

Vor dem Aufstiege zum sechsten Kreise tilgt wieder ein Engel eins der Sündenmale von Dantes Stirn. Er entläßt ihn mit der Seligsprechung derer, "die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit", des Widerspiels der nach Gold Dürstenden. Doch unterdrückt der Engel das Wort "hungert", welches erst im sechsten Kreise bei Wiederholung derselben Seligsprechung seine Anwendung findet.

Was Statius von seiner Verschwendung und seiner Bekehrung erzählt, scheint freie Erfindung Dantes. Geiz und Verschwendung werden im Fegefeuer wie in der Hölle in demselben Kreise gestraft, daher Statius sagt, ohne zeitige Bekehrung würde er jetzt in der Hölle die böse Last wälzen und einst mit kahlem Kopfe auferstehen (vergl. Hölle Ges. 7, V. 27 u. 56). Den ersten Anstoß zur Bekehrung verdankt Statius dem Virgilischen Verse:

Quid non mortalia peetora regis,
Auri sacra fames! (Aeneis III, 56.)

Anscheinend übersetzt Statius den Vers unrichtig. Der lateinische Text sagt: "Wozu zwingst du nicht die Menschenherzen, verfluchter Golddurst!" Man sagt , Dante habe quid für "warum" und sacra im gewöhnlichen Sinne für "heilig" genommen und verstanden: "Du heiliger, von Gott gewollter Golddurst, weise und richtige Wertschätzung des irdischen Gutes, die toller Verschwendung entgegengesetzt ist, warum zwingst, regierst du nicht die Menschenherzen?" Gegen diese Erklärung sträubt sich etwas in mir, doch weiß ich keine bessere. Nach einer anderen an sich verdächtigen Lesart, die statt perche (warum) a che (wozu) setzt, würde Statius zwar richtig übersetzen: "Wozu zwingst du nicht, verfluchter Golddurst usw."; allein dann entstehen zwei neue Schwierigkeiten: das italienische sacra müßte "verflucht` bedeuten, während es sonst immer nur für heilig steht, und der Golddurst, der nicht auf Verschwender paßt, müßte identifiziert werden mit dem Durste nach den Dingen, für welche Statius sein Gold wegwarf. Da kömmt mir die erste Erklärung doch noch ungezwungener vor.

Virgil fragt den Statius: damals, als du den Bruderkrieg um Theben unter Anrufung der heidnischen Musen sangst, wer führte dich zuerst auf den Weg zur Kirche Petri des Fischers? Und wieder nennt Statius als seinen ersten Erleuchter Virgil, sich beziehend auf die berühmten Verse der vierten Ekloge, die im Mittelalter als Weissagung der Geburt Christi gedeutet wurden und ohne Zweifel viel zu dem hohen Ansehen, in welchem Virgils Name stand, beitrugen.

Jam redit et virgo, redeant Saturnia regna,
Jam nova progenies eoelo demittitur alto.

(Schon kehrt wieder die Jungfrau, schon die saturnische Herrschaft,
Schon wird neues Geschlecht von den Höhen des Himmels entsendet.)

Diese Worte, welche auf eine Wiederkehr der Jungfrau Asträa, der himmlischen Rechtspenderin, und des goldenen Zeitalters hinweisen, wurden von der frommen Auslegung mit der bekannten Stelle im Jesaias in Zusammenhang gebracht und das Wort progenies (welches auch ein einzelnes Kind bedeuten kann) auf den Sohn der Iungfrau bezogen. Unbewußt, nahm man an, hätten Virgil und die Sibyllen in dunklen Worten das Licht, das sie selbst nicht sahen, angekündigt.

Statius starb gegen das Ende des ersten Jahrhunderts, zwölfhundert Jahre vor Dantes Ankunft im Fegefeuer. Davon hat er vierhundert Jahre bei den Trägen, fünfhundert hei den Geizigen zugebracht, mithin dreihundert entweder in anderen Kreisen oder im Vorpurgatorium.

Virgil gedenkt der römischen und griechischen Dichter, die, im Limbus vereinigt, sich der Musen, der Ammen der Poeten, erinnern, und er versichert den Statius, daß in jenem bevorzugten Revier der Unterwelt auch die von ihm, Statius, besungenen tugendhaften Griechinnen sich befinden, Antigone und Ismene, des Tydeus Gemahlin Deiphile, Argia, das Weib des Polynices; sodann Hypsipyle, die dem dürstenden Heere der Sieben die Quelle Langia zeigte, Manto, des Tiresias Tochter, Thetis, Deidamia und die anderen Königstöchter aus Skyros, unter denen Thetis den Knaben Achilles in Mädchentracht versteckte, lauter Personen, die in der Thebais oder in der Achilleis vorkommen. Daß Manto in der "Hölle" unter den Wahrsagern (Ges. 20, V. 52 ff.) aufgeführt wird, hat Dante hier anscheinend vergessen.

Nach zehn Uhr vormittags gelangen die drei Dichter zu den Schlemmern des sechsten Kreises. Vier Horen sind schon vom Dienste frei, die fünfte lenkt jetzt die noch nach oben gerichtete Deichsel des Sonnenwagens.

In diesem Kreise erblickt man Abbilder und Abkömmlinge des Baums, von dem Eva die verbotene Frucht pflückte, der Wipfel wie eine umgekehrte Tanne nach unten sich verjüngend. Der Hunger, der die Büßenden peinigt, wird verschärft durch den Anblick und Geruch der Früchte. In den Zweigen des ersten Baumes ertönt eine Stimme, die verschiedene Beispiele frugalen Lebens preist: Maria, die beim Hochzeitsmahle mehr an die Verlegenheit der Wirte als an den eigenen Genuß dachte; die Frauen Roms, denen der Wein verboten war; Daniel, der Nebukadnezars Speise und Trank verschmähte und Weisheit und Verstand in allerlei Schrift erwarb; die Menschen des goldenen Zeitalters; den Täufer Johannes, der sich von Heuschrecken und wildem Honig nährte und von dem geschrieben steht, es sei kein Größerer denn er aufgekommen unter allen vom Weibe Geborenen (Matthäi 11, V. 11).

Fegefeuer - Gesang 23

Der Mund, der auf Erden sich dem Schlemmen und Prassen öffnete, dient im Fegefeuer der Buße und dem Lobe Gottes. Die Geister singen aus dem 51. Psalm den Vers "Domine, labia mea aperies, Herr, tue meine Lippen auf, daß mein Mund deinen Ruhm verkündige." Sie erscheinen in grauenhafter Abmagerung, erinnernd an den von Ceres mit unersättlichem Hunger bestraften Erysichthon, der seine eigenen Glieder, "voll Grausens vor dem Mahle", anfraß, oder an die Juden im belagerten Jerusalem, deren entsetzliche Not Josephus beschreibt. Hungernde drangen in das Haus einer Jüdin namens Maria und heischten Speise; sie bot ihnen die Reste des von ihr verzehrten Kindes; mit einem Raubvogel vergleicht Dante sie. Die fleischlosen Gesichter erinnern ihn an den scholastischen Einfall, daß man im Antlitz des Menschen die Buchstaben OMO (homo Mensch) finde; das M, von den Augenhöhlen und der Nase gebildet, trat durch die Magerkeit scharf hervor. Die Haut ist vom Dürsten dürr, mit Schuppen oder Grind vergleichbar. Diese Magerkeit entsteht durch die Begier, welche der Duft der Früchte und des Wassers in dem Wipfel der mystischen Bäume den Büßern erweckt. Sie macht alle unkenntlich. Nur an der Stimme erkennt Dante seinen Freund Forese Donati, einen Verwandten seiner Frau, Bruder des berühmten Parteiführers Corso Donati. Nach V. 115 ff. scheint es, daß Dante und Forese in jungen Jahren gemeinsam sich der guten Dinge dieser Welt in einem Maße erfreuten, welches nachher dem gereifteren Manne sündlich erschien. Forese wurde vermutlich erst dann reuig, als Krankheit ihn am Sündigen hinderte, und er hätte deshalb eigentlich die Zahl seiner Lebensjahre im Vorpurgatorium warten müssen, wäre nicht die Fürbitte seiner Frau gewesen, die tugendhaft war, obwohl sie allein "in der Barbagia" zurückblieb. Die Barbagia hieß ein Landstrich Sardiniens, dessen Bewohner halb Wilde waren; sie kannten keine Ehe, die Weiber gingen halbnackt usw. Deshalb nennt Forese mit diesem Namen das sittenlose Florenz, wo gegen den Luxus der oft wenig sittsamen Frauentrachten wiederholte weltliche und geistliche Verbote sich unwirksam zeigten. Der Stadt wird in Aussicht gestellt, daß über sie Gottes Gericht hereinbrechen wird, ehe denen, die heute Kinder sind, der erste Flaum sprießt.

Der V. 120 gebrauchte Ausdruck "die Schwester des Sonnengotts zeigte sich rund" bedeutet, daß es Vollmond war.

Fegefeuer - Gesang 24

Im Weitergehen bedeutet Dante den Forese Donati, daß Statius nur Virgils wegen sie begleite, und erkundigt sich nach dem Schicksal seiner schönen Schwester Piccarda Donati, die wir hernach im ersten Himmel (Paradies Ges. 3, V. 49) antreffen werden, Forese nennt ihm dann einige der Büßer, den Dichter Buonagiunta aus Lucca und den Papst Martin IV. († 1285) aus Tours, der die fetten Aale aus dem See Bolsena, zumal in Wein gekocht, zu sehr geliebt hat. Ferner Ubaldino von Pila, aus altem mächtigem Geschlechte, Bruder des im 10. Gesange der "Hölle" genannten "Kardinals" und Vater des Erzbischofs Roger, der den Ugolino verhungern ließ; Bonifazius, Erzbischof von Ravenna (1274 ff.), einen Fiesco aus Genua; und Messer Marchese aus Forli, einen landkundig lustigen Zecher, von dem erzählt wird, er habe auf den Vorhalt, daß er nichts tue als trinken, geantwortet: "Ich habe immer Durst."

Der Dichter aus Lucca, Buonagiunta, fesselt Dantes Aufmerksamkeit, indem er Worte murmelt, aus denen Dame nur das eine "Gentucca" versteht. Aufgefordert, sich deutlicher zu erklären, weissagt der Geist, daß Dante einst in Lucca durch die Freundschaft einer edlen Dame werde beglückt werden, und daß eben diese Gentucca hieß, haben neuere Durchforscher der Lucchesischen Archive wahrscheinlich gemacht. Zu Dantes Zeit lebten mindestens zwei Frauen edlen Standes in Lucca, die den Taufnamen Gentucca führten.

Der Lucchese begrüßt hierauf in Dante den Kunstgenossen und den Verfasser der Canzone Donne, che avete intelletto di amore. Es knüpft sich ein merkwürdiges Gespräch an, in welchem Dante seinen poetischen Stil kurz charakterisiert und dem anderen das Geständnis abnötigt, daß die Dichter der alten Schule (Buonagiunta selbst, Fra Guittone von Arezzo und der Notar Lentino von Sizilien) das Geheimnis, einfach dem Diktat der Liebe zu folgen, nicht gekannt hätten, daß aber, wer darüber noch hinausstrebe, vom Stil nichts verstehe.

Weiterhin weissagt Forese den baldigen Sturz seines Bruders Corso Donati, des mächtigen Führers der "Schwarzen". Nach Austreibung der "Weißen" überwarf dieser Parteiführer sich mit den eigenen Anhängern und ward 1307 in einem Tumulte getötet, nach einigen vom Pferde auf der Flucht zu Tode geschleift.

Eine Stimme im Wipfel des weiten Fruchtbaums warnt vor den Sünden des Bauchs. Sie erinnert an das vom Ixion mit der junonischen Wolke erzeugte Geschlecht der Centauren, Geschöpfe, die eine Menschen- und eine Pferdebrust haben. Diese gingen durch Unmäßigkeit zugrunde. Die Stimme verweist dann auf die Geschichte Gideons (Buch der Richter 7, V. 3-7), der in seinem Heere nur dreihundert fand, welche beim Trinken Maß hielten, und mit diesem Häuflein die Midianiter schlug.

Fegefeuer - Gesang 25

Die Sonne hat dem Sternbilde des Stiers bereits den Meridian überlassen; in der entgegengesetzten Hemisphäre, wo Nacht herrscht, ist Mitternacht vorüber, und der Skorpion passiert dort den Meridian; mit anderen Worten: es ist mittlerweile auf dem heiligen Berge gegen zwei Uhr nachmittags, da um Frühlingsanfang der Stier etwa zwei Stunden nach der Sonne kulminiert. Daher ist es Zeit, zu eilen, weil bis Abend nur noch vier Stunden sind.

Ein der Scholastik des Mittelalters natürlicher Zweifel versetzt Dante in höchste Spannung (dem Bogen gleich, der bis zur eisernen Pfeilspitze, also so weit wie möglich, angezogen wird), wie nämlich Geister, die doch keiner Nahrung bedürfen, so abmagern können wie die Büßer des sechsten Kreises. Virgil erinnert ihn an Meleager, der ja auch nicht durch Fasten, sondern durch mystischen Zusammenhang mit dem Verbrennen eines Holzscheits abzehrte, und an die Analogie eines Spiegels, der Erscheinungen zeigt, welche nicht ihm selbst eigen sind. Weil es sich aber um einen Punkt der christlichen Lehre handelt, überläßt er dem Statius die Erklärung. Diese nun ist wie folgt zu verstehen:

Alles Blut besitzt organebildende Kraft, jedes für den Teil des Leibes, den es ernährt. Ein Teil aber des Blutes wird, statt vermittels der Adern den Leib zu nähren, für den Zweck der Zeugung aufgespart, ähnlich wie man die nicht zur Sättigung verbrauchten Speisen von der Tafel aufhebt. Dieser Teil des Blutes ist zwiefach geläutert, einmal indem es aus Speise Blut, sodann indem es vom Herzen für den gedachten Zweck ausgesondert ward. Dieses ausgesonderte Blut hat wie das Herz selbst formgebende Kraft nicht für einzelne, sondern für alle Glieder. So wie es aus dem Herzen, "dem vollkommenen Orte", dem Quell der gestaltenden Kraft, gekommen ist, vereinigt es sich im Zeugungsakte mit dem weiblichen Blute, das gestaltende mit dem leidenden Elemente, und belebt dasjenige, was ihm den passiven Stoff bietet, den mütterlichen Keim. Mit diesem Moment wird die gestaltende Kraft zur Seele, zunächst der anima vegetativa oder Pflanzenseele gleich, nur mit dem Unterschiede, daß die Pflanzenseele schon am Ziel der Reise ist, sobald sie entsteht, diese embryonische Seele dagegen weiterstrebt. Aus der vegetativen entwickelt sich die sensitive Seele, anfänglich derjenigen der niederen Tiere (Polypen usw.) ähnelnd, allmählich aber die aus dem Herzen des Erzeugers mitgebrachte organebildende Kraft entfallend und die einzelnen Glieder, wie sie dort in potentia schon vorgebildet waren, wirklich formend. Wie aber wird aus der sensitiven oder animalischen die Menschenseele? An dieser Schwierigkeit ist ein Weiserer als Dante, ist der große Aristoteles selbst gescheitert, welcher lehrt, daß der Intellekt, da derselbe kein körperliches Organ habe, vom Körper gänzlich unabhängig sei. Die Wahrheit ist, daß die menschliche Seele zwar nicht durch einen Zeugungsakt, sondern unmittelbar durch göttliche Schöpfung entsteht, daß sie aber nicht als etwas dem Körper Fremdes, sondern als eins mit der vegetativen und der sensitiven Seele dem Embryo zuteil wird. Der Hauch Gottes rafft die vegetative und die sensitive Seele an sich, vereinigt sie mit sich zu einer unteilbaren Substanz. Es ist also nur eine Seele im Menschen, wie Dante schon im Eingange des 4. Gesangs betont hat. Wenn der Mensch stirbt (wenn es der Parze Lachesis an Leinenfaden zum Weiterspinnen fehlt), so trennt sich zwar die Seele vom Körper, sie nimmt aber alle ihre Eigenschaften, göttliche wie irdische, mit sich ins Jenseits, die niederen Kräfte freilich nur als Möglichkeiten (in potentia) oder "stumm", alle übrigen aber gesteigert.

Die abgeschiedene Seele gelangt von selbst "an eins der beiden Gestade", entweder an den Höllenfluß oder an den Tiberstrom, wo die Einschiffung nach dem Fegefeuer stattfindet. Sie behält ihre bildende Kraft, vis formativa, die im Leben den Leib gestaltet hat, auch im neuen Aufenthalt, und hier nun nimmt die sie umgebende Luft den Eindruck dieser Gestaltungskraft an, ähnlich wie die Regenwolke die Wirkung des irisbildenden Sonnenstrahls annimmt. Ein Schattenleib entsteht, der ihr überall folgt wie die Flamme der Feuerglut, der dem Auge sichtbar ist, der allen Empfindungen Organe verleiht, alle Affekte widerspiegelt wie der natürliche Leib und folglich auch - dies war der dunkle Punkt - mit der Empfindung des Hungers die entsprechende äußere Erscheinung verknüpft.

Die Theorie vom Wesen und der Entstehung der Seele ist der Lehre des Thomas von Aquino entlehnt; nur der (dem Dichter unentbehrliche) Scheinleib der Geister wird von dem Theologen verneint.

Die Dichter gelangen in den siebenten und letzten Kreis, wo die Sünden der Wollust getilgt werden. Die Geister wandern hier in einem Feuer, das aus der Bergwand fährt und den Sims ungangbar machen würde, wenn nicht ein vom Rande her wehender Wind die Flammen nach oben zurückböge, einen schmalen Weg hart am Abgrunde freihaltend. Die Büßer singen ein altes Kirchengebet Summae Deus clementiae, das im weiteren Text u. a. Herzensreinheit und Abwehr böser Lust erfleht. Wie in allen sieben Kreisen immer zuerst das Beispiel der Jungfrau Maria angeführt wird, so zitieren auch hier die Geister die Stelle des Evangeliums, wo Maria sagt, daß sie von keinem Manne wisse, virum non cognosco. Und der Regel gemäß folgt das warnende Beispiel der von Jupiter verführten und dafür von Diana schrecklich gestraften Nymphe Callisto.

Fegefeuer - Gesang 26

Das Aufsteigen zum siebenten Kreise hat von zwei Uhr bis zu tiefem Sonnenstande gewährt; die Sonne trifft jetzt die rechte Schulter der Wanderer, die also nach Süden gehen. Dante hat, seit er das zweite Sims verließ, den vierten Teil des Bergumkreises zurückgelegt; denn damals war sein Gesicht westwärts gerichtet. Daß er hinter Virgil und Statius geht, aus Ehrfurcht, erfahren wir aus V. 16, 17.

Die beiden aneinander vorüberziehenden Sünderheere, von denen das eine "Sodom und Gomorrha", das andere "Pasiphaë" ruft, schärfen durch diese Namen ihren Abscheu vor den Lastern, denen sie im Leben gefrönt haben. Dante vergleicht die beiden Büßerzüge mit zwei Kranichschwärmen, wenn von diesen (was freilich nie geschieht) der eine nach dem Uralgebirge, den riphäischen Bergen, der andere nach Süden übers Meer flöge.

Nachdem Dante den Geistern gesagt hat, daß er weder alt noch jung ("nicht reif noch herbe") gestorben, sondern mit seinen ganzen Ich ("mit mir selber", Körper und Seele) hier sei, erklärt einer der Schatten ihm die Einteilung der Büßer in solche, die dem Laster Sodoms ergeben waren, und in solche, die durch Maßlosigkeit im natürlichen Genusse sich den Tieren gleichstellten und deshalb ihr abschreckendes Exempel in der Pasiphaë, die sich in das Bild einer Kuh verbarg, erkennen. Die Anspielung auf Julius Cäsar bezieht sich auf Suetons Erzählung, daß die Soldaten Cäsars ihm bei seinem Triumphzuge den Spitznamen "Königin" zugerufen hätten, weil er nach der Lästerchronik Roms als Jüngling am Hofe des bithynischen Königs Nikomedes die Rolle des Weibes gespielt habe.

Der redende Geist ist Guido Guinicelli, der nämliche, dessen Dame im 11. Gesange als eines berühmten, aber in seinem Ruhme bedrohten Dichters gedacht hat. Er war Bolognese und Dantes Vorgänger in der Canzonendichtung. Dante empfindet bei der Begegnung mit diesem seinem "Vater in der Poesie", wie die beiden Jünglinge, die, beim König Lykurg von Nemea einkehrend, ihre Mutter Hypsipyle, die der König eben töten wollte, erkannten und ihr weinend um den Hals fielen. Auch er hätte gern den Meister umarmt, wenn das Feuer es zugelassen hätte. Die "Trauer Lykurgs" heißt es, weil Hypsipyle schuld war, daß sein Sohn ums Leben kam.

Guinicelli lehnt das ihm gespendete Lob ab, auf einen anderen Büßer hinweisend, der größer als alle, größer auch als der gepriesene Limosiner Giraut de Borneil († 1220) sei. Er meint den Provenzalen Arnault Daniel († 1189), den auch Petrarca Gran maestro d'amore nennt, Girauts Ruhm, meint Guido, sei durch das Geschrei Urteilsunfähiger entstanden, ähnlich wie in Italien der Ruhm jenes Guittone, von dem es im 11. Gesange heißt, daß ein anderer Guido ihn verdrängt habe.

Arnault Daniel redet dann selbst mit Dame, und zwar in provenzalischer Sprache. Diesen realistischen Pinselstrich kann die Übersetzung nicht wiedergeben. Man hat freilich auch dies versucht, zum Beispiel durch Benutzung des Mittelhochdeutschen; aber die Wirkung ist ganz verfehlt. Dantes Italienisch und das Provenzalische des Arnault nehmen sich wie zwei Schwestern aus, nicht wie Enkelin und Urahne.

Guinicelli bittet Dante um ein Paternoster, "so viel davon für die Seelen im Fegefeuer not tut"; die Bitte "führe uns nicht in Versuchung" ist, wie wir schon früher gehört haben, für sie überflüssig.

Fegefeuer - Gesang 27

Ähnlich wie im 2. Gesange wird die Zeit bestimmt. Die Annahme ist, dat Jerusalem 90 Grade westlich von Indien, ebensoweit östlich von Spanien und dem Fegefeuer antipodisch liegt. Wenn also in Jerusalem die Sonne aufgeht, ist in Indien Mittag, in Spanien Mitternacht, auf dem Berge des Fegefeuers Sonnenuntergang.

Um diese Stunde erreichen die drei Wanderer die Grenze zwischen dem Fegefeuer und dem irdischen Paradiese, die aus einem Feuerwall besteht. Dante, halbtot ob des feurigen Weges, lebt bei dem Namen Beatrix wieder auf, wie Pyramus unter dem verhängnisvollen Maulbeerbaume, dessen Früchte von seinem Blute rot wurden, die sterbenden Augen aufschlug, als er Thisbes Stimme vernahm. Sie steigen den letzten Hang hinan, gen Osten gerichtet, denn Dantes Körper nimmt vor seinen Füßen den Strahl der untergehenden Sonne hinweg. Der erste Aufstieg geschah westwärts; der halbe Berg ist also jetzt umkreist.

Auf der letzten Stiege wird übernachtet. Dante sieht im Traume Lea, die ihm von ihrer Schwester Rahel singt. Lea ist in der kirchlichen Symbolik die werktätige, Rahel die beschauliche Heiligkeit. Sie bedeuten die beiden Wege zur Seligkeit, an deren Schwelle der Dichter sich befindet, die Ausübung der Liebeswerke, mit denen Lea sich wie mit Blumen schmückt, und das Erkennen des Göttlichen, in dessen Betrachtung Rahel sich versenkt.

Auf dem Gipfel des Berges, wo das irdische Paradies die mit Gott versöhnten Geister empfängt, legt Virgil, seiner menschlichen Beschränktheit gemäß, das Führeramt nieder und entläßt Dante aus seiner Obhut. Einmal entsündigt, braucht der Wille nur den eigenen Eingebungen zu folgen; sie führen sicher zu Gott. Kirche und Obrigkeit, der sündigen Welt unentbehrlich, verlieren ihre Geltung für die ans Ziel Gelangten: Krone und Mitra trägt jeder für sich selbst; kein Kaiser und kein Papst hat ihm mehr zu gebieten. Nach einer anderen Auslegung sind Krone und Mitra der kaiserliche Hauptschmuck allein, der sich allerdings in der Form von den Königskronen durch eine der Bischofsmütze ähnliche Kappe unterschied. Danach würde Virgil Dante nur von jener obrigkeitlichen Gewalt emanzipieren, die auf Erden die Menschheit "nach den Lehren der Philosophie" zum glückseligen Leben zu leiten hat, nicht aber von der Führung der Kirche. Und allerdings erscheint in dem weiteren Verlaufe des Gedichts Dante der letzteren, die in Beatrix sich verkörpert, keineswegs entwachsen.

Fegefeuer - Gesang 28

Die herrliche Waldung des Paradieses wird mit dem berühmten Pinienhain verglichen, der unweit Ravenna den Strand von Chiassi schmückt. Daß das irdische Paradies auf unnahbaren Höhen irgendwo im Osten liege, war die Ansicht der berühmtesten scholastischen Theologen; es unmittelbar mit dem Fegefeuer in Verbindung zu bringen, war Dantes eigener Gedanke. In dem Walde neigen alle Blätter sich nach Osten, gemäß der Annahme, daß die Erdatmosphäre sich in dieser Richtung, von örtlichen Störungen in den unteren Regionen abgesehen, um die unbewegte Erde langsam drehe. Ein Fluß durchströmt den Wald; er biegt das Gras des Ufers nach links hin, fließt mithin nach Norden, da der Dichter, von Westen nach Osten schreitend, den Norden zur linken Hand hat.

Am jenseitigen Ufer erblickt Dante ein Weib, singend, blumenpflückend wie Proserpina, ehe Pluto sie ergriff, schöner blickend, als Venus blickte, da ihr Sohn Amor sie unabsichtlich ("wider seinen Brauch") verwundete, das heißt da sie in Liebe zum Adonis entbrannte; denn unbewußt, wie Ovid erzählt, entzündete Amor diese Glut. Erst im letzten Gesänge des Fegefeuers wird ganz beiläufig der Name der schönen Frau, Mathilde, genannt, und zwar so, als ob Dante ihn schon kenne. Auch hier beim ersten Begegnen scheinen die beiden einander zu kennen; keins fragt nach dem Namen des andren, wie es

Fegefeuer - Gesang 29

Fegefeuer - Gesang 30

Fegefeuer - Gesang 31

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Fegefeuer - Gesang 33

Paradies - Gesang 01

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