Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 01
L. G. Blanc - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 01

Die Herrlichkeit deß, der alles bewegt,
Durchdringt das ganze Weltall, und erglänzt
In einem Theile mehr, anderswo minder.

Im Himmel, der von seinem Licht am meisten
Empfängt, war ich, und sah was, wer von dorten
Herabsteigt, nimmer wieder sagen kann,

Weil, wenn sich nähert seinem höchsten Wunsche
Unser Verstand, er sich so tief versenket,
Daß das Gedächtniß nicht so weit zurückgeht.

Indessen was ich in dem heil'gen Reiche
Als Schatz in meinem Geiste sammeln konnte,
Das soll der Stoff nun sein meines Gesanges.

O freundlicher Apoll, zur letzten Arbeit
Mach' zum Gefäß mich deiner Kraft, wie du's
Verlangst den theuren Lorbeer zu ertheilen.

Bis hierher war ein Gipfel des Parnassus
Ausreichend mir, doch jetzt muß ich mit beiden
Eintreten in die Bahn, die mir noch übrig.

Dring ein in meine Brust, und hauche du,
So wie damals, als du den Marsyas
Aus seiner Glieder Hülle hast gezogen!

Göttliche Kraft! theilst du dich so mir mit,
Daß ich den Schatten nur des heilgen Reichs,
Der mir im Haupt gezeichnet, offenbare,

Sollst du zu dem geliebten Baume mich
Einst kommen sehn, mich krönend mit den Blättern,
Deren der Stoff und du mich würdig machen.

So selten, Vater, wird davon gepflückt
Zu dem Triumph der Kaiser und der Dichter,
(Was Schuld und Schande ist menschlichen Willens),

Daß Freude in dem Heiligthum zu Delphi
Des Peneus Laub billig erzeugen müßte,
Wenn es in wem den Durst nach sich erweckt.

Auf kleine Funken folgt oft große Flamme:
Vielleicht wird denn nach mir, mit bessrer Stimme
Gebet ertönen, das Cirrha erhöre.

Es steigt den Sterblichen aus mehr als einem
Punkte herauf die Leuchte dieser Welt;
Doch da, wo mit vier Kreisen sie drei Kreuze

Bildet, tritt sie mit bessrem Lauf und bessrem
Gestirn verbunden auf, und prägt und bildet
Besser nach ihrer Art das Wachs der Welt.

Schon hatte jenseits Morgen, diesseits Abend
Der Sonnenstand gemacht, daß weiß die eine,
Und schwarz die andre Erdenhälfte war,

Als ich Beatrix sah, die sich gewendet
Nach linkshin hatt' und in die Sonne schaute:
Nie blickt in sie ein Aar jemals so fest.

Und so wie aus dem ersten Strahle pflegt
Ein zweiter zu entstehn und aufzustreben,
Gleich einem Pilger, der da heim will kehren,

So bildete meine Gebärde sich
Nach ihrer, die mein Auge wahrgenommen
Und heftet' auf die Sonne sich mein Blick.

Gar manches ist erlaubt dort unsern Kräften,
Was hier erlaubt nicht wäre, Dank dem Orte,
Der eigens für die Menschen ward geschaffen.

Nicht lang' ertrug ich's, doch auch nicht so wenig,
Daß ich nicht rings es Funken sprühen gesehen,
Wie Eisen kommt geschmolzen aus dem Feuer.

Und plötzlich schien mir Tag zum Tag gefügt,
Gleich als ob der der alles kann den Himmel
Geschmückt mit einer zweiten Sonne hätte.

Beatrix stand, auf jene ew'gen Kreise
Hinschauend, fest, und meine Augen waren
Vom Himmel abgewandt auf sie geheftet.

In ihrem Anblick ward mir so wie Glaukus,
Als er vom Kraut gekostet, das ihn machte
Im Meere zum Genoß der andern Götter.

Das Uebermenschlichwerden kann in Worten
Man nicht ausdrücken, drum genüg' das Beispiel
Dem, welchem Gnade die Erfahrung aufspart.

War nur von mir zugegen was zuletzt du
Geschaffen, Liebe, die den Himmel lenkt?
Du weißt es, die mit deinem Licht mich hobest,

Als jene Himmelskreisung, die durch dich
Verewigt wird, durch ihre Harmonie,
Die du regierest, ganz mich auf sich zog.

Da schien mir von der Sonne Flamm' entzündet
Ein solcher Raum des Himmels, daß nicht Regen
Noch Ströme solchen See jemals gebildet.

Der Töne Neuheit und das große Licht
Entzündeten mit nie empfundner Schärfe
Den Wunsch in mir nach ihrem Grund zu forschen.

Drob sie die mich wie ich mich selbst anschaute,
Um den bewegten Geist mir zu beruh'gen
Den Mund aufthat, eh' ich zur Frag' es that.

Und sie begann: Du stumpfest selbst den Geist ab
Durch falsche Einbildung, daß du nicht siehst
Was klar dir wäre, würfest du sie ab.

Du bist nicht auf der Erde, wie du wähnest,
Und nie, den eignen Ort verlassend, stürzte
Ein Blitz so schnell hinab als du empor eilst.

War ich von meinem ersten Zweifel nun
Durch ihre lächelnd kurzen Wort' entkleidet,
Fand ich von einem zweiten mich umgarnt,

Und sprach: Wohl bin ich über großes Staunen
Beruhiget, doch jetzt muß ich bewundern,
Wie diese leichten Körper ich durchschreite.

Drob sie nach einem frommen Seufzer wandte
Zu mir die Augen, mit dem Ausdruck wie
Die Mutter auf den irren Sohn hinschaut,

Und sie begann: Es sind die Dinge alle
Durch ein Gesetz verbunden, und die Ordnung
Ist's die das Weltall Gotte ähnlich macht.

Darin erkennen alle höhern Geister
Die Spur der ew'gen Macht, welche das Ziel ist,
Auf welches obiges Gesetz gerichtet.

Und dieser Ordnung unterworfen sind
Alle Geschöpfe, je nachdem sie näher
Oder entfernter sind von ihrem Ursprung.

Darum bewegen durch das große Meer
Des Seins sie nach verschiednen Häfen sich,
Kraft des Instinkts, der jeglichem verliehen.

Er ist es, der das Feuer hebt zum Monde,
Er ist Beweger aller Menschenherzen,
Er eint und festiget die Erd' in sich.

Und dieser Bogen trifft nicht bloß die Wesen,
Die fern sind von Erkenntniß, sondern auch
Die mit Verstand und Liebe sind begabt.

Die Vorsehung, welche so viel geordnet,
Beruhiget mit ihrem Licht den Himmel,
In welchem kreiset, der die größte Eil hat.

Zu diesem, als zu dem bestimmten Sitze,
Trägt uns dahin die Kraft jetzt jenes Bogens,
Der was er sendet führt zu heitrem Ziele.

Wahr ist's, daß wie den Absichten des Künstlers
Zuweilen wohl der Stoff nicht ganz entspricht,
Weil die Substanz dem Ruf nicht folgen kann:

Also entfernt von diesem Lauf zuweilen
Sich das Geschöpf, welchem die Macht gegeben
Gegen den Trieb sich sonst wohin zu wenden,

Wenn durch täuschende Lust hinab zur Erde
Der erste Antrieb wird gelockt, so wie
Man Feuer aus der Wolke fallen sieht.

Nun darfst du, mein' ich, nicht erstaunen mehr
Ueber dein Steigen, als daß sich ein Strom
Von einem hohen Berge abwärts senket.

Ein Wunder wär's an dir, wenn du befreit
Von Hindernissen unten wärst geblieben,
Wie wenn lebend'ges Feuer blieb' am Boden.

Drauf wandte wieder sie den Blick zum Himmel.


Gesang 02

O ihr, die ihr in kleinem Kahne seid
Gefolget meinem Schiffe voll Begierde
Zu hören, das da mit Gesang einherzieht,

Wendet zurück euch zu den heim'schen Ufern,
Begebt euch nicht auf's hohe Meer, denn leicht
Verliert ihr mich, bliebt ihr verirrt zurück.

Nie ward das Meer durchschifft das ich befahre;
Minerva haucht, es führet mich Apollo
Und alle Musen zeigen mir den Nordstern.

Ihr andern wenigen, die ihr bei Zeiten
Euch zu dem Engelsbrod gewandt, von welchem
Man hier wohl lebt, doch nie gesättigt wird,

Ihr möget immerhin ins hohe Meer
Eu'r Schifflein treiben, meiner Furche folgend,
Bevor zu glattem Wasser sie geworden.

Jene glorreichen, die nach Colchis zogen,
Sie staunten nicht so sehr als ihr es werdet,
Als sie den Jason sahn zum Pflüger werden.

Es trug der anerschaffene und ew'ge
Durst nach dem gotterfüllten Reiche uns
So schnell, wie sich die Himmel drehn dahin.

Beatrix schaut' empor und ich auf sie.
Und kaum in so viel Zeit, als braucht ein Bolzen
Zum Fliegen, Treffen und vom Schloß sich lösen,

Sah ich mich angelangt, wo Wunderbares
Mich ganz auf sich zog; weshalb jene, der
Meine Bewegung nicht verborgen blieb,

Zu mir gewandt so schön als heiter sprach:
Richte den Geist mit Dank auf Gott, der uns
Mit diesem ersten Stern verbunden hat!

Mir schien's, als ob uns eine Wolke deckte,
Die dicht und fest und also glänzend wäre,
Wie ein Demant bestrahlet von der Sonne.

Es nahm in sich die ew'ge Perl' uns auf,
So wie das Wasser einen Strahl des Lichts
Aufnimmt, und ungetrennt in sich doch bleibt.

War ich im Leib? Und hier begreift man nicht,
Wie eine Ausdehnung die andre dulde,
Was doch sein muß, tritt Körper ein im Körper:

So sollte dies den Wunsch noch mehr entzünden,
Nach jener Wesenheit, an der man sieht
Wie unsere Natur und Gott sich einten.

Dort wird man schaun was wir im Glauben halten,
Bewiesen nicht, doch an sich selbst erkannt,
Wie jede erste Wahrheit die der Mensch glaubt.

Hierauf erwidert' ich: Herrin, so fromm
Als ich nur immer kann sag' ich Dem Dank,
Der von der Menschen Welt mich hat entfernt.

Doch saget mir, was sind die dunkeln Flecke
An diesem Körper, die auf Erden manchen
Zu schwatzen von Caïn den Anlaß geben?

Sie lächelte ein wenig und drauf: Wenn
Der Menschen Meinung irret, da wo ihr
Der Sinne Schlüssel Wahrheit nicht erschließt,

So sollten wahrlich der Verwundrung Pfeile
Dich jetzt nicht treffen, wo du siehst, wie wenig
Den Sinnen folgend die Vernunft vermag.

Doch sage mir was selbst du davon denkest.
Und ich: Was uns hier oben bunt erscheint,
Das kommt von dichtren und von dünnren Körpern.

Und sie: In Irthum wirst du deine Meinung
Versunken sehn, wenn du recht hören willst,
Was ich an Gründen dir entgegenstelle.

Der achte Himmel zeigt uns viele Lichter,
Welche sowohl an Umfang als an Farbe
Von ganz verschiednem Ansehn sich erweisen.

Wenn Dicht und Locker das bewirkten, wäre
Nur Eine Eigenschaft allein in allen,
Ungleich vertheilt in einen, gleich in andern.

Verschiedne Kräfte sind nothwendig Früchte
Von Grundverschiedenheiten, und sie alle
Wären nach dir zerstört, bis auf die Eine.

Wo ferner Dünn der Grund wär' jenes Dunkeln,
Wonach du fragst, so wär' an ein'gen Stellen
Dieser Planet entweder durch und durch

Des Stoffes baar, oder wie Fett und Mager
In einem Körper sich vertheilen, so
Würde auch dieser seine Blätter wechseln.

Wäre das Erste, so müßt' es sich zeigen
Bei Sonnenfinsternissen, weil das Licht
Durchdringen müßte wie durch andres Dünne.

So ist es nicht. Darum ist zu betrachten
Das Andre nun; und wenn ich's widerlege,
Ist deine Meinung dann als falsch erwiesen.

Wenn also dieses Dünn nicht ganz durchgeht,
So muß sich eine Grenze finden, wo
Sein Gegentheil das Licht nicht weiter durchläßt,

Von wo der Lichtstrahl wird zurückgeworfen,
So wie die Farbe von dem Glas zurückkehrt,
Das hinter sich mit Blei ist überzogen.

Nun wirst du sagen, daß der Strahl sich dunkler
An dieser Stelle zeiget als an andern,
Weil er von weiter hinten hier zurückstrahlt.

Von diesem Einwurf kann dich die Erfahrung
(Die Quelle aller Ströme eurer Kunst)
Befreien, so du jemals sie willst machen.

Wenn du drei Spiegel nimmst, und zwei davon
Gleich weit von dir entfernt, den dritten weiter
Aufstellst, so daß dein Aug' zwischen den ersten;

Und sie anschauend hinter deinem Rücken
Ein Licht aufstellst, das alle drei erleuchte,
Von allen auch rückstrahlend zu dir kehre,

So wirst du sehen, wie auf gleiche Weise
Das Bild in allen glänzt, wenn das entfernte
Die andern auch an Größe nicht erreicht.

Wie bei der heißen Strahlen Stich vom Schnee,
Und von der frühern Farb' und Frost der Boden
Entblößt zurückebleibt, so will ich dich,

Der du im Geist vom Irthum bist befreit,
Mit so lebhaftem Lichte jetzt erleuchten,
Daß es vor deinen Augen funkeln soll.

Im Schooß des Himmels des göttlichen Friedens
Bewegt ein Körper sich, in dessen Kraft
Das Sein von allem ruht, was er umschließt.

Der folgende, der so viel Augen hat,
Vertheilt dies Sein an die verschiednen Wesen
Die er enthält, wenn auch getrennt von ihm.

Die andern Himmelskreise brauchen dann
Zu ihren Zwecken und zu ihrer Aussaat,
Was Eigenthümliches sie in sich haben.

Es stufen diese Werkzeuge der Welt
Sich, wie du siehest, also ab, daß sie
Von oben nehmen und nach unten wirken.

Gieb jetzt wohl Acht auf mich, wie ich fortschreite,
Von diesem Punkt zur Wahrheit, die du wünschest,
Daß künftig du den Ausweg selber findest!

So wie des Hammers Kunstwerk von dem Schmiede,
So muß Kraft und Bewegung dieser Kreise
Von ihren seligen Bewegern ausgehn.

Und jener Himmel, der mit so viel Lichtern
Prangt, nimmt vom tiefen Geist, der ihn bewegt,
Das Bild an, und dient wieder dann als Siegel.

Und wie in eurem Staube sich die Seele
Vertheilt in die verschiednen Glieder, die
Zu mannigfalt'ger Wirkung sind gebildet,

So breitet auch vielfältig seine Kraft
Durch alle Sterne jener hohe Geist,
Indem er selbst in seiner Einheit bleibet.

Verschiedne Kraft bildet verschiedne Mischung
Mit dem von ihr beseelten edlen Körper,
In dem sie wohnet, wie in euch das Leben.

Und ihrem heitren Ursprunge gemäß
Strahlt die gemischte Kraft nun aus dem Körper,
Wie Freude aus lebend'gem Augenstern.

Aus dieser Mischung, nicht von Dicht und Locker,
Entsteht jene Verschiedenheit des Lichtes.
Sie ist das Grundprincip, das da hervorbringt,

Der Kraft gemäß, das Trübe und das Helle.


Gesang 03

Die Sonne, die mit Lieb' erst mich erwärmt,
Hatte das Antlitz schöner Wahrheit mir
Durch Widerlegung und Beweis enthüllt.

Und ich, um überzeugt nun und gewiß
Mich zu bekennen, hatte schon das Haupt
Zur Antwort, wie es schicklich war, erhoben,

Als etwas mir erschien, das mich so gänzlich,
Um's recht zu sehen, auf sich zog, daß ich
Darüber mein Bekenntniß ganz vergaß.

So wie aus reinem und durchsicht'gem Glase,
Oder aus klarem, ruhigem Gewässer,
Daß nicht so tief, daß dunkel sei der Boden,

Die Züge unsres Bilds zurückstrahlen,
So schwach jedoch, daß leichter eine Perle
Auf weißer Stirn in unserm Aug' erglänzt:

So sah Gesichter ich bereit zu sprechen;
Drob mich ein Irthum dem entgegen faßte,
Der Lieb' einst weckte zwischen Mensch und Quelle.

Kaum hatt' ich wahrgenommen sie, so wandt' ich,
Da ich für Spiegelbilder sie gehalten,
Die Augen, um zu sehn, von wem sie kämen.

Da sah ich nichts, und wandte vorwärts sie
Grad' in das Licht der holden Führerin,
Die lächelnd in den heil'gen Augen glühte.

Wundre dich nicht, sprach sie, weshalb ich lächle
Ueber die kindische Einbildung, da
Dein Fuß der Wahrheit noch nicht ganz vertraut,

Vielmehr, so wie er pflegt, dich irre führt,
Denn wahre Wesen sind es die du schauest,
Wegen Gelübdes Bruch hierher verwiesen.

Drum sprich mit ihnen, höre sie und glaube,
Daß das wahrhaft'ge Licht, das sie beseligt,
Sie keinen Schritt von ihm sich läßt entfernen.

Ich wandte mich zum Schatten, der da zeigte
Die meiste Lust zu sprechen, und begann
Gleich einem, den die Ungeduld verzehrt:

O wohl erschaffner Geist, der in den Strahlen
Der ew'gen Liebe jene Wonn' empfindet,
Die nicht gekostet, nie begriffen wird;

Lieb wird mir's sein, wenn du mit deinem Namen
Und deines Schicksals Kenntniß mich erfreust.
Drob willig sie und mit lächelnden Augen:

Gerechtem Wunsche schließet unsre Liebe
Niemals das Thor, nicht mehr als jene Liebe,
Die ihren ganzen Hof sich ähnlich sehn will.

Als Klosterjungfrau lebt' ich in der Welt einst,
Und wenn du dein Gedächtniß recht erforschest,
Wird, daß ich schöner bin, mich dir nicht bergen.

Du wirst vielmehr erkennen. daß Piccarda
Ich bin, die hier mit diesen andern Seelen
In dieser trägsten Sphär' ich selig bin.

All' unsre Wünsche, die entflammet, um
Dem heil'gen Geiste zu gefallen, jauchzen,
Daß wir zu seinem Orden sind gebildet.

Und dieses Loos, das wohl so niedrig scheint,
Ward uns bestimmt, weil unsere Gelübde
Zum Theil verletzt und unerfüllt geblieben.

Drob ich zu ihr: In euren Angesichtern
Erglänzt ich weiß nicht was, doch göttliches,
Das euer frühres Bild in uns verwandelt.

Drum war ich nicht so rasch mich zu erinnern;
Doch jetzt hilft das mir was du mir gesagt,
Daß leichter ich jetzt wieder dich erkenne.

Doch sage mir: Ihr, die ihr selig hier,
Wünscht ihr wohl einen höhern Ort, um mehr
Zu schaun und Gott befreundeter zu werden?

Erst lächelte sie mit den andern Schatten
Ein wenig, dann sprach sie zu mir so heiter,
Als glänzte sie im ersten Liebesfeuer:

Mein Bruder, es befriedigt unsern Willen
Der Liebe Macht, die uns nur wünschen läßt
Was unser ist, und andern Durst nicht wecket.

Wenn höher wir hinauf zu kommen wünschten,
So stritten unsre Wünsche mit dem Willen
Dessen, der uns hierher gewiesen hat.

Das aber, wirst du sehn, kann nicht stattfinden
In diesem Kreis, wo Liebe nur darf herrschen,
Wenn du des Orts Natur dir recht betrachtest;

Vielmehr gehört zu diesem sel'gen Sein
Notwendig, daß man bleib' in Gottes Willen,
Und alle Willen so zu Einem werden,

So daß, wie wir von Stufe sind zu Stufe
In diesem Reich, dem ganzen Reich gefällt
Wie dem, der uns mit Lust zu ihm erfüllt.

In seinem Willen ruhet unser Friede;
Er ist das Meer, zu dem sich alles zieht,
Was er geschaffen und was die Natur macht.

Da ward mir klar, wie überall im Himmel
Es Paradies ist; ob des Höchsten Gnade
Auch nicht auf gleiche Weise hier hinabströmt.

Doch wie es wohl geschieht, wenn eine Speise
Uns sättigt und der Wunsch nach andrer bleibt,
Man diese dann begehrt, für jene danket:

So that auch ich mit Worten und Gebärden,
Um zu erfahren, welch Geweb' es war,
Das mit dem Webschiff sie nicht ausgeführt.

Vollkommnes Leben und hohes Verdienst
Erhebt ein Weib zum Himmel, deren Regel
Kleidung und Schleier in der Welt bestimmt,

Damit man bis zum Tode wach' und schlafe
Mit dem Gemahl, der jeden Wunsch annimmt,
Den Liebe bildet nach seinem Gefallen.

Ich floh jung aus der Welt, um ihr zu folgen,
Hüllte mich in ihr Kleid, und ich gelobte,
Den Weg zu wandeln, den sie vorgeschrieben.

Doch Männer mehr des Bösen als des Guten
Gewohnt, entrissen mich dem süßen Kloster,
Und Gott weiß wie mein Leben drauf beschaffen.

Und jener andre Glanz, der sich dir zeiget
Zu meiner rechten Seit' und ist entzündet
Vom ganzen Lichte dieser unsrer Sphäre,

Versteht von sich was ich von mir dir sagte.
Auch sie war Nonn' und auch ihr ward vom Haupte
Der heil'gen Binden Schatten so geraubt.

Doch ob sie auch zur Welt ohn' ihren Willen
Und gegen guten Brauch zurückgeführt ward,
Löste sie dennoch nie des Herzens Schleier.

Constanzens Licht, der großen, ist das hier,
Die mit dem zweiten Sturmwind, der aus Schwaben,
Den dritten und die letzte Macht erzeugte.

So sprach zu mir sie und begann zu singen
Ave Maria, und singend entschwand sie,
So wie in tiefes Wasser Schweres sinkt.

Mein Auge, das so lange sie verfolgte
Als möglich war, nachdem es sie verloren,
Wandte zum höchsten Ziel sich seiner Sehnsucht

Und richtete sich ganz auf Beatrice.
Doch diese blitzte so in meine Augen,
Daß es zuerst die Sehkraft nicht ertrug,

Was säumiger mich machte sie zu fragen.


Gesang 04

Es stürbe wohl der freie Mensch vor Hunger,
Eh' von gleich lockenden und gleich entfernten
Speisen, die eine er zum Munde führte;

So stände wohl mit gleicher Furcht ein Lamm
Zwischen den Gieren zweier Wölfe, so
Stände ein Hund wohl zwischen zweien Rehen:

Weshalb ich mich nicht tadle wenn ich schwieg,
Gleich stark getrieben von verschiednen Zweifeln,
Da es nothwendig war, noch will ich's loben.

Ich schwieg, doch war mir auf dem Angesicht
Der Wunsch gemalt und auch zugleich die Frage,
Viel dringender als durch bestimmte Rede.

Es that Beatrix was einst Daniel that,
Um des Nebukadnezars Zorn zu stillen,
Der ungerechter Weis' ihn grausam machte.

Ich sehe wohl, sprach sie, daß mehr als Ein Wunsch
Dich innerlich bewegt, so daß der Zweifel
Dich also bindet, daß er nicht hervorbricht.

Du urtheilst so: Bleibt nur der gute Wille,
Aus welchem Grunde kann fremde Gewalt
Das Maaß meines Verdienstes mir verringern?

Noch giebt zu Zweifeln dir Veranlassung
Der Schein, als ob die Seele wiederkehre,
Nach Plato's Meinung, zu den Sternen hier.

Das sind die Fragen, die auf deinen Geist
In gleicher Weise lasten, und drum will ich
Zuerst behandeln die am meisten Gift hat.

Der von den Seraphim, der sich am meisten
In Gott versenkt, Moses und Samuel,
Beide Johannes, ja Maria selbst,

In keinem andern Himmel ist ihr Sitz,
Als wo die Geister sind, die dir erschienen,
Und ihr Verweilen ist von gleicher Dauer.

Den ersten Umkreis schmücken all' und haben,
Wenn auch verschieden, sel'ges Leben, weil
Den ew'gen Hauch verschieden sie empfinden.

Sie zeigen hier sich, nicht weil diese Sphäre
Für sie bestimmt, sondern zum Zeichen, daß
Die niedrigste im Himmel sie besitzen.

So ziemt es sich zu eurem Geist zu reden,
Weil er nur durch die Sinne kann erfassen,
Worauf dann später er sein Denken richtet.

Deshalb läßt sich die heil'ge Schrift herab
Zu eurer Fassungskraft, und spricht von Füßen
Und Händen Gottes, und meint andres doch.

Drum stellt euch dar mit Menschenangesicht
Die heil'ge Kirche Michel, Gabriel,
Und den auch der einst den Tobias heilte.

Was nun Timäus von den Seelen ausspricht,
Ist dem nicht ähnlich was man hier gewahrt,
Weil er zu glauben scheint das was er sagt.

Er sagt: Die Seele kehrt zu ihrem Sterne,
Weil er von dort sie glaubt herabgekommen,
Als die Natur sie zum Beseelen sandte.

Vielleicht war seine Meinung eine andre,
Als wie die Worte klingen, und sie könnten
Etwas bedeuten, was nicht Spott verdient.

Meint er, es komme diesen Kreisen zu
Ihres Einflusses Ehre oder Tadel,
Dann trifft sein Bogen ein'ge Wahrheit wohl.

Und dieser Grundsatz, falsch verstanden, hat
Die ganze Welt verführt, daß sie die Sterne
Merkur und Mars und Jupiter genannt.

Der andre Zweifel, der dich noch bewegt,
Hat wen'ger Gift, weil seine Tücke nicht
Anders wohin von mir dich führen könnte.

Daß ungerecht unsre Gerechtigkeit
Den Sterblichen erscheint, ist ein Beweis
Des Glaubens und nicht ketzerischer Bosheit.

Indessen da euer Verstand ganz wohl
Vermag zu dieser Wahrheit vorzudringen,
Will ich, wie du es wünschest, dich befried'gen.

Besteht Gewalt darin, daß wer da leidet,
Nichts beiträgt zur Gewalt, die ihm geschieht,
So waren jene nicht dadurch entschuldigt;

Denn wider Willen wird kein Will' erstickt,
Er macht's vielmehr wie die Natur am Feuer,
Ob tausendmal Gewalt es niederdrückt.

Beugt aber er viel oder wenig sich,
So folgt er der Gewalt; so thaten diese,
Da sie zum heil'gen Ort heimkehren konnten.

Denn wär' ihr Wille ungebrochen blieben,
Wie der der Lorenz auf dem Roste hielt,
Und gegen seine Hand ließ Mutius wüthen,

So hätt' er sie, sobald sie frei geworden,
Zurück geführt, von wo man sie entrissen.
Doch solch ein fester Wille ist zu selten.

Und damit ist, hast meine Worte du
Recht aufgefaßt, der Einwand widerlegt,
Der dich sonst oftmals noch gepeinigt hätte.

Doch bietet eine andre Schwierigkeit
Sich dir jetzt dar, die du von selbst zu lösen
Dir nicht vermagst, eh' würdest du ermatten.

Ich hab' es als gewiß dir eingeprägt,
Daß eine sel'ge Seele nicht kann lügen,
Weil sie der ew'gen Wahrheit stets ist nahe.

Und von Piccarda hörtest du: Constanze
Habe bewahrt die Liebe zu dem Schleier,
So daß sie mir hier scheint zu widersprechen.

Gar oft hat sich's schon zugetragen, Bruder,
Daß, um Gefahr zu fliehn, man wider Willen
Etwas begonnen. was sich nicht geziemte;

Wie Alkmäon, der auf des Vaters Bitte
Die eigne Mutter einstmals tödtete,
Um Liebe zu bewahren lieblos wurde.

An diesen Punkt will ich daß du jetzt denkest,
Daß oft Gewalt sich mit dem Willen mischend
Sünden erzeugt, die nicht sind zu entschuld'gen.

Es will der Will' an sich den Schaden nicht,
Doch giebt er nach, insofern als er fürchtet
Durch Weigrung größern Schaden zu erzeugen.

Drum wenn Piccarda jenes ausgesprochen,
So meint den Willen sie an sich, und ich
Den andern, so daß beide wahr wir sprachen.

So klang das Wallen jenes heil'gen Stromes,
Der aus dem Quelle aller Wahrheit abfließt,
Und so befriedigt' er mir beide Wünsche.

O göttliche Geliebte, sprach ich drauf,
Des ersten Liebenden, du deren Rede
Mich überfluthend wärmet und belebt,

So tief ist meine Liebe nicht, daß ich
Für deine Gnade Dank zu sagen wüßte;
Doch der da weiß und kann, entgelt' es dir.

Ich sehe wohl, daß unser Geist sich nie
Ersättigt, wenn ihm nicht die Wahrheit leuchtet,
Die keine Wahrheit zuläßt über sich.

Hat er erfaßt sie, und er kann sie fassen
(Wo nicht, so wäre jeder Wunsch vergebens),
Ruht wie ein Wild im Lager er darin.

Drum sproßt am Fuß der Wahrheit stets der Zweifel
Gleich einem Wurzelsproß, und also treibt er
Von einer Höh' zur andern uns zum Gipfel.

Dies ladet ein mich und ermuthigt mich
Mit Ehrfurcht, Herrin, euch annoch zu fragen
Nach einer andern Wahrheit, die mir dunkel:

Ich wüßte gern, ob man ersetzen kann
Gelübde unerfüllt, durch andres Gut,
Das nicht zu leicht in eurer Wag' erschiene.

Es sah Beatrix mich mit Augen an
So voller Liebesfunken und so göttlich,
Daß meine Sehkraft überwunden ward,

Und fast geblendet ich die Augen senkte.


Gesang 05

Wenn ich in Liebesgluth dir so erglänze,
Wie man auf Erden niemals es erblickt,
So daß ich deine Sehkraft überwinde,

So wundre dich deß nicht, denn das ist Folge
Vollkommnen Schauens, das, wie es erkennt,
So auch nachher im Guten weiter schreitet.

Wohl seh' ich, wie in deinem Geiste schon
Das ew'ge Licht erglänzt, das wenn man es
Auch nur gesehn, nothwendig Lieb' entzündet.

Und wenn sonst was verlocket eure Liebe,
So ist's nur, weil auch darin eine Spur,
Wenn auch verkannt, des ew'gen Lichtes leuchtet.

Du möchtest wissen, ob mit andern Dingen
Man leisten kann für unerfüllt Gelübde
So viel Ersatz, daß sicher sei die Seele.

Also begann diesen Gesang Beatrix,
Und so wie wer die Rede nicht zerstückelt,
Fuhr sie im heiligen Beginnen fort.

Die größte Gabe, die mit seiner Güte
Am meisten stimmt, und er am höchsten schätzt,
Hat bei der Schöpfung Gott aus Liebesfülle

Verliehen, und das ist des Willens Freiheit,
Womit alle vernünftigen Geschöpfe,
Und sie allein nur, ausgestattet wurden.

Nun wird, so weiter du daraus willst schließen,
Dir des Gelübdes hoher Werth erscheinen,
Ist's so, daß Gott, was du gelobt, auch billigt.

Denn beim Vertrage zwischen Gott und Menschen
Wird jener Schatz, wie ich ihn schilderte,
Geopfert, und aus eigner Kraft des Willens.

Was kann es für Ersatz also wohl geben?
Meinst gut du anzuwenden was du aufgiebst,
So heißt das wohlthun mit geraubtem Gute.

Du bist des schwersten Punktes nun gewiß.
Indeß da doch Dispens die Kirch' ertheilet,
Was dem entgegen, was ich dir enthüllet,

Mußt an dem Tische du noch sitzen bleiben,
Weil, was an schwerer Speise du genossen,
Noch ein'ge Hülfe zur Verdauung fordert.

Oeffne den Geist dem, was ich dir verkünde,
Und halt' es fest, denn ohne das Behalten
Entsteht nicht Wissenschaft durch bloßes Hören.

Zwei Dinge sind zu dieses Opfers Wesen
Nothwendig; eines ist der Gegenstand
Jedes Gelübdes, der Vertrag das andre.

Der letzte kann allein nur durch Erfüllung
Gelöset werden, und in dieser Hinsicht
War meine Rede so bestimmt vorhin.

Drum war das Opfern selbst stets den Hebräern
Zur Pflicht gemacht, obwohl sie ein'ge Opfer
Vertauschen konnten, wie du wissen mußt.

Das andre, das als Gegenstand des Opfers
Ich dir genannt, kann so sein, daß man wohl
Nicht irrt, wenn man mit anderm es vertauschet.

Doch möge keiner seiner Schulter Last
Nach eigenem Ermessen wechseln, ohne
Des weißen und des gelben Schlüssels Drehung.

Drum sollst du jeden Tausch vermessen achten,
Wenn was du aufgiebst, in dem Uebernommnen
Nicht wie die Vier in Sechs enthalten ist.

Drum kann, was also wiegt nach seinem Werthe,
Daß es jedwede Wage niederdrückt,
Durch andres Opfer nie ersetzet werden.

Nicht mit Gelübden scherzt, ihr Sterblichen!
Erfüllet sie! doch seid nicht blind dabei,
Wie Jephta war mit seinem ersten Opfer,

Der lieber sagen sollte: Ich that übel
Als schlimmres thun durch Halten seines Wortes.
Wie thöricht that der große Fürst der Griechen,

Drob ihre Schönheit Iphigenia
Beweint' und weinen ließ Thoren und Weise,
Die da von solchem Gottesdienste hörten!

Seid, Christen, langsamer euch zu entschließen,
Seid nicht wie Federn leicht bei jedem Winde,
Und glaubt nicht, daß euch jedes Wasser wasche!

Ihr habt das alt' und neue Testament,
Den Hirten auch der Kirche, der euch leitet:
Dran lasset euch zu eurem Heil genügen!

Will böse Lust zu andrem euch verlocken,
Seid Menschen dann und nicht thörichte Schafe,
Daß unter euch der Jud' euch nicht verlache!

Thut's nicht dem Lamme gleich, das seiner Mutter
Milch aufgiebt, und einfältig übermüthig
Auf eigne Hand, nach eigner Lust umherspringt!

So sprach Beatrix, ganz so wie ich's schreibe,
Und wandte dann mit voller Sehnsucht sich
Nach jenem Theil der Welt, der glänzt am meisten.

Ihr Schweigen und ihres Gesichts Verklärung
Geboten Schweigen meinem gier'gen Geiste,
Der neue Fragen schon hielt in Bereitschaft.

Und gleich dem Pfeile, der das Ziel berührt,
Bevor die Sehne noch zur Ruh gekommen,
So flogen zu dem zweiten Reiche wir.

Dort sah ich meine Herrin also heiter,
Als in das Licht sie eintrat jenes Himmels,
Daß der Planet selbst leuchtender davon ward.

Und wenn der Stern sich wandelte und lachte,
Wie ward erst mir, der ich in jeder Weise
So gar verwandelbar bin von Natur.

So wie in einem Fischteich still und klar
Die Fische ziehn nach dem was da hineinfällt,
Sobald sie nur für Nahrung es erachten:

So zogen wohl der Geister mehr als tausend,
Der glänzenden, auf uns zu, und in jedem
Vernahm man: Schau, der mehret unser Lieben!

Und so wie jeglicher sich uns genahet,
Sah man am hellen Glanz, der von ihm ausging,
Wie voller Freude dieser Schatten war.

Denke dir, Leser, wenn, was hier begonnen
Nicht weiter vorwärts schritte, welchen Hunger
Du haben würdest mehr davon zu wissen.

Und selbst wirst du erkennen, wie ich wünschte
Ihr Loos von ihnen selber zu erfahren,
Sobald sie meinen Augen kund geworden.

O glücklich du geborner, dem die Gnade
Zu schaun des ewigen Triumphes Throne
Verliehn, eh' noch der Kriegsdienst abgelaufen!

Vom Licht, das durch den ganzen Himmel leuchtet,
Sind wir entzündet, und drum, wenn du wünschest
Kunde von uns, so sätt'ge dich nach Lust!

So ward von einem dieser frommen Geister
Zu mir gesagt, und von Beatrix: Sprich, sprich,
Und glaub' wie Göttern ihnen zuversichtlich!

Ich sehe wohl wie du dich selber birgst
Im eignen Licht, das aus den Augen strahlet,
Weshalb sie funkeln auch sobald du lächelst;

Doch weiß ich nicht, wer du bist, würd'ge Seele,
Noch warum du die Stufe dieser Sphäre
Einnimmst, die unter fremden Strahl sich birgt.

So sprach ich zu dem Lichte hingewandt,
Das erst mit mir gesprochen, weshalb es
Viel leuchtender noch ward als es zuvor war.

So wie die Sonne, die sich selbst verbirgt
Durch zu viel Licht, sobald die große Hitze
Die Milderung der Dünste hat verzehrt,

So aus vermehrter Freude barg sich mir
Im eignen Strahl die heilige Gestalt,
Und so verhüllt, verhüllt antwortet sie,

Wie es der folgende Gesang wird singen.


Gesang 06

Nachdem den Adler Constantin gewendet
Gegen des Himmels Lauf, der ihm gefolgt
Hinter dem Alten, der Lavinien freite,

Blieb hundert und noch hundert Jahr' und mehr
Der Vogel Gottes an Europa's Grenze,
Den Bergen nah' von dannen er gekommen.

Und unter seiner heil'gen Schwingen Schatten
Beherrschte er die Welt von Hand zu Hand,
Bis wechselnd so er in die meine kam.

Ein Kaiser war ich und bin Justinian,
Der nach der ersten Liebe Willen zog
Das Eitl' und das Zuviel aus den Gesetzen.

Und eh' an dieses Werk ich mich gemacht,
Glaubt' ich, daß nur Eine Natur in Christo
Sei, und begnügte mich mit diesem Glauben;

Doch der gebenedeite Agapetus,
Der Oberhirt war, führte zu dem wahren
Glauben durch seine Worte mich zurück.

Ich glaubt' ihm, und was er mir sagte, seh' ich
Jetzt klar, wie du beim Widerspruch erkennst,
Daß eines wahr, das andre falsch sein muß.

Sobald als mit der Kirch' ich mich bewegte,
Gefiel's aus Gnaden Gott mir einzuflößen
Das hohe Werk, und ganz gab ich mich ihm hin.

Die Waffen übertrug ich Bellisarn,
Mit dem des Himmels Rechte so verbunden,
Daß mir's ein Zeichen war, ich sollte ruhn.

So weit richtet auf deine erste Frage
Sich meine Antwort; doch es zwingt ihr Wesen
Mich, einen Zusatz noch folgen zu lassen,

Damit du sehest, mit wie vielem Rechte
Gegen das heil'ge Zeichen sich erheben,
Wer es sich anmaßt und wer es bekämpft.

Erwäge, wie viel Tugend würdig ihn
Der Ehrfurcht macht, und er begann von der Zeit,
Wo Pallas starb, die Herrschaft ihm zu schaffen.

Du weißt, daß er drei hundert Jahr' und mehr
In Alba blieb, bis daß zuletzt die drei
Um seinetwillen noch mit dreien kämpften.

Du weißt was er gethan mit sieben Kön'gen,
Von dem Sabinerraub bis zur Lucrezia,
Die Nachbarvölker alle rings besiegend.

Du weißt was er, von den erlauchten Römern
Getragen, that gegen Brennus und Pyrrhus
Und gegen andre Fürsten und Senate,

Wodurch Torquatus, und der nach der Locke
Benannte Quintus, Decier und Fabier
Den Ruhm erwarben, dem ich Weihrauch streue.

Er warf den Stolz der Araber darnieder,
Die Hannibal gefolgt über die Felsen
Der Alpen, von wo Po du niedersteigst.

Es triumphirten unter ihm noch jung
Scipio, Pompejus, und bitter erschien er
Dem Hügel, unter welchem du geboren.

Dann, nah' der Zeit, wo Gottes Gnade wollte
Die ganze Welt nach seiner Weis' erheitern,
Ergriff ihn Cäsar mit der Römer Willen.

Und was vom Varus bis zum Rhein er that,
Das haben Saon', Isèr' und Sein' erfahren,
Und jedes Thal das hilft den Rhodän füllen

Was er that, als Ravenna er verlassen
Und übersprang den Rubikon ist so,
Daß Zunge nicht noch Feder folgen können.

Nach Spanien wandt' er seine Schaaren dann,
Stieß auf Durazzo und Pharsalus so,
Daß man am heißen Nil den Schmerz empfand.

Antandros, Simoïs, von wo er herkam,
Sah wieder er, und Hektors Ruhestätte;
Dann brach er auf zu Ptolemäus Unheil.

Drauf stürzt er wie ein Blitz auf Juba sich,
Und wandt' sich dann zu eurem Abendlande,
Wo des Pompejus Tuba noch ertönte.

Was unter'm nächsten Träger er gethan,
Das belfern Brutus, Cassius in der Hölle,
Auch Moden' und Perugia klagen drob.

Die traurige Cleopatra weint noch
Darob, die vor ihm fliehend von der Natter
Den plötzlichen und dunkeln Tod erwählt.

Mit diesem drang er zu dem rothen Ufer,
Mit diesem schafft' der Welt er solchen Frieden,
Daß man dem Janus seinen Tempel schloß.

Doch was der Aar, der mich zum Sprechen antreibt,
Zuvor gethan und noch später thun sollte
Im Reich der Sterblichen, ihm unterworfen,

Das ist dem Schein nach wenig nur und dunkel,
Sieht man ihn in des dritten Cäsars Hand
Mit klarem Auge und mit reiner Liebe.

Denn die Gerechtigkeit, die mich beseelt,
Gewährte ihm, in jenes Cäsars Hand,
Den Ruhm, Genüge seinem Zorn zu thun.

Nun staune über das, was ich dir sage!
Er lief nachher mit Titus, um die Rache
Zu üben für der alten Sünde Rache.

Und als der Zahn des Longobarden feindlich
Die Kirche faßte, kam der große Carl
Siegreich zu Hülf' ihr unter seinen Flügeln.

Urtheilen kannst du über die nun, die ich
Vorhin anklagt' und über ihre Sünden,
Die Ursach sind von allen euren Leiden.

Der stellt dem Kaiserzeichen gelbe Lilien
Entgegen, dem wird's Zeichen der Partei,
Daß schwer zu sagen, wer am meisten sünd'ge.

Es mögen unter anderen Zeichen üben
Die Ghibellinen ihre Künste, denn
Der folgt ihm schlecht, der es vom Rechte trennt.

Nicht mög' der jüngre Carl mit seinen Guelfen
Es niederwerfen; wohl fürcht' er die Klauen,
Die stärkerm Leuen schon das Fell geraubt.

Schon oftmals mußten Kinder weinen über
Die Schuld des Vaters, und man glaube nicht,
Daß für die Lilien Gott sein Wappen tausche.

Es ist der kleine Stern hier ausgestattet
Mit guten Geistern, die thätig gewesen,
Damit sie Ruhm und Ehr' erlangen möchten.

Und wenn so abgelockt die Wünsche steigen
Empor, können der wahren Liebe Strahlen
Nothwendig nicht so lebhaft sich erheben.

Doch unsern Lohn mit dem Verdienst zu messen,
Das bildet einen Theil von unsrer Wonne,
Weil wir ihn kleiner nicht noch größer sehen.

Dadurch erhöht Gottes Gerechtigkeit
Die Lieb' in uns so sehr, daß sie niemals
Zu irgend einem Unrecht sich kann wenden.

So wie verschiedne Stimmen süße Weisen,
So bilden süße Harmonien hier
Auch die verschiednen Stufen unsres Lebens.

Und innerhalb der gegenwärt'gen Perle
Leuchtet das Licht Romeo's, dessen großes
Und schönes Werk übel vergolten ward.

Doch haben nicht gelacht die Provençalen,
Die feindlich ihm; und darum wandelt übel
Wer fremd Verdienst als eignen Schaden achtet.

Vier Töchter hatte Raimund Berengar,
Jed' eine Königin, und das verschafft ihm
Ein fremder und geringer Mann, Romeo.

Nachher bewogen ihn die neid'schen Worte,
Zur Rechenschaft zu ziehen den Gerechten,
Der ihm statt zehn sieben und fünft nachwies.

Drauf ging er dürftig und betagt hinweg.
Und säh' die Welt den Muth, der ihn beseelte,
Als bettelnd er sein Leben fristete,

Sie lobt ihn sehr, sie würde mehr ihn loben.


Gesang 07

Osanna, sanctus Deus Sabaoth,
Superillustrans claritate tua
Felices ignes horm malahoth! *)

Solchen Gesang schien anzustimmen mir
Das Wesen, sich zu seiner Kreisung wendend,
Auf welchem sich ein doppelt Licht verzwiefacht.

Er setzt' sich mit den andern in Bewegung,
Und gleich den schnellsten Funken bargen sie sich
Vor meinem Blick durch plötzliche Entfernung.

Ich war in Zweifel, und sprach zu mir selbst:
Sag' ihr, sprach ich, sag' ihr der Herrin mein,
Die meinen Durst mit süßen Tropfen stillet.

Doch jene Ehrfurcht, die sich meiner ganz
Bemächtigt, hör' ich B und ice nur,
Beugte mein Haupt, wie einem, der in Schlaf fällt.

Nicht lange duldete mich so Beatrix,
Vielmehr anstrahlend mich mit einem Lichte,
Das selbst im Feu'r den Menschen selig machte:

Nach meiner unfehlbaren Meinung macht
Bedenken dir, wie die gerechte Rache
Gerecht gestrafet worden, so begann sie,

Doch diesen Zweifel will ich bald dir lösen.
Hörst du mich an, so werden meine Worte,
Die Gabe großer Lehre dir verleihen.

Weil auch heilsamen Zügel seines Willens
Der Mensch, der nicht geboren, nicht ertrug,
Verdammt' er sich, sein ganz Geschlecht verdammend.

Weshalb in großem Irrthum und in Schwäche
Viele Jahrhunderte die Menschheit lag,
Bis es dem Wort gefiel hinabzusteigen,

Wo durch die That der ew'gen Liebe es
Mit sich zu einer Wesenheit vereinte
Die von Gott abgefallene Natur.

Nun richt' dein Auge du auf was ich sage!
Diese Natur, vereinet mit dem Schöpfer,
Wie sie geschaffen, war sie rein und gut;

Doch ward, durch ihre Schuld vom Paradiese
Verbannet sie, weil sie sich abgewandt
Vom Weg der Wahrheit und von ihrem Leben.

Drum mißt die Strafe, die das Kreuz gereicht,
Man mit der angenommenen Natur,
Ward keine je gerechter angewendet;

Und ungerechter keine wiederum
Sieht man auf die Person, die da gelitten,
In der jene Natur war aufgenommen.

Deshalb hatt' Eine That verschiedne Wirkung.
Derselbe Tod gefiel Gott und den Juden;
Die Erd' erbebt' und auf that sich der Himmel.

Nun darf es dir nicht mehr befremdend scheinen,
Sagt man, daß die gerechte Rache später
Gerächet wurde vom gerechten Richtstuhl.

Doch wie du von Gedanken zu Gedanken
In einem Knoten dich verfängst, seh' ich,
Deß Lösung du mit großer Sehnsucht harrst.

Du sagst: Wohl kann ich was ich hör' erkennen,
Doch dunkel ist mir, warum Gott gewählt
Nur diesen Weg zu unserer Erlösung.

Der Rathschluß, Bruder, lieget tief verborgen
Vor jedes Augen, dessen Geist noch nicht
Die Reise von der Liebe Flamm' empfangen.

Dennoch, weil viel nach diesem Ziel man spähet,
Und wenig unterscheidet, zeig' ich dir,
Weshalb der Weg der würdigste gewesen.

Die Güte Gottes, die jedweden Neid
Von sich entfernt, glüht so in sich von Liebe,
Daß sie die ew'ge Schönheit uns entfaltet.

Was nun von ihr unmittelbar herabträuft,
Bleibt ewiglich, weil das Gepräge, das
Sie aufgedrückt sich nimmermehr verwandelt.

Das was von ihr unmittelbar herabkommt,
Ist gänzlich frei, weil es nicht unterworfen
Dem Einfluß ist später geschaffner Wesen.

Ihr ähnlicher gefällt es ihr auch mehr,
Dieweil die heil'ge Lieb', alles bestrahlend,
Am meisten glänzt in dem was ähnlich ihr.

Mit allen diesen Dingen ist bevorzugt
Das menschliche Geschlecht; doch fehlt ihm Eines,
Sinkt es von seinem Adel gleich herab.

Die Sünd' allein beraubet es der Freiheit,
Und macht der höchsten Güte es unähnlich,
Weshalb es seines Lichts nicht viel empfängt.

Und nie kommt es zu seiner Würde wieder,
Wenn mit gerechten Strafen es nicht heilt
Die Wunde, die ihm böse Lust geschlagen.

Eure Natur, als sie in ihrem Keime
Ganz und durchaus gesündigt, ward beraubt
All dieser Würden, wie des Paradieses.

Und wiederhergestellt konnt' sie nicht werden
Auf keine andre Weise, siehst du's gründlich,
Als nur durch einen dieser beiden Wege:

Daß Gott allein durch seine Güt' erlassen,
Oder der Mensch auch durch sich selbst geleistet
Genugthuung für seiner Thorheit Schuld.

Versenke, um so viel du es vermagst,
Dein Auge in des ew'gen Rathes Abgrund,
Anschließend dich genau an meine Worte!

In seiner Lage konnte nie der Mensch
Genugthun, weil er nie so tief herab
Durch Demuth und Gehorsam steigen konnte,

Als er durch Trotz einst meint' empor zu steigen.
Und das ist nun der Grund, weshalb dem Menschen
Die Selbstgenugthuung war abgeschnitten.

Drum mußte Gott den Menschen wiederherstell'n
Mit seinen Wegen zum vollkommnen Leben,
Mit einem, sag' ich, oder auch mit beiden.

Doch da das Werk am meisten dann geschätzt wird,
Je mehr es von der Herzensgüte zeiget
Dessen, von dem es ausgegangen ist,

Fand es die Güte Gottes, die der Welt
Sich aufprägt, angemessen, euch zu retten
Mit allen Mitteln, die in ihrer Hand.

Und von dem ersten Tag zur letzten Nacht
Sah man niemals, und wird auch niemals sehen,
So hohe Wirkung von den beiden Wegen.

Denn selbst sich gebend hat Gott größre Güte
Gezeigt, damit ihr euch erheben könntet,
Als wenn er bloß von selbst vergeben hätte.

Denn alle andern Mittel g'nügten nicht
Dem Recht, es sei denn, daß sich Gottes Sohn
So weit erniedrigte ein Mensch zu werden.

Doch, um dir jeden Wunsch recht zu erfüllen,
Kehr' ich zurück zu etwas, das ich sagte,
Damit du dort auch sehest so wie ich.

Du sagst: Ich seh die Luft, ich seh das Feuer,
Das Wasser und die Erd' und jede Mischung
Sich bald verderben und nicht lange dauern.

Und diese Dinge sind Geschöpfe doch,
Weshalb, wenn was ich sagte, Wahrheit wäre,
Sie vor'm Verderben ja geschützt sein müßten.

Die Engel, Bruder, und das reine Land,
Worin du bist, kann man geschaffen nennen,
So wie sie sind, in ihrem vollen Sein;

Die Elemente aber, die du nanntest,
Und alle Dinge, die daraus gemacht sind,
Sie sind gebildet durch erschaffne Kraft.

Geschaffen ward der Stoff, den sie besitzen,
Geschaffen ward die Bildungskraft, die sich
In diesen Sternen kreisend um sie dreht.

Der Strahl und die Bewegung dieser heil'gen
Gestirne, zieht aus dem begabten Stoffe
Die Seele jedes Thieres und der Pflanzen.

Doch eure Seele haucht ohne Vermittlung
Die höchste Güte und stößt Lieb' ihr ein
Zu sich, daß sie sich ewig danach sehnen.

Und daraus kannst auf eure Auferstehung
Du schließen auch, wenn du bedenken willst,
Wie euer Fleisch damals gebildet worden

Mit jenem ersten Elternpaar zugleich.


Gesang 08

Es glaubte einst die Welt zu ihren Schaden,
Die schöne Venus, die im dritten Kreise
Sich dreht, flöße thörichte Liebe ein;

Weshalb die Alten in dem alten Irthum
Nicht ihr allein, um Ehr' ihr zu erweisen,
Opfer darbrachten und Gelübde thaten,

Sie ehrten auch Dionen und Cupido,
Jen' als die Mutter, diesen als den Sohn,
Der, wie sie sagten, saß in Dido's Schooß.

Und mit dem Namen der, womit ich anfing,
Belegten sie den Stern, der mit der Sonne
Von hinten bald und bald von vorn liebäugelt.

Wie ich zu ihm emporstieg, merkt' ich nicht;
Doch daß ich in ihm war, bezeugte mir
Die Herrin, die ich schöner sah geworden.

Und wie man in der Flamme einen Funken
Und im Gesang die Stimme unterscheidet,
Wenn eine bleibt, die andre kommt und geht,

So sah in diesem Licht ich andre Leuchten
Mehr oder weniger schnell sich kreisend drehn,
Wohl nach dem Maaße ihres ew'gen Schauens.

Nie stürzten, sichtbar oder nicht, so eilig
Aus kalten Wolken Winde je herab,
Die träg' nicht und behindert dem erschienen,

Der da gesehn, wie die himmlischen Lichter
Auf uns zu eilten, ihre Kreisung lassend,
Begonnen in den hohen Seraphim.

Und hinter denen, die zuerst erschienen,
Erscholl Hosanna, so daß niemals ich
Ohne den Wunsch war wieder es zu hören.

Dann machte einer näher sich an uns
Und sprach allein: Wir alle sind bereit
Zu deinem Wunsch, daß du dich unsrer freust.

Wir drehen mit den Himmelsfürsten uns
In gleicher Kreisung und in gleichem Durste,
Zu denen in der Welt du einst gesprochen:

Ihr die mit Einsicht dreht den dritten Himmel,
Und sind so Lieb' erfüllt, daß dir zu Liebe
Nicht minder süß ein wenig Ruh sein wird.

Nachdem ich ehrfurchtsvoll auf meine Herrin
Das Aug' gerichtet, und mit ihren Blicken
Sie mich zufrieden und gewiß gemacht,

Wandt' ich mich zu dem Lichte, das erboten
So sehr sich hatte und: Wer bist du? war
Mein Wort zu ihm von großer Lieb erfüllt.

O wie sah größer ich und glänzender
Von neuer Wonn' es werden, die hinzukam
Zu seiner Wonne, als ich zu ihm sprach!

Und so beschaffen sprach es: Kurze Zeit nur
War ich auf Erden; wär' es mehr gewesen,
Viel Böses unterbliebe, das geschehn wird.

Es hält dir meine Wonne mich verborgen,
Die mich umstrahlet und die mich verbirgt,
Gleich einem Thier von seiner Seid' umwoben

Du liebtest mich, und hattest Grund dazu;
Denn blieb' ich unten, hätt' ich dir gezeigt
Von meiner Liebe mehr wohl als die Blätter.

Das linke Ufer, das der Rhodan netzet,
Nachdem er mit der Sorgue sich verbunden,
Erwartete zu seiner Zeit als Herrn mich,

So wie die Spitz' Ausoniens, die besetzt ist
Mit Bari, mit Gaët' und mit Catona,
Wo Tronto sich und Verd' ins Meer ergießen.

Es glänzt' auf meiner Stirn die Krone schon
Des Landes, das der Donau Fluth bewässert,
Nachdem die deutschen Ufer sie verlassen.

Und auch das schöne Land, das Rauch oft decket
(Zwischen Pachino und Pelor am Busen,
Der von dem Morgenwind' am meisten leidet)

Nicht von Tipheus, doch von entstehndem Schwefel,
Es hätt' auch seine Könige von mir
Durch Carl und Rudolph stammend noch erwartet,

Wenn schlechte Herrschaft, die da stets erbittert,
Die unterworfnen Völker nicht Palermo
Getrieben hätte Mord und Tod zu rufen.

Und wenn mein Bruder das voraussehn könnte,
So mied' er wohl der Catalonier
Habsücht'ge Armuth, daß sie nicht erbittre.

Denn in der That ist's Noth dafür zu sorgen,
Daß seinem schon beladnen Kahne nicht
Durch ihn und andre größre Last noch komme.

Denn von freigeb'gem Vater karg geboren,
Bedürfte er vor allem solcher Diener,
Die nicht bloß dächten Kisten nur zu füllen.

Dieweil ich glaube, daß die hohe Freude,
Die deine Worte mir, o Herr, einflößen,
Von dir erkannt wird, wie ich selbst sie sehe,

Da wo Anfang und Ende alles Guten,
Ist doppelt lieb sie mir; auch das erfreut mich,
Daß du es siehst. indem in Gott du schauest.

Du hast erfreut mich, mach mir nun auch deutlich,
Da deine Rede Zweifel mir erweckt,
Wie Bittres kann aus süßem Saamen kommen.

So ich zu ihm, und er zu mir: Vermag ich
Wahres zu zeigen dir, wirst deinem Wunsche
Das Antlitz du, den Rücken nicht zukehren.

Das Gut, welches das ganze Reich beseligt,
Das du betrittst, dasselbe macht zur Kraft
In diesen großen Körpern seine Vorsicht.

Und nicht vorausgesehn blos sind die Wesen
In jenem Geiste, der an sich vollkommen,
Nein, auch ihr Sein zugleich mit ihrem Heile.

Deshalb, was immer dieser Bogen sendet,
Es fällt zu vorbestimmtem Zweck herab,
So wie der Pfeil, der auf das Ziel gerichtet.

Wenn das nicht wäre, würde ja der Himmel,
Den du betrittst, nur solche Wirkung üben,
Daß Trümmer sie und nicht Kunstwerke wären.

Das kann nicht sein, wenn nicht die Geister, die
Bewegen diese Sterne, unvollkommen,
Wie der da nicht vollkommen sie geschaffen.

Soll diese Wahrheit dir noch mehr einleuchten?
Und ich: Nicht doch! denn für unmöglich halt' ich's,
Daß die Natur erlahm' in dem was Noth thut.

Drauf wieder er: So sag', wär's für den Menschen
Das schlimmst' auf Erden wär' er Bürger nicht?
Ja wohl, sprach ich und frage nach dem Grund nicht.

Und kann er's sein, lebt man verschiedenartig
Dort unten in verschiednen Aemtern nicht?
Doch nicht, wenn euer Meister recht geschrieben.

So führt er seine Schlüsse bis hierher,
Und schloß also: So müssen denn verschieden
Die Wurzeln eurer Werke gleichfalls sein.

Darum entsteht der ein' als Solon, der
Als Xerxes, als Melchisedek, als der,
Der fliegend durch die Luft den Sohn verlor.

Es drückt die kreisende Natur ihr Siegel
Dem Wachs, dem sterblichen, wohl auf, allein
Sie unterscheidet die Behausung nicht.

Drum trennet schon im Saamen Esau sich
Von Jakob, und statt seines niedern Vaters,
Wird Mars genannt als Vater des Quirinus.

Es schlüge die erzeugete Natur
Wohl stets den Weg ihrer Erzeuger ein,
Wenn Gottes Vorsicht sie nicht überwände.

Was nun war hinter dir, ist vor dir jetzt.
Doch daß, wie ich mich deiner freu', du sehest,
Soll noch ein Zusatz völlig dich bekleiden.

Findet Natur Fortuna feindlich sich,
Schafft sie nur schlechtes Werk, wie jeder Saame,
Der seinen Boden nicht gefunden hat.

Und wenn die Welt dort unten auf den Grund,
Den die Natur gelegt hat, achtete,
Sie würd' ihm folgend wackre Leute haben.

Ihr aber wendet zum geistlichen Stande,
Wer sich das Schwert zu gürten war geboren,
Und macht' zum König den, der pred'gen sollte:

Drum weichet eure Spur vom Weg so ab.


Gesang 09

Nachdem von deinem Carl ich so belehrt,
Schöne Constanz', erzählt er mir den Trug,
Den sein Geschlecht erfahren sollte, doch

Schweig, sprach er, und laß nur die Jahre rollen,
So daß ich nichts kann sagen, als nur dies:
Gerechte Klage folget euren Leiden.

Schon hatte sich des heil'gen Lichtes Seele
Gewandt zur Sonne, die sie ganz erfüllt
Als zu dem Gute, das für alles g'nüget.

O ihr getäuschten und verruchten Seelen,
Die ihr von solchem Gut das Herz abkehret,
Und wendet es zu Eitelkeiten hin!

Und sieh ein anderer von jenen Schimmern
Kam auf uns zu und gab mir zu erkennen
Durch seinen Glanz, er wolle mir gefallen.

Die Augen Beatrice's, die auf mich
Geheftet waren, gaben mir die süße
Gewißheit, daß sie meinem Wunsch beistimmte.

Erfülle bald, o sel'ger Geist, sprach ich,
Mein Wünschen, und gieb den Beweis mir, daß
Abspiegeln sich in dir meine Gedanken.

Weshalb, aus seiner Tiefe, wo er erst
Gesungen, dieser Geist, der mir noch neu war,
Wie wer am Rechtthun Freud' hat, also sprach:

In jenem Theile des ruchlosen Landes
Italien, zwischen Rialto und
Der Brenta und der Piave Quellen, steigt

Ein Hügel, der nur mäßig sich erhebt,
Von welchem eine Fackel einst herabstieg,
Die großen Schaden that der ganzen Gegend.

Aus Einer Wurzel sproßten sie und ich.
Cunizza hieß ich, und erglänzte hier,
Weil dieses Sternes Licht mich überwunden.

Doch üb' ich frohe Nachsicht mit mir selbst
Und meines Schicksals Grund, der mich nicht quälet,
Was euer Pöbel schwer begreifen mag.

Dies glänzende und kostbare Juwel
Von unserm Himmel, das am nächsten mir,
Läßt größern Ruhm zurück; und eh' der stirbt,

Wird das Jahrhundert fünfmal sich erneuen.
Sieh, ob der Mensch nach Trefflichkeit soll streben,
Daß auf das erst' ein andres Leben folge.

Doch das bedenkt das gegenwärt'ge Volk nicht,
Das zwischen Etsch und Tagliamento hauset,
Und ob geschlagen, geht es doch nicht in sich.

Doch bald wird Padova das Wasser färben
Des Sumpfes von Vicenza, weil die Leute
Hartnäckig gegen ihre Pflicht sich sträuben.

Und da, wo Sile und Cagnan sich einen,
Herrscht einer, und geht stolzen Haupts einher,
Für den das Netz bereits gesponnen wird.

Auch Feltro wird den Treubruch ihres Hirten
Beweinen noch, der also scheußlich, daß
Um schlimmren je keiner nach Malta kam.

Es müßte allzuweit der Bottig sein,
Der alles Blut der Ferraresen aufnähm',
Ermüden würde wer es lothweis wöge,

Das dieser fromme Priester opfern wird,
Seiner Partei zu lieb; und solche Gaben,
Sie werden mit den Landessitten stimmen.

Spiegel sind droben, Throne nennt ihr sie,
Worin Gottes Gerichte uns erglänzen,
So daß dergleichen Reden gut uns dünken.

Hier schwieg sie, und sich wieder an die Kreisung,
In der sie früher war, anschließend, zeigte
Sie mir, daß sie zu anderm sich gewendet.

Die andre Wonne, die mir schon bekannt war,
Zeigte mir jetzt einen prachtvollen Anblick,
Wie ein Rubin, auf den die Sonne strahlt.

Die Heiterkeit erzeugt dort oben Glanz,
Wie Lächeln hier; doch unten wird der Schatten
Noch dunkler durch des Geistes Traurigkeit.

Gott siehet alles, und dein Schaun versenkt sich
In ihn, sprach ich, du sel'ger Geist, so daß
Von seinem Willen dir kein Theil verborgen.

Warum befriedigt deine Stimme, die
Den Himmel stets erfreut mit dem Gesang
Der frommen Feuer, die da aus sechs Flügeln

Sich ein Gewand bereiten, meinen Wunsch nicht?
Nicht würd' ich deine Frage erst erwarten,
Durchschaut' ich dich, so wie du mich durchschaust.

Das größte Thal, worin das Wasser sich
Außer dem Meere, das die Erd' umgürtet,
Verbreitet, so begannen seine Worte,

Erstreckt gegen den Lauf der Sonne sich
So weit, zwischen feindseligen Gestaden,
Daß, was erst Horizont, zum Mittagskreis wird.

Uferbewohner dieses Thales war ich,
Zwischen Ebro und Macra, die mit kurzem
Laufe Toscana trennt von Genua.

Fast unter gleichem Auf- und Untergang
Mit meiner Vaterstadt lieget Buggea,
Deß Hafen einst sein Blut erwärmet hat.

Folco ward ich genannt von jenem Volke,
Dem kund mein Name war, und dieser Himmel
Nimmt mein Gepräg' auf, wie ich einst das seine.

Denn mehr als ich entbrannte Dido nicht,
Sichäus und Creusen zum Verdruß,
So lange mir das Haupthaar es erlaubte;

Noch jene Phillis, die da einst getäuscht ward
Von Demophont, noch des Alcäus Enkel,
Als er Jolen in das Herz geschlossen.

Doch hier bereut man nicht, man lächelt nur
Nicht ob des Fehls, den man vergißt, und freut sich
Der Macht, die so geführt und vorgesehn.

Mit Lust betrachtet man allhier die Kunst,
Die solche Wirkung schafft, und sieht die Weisheit,
Womit die obre Welt die untre leitet.

Doch damit alle deine Wünsche dir
Erfüllet werden, die in dir entstanden
In diesem Himmel, muß ich weiter gehn.

Du möchtest wissen, wer in jenem Lichte,
Das hier an meiner Seit' ist, also funkelt,
Gleich einem Sonnenstrahl in reinem Wasser.

So wisse denn, daß darin sich beseligt
Raab, die unsrem Orden zugetheilt,
Im höchsten Maaße seinen Glanz erhöht.

Zu diesem Himmel, den die Schattenspitze
Erreichet eurer Welt, ward sie erhoben
Vor andern Seelen im Triumphzug Christi.

Wohl ziemt' es sich, in irgend einem Himmel
Als Zeichen sie des Siegs zurückzulassen,
Der mit den beiden Händen ward gewonnen,

Weil sie den ersten Ruhm den Josua
Im heil'gen Land' erlangt, begünstigte,
Das wenig ins Gedächtniß kommt dem Papste.

Doch deine Stadt, die Pflanzung dessen, der
Zuerst den Rücken wandte seinem Schöpfer,
Und dessen Neid so viel beweinet wird,

Zeugt und verbreitet die verruchte Blume,
Die irr' geführt die Schafe wie die Lämmer,
Weil sie den Hirten hat zum Wolf gemacht.

Das Evangelium und die großen Lehrer
Werden darob versäumt, die Decretalen
Allein studirt, wie ihre Ränder zeigen.

Darauf bedacht sind Papst und Cardinäle,
Und nicht nach Bethlehem hin geht ihr Denken,
Wo Gabriel die Flügel einst entfaltet.

Jedoch der Vatikan, und andr' erlesne
Theile von Rom, die Grabstätt' einst gewesen
Der Heerschaar, die dem Petrus ist gefolgt,

Sie werden von dem Ehbruch bald befreit.


Gesang 10

Auf seinen Sohn und auf die Liebe blickend,
Die von den beiden ewiglich gehaucht wird,
Hat alles was nur Geist und Aug' erfaßt

Die Macht, die unaussprechliche und erste,
Mit solcher Kunst gemacht, daß, wer es schaut,
Unmöglich ohne Freud' an ihr sein kann.

Erhebe nun mit mir den Blick, o Leser,
Genau zu jenem Ort der Himmelssphären,
Wo zwei Bewegungen einander kreuzen.

Und schon kannst du darin die Kunst bewundern
Des Meisters, der mit Liebe sie umfaßt,
So daß niemals das Aug' er von ihr wendet.

Sieh wie von dort der schiefe Kreis sich abzweigt,
Der die Planeten trägt, um so die Welt,
Die sich nach ihnen sehnet, zu befried'gen.

Und wäre nicht geneiget diese Straße,
Vergeblich wäre viele Kraft im Himmel,
Und fast jedwede hier auf Erden todt.

Und trennten unter größrem oder kleinrem
Winkel sie sich, wär' vieles unvollkommen
Oben und unten in der Weltenordnung.

So bleibe, Leser, nun auf deiner Bank noch
Nachdenkend über was ich vorgespendet,
Willst Freude du vor der Ermüdung haben.

Ich hab' dir vorgelegt, nähre nun selbst dich!
Denn auf sich ziehet meine ganze Sorge
Der Stoff, den zu beschreiben ich begonnen.

Die größte Dienrin der Natur, die da
Die Welt bepräget mit des Himmels Kraft
Und die die Zeit mit ihrem Licht uns mißt,

Verbunden mit dem oberwähnten Theile
Des Himmels, kreiste durch die Schraubenlinien,
In denen täglich früher sie sich zeigt.

Ich war in ihr, doch ward des Steigens ich
So wenig inne, als der Mensch bemerkt
Was ihn des ersten Denkens Kommen anzeigt.

Beatrix ist es ja, die also leitet
Vom Guten zu dem Bessren, also plötzlich,
Daß ihre Wirkung keine Zeit ermißt.

Wie leuchtend mußte sie an sich nicht sein!
Denn wie sie in der Sonne, wo ich war,
Durch Farbe nicht, sondern durch Licht erglänzte,

Das könnt' ich sagen nicht, daß man's begriffe,
Nähm' ich gleich Kunst, Uebung und Geist zu Hülfe;
Doch glauben kann man's und zu schaun es wünschen.

Und kann sich unser Denken nicht erheben
Zu solcher Höhe, ist's kein Wunder nicht,
Da sich kein Aug' erhebt über die Sonne.

Also war hier die vierte Dienerschaft
Des hohen Vaters, der sie ewig sättigt,
Ihr zeigend wie er haucht und wie er zeuget.

Danke, begann jetzt Beatrix, o danke
Der Engel Sonne, welche dich zu diesem
Sterne durch ihre Gnade hat erhoben.

Nie war ein sterblich Herz wohl je zur Andacht
Also geneigt, und Gott sich zu ergeben
So schnell bereit mit allen seinen Wünschen,

Als ich, da diese Worte ich vernommen;
Und so ging meine ganze Lieb' auf ihn,
Daß sie Beatrix in Vergessen hüllte.

Nicht mißfiel's ihr, doch lächelte sie drob,
So daß der Glanz ihrer lächelnden Augen
Mein einig Denken auf verschiednes lenkte.

Glanzpunkte sah ich lebhaft und bewält'gend
Zum Mittelpunkt uns machen und umkränzen,
Strahlend dem Auge, süßer noch an Stimme.

So sehen wir Latona's Tochter oft
Sich gürten, wenn die Luft so schwanger ist,
Daß sie des Hofes Gränze deutlich zeigt.

Im Himmelshof, von wo zurück ich komme,
Sind viele schön' und theure Kostbarkeiten,
Die aus dem Reich man nicht entführen kann.

Und der Gesang der Seelen war so eine.
Wer so beflügelt nicht, daß er sich schwinge
Dorthin, lasse vom Stummen sich berichten.

Als singend sich diese glühenden Sonnen
Dreimal um uns gedreht, wie nahe Sterne
Um einen festen Himmelspol sich drehn,

Schienen sie Frauen, die nicht ausgetreten
Aus ihrem Tanz, nur aber schweigend lauschen,
Bis daß die neue Weise sie vernommen.

Und in der Geister einen hört' ich sagen:
Dieweil der Gnade Strahl, der wahre Liebe
Entzündet und sie liebend stets vermehrt,

In dir verdoppelt also glänzt, daß er
Emporgeleitet dich auf dieser Stiege,
Von der keiner absteiget ohne Rückkehr,

So wäre der nicht frei, der dir versagte
Für deinen Durst den Wein aus seiner Flasche,
Wie Wasser, das hinab zum Meer nicht flösse.

Du möchtest wissen, welche Pflanzen blühen
In jenem Kranze, der das schöne Weib
Umschmeichelt, das zum Himmel dich befähigt.

Ich war der Lämmer eins der heil'gen Heerde,
Die Dominic auf solchen Wegen leitet,
Daß, treiben sie nicht Eitles, sie sich mästen.

Der mir zur Rechten hier am nächsten ist,
War Bruder mir und Meister, und es ist
Albert von Cölln und Thomas von Aquin ich.

Willst Kunde du von allen andern haben,
So folge meiner Rede mit den Augen,
Daß kreisend sie den sel'gen Kranz durchlaufen.

Die andre Flamme hier strahlt aus dem Lächeln
Des Gratian, der beiden Rechten so
Zu Hülfe kam, daß es gefiel im Himmel.

Der andre, der dann unsern Kranz dort schmückt,
War jener Petrus, der der heil'gen Kirche
Mit jener Armen seinen Schatz darbot.

Der fünfte Glanz, der schönste unter uns,
Erstrahlt aus solcher Liebe, daß die Welt
Begierig ist Kunde von ihm zu hören.

Drin ist das Licht, dem einst so tiefes Wissen
Verliehen, daß, wenn Wahrheit Wahrheit ist,
Zu solchem Schaun kein zweiter sich erhoben.

Dabei siehst du das Licht der Kerze, die
Am tiefsten hat, im Fleische noch, erschaut
Der Engel Wesen so wie ihr Geschäft.

In jenem andern, kleinren Lichte lächelt
Jener Sachwalter der christlichen Zeiten,
Deß Schriften Augustin sich hat bedient.

Bist mit dem Aug' des Geistes du gefolgt
Meinen Belobungen von Licht zu Licht,
Mußt nach dem achten du jetzt Durst empfinden,

Weil alles Gut sie schaut, ist selig drin
Die heil'ge Seele, die, wer recht sie höret,
Die Täuschungen der Welt ihm offenbaret.

Der Leib, aus dem sie ward vertrieben, ruht
Dort unten in Cieldauro, und sie selbst kam
Aus Märterthum und Bann zu diesem Frieden.

Sieh weiterhin den glüh'nden Geist dort flammen
Des Isidorus, Beda und Riccardus,
Der mehr als Mensch war in seinem Betrachten.

Das Licht, von dem dein Blick zu mir zurückkehrt,
Strahlet von einem Geist, daß ernstem Denken
Des Todes Ankunft langsam ihm erschien.

Es ist das ew'ge Licht jenes Sigieri,
Der lesend einstmals in der Halmengasse
Verhaßte Wahrheiten bewiesen hat.

Dann, wie in einem Uhrwerk, das uns wecket
Zur Stunde, wo die Gottesbraut aufsteht
Zu grüßen den Gemahl, daß er sie liebe,

Der eine Theil den andern zieht und treibt,
Tin Tin anschlagend in so süßer Weise,
Daß Lieb' erblüh' im wohlbereiten Geist:

So sah den heil'gen Kranz ich sich bewegen,
Mit solchem Maaß und Einklang aller Stimmen,
Daß dessen Süßigkeit nirgend gehört wird,

Als da nur, wo die Wonne ewig ist.


Gesang 11

Unsinn'ges Treiben du der Sterblichen,
Wie unzulänglich sind die Schlüsse doch,
Die deinen Flügelschlag nach unten richten!

Der ging den Rechten nach, den Aphorismen
Jener, nach Kirchenwürden strebt ein andrer,
Oder nach Herrschaft mit Gewalt und List.

Der raubt', der trieb ein bürgerlich Geschäft,
Der von der Fleischeslust umstrickte quälte
Sich ab, dem Müßiggang ergab sich jener,

Während, befreit von allen diesen Dingen,
Ich mit Beatrix so glorreicherweise
Im hohen Himmel aufgenommen war.

Nachdem ein jeder war zurückgekehrt
Zum Punkt des Kreises, wo er früher war,
Blieb stehn er, wie die Kerz' auf ihrem Leuchter.

Und innerhalb des Lichtes, das zuvor
Mit mir gesprochen, hört' ich's lächelnd und
Viel heller werdend, also nun beginnen:

So wie in seinem Strahl ich mich entzünde,
So blickend in das ew'ge Licht, erkenn' ich
Deine Gedanken und woher sie stammen.

Du zweifelst, und du willst, daß meine Worte
In deutlicher und offner Rede dir
Sei'n ausgelegt, daß du sie fassen mögest,

Wo ich vorhin gesagt: Sie mästen sich,
Und wo ich sprach: Kein zweiter sich erhoben.
Und hier bedarf's, daß man wohl unterscheide

Die Vorsehung, welche die Welt regiert
Mit solchem Rath, daß kein erschaffner Blick
Unüberwunden auf den Grund kann dringen,

Auf daß die Braut dessen, der sie erworben
Mit seinem heil'gen Blut und lautem Rufe,
Sicher in sich und auch getreuer ihm,

Ihrem Geliebten stets zuwandeln möge,
Verordnete zwei Führer ihr zu Gunsten,
Die sie zu beiden Seiten leiten möchten.

Der eine war seraphisch ganz in Liebe,
Der andre war auf Erden durch die Weisheit
Ein Abglanz von dem Licht der Cherubim.

Von einem will ich reden, da von beiden
Man redet, welchen man auch rühmen mag,
Weil ihre Werke auf Ein Ziel gerichtet.

Zwischen Tupino und dem Bach, der herkommt
Vom Hügel, den der sel'ge Ubald wählte,
Senkt ein fruchtbarer Abhang sich vom Berge,

Von dem Perugia Kält' und Hitz' empfängt
Vom Sonnenthor, und weiter rückwärts weinen
Ob schweren Joches Nocera und Gualdo.

Auf diesem Abhang, wo er minder steil,
Ward einst der Welt geboren eine Sonne,
Wie diese aus dem Ganges oft ersteigt.

Darum, wer reden will von diesem Orte,
Der sage nicht Ascesi, was zu wenig,
Er sag' Orient, will er genauer sprechen.

Von seinem Aufgang war er noch nicht ferne,
Als er die Erde schon empfinden ließ
Einigen Trost von seiner großen Tugend.

Denn jung noch kam in Streit er mit dem Vater
Ueber ein Weib, dem niemand gern die Thore
Der Freud' erschließt, so wenig als dem Tode.

Und vor dem geistlichen Gerichtshof, so
Wie coram patre eint' er sich mit ihr,
Und liebte dann von Tag zu Tag sie mehr.

Beraubt des ersten Gatten blieb dies Weib
Eilfhundert Jahr und mehr, verachtet, dunkel,
Ohn' Einladung bis auf die Zeit von diesem.

Nichts half's zu hören, daß mit Amyclas
Sie sorglos fand beim Tone seiner Stimme
Der so der ganzen Welt Furcht eingeflößt.

Nichts half's ihr standhaft, muthig sich zu zeigen,
So daß, wo selbst Maria unten blieb,
Mit Christo sie das Kreuz sogar bestiegen.

Allein, damit ich nicht zu dunkel spreche,
Nimm für die Liebenden Franziskus und
Die Armuth du in meiner fernern Rede.

Die Eintracht beider und ihr heitres Ansehn,
Ihr Liebeswunder und ihr süßer Blick,
Machten zur Quelle sie heil'ger Gedanken,

So daß zuerst der ehrwürdige Bernhard
Entschuhte sich, und solchem Frieden nach
Eilte und eilend doch sich säumig dünkte.

O unbekannter Reichthum, wahres Gut!
Aegidius entschuht sich und Sylvester
Dem Bräut'gam nach, so sehr gefiel die Braut.

Hin geht nun jener Vater, jener Meister
Mit seiner Braut und mit jenen Genossen,
Die der demüth'ge Strick schon hat gegürtet.

Nicht beugte seine Stirn des Herzens Kleinmuth,
Weil er der Sohn des Pietro Bernardone,
Noch weil er wunderbar verachtet schien.

Mit Königs Sinn gab seine strenge Absicht
Er Innocenz zu hören und empfing
Von ihm das erste Siegel seines Ordens.

Nachdem das arme Völklein angewachsen,
Dem folgend, dessen wundervolles Leben
Man besser sänge in des Himmels Glorie,

Ward dieses heiligen Erzhirten Wunsch,
Vom heil'gen Geiste durch Honorius
Mit einer zweiten Krone noch geschmückt.

Und als, begierig nach dem Märtyrthum,
Er in der stolzen Gegenwart des Sultans,
Christum gepredigt und die ihm gefolgt sind,

Und er zu hart für die Bekehrung fand
Das Volk, kehrt er, um müßig nicht zu bleiben,
Wieder zurück zur Erndte von Italien.

Am rauhen Fels, zwischen Arno und Tiber,
Erhielt das letzte Siegel er von Christo,
Das seine Glieder noch zwei Jahre trugen.

Als dann gefiel, der so viel ihm verliehen,
Empor zu heben ihn zu jenem Lohne,
Den er verdient, da er sich klein gemacht,

Empfahl als ächten Erben seinen Brüdern,
Er die geliebte Herrin, und befahl,
Daß sie mit rechter Treu sie lieben sollten.

Und nur aus ihrem Schooß wollte sich lösen
Die edle Seele, auch kein' andre Bahre
Für ihren Leib, zu ihrem Reiche kehrend.

Nun denke, wie sein würdiger Genosse
Gewesen, um zum richt'gen Ziel zu leiten
Das Schifflein Petri auf dem hohen Meere.

Und das war unser Patriarch, woraus
Du kannst ersehn, daß, wer ihm folgt, wie er
Befohlen, stets nur gute Waare ladet.

Doch seine Heerde ist nach neuer Speise
So lüstern worden, daß nothwendig sie
In sehr verschiedne Klüfte sich verbreitet.

Und in dem Maaß, als seine Schafe sich
Umherschweifend von ihm entfernen weit
Kehren zum Stall sie leer an Milch zurück.

Wohl giebt es ein'ge noch, die Schaden fürchtend
Sich an den Hirten drängen, doch so wen'ge,
Daß wenig Tuch hinreicht zu ihren Kutten.

Sind meine Worte nun nicht allzumatt,
Und ist dein Hören aufmerksam gewesen,
Rufst du im Geist zurück, was ich dir sagte:

So wird dein Wunsch zum Theil befriedigt sein,
Denn du wirst deutlich sehen wovon ich rede,
Und sehn die Warnung, die liegt in den Worten:

Wo treiben sie nicht Eitles sie sich mästen.


Gesang 12

Sobald als die gebenedeite Flamme
Das letzte Wort nur ausgesprochen hatte,
Begann auf's neu' das heil'ge Rad zu kreisen.

Und noch hatt' es den Umlauf nicht vollendet,
Als einen Kreis darum ein andres schloß,
Deß Drehung und Gesang sich jenem anschloß,

Gesang, der unsre Musen und Sirenen
In diesen süßen Kehlen so besiegt,
Wie erster Strahl den rückgeworfenen.

So wie in zarten Wolken oft sich wölben
Zwei gleich entfernt' und gleichgefärbte Bogen,
Wenn Juno ihre Dienerin entsendet,

Der äußre aus dem inneren entsteht,
So wie die Sprache der unstäten, die
Lieb' einst verzehrte, wie die Sonne Dünste,

Und die dem Volk als Vorbedeutung dienen,
Wegen des Bunds, den Gott mit Noah schloß,
Daß nie die Welt wird wieder überschwemmet,

So dreheten um uns die beiden Kränze
Von jenen ewiglichen Rosen sich,
Und so entsprach der äußere dem innern.

Nachdem der Reigen und das andre Grüßen
Durch den Gesang, so wie durch Funkeln auch
Der freundlichen und Lieb' erfüllten Geister

Zu gleicher Zeit mit gleichem Willen ruhten,
Wie nach dem Willen deß, der sie bewegt,
Die Augen sich zumal öffnen und schließen,

Ertönte eine Stimme aus dem Herzen
Des einen Geistes, die mich zwang zu ihm,
Wie nach dem Pol die Nadel, mich zu wenden.

Und er begann: Die Liebe, die mich schön macht,
Treibt mich zu reden von dem andern Führer,
Um welchen man vom Meinen hier so wohl sprach.

Denn wo der ein' ist, muß der andre billig
Erwähnet werden, daß, wie sie gemeinsam
Gekämpfet, so ihr Ruhm zugleich auch leuchte.

Die Heerschaar Christi, die so viel gekostet
Wieder zu waffnen, zog der Fahne nach
Nur langsam, voller Sorge, klein an Zahl,

Als jener Kaiser, der da ewig herrschet
Der unentschlossnen Schaar zu Hülfe kam,
Aus reiner Gnade, nicht weil sie's verdiente.

Und, wie gesagt, der Braut zu Hülfe sandte
Zwei Kämpen, deren Thun und deren Reden
Das irre Volk aufs neue sammelten.

In jenem Land' von wo der milde Zephyr
Ausgeht, die neuen Knospen zu entfalten,
Womit Europa sich alsdann bekleidet.

Nicht ferne von dem wilden Schlag der Wogen,
Wohinter dort, nach langem Lauf, die Sonne
Zuweilen allen Menschen sich verbirgt,

Da lieget das beglückte Callaroga
Unter des großen Schildes Schutz, worin
Der Leu bald unterlieget und bald herrschet.

Dort kam zur Welt der lieberfüllte Buhle
Des Christenglaubens, jener heil'ge Ringer,
Freundlich den Seinen, nur den Feinden herbe.

Und kaum daß er geschaffen, ward sein Geist
Erfüllt mit so lebend'ger Kraft, daß er
Im Mutterleib sie zur Prophetin machte.

Als mit dem Glauben das Verlöbniß er
Am heil'gen Borne nun vollzogen, wo
Mit gegenseit'gem Heil sie sich beschenkten.

Da sah das Weib, das für ihn Ja gesprochen,
Im Schlafe schon die wunderbare Frucht,
Die ausgehn sollt' von ihm und seinen Erben.

Und damit auch sein Name, was er war
Verkünde, trieb ein Geist ihn zu benennen
Mit dem Beiworte dessen, dem er eigen.

Dominicus ward er genannt, und ich
Rede von ihm, als von dem Gärtner, den
Zu Hülfe seinem Garten wählte Christus.

Wohl zeigt' er sich als Bot' und Diener Christi,
Da seine erste Lieb' in ihm sich kund gab,
Zum ersten Rathe, den ertheilet Christus.

Oftmals ward er gefunden von der Amme
Wach und stillschweigend auf der Erde liegend,
Als wollt' er sagen: Dazu bin ich kommen!

O Vater, wie mit Recht hießest du Felix!
O Mutter, wie mit Recht hieß'st du Johanna!
Wenn dieser Name, was man sagt bedeutet,

Nicht um die Welt, um die man jetzt sich abmüht,
Dem Ostienser und Thaddäus nach,
Sondern aus Liebe zu dem wahren Manna,

Ward er in kurzer Zeit ein großer Lehrer,
Machte sich dran, den Weinberg zu umkreisen,
Der bald verdorret, ist der Winzer schlecht.

Und von dem Stuhle, der einst milder war
Den frommen Armen (Schuld des Stuhles nicht,
Nein, dessen, der drauf sitzt und aus der Art schlägt),

Erbat er nicht Dispens von zwei für sechs,
Nicht den Besitz der ersten offnen Stelle,
Non decimas quae sunt pauperum Dei,

Nur gegen den Irthum der Welt zu kämpfen
Verlanget für den Saamen er, aus welchem
Dich vierundzwanzig Pflanzen hier umgürten.

Dann mit Gelahrtheit und zugleich mit Eifer
Macht er sich auf im apostolschem Amte,
Dem Bergstrom gleich, der stürzt aus hoher Quelle;

Und in das ketz'rische Gestrüpp brach dann
Sein Ungestüm am heftigsten dahin,
Wo er den Widerstand am stärksten fand.

Verschiedne Bäche gingen von ihm aus,
Um den kathol'schen Garten zu bewässern,
Wodurch dann seine Pflanzen frischer stehn.

War so das eine Rad des Zwiegespannes,
In dem die heil'ge Kirche sich vertheidigt,
Und siegreich blieb in ihren Bürgerkriegen,

So sollte dir die Trefflichkeit des andern
Einleuchten wohl, von dem vor meinem Kommen
Bruder Thomas so freundlich hat gesprochen.

Allein die Wagenspur, die einst gemacht
Der obre Theil des Rades, ist verlassen,
So daß, wo Weinstein war, jetzt Schimmel ist.

Seine Gesellschaft, die in grader Richtung
Gefolgt sonst seiner Spur, ist so gewendet,
Daß jetzt die Zeh'n, wo sonst die Ferse waren.

Doch bald wird an der Erndte man erkennen,
Die schlechte Aussaat, wenn der Lolch wird klagen,
Daß von dem Kasten er sei ausgeschlossen.

Zwar sag' ich, daß, wer Blatt für Blatt durchsuchte
Die Ordensliste, wohl noch Seiten fände,
Worauf, ich bin noch wie ich war, geschrieben;

Doch keiner von Casal noch Acquasparta,
Von wo zur Ordensregel solche kommen,
Die bald sie fliehn und bald sie enger schnüren.

Ich bin die Seele des Bonaventura
Von Bagnoreggio, der in hohen Aemtern
Die niedre Sorge stets zurückgestellt.

Illuminat und Augustin sind hier
Mit von den ersten der entschuhten Armen,
Die durch den Strick sich Gott zu Freunde machten.

Hugo von St. Victor ist hier mit ihnen,
Petrus Comestor und Petrus Hispanus,
Der in zwölf Büchern noch auf Erden glänzt.

Der Seher Nathan und der Erzbischof
Chrysostomus, Anselm und der Donat,
Der sich zur ersten Kunst herabgelassen.

Raban ist hier, und mir zur Seite leuchtet
Der Abt Joachim aus Calabrien,
Der mit prophet'schem Geist war ausgestattet.

So großen Kämpen zu verherrlichen,
Hat Bruder Thomas' glühnde Freundlichkeit,
Und seine weise Rede mich getrieben,

So wie mit mir diese Genossenschaft.


Gesang 13

Es denke sich, wer recht begreifen will,
Was ich jetzt sah, und halte felsenfest
Im Geist das Bild, während ich es beschreibe,

Von funfzehn Sternen aus verschiednen Theilen
Des Himmels, die mit solcher Klarheit leuchten,
Daß jede Luftverdichtung sie besiegen.

Er denke sich den Wagen, dem genügt
Der Busen unsres Himmels Tag und Nacht,
Daß bei der Deichsel Kreisung er nicht schwindet.

Er denke sich die Mündung jenes Hornes,
Das da beginnet an der Achse Spitze,
Um welche sich die erste Kreisung dreht;

Sie bildeten am Himmel zwei Sternbilder,
Gleich dem das Minos Tochter einst gebildet,
Als sie den Frost des Todes schon empfand:

So daß das eine in dem andern glänze,
Und beide sich auf solche Weise drehen,
Daß eines vor, das andre rückwärts geht;

Und kaum den Schatten von dem wahren Sternbild,
Und von dem Doppelreigen wird er haben,
Welcher den Punkt umkreiste, wo ich war,

Dieweil dies unser Denken überflügelt,
So wie der Lauf des Himmels, der die andern
Besiegt, den Lauf der Chiana übertrifft.

Nicht Bacchus sang man dort, noch Päan, sondern
Die göttliche Natur in drei Personen,
Und Gott und Mensch vereint in Einem Wesen.

Als nun erfüllt das Maaß des Singens und
Des Kreisens, wandten sich zu uns die Heil'gen,
Durch neue Sorge seliger sich fühlend.

Es brach das Schweigen der einmüth'gen Geister
Daraus das Licht, in welchem mir erzählt ward
Des Armen Gottes wundervolles Leben.

Er sprach: Wenn eine Garbe ausgedroschen,
Und wenn der Saame schon ist eingebracht,
Lockt Liebe mich die andre auszudreschen.

Du glaubst, daß in der Brust, aus deren Rippe
Die schöne Wange einst gebildet ward,
Deren Gelüst der ganzen Welt so theuer

Zu stehn kommt, und in die so von der Lanze
Durchbohrt, vor- und nachher so viel genugthat,
Daß jede Sündenschuld sie aufgewogen,

So viel des Lichts, als die Natur des Menschen
Nur zuläßt, wäre eingeflößet worden,
Von dem, deß Macht sie beide hat geschaffen.

Drum wundert dich, was droben ich gesprochen,
Als ich gesagt: Es fand nie einen zweiten
Die Seel' im fünften Lichte eingeschlossen.

So öffne denn dein Auge meiner Antwort,
Und du wirst sehn, daß mein Wort und dein Glauben
Wie Mittelpunkt zum Kreise sich verhalten.

Das was nicht stirbt und das was sterben kann,
Ist weiter nichts als Abglanz des Gedankens,
Den unser Herr aus seiner Lieb' erzeugte.

Denn das lebend'ge Licht, das von dem Lichtquell
So ausgeht, daß es nie von ihm sich trennt,
Noch von der Liebe die als Drittes zukommt,

Vereiniget aus Güte seine Strahlen,
In neun Substanzen gleichsam abgespiegelt,
Während es ewiglich doch einig bleibt.

Es steigt herab dann zu den letzten Mächten
In seiner Wirkung immer schwächer werdend,
Bis daß Zufäll'ges nur es schafft und kurzes:

Und dies Zufällige sind die erzeugten
Dinge, mein' ich, die mit und ohne Saamen
Entstehen durch die Kreisung dieser Himmel.

Ihr Wachs stimmt nicht mit dem stets überein,
Der es ausprägt, und deshalb schimmert es
Aus dem Gepräg mehr oder wen'ger vor.

Das ist der Grund, weshalb dieselben Bäume
Der Art nach gut' und schlechte Früchte tragen,
Uud ihr entsteht mit mancherlei Gemüthsart.

Wäre das Wachs in seinem besten Zustand,
In seiner höchsten Wirkung auch der Himmel,
Es zeigte dann sich ganz des Siegels Glanz.

Den aber giebt Natur stets unvollkommen;
Sie wirket gleich dem Künstler, der die Uebung
Der Kunst wohl hat, doch zittert ihm die Hand.

Drum, wo der Urkraft deutliches Erkennen
Und heiße Liebe ordnet und besorgt,
Wird jegliche Vollkommenheit erworben.

So ward der Erdenstaub würdig gemacht
Jeglicher thierischen Vollkommenheit,
So ward die Jungfrau schwanger auch gemacht:

So daß ich deine Meinung wohl belobe,
Daß nie die menschliche Natur gewesen,
Noch je sein wird, als wie in diesen beiden.

Wollt' ich nun weiter vorwärts nicht mehr gehn,
Wie konnte der denn ohne Gleichen sein?
So würden deine Worte dann beginnen.

Doch damit du recht sehst, was du nicht siehst,
Bedenke wer er war und was ihn trieb
Zu fordern, als ihm: Fordre! ward gesagt.

Wohl kannst aus meiner Rede du erkennen,
Daß er ein König war, der Weisheit wünschte,
Auf daß er ein vollkommner König wäre,

Nicht um die Zahl zu wissen der Beweger,
Die oben sind, noch ob Nothwendiges
Mit Möglichem Nothwend'ges geben könne;

Nicht, si est dare primum motum esse,
Noch ob man aus dem halben Kreise kann
Ein Dreieck bilden ohne rechten Winkel.

Deshalb, bedenkst du dies und was ich sagte,
So siehst du, daß dies Schauen ohne Gleichen
Ist Königsweisheit, worauf ich gezielt;

Und richtest du auf es entstand die Augen,
So siehst du, daß es sich allein bezieht
Auf Kön'ge, deren viel sind, gute selten.

Nimm denn mein Wort mit dieser Unterscheidung,
So kann's bestehn mit dem was du geglaubt
Vom ersten Vater und von unsrem Liebling.

Das diene dir als Blei für deine Füße,
Dich langsam zu bewegen wie ein Müder
Zum Ja und Nein, das du nicht recht erkennst.

Denn der steht unter Thoren wohl am tiefsten,
Der ohne Unterschied Ja oder Nein sagt,
In diesem Falle so wie auch tu jenem.

Denn nur zu oft geschieht es, daß die Meinung,
Die herrschende, sich neigt nach falscher Seite,
Vorliebe dann auch den Verstand wohl bindet.

Mehr als umsonst entfernt sich von dem Ufer,
Weil er nicht wiederkehrt wie er gegangen,
Wer fischt nach Wahrheit und versteht die Kunst nicht.

Davon sind schlagende Beweis' auf Erden
Melissus, Brissus, Parmenid' und viele,
Welche gegangen und wohin nicht wußten.

So einst Arius und Sabellius,
Und jene Thoren, die das grade Antlitz
Der Schrift, wie Schwerter zu verstümmeln suchten.

Es seien doch die Leute nicht so sicher
In ihrem Urtheil, wie der Mensch, der abschätzt
Das Korn im Felde, eh' es reif geworden.

Denn oft hab' ich den Dorn den ganzen Winter
Sich starr und wild erweisen sehn, und doch
Zuletzt die Rose noch am Gipfel tragen.

Wohl sah ich schon ein Schiff aufrecht und schnell
Das Meer auf seinem ganzen Weg durchlaufen,
Und an des Hafens Mündung untergehn.

Frau Bertha glaube nicht und Meister Martin,
Weil er den stehlen, jenen opfern sieht,
Daß er im Rath des Himmels sie gesehn;

Denn der kann sich erheben, jener fallen.


Gesang 14

Vom Mittelpunkt zum Kreis, vom Kreis zum Centrum
Wallt Wasser im runden Gefäß, nachdem es
Von Außem oder Innen wird bewegt.

Was ich hier sage fiel mir plötzlich ein,
Sobald als die gebenedeite Seele
Des Bruder Thomas aufgehört zu reden,

Von wegen der entschiednen Aehnlichkeit,
Von seiner Rede und der Beatrice's,
Der also zu beginnen jetzt gefiel:

Es thut hier diesem Noth, sagt er es gleich nicht,
Weder mit Worten, noch selbst in Gedanken,
Noch eine andre Wahrheit zu ergründen.

So sagt ihm denn, ob ewiglich wird bleiben
Bei euch das Licht, so wie es jetzo ist,
Worin allhier erblühet euer Wesen.

Und wenn es bleibt, so sagt ihm wie nachher,
Wenn sichtbar wiederum ihr seid geworden,
Es möglich, daß am Sehn es euch nicht hindre.

Wie von mehr Lust getrieben und gezogen,
Zuweilen die im Kreise Tanzenden,
Die Stimm' erhöhn und die Bewegung steigern,

So zeigten bei der frommen, eil'gen Bitte
Die sel'gen Kränze neue Freude durch
Ihr Kreisen und den wunderbaren Sang.

Wer sich beklagt, daß man hier sterben muß,
Um dort zu leben, der sah die Erquickung
Des ew'gen Regens von dort oben nicht.

Der eins und zwei und drei ist, immer lebet,
Und immer herrscht in drei und zwei und eins,
Umschrieben nicht und alles doch umschreibend,

Der ward dreimal von jedem dieser Geister
In solcher Melodie besungen, daß
Es voller Lohn jedes Verdienstes wäre.

Und in dem göttlichsten der Lichter hört' ich
Vom kleinen Kreis' aus mit so sanfter Stimme,
Wie die des Engels wohl an die Maria

Sagen: So lang' als dauern wird die Wonne
Des Paradieses, wird auch unsre Liebe
Rings um uns her ein solches Kleid ausstrahlen.

Es richtet sich sein Leuchten nach der Inbrunst,
Die Inbrunst nach dem Schaun, und dies hängt ab
Von Gnade, die über Verdienst verliehn.

Wenn wiederum das heil'ge und glorreiche
Fleisch uns bekleidet, wird unsre Person
Gott angenehmer sein, weil sie vollständig,

Wodurch das Licht zunehmen wird, das uns
Das höchste Gut aus freier Gnade spendet,
Ein Licht, das ihn zu schauen uns befähigt;

Weshalb das Schauen denn auch wachsen muß,
Wachsen die Inbrunst, die draus sich erzeugt,
Wachsen die Klarheit, die von ihr ausgeht.

Doch einer Kohle gleich die Flammen sprüht,
Und diese doch an Glanz noch überwindet,
So daß sie in der Flamme noch erkennbar,

So wird das Licht, das jetzt uns schon umkreiset
In der Erscheinung von dem Fleisch besiegt,
Welches anjetzt die Erde noch bedecket.

Und doch wird so viel Licht uns nicht beläst'gen,
Weil unsres Leib's Organe stark sein werden
Alles zu tragen, was uns mag erfreun.

So eilig und beeifert schienen mir
Der ein' und andre Chor Amen zu sagen,
Daß sie den Wunsch wohl zeigten nach dem Leichnam.

Vielleicht nicht bloß für sich, auch für die Mütter,
Die Väter und die andern, die sie liebten,
Bevor sie ew'ge Flammen noch geworden.

Und siehe, rings erschien von gleicher Klarheit
Ein Leuchten über dem, das schon vorhanden,
Dem Horizonte gleich, wenn er sich aufklärt.

Und so wie bei des Abends erstem Eintritt
Neues beginnt am Himmel sich zu zeigen,
So daß das Aug' unsicher, ob es wahr ist,

So schien es mir, als fing' ich an zu sehen
Neue Substanzen dort, die eine Kreisung
Außerhalb jener andern bildeten.

O wahres Funkeln des heiligen Geistes,
Wie trat es plötzlich und so glühend doch
Vor meine Augen, die es nicht ertrugen!

Doch es erschien so schön und lächelnd mir
Beatrix, daß mit andrem was der Geist
Nicht fassen konnte, ich es lassen muß.

Dadurch gewannen neue Kraft die Augen
Sich zu erheben, und ich sah versetzt mich
Zu höhrem Heil, allein mit meiner Herrin.

Wohl ward gewahr ich, daß ich mehr erhoben
An dieses Sternes glühenderem Lächeln,
Das röthlicher als sonst gewöhnlich schien.

Dankopfer bracht' ich dar von ganzem Herzen
In jener Sprache, die da gleich in allen,
Wie sich's geziemte für die neue Gnade.

Und noch war nicht des Opfers Gluth erloschen
In meiner Brust, als ich auch schon erkannte,
Daß es ein glücklich aufgenommnes war.

Denn mit so vielem Glanz und solcher Röthe
Erschienen Schimmer mir in zweien Strahlen,
Daß ich ausrief: O Gott, wie schmückst du sie!

So wie geziert mit größren und mit kleinren
Sternen zwischen den Himmelspolen dämmert
Die Milchstraß' und wohl Weisen Zweifel einflößt:

Also gestalteten sich in der Tiefe
Des Mars die Strahlen zum hochheil'gen Zeichen,
Das in dem Kreis vereint Quadranten bilden.

Hier unterliegt der Geist meinem Gedächtniß;
Denn an dem Kreuz sah ich so leuchten Christus,
Daß ich kein würdig Gleichniß finden kann.

Doch wer sein Kreuz aufnimmt und folget Christus,
Der wird, was ich weglasse, leicht entschuld'gen,
Sieht er in solchem Glanz einst blitzen Christus.

Von einem Arm zum andern, von der Spitze
Zum Fuße zogen Lichter heftig funkelnd,
Wenn sie sich trafen und vorüberzogen.

So sehen wir auf Erden grad und krumm,
Langsam und schnell, ihr Ansehn stets verändernd,
Der Körper lang' und kurze Stäubchen sich

Bewegen in dem Strahl, der da zuweilen
Den Schatten unterbricht, den sich verschaffen
Mit Kunst und Sinn die Menschen sich zu schützen.

Und wie die wohlgestimmte Geig' und Harfe
Mit vielen Saiten süßen Wohlklang bilden,
Auch dem, der nicht die Melodie vernimmt,

Also erklang am Kreuze von den Lichtern,
Die mir erschienen, eine Melodie,
Entzückend zwar, doch hört' ich nicht die Worte.

Wohl merkt' ich, daß sie höhren Lobes voll,
Da bis zu mir, der hört und nicht verstand,
Die Wort': Ersteh und siege! dennoch drangen.

Ich war darob so voll Entzückens, daß
Bis hierher noch kein Gegenstand mich je
Gefesselt hatte mit so süßen Banden.

Vielleicht erscheint mein Wort wohl allzu kühn,
Setz' ich zurück der schönen Augen Wonne,
Die anzuschaun mir jede Sehnsucht stillt;

Doch wer bedenkt, daß die lebend'gen Siegel
Jeglicher Schönheit mächt'ger sind nach oben,
Und daß zu ihnen ich mich noch nicht wandte,

Wird das entschuld'gen, was ich zur Entschuld'gung
Mir Schuld gab, und sehn, daß ich wahr geredet,
Da jene heil'ge Lust nicht ausgeschlossen,

Vielmehr beim Höhersteigen reiner wird.


Gesang 15

Freundlicher Will', in dem sich stets die Liebe
Ergießet, wenn sie haucht auf rechte Weise,
Wie Habsucht sich in bösem Willen zeigt,

Gebot jetzt Schweigen jener süßen Leier,
Und bracht' zur Ruhe jene heil'gen Saiten,
Die spannet und nachläßt des Himmels Rechte.

Wie werden taub gerechten Bitten sein
Jene Substanzen, die mich zu ermuntern,
Daß ich sie bät', im Schweigen einig waren!

Mit Recht wohl jammert ohne Ende der,
Der jener Liebe sich entäußert, weil
Er Dinge liebet, die nicht ewig dauern.

Gleichwie in ruhigen und heitern Nächten
Von Zeit zu Zeit ein Feuer plötzlich hinläuft,
Die Augen auf sich ziehend die da ruhten

Und scheint ein Stern, der seinen Ort verändert,
Nur daß am Orte, wo er sich entzündet,
Kein Stern vermißt wird, und es wenig dauert:

So lief vom Arme, der nach rechts sich strecket,
Aus dem Gestirne das allda erglänzt,
Ein Stern hin bis zum Fuße jenes Kreuzes;

Und nicht verließ der Edelstein die Fassung,
Vielmehr durchlief die glänzende Gestalt er,
Gleich einem Feuer hinter Alabaster.

So liebevoll erwies Anchises Schatten
(Verdienet Glauben unsre größte Muse),
Sich in Elysium, als den Sohn sie sah.

O sanguis meus, o superinfusa
Gratia Dei, sicut tibi, cui
Bis unquam coeli janua reclusa!

So jenes Licht, drob ich zu ihm hinblickte.
Dann wandt' ich das Gesicht zu meiner Herrin,
Und Staunen hier und dort erfüllte mich.

Denn solches Lächeln glüht' in ihren Augen,
Daß ich mit meinen glaubte zu berühren
Den Gipfel meiner Paradieseswonne.

Dann, lieblich anzusehen und zu hören
Fügte der Geist zum Anfang seiner Rede
Dinge, so tief, daß ich sie nicht verstand.

Und nicht aus Wahl verbarg er sich mir, sondern
Nothwendig war's, da seiner Rede Sinn
Ueber das Ziel der Sterblichen hinausging.

Und als der Bogen seiner glühnden Liebe,
So weit war abgespannt, daß seine Rede
Zum Ziel unsres Verstandes nun herabstieg,

Da war das Erste, das ich nun vernahm:
Gebenedeiet seist du dreifach Einer,
Der meinem Samen du so gnädig bist!

Du hast, mein Sohn, den süßen, langen Hunger,
Fuhr er dann fort, der mich ergriff beim Lesen
Des großen Buches, dessen Schrift niemals

Verändert wird, gestillt in diesem Lichte,
In dem ich rede, Dank sei der, die dich
Zum hohen Flug bekleidete mit Schwingen.

Du glaubst, daß dein Gedanke zu mir komme
Vom Urgedanken aus, wie aus der Eins,
Erkennt man's recht, die Fünf und Sechs entsteht.

Und deshalb fragst du mich nicht, wer ich sei,
Noch weshalb ich viel freud'ger dir erscheine
Als irgend einer dieser frohen Schaar.

Und du hast Recht, denn Kleine so wie Große
Aus diesem Leben schauen in dem Spiegel,
In dem dein Denken, eh' du's denkst, sich zeigt

Allein, damit die heil'ge Lieb', in der
Mit ew'gem Schaun ich wache, und die mich
Mit süßer Sehnsucht füllt, sich ganz befried'ge,

Laß deine Stimme sicher, kühn und froh
Aussprechen deinen Willen, deinen Wunsch,
Drauf meine Antwort schon beschlossen ist.

Ich wandte mich zu Beatrix, und sie
Vernahm mich, eh' ich sprach, und lächelnd winkte
Sie mir, daß meinem Wunsch die Flügel wuchsen.

Darauf begann ich: Lieb' und Einsicht sind,
Seitdem die Urgleichheit euch ist erschienen,
Im Gleichgewicht in jedem von euch allen;

Da in der Sonne, die mit ihrer Wärme
Und ihrem Licht euch wärmt und leuchtet, sie
So gleich sind, daß kein Gleichniß dafür ausreicht.

Doch bei den Sterblichen sind aus dem Grunde,
Der euch bekannt, der Will' und das Vermögen,
Mit sehr verschiednen Flügeln ausgestattet;

Weshalb ich, der ich sterblich mich in jener
Ungleichheit fühle, und nur mit dem Herzen
Danksage für den väterlichen Gruß.

Drum bitt' ich dich, lebendiger Topas,
Der du das köstliche Kleinod hier schmückest,
Daß du mit deinem Namen mich erfreust.

O du, mein Zweig, an dem ich Wohlgefallen,
Schon harrend hatte, ich bin deine Wurzel.
So lautete der Anfang seiner Rede.

Drauf fuhr er fort: Der so den Namen gab
Deinem Geschlecht, und mehr als hundert Jahr
Den ersten Vorsprung jenes Bergs umkreist,

Er war mein Sohn und ist dein Urgroßvater.
Wohl ziemt es sich, daß du durch deine Werke
Die lange Mühe ihm verkürzen mögest.

Es war Florenz inner der alten Mauer,
Von der sie noch die Terz und Non' empfängt,
In gutem Frieden mäßig auch und keusch.

Da gab's noch keine Kettchen, keine Kronen,
Nicht aufgeputzte Weiber, keine Gürtel,
Die mehr ins Auge fielen als die Trägrin.

Nicht schreckte da den Vater die Geburt
Der Tochter, weil in Zeit so wie im Aufwand
Man nicht das Maaß von beiden überschritt.

Nicht gab es menschenleere Häuser damals,
Noch war Sardanapal nicht eingezogen,
Zu zeigen, was an Unzucht man vermag.

Noch war von eurem Vogelheerd besiegt
Nicht Montemalo, der, wie er im Steigen
Besiegt, so auch es im Verfall sein wird.

Bellincion Berti sah ich noch gegürtet
Mit Leder und mit Knochen, und vom Spiegel
Sein Weib ohne gefärbtes Antlitz kommen.

Ich sah damals den Nerli und den Vecchio
In schlichtem Lederwams, und ihre Weiber
Zufrieden bei der Spindel und dem Wocken,

Glücksel'ge sie, da sicher war jedwede
Ihrer Grabstätte, und noch keine war
Verlassen in dem Bett, um Frankreichs willen.

Die Wiege zu behüten wacht' die eine,
Der Sprache zur Beruh'gung sich bedienend,
An der Väter zuerst sich freun und Mütter.

Die andere, dem Wocken Haar entziehend,
Erzählte ihrer Dienerschaft die Märchen
Von Fiesole, von Troja und von Rom.

Eine Cianghell', ein Lapo Salterello
Wären ein solches Wunder da gewesen,
Wie jetzt ein Cincinnatus und Cornelia.

Zu solchem friedlichen, zu solchem schönen
Leben der Bürger, zu so holder Heimath,
So treuer Bürgerschaft ließ mich Maria,

Laut angerufen dort geboren werden,
Wo ich in eurem alten Baptisterium
Zugleich ein Christ und Cacciaguida wurde.

Mein Bruder war Morons auch Eliseo,
Mein Weib kam aus dem Padusthal zu mir,
Und dein Zuname ist von ihr genommen.

Darauf begleitet' ich den Kaiser Conrad,
Der mit dem Ritterschwerte mich umgürtet:
So lieb ward ich ihm durch mein wackres Thun.

Und gegen die Verruchtheit folgt' ich ihm
Jenes Gesetzes, dessen Volk sich anmaßt,
Durch Schuld des Hirten, was mit Recht das Eure.

Dort ward ich durch das schnöde Volk befreit
Von jener trügerischen Welt, zu der
Die Liebe viele Seelen stets besudelt,

Und kam vom Märtyrthum zu diesem Frieden.


Gesang 16

O du so nicht'ger Adel der Geburt,
Wenn du hier unten, wo die Liebe kränkelt,
Die Menschen treibest deiner sich zu rühmen,

So soll mir das nie wunderbar erscheinen,
Da ich dort, wo die Neigung nimmer wanket,
Im Himmel, sag' ich, deiner mich erfreut.

Wohl bist ein Mantel du, der bald zu kurz wird,
So daß, wenn du nicht täglich Zuwachs kriegest,
Die Zeit mit ihrer Scheere dich verschneidet.

Mit jenem Ihr, das Rom zuerst ertragen,
Und worin es sich wenig treu geblieben,
Begannen meine Worte wiederum.

Darob Beatrix, die ein wenig lächelnd
Sich abgewendet, der glich, deren Husten,
Den ersten Fehler Ginevra's verrieth.

Und ich begann also: Ihr seid mein Vater,
Ihr gebt zu sprechen volle Kühnheit mir,
Und hebt mich so, daß ich mehr als ich selbst bin.

Durch so viel Bäch' erfüllt mit Wonne sich
Mein Geist, daß er über sich selbst sich freut,
Daß ohne Schaden er's ertragen könne.

So sagt mir denn, mein theurer Erstling ihr,
Wer waren eure Ahnen, welche Jahre
Schrieb man, als ihr im Kindesalter waret.

Sagt mir, wie groß der Schafstall St. Johannis
Damals gewesen, und welche Geschlechter
Darin der höhren Sitze werth gewesen.

Wie eine Kohle bei dem Hauch der Winde
Zur Flamme sich belebet, so sah ich
Bei meinem Schmeichelwort das Licht erglänzen.

Und wie es schöner ward vor meinen Augen,
So auch mit süßerer und sanftrer Stimme,
Doch nicht in dieser unsrer neuern Sprache,

Sprach es: Vom Tage wo Ave ward gesagt,
Bis zum Gebähren meiner Mutter, die
Jetzt selig mich als ihre Bürd' ablegte,

Kam dieser Stern fünfhundert funfzigmal
Und dreißig zu den Füßen seines Löwen,
Um sich daselbst aufs neue zu entzünden.

Es wurden meine Väter so wie ich
Geboren, wo zuerst das letzte Sechstel
Berührt vom jährlichen Wettlaufe wird.

Dies sei genug von ihnen hier zu sagen;
Woher sie kamen und wer sie gewesen,
Wird schicklicher verschwiegen als gesagt.

Die waffenfähigen, die damals wohnten
Zwischen dem Täufer und dem Mars, es waren
Ein Fünftel nur von denen die jetzt leben.

Allein die Bürgerschaft, die jetzt vermischt ist
Mit Campi, mit Certald' und mit Fighine,
War bis zum letzten Handarbeiter rein.

O wie viel besser wär's, sie wären Nachbarn
Die Völker, die ich nannt', und ihre Grenzen,
Sie wären bei Galuzz' und Trespiano,

Als drin den Stank zu dulden von dem Bauer,
Von Aguglion und Signa, der bereits
Zu Unterschleifen seine Augen spitzt.

Wenn sich das Volk, das gänzlich ausgeartet,
Stiefmütterlich zu Cäsar nicht verhalten,
Nein, gütig wie die Mutter ihrem Kinde,

Es wäre mancher, der als Florentiner
Wechselt und schachert, wohl nach Simifonte
Gezogen, wo sein Ahn noch bettelte.

Die Grafen wären noch in Montemurlo,
Die Cerchi in Akone's Kirchspiel und
Die Buondelmonte's noch in Grieve's Thal.

Noch immer war Vermischung der Personen
Ein Quell des Unheils für die Städte, wie
Das Uebermaß der Speise für den Leib.

Es fällt der blinde Stier meist schneller als
Das blinde Lamm, und oftmals schneidet mehr
Und besser wohl das eine Schwert als fünfe.

Betrachtest Luni du und Urbisaglia,
Wie sie geschwunden, und wie jetzt nach ihnen
Chiusi und Sinigaglia auch vergehn,

Wird neu und schwer zu fassen dir nicht scheinen,
Hörst du vom Untergange der Geschlechter,
Wenn selbst die Städte ihre Endschaft haben.

All' eure Dinge haben ihren Tod
Wie ihr; doch in den lange dauernden
Verbirgt er sich, und kurz ist euer Leben.

Und wie des Mondeshimmels Kreisung stets
Deckt und entblößt die Ufer ohne Rast,
Also verfährt Fortuna mit Florenz;

Weshalb nicht wunderbar dir scheinen darf,
Wenn von den großen Florentinern ich
Jetzt rede, deren Ruhm die Zeit verbirgt.

Ich sah die Ughi, sah die Catellini,
Filippi, Grec', Ormann' und Albericchi,
Schon im Verfall erlauchte Bürger noch.

Ich sah so groß noch wie von altem Stamme
Mit dem dell' Arca den della Sannella,
Und Soldanier' Ardinghi und Bosticchi.

Ueber dem Thore, das beladen jetzt
Mit einem Treubruch von so großer Wucht,
Daß bald der Kahn drob untergehen muß,

Wohnten die Ravignan, denen entstammt
Graf Guido war, und jeder der des Namens
Des hohen Bellincion sich angemaßt.

Die della Pera wußten schon, wie man
Regieren soll, und Galligajo hatte
Vergoldet schon im Haus Stichblatt und Knopf.

Groß waren schon die Säule mit dem Grauwerk,
Sacchetti, Ginochi, Fisanti und Barucci,
Galli, und die erröthen ob des Scheffels.

Der Stamm, aus dem entsprossen die Calfucci
War groß schon, und schon wählte man die Sizii,
Und Arrigucci zu den hohen Aemtern.

Wie groß sah ich die jetzt durch ihren Hochmuth
Vernichtet, und die goldnen Kugeln glänzten
In allen großen Thaten von Florenz.

So machten es die Väter derer, die,
So oft erledigt eure Kirche ist,
Um sich zu mästen, zu Capitel sitzen.

Das übermüth'ge Volk, das den, der flieht,
Mit Wuth verfolgt, dem, der die Zähne zeigt,
Auch wohl den Beutel, lammfromm sich erweist,

Kam schon empor, doch aus so kleinem Stamme,
Daß Ubertin Donato zürnte, als
Verwandt mit ihnen ihn der Schwäher machte.

Schon war von Fiesole zum Markt herab
Gestiegen Caponsacco, und schon waren
Ginda und Infangato gute Bürger.

Unglaubliches bericht' ich und doch Wahres.
In diesen kleinen Kreis trat durch ein Thor
Man ein, benannt von denen della Pera.

Jeder, der Theil hat an dem schönen Wappen
Des großen Freiherrn, dessen Nam' und Werth
Das Fest des H. Thomas stets erneuert,

Erhielt von ihm Vorrecht' und Ritterschaft,
Obwohl sich mit dem Volke jetzt verbindet,
Der mit dem Kranze es geschmücket hat.

Schon gab er Gualterott' und Importuni;
Und ruh'ger würde noch das Borgo sein,
Wenn es von neuen Gästen frei geblieben.

Das Haus, aus dem herstammet euer Jammer,
Ob des gerechten Zorns der euch getödtet,
Und euer heitres Leben hat beendigt,

Es war geehrt, so wie seine Verwandten.
O Buondelmonte, wie zum Unheil flohst du
Die Eh' mit ihnen auf Zureden andrer!

Gar manche wären froh, die traurig sind,
Hätte dich Gott der Ema überlassen,
Als du zum erstenmal zur Stadt gekommen.

Doch mußte ja Florenz, zum letztenmal
In Frieden, Opfer bringen jenem Steine,
Der auch verstümmelt ihre Brücke schützt.

Mit diesen und mit anderen Geschlechtern
Sah ich Florenz in so beschaffnem Frieden,
Daß nirgend Grund vorhanden war zum Weinen.

Mit solchem Volke sah ich ruhmgekrönt,
So wie gerecht Florenz, so daß niemals
Die Lilie ward verkehrt am Schaft geschleift,

Noch blutgefärbt sie durch Entzweiung wurde.


Gesang 17

Wie der zur Clymene kam, um genauer
Zu wissen was er gegen sich gehört,
Der Vätern noch Vorsicht räth gegen Kinder,

So war ich jetzt und so ward ich verstanden
Von Beatrix und jener heil'gen Leuchte,
Die meinethalb vorhin den Platz vertauscht.

Weshalb mir meine Herrin: Ströme aus
Die Gluth des Wunsches, daß hervor er breche,
Mit deines Inneren Stempel recht bezeichnet!

Nicht etwa, damit unsre Kenntniß wachse
Durch was du sagst, nur daß du dich gewöhnest
Den Durst zu nennen, daß man dir einschenke.

O du mein Stamm, der du dich so erhebest,
Daß, wie der Geist der Irdischen erkennt,
Daß nicht zwei stumpf in einem Dreieck möglich,

So du erkennest die zufäll'gen Dinge,
Eh' sie geschehn, hinschauend auf den Punkt,
Vor dem die Zeiten alle gegenwärtig:

Während ich mit Virgil verbunden war,
Sind auf dem Berge der die Seelen heilet,
Und als hinab ich stieg zur todten Welt,

Von meiner Zukunft Worte mir gesagt
Schwer an Gewicht, wenn ich auch gleich mich fühle
Recht würfelfest gegen des Schicksals Streiche.

Weshalb mein Wunsch denn ganz befriedigt wäre,
Erführ' ich welches Schicksal mir sich nähert;
Denn träger kommt der Pfeil, den man vorhersieht.

So sprach ich zu dem Lichte, das vorhin
Zu mir gesprochen, und wie Beatrice
Es wollte, hatt' ich meinen Wunsch gebeichtet.

In Räthseln nicht, in die sich sonst verstrickt
Das blinde Volk, ehe da ward getödtet
Jenes Lamm Gottes, das die Sünden trägt,

In klaren Worten und bestimmter Rede
Gab Antwort mir die väterliche Liebe,
Verschlossen leuchtend in dem eignen Lächeln.

Zufälligkeiten, die sich nicht verbreiten
Ueber des ird'schen Stoffs Verband hinaus,
Sind abgebildet ganz im ew'gen Antlitz;

Doch folgt daraus Nothwendigkeit so wenig,
Als für ein Schiff, das mit dem Strome geht,
Weil sich's in eines Menschen Aug' abspiegelt.

Von dort, so wie von einer Orgel kommt
Zum Ohr die süße Harmonie, so kommt
Die Zeit mir zu Gesicht, die dir bevorsteht.

Wie einst Hippolytus Athen verließ,
Der falschen, grausamen Stiefmutter wegen,
So wirst auch du Florenz verlassen müssen.

Das will man, und das wird schon jetzt betrieben
Und ausgeführt, von dem bald der drauf sinnt,
Allda wo Christus täglich wird verschachert.

Die Schuld wird von dem Rufe, wie gewöhnlich,
Dem Unterliegenden gegeben; doch
Die Rache folgt und bringt ans Licht die Wahrheit.

Du mußt, was dir am theuersten gewesen,
Verlassen, und doch ist's der erste Pfeil nur,
Welchen der Bogen der Verbannung sendet.

Du wirst erfahren wie nach Salze schmeckt
Das fremde Brot, und wie so hart der Gang
Die fremden Treppen auf und ab zu steigen.

Doch was dir mehr die Schultern noch wird drücken,
Das ist die schlecht' und thörichte Gesellschaft,
Mit welcher du in dieses Thal wirst fallen.

Denn ganz undankbar, toll und ruchlos wird
Sie dir erweisen sich, doch bald nachher
Wird sie, nicht du, empfangen blut'ge Schläfe.

Denn ihr Verfahren wird ihr viehisch Wesen
Beweisen so, daß gut es für dich sein wird,
Machst du deine Partei dir für dich selbst.

Jenes großen Lombarden edler Sinn,
Der auf der Leiter führt den heil'gen Vogel,
Giebt erste Zuflucht, erstes Obdach dir.

Denn mit so günst'gem Blick sieht er auf dich,
Daß von dem Thun und Bitten wird bei euch
Das erste sein, was später kommt bei andern.

Bei ihm wirst du den sehn, der von Geburt an
Von diesem mächt'gen Stern ward so beprägt,
Daß seine Thaten rühmlich werden sein.

Noch sind die Völker deß nicht inne worden
Wegen der Jugend, da nur erst neunmal
Sich diese Kreis' um ihn beweget haben;

Doch zeigen Funken seiner Tugend sich,
In Mißachtung des Geld's und der Beschwerden,
Noch eh' der Bask' den großen Heinrich täuscht.

Es wird jedoch seine Großherzigkeit
Noch so bekannt, daß seine Feinde selbst
Nicht ihre Zunge werden zähmen können.

Auf ihn und auf sein Wohlthun sollst du bauen;
Denn vieles Volk wird er also verwandeln,
Daß Reich' und Arme ihren Stand vertauschen.

Und fest in dein Gedächtniß präge dies,
Doch sag' es keinem! Und nun sagt' er Dinge
Unglaublich dem, der gegenwärtig sein wird.

Hinzu dann fügt er: Sohn, dies die Erklärung,
Von dem das dir gesagt, und dies die Schlingen,
Die hinter wen'gen Kreisungen verborgen.

Doch deine Mitbürger beneide nicht!
Denn weit über die Strafe ihrer Falschheit
Hinaus wird sich dein Lebenslauf verlängern.

Als schweigend nun die heil'ge Seele zeigte,
Daß sie gefügt den Einschlag ins Gewebe,
Das angezettelt ich ihr dargereicht,

Begann ich so wie einer der da zweifelnd
Sich Rath erbittet von dem Manne, der
Auf rechte Weise sieht und will und liebt.

Wohl seh' ich, Vater, wie die Zeit auf mich
Zueilt, um einen Streich mir zu versetzen,
Der ohne Widerstand am härtsten trifft.

Darum muß ich mit Vorsicht mich bewaffnen,
Damit, wird mir der liebste Ort geraubt, ich
Den andern nicht durch mein Gedicht verliere.

Denn unten in der ewig bittern Welt,
Und auf dem Berg, von dessen schönem Gipfel
Die Augen meiner Herrin mich erhoben,

Und dann im Himmel auch von Licht zu Licht
Hab' ich gehört was, wenn ich's wiedersage,
Gar vielen scharfe Lauge dünken wird.

Und bin der Wahrheit ich ein feiger Freund,
Fürcht' ich nicht mehr zu leben unter denen,
Die diese Zeit die alte nennen werden.

Das Licht, in welchem lächelte das Kleinod,
Das ich dort fand, erglänzte erst gewaltig,
Wie an der Sonne Strahl ein goldner Spiegel,

Darauf sprach es: Ein dunkeles Gewissen,
Ob eigner oder fremder Schande wird
Zwar sicherlich dein herbes Wort empfinden,

Nichts desto weniger fern von jeder Lüge
Mach deine ganze Vision bekannt,
Und laß sich kratzen wer am Grinde leidet!

Denn scheint dein Wort beim ersten Kosten auch
Beschwerlich, wird es Lebensnahrung doch
Zurückelassen, wenn es recht verdaut wird.

Denn dieser Ruf von dir wird wie der Sturm
Die höchsten Gipfel vorzugsweise treffen,
Was wenig nicht zu deiner Ehre beiträgt.

Drum wurden dir gezeigt in diesen Kreisen,
Am Berge und im schmerzenreichen Thale,
Nur solche Seelen, die Berühmtheit haben.

Denn des Zuhörers Seele schenkt nicht Glauben,
Und wird befriedigt nicht durch solches Beispiel,
Das unbekannt' und dunkle Wurzel hat,

Noch durch Beweise, die nicht augenscheinbar.


Gesang 18

Schon freute seines Wortes sich allein
Der heil'ge Spiegel, während ich das meine
Genoß, das Harte durch das Süße mildernd.

Und jene Herrin, die zu Gott mich führte,
Sprach: Aendre die Gedanken! denk' ich bin
Dem nahe der jedwedes Unrecht abnimmt.

Zu meines Horts lieblichen Tönen wandte
Ich mich, und welche Lieb' ich da erblickte,
In ihren heil'gen Augen, sag' ich nicht,

Nicht bloß, weil meiner Sprach' ich nicht vertraue,
Mehr noch, weil das Gedächtniß nicht so weit
Zurück kann gehn, führt es wer anders nicht.

Nur so viel kann ich davon wieder sagen,
Daß sie anschauend meine Liebe war
Von jedem andern Wunsche ganz befreit,

Während die ew'ge Wonne, die auf sie
In grader Richtung strahlte, von dem Antlitz
Zurückgeworfen mich beseligte.

Mit eines Lächelns Leuchten mich besiegend
Sprach sie: Wende dich um und höre, denn nicht
In meinen Augen bloß ist Paradies!

Wie sich bei uns die Liebe wohl zuweilen
Im Antlitz zeigt, wenn sie so mächtig ist,
Daß sie die ganze Seele eingenommen:

Also am Flammen dieses heil'gen Glanzes,
Zu dem ich mich gewandt, erkannt' ich wohl
Den Wunsch, noch etwas mehr mit mir zu reden.

Und er begann: In diesem fünften Absatz
Des Baumes, der da lebet von dem Gipfel
Und immer trägt und nie verliert die Blätter,

Sind sel'ge Geister, die, bevor sie kamen
Zum Himmel, unten großen Ruf genossen,
Daß reichen Stoff sie böten jeder Muse.

Deshalb sieh hin nun auf des Kreuzes Arme!
Der, den ich nennen werde, wird das thun,
Was in der Wolke thut ihr schnelles Feuer.

Ich sah ein Licht am Kreuze sich bewegen
Beim Namen Josuas, und wie's geschah,
Ward Nam' und That zu gleicher Zeit mir kund.

Und bei des großen Makkabäus Namen
Sah ich ein andres kreisend sich bewegen,
Und Wonne war die Peitsche dieses Kreisels.

So folgte ausmerksam mein Blick den beiden,
Als Carl der groß' und Roland ward genannt,
So wie dem Flug des Falken folgt das Auge.

Dann zogen Wilhelm so wie Rinoard,
Der Herzog Gottfried und Robert Guiscard,
Zu jenem Kreuze meine Augen hin.

Drauf zeigte mir die Seele, die gesprochen,
Zurückgekehrt sich mischend mit den andern,
Welch Künstler sie unter des Himmels Sängern.

Ich wandte mich zu meiner rechten Seite,
Um in Beatrix meine Pflicht zu schauen,
Durch Wort' oder Gebärde ausgedrückt.

Und ihre Augen sah ich also klar
Und also heiter, daß sie alle andern,
Selbst ihre letzt' Erscheinung überwand.

Und wie der Mensch, weil er mehr Freud' empfindet
Am Gutesthun, von Tag zu Tage merket,
Wie seine Tugend in ihm vorwärts schreitet,

So merkt' ich, daß mein Kreisen mit dem Himmel
An Bogenweite zugenommen hatte,
Als jenes Wunder ich noch schöner sah.

Und wie in kurzer Zeit ein weißes Weib
Die Farbe wechselt, sobald ihr Gesicht
Sich von der Last der Scham entladen hat,

So ward verwandelt sie vor meinen Augen
Durch jenes sechsten mäß'gen Sternes Weiße,
Welcher nunmehr mich in sich aufgenommen.

Ich sah in dieser Fackel Jupiters
Der Liebe Funkeln, die allda vorhanden
Vor meinen Augen unsre Sprache bilden.

Und Vögeln gleich, die sich vom Fluß erheben
Und voller Freude zu der Atzung eilen,
Bald runde und bald lange Schaaren bilden:

So sangen in den Lichtern heil'ge Wesen
Flatternd umher, und bildeten sich selbst
In die Gestalt von D, von I, von L.

Nach ihrem Sang bewegten sie sich erst;
Doch als der Zeichen eines sie geworden,
Verweilten sie ein weniges und schwiegen.

O heil'ge Pegasäa, die du Geister
Mit Ruhm erfüllest und verewigest,
Mit ihnen auch die Städte und die Reiche,

Erleuchte mich, daß ich beschreiben möge
Ihre Gestalten, wie ich sie begriffen,
Zeig' deine Macht in diesen kurzen Versen!

Es zeigten also fünfmal sieben sich
Vokal' und Consonanten, und ich faßte
Die Theile, wie sie mir erschienen, auf.

Nam' und Zeitwort, diligie justitiam
Waren die ersten in dem ganzen Bilde,
Qui judicatis terram dann die letzten.

Dann blieben auf dem M des fünften Wortes
Sie so geordnet, daß nun der Planet
Silber zu sein schien, das mit Gold verziert ist.

Und andre Lichter sah ich niedersteigen
Zum Gipfel dieses M und dort verweilen,
Das Gut besingend, glaub' ich, das sie anzieht.

Darauf, wie beim Zusammenschlagen von
Entbrannten Scheiten sich unzähl'ge Funken
Erhoben, draus die Thoren Glück sich deuten,

So schienen mehr als tausend Lichter hier
Empor zu steigen, dies mehr, jenes wen'ger,
Je nach der Gluth die ihnen zugetheilt.

Als jedes dann an seinem Ort zur Ruhe
Gekommen, sah ich dies besondre Feuer
Darstellen Haupt und Hals von einem Adler.

Der so dort malt, hat keinen, der ihn leite,
Er leitet nur, von ihm allein geht aus
Die Macht, die dort die Wohnsitze bestimmt.

Die andre Seligkeit, die erst zufrieden,
Schien sich dem M als Schmuck hinzuzufügen,
Vollendete das Bild mit kurzem Umschwung.

O holder Stern, wie viel Kleinod' und welche
Zeigten mir, daß unsre Gerechtigkeit
Nur Wirkung ist des Himmels, den du schmückest!

Weshalb den Geist ich bitte, von dem ausgeht
Dein Lauf und deine Kraft, daß er erwäge,
Weher der Rauch, der deinen Strahl verdüstert;

So daß noch einmal wiederum er zürne,
Ob Kaufens und Verkaufens in dem Tempel,
Der aufgebaut aus Zeichen und aus Martern.

O Himmels Heerschaar, die ich hier betrachte,
Bete für die, die noch auf Erden sind
All' irrgeführet durch das schlechte Beispiel!

Sonst pflegte man mit Schwertern Krieg zu führen,
Jetzt aber hier und dort das Brod entziehend,
Das keinem doch verschließt der fromme Vater.

Doch du, der du nur schreibest um zu löschen,
Denke, daß Paul und Petrus noch am Leben,
Die für den Weinberg starben, den du schändest.

Wohl kannst du sagen: Mir steht mein Verlangen
So ganz nach dem, der einsam leben wollte,
Und der durch Tanz zum Märtyrthum geführt ward,

Daß ich den Fischer nicht noch Paulum kenne.


Gesang 19

Mit offnen Flügeln zeigte sich vor mir
Das schöne Bild, das die verschlungnen Seelen
In ihrer süßen Wonne selig machte.

Es glich von ihnen jede dem Rubin,
Worin ein Sonnenstrahl so flammend glühte,
Daß er ihr Bild in meine Augen warf.

Und was ich jetzt zu schildern habe, drückte
Noch keine Stimme, keine Feder aus,
Noch ward's durch Phantasie jemals begriffen.

Denn ich vernahm und sah den Schnabel sprechen,
Und ich und mir erklang in seiner Rede,
Wo im Gedanken wir und unser war.

Und er begann: Weil ich gerecht und fromm war,
Bin ich zu dieser Herrlichkeit erhoben,
Die keine Sehnsucht überbieten kann.

Und habe dort auf Erden solch' Erinnrung
Von mir gelassen, daß die sünd'gen Völker
Sie loben zwar, doch nicht dem Beispiel folgen.

Wie Eine Hitze nur aus vielen Kohlen
Gefühlt wird, so von vielen Liebesgeistern
Kam nur Ein Ton aus diesem Bild hervor.

Weshalb ich denn darauf: Ihr ew'gen Blüthen
Der ew'gen Wonne, die ihr nur als Einen
All' eure Düfte mich empfinden lasset,

Löset einflößend mir die groß' Entbehrung,
Die lange Zeit in Hunger mich erhalten,
Den keine Speis' auf Erden sätt'gen konnte.

Wohl weiß ich, daß, wenn droben andre Reiche
Gottes Gerechtigkeit im Spiegel schauen,
Das Eure doch sie unverhüllt erfaßt.

Ihr wißt, wie aufmerksam euch anzuhören
Ich mich anschicke, wißt auch, welche Zweifel
So langes Darben hat in nur erzeugt.

So wie der Falk' befreit von seiner Kappe
Den Kopf bewegt und mit den Flügeln schlägt,
Sich schön zu machen und Jagdlust zu zeigen:

So sah ich jenes Bild es machen, das
Aus Lob göttlicher Gnade ist gewoben
Mit Tönen, die nur kennt wer oben selig.

Darauf begann es: Der so mit dem Zirkel
Die Welt umschrieb, und innerhalb derselben
So viel verbarg und so viel offenbarte,

Vermochte seine Kraft nicht aufzuprägen
Dem ganzen Weltall, so daß nicht sein Wort
Unendlich, überschwänglich noch verbliebe.

Beweis dafür ist jener erste Stolze,
Aller Geschöpfe höchstes, der so unreif
Fiel, weil das Licht er nicht erwarten konnte.

Daraus zeigt sich, daß jedes mindre Wesen
Zu klein Gefäß nur ist für jenes Gut,
Das ohne Grenzen sich mit sich nur mißt.

Deshalb kann unsre Sehkraft, die nothwendig
Ein Theil der Strahlen jenes Geistes ist,
Von dem die Dinge all' erfüllet sind,

Ihrer Natur nach nie so mächtig sein,
Daß sie nicht fühlen sollte, daß ihr Urquell
Weit über das hinausliegt was erscheint.

Deshalb versenkt das Schaun, das eure Welt
Empfangen, sich in Gott's Gerechtigkeit,
So wie das Auge sich ins Meer versenkt.

Denn obwohl es am Ufer sieht den Grund.
Sieht's ihn im hohen Meere nicht, und doch
Ist er vorhanden, nur die Tiefe birgt ihn.

Der Heitre nur allein, die nie sich trübt,
Entquillt das Licht, sonst giebt's nur Finsterniß,
Des Fleisches Schatten oder auch sein Gift.

Und nun ist das Versteck erschlossen dir,
Daß das lebend'ge Recht dir hat verborgen,
Nach welchem du so oft gefragt hast.

Du sagst: Es wird am Indus Strand wohl einer
Geboren, wo von Christus niemand redet,
Wo keiner ist, der da liest oder schreibt;

Und all' sein Wollen, seine guten Werke
Sind, so weit menschliche Vernunft es sieht,
Von Sünden frei, im Leben und im Sprechen;

So stirbt er ungetauft und ohne Glauben:
Wo ist denn nun das Recht, das ihn verdamme?
Wo liegt denn seine Schuld, wenn er nicht glaubt?

Nun aber, wer bist du, der zu Gericht
Du sitzen willst auf tausend Meilen hin
Mit deiner kurzen Sehkraft einer Spanne?

Denn sicher, wenn die Schrift euch nicht belehrte,
Es würde, wer spitzfindig drüber nachdenkt,
Den Stoff zu wundervielen Zweifeln finden.

O ird'sche Wesen, o ihr blöden Geister!
Jener Urwille, welcher an sich gut ist,
Entfernt sich nie von seinem höchsten Gute.

Gerecht ist, was mit ihm zusammenstimmt,
Denn kein erschaffnes Gut kann ihn bewegen:
Er aber strahlend ist der Quell des Guten.

So wie die Störchin, wenn die Jungen sie
Gesättigt, über ihrem Neste kreist,
Und die Gefütterten zu ihr hinaufschaun:

So machte es (und auch ich schaut' empor)
Das heil'ge Bild, das seine Flügel regte
Von so viel ein'gen Willen angetrieben.

Umkreisend sang es: Und wie dir, sprach es,
Ist mein Gesang, den du nicht fassen kannst,
So ist euch Sterblichen der ew'ge Richtspruch.

Nachdem des heil'gen Geistes Flammen wieder
Zur Ruh' gekommen in dem Zeichen waren,
Das Rom ehrwürdig einst der Welt gemacht,

Begann es wieder: Hier zu diesem Reiche
Stieg nie empor, wer nicht geglaubt an Christus,
Sei's vor, sei's nachdem er an's Kreuz geschlagen.

Doch schau, gar viele werden rufen Christus, Christus!
Die im Gericht viel ferner bleiben werden
Von ihm als mancher, der nie kannte Christus.

Denn solche Christen wird der Aethiope
Verdammen, wenn sich beide Schaaren trennen,
Die eine ewig reich, die andre dürftig.

Was werden Persiens Könige zu den euern
Einst sagen, wenn das große Buch entfaltet,
Worin all' ihre Schand' ist aufgezeichnet?

Da wird man sehn unter den Thaten Alberts,
Die, welche bald die Feder wird beschäft'gen,
Und die das Reich von Prag veröden wird.

Da wird man sehen, welche Noth verbreitet
Die Münze fälschend an der Seine Strand,
Der so vom Schlag des Ebers sterben wird.

Dort wird man sehn den Stolz, der Durst erzeugt,
Und thöricht macht den Schotten und den Britten,
Daß er nicht dauern kann in seinen Grenzen.

Dort sieht die Ueppigkeit, das weiche Leben
Des Spaniers man, so wie des Böhmen auch,
Der Tapferkeit nie kannte noch auch wollte.

Beim Lahmen von Jerusalem bezeichnet
Ein bloßes I was gutes an ihm ist.
Zum Gegentheil bedarf es eines M.

Den Geiz, so wie die Feigheit wird man sehen,
Deß, der beherrscht die Feuerinsel, wo
Anchises einst sein langes Leben schloß.

Und um zu zeigen, wie nichtswürdig er,
Wird seine Schrift verkürzte Lettern haben,
Die viel in einem engen Raum verzeichnen.

Die schmutz'gen Thaten wird dort jeder sehen
Des Oheims und des Bruders, die zwei Kronen
Und so erlauchtes Blut verunehrt haben.

Und den von Portugal, den von Norwegen,
Und den von Rascien wird man dort erkennen,
Der zum Unheil Venedigs Stempel kannte.

O glücklich Ungarn, ließ es sich nicht länger
Mißhandeln, so wie glücklich auch Navarra,
Waffnet es mit dem Berg sich, der es gürtet.

Und jeder mag nur glauben, daß das Angeld
Von diesem Famagust und Nikosia,
Ob ihres Unthiers zürnen und sich härmen,

Der mit den andern gleichen Schrittes geht.


Gesang 20

Wenn die, welche die ganze Welt erleuchtet,
Von unsrer Himmelshälfte so herabsteigt,
Daß nun der Tag von allen Seiten schwindet,

Dann wird der Himmel, den allein sie erst
Entzündete, urplötzlich wieder leuchtend
Von vielen Lichtern, worin sie nur glänzt.

Dies Bild des Himmels kam mir in den Sinn,
Als nun der Welt und ihrer Führer Zeichen
In dem gebenedeiten Schnabel schwieg,

Dieweil nun die lebend'gen Lichter alle
Erglänzend mehr als je Gesäng' anstimmten,
Welche meinem Gedächtniß sind entfallen.

O süße Liebe, die in Lächeln dich
Verhüllst, wie schienst du glühend in den Funken,
Die heiliger Gedanken Hauch belebt!

Nachdem die theuren, glänzenden Juwelen,
Womit das sechste Licht geschmückt ich sah,
Den Engelstönen Schweigen auferlegt,

Glaubt' eines Flusses Murmeln ich zu hören,
Der klar von Fels zu Fels herab sich stürzt,
Den Reichthum seines Urquells offenbarend.

Und wie der Ton sich bildet an dem Halse
Der Cither, wie der Wind, der eingeblasen,
Dasselbe thut an der Schalmeien Mündung:

So stieg urplötzlich ohne Zögerung
Dieses Gemurmel durch des Adlers Hals,
Als ob er hohl gewesen, jetzt empor.

Dort ward zur Stimm' es, und von dort erschallt' es
Durch seinen Schnabel in Gestalt von Worten,
Wie sie das Herz, wo ich sie aufschrieb, heischte.

Den Theil von mir, der in sterblichen Aaren
Sieht und die Sonn' erträgt, begann er nun,
Den mußt du scharf nunmehr ins Auge fassen,

Weil von den Feuern, daraus ich gestaltet,
Die, welche funkeln in dem Auge mir,
Die allerhöchsten sind von ihrer Gattung.

Der als Augapfel in der Mitte leuchtet,
Das war des heil'gen Geistes Sänger, der
Von Stadt zu Stadt die Bundeslade führte.

Nunmehr erkennt den Werth seines Gesangs er,
Sofern er Wirkung seines Willens war,
An der Vergeltung die dem Werthe gleichkommt.

Der von den fünfen, die den Bogen bilden
Der Augenbrau'n, dem Schnabel mir am nächsten,
Gab Trost der Witwe über ihren Sohn.

Nun sieht er ein, wie Christo nicht zu folgen
Theuer zu stehn kommt, da er aus Erfahrung
Das süße Leben und das andre kennt.

Und der da folget in dem obern Bogen
Des Umkreises, den ich erwähnt, er hat
Durch wahre Buße seinen Tod verschoben.

Nun sieht er ein, daß sich darum nicht wandelt
Das ewige Gericht, weil fromme Bitte
Dort unten morgen aus dem heute macht.

Der andre ward mit mir und den Gesetzen
In guter Absicht, doch mit schlechter Frucht,
Zum Griechen, um dem Hirten Raum zu geben.

Nun sieht er ein, wie ihm nicht hat geschadet
Was Schlimmes folgt aus seinem Gutesthun,
Obgleich die Welt dadurch zerstöret worden.

Und der, den in der Senkung du des Bogens
Erblickst, war Wilhelm, den das Land beweinet,
Das jetzo weint ob Carls und Friedrichs Leben.

Jetzt sieht er ein, wie den gerechten König
Der Himmel liebt, und das erkennt man auch
Noch an dem hellen Glanz seiner Erscheinung.

Wer glaubte unten in der irren Welt wohl,
Daß Ripheus, der Trojaner, in dem Kreise
Der fünfte wäre dieser heil'gen Lichter?

Nun sieht er viel von dem was dort die Welt
Von Gottes Gnade nicht erkennen kann,
Ob auch sein Aug' die Tiefe nicht ergründet.

Der Lerche gleich, die in der Luft sich wieget,
Erst singend und nachher befriedigt schweigt
Von ihrer letzten Wonne die sie sättigt:

So schien das Bild mir von dem Trieb gesättigt
Der ew'gen Wonne, die nach ihrem Wunsche
Jedwedes Ding zu dem macht was es ist.

Und ob ich gleich mit meinem Zweifel hier
Dem Glase glich, dem Farb' untergelegt,
Konnt' er die Zeit doch schweigend nicht erwarten.

Vielmehr trieb sein Gewicht mir aus dem Munde
Die Worte: Was sind das für Dinge hier?
Darob ich großes Freudefunkeln sah.

Und gleich nachher, mit mehr entflammtem Auge
Erwiderte das heil'ge Zeichen mir,
Um mich im Staunen länger nicht zu lassen:

Ich sehe wohl, daß du das alles glaubest,
Weil ich es sage, doch siehst du das Wie nicht,
So daß, wenn auch geschaut, es doch verborgen.

Du machst es so, wie einer, der ein Ding
Mit Namen kennt, doch seine Wesenheit
Nicht sehen kann, erschließt sie nicht wer anders.

Regnum coelorum kann Gewalt erleiden
Von heißer Liebe und lebend'ger Hoffnung,
Welche den Willen Gottes überwinden,

Nicht wie ein Mensch den andern überwindet;
Sie siegen, weil er will besieget sein,
Und so besiegt, siegt er mit seiner Güte.

Die erst' und fünfte Seele dieses Auges
Erfüllt mit Staunen dich, weil du mit ihnen
Das Reich der Engel ausgeschmücket siehst.

Nicht wie du glaubst verließen sie den Leib
Als Heiden, nein, als Christen festen Glaubens
An das zukünft'g' und das vergangne Leiden.

Denn aus der Hölle, wo nie heil'ger Wille
Entsteht, kehrte zum Leib zurück der eine;
Und das war Lohn seiner lebend'gen Hoffnung.

Lebend'ger Hoffnung auf die Macht der Bitten
An Gott gerichtet, daß er ihn erwecke,
Damit sein Wille nun bewegt sein könne.

Die edle Seele, von der ich gesprochen,
Ins Fleisch auf kurze Zeit zurückgekehrt,
Glaubte an ihn nun der ihr helfen konnte.

Und glaubend ward von solcher Gluth der Liebe
Entzündet sie, daß bei dem zweiten Tode
Sie würdig war zu diesem Fest zu kommen.

Aus einer Gnade, die so tiefer Quelle
Entströmet, daß keines Geschöpfes Auge
Noch bis zur ersten Well' ist vorgedrungen,

Hatte der andre seine Lieb' auf's Rechtthun
Gerichtet so, daß Gott von Gnad' zu Gnade
Das Aug' ihm für das künft'ge Heil eröffnet.

Darob er an dies glaubte und nicht länger
Den Stank des Heidenthums ertrug, vielmehr
Die irrgeführten Völker deshalb strafte.

Als Taufe dienten die drei Frauen ihm,
Die an dem rechten Rade du gesehen,
Wohl mehr als tausend Jahr bevor man taufte.

O Vorbestimmung, wie liegt deine Wurzel
So ferne doch von allen jenen Augen,
Welche den ersten Grund nicht ganz erschauen!

Und ihr, o Sterblichen, haltet zurück euch
Mit eurem Urtheil! denn wir, die wir Gott sehn,
Kennen noch nicht die Auserwählten alle.

Und süß ist dieser Mangel uns, dieweil
Sich dadurch unser Glück noch läutert, daß
Was Gott gewollt wir ebenfalls nun wollen.

So ward von jenem göttlichen Gebilde,
Um mein zu blödes Auge aufzuhellen,
Mir diese süße Arzenei gereicht.

Und wie der gute Citherspieler folgt
Dem guten Sänger mit dem Klang der Saiten,
Wodurch der Sang an Lieblichkeit gewinnt,

So während jener sprach, erinnr' ich mich,
Daß die gebenedeiten Lichter beide
Mit seinen Worten ihre Flammen rührten,

Wie beide Augen sich zugleich bewegen.


Gesang 21

Schon ruhten meine Augen auf dem Antlitz
Der Herrin wieder, und der Geist mit ihnen,
Der sich gelöst von jeder andern Absicht.

Sie lachte nicht, denn so begann zu mir sie:
Bei meinem Lachen würd' es dir ergehen
Wie Semele'n als sie zu Asche ward.

Denn meine Schönheit, die, wie du gesehen
Mit jeder Stufe des ew'gen Palastes,
Je mehr man steigt, sich immer mehr entzündet,

Sie würde, nicht gemildert, also strahlen,
Daß dein menschlich Vermögen an dem Glanze
Wie Laub erschiene, das der Blitz zerschmettert.

Wir sind erhoben zum siebenten Glanze,
Welcher unter der Brust des glüh'nden Löwen,
Mit dessen Kraft verbunden jetzt herabstrahlt.

Laß deinen Geist jetzt folgen deinen Augen,
Und brauche sie als Spiegel der Gestalt,
Die dir erscheinen wird in diesem Spiegel!

Nur wer da wüßte, wie mein Auge sich
Erlabte an dem sel'gen Angesicht,
Als ich zu andrer Sorge jetzt mich wandte,

Der würd' einsehn, mit welcher Freude ich
Der himmlischen Begleiterin gehorchte,
Das eine mit dem andern wohl abwägend.

In dem Krystalle, der die Welt umkreist
Und trägt den Namen seines hohen Führers,
In dessen Reich die Bosheit einst erstorben,

Sah eine Leiter ich von goldner Farbe,
Von Licht durchleuchtet, so hoch aufgerichtet,
Daß meine Augen ihr nicht folgen konnten.

Ueber die Stufen sah hinab ich steigen
So viele Schimmer, daß ich meint', es wären
Des Himmels Lichter alle dort ergossen.

Und wie, dem Triebe folgend der Natur,
Die Krähen allzumal bei Tages Anbruch
Ihr kalt Gefieder durch Bewegung wärmen,

Die einen fortziehn ohne Wiederkehr,
Andre zurück, woher sie kamen, fliegen,
Und andre kreisend an dem Ort verbleiben:

So schien es mir in jenem Funkeln auch
Hier zuzugehen, das mitsammt gekommen,
Wenn es an einem Punkt zusammen traf.

Der Glanz, der sich am nächsten mir verhielt,
So leuchtend ward er, daß ich in Gedanken,
Wohl seh' ich, sprach, welch' Liebe du mir zeigst.

Doch die, von der das Wie und Wann des Redens
Und Schweigens ich entnehme, schweigt, weshalb
Wünsch' ich es auch, ich wohl thu nicht zu fragen.

Darob sie, die mein Schweigen wohl erkannte,
Im Schauen dessen, der da alles schaut,
Zu mir sprach: Stille deinen heißen Wunsch!

Und ich begann: Nicht mein Verdienst ist es,
Das werth mich deiner Antwort macht, indeß
Um die, welche das Fragen mir erlaubt,

Laß, sel'ger Geist, der du dich selbst verbirgst
In deiner Wonne, laß jetzt kund mir werden
Den Grund, der dich so nahe zu mir führt!

Und sag', warum in diesem Kreise schweiget
Die süße Symphonie des Paradieses,
Die also fromm klingt in den andern drunten.

Dein Hören und dein Sehn ist sterblich noch,
Antwortet' er, drum aus dem Grund, weshalb
Beatrix nicht gelacht, singt man hier nicht.

Hinab die Sprossen dieser heil'gen Leiter
Stieg ich so tief, nur um dich zu begrüßen
Mit Red' und mit dem Licht, das mich umkleidet.

Nicht größre Liebe machte eil'ger mich;
Denn gleiche Lieb' und größre glüht hier oben,
Wie dieses Flammen es dir offenbart.

Die hohe Liebe, die zu eil'gen Dienern
Des Raths uns macht, deß der die Welt beherrscht,
Sie ist's, die uns bestimmt, wie du es wahrnimmst.

Ich sehe wohl, sprach ich, du heil'ge Leuchte,
Wie freie Lieb' in diesem Hof genügt,
Der ew'gen Vorbestimmung nachzufolgen;

Das aber ist es, was mir zu begreifen
Schwer wird, warum von den Genossen allen
Vorherbestimmt du wardst zu diesem Dienst.

Noch war zum letzten Wort ich nicht gekommen,
Als auch das Licht, gleich einem schnellen Mühlstein,
Um seine Mitte sich zu drehn begann.

Drauf sprach die Liebe, die darinnen war:
Es strahlt göttliches Licht auf mich herab,
Das Licht durchdringend, das mich hier umschließt,

Deß Kraft, mit meinem Schaun verbunden, mich
So über mich erhebet, daß ich schaue
Die höchste Wesenheit, von der es ausstrahlt.

Daher die Wonne, die mich so entflammet,
Daß meinem Schauen, je nachdem es klar ist,
Der Flamme Klarheit gleich zu machen strebe.

Doch auch die Seele, die am meisten glänzet,
Der Seraph, der in Gott am tiefsten schaut,
Er könnte deiner Frage nicht genügen.

Denn was du fragst, verbirgt sich in den Abgrund
Des ewigen Rathschlusses also tief,
Daß kein erschaffnes Aug' es je erblickt.

Und das berichte, wenn du wiederkehrst,
Der Welt der Sterblichen, daß sie nicht ferner
Wage nach solchem Ziel den Fuß zu richten.

Der Geist, der allhier leuchtet, dampft auf Erden;
Drum schaue, ob dort unten er vermöge
Was er nicht kann, nimmt gleich ihn auf der Himmel.

So hatten seine Worte mich bewältigt,
Daß ich die Frag' aufgab und mich beschränkte,
Demüthig ihn zu fragen, wer er wäre.

Zwischen Italiens Ufern beiden steigen
Felsen so hoch, nicht fern von deiner Heimath,
Daß weiter unten erst die Donner tönen.

Sie bilden einen Rücken, Catria
Genannt, an dessen Fuß ein Kloster liegt,
Das der Anbetung Gottes ist geweiht.

Also begann zum dritten Male er
Und fuhr dann zu mir redend also fort:
Daselbst befestigt' ich im Dienste Gottes

Mich so, daß ich mit Oel gewürzten Speisen
Mein Leben leicht erhielt in Hitz' und Kälte,
Zufrieden mit beschaulichen Gedanken.

Es trug dies Kloster für den Himmel sonst
Gar reichlich, doch jetzt ist es leer geworden,
So daß es bald sich offenbaren muß.

Allda war ich der Peter Damianus,
Und Peter Peccator war in der heil'gen
Jungfrauen Haus' am Strand der Adria.

Nur wenig sterblich Leben blieb mir noch,
Als ich zum Hut erwählt ward und gezogen,
Der übergeht vom Schlimmen zu dem Schlimmern.

Es kam einst Kephas, kam das große Rüstzeug
Des heil'gen Geistes mager und entschuht,
Die Speise nehmend von jedweder Herberg.

Von beiden Seiten wollen jetzt gestützt
Die neuen Hirten werden und geführt,
So schwer sind sie, und wollen Schleppenträger;

Sie decken mit den Mänteln ihre Zelter,
Daß unter Einem Felle gehn zwei Thiere.
O Langmuth, die du das erdulden kannst!

Bei diesem Worte sah ich viele Flämmchen
Kreisend hinab von Spross' zu Sprosse steigen,
Und jede Kreisung machte schöner sie.

Es sammelten sich all' um ihn und blieben,
Und stießen einen Schrei so lauten Tons aus,
Daß ich mit nichts es zu vergleichen wüßte,

Und nicht konnt ich's verstehn, betäubt vom Donner.


Gesang 22

Von Staunen überwältigt wandt' ich mich
Zu meiner Führerin, wie stets das Kind
Zu dem sich wendet, dem's vertraut am meisten.

Und sie, der Mutter gleich, die stets zu Hülfe
Dem blassen, athemlosen Knaben eilt
Mit Worten die ihn zu erheitern pflegen,

Sprach: Weißt du nicht, daß du im Himmel bist,
Und daß ganz heilig ist der Himmel, und
Was dort geschieht aus gutem Eifer fließt?

Wie dich verwandelt hätte der Gesang,
So wie mein Lächeln, kannst du nun ermessen,
Wenn schon der Schrei dich also hat bewegt.

Und hättest du die Bitten drin verstanden,
So würdest du die Rache schon erkennen,
Die du noch sehen wirst, bevor du stirbst.

Das Schwert des Himmels schneidet nur zu eilig
Oder zu langsam, nach der Meinung dessen,
Der wünschend oder fürchtend es erwartet.

Doch wende dich nunmehr zu anders wem!
Denn viel erlauchte Geister wirst du sehen,
Wenn du das Antlitz richtest wie ich sage.

Die Augen wandt' ich wie es ihr gefiel,
Und sah wohl hundert kleine Sphären, die
Mit gegenseit'gen Strahlen sich verschönten.

Ich stand wie einer, der in sich zurückdrängt
Den Stachel des Verlangens und nicht wagt
Zu fragen, weil zu viel zu thun er fürchtet.

Es trat nunmehr die glänzendste und größte
Von allen diesen Perlen vor, auf daß
Sie meinen Wunsch in Hinsicht ihrer stille.

Drauf hört' in ihr ich: Wenn du so wie ich
Die Liebe sähst, die unter uns erglüht,
So sprächest du deine Gedanken aus.

Doch damit du durch Warten nicht zu spät
Zum hohen Ziel gelangst, geb' ich dir Antwort
Auf den Gedanken, den du so zurückhältst.

Der Berg, auf dessen Abhang liegt Cassino,
Ward einst auf seinem Gipfel viel besucht
Von irrenden und schlecht gesinntem Volke.

Und ich war es, der da zuerst hinauftrug
Den Namen dessen, der hinab auf Erden
Die Wahrheit brachte, die uns so erhöht.

Und so viel Gnad' erglänzte über mir,
Daß ich die Orte rings umher abbrachte
Vom frevlen Dienste, der die Welt verführte.

Die andern Feuer alle hier sie waren
Beschauliche, entzündet von der Gluth
Die heil'ge Blüthen so wie Frücht' erzeugt.

Hier ist Makarius, hier ist Romuald,
Hier sind die Brüder mein, die sich in Klöster
Begaben, und die fest das Herz bewahrten.

Und ich zu ihm: Die Liebe, die du zeigest
Sprechend mit mir, so wie die güt'gen Blicke,
Die ich seh' und bemerk' in euren Gluthen,

Hat meine Zuversicht so weit entfaltet,
Wie Sonnenlicht die Rose, wenn sie sich
So weit eröffnet als sie es vermag.

Drum bitt' ich dich, und, Vater, gieb du mir
Gewißheit, ob die Gnade mir kann werden,
Daß ich dich schau' in unverhülltem Bilde.

Worauf er: Bruder, dein erhabnes Sehnen
Wird in der letzten Sphär' erfüllet werden,
Wo jedes andr' und meines sich erfüllen.

Dort ist vollkommen reif und ganz erfüllt
Jedwedes Sehnen, und nur dort allein
Ist jeder Theil da, wo er ewig war,

Weil sie im Raum nicht ist und sich nicht umschwingt;
Und unsre Leiter reicht bis da hinauf,
Weshalb sie deinem Aug' sich so entzieht.

Bis dort hinauf sah einst der Patriarch
Jakob sie reichen mit dem obern Theile,
Als sie erschien mit Engeln so beladen.

Sie zu ersteigen trennt jedoch jetzt keiner
Die Füße von der Erd', und meine Regel
Dient zur Vergeudung des Papiers dort unten.

Die Mauern, die Abteien einst gewesen,
Sind Räuberhöhlen jetzo, und die Kutten
Säcke geworden voller schlechten Mehls.

Doch schwerer Wucher selbst trotzt nicht so sehr
Dem Willen Gottes, als die Frucht es thut,
Welche der Mönche Herz so thöricht macht.

Denn alles, was die Kirche hat, gehört
Dem Volke, das um Gottes Willen bittet,
Nicht den Verwandten und wohl Schlimmern noch.

Das Fleisch der Sterblichen ist also schwach,
Daß guter Anfang unten nicht genügt,
Um von der jungen Eiche Frucht zu ernten.

Petrus fing ohne Gold und Silber an,
Und mit Gebeten und mit Fasten ich,
So wie mit Demuth Franz seine Gesellschaft.

Und siehst du auf den Ursprung eines jeden,
Und schaust du dann, wohin es ist gerathen,
Wirst du aus Weiß es Schwarz geworden sehen.

Wohl war ein größres Wunder noch zu schauen,
Der Jordan rückwärts fließend und das Meer
Auf Gottes Wink entfliehn, als hier die Hülfe.

So er zu mir und schloß an die Genossen
Sich wieder an, die selbst sich sammelten;
Dann zog wie Wirbelwind alles empor.

Die süße Herrin trieb mit einem Winke
Mich hinter sie empor auf dieser Leiter,
Mit ihrer Kraft meine Natur besiegend.

Nie gab's hier unten, wo man auf- und absteigt
Naturgemäß so schnell eine Bewegung,
Die sich mit meinem Flug vergleichen ließe.

So wahr ich, Leser, einst zu diesem frommen
Triumphe kommen mög', um den ich oft
Beweine meine Sünd' die Brust mir schlagend,

Du könntest nicht den Finger in das Feuer
So schnell thun und hinaus, als ich das Zeichen,
Das auf den Stier folgt, sah und auch darin war.

Glorreiche Sterne, Licht mit großer Kraft
Geschwängert, dem was ich an Geist besitze,
Ich alles zu verdanken gern bekenne,

Mit euch ging auf, mit euch verbarg sich wieder
Die so die Mutter alles ird'schen Lebens,
Als ich zuerst Toskana's Luft genossen.

Und dann, als mir die Gnade ward gewährt,
Die Kreisung zu betreten, die euch trägt,
Ward eure Gegend mir auch zugetheilt.

Zu euch seufzt meine Seele jetzt empor
Mit frommem Sinn, auf daß sie Kraft gewinne
Zum hohen Werk, das sie in Anspruch nimmt.

Du bist so nah dem höchsten Heil gekommen,
Begann Beatrix jetzt, daß deine Augen
Wohl hell und scharf müssen geworden sein.

Deshalb eh' tiefer du dich drin versenkest,
Sende den Blick hinab, damit du sehest,
Welch Stück der Welt schon unter deinen Füßen!

Damit dein Herz so freudig als nur möglich
Sich dem Triumphzuge darbieten möge,
Der durch die Himmelswölbung froh daher kommt.

Durch alle sieben Sphären kehrte nun
Mein Blick zurück, und unsern Erdball sah
So winzig ich, daß ich drob lächeln mußte.

Und den Rath muß ich als den besten loben,
Der ihn am mind'sten schätzt, und wahrhaft weise
Nennt man wohl den, deß Sinn auf andres geht.

Latone's Tochter sah entzündet ich
Ohne den Schatten, der mich einst veranlaßt
Daß ich für dicht und locker sie gehalten.

Den Anblick deiner Tochter, Hyperion,
Ertrug ich dort, und sah, wie sich bewegen
In ihrer Näh' umher Dion' und Maja.

Nun ward mir Jovis Mäßigung begreiflich
Zwischen dem Sohn und Vater, nun verstand ich
Den Wechsel ihrer Stellung, den sie üben.

Und alle sieben zeigten sich mir nun,
Wie sie so groß, wie schnell ihre Bewegung,
Und wie entfernt ihr Abstand von einander.

Die kleine Fläche, die so stolz uns macht,
Sah von den Bergen zu den Küsten ich,
Mich mit dem ew'gen Zwillingspaar umschwingend,

Dann zu den schönen Augen wandt' ich meine.


Gesang 23

So wie das Vöglein, das im süßen Laube
Im Neste seiner lieben Kleinen hat
Die Nacht geruht, die uns die Dinge birgt,

Um den ersehnten Anblick bald zu haben,
Und Nahrung aufzusuchen für die Seinen,
Wobei ihm schwere Mühe süß erscheint,

Der Zeit voran eilt auf dem offnen Zweige,
Mit glühender Begier die Sonn' erwartend,
Scharf hinschauend, sobald es dämmert nur:

So stand jetzt aufgerichtet meine Herrin,
Und aufmerksam der Gegend zugewandt,
Wo minder Eil' die Sonne pflegt zu zeigen.

So daß, als ich erwartend und voll Sehnsucht
Sie sah, mir ward wie dem, der anders möchte,
Und seinen Wunsch mit Hoffnung doch beruhigt.

Doch kurze Zeit verging nur zwischen beiden,
Den Worten nämlich, sag' ich, und dem Sehen,
Wie sich der Himmel immer mehr erhellte.

Und Beatrice sprach: Sieh da die Schaaren
Von dem Triumphe Christi, und die Frucht ganz
Gesammelt aus dem Kreisen dieser Sphären.

Mir schien's, als ob ihr Antlitz ganz erglühte,
Und so voll Wonne waren ihre Augen,
Daß ich es ohne Worte übergehn muß.

Gleichwie in heitern Vollmondsnächten Trivia
Zwischen den andern ew'gen Nymphen lächelt,
Welche des Himmels Theile alle schmücken,

Sah über tausende von Leuchten ich,
Sie all' entzündend, eine Sonne strahlen,
Wie's unsre mit den Himmelslichtern thut.

Und durchs lebhafte Licht hindurch erglänzte
Die leuchtende Substanz in solcher Klarheit
In's Auge mir, daß ich es nicht ertrug.

O süße, theure Führerin Beatrix!
Sie sprach zu mir: Das, was dich überwältigt,
Ist eine Kraft, der keiner widersteht.

Hier ist die Weisheit und hier ist die Macht,
Welche die Wege zwischen Erd' und Himmel
Eröffnete, die man so lang' ersehnt.

So wie das Feuer aus der Wolke bricht,
Weil es sich dehnend nicht mehr Raum drin hat,
Und gegen seine Art zur Erde strebt:

So trat mein Geist, von diesen Festgenüssen
Größer geworden, aus sich selbst hervor,
Und wie ihm ward, vermag ich nicht zu sagen.

Oeffne die Augen und schau wie ich jetzt bin!
Denn solche Dinge sahst du, daß du fähig
Nunmehr sein mußt mein Lächeln zu ertragen.

Ich war wie Einer, dem's Gefühl erwacht
Vergeßner Anschauung, und der vergebens
Sie in's Gedächtniß sucht zurückzurufen.

Bei diesem Anerbieten, das so würdig
Des höchsten Dankes, daß er nie erlischt
Im Buch, das die Vergangenheit auszeichnet,

Und tönten alle Zungen mir zu Hülfe,
Die Polyhynmia nebst ihren Schwestern
Mit ihrer süßesten Milch je genährt,

So würden doch kein Tausendstel der Wahrheit
Erreichen sie, das Lächeln zu besingen,
Das nun das heil'ge Angesicht verklärt.

So muß die Schilderung des Paradieses
Das heilige Gedicht hier überspringen,
Wie wer den Weg ihm abgeschnitten findet.

Doch wer's Gewicht des Gegenstands erwägt,
Das meine Schulter, sterblich noch, soll tragen,
Würd' es nicht tadeln, wenn ich drunter bebe.

Was hier der kühne Kiel durchschneiden muß,
Ist nicht ein Meer für einen kleinen Kahn,
Noch für 'nen Schiffer, der sich selber schont.

Weshalb doch fesselt dich mein Antlitz so,
Daß du nicht hinschaust nach dem schönen Garten,
Der unter Christi Strahlen dort erblüht?

Dort ist die Ros', in der das Wort einst Fleisch
Geworden ist, und dorten sind die Lilien,
Bei deren Dust den rechten Weg man einschlug.

So Beatric', und ich, der ich so ganz
Bereit war ihrem Rath zu folgen, gab mich
Dem Kampf der schwachen Augen wieder hin.

Wie mein beschattet Aug' wohl schon gesehn
Ein Blumenbeet im Lichte eines Strahles,
Der aus gebrochner Wolke rein hervortrat:

So sah von Schimmern viele Haufen ich
Von glühnden Strahlen obenher erleuchtet,
Ohne den Quell des Lichtes zu erschauen.

O güt'ge Macht, die du sie so durchdringest,
Du warst emporgestiegen, daß mein Auge,
Ohnmächtig sonst, zum Sehen Raum gewänne.

Der schönen Blume Namen, den ich stets
Anrufe früh und spät, trieb ganz mich an,
Das größte Feuer hier zu unterscheiden.

Und als des edlen Sternes Glanz und Größe,
Der oben siegt, wie er hier unten siegte,
In beiden Augen sich mir abgespiegelt,

Sah ich vom Himmel eine Fackel steigen,
Die einen Kreis, gleich einer Krone, machte,
Den Stern umgürtend und sich um ihn drehend.

Die süßeste der Melodien auf Erden,
Und die am meisten unsern Geist bezaubert,
Sie schien' ein Donner, der die Wolke sprengt,

Verglichen mit den Tönen jener Leier,
Die den schönen Sapphir bekrönt, von welchem
Der höchste Himmel seine Bläu' entlehnt.

Die Engelsliebe bin ich, die da kreisend
Die Freude feiert, die von deinem Leibe
Ausstrahlet, der Herberg' einst unsrer Sehnsucht;

Und kreisen werd' ich, Königin des Himmels,
So lang' dem Sohn du folgst und göttlicher
Die höchste Sphare machst durch deinen Eintritt.

Mit diesen Worten ward der kreisende
Gesang beschlossen, und die andern Lichter
Ließen zumal Maria's Nam' ertönen.

Der königliche Mantel aller Sphären
Der Welt, der von dem Hauch und Wesen Gottes
Am meisten wird entzündet und belebt,

Hatte die innere Seite über uns
So hoch erhoben, daß sein Anblick noch
Mir nicht erschien am Orte, wo ich war.

Drum hatten meine Augen nicht die Macht
Zu folgen der gekrönten Flamme, welche
Sich ihrem Sohne nach erhoben hatte.

Und wie das Kindlein, wenn's die Milch genossen,
Die Arme strecket nach der Mutter hin
Vor Liebe, die im Aeußern auch sich kund giebt,

So streckte jedes dieser Lichter sich
Mit seiner Spitz' empor, daß ihre Liebe
Zu der Maria mir ward offenbar.

Vor meinem Antlitz blieben dann sie dort
Regina coeli singend so holdselig,
Daß nie die Lust daran mich hat verlassen.

O welcher Ueberfluß ist's, der sich häufet
In diesen reichen Kisten, die hier unten
Den Samen auszustreun einst eifrig waren!

Hier lebt man von dem Schatz und man genießt ihn,
Den weinend man gewonnen im Exile
Von Babylon, wo man das Gold gelassen.

Hier freut sich seines Sieges unter Gottes
Und der Maria Sohn, mit allen Sel'gen
Des alten und des neuen Bundes, der

Da hält die Schlüssel solcher Herrlichkeit.


Gesang 24

O Tischgenossen, auserwählt zum großen
Mahle des heil'gen Lammes, das euch speiset,
Daß euer Wunsch beständig ist befriedigt:

Wenn aus besondrer Gnade dieser schon
Genießt von dem, was fällt von eurem Tische,
Bevor der Tod die Zeit ihm vorgeschrieben,

So achtet wohl auf sein unendlich Sehnen!
Bethauet ihn ein wenig! ihr ja trinket
Immer vom Quell, aus dem sein Denken stammt.

So Beatric', und jene frohen Seelen,
Mächtig erstrahlend gleich Kometen, machten
Zu Sphären sich um feste Pole drehend.

Und wie die Räder im Gefüg der Uhren
Dem Blick sich so darstellen, daß das erste
Zu ruhen scheint, das letzt' aber zu fliegen:

So ihren Reigen auf verschiedne Weise
Schnell oder langsam führend, ließen sie
Mich schließen auf den Reichthum ihrer Liebe.

Und aus dem Reigen, der der schönste schien,
Sah ich vortreten ein so sel'ges Feuer,
Daß keins von größrer Klarheit drin zurückblieb.

Und um Beatrix schwang es dreimal sich
Mit einem so ganz göttlichen Gesange,
Daß mein' Erinnrung mir's nicht wieder sagt.

Drum schreib ich's nicht, es überspringt's die Feder;
Denn unsre Einbildung, geschweige denn
Das Reden ist zu grell für solche Tiefen.

O meine heil'ge Schwester, die so fromm
Uns bittest, daß durch deine glühnde Liebe
Von dieser schönen Sphäre du mich trennst!

Nachher, als das gebenedeite Feuer
Stillstand, den Hauch an meine Herrin richtend,
Sprach es genau so, wie ich es gesagt.

Und sie: O ew'ges Licht des großen Mannes,
Dem unser Herr die Schlüssel dieser Wonne,
Die er hinabgebracht, gelassen hat,

Prüfe hier diesen, wie es dir beliebt,
Ueber des Glaubens schwer' und leichte Punkte,
Durch welchen auf dem Meere du gewandelt.

Ob er recht liebt, ob er recht hofft und glaubet,
Das ist dir nicht verborgen, da du hinschaust,
Da wo jedwedes Ding ist abgebildet.

Allein da dieses Reich durch wahren Glauben
Bürger erlangt, ist's gut, daß ihm gewähret,
Zum Ruhm des Glaubens sich hier auszusprechen.

Wie schweigend sich der Baccalaureus rüstet,
Während der Meister erst die Frage aufwirft,
Sie festzustellen, nicht sie zu entscheiden:

So waffnet' ich mit allen Gründen mich,
Während sie sprach, daß Red' ich möchte stehen
Solch einem Frager und solchem Bekenntniß.

Sprich, guter Christ, und gieb dich zu erkennen!
Was ist der Glaub'? Und ich erhob die Stirn
Zu seinem Licht, aus welchem dieses hauchte.

Drauf wandt' ich mich zu Beatrix, und sie
Winkte mir schnell zu, daß ausströmen ich
Das Wasser ließe meines innren Quelles.

Die Gnade, sprach ich, die es mir gewährt
Zu beichten vor dem hohen Glaubenshelden,
Helfe mir, deutlich meinen Sinn aussprechen.

Und fuhr dann fort: Wie der wahrhaft'ge Griffel
Von deinem theuren Bruder uns geschrieben,
Der Rom mit dir bracht' auf den rechten Weg,

Ist Glaube Zuversicht verhoffter Dinge,
Und giebt Beweis noch nicht erschienener:
Das scheint mir seine Wesenheit zu sein.

Darauf vernahm ich: Richtig urtheilst du,
Wenn du verstehst, warum er zu den Dingen
Wie zu Beweisen ihn gerechnet auch.

Und ich versetzte drauf: Die tiefen Dinge,
Die ihren Anblick mir allhier gewähren,
Sind vor den Augen unten so verborgen,

Daß ihr Dasein nur auf dem Glauben ruht,
Aus welchem hohe Hoffnung sich dann gründet,
Weshalb er zu den Dingen ihn gerechnet.

Von diesem Glauben aus müssen wir dann,
Ohn' andres Schaun zu haben, weiter schließen;
Weshalb zu den Beweisen er gehört.

Darauf hört' ich: Wenn so verstanden würde,
Was unten man durch Wissenschaft erwirbt,
Bliebe nicht Raum für des Sophisten Künste.

So hauchte es aus dieser glühnden Liebe;
Drauf fuhr es fort: Recht gut hast du bestimmt
Das Korn und das Gewicht von dieser Münze,

Doch sage mir, ob du sie hast im Beutel?
Und ich: Ja wohl, so leuchtend und so rund,
Daß mir nichts zweifelhaft bleibt am Gepräge.

Darauf vernahm ich aus dem tiefen Lichte,
Das dort erglänzte: Dieses theure Kleinod,
Auf welches jede Tugend ist gegründet,

Woher kam dir's? Und ich: Der reiche Segen
Des heil'gen Geistes, der da ausgegossen
Ueber die alten und die neuen Bücher,

Hat durch Vernunftschluß diesen Glauben mir
So scharf bewiesen, daß jeder Beweis
Damit verglichen mir nur stumpf erscheint.

Darauf hört' ich: Der alte und der neue
Ausspruch, der dich zu diesem Schluß geführt,
Warum hältst du ihn denn für Gottes Wort?

Und ich: Was mir die Wahrheit hat erschlossen,
Die Werke sind's, zu denen die Natur
Nie Eisen glühte noch den Ambos schlug.

Mir ward erwidert: Wer versichert dich,
Daß auch geschehn die Werke? niemand doch,
Als was noch zu beweisen, schwört es dir.

Und ich: Hat sich die Welt zum Christ bekehrt
Ohne die Wunder, so ist dieses Eine
Wohl hundertfach den andern überlegen.

Denn arm und nüchtern bist du eingetreten
Ins Feld, die gute Pflanze auszusäen,
Die Weinstock einst, jetzt Dornstrauch ist geworden.

Als dies beendigt, ließ der heil'ge Hof
Ein Gott dich loben wir durch alle Sphären
Ertönen, in der Weise wie man dort singt.

Und jener Fürst, der so von Zweig zu Zweig
In seiner Prüfung mich gezogen hatte,
Daß wir den letzten Blättern jetzt uns nahten,

Fing wieder an: Die Gnade, die so freundlich
Sich deinem Geist erweist, hat dir den Mund
Geöffnet, wie es sein muß, bis hierher,

So daß ich bill'ge, was ans Licht gekommen.
Nun aber mußt du sagen, was du glaubest,
Und woher deinem Glauben es sich darbot.

O heil'ger Vater, Geist, der du jetzt siehst,
Was du einst so geglaubt, daß deine Füße
Zum Grabe eilend jüngre überwanden,

Begann ich, du willst, daß ich offenbare
Den Inhalt meines will'gen Glaubens hier,
Und fragst auch nach dem Grund von diesem Glauben.

So antwort' ich: Ich glaub an einen Gott,
Der ewig, einig, unbewegt, aus Sehnsucht
Und Liebe nur bewegt den ganzen Himmel.

Für diesen Glauben habe ich Beweise,
Physisch' und metaphysische nicht nur,
Nein, auch die Wahrheit lehrt ihn die von hier träuft

Durch Mosen, die Propheten und die Psalmen,
Durch's Evangelium und was ihr geschrieben,
Befruchtet von der Gluth des heil'gen Geistes.

Und an drei ewige Personen glaub' ich,
So Eines Wesens, und so dreifach doch,
Das sie verbunden Sind und Ist ertragen.

Und dieses tiefe Wesen Gottes, das
Ich hier berührt, wird meinem Geiste oft
Durch evangel'sche Lehren eingeprägt.

Das ist der Urquell, und das ist der Funken,
Der zur lebend'gen Flamme ausgebreitet,
Gleich einem Stern am Himmel in mir funkelt.

So wie der Herr, der hört was ihm gefällt,
Glückwünschend seinen Diener dann umarmt
Wegen der Botschaft, sobald jener schweigt,

So segnend mit Gesang mich, als ich schwieg,
Schwang dreimal sich das apostol'sche Licht
Um mich, auf deß Besehl ich hier gesprochen:

So sehr gefiel ich ihm in meiner Rede.


Gesang 25

Geschieht es jemals, daß die heil'ge Dichtung,
An welche Hand gelegt Himmel und Erde,
Und die viel Jahre mager mich gemacht,

Die Grausamkeit besieget, die mich ausschließt
Vom süßen Stall, wo ich als Lamm geschlafen
Den Wölfen feindlich, die ihn noch bekämpfen,

Werd' ich mit andrer Stimm' und andrem Haare
Als Dichter wiederkehren, und am Borne
Wo ich getauft, den Lorbeerkranz empfangen.

Denn in den Glauben, der die Seelen Gotte
Kund giebt, bin ich dort eingetreten und
Deshalb umkreiste Petrus meine Stirn.

Darauf bewegt' ein Licht sich auf uns zu
Aus jener Schaar, aus welcher war der Erstling
Der Stellvertreter Christi hergekommen.

Und meine Herrin voller Wonne sprach
Zu mir: Schau hin! schau hin! das ist der Fürst,
Um den man unten pilgert nach Galizien.

Wie wenn die Taube neben den Gefährten
Sich setzt, und beide kreisend nun und girrend
Die gegenseit'ge Liebe offenbaren:

So sah den einen von dem andern ich
Dieser glorreichen Fürsten aufgenommen,
Die Speise lobend, die man dort genießt.

Als aber die Begrüßung war beendigt,
Setzte sich jeder schweigend coram me,
So feurig, daß mein Aug' es nicht ertrug.

Beatrix aber lächelnd sprach darauf:
Erlauchter Geist, der die Freigebigkeit
Von diesem Königshof du hast beschrieben,

Laß Hoffnung nun in dieser Höh' ertönen!
Du weißt, du stellst sie dar, so oft der Herr
Den Dreien größre Klarheit offenbarte.

Erheb' das Haupt und fasse Zuversicht!
Denn was hinaufkommt von der ird'schen Welt,
Das muß in unsren Strahlen sich erst reifen.

Sothan' Ermuntrung kam vom zweiten Feuer
Zu mir; drob ich die Augen zu den Höhen
Erhob, deren Gewicht sie früher senkte.

Da unser Kaiser will, daß du aus Gnaden
Mit seinen Fürsten vor dem Tode noch
In dem geheimsten Hof zusammentreffest,

Auf daß du, der die Wahrheit dieses Hofes
Geschaut, die Hoffnung, die die Sterblichen
Entzückt, in dir und andern stärken mögest,

Sag' was sie ist, und wie dein Geist mit ihr
Sich schmückt und wie sie ist zu dir gekommen,
So fuhr das zweite Licht zu reden fort.

Und jene Fromme, die zum hohen Fluge
Die Federn meiner Flügel mir gerichtet,
Kam mit der Antwort also mir zuvor:

Es hat mit mehr Hoffnung wohl keinen Sohn
Die Kirche. die noch streitet, wie geschrieben,
In jener Sonne, die uns all' bestrahlt,

Deshalb ist ihm gewährt, daß aus Aegypten
Zum Schaun er nach Jerusalem gelange,
Eh' noch der Kriegsdienst ihm ist abgelaufen.

Die beiden andern Punkte, wonach du
Gefragt, nicht um's zu wissen, nur damit er
Berichte, wie dir diese Tugend theuer,

Die überlaß' ich ihm; sie sind nicht schwer
Noch Ruhmes werth; er mag drauf Antwort geben
Und Gottes Gnade mög' ihm dabei helfen.

So wie ein Schüler seinem Lehrer folgt
Mit Freuden, schnell in dem was er gelernt,
Daß seine Tüchtigkeit sich offenbare:

Hoffnung, sprach ich, ist festiglich Erwarten
Zukünft'ger Herrlichkeit, das da hervorgeht
Aus Gottes Gnad' und früherem Verdienst.

Aus vielen Sternen kommt mir dieses Licht;
Doch der träuft' es zuerst mir in das Herz,
Der höchster Sänger war des höchsten Führers.

Sperent in te, sagt er im hohen Loblied,
Diejenigen, die deinen Namen kennen,
Und wer, der meines Glaubens, kennt ihn nicht?

Mit seinem Träufeln hast du mich beträufelt
In deinem Briefe, daß ich so erfüllet
Auf andre euren Regen strömen lasse.

Während ich sprach, erzückt in dem lebend'gen
Innern von jener Feuersbrunst ein schnelles
Und häuf'ges Leuchten, ganz nach Blitzes Art.

Drauf er zu mir: Die Liebe, die mich noch
Erfüllt zu jener Tugend, die mir folgte
Beim Ausgang aus dem Kampfe bis zum Siege,

Verlangt, daß ich zu dir, der Freude du
An ihr hast, rede, und es wird mir lieb sein,
Sagst du, was jene Tugend dir verheißet.

Und ich: Die neuen und die alten Schriften
Stellen das Ziel auf. Zeig' es mir! sprach er.
Es sagt Jesaias von den Seelen, die

Zu Freunden Gott sich machte, daß sie würden
In ihrem Land doppelt gekleidet sein;
Und dieses süße Leben ist ihr Land.

Und auch dein Bruder hat ausführlicher,
Da, wo er von den weißen Kleidern spricht,
Noch diese Offenbarung uns verkündigt.

Zuerst, dem Schlusse dieser Worte nahe,
Ward Sperent in te über uns gehört,
Worauf die Reigen all' erwiderten

So dann entflammt' ein Licht sich unter ihnen,
Daß. glänzt' ein solches in dem Krebs, so hätte
Der Winter einen Mond von einem Tag.

Und wie die Jungfrau heiter aufsteht und
Tritt in den Reigen, nicht aus Eitelkeit,
Nur um der Braut die Ehre zu erweisen,

So sah ich das verklärte Licht sich nähern,
Den beiden, die im Kreise sich bewegten,
Wie sich's für ihre glühnde Liebe schickte.

Es schloß sich an die Wort' und an die Weis' an;
Und meine Herrin hielt den Blick auf sie,
Gleich einer Braut schweigend und unbeweglich.

Das ist derjen'ge, der geruht am Busen
Von unserm Pelikan, und dieser ward
Vom Kreuz herab zum großen Amt erwählt.

So meine Herrin, doch veranlaßten
Sie ihre Worte weder jetzt noch früher
Die aufmerksamen Augen abzuwenden.

Gleich dem, der hinschaut und der sich bemüht
Die Sonn' etwas verfinstern sich zu sehen,
Und durch sein Sehn nichtsehend ist geworden:

So ging es mir mit jenem letzten Feuer,
Bis mir gesagt ward: Was verblendst du dich
Etwas zu schauen, was nicht statt hier findet?

Erd' ist mein Leib auf Erden und wird's bleiben
Mit allen andern, bis daß unsre Zahl
Dem ew'gen Vorsatz gleich gekommen ist.

Mit beiden Kleidern sind im sel'gen Chore
Allein die beiden, die emporgestiegen,
Und das magst du verkünd'gen eurer Welt.

Still stand bei diesem Wort die entflammte
Kreisung, zugleich schwieg auch die süße Mischung
Des Tones aus dreifachem Hauch entstanden,

Wie um Gefahr und Mühe zu vermeiden
Die Ruder, die das Wasser erst geschlagen,
Nun alle ruhn auf einer Pfeife Ton.

Ha! wie ward ich in meinem Geist erschüttert,
Als ich mich wandt' um Beatrix zu schauen,
Und sie nicht konnt' erblicken, obgleich ich

An ihrer Seit' und in der sel'gen Welt.


Gesang 26

Während ich bangt' ob der erloschnen Sehkraft,
Kam aus der Flammengluth, die sie geblendet,
Ein Hauch, der aufmerksam mich machte, sprechend:

Indeß, daß zum Besitz der Sehkraft du,
Die du an mir verloren, wiederkommest,
Ist's gut, daß Reden dir Ersatz gewähre.

So fang denn an und sag', wo deine Seele
Hinzielt, und rechne drauf, daß deine Sehkraft
Geblendet wohl, doch nicht erloschen ist.

Denn deine Herrin, die dich führt durch diese
Himmlische Gegend, hat in ihrem Blicke
Die Kraft, die Ananias Hand gehabt.

Und ich: Mag denn bald oder spät nach ihrem
Belieben Hülfe meinen Augen kommen,
Durch die einzog das Feu' r, von dem ich glühe.

Das Gut, das diesen Hof beseligt,
Anfang und Ende ist's von jeder Schrift,
Die mir laut oder leise Lieb' empfiehlt.

Dieselbe Stimme, welche meine Furcht
Beschwichtigt ob dem plötzlichen Erblinden,
Veranlaßte mich noch zu weiterer Rede,

Und sprach zu mir: Noch durch ein engres Sieb
Mußt läutern deine Meinung du und sagen,
Wer deinen Bogen auf dies Ziel gerichtet.

Und ich: Durch philosoph'sche Gründe, so
Wie durch Belehrung, die von hier herabkommt,
Muß diese Liebe eingeprägt mir werden,

Denn alles Gut, wenn es als gut erkannt wird,
Entzündet Liebe, und das um so mehr,
Je mehr des Guten es in sich enthält.

Drum muß zu jenem Wesen, das so einzig,
Daß jedes Gut, das außer ihm sich findet,
Nichts andres als ein Strahl von seinem Licht ist,

Mehr als zu jedem andern sich der Geist
Dessen in Liebe wenden, der erkennt
Die Wahrheit, die in diesem Schlusse liegt.

Die Wahrheit offenbaret meinem Geiste
Derjenige, der mir die erste Liebe
Der ewigen Substanzen allen zeigt.

Das offenbaret des Wahrhaft'gen Stimme,
Welche zu Mose, von sich redend, sagt:
Ich will des Guten Inbegriff dir zeigen.

Das offenbarst auch du, den hohen Ruf
Beginnend, so wie das Geheimniß du
Des Himmels unten laut verkündigest.

So richtet menschliche Vernunft, hört' ich,
Im Einklang mit göttlicher Offenbarung,
Das Höchste deiner Liebe denn auf Gott.

Doch sag', ob du von andern Saiten noch
Zu ihm gezogen wirst, daß du aussprechest,
Mit wie viel Stacheln dich treibt diese Liebe.

Mir blieb die heil'ge Absicht nicht verborgen
Des Adlers Christi; ich erkannte wohl,
Wohin er mein Bekenntniß lenken wollte.

Deshalb begann ich wieder: Alle Stacheln,
Die je ein Menschenherz zu Gott getrieben,
Haben zu meiner Liebe mitgewirkt.

Der Welt Dasein, so wie mein eignes Dasein,
Der Tod, den Er, damit ich leb', erduldet,
Und was jedweder Gläub'ge hofft wie ich,

Verbunden mit jener lebend'gen Kenntniß,
Haben mich aus dem Meer der schlechten Liebe
Zum Strand der rechten Liebe hingeführt.

Das Laub, womit belaubt der ganze Garten
Des ew'gen Gärtners, lieb' ich in dem Maaße,
Als Gutes ihm vom Gärtner wird gewährt.

Sobald ich schwieg, ertönte durch den Himmel
Ein süßester Gesang, und meine Herrin
Sprach mit den andern: Heilig, heilig, heilig!

Und wie beim scharfem Licht der Schlaf entweicht,
Weil sich des Auges Geist zum Glanze wendet,
Der eingedrungen ist durch alle Hüllen,

Und den Erwachten das Gesehne schrecket,
So unbewußt ist plötzliches Erwachen,
Bis ihm die Urtheilskraft zu Hülfe kommt:

So reinigte Beatrix mir die Augen
Von jedem Stäubchen, durch den Blick der ihren,
Die über tausend Meilen hin erglänzten.

Von da an sah ich besser als vorher,
Und wie erstaunt fragt' ich nach einem vierten
Lichte, das ich in unsrer Nähe sah.

Und meine Herrin: Innen jener Strahlen
Lächelt zum Schöpfer hin die erste Seele,
Welche die erste Kraft jemals geschaffen.

Dem Laube gleich, das seine Spitze neigt
Beim Hauch des Windes, und sich dann aufrichtet
Durch seine eigne Kraft, die es erhebt:

So ging es mir, während sie also sprach,
Erst staunend, dann von einem Wunsch zu reden,
Der in mir glühte, Zuversicht gewinnend.

Und ich begann: O du Urvater, der
Allein als reife Frucht geschaffen ward,
Dem jede Gattin Tochter ist und Schnur!

So fromm als ich vermag ersuch' ich dich,
Sprich doch mit mir, du kennest meinen Wunsch,
Den ich verschweig', um früher dich zu hören.

Es regt ein Thier sich wohl, das zugedecket,
So daß an der Bewegung seiner Hülle
Man seine Leidenschaft erkennen kann.

Und gleicherweise ließ die erste Seele
Durch ihre Hülle deutlich mich erkennen,
Wie sehr mir zu gefallen sie erfreut war.

Darauf haucht' er: Sprichst du gleich deinen Wunsch,
Dante, nicht aus, erkenn' ich ihn doch besser
Als das, was irgend dir gewiß sein mag,

Weil ich ihn schaue im wahrhaft'gen Spiegel,
In dem sich alle andern Dinge spiegeln,
Er aber sich in keinem spiegeln mag.

Du wüßtest gern, wie lang' es her, daß Gott
Mich setzt' in jenen hohen Garten, wo
Zu langer Stiege diese dich bereitet;

Wie lange sich mein Auge dran erfreut;
Den wahren Grund des großen Zornes auch,
Und welche Sprach' ich bildet' und gebrauchte.

So wisse, Sohn, das Kosten von dem Baume
War nicht an sich der Grund so langen Bannes;
Die Uebertretung nur der Schranken war es.

Dann mußt ich, wo Virgilen deine Herrin
Entsandt', viertausend und dreihundert zwei
Sonnenumschwünge dieses Heil ersehnen,

Und sah neunhundert dreißigmal die Sonne
Durch alle Zeichen wandern ihres Weges,
Während der Zeit, die ich auf Erden war.

Die Sprache, die ich redete, war schon
Gänzlich erloschen, eh' noch Nimrods Volk,
Das unvollendbare Werk unternommen,

Weil keine Wirkung menschlicher Vernunft
Von ew'ger Dauer ist, da das Belieben
Der Menschen mit dem Himmelslauf stets wechselt.

Ein Werk ist's der Natur, daß der Mensch redet,
Doch ob so oder so, das überläßt
Euch die Natur, so wie es euch gefällt.

Bevor ich zu der Höllenangst hinabstieg,
Ward El genannt das höchste Gut auf Erden,
Von dem die Wonne kommt, die mich umkleidet;

Eli hieß es nachher, und so geziemt sich's,
Denn der Gebrauch der Sterblichen ist wie
Das Laub am Zweig, das fällt und anders sprosset.

Auf jenem Berg, der sich am höchsten hebt,
War ich mit reinem und bestecktem Leben,
Nur von der ersten bis zur zweiten Stunde,

Wo Mittags ihren Stand die Sonne wechselt.


Gesang 27

Ehre dem Vater, Sohn und heil'gem Geist,
Begann nunmehr das ganze Paradies,
So daß das süße Singen mich berauschte.

Das, was ich sah, erschien mir wie ein Lächeln
Des Weltenalls, so daß meine Berauschung
Durch das Gehör und durch's Gesicht eindrang.

O Wonn', o unaussprechliches Vergnügen,
O Leben voller Lieb' und voller Frieden,
O sichrer Reichthum ohne alle Sehnsucht!

Vor meinen Augen standen die vier Fackeln
Entzündet, und die da zuerst gekommen,
Begann lebhafter noch zu leuchten jetzt.

Und ward in seinem Ansehn so beschaffen,
Wie's Jupiter sein würde, wenn mit Mars
Als Vögel beide das Gefieder tauschten.

Die Vorsehung, die hier im sel'gen Chore
Die Reihe und das Amt jeglichem zutheilt,
Hatte jetzt Schweigen überall geboten.

Und ich vernahm: Wenn ich die Farbe wechsle,
Wundre dich nicht, es wird bei meiner Rede
Jeder von diesen auch die Farbe wechseln.

Derjen'ge, der auf Erden meinen Stuhl
Sich anmaßt, meinen Stuhl, ja, meinen Stuhl,
Der vor den Augen des Sohns Gottes leer ist,

Hat meine Grabstätt' zur Kloak' gemacht.
Von Blut und Stank; darob denn der Verworfne,
Der von hier oben fiel, sich unten freut.

Mit jener Farbe, die Morgens und Abends
Die Wolke färbt, steht hinter ihr die Sonne,
Sah ich den ganzen Himmel übergossen.

Und einem sitt'gen Weibe gleich, das sicher
Zwar ihrer selbst, doch schüchtern wird, sobald sie
Nur fremden Fehltritt hört, so auch Beatrix

Verwandelte in ihrem Ansehn sich.
Und so mein' ich, verfinsterte der Himmel
Sich damals, als die höchste Macht gelitten.

Und hierauf fuhr in seinen Worten er
Mit einer Stimme fort, so sehr verwandelt,
Daß selbst sein Ansehn sich nicht mehr verändert.

Mit meinem Blut, des Linus und des Cletus,
Ist Christi Braut nicht auferzogen worden,
Um zum Erwerb von Gold gebraucht zu werden.

Nein, zum Erwerb von diesem sel'gen Leben
Vergossen Sixtus, Pius und Callistus,
Urbanus auch ihr Blut nach vielem Weinen.

Nicht unsre Absicht war es, daß zur Rechten
Unsrer Nachfolger nur ein Theil des Volkes
Der Christen säße, andere zur Linken;

Noch daß die Schlüssel, die mir anvertraut,
Feldzeichen würden in den Fahnen, die
Gegen getaufte Christen kämpfen sollten;

Noch daß zum Bild' ich würde in dem Siegel
Für lügenhafte und verkaufte Rechte,
Darob ich oft erröthe und erglühe.

In Hirtenkleidern sehn wir von hier oben
Auf allen Triften ziehn reißende Wölfe.
O Rache Gottes, warum ruhst du nur!

Es rüsten sich von unserm Blut zu trinken,
Nebst Basken, die von Cahors; und zu welchem
Schmählichen End' muß guter Anfang sinken!

Doch die erhabne Vorsicht, die durch Scipio
Für Rom den Ruhm der Welt verteidigte,
Wird hier bald helfen, wie ich es erkenne.

Und du, mein Sohn, den sterbliches Gewicht
Wieder hinabzieht, öffne deinen Mund,
Und nicht verbirg du, was ich nicht verberge!

Wie von gefrornen Dünsten unsre Luft
In Flocken niederfällt, sobald das Horn
Des Steinbocks sich berühret mit der Sonne,

So sah triumphirende Dünste ich
Den Aether schmückend jetzt empor sich ziehn,
Die mit uns hier sich aufgehalten hatten.

Ihren Gestalten folgten meine Augen
So lange, bis der Zwischenraum so groß,
Daß er das Weiterdringen nicht mehr zuließ.

Drob meine Herrin, die mich vom Emporschaun
Gelöst sah, zu mir sprach: Senke den Blick jetzt
Hinab und schau, wie du dich umgeschwungen!

Ich sah nun, daß, seit ich hinabgeschaut,
Des ersten Clima's ganzen Bogen ich
Von seiner Mitte bis zum End' durchlaufen,

So daß ich jenseits Gades des Ulysses
Thörichten Lauf, diesseits das Ufer sah,
Allwo zur süßen Last Europa wurde.

Und mehr hätt' ich gesehn von unsrer Erde,
Wäre die Sonne unter meinen Füßen
Nicht vorgerückt um mehr schon als ein Zeichen.

Der lieberfüllte Geist, der meiner Herrin
Stets huldiget, entbrannte mehr als je
Die Augen wieder zu ihr hinzuwenden.

Und wenn, was je Natur und Kunst als Köder
Im Menschenleib oder in seinem Abbild,
Augen zu fangen schuf, den Geist zu fesseln

Vereinet wär', es würd' als Nichts erscheinen
Gegen die Himmelslust, die mir erstrahlte,
Als ich zu ihrem Lächeln mich gewendet.

Und solche Kraft verliehn mir ihre Blicke,
Daß sie mich losriß von dem Nest der Leda
Und zu dem schnellsten Himmel mich emportrieb.

Die nächsten wie die höchsten seiner Theile
Gleichen sich so, daß ich nicht nennen kann
Den Ort, den Beatrix für mich gewählt.

Doch sie, die meinen Wunsch schon hatt' erkannt,
Begann, so heiter lächelnd nun, daß Gott
In ihrem Antlitz sich zu freuen schien:

Von hier beginnet, wie von seinem Ausgang,
Das Wesen der Bewegung, das beruhigt
Die Mitt' und alles rings umher bewegt.

Kein andres Wo hat dieser Himmel, als
Den Gottes-Geist, in dem die Lieb' erglühet,
Die ihn bewegt, die Kraft, die er entsendet.

Im Kreis' umfassen Liebe ihn und Licht,
Wie er die andern Kreis', und dies' Umhüllung
Begreift nur der, der ihn also umgürtet.

Nichts andres kann seine Bewegung messen;
Er aber giebt das Maß für alles andre,
Wie Zehn durch Fünf und Zwei gemessen wird.

Und wie die Zeit in diesem ihre Wurzeln,
Die Blätter in den andern Himmeln habe,
Das kannst du jetzo deutlich wohl erkennen.

O Habsucht, die die Sterblichen so tief
Hinabsenkt unter dich, daß keiner Macht hat
Das Aug' aus deinen Wellen zu erheben!

Wohl blüht der Wille in den Menschen, aber
Es wandelt doch der fortgesetzte Regen
In Hutzeln um, was ächte Pflaumen waren.

Unschuld und Glauben findet man allein
Noch bei den Kindern, beide aber fliehen,
Bevor die Wangen noch behaaret sind.

Es fastet mancher der noch stammelt wohl,
Der dann mit losgelassner Zunge schlingt
Jedwede Speise zu jedweder Zeit.

Es liebt und hört die Mutter mancher stammelnd,
Der dann, wenn seine Sprache ausgebildet,
Im Herzen wünscht begraben sie zu sehen.

So wird die Haut der schönen Tochter derer,
Die uns den Morgen bringt und läßt den Abend,
Im ersten Anblick weiß, zum dunkeln dann.

Du aber, daß es dich nicht Wunder nehme,
Wisse, daß keiner ist, der herrscht auf Erden,
Drob der Menschen Geschlecht vom Weg' abirrt.

Doch eh' noch ganz Januar verläßt den Winter,
Weil nicht beachtet wird das Hunderttheil,
Erbrüllen also diese höchsten Kreise,

Daß der Seesturm, den man erwartet, wendet
Zum Vordertheil das Hintertheil der Schiffe,
So daß nun grade wird die Flotte segeln,

Und wahre Frucht wird auf die Blüthe folgen.


Gesang 28

Nachdem über das gegenwärt'ge Leben
Der armen Sterblichen Wahrheit gesagt,
Die so den Geist mit Wonne mir erfüllt,

Da macht' ich es, wie wer im Spiegel sieht,
Die Flamme einer Kerze hinter ihm,
Bevor er dran gedacht und sie gesehen,

Der sich umwendet um zu sehen, ob
Das Glas ihm Wahrheit sagt, und sieht, daß es
Wie Melodie und Vers zusammenstimmt:

So sagt mir mein Gedächtniß, daß ich that,
Als ich mich zu den schönen Augen wandte,
Die Amor braucht' als Schlinge mich zu fangen.

Und als ich mich gewandt und nun die meinen
Das schauten, was erscheint in diesem Himmel,
Sobald man seine Kreisung recht betrachtet,

Sah einen Punkt ich, der da Licht ausstrahlte,
So scharf, daß jedes Auge, das es trifft,
Sich schließen muß wegen zu großer Schärfe.

Und auch der Stern, der uns der kleinste scheint,
Erschiene wie der Mond, wenn man ihn stellte
Dem Punkte nah, wie Stern bei Sterne steht.

So weit etwa entfernt, als uns der Hof
Das Licht scheint zu umgeben, das ihn färbet,
Wenn sich am dichtesten die Dünste zeigen,

Schien um den Punkt ein Kreis von Feuer sich
So rasch zu drehen, daß er die Bewegung,
Die um die Welt am schnellsten kreist, besiegte.

Von einem andern war dieser umgürtet,
Vom dritten der, und dieser von dem vierten,
Der vierte dann vom fünften, der vom sechsten;

Dann folgt' der siebente, so ausgedehnt schon
An Umfang, daß der ganze Bote Juno's
Nicht weit genug ihn zu umfassen wäre.

So auch der acht' und neunt', und langsamer
Bewegte jeder sich, je nachdem er
In seiner Zahl sich von der Eins entfernte.

Und dessen Flamme war die glänzendste,
Welcher dem reinen Punkte war am nächsten,
Wohl weil von ihm am meisten er durchdrungen.

Und meine Herrin, die besorgt mich sah
Und sehr in Zweifel, sprach: Von diesem Punkt hängt
Der Himmel und das ganze Weltall ab.

Schau jenen Kreis, der ihm am nächsten ist,
Und wisse, daß sein Umschwung ist so schnell
Wegen der glühnden Liebe, die ihn stachelt.

Und ich zu ihr: Wäre die Welt geordnet
Nach der Art, die ich seh' in diesem Kreise,
So würde was mir vorliegt mich befried'gen:

Doch göttlicher erscheinen in der Welt,
Der sinnlichen, die Dinge um so mehr,
Je mehr vom Mittelpunkt sie sind entfernt.

Drum, soll mein Sehnen ganz gestillet werden,
In diesem wundervollen Engelstempel,
Der Liebe nur und Licht zur Grenze hat,

Muß ich vernehmen noch, weshalb das Abbild
Nicht gleichen Schritt hier hält mit seinem Urbild,
Denn für mich selbst betracht' ich es vergebens.

Wenn deine Finger nicht ausreichend sind
Für diesen Knoten, ist's nicht zu verwundern,
So fest ist er durch Nichtlösung geworden.

So meine Herrin. Darauf sprach sie: Fasse,
Was ich jetzt sage, willst du dich ersätt'gen,
Und übe deinen Scharfsinn nun daran!

Die körperlichen Kreise sind weit oder
Eng, nach dem Mehr und Minder jeder Kraft,
Die sich durch alle ihre Theile breitet.

Die größre Güte will größres Heil schaffen,
Und größres Heil faßt größrer Körper auch,
Wenn alle seine Theile gleich vollkommen.

Deshalb entspricht, der so das hohe Weltall
Ganz mit sich reißt, dem Kreise, der da hat
Die meiste Liebe und die höchste Einsicht.

Deshalb, wenn du das Maß anlegen willst
Nur an die Kraft und nicht an die Erscheinung
Der Gegenstände, die dir rund erscheinen,

Wirst wunderbare Übereinstimmung
Von groß mit mehr, so wie von klein mit minder
Der Himmel und der Führer du erkennen.

So wie, wenn Boreas von jener Seite
Herbläset, wo am mildesten er ist,
Der Luft Halbkugel heiter wird und glänzend,

Weil sie sich reinigt von jedwedem Dunste,
Der sie getrübt, so daß der Himmel lächelnd
Seines Gebietes ganze Schöne zeigt:

So ward auch mir, als meine Herrin mich
Mit klarer Antwort hatt' erfreut, so daß
Wie Stern' am Himmel mir das Wahr' erschien.

Und als sie ihre Rede nun beschlossen,
Da sprühten Funken alle Kreise so,
Wie Funken sprüht das Eisen, wenn es siedet.

Es sprühte jeder Funke wieder so,
Daß ihre Zahl die Tausende des Schachbretts,
Die durch Verdoppelung entstehn, besiegte.

Von Chor zu Chor hört' ich Hosannah singen,
Dem festen Punkte, der sie alle, wo sie
Stets waren und stets bleiben werden, festhält.

Und sie, die da die zweifelnden Gedanken
Sah meines Geistes, sprach: Die ersten Kreise
Zeigen dir Seraphim und Cherubim.

Sie folgen ihrem Zug so schnell, damit sie
Dem Punkt so viel als möglich ähnlich werden,
Und können es, so weit ihr Schaun erhaben.

Die andern Geister, die um ihn sich schwingen,
Nennt man des göttlichen Antlitzes Throne,
Weil sie beendigen die erste Dreizahl.

Und wisse, daß so groß ist ihre Wonne,
Als tief ihr Schauen in die Wahrheit ist,
In welcher jede Einsicht sich beruhigt.

Hieraus ist zu ersehen, wie das Wesen
Der Seligkeit sich gründet auf das Schauen,
Nicht auf das Lieben, das erst später kommt.

Des Schauens Maß ist aber das Verdienst,
Das aus der Gnad' entspringt und gutem Willen;
Und so geht es durch alle Stufen fort.

Die andre Dreizahl, die also entsprießet
Aus diesem ew'gen Frühling, der nie welkt,
Wenn sich der Himmelswidder nächtlich zeigt,

Läßt ewiglich Hosannah hier tönen
In dreien Weisen, die erklingen in
Den Ordnungen, die diese Dreizahl bilden.

In dieser Orduung sind drei göttliche
Wesen, die Mächt'gen erst, die Kräfte dann,
Zuletzt erscheinen die Gewaltigen.

In den vorletzten zweien Reigen kreisen
Die Fürstenthümer, sowie die Erzengel;
Den letzten füllen ganz der Engel Spiele.

All' diese Orduungen schauen nach oben,
Und wirken so nach unten, daß zu Gott
Sie alle ziehn, wie sie gezogen werden.

Es hat mit solcher Inbrunst Dionys
Die Ordnungen zu schauen sich bemüht,
Daß er sie nannt' und unterschied wie ich.

Es trennte später sich Gregor von ihm,
So daß er über sich selbst lächeln mußte,
Als er das Aug' aufschlug in diesem Himmel.

Und wundre dich nicht, daß ein Sterblicher
Auf Erden solch Geheimniß ausgesprochen;
Denn der's gesehn, entdeckt' es ihm dort unten,

Nebst vielem andern Wahren dieser Kreise.


Gesang 29

Wie lang' es dauert, wenn Latona's Kinder
Unter dem Widder beide und der Wage,
Vom gleichen Horizont umgürtet werden,

Und von dem Gürtel, worin der Zenith
Im Gleichgewicht sie hält, zugleich sich lösen,
Indem die Hemisphären sie vertauschen:

So lange schwieg Beatrix, deren Antlitz,
Von Lächeln übergossen, fest hinschaute
Auf jenen Punkt, der mich besieget hatte.

Darauf sprach sie: Ich sag' und frage nicht,
Das, was du hören willst, da ich's gesehen,
Wo jedes Wo und jedes Wann sein Ziel hat.

Nicht um Zuwachs des Guten sich zu schaffen,
Was nicht sein kann, allein nur daß sein Glanz
Wiedergespiegelt sagen könnt' ich bin,

Entfaltete in zeitlos ew'ger Liebe,
Wie's ihr gefiel, vollkommen unbegreiflich,
In neue Lieben sich die ew'ge Liebe.

Und nicht unthätig ruhte sie vorher,
Denn weder vorher noch nachher geschah
Das Wehen Gottes über den Gewässern.

Rein und verbunden traten Stoff und Form
Aus einer unfehlbaren That hervor,
So wie drei Pfeile von dreisehn'gem Bogen.

Und wie in Glas, in Bernstein und Krystall
Ein Sonnenstrahl erglänzt, so daß kein Zeitraum
Zwischen dem Kommen und dem Dasein ist.

So strahlt in's Dasein allzumal auch alles
Aus der dreifachen Wirkung seines Schöpfers,
So daß kein Unterschied war im Hervorgehn.

Zugleich ward allen Wesen durch die Schöpfung
Die Ordnung angewiesen, daß den Gipfel
Der Welt einnahmen, die nur bloße Kraft sind.

Bloße Empfänglichkeit nahm ein das Tiefste,
Die Mitte band Kraft und Empfänglichkeit
So fest, daß dieses Band nie wird gelöst.

Hieronymus schreibt von der Engel Schöpfung,
Daß sie Jahrhunderte vorher erfolgt sei,
Bevor die andre Welt geschaffen worden.

Doch jene Wahrheit ist auf vielen Seiten
Geschrieben von des heil'gen Geistes Schreibern,
Und sehen wirst du's, wenn du recht hinschaust.

Auch die Vernunft kann es zum Theil erkennen,
Die nicht zugeben kann, daß die Beweger
So lange unvollkommen bleiben konnten.

Nun weißt du wo und wann und wie geschaffen
Hier diese Liebesgeister, daß erloschen
Drei Gluthen deines Wunsches allbereits.

Und zählend käme man zur Zwanzig nicht
So schnell, als auch ein Theil von diesen Engeln
Die Ordnung eurer Elemente störte.

Der andre Theil verblieb, und er begann
Die Kunst, die du hier siehst mit solcher Wonne,
Daß er vom Kreisen nimmer sich entfernt.

Der Grund des Falls war der verwünschte Hochmuth
Von Jenem, welchen unten du gesehen
Gedruckt von dem Gewicht der ganzen Erde.

Die, welche du hier siehst, waren bescheiden,
Dankbar die Güte zu erkennen, die
Sie fähig machte zu so großer Einsicht.

Weshalb die Gnade, die erleuchtende,
Und ihr Verdienst ihr Schauen so erhoben,
Daß vollen, festen Willen sie jetzt haben.

Denn zweifeln sollst du nicht, sondern gewiß sein,
Daß Annahme der Gnade schon Verdienst ist,
Je nach der Liebe, die sich darin zeiget.

Nunmehr, hast meine Worte du vernommen,
Kannst über die Genossenschaft allhier du
Noch viel erschauen ohne weitre Hülfe.

Doch weil auf Erden man in euren Schulen
Von der Natur der Engel lehrt, daß sie
Einsicht, Erinnerung und Willen hätten,

Will ich noch weiter reden, daß du sehest
Die reine Wahrheit, die man dort verwirrt,
Indem man mit den Worten Mißbrauch treibet.

Diese Substanzen, seit sie Gottes Antlitz
Freudig genossen, wandten ihre Blicke
Niemals von ihm, dem nichts verborgen ist.

Drum wird ihr Schauen niemals unterbrochen
Von neuen Dingen, und drum brauchen sie
Vergangne Dinge niemals zu erinnern.

So träumt ohne zu schlafen man dort unten,
Für wahr die Lehre haltend oder nicht,
Doch in dem einen ist mehr Schuld und Schande.

Ihr wandelt unten nicht dieselbe Straße,
Wenn ihr philosophirt; so sehr reißt euch
Wunsch und Gedanken hin zu glänzen dort.

Und doch erträgt mit weniger Unwillen
Man dies hier oben, als wenn gar die Schrift
Verdreht oder bei Seite wird geschoben.

Man denkt dort nicht, welch Blut es hat gekostet
Sie zu verbreiten, und wie der beliebt ist,
Der sich in aller Demuth an sie anschließt.

Zu glänzen ist jeder bemüht und macht
Erfindungen, welche die Pred'ger dann
Besprechen, und vom Evangelium schweigt man.

Der eine sagt, der Mond habe rückläufig
Beim Leiden Christi vor die Sonne sich
Gestellt, daß sie die Erde nicht erleuchte:

Und lüget, da das Licht von selbst sich barg,
Und wie den Juden so den Spaniern, auch
Den Indern diese Finsterniß sich zeigte.

Nicht so viel Lapi hat Florenz und Bindi,
Als solcher Fabeln jährlich auf den Kanzeln
Von allen Seiten angepriesen werden.

So kehren denn mit Wind gespeist die Schäflein,
Die nichts verstehen von der Weid', und nicht
Entschuldigt's sie den Schaden nicht zu sehen.

Nicht sagte Christus zu den ersten Hörern:
Geht hin und predigt Possen in der Welt,
Nein, wahren Grund hat er ihnen gegeben.

Und der erklang so laut aus ihrem Munde,
Daß kämpfend um den Glauben zu entzünden,
Ihr Schild und Lanze war das Evangelium.

Jetzt aber geht man hin und prediget
Narretheidinge; und wird nur recht gelacht,
Schwellt die Kapuz', und mehr verlangt man nicht.

Doch solch ein Vogel nistet in dem Zipfel,
Daß, säh' das Volk ihn, es den Ablaß nicht
Annehmen würd', auf den es sich verläßt.

Wodurch so große Thorheit ist auf Erden
Gewachsen, daß zu jeglichem Versprechen
Ohn' Zeugniß und Beweis sie laufen würden.

Damit nun mästet sich St. Antons Schwein,
Und viele andre, schlimmer noch als Schweine,
Mit Münzen zahlend, die ohne Gepräge.

Doch weil mehr als genug wir abgeschweift sind,
Wende die Augen nun zur graden Straße,
Daß wie die Zeit so auch der Weg sich kürze!

Es steigt der Engel Zahl zu solcher Höhe,
Daß keine Sprache je der Sterblichen
Noch sterbliche Gedanken so weit reichen.

Und achtest du auf das was Daniel
Euch offenbart, mußt die bestimmte Zahl du
In seinen Tausenden versteckt erkennen.

Das höchste Licht, das alle sie bestrahlt,
Wird so verschiedentlich drin aufgenommen,
Als Lichter sind, womit es sich verbindet.

Weshalb, da stets die Liebe dem Erkennen
Nachfolgt, empfinden sie der Liebe Wonne,
Der eine glühender, der andre lauer.

Bewundre nun die Höhe und die Weite
Der ew'gen Macht, die so viel Spiegel sich
Geschaffen, drin ihr Bild sich bricht, obgleich

Sie einig bleibet in sich wie zuvor!


Gesang 30

Vielleicht sechstausend Miglien fern von uns
Erglüht die sechste Stunde, und es legt sich
Der Schatten unsrer Welt zur Erde nieder.

Wenn sich des Himmels Mitte zu vertiefen
Beginnet, so daß mancher Stern die Kraft
Verlieret bis zu uns hinabzuscheinen,

Und wenn die hellste Dienerin der Sonne
Weiter emporsteigt, sich der Himmel schließt,
Von Stern zu Stern bis zu dem schönsten auch:

Allmählig so erlosch vor meinen Augen
Die Siegesfeier, die ewig umspielt
Den Punkt, der mich geblendet und der scheint

Von dem umschlossen, was er selbst umschließt;
Weshalb die Lieb' und das Nichtsehn mich zwangen,
Den Blick zurück auf Beatrix zu wenden.

Wenn alles, was bisher von ihr gesagt,
In einem Lobe eingeschlossen wäre,
Es wär' zu wenig um hier auszureichen.

Die Schönheit, die ich sah, sie überschreitet
Nicht unser Maß allein, vielmehr glaub' ich,
Daß nur ihr Schöpfer ganz sie mag genießen.

Von diesem Punkt bekenn' ich mich besieget,
Mehr als je Komiker oder Tragöde
Von einem Punkt des Stoffs ward überwunden.

Denn wie das Sonnenlicht das schwächste Auge
Am meisten blendet, so schwächt die Erinnrung
Des süßen Lächelns meine Geisteskraft.

Vom ersten Tage, wo ich sah ihr Antlitz
In diesem Leben, bis zu diesem Anblick
Vermag ihr mein Gesang wohl noch zu folgen;

Doch jetzt muß meine Dichtung drauf verzichten
In ihrer Schönheit ihr zu folgen, wie
Sein Aeußerstes zu leisten jeder Künstler.

So also, wie ich einer hellren Tuba
Als meine ist sie überlassen muß,
Die jetzt den schwier'gen Stoff zu Ende bringt,

Begann mit eines kühnen Führers Stimm' und
Gebärde sie: Gelangt sind wir nunmehr
Vom größten Körper in den Himmel, der

Nur reines geist'ges Licht ist voller Liebe,
Liebe zu wahrem Gut, die voller Wonne,
Wonne, die jede andre überschreitet.

Hier wirst du sehen die Heerschaaren beide
Des Paradieses und die eine so
Wie am letzten Gerichtstag du sie sehn wirst.

Wie ein plötzlicher Blitz des Sehens Geister
Also zerstreuet, daß er beraubt das Auge
Der Einwirkung der größten Gegenstände,

Also umblitzte mich lebend'ges Licht,
Und ließ mit seines Glanzes Schleier mich
Also umhüllet, daß ich nichts erblickte.

Die Liebe, die beseligt diesen Himmel,
Nimmt stets in sich mit solchem Gruße auf,
Die Kerze für die Flamme zu bereiten.

Nicht sobald waren diese kurzen Worte
Zu mir gelangt, als ich auch schon erkannte,
Daß ich gehoben über meine Kraft war.

Und mit so mächt'ger Sehkraft fühlt' ich mich
Entzündet, daß kein Licht so rein zu finden,
Deß sich mein Auge nicht erwehret hätte.

Vom Glanz erstrahlend sah ein Licht ich jetzt,
Gleich einem Flusse, dessen Ufer waren
Von wundervollem Frühlinge gefärbt.

Lebend'ge Funken stiegen aus dem Flusse,
Und setzten überall sich in die Blumen,
So wie Rubinen, die in Gold gefaßt.

Dann, wie berauschet von den Düften, sanken
Sie wieder in den wundervollen Strom;
Wo einer sank, erhob der andre sich.

Der hohe Wunsch, der dich durchglüht und treibet
Das zu erkunden, was du hier erblickest,
Gefällt mir um so mehr, je mehr er anschwillt.

Doch mußt von diesem Wasser erst du trinken,
Bevor so großer Durst in dir gestillt wird.
So sprach zu mir die Sonne meiner Augen,

Und fügt' hinzu: Der Fluß und die Topase,
Die aus und eingehn in der Blumen Lächeln,
Sind ihres wahren Seins nur Andeutungen.

Nicht als ob schwer die Dinge an sich selbst;
Die Schuld liegt nur allein auf deiner Seite,
Da deine Sehkraft noch so kühn nicht ist.

Es wandte nie so rasch das Angesicht
Ein Kind der Milch zu, wenn es ward gewecket
Um vieles später als seine Gewohnheit,

Als ich, zu bessern Spiegeln meine Augen
Zu machen, zu dem Wasser mich hinneigte,
Das nur dahinfließt, daß der Mensch sich bessre.

Und so wie meiner Augenlider Rand nur
Von diesem Wasser trank, erschien es mir
Aus seiner vor'gen Länge rund geworden.

Und so wie Menschen, die Larven bekleidet,
Anders erscheinen als zuvor, sobald sie
Das fremd' Ansehn ablegen, das sie deckte:

So wandelten sich mir zu größrer Freude
Die Blumen und die Funken, daß ich sah
Des Himmels beide Höfe offenbar nun.

O Gottes Herrlichkeit, durch die ich sah
Den hohen Siegszug des wahrhaft'gen Reiches,
Gieb Kraft zu sagen mir, wie ich ihn sah!

Ein Licht ist droben, das da sichtbar macht
Den Schöpfer jeder Creatur, die nur
In seinem Anschaun ihren Frieden findet.

Und in kreisförmiger Gestalt dehnt es
Sich so weit aus, daß dieses Kreises Umfang
Zu weit als Gürtel für die Sonne wär'.

Aus Strahlen nur besteht seine Erscheinung,
Die sich am Gipfel des ersten Bewegers
Brechen, der daher Leben nimmt und Kraft.

Und wie ein Hügel seinen Fuß im Wasser
Spiegelt, als wollt' er sehen, wie so üppig
Mit Gras und Blümlein er geschmücket ist:

So über diesem Lichte ringsum schwebend
Sah ich auf tausend Stufen spiegeln sich,
Was nur von uns dahin zurückgekehrt.

Und wenn die untre Stufe schon so großes
Licht in sich faßt, wie groß muß dann die Weite
Der Rose sein in ihren äußern Blättern!

Es blendete die Weite und die Höhe
Mein Auge nicht, das ganz auffassen konnte
Die Größ' und die Natur von dieser Wonne.

Nah oder fern giebt oder nimmt hier nichts;
Denn da, wo Gott ohne Vermittlung herrscht,
Gilt das natürliche Gesetz nicht mehr.

In's Gelbe dieser ew'gen Rose, die
Sich stufenweis' erweitert, und der Sonne,
Die Frühling schafft, des Lobes Duft stets spendet,

Zog mich, der schwieg und gern doch sprechen wollte,
Beatrix hin und sprach: Siehe, wie groß
Ist die Genossenschaft der weißen Kleider!

Sieh unsre Stadt, wie viel Raum sie umfasset!
Sieh unsre Sitze, wie sie also voll,
Daß man nur wen'ge noch darin vermisset!

Auf jenem großen Stuhl, den du betrachtest
Wegen der Krone, die schon drauf gelegt,
Wird, eh' an diesem Hochzeitsmahl du theilnimmst,

Des großen Heinrichs Seele sitzen, die
Auf Erden Kaiser, doch zu früh wird kommen,
Das nicht bereite Welschland wohl zu ordnen.

Die blinde Habgier, die euch so bezaubert,
Hat ähnlich euch gemacht dem kleinen Kinde,
Das Hungers stirbt, und fort die Amme treibt.

Und Oberhaupt des geistlichen Gerichtes,
Wird der dann sein, der offen und versteckt
Nicht Eines Weges wandeln wird mit jenem.

Doch kurze Zeit wird Gott im heil'gen Amte
Ihn dulden nur; dann wird hinabgestürzt er,
Wo Simon Magus den verdienten Platz hat,

Und tiefer drückt er den auch von Alagna.


Gesang 31

In der Gestalt von einer weißen Rose
Zeigt also sich die heil'ge Heerschaar jetzt,
Der Christus sich mit seinem Blut vermählt hat.

Die andre, die da fliegend schaut und singet
Den Ruhm deß, der mit Liebe sie entzündet,
So wie die Güte, die sie so erhoben,

Gleich einer Schaar von Bienen, die sich bald
Senkt in die Blumen, bald dahin zurückkehrt,
Wo ihrer Arbeit Frucht zu Honig wird,

Stieg in die große Blum' hinab, die sich
Mit so viel Blättern schmückt, und stieg empor dann
Dahin, wo ihre Liebe ewig wohnet.

Wie von lebend'ger Flamme war ihr Antlitz,
Die Flügel Gold, so weiß das Uebrige,
Daß sich kein Schnee damit vergleichen könnte.

Wenn sie von Sitz zu Sitz sich in die Blumen
Senkten, theilten sie Lieb' und Frieden mit,
Die sie durch ihren Flügelschlag erworben.

Und selbst das Zwischentreten solcher Fülle
Von Fliegenden, zwischen der Blum' und oben,
Verhinderte das Sehen und den Glanz nicht.

Denn es durchdringt des Weltalls alle Theile,
Je nachdem würdig sie, das Licht von Gott,
So daß ihm nichts ein Hinderniß kann bieten.

An alten und an neuen Bürgern zahlreich
Hielt dieses sichre freudenvolle Reich,
Lieb' und Gesicht nur auf Ein Ziel gerichtet.

O du dreiein'ges Licht, das als Ein Stern
Vor ihren Augen funkelnd sie beseligt,
Wirf doch den Blick auf unsern Sturm hier unten!

Wenn die Barbaren schon aus jener Gegend
Herkommend, die der Bär täglich bedeckt,
Mit seinem Sohn umkreisend, den er liebet,

Staunen ergriff, wenn Rom und ihre Werke
Sie sahen, und den hohen Lateran
Der Sterblichen Gebäude überragen;

Von welchem Staunen mußt' ich erst erfüllt sein,
Ich, der vom Menschlichen zum Göttlichen
Und von der Zeit zur Ewigkeit gelangt war,

Und von Florenz zu solchem heil'gen Volke!
Gewiß bei diesem Staunen, dieser Wonne
Mußt' Schweigen und Nichthören mir gefallen.

Und gleich dem Pilgrim, der im Tempel sich
Von dem Gelübd' erholt, und ihn betrachtend
Schon zu erzählen hofft, wie er beschaffen,

So im lebend'gen Lichte wandelnd ließ ich
Ueber die Stufen meine Augen gleiten
Hinauf, hinab und bald im Kreis' umher,

Und sah Gesichter die zur Liebe lockten,
Geschmückt mit fremdem Licht und eignem Lächeln,
Und mit Gebärden voller Ehrbarkeit.

Es hatte schon mein Blick des Paradieses
Gestalt im Allgemeinen wohl gefaßt,
Auf keinen Theil besonders noch sich heftend,

Als ich mich wandte, um mit neuem Eifer
Die Herrin mein nach Dingen noch zu fragen,
Die meinen Geist in Ungewißheit hielten.

Doch, Eines wollt' ich, Andres gab mir Antwort.
Beatrix wollt' ich sehn, und sah 'nen Greis,
Gekleidet gleich den andern sel'gen Geistern.

Verbreitet war über die Blick' und Wangen
Freundliche Wonne und fromme Gebärde,
Wie einem milden Vater sie geziemen.

Und: Wo ist sie? sprach plötzlich ich darauf,
Drob er: Um deinen Wunsch gänzlich zu stillen,
Entbot Beatrix mich von meinem Sitze;

Und wenn zum dritten Kreis der höchsten Stufe
Empor du schaust, wirst auf dem Thron sie sehen,
Zu dem ihre Verdienste sie erhoben.

Ohn' Antwort hob die Augen ich empor,
Und sah sie, die sich eine Krone machte
Aus den zurückgeworfnen ew'gen Strahlen.

Kein sterblich Aug' war je so weit entfernt
Vom höchsten Himmel, wo der Donner grollt,
Ob in des Meeres Tief' er sich versenkte,

Als meines war entfernt von Beatrice;
Doch nichts verschlug das, da ihr Bild zu mir
Durch keins Mittels Trübung hingelangte.

O Herrin du, in der mein Hoffen lebt,
Die mir zu Gute in der Hölle selbst
Die Spuren deiner Füße lassen wolltest,

Dankend erkenne ich die Gnad' und Kraft
Von deiner Macht, so wie von deiner Güte
An allen Dingen, die ich hier geschaut.

Du hast zur Freiheit aus der Knechtschaft mich
Durch alle Weg' und Mittel ja erhoben,
Die du besaßest, um dies auszuführen;

Bewahre deiner Liebe Spenden mir,
So daß mein Geist, den du gesund gemacht,
Sich wohlgefällig dir vom Körper löse!

So betet' ich, und sie, die so entfernt schien,
Lächelte mir zu, und warf den Blick auf mich;
Dann wandte sie zur ew'gen Quelle sich.

Darauf zu mir der sel'ge Greis: Damit
Du deinen Weg vollkommen auch beendigst,
Zu dem mich Bitt' und Liebe hingesendet,

Durchfliege mit den Augen diesen Garten,
Denn ihn zu schaun wird deinen Blick dir schärfen
Höher hinauf durch's Himmelslicht zu dringen.

Und jede Gnade wird die Königin
Des Himmels, die ich liebe, uns erweisen,
Dieweil ich ihr getreuer Bernhard bin.

Dem Manne gleich, der vielleicht aus Croatien
Herkam, unsre Veronika zu schauen,
Da deren alter Ruf ihm nicht genügt,

Nun in Gedanken spricht, wenn man sie zeigt:
O du Herr Jesus Christus, wahrer Gott,
War denn dein Angesicht also gestaltet?

Also war ich, als die lebend'ge Liebe
Ich dessen sah, der schon in dieser Welt
Vorschauend dieses Friedens hat genossen.

Du Gnadensohn, begann er, dieses Dasein,
Das fröhliche, du kannst es nicht erkennen,
Senkst du die Augen stets hinab zum Boden.

Betrachte drum die Kreise bis zum fernsten,
Auf daß du sitzen sehst die Königin,
Der dieses Reich andächtig unterworfen.

Ich hob die Augen, und so wie des Morgens
Der Theil des Horizontes, der gen Osten
Den überwindet wo die Sonne sinkt,

Also gleichsam von Thal zu Berg die Augen
Erhebend, sah am Gipfel ich ein Licht
Den ganzen andern Umkreis überstrahlen.

Und so, wie wo die Deichsel man erwartet,
Die Phaeton übel gelenkt, das Licht
Entglühet und nach allen Seiten abnimmt,

Also belebte diese Friedensfahne
Den Mittelpunkt, und ließ nach allen Seiten
Gleichmäßig ihre Helligkeit abnehmen.

Und diesem Mittelpunkte sah ich huld'gen
Mit offnen Flügeln mehr als tausend Engel,
Jeder an Glanz verschieden und an Kunst.

Und ihren Spielen und Gesängen sah ich
Zulächeln eine Schönheit, welche Wonne
Den Augen aller andern Heil'gen war.

Und wär' ich gleich so reich im Reden als
In dem Erfinden, nicht den kleinsten Theil
Von ihrer Wonne wagt' ich zu beschreiben.

Als Bernhard meine Augen sah gerichtet
Fest auf den Gegenstand von seiner Liebe,
Wandt' er die seinen so voll Lieb' auf sie,

Daß mehr die meinen noch zum Schaun entbrannten.


Gesang 32

Freiwillig nahm, entbrannt für seine Wonne,
Jener Beschauliche das Amt des Lehrers,
Und er begann mit diesen heil'gen Worten:

Die Wunde, die Maria schloß und salbte,
Es hat sie die, die dort zu ihren Füßen
So schön sitzt, einst eröffnet und geschlagen.

Und unter ihr dort in der dritten Reihe,
Welche die Stühle bilden, sitzet Rahel
Neben Beatrix, wie du sehen kannst.

Sara, Rebecca, Judith, so wie die
Ahnfrau des Sängers, der in Reu' und Schmerz
Einst miserere mei hat gesagt,

Kannst hier von Stufe du zu Stufe sehen
Abwärts, so wie bei Namen jene nennend
Ich nieder durch der Rose Blätter steige.

Vom siebenten Kreis abwärts, so wie bis
Zu ihm siehst du hebrä'sche Weiber nur,
Die alle Blätter dieser Rose theilen:

Weil, je nachdem der Blick des Glaubens fiel
Auf Christum, diese sind die Mauer,
An welcher sich die heil'gen Stufen trennen.

Auf dieser Seite, wo die Blume reif
In allen Blättern ist, sitzen diejen'gen,
Die da geglaubt an den zukünft'gen Christus.

Dort aber, wo noch unterbrochen sind
Von leeren Räumen die Halbkreise, sitzen
Die ihren Blick auf den gekommnen wandten.

Und so wie der glorreiche Sitz der Herrin
Des Himmels, und die Sitze unter ihm
Diesseits hier eine große Scheidung bilden:

So gegenüber bildet sie der Sitz
Des großen Täufers, der in Wüst' und Marter
Stets heilig auch zwei Jahr' litt in der Hölle.

Und unter ihm zur Scheidung sind bestimmt
Franciscus, Benedict und Augustin,
So wie von Kreis zu Kreis hinab die andern.

Bewundre nun die göttliche Voraussicht,
Die wollte, daß des Glaubens beid' Ansichten
Auf gleiche Weise diesen Garten füllten.

Und wisse, daß von jener Stufe abwärts,
Die beid' Abtheilungen mitten durchschneidet,
Keiner dasitzt durch eigenes Verdienst.

Allein durch fremdes, doch bedingungsweise,
Denn alle diese lösten sich vom Fleische,
Bevor sie wahre Wahl noch haben konnten.

Das kannst du an den kindlichen Gesichtern
Und an den Kinderstimmen leicht erkennen,
Wenn du sie recht ansiehst und hörst auf sie.

Nun aber zweifelst du und schweigest zweifelnd;
Da will ich dir die starken Bande lösen,
Worin spitzfind'ges Denken dich verstrickt.

In dieses Reiches weitem Umfang kann
Zufälliges so wenig Platz je greifen
Als Traurigkeit, als Hunger oder Durst.

Denn durch ein ewiges Gesetz wird alles,
Was du hier siehest, so gerecht bestimmt,
Daß alles paßt, so wie der Ring am Finger.

Und darum kommt dieses verfrühte Volk
Zum wahren Leben sine causa nicht,
Und tritt vollendet ein mehr oder wen'ger.

Der König, durch den dieses Reich beseligt
Mit solcher Lieb' und solcher Wonne wird,
Daß niemand mehr zu wünschen sich erkühnt,

Begabt mit Gnade, ganz nach seinem Willen,
Verschiedentlich die Geister, die er schafft
Vor seinem Antlitz, wie die Wirkung zeigt.

Und dies wird deutlich klar euch angegeben
Schon in der heil'gen Schrift, durch die Zwilling',
Die in der Mutter Leibe schon sich stritten.

Drum ist es Gottes würdig wohl, daß sie
Je nach der Farbe ihrer Haare beide
Gekrönt vom höchsten Licht mit Gnade worden.

Weshalb denn auf verschiednen Stufen sie
Geordnet sind, ohn' Rücksicht auf ihr Leben,
Verschieden nur durch ihres Blickes Schärfe.

Also bedurft' es in den ersten Zeiten
Der Welt, um zu dem Heile zu gelangen,
Der Unschuld und des Glaubens nur der Eltern.

Nachdem erfüllt die ersten Zeiten waren,
Bedurft' es für das männliche Geschlecht,
Kraft zu gewinnen, der Beschneidung noch.

Doch als die Zeit der Gnade war gekommen,
Blieb ohne die vollkommne Taufe Christi
Selbst diese Unschuld in der Unterwelt.

Nun aber schau in das Gesicht, das Christo
Am meisten gleicht! denn seine Klarheit nur
Kann dich befähigen zum Anschaun Christi.

Ich sah so große Wonne auf sie regnen,
Getragen von den heil'gen Wesen, die
Geschaffen diese Höhen zu durchfliegen,

Daß, was ich auch zuvor gesehen hatte,
Nichts mit solcher Bewundrung mich erfüllte,
Noch solche Aehnlichkeit mit Gott mir zeigte.

Und jene Liebe, die zuerst hinabstieg,
Ave Maria gratia plena singend,
Entfaltete vor ihr nun ihre Flügel.

Der ganze sel'ge Hof von allen Seiten
Antwortete dem göttlichen Gesange,
So daß drob jedes Antlitz heiter wurde.

O heil'ger Vater, der für mich hier unten
Duldest zu sein, den süßen Ort verlassend,
An welchem du nach ew'gen Rathschluß sitzest:

Wer ist der Engel, der mit solcher Wonne,
Ins Auge schauet unsrer Königin,
Für sie entbrannt, daß er wie Feuer scheinet?

So wandt' ich abermals mich zu dem Wissen
Dessen, der von Maria's Reiz verklärt
Ward, wie der Morgenstern vom Licht der Sonne.

Und er zu mir: Was Engel nur und Sel'ger
An Kühnheit und an Anmuth haben kann,
Ist ganz in ihm, und auch wir wollen's so,

Weil er der ist, der einst zu der Maria
Hinab die Palme bracht', als der Sohn Gottes
Mit unsrer Bürde sich belasten wollte.

Jetzt aber, wie ich redend vorwärts schreite,
Folg' mit den Augen du, schau die Patrizier
Von diesem höchst gerechten, frommen Reiche!

Die beiden, die am seligsten dort oben,
Weil sie der Königin am nächsten sitzen,
Sind gleichsam die zwei Wurzeln dieser Rose.

Der, welcher ihr zur Linken sich anschließet,
Das ist der Vater, durch deß kühn Gelüste
So Bitteres die Menschen noch genießen.

Zur Rechten siehst du jenen alten Vater
Der heil'gen Kirche, dem Christus die Schlüssel
Dieser anmuth'gen Blume anempfahl.

Zur Seite sitzt ihm der, der vor dem Tode
Die schweren Zeiten noch gesehn der Braut,
Die mit der Lanz' und mit den Nageln ward

Erworben, so wie neben jenem ersten
Der Führer sitzet, unter dem von Manna
Das undankbare störr'ge Volk einst lebte.

Sieh Petrus gegenüber Anna sitzen,
So selig auf die Tochter schauend, daß
Sie beim Hosanna selbst das Aug' nicht wendet.

Entgegen dem größten Familienvater
Sitzet Lucia, die dir deine Herrin
Sandte, als du zum Sturz das Auge senktest.

Doch weil die Zeit flieht deines Traumgesichts,
Bleiben wir stehn hier, wie ein guter Schneider
Das Kleid verfertigt, je nachdem er Tuch hat.

Und richten wollen wir zur ersten Liebe
Die Augen so, daß du in ihrem Glanz,
So viel als möglich ist, eindringen mögest.

Jedoch, damit du nicht mit eignen Flügeln
Zurücke gehst, wo du meinst vorzuschreiten,
Müssen wir Gnade im Gebet erflehen,

Gnade von der, die Hülfe dir kann leisten.
Du aber folge nun mit Inbrunst mir,
Daß sich dein Herz von meinem Wort nicht trenne!

Und so begann dies heilige Gebet er.


Gesang 33

O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohnes,
Demüth'ger und erhabener als je
War ein Geschöpf, des ew'gen Rathes Ziel,

Du bist es, die die menschliche Natur
So hast geadelt, daß ihr Schöpfer selbst
Es nicht verschmähte ihr Geschöpf zu werden.

In deinem Leib entzündete sich wieder
Die Lieb', in deren Gluthen diese Blume
In ew'gem Frieden ausgesprossen ist.

Bei uns bist du die mittägliche Fackel
Der Lieb', und bei den Sterblichen dort unten
Bist du lebend'ge Quelle aller Hoffnung.

Herrin, du bist so groß, so viel vermagst du,
Daß, wer Gnade begehrt, und nicht zu dir
Die Zuflucht nimmt, will fliegen ohne Flügel.

Es kommet deine Huld nicht bloß zu Hülfe
Dem, der dich anruft, nein, oft eilet sie
Der Bitte selbst zuvor aus freien Stücken.

In dir ist Mitleid und Barmherzigkeit,
Freigebigkeit, und alles das vereinet,
Was ein Geschöpf nur Gutes in sich hat.

Nun aber bittet dieser, der vom tiefsten
Pfuhle des Universums bis hierher
Der Geister Leben einzeln hat gesehen,

Er bittet dich, daß du aus Gnaden ihm
Die Kraft verleihest, daß er mit den Augen
Zum letzten Heile sich erheben möge.

Und ich, der für mein Schaun nie mehr erglühte
Als für das seine, reiche meine Bitten
Dir dar, und fleh', daß sie nicht ungenügend,

Auf daß die Nebel seiner Sterblichkeit
Du ihm zerstreuen mög'st durch deine Bitten,
So daß das höchste Heil sich ihm entfalte.

Noch bitt' ich, Königin, du, die du kannst
Das, was du willst, daß du nach solchem Schauen
Gesund erhalten mögest seine Triebe.

Laß siegen deinen Schutz über des Menschen
Regung! Sieh mit wie vielen Seligen
Für mich Beatrix dir die Hände faltet!

Die gottgeliebten und verehrten Augen,
Gerichtet auf den Betenden, sie zeigten,
Wie fromme Bitten angenehm ihr sind.

Drauf richteten zum ew'gen Licht sie sich,
Wie nicht zu glauben, daß je ein Geschöpf
So klare Blicke dahin senden könnte.

Und ich, der ich dem Ziele meiner Wünsche
Mich näherte, ich stillete in mir
Die Gluth der Sehnsucht, wie es sich gebührte.

Es winkte mir Bernhardus lächelnd zu,
Daß ich nach oben schaute, doch ich stand
Von selbst schon so, wie er es haben wollte.

Dann immer reiner werdend, drang mein Blick
Je mehr und mehr hinein in jenen Strahl
Des hohen Lichtes, das an sich die Wahrheit.

Von hier an ward mein Schauen größer als
Die Sprache, die dem Anblick weichen muß,
Wie Ueberschwänglichem weicht das Gedächtniß.

Gleich einem, der im Traume etwas sieht,
Und nach dem Traum den Eindruck wohl behält,
Doch alles andr' aus dem Gedächtniß schwindet:

So geht es mir, denn fast durchaus erloschen
Ist meine Vision; doch träuft ins Herz mir
Die Wonne noch, die von ihr ausgegangen.

So schmilzt der Schnee beim Sonnenstrahl, und so
Ging der Sibylle Meinung auch verloren
In jenen Blättern, die so leicht vor'm Winde.

O höchstes Licht, das über die Gedanken
Der Sterblichen dich so erhebst, leih wieder
Ein Theil von dem mir was du mir erschienest!

Und leihe meiner Zunge solche Macht,
Daß einen Funken deiner Herrlichkeit
Ich den zukünft'gen Menschen hinterlasse!

Denn kehret etwas nur in mein Gedächtnis,
Und klingt ein Wen'ges nur in diesen Versen,
Wird mehr von deinem Siege man begreifen.

Ich glaube, daß nach jenes Lichtes Schärfe,
Die ich ertragen, ich verwirrt geblieben,
Wenn ich die Augen von ihm abgewendet.

Und ich erinnre, daß ich dadurch kühner
Noch wurde, so viel zu ertragen, daß
Mein Schauen selbst die ew'ge Macht erreichte.

O überreiche Gnade, die den Muth mir
Verlieh, die Augen in das ew'ge Licht
Zu senken so, daß sich mein Schaun erfüllte!

In seiner Tiefe sah ich, wie durch Liebe
In einem Band vereinigt alles ist,
Was in des Weltalls Blättern sich vereinzelt.

Substanz und Accidenz und ihr Verhalten
Sah ich vereinigt ganz auf solche Weise,
Daß nur ein lichter Schein ist, was ich sage.

Das allgemeine Wesen dieses Bundes
Sah, wie ich glaub', ich, weil ich dieses sagend
Von größrer Wonne mich ergriffen fühle.

Mir bracht' ein Augenblick mehr des Vergessens,
Als jener Schiffahrt die Jahrhunderte,
Wo einst Neptun beim Schatten Argo's staunte.

So schaute fest, aufmerksam, unbeweglich
Mein ganz erwartungsvoller Geist dahin,
Und ward zum Schauen immer mehr entzündet.

Bei diesem Lichte wird dem Menschen so,
Daß sich von ihm zu andern Gegenständen
Zu wenden, ihm unmöglich kann belieben,

Weil alles Gute, das des Schauens Zweck ist,
In ihm ist so vereint, daß außer ihm ist
Nur mangelhaft, was in ihm ist vollkommen.

Von nun an wird mein Reden unvollkommner,
Für das, was ich erinnre, als des Kindes,
Das noch die Zunge netzet an der Zitze.

Nicht weil etwa mehr als das Eine Ansehn
In dem lebend'gen Licht war, das ich schaute,
Denn immer ist es so, wie es zuvor war;

Doch meiner Sehkraft wegen, die sich stärkte
Durch's Schaun, geschah, daß diese Ein' Erscheinung
Sich änderte, weil ich verwandelt wurde.

In diesem tiefen und doch klaren Wesen
Des hohen Lichts erschienen mir drei Kreise,
Von dreien Farben und von Einem Umfang,

Zurückgeworfen einer von dem andern,
Wie bei dem Regenbogen, und der dritte
Schien Feuer, das von beiden gleich gehaucht ward.

O wie ist doch so knapp und schwach die Rede
Für den Gedanken, und auch der so winzig,
Daß wenig für's Gesehne noch zu viel sagt!

O ew'ges Licht, das nur in sich begründet,
Allein dich selbst begreifst, und so von dir
Begriffen, selbst dich liebst und dir zulächelst!

Als meine Augen ein'ge Zeit betrachtet
Die Kreisung, die in dir erzeugt mir schien,
Wie der zurückgeworfne Strahl des Lichts

Schien sie in ihrem Innern mir gefärbt
Mit gleicher Farb' als unser Ebenbild,
Weshalb mein Blick sich ganz in sie versenkte.

Wie um den Kreis zu messen sich vergeblich
Der Mathematiker abmüht mit Denken,
Weil ihm der Grundsatz fehlt, den er bedarf:

So ging es mir bei diesem neuen Anblick.
Ich wollte sehn, wie sich das Bild zum Kreise
Verhielte, und wo seinen Platz es fände;

Doch meine Schwingen reichten hier nicht aus,
Wär' nicht mein Geist von einem Blitz getroffen,
Der die Erfüllung meines Wunsches betrachte.

Der hohen Phantasie ging hier die Macht aus:
Doch schon bewegte, einem Rade gleich,
So Wunsch wie Willen mir die Liebe, die

Bewegt die Sonne und die andern Sterne.


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