Alceste (ital.) (Ranieri di Calzabigi, nach dem gleichnamigen Drama des Euripides, franz. Umdichtung nach dem ital. Vorbild von François Gand-Leblanc du Roullet), tragedia per musica 3 Akte (16. Dez. 1767 Wien, Burgtheater)
Musik von Christoph Willibald Gluck

Aufführungen

EA Kassel 6. April 1778 (frz.); Braunschweig 1801 (frz.); deutsch von J. Böhm: Frankfurt 31. Juli 1784; Köln 1784; Kassel 1787; Mainz 1791 (deutsch von H. G. Schmieder); Berlin 1817 (deutsch von C. A. Herklots); Budapest 1817; München 1840; Dresden 1846; Leipzig 1853; Karlsruhe 1855 (sämtlich deutsch); Stuttgart 1923 (neue deutsche Version von H. Albert). Rückübersetzung ins Italienische aus der deutschen Übersetzung von Herklots: Bologna 1888 und Barcelona 1889; London 1904 (englisch); WA 12. Okt. 1866 Grand Opéra Paris (in der Revision der Partitur durch H. Berlioz); danach in Paris zahlreiche Aufführungen bis ins 20. Jh

Italienisch
Admeto (König von Pherae, Thessalien)- Jugendlicher Heldentenor/Heldentenor
Alceste (seine Gattin) - Dramatischer oder Hochdramatischer Sopran
Eumelo und Aspasio (Kinder der Alceste) - Soprane
Evandro - Lyrischer Tenor
Ismene (Alcestes Vertraute) - Lyrischer Sopran
Ein Herold - Baß
Oberpriester Apollos - Helden- oder Charakterbariton/Heldentenor/Hoher Baß
Apollo - Baß/Tenor
Das Orakel - Baß
Französisch
Admète - Haute-Contre
Alceste - Sopran
Eumelo und Aspasio - stumme Rollen
Évandre - Haute-Contre
Ein Herold - Baß
Oberpriester Apollos - Baß
Hercule - Baß
Das Orakel - Baß
Vier Chorführer - Sopran, Alt, Tenor, Baß
Volk von Pherae, Frauen der Alkestis, Priester und Höllengeister, Götter der Unterwelt
Pherae (Thessalien) in Griechenland in sagenhafter Urzeit.

Italienisch 2 Flöten, Chalumeau, 2 Oboen, 2 Englisch Hörner, 2 Fagotte, 4 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Streicher, Basso continuo
Französisch 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 4 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Pauken, Streicher, Basso continuo
Bühnenmusik: Trompete

1. Akt: Ein Herold kündet dem ängstlich vor dem Königspalast harrenden Volke, daß für den sterbenden Admet keine menschliche Hilfe mehr zu erhoffen sei. Im Verein mit der Königin Alceste und ihren beiden Söhnen fleht das Volk die Götter um Erbarmen an.
Verwandlung: Im Apollotempel beten und opfern die Königin und das Volk. Das Orakel verkündet: "Dem Styx ist Admetos geweiht, wenn ein andrer für ihn nicht zum Opfer sich beut." Das Volk flieht erschreckt, nur Alceste bleibt am Altar zurück; sie ist bereit, sich für den Gatten zu opfern. Der Oberpriester verkündet ihr, daß die Götter das Opfer annehmen.

2. Akt: Das Volk umringt jubelnd den genesenden König. Als er fragt, wer sich für ihn geopfert habe, rät man ihm, sich des Lebens zu freuen, ohne danach zu fragen. Doch bemerkt er, daß Alceste trotz aller Liebesseligkeit von einem geheimen Kummer bedrückt ist. Auf sein Drängen gesteht sie ihm ihr Geheimnis. Doch ohne sie will auch er nicht leben, er will versuchen, das Entsetzliche zu verhindern.

3. Akt: Vor dem Palast trauert das Volk über, das herbe Schicksal des Königshauses. Da kehrt Herakles nach langer Wanderschaft bei seinem Freunde Admet ein. Als man ihm das Los Alcestens berichtet, beschließt er, den Göttern zum Trotz ihnen die Königin zu entreißen.
Verwandlung: Vor den Pforten der Unterwelt ist Alceste bereit sich zu opfern. Die Todesgötter weisen sie zurück bis nach Sonnenuntergang. Admetos tritt hinzu und ist entschlossen, mit seiner Gattin. zu sterben. Während die beiden Gatten sich noch von ihren Entschlüssen abzubringen suchen, naht bei hereinbrechender Dunkelheit Thanatos und läßt Alceste entführen. Den nachstürzenden Admet hält Herakles zurück, der nun selber in die Unterwelt eindringt und in wildem Kampfe den Todesgöttern ihr Opfer entreißt. Apollo vereint aufs neue Alceste und Admetos, die von dem frohlockenden Volke umringt werden.

Quasi durchkomponiert, in 20 Szenen gegliedert; ca 2 1/2 Stunden;
Italienisch Trattner, Wien (1769); Neuausgabe Bärenreiter, Kassel (Gluck-Gesamtausgabe)
Französisch Bureau d'abonnement musical, Paris (1776); Neuausgabe Bärenreiter, Kassel (Gluck-Gesamtausgabe)

Vorrede zur Oper von Christoph Willibald Gluck aus dem Jahre 1769
Königliche Hoheit! (Peter Leopold, Großherzog von Toskana; später Kaiser Leopold II.)
Als ich mich daran machte, die "Alceste" in Musik zu setzen, nahm ich mir vor, sie von all den Mißbräuchen freizuhalten, die, eingeführt teils durch die übel angebrachte Eitelkeit der Sänger, teils durch die allzu große Gefälligkeit des Komponisten, die italienische Oper schon so lange Zeit entstellen und das prächtigste und schönste Schauspiel in das lächerlichste und langweiligste verkehren. Ich war darauf bedacht, die Musik wieder zu ihrer wahren Aufgabe zurückzuführen, nämlich der Dichtung in ihrem Ausdruck der Empfindungen und dem Reiz der Situationen zu dienen (servire alla Poesia per l'espressione, e per le situazione della Favola), ohne die Handlung zu unterbrechen oder sie durch unnütze und überflüssige Verzierungen abzukühlen. Ferner war ich der Meinung, die Musik müsse für die Poesie da sein, was in einer sorgfältigen und wohlangelegten Zeichung die Lebhaftigkeit der Farben und die wohlverteilten Gegensätze von Licht und Schatten bewirken, die dazu beitragen, die Figuren zu beleben, ohne ihre Umrisse zu entstellen. Ich wollte also weder einen Darsteller in der größten Hitze des Dialogs unterbrechen, um ihn ein langweiliges Ritornell abwarten zu lassen, noch wollte ich ihn mitten im Wort auf einem gutliegenden Vokal festhalten, oder ihm Gelegenheit geben, in einer längeren Passage die Beweglichkeit seiner schönen Stimme zu Schau zu stellen, oder ihm durch ein Orchesterzwischenspiel eine Atempause für eine Kadenz zu liefern. Ich hielt es nicht für notwendig, über den zweiten Teil einer Arie, den vielleicht leidenschaftlichsten und wichtigsten, schnell hinwegzugehen, um die Gelegenheit zu haben, die Worte des ersten Teils nach der Regel viermal zu wiederholen, um die Arie dort zu beenden, wo sie vielleicht dem Sinn nach nicht schließt, nur um dem Sänger Gelegenheit zu geben, zu zeigen, daß er in der Lage ist, eine Passage auf diese oder jene Art willkürlich zu verändern. Kurz, ich habe mich bemüht, alle jene Mißbräuche zu verbannen, gegen die sich der gute Geschmack und die Vernunft seit so langer Zeit vergebens aufgelehnt haben.

Ich bin der Meinung, daß die Ouvertüre (la Sinfonia) die Zuschauer auf die darzustellende Handlung vorbereiten und sozusagen ihren Inhalt zusammenfassen soll und daß das Orchester nach Maßgabe des Interesses und des Affektes behandelt werden muß, ohne daß der Dialog einen einschneidenden Unterschied zwischen Arie und Rezitativ zuläßt, ohne daß ein Satz sinnwidrig zerschnitten wird, ohne die Gewalt und die Glut der Handlung unzeitig zu unterbrechen.

Ich war ferner der Ansicht, daß meine größte Anstrengung sich darauf beschränken müsse, eine schöne Einfachheit (bella semplicità) zu erreichen. Ich habe es vermieden, ohne um die Schwierigkeiten zum Schaden der Klarheit ein Aufhebens zu machen. Ich habe niemals einen neuen Gedanken für wertvoll gehalten, wenn er nicht durch die Situation und den Ausdruck von selbst gegeben war, und da ist keine hergebrachte Regel, die ich nicht glaubte gerne zugunsten der Wirkung opfern zu dürfen.

Dies sind meine Grundsätze. Glücklicherweise kam zu meiner Verwunderung das Textbuch meinem Vorhaben entgegen. In ihm hat der gefeierte Autor - in seinem Kopf eine neue Vorstellung des Dramatischen - an die Stelle der zierlichen Beschreibung, der überflüssigen Vergleiche, der sinnreichen und frostigen Moralsprüche, die Sprache des Herzens, die starken Gemütsbewegungen, die fesselnden Situationen und ein immerfort wechselndes Schauspiel gesetzt. Der Erfolg hat meine Grundsätze gerechtfertigt und die allgemeine Billigung einer so erlauchten Stadt [Wien] hat deutlich gezeigt, daß Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit (semplicità, verità et la naturalezza) in den großen Ursprüngen des Schönen und in allen Äußerungen der Kunst sind. Bei alledem, trotz wiederholtem Drängen der achtenswertesten Persönlichkeiten, mich zur Veröffentlichung dieses meines Werkes zu bestimmen, bin ich mir doch des vollen Risikos bewußt, das man mit der Bekämpfung so weitverbreiteter und so tief eingewurzelter Vorurteile eingeht. So habe ich mich genötigt gesehen, mich des allermächtigsten Schutzes Eurer Königlichen Hoheit zu versichern und um Gnade zu bitten, diesem meinem Werk Ihren erlauchten Namen voranzusetzen, der mit so viel Grund die Stimmen des erleuchteten Europa vereinigt. Der große Beschützer der schönen Künste, der über ein Volk herrscht, das für sich den Ruhm in Anspruch nehmen darf, sie [= die schönen Künste] aus der allgemeinen Unterdrückung wieder erhoben und in jeder [dieser Künste] große Vorbilder geschaffen zu haben, in dieser Stadt, stets die erste, das Joch gemeiner Vorurteile abzuschütteln, um sich den Weg zur Vollkommenheit zu bahnen, kann allein die Reform dieses edlen Schauspiels unternommen werden, an dem alle Künste so großen Anteil haben. Wenn dies glücken sollte, wird mir der Ruhm bleiben, den ersten Stein bewegt zu haben. Mit diesem öffentlichen Beweis seines hohen Schutzes habe ich die Ehre, mich mituntertänigster Ergebenheit zu nennen
Euer königlichen Hoheit
ergebensten und gehorsamster Diener Christoph Gluck

1941 Ettore Panizza; New York Metropolitan Opera Chorus and Orchestera;
Alceste: Rose Bampton
Admeto: René Maison
Evandro: Alessio de Paolis
Apollo: Arthur Kent
Oberpriester: Leonrad Warren
EJS / Naxos 8.110008-9 (2 CD) (live 8. März 1941)

1950 René Leibowitz; Coro e Orchestra del Teatro alla Scala di Milano;
Alceste: Ethel Semser
Admeto: Enzo Seri
Evandro: Jean Mollien
Apollo: Jean Hoffmann
Oberpriester: Bernard Demigny
Oceanic OCL 204 (3 LP); Le Chant du Monde LDX 7853-5 (3 LP)

1952 Alberto Erede; Chor & Orchester der Metropolitan Opera
Admète: Brian Sullivan
Alceste: Kirsten Flagstad
Evandre: Emery Darcy
Grand-Prêtre: Frank Valentino
Herald: Norman Scott
L'Oracle: Alois Pernerstorfer
Arlecchino ARL A50-A51 (CD), Walhall WLCD0014 (2 CD)

1954 Carlo Maria Giulini; Coro e Orchestra del Teatro alla Scala di Milano
Alceste: Maria Callas
Admeto: Renato Gavarini
Evandro: Giuseppe Zampieri
Apollo: Rolando Panerai
Oberpriester: Paolo Silveri
Cetra LO 50 (2 LP) / Melodram 26026 (2 CD 113'25) (ital., live 4. April 1954

1956 Geraint Jones; Geraint Jones Singers and Orchestra
Alceste: Kirsten Flagstad
Admeto: Raoul Jobin
Evandro: Alexander Young
Apollo: Thomas Hemsley
Oberpriester: Thomas Hemsley
Decca GOS 574-6 (3 LP) / Decca 436 234-2 (3 CD 168'50) (ital., Wiener Version

1957 Johann Hye-Knudsen; Dänisches Radio-Symphony-Orchester
Alceste: Kirsten Flagstad
Admeto: Arne Engeboll
Evandro: Reiner Christianson
Apollo: Eskil Rask Nielsen
Oberpriester: Niels Mollner
Eklipse EKR 24 (2 CD) (live 14. April 1957)

1961 Kurt Herbert Adler; Chor & Orchester der Metropolitan Opera
Admète: Nicolai Gedda
Alceste: Eileen Farrell
Grand-Prêtre: Walter Cassel
Herald: Calvin Marsh
L'Oracle: Robert Nagy
Lucine Amara, Charles Anthony, Norman Scott, Jean Wall
Gala GL 100.569 (2 CD 139'17 live)

1962 Georges Prêtre; Orchester des Théâtre National de l'Opéra
Admète: Nicolai Gedda
Alceste: Consuelo Rubio
Grand-Prêtre: René Bianco
EMI (LP); EMI CLASSICS 5 73091 2 (CD)

1967 Vittorio Gui; Coro e Orchestra del Teatro dell'Opera di Roma
Alceste: Leyla Gencer
Admeto: Mirto Picchi
Evandro: Giuseppe Baratti
Apollo: Maurizio Piacenti
Oberpriester: Attilio d' Orazi
GOP 18 (2 LP) / GOP 781 (2 CD) (live)

1972 Gianandrea Gavazzeni; Coro e Orchestra del Teatro alla
Alceste: Leyla Gencer
Admeto: Giorgio Casellat <
Evandro: Giamapolo Corradi
Apollo: Domenico Trimarchi
Oberpriester: Attilio d'Orazi
Foyer 2-CF 2046 (2 CD) (live 27. April 1972)

1981 Charles Mackerras; Chor & Orchester der Covent Garden Opera
Admète: Robert Tear
Alceste: Janet Baker
Apollo: Philip Gelling
Coryphée: Matthew Best, Mark Curtis, Elaine Mary Hall, Janice Hooper-Roe
Evandre: Maldwyn Davies
Grand-Prêtre: John Shirley-Quirk
Herald: Philip Gelling
Hercules: Jonathan Summers
L'Oracle: Matthew Best
Thanatos: John Shirley-Quirk
Mitridate Ponto PO-1035 (2 CD); ROHS 010 (2 CD) (138'09 live)

1982 Serge Baudo; Chor und Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks
Alceste: Jessye Norman
Admeto: Nicolai Gedda
Evandro: Robert Gambill
Apollo: Bernd Weikl
Oberpriester: Tom Krause
Orfeo F 027823 (3 LP) / Orfeo C 027823 (3 CD 151'40) (franz., Pariser Version)

1998 Arnold Östman; Chor & Orchester des Drottningholm Theaters
Admète: Justin Lavender
Alceste: Teresa Ringholz
Apollo: Lars Martinsson
Aspasia: Emelie Clausen
Banditore: Matthias Nilsson
Eumelo: Adam Giertz
Evandre: Jonas Dergerfeldt
Grand-Prêtre: Lars Martinsson
Ismene: Miriam Treichl
L'Oracle: Johan Lilja
Naxos (3 CD 146'55)

1999 John Eliot Gardiner; English Baroque Soloists; Monterverdi Choir
Admète: Paul Groves
Alceste: Anne Sofie von Otter
Apollo: Ludovic Tézier
Coryphée: Katharina Fuge, Joanne Lunn
Evandre: Yann Beuron
Grand-Prêtre: Dietrich Henschel
Herald: Ludovic Tézier
Hercules: Dietrich Henschel
L'Oracle: Nicholas Testé
Thanatos: Nicholas Testé
Philips 470 293-2 (2 CD 134'35 live London); Arthaus/Naxos 100160 (DVD live Paris)

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