Heinrich Heine

Buch der Lieder
Junge Leiden. 1817--1821
Romanzen

Die Romanze vom Rodrigo.

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Donna Klara, Donna Klara!

Heißgeliebte langer Jahre,

Hast beschlossen mein Verderben,

Hast's beschlossen ohn' Erbarmen.


Donna Klara, Donna Klara!

Ist doch süß die Lebensgabe.

Aber unten ist es grausig,

In dem finstern kalten Grabe.


Donna Klara! freu' dich immer,

Morgen schon am Hochaltare

Wird Fernand dich Weib begrüßen:

Willst mich auch zur Hochzeit laden? --


Don Rodrigo, Don Rodrigo!

Deine Worte treffen bitter;

Aber Vater drohet strenge,

Nichtig ist der Tochter Wille.


Don Rodrigo, Don Rodrigo!

Laß doch fahren die Betrübniß.

Mädchen giebt es viel auf Erden,

Aber uns hat Gott geschieden.


Don Rodrigo, kühner Ritter,

Sollst nun auch dich selbst besiegen,

Sollst auf meine Hochzeit kommen:

Deine theure Klara bittet! --


Donna Klara, Donna Klara!

Ja ich schwör' es, ja ich komme,

Will mit dir den Reihen tanzen.

Gute Nacht, ich komme morgen! --


Gute Nacht! -- Das Fenster klirrte,

Seufzend stand Rodrigo unten,

Stand noch lange wie versteinert;

Endlich schwand er fort im Dunkel.


Endlich auch nach langem Ringen

Muß die Nacht dem Tage weichen.

Wie ein bunter Blumengarten

Lag Toledo ausgebreitet.


Prachtgebäude und Paläste

Schimmern hell im Glanz der Sonne,

Und der Kirchen hohe Kuppeln

Leuchten stattlich wie vergoldet.


Dumpfig und wie Bienensummen

Alle Feyerglocken läuten,

Und entsteigen Betgesänge

Aus den frommen Gotteshäusern.


Aber dorten, siehe! siehe!

Dorten aus der Marktkapelle

Bunte Volkesmenge strömet,

Im Gewimmel und Gedränge!


Blanke Ritter, schmucke Frauen,

Festlich blinkend Hofgesinde.

Und die Orgel ferne rauschet,

Und die Glocken läuten immer;


Doch mit Ehrfurcht ausgewichen

Schreitet stolz das junge Ehpaar,

Donna Klara, schwarz verschleyert,

Don Fernando, waffenglänzend.


Tausend Augen sind gerichtet,

Tausend Stimmen Freude rufen:

Heil, Kastiliens Mädchensonne,

Und Kastiliens Ritterblume!


Bis an Bräutigams Palastthor

Wälzet sich das Volksgewühle,

Dort gefeyert wird die Hochzeit,

Prunkhaft und nach alter Sitte.


Ritterspiel und frohe Tafel

Wechseln unter lautem Jubel;

Wie im Rausche flohn die Stunden,

Bis die Nacht herabgesunken.


Und zum Tanze sich versammeln

Dort im Saal die Hochzeitgäste.

Alle funkeln buntbeleuchtet

Von der Kerzen Lichterheere.


Bräut'gam, wie ein Feuerkönig,

Stralt im goldnen Purpurmantel;

Klara, wie die Rose blühend,

Folgt im weißen Brautgewande.


Auf erhabne Ehrensitze,

Rings von Dienerschaft umwoget,

Ließen Beide drob sich nieder,

Tauschten süße Liebesworte.


Und im Saale dumpfes Brausen

Von der krausbewegten Menge;

Und es wirbelten die Pauken,

Und erschmettern die Trompeten.


Doch warum, o schöne Herrinn,

Sind geheftet deine Blicke

Dorthin nach der Saalesecke?

So verwundert sprach der Ritter.


Siehst du denn nicht, Hochgebieter,

Dort den Mann im schwarzen Mantel? --

Und der Ritter huldig lächelt:

Ist ja nur ein blasser Schatten.


Doch es nähert sich der Schatten,

Und es war ein Mann im Mantel,

Und Rodrigo nun erkennend,

Grüßt ihn Klara glutbefangen.


Und der Tanz hat schon begonnen,

Munter sich die Tänzer drehen,

Und es zitterte der Boden

Von dem rauschenden Getöse.


Wahrlich gerne, Don Rodrigo,

Will ich dir zum Tanze folgen,

Aber s o im schwarzen Mantel

Hättest du nicht kommen sollen.


Don Rodrigo starret finster,

Wild umschlang er schon die Holde:

Sprachest ja, ich sollte kommen!

Hallen dumpfig seine Worte.


Und im dichtsten Tanzgetümmel

Drängten sich die beiden Tänzer;

Und es donnerten die Pauken,

Und erschmettern die Trompeten.


Sind ja schneeweiß deine Wangen!

Heimlich schaudernd Klara flüstert. --

Sprachest ja, ich sollte kommen!

Schnarret hohl die heisre Stimme.


Und im Saal die Kerzen blinzeln

Durch das fluthende Gedränge,

Und es wirbelten die Pauken,

Und erschmettern die Trompeten.


Sind ja eiskalt deine Hände!

Flüstert Klara, krampfig zuckend. --

Sprachest ja, ich sollte kommen! --

Und sie treiben rasch hinunter.


Laß mich, laß mich, Don Rodrigo!

Leichenhauch ist ja dein Odem. --

Don Rodrigos grause Worte

Schallen schaurig im Gewoge.


Und der Boden glühend rauchte,

Lustig fiedelten die Geigen;

Wie ein tolles Zauberweben

Schwindelt Alles im Gekreisel.


Laß mich, laß mich, Don Rodrigo!

Klara ächzt und steht und wimmert. --

Sprachest ja, ich sollte kommen!

Grinset immer Don Rodrigo.


Nun so geh in Gottes Namen!

Klara sprach's mit fester Stimme,

Und dies Wort war kaum entfahren,

Und verschwunden war Rodrigo. --


Klara starret. Ihre Sinne

Kaltumflirret, nachtumwoben;

Ohnmacht hat das lichte Bildniß

In ihr dunkles Reich gezogen.


Endlich weicht der Nebelschlummer,

Endlich schlug sie auf die Wimper.

Aber Staunen wollt' aufs Neue

Ihre schönen Augen schließen;


Denn sie saß noch wie zu Anfang,

War auch nicht vom Sitz gewichen,

Saß noch an des Bräut'gams Seite.

Und der Ritter sorgsam bittet:


Sprich, was bleichen deine Wangen?

Sprich, was wird dein Aug' so dunkel? --

Und Rodrigo -- -- -- schaudert Klara,

Und Entsetzen lähmt die Zunge.


Aber tiefe, ernste Falten

Lagern sich auf Bräut'gams Stirne:

Herrinn, forsch' nicht blut'ge Kunde,

Heute Mittag starb Rodrigo!

Heinrich Heine - Gedichte

Heinrich Heine

  • Buch der Lieder - Vorrede zur dritten Auflage
  • Buch der Lieder - Junge Leiden. 1817-1821 - Traumbilder - Zueignung.
  • Der Traum.
  • Der Glückwunsch.
  • Traumbilder.
  • Die Hochzeit.
  • Der Kampf.
  • Die Brautnacht.
  • Der Kirchhof.
  • Die Blasse.
  • Das Erwachen.
  • Buch der Lieder - Junge Leiden. 1817-1821 - Lieder - Erwartung.
  • Die Stunden.
  • Das Wörtlein Liebe.
  • Der Zimmermann.
  • Lebewohl!
  • Abfahrt.
  • Auf dem Rhein.
  • Ins Stammbuch.
  • Nachhall.
  • Buch der Lieder - Junge Leiden. 1817-1821 - Romanzen - Der Traurige.
  • Die Bergstimm.
  • Die Brüder.
  • Der arme Peter.
  • Der Peter spricht.
  • Der arme Peter II.
  • Lied des gefangenen Räubers.
  • Die Grenadier.
  • Die Botschaft.
  • Die Heimführung.
  • Die Romanze vom Rodrigo.
  • Belsatzar.
  • Die Minnesänger.
  • Die Fensterschau.
  • Der wunde Ritter.
  • Des Knaben Wasserfahrt.
  • Das Liedchen von der Reue.
  • An eine Sängerinn.
  • Das Lied von den Dukaten.
  • Gespräch auf der Paderborner Haide.
  • An Alexander, Pr. von W.
  • An Str.
  • Buch der Lieder - Junge Leiden. 1817-1821 - Sonetten-Kranz an Aug. W. v. Schlegel.
  • An meine Mutter, B. Heine, geborne v. Geldern I.
  • An meine Mutter, B. Heine, geborne v. Geldern II.
  • An H. Str.
  • Fresko-Sonette an Christian S. I.
  • Fresko-Sonette an Christian S. II.
  • Fresko-Sonette an Christian S. III.
  • Sonette an einen Freund I.
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