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Vorwort

Wenn alle Uebersetzungen nur annähernd ihr Original zu erreichen vermögen, so ist das wohl bei Dantes Göttlicher Komödie doppelt und dreifach der Fall. Hier, wo ein schwieriger Gedankeninhalt in einer höchst kunstvollen Form wiedergegeben werden muß, sind alle Hindernisse gehäuft, die sich einem Uebersetzer entgegenstellen. Darum kann hier jede Uebersetzung nur ein Versuch sein. Nur immer neue Versuche, die redlich das früher Geleistete benutzen, können allmählich zu dem Ziele führen: einer nach Form und Inhalt möglichst treuen, lesbaren, den Stil des Dichters wiedergebenden Verdeutschung.

Ich habe damit den Standpunkt bezeichnet, von dem aus ich einen neuen Versuch Dante zu übersetzen für gerechtfertigt halte.

Daß den genannten Anforderungen von den vorhandenen Uebersetzungen keine völlig genügt, ist allerdings meine Meinung, und ich hoffe damit keinem der Männer, die sich um die Einbürgerung

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Dantes zum Theil die höchsten Verdienste erworben haben, zu nahe zu treten.

In der Wiedergabe des Inhalts wird man ohne Frage dem Ziel am nächsten kommen, wenn man auf den Reim verzichtet, wie Philalethes, Witte, Blanc u. A. gethan haben. Aber man verzichtet damit auf eine wesentliche Schönheit. Grade die Form der Terzine ist eine so charakteristische für Dante, daß, indem man sie aufgibt, man dem Dichter und seinem Stile kaum ganz gerecht werden kann.

Eine Terzinenübersetzung kann natürlich nicht in gleichem Maße streng sich an den Wortlaut halten wie eine reimlose. Sie muß freier sein. Nur darf sie freilich nicht der Strenge der Form Wesentliches vom Inhalt opfern.

Mir scheint es thöricht, wenn ein neuer Uebersetzer sich bemüht, grade immer anders zu übersetzen, als seine Vorgänger gethan; wenn er ein Zusammentreffen mit ihnen meidet und sich scheut, das, was ihm selbst weniger gelungen, durch das besser gelungene eines Vorgängers zu ersetzen. Ich habe kein Bedenken getragen, meine Vorgänger überall zu befragen, und bekenne mich insbesondere Kannegießer, Streckfuß und Notter zu größtem Danke für ihre Leistungen verpflichtet.

Die Treue der Form glaubte ich jedoch nicht so weit ausdehnen zu müssen, daß ich mich bestrebt hätte, die fast durchgängig weiblichen Reime des Originals beizubehalten. So sehr gemäß die Herrschaft des weiblichen Reimes dem Charakter der italienischen Sprache ist, so wenig ist sie es dem der deutschen. Sie legt dem Uebersetzer einen Zwang auf, den ihm Niemand dankt.

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Auch einen regelmäßigen Wechsel von männlichen und weiblichen Reimen, wie ihn Streckfuß durchgeführt, sehe ich als eine unnöthig aufgelegte Fessel an, der zu Liebe manches Wesentlichere hätte geopfert werden müssen.

Dagegen schien mir Reinheit der Reime viel wichtiger und den Anforderungen, die wir heute mit Recht an unsere Dichter machen, zu entsprechen. Wenn ich einigemal davon abgewichen bin, so geschah es, um die größere Treue des Gedankens nicht der Form zu opfern.

In den beigefügten Anmerkungen habe ich mich aus das beschränkt, was zum unmittelbaren Verständniß nothwendig erschien, und jede weitere Ausführung, auch wo sie noch so lockend gewesen wäre, vermieden. Daß sie unter den Text gesetzt wurden, und nicht einen Anhang bilden, wird mir der Leser hoffentlich danken. Grade wo der Text so oft die Hinzuziehung der Anmerkungen erheischt, ist das Nachschlagen am Schlusse des Bandes lästig und störend.

Wie viel ich bei der Ausarbeitung der Noten wie der Einleitung den trefflichen Werken von Philalethes, Kannegießer, Witte und Notter schulde, kann ich hier nur im allgemeinen dankend hervorheben. Eine Nennung der Namen im einzelnen wird man bei dem anspruchslosen Charakter meiner Erklärungen wohl nicht vermissen.

Grade in unseren Tagen, wo ein mächtiges deutsches Kaiserthum erstanden, wo der Kampf desselben mit der Kirche sich erneut hat, muß uns Dantes unsterbliches Werk aufs neue lebendig werden.

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Möchte daher meine Uebersetzung dazu beitragen, unter den Gebildeten unseres Volkes Dante mehr und mehr bekannt zu machen und die Zahl nicht bloß seiner Verehrer, sondern auch seiner Leser zu vermehren!

Heidelberg, 10 October 1876.

Karl Bartsch.


Einleitung

I.

Dantes Leben und Wirken ist so enge mit den politischen Verhältnissen seiner Vaterstadt und seines Vaterlandes verflochten, daß es ohne einen Einblick in dieselben nicht verstanden werden kann. So wenig daher seine Göttliche Komödie der erläuternden Anmerkungen entrathen kann, so wenig einer allgemein orientirenden Einleitung, die wenn auch in gedrängtester Form, eine Uebersicht der politischen Lage gibt.

Italien war im dreizehnten Jahrhundert durch den zwischen Päpsten und Kaisern ausgebrochenen Kampf um die Suprematie in zwei große Lager gespalten: die guelfische und die ghibellinische Partei. Die guelfische, benannt nach den dem staufischen Kaiserhause feindlich gegenüberstehenden Welfen, bezeichnete die päpstliche Partei; die ghibellinische, nach den Waiblingern, d. h. den Staufen, wie sie nach einer ihrer Burgen in Schwaben hießen, war die kaiserliche. Dieser gehörten die zahlreichen Adelsfamilien an, die als Markgrafen und Grafen kleinere Gebiete Italiens beherrschten; jener die sich im dreizehnten Jahrhundert zur Blüthe entfaltenden Städte. Die Städte sahen ihre Freiheit durch die Macht des Kaiserthums gefährdet und hielten es daher mit dem Papstthum; die kleinen Machthaber in Italien, die ihrerseits wiederum die Macht der Städte fürchteten, schlossen sich aus diesem Grunde den Ghibellinen an. Auch die kleineren Städte, die von den größeren unterdrückt zu werden besorgten, hielten es mit der kaiserlichen Partei

Dantes Vaterstadt Florenz hatte schon am Anfang des dreizehnten Jahrhunderts sich zu einer bedeutenden Stellung unter den Städten Italiens erhoben. Es hatte von der Parteiung sich bis dahin fern gehalten und entwickelte unter einem freistaatlichen Regiment, an welchem jedoch die Adelssamilien der Stadt Antheil

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nahmen, seinen bürgerlichen Wohlstand. Da veranlaßte eine Privatstreitigkeit im Jahre 1215 auch hier die Parteiung. Ein junger Buondelmonte, der sich mit einem Mädchen aus dem Hause der Amidei verlobt, hatte die Braut verlassen und war daher von den der Braut verwandten Uberti ermordet worden. [1] Der Kampf zwischen den Geschlechtern dauerte bis ins Iahr 1246, in welchem Friedrich II, um einen Stützpunkt in Florenz zu gewinnen, die Uberti begünstigte. Dadurch waren diese von selbst zu Ghibellinen, ihre Gegner zu Guelfen gestempelt. 1248 mußten die Guelfen Florenz verlassen, aber als 1250 Friedrich starb und damit die Hauptstütze der Ghibellinen verloren ging, wurden bald darauf (1251) die Guelfen zurückberufen und die hervorragendsten ghibellinischen Geschlechter verbannt.

An der Spitze der Ghibellinen von Florenz stand damals Farinata degli Uberti. [2] Er war es, der am 4. September 1260, nachdem zwei Jahre vorher sämmtliche Ghibellinen aus Florenz vertrieben worden, bei Montaperti am Arbia mit Hülfe des Staufenkönigs Manfred und der Sienesen einen entscheidenden Sieg über die Guelfen errang, so daß diese nach Lucca flüchteten. Die siegreichen Ghibellinen wollten Florenz, dessen Bevölkerung es mit den Guelfen hielt, zerstören; Farinata jedoch trat mit Entschiedenheit diesem Beschlusse entgegen und drang mit seiner Ansicht durch. [3]

So herrschten zunächst wieder die Ghibellinen in Florenz; die Interessen Manfreds vertrat ein von ihm eingesetzter Statthalter. Aber als Manfred in der Schlacht bei Benevent am 26. Februar 1266 [4] gegen Karl von Anjou gefallen war, erhob die guelfische Bevölkerung von Florenz sich aufs neue, vertrieb Manfreds Statthalter, den Grafen Guido Novello, [5] und wandte sich um Unterstützung an Karl. Noch bevor die von Karl gesendeten achthundert französischen Reiter in Florenz eintrafen (Ostern 1267), flüchteten sich die Ghibellinen nach Pisa und Siena. Ihre Güter wurden eingezogen und die guelfische Partei mit dem Volke beherrschte die Stadt. Zwar wurden durch Vermittelung des friedliebenden Papstes Gregor X im Iahre 1273 die Ghibellinen zurückberufen, aber, von den Guelfen mit Uebermuth behandelt, zogen sie es vor wieder ins Exil zu gehen. Unter den Guelfen selbst brachen Parteiungen aus, so daß sie sich 1280 an Papst Nicolaus III wandten. Dieser veranlaßte eine neue Rückberufung der Ghibellinen und eine teilweise Rückgabe ihrer consiscirten Güter. Eine allgemeine Versöhnung fand im Februar 1280 statt, die aber ebensowenig von Dauer war wie die früheren. Gegenseitiges Mißtrauen der beiden

[1] Vgl. Paradies 16, 131 ff. Hölle 28, 106 ff. [2] Vgl. Hölle 10, 48 ff. [3] Hölle 10, 86 ff. [4] Vgl. Fegefeuer 3, 118. ff. Hölle 28, 16. [5] Hölle 23, 105 ff.

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Adelsparteien und Mißtrauen des Volkes gegen den Adel führte schon 1282 zu einem neuen Ausbruch des Conflictes, Das Adelsregiment wurde gänzlich abgeschafft und eine populare Regierung, an deren Spitze zwölf Zünfte standen, eingesetzt. Aus ihnen wurden die Prioren gewählt, deren Amtsführung zwei Monate dauerte. Die Adeligen waren ausgeschlossen, aber es blieb einem jeden Adeligen unverwehrt, in eine der Zünfte einzutreten. Es war ein vollständiger Sieg der Demokratie.

Die nächste Zeit verfloß im Ganzen friedlich; es ist die Zeit von Dantes Jugendentwicklung. Wir brauchen nicht weiter den Gang der politischen Ereignisse zu verfolgen, weil von da an sie mit dem Leben des Dichters bereits zusammenfallen.

Dantes Familie, die Allighieri oder Aldighieri (ein Name deutschen Ursprungs), gehörte zum Adel der Stadt. Der Urältervater des Dichters, Cacciaguida, der an dem Kreuzzuge unter Konrad III (1147) theilgenommen und aus demselben den Tod gefunden hatte, [1] war mit einer Dame aus Ferrara, vom Hause der Allighieri verheirathet. Ihren Familiennamen erhielt einer der Söhne, und von diesem Zweige stammte die Familie des Dichters ab. [2] Sein Vater war Rechtsgelehrter und gehörte zur guelfischen Partei. Er war zweimal verheirathet, in erster Ehe mit Lapa de' Cialussi, die ihm einen Sohn Francesco gebar, in zweiter mit Bella, deren Familiennamen wir nicht kennen. Sie war Dantes Mutter. 1265, wahrscheinlich am 30. Mai, ist Dante geboren. [3] Er ward in dem Baptisterium St. Johannis getauft [4] und erhielt den Namen Durante, dessen Abkürzung Dante ist. Da die Guelfen 1260 verbannt und erst 1266 zurückberufen wurden, so ist anzunehmen, daß einzelne derselben, zu denen Dantes Vater gehörte, entweder schon früher zurückgekehrt oder bei der Verbannung verschont geblieben waren. Der Vater starb schon 1274; die Mutter vertraute die Erziehung des Sohnes dem gelehrten Brunetto Latini an, der den Grund zu Dantes classischen Studien und zu seiner encyclopädischen Bildung legte. Was Dante ihm verdankt, hat er selbst ausgesprochen. [5] Brunetto Latini spielte in seiner Vaterstadt eine nicht unbedeutende politische Rolle. 1260 hatte ihn die guelfische Partei, der auch er angehörte, an Alfons X von Castilien gesandt, um Hülfe gegen Manfred zu erbitten. Während seiner Abwesenheit von Florenz wurde die Schlacht bei Montaperti geschlagen und Brunetto, dem die Rückkehr in die Heimat dadurch verschlossen war, begab sich nach Frankreich. Erst 1266 nach dem Tode Manfreds kehrte auch er zurück und bekleidete angesehene

[1]Vgl. Paradies 15, 139 ff. [2] Vgl. Paradies 15, 137 f. [3] Vgl. Paradies 22, 115. [4] Vgl. Paradies 25, 8. [5] Hölle 15, 79 ff.

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Aemter, so das eines Kanzlers der Republik. Er starb 1294. Die Dankbarkeit gegen seinen Lehrer hat aber Dante nicht verhindert, an ihm ein Laster zu tadeln, mit welchem Brunetto wie zahlreiche andere Zeitgenossen behaftet war und wegen dessen er in einem Kreise der Hölle sich befindet.

Durch Brunetto wurde Dante in das Studium der römischen Litteratur, vor allem des von ihm so hochverehrten Virgil, sowie in das der Philosophie eingeführt. Aber auch die Kunst interessirte ihn lebhaft; er war mit dem Maler Giotto befreundet, von dem wir ein Porträt Dantes aus seiner früheren Zeit besitzen, [1] ebenso mit dem Miniaturmaler Oderisi. [2] Daß er selbst nicht übel zeichnete, geht aus einer Stelle des 'Neuen Lebens' hervor. Der Musiker Casella gehörte ebenfalls in den Kreis seines nähern Umgangs. [3]

Der Trieb zur Dichtkunst, der in ihm schlummerte, wurde durch den Verkehr mit befreundeten Dichtern genährt. Unter ihnen hat sein Landsmann, Guido Cavalcanti, [4] der mit ihm das Loos der Verbannung theilte und 1300 starb, besonders Einfluß auf ihn geübt. An ihn ist das erste Sonett gerichtet, das Dante veröffentlichte. Auch mit Cino von Pistoja, Bonagiunta von Lucca [5] und Dino Frescobaldi stand er in dichterischem Verkehre. Von älteren Dichtern ist namentlich Guido Guinicelli als derjenige hervorzuheben, der durch Vertiefung des Inhalts der Lyrik von Bedeutung für Dante wurde, weshalb Dante seiner auch mit größtem Lobe gedenkt. [6]

Den mächtigsten Antrieb zum Dichten aber empfing er durch die Liebe. Noch nicht neun Jahre alt, hatte er am 1. Mai 1274 Beatrice, die Tochter von Folco Portinari, kennen gelernt. Sie wurde das Ideal seiner Liebe, seines Lebens. Von Anfang an trug diese Liebe, wie sie Dante uns in seinem 'Neuen Leben' geschildert hat. einen rein geistigen Charakter; in noch höherem Grade war dies der Fall, als Beatrice am 9. Juni 1290 starb. Sie hatte sich wenige Jahre vorher mit Simone de' Bardi verheirathet, was jedoch nach den Anschauungen des Mittelalters für Dante, der in ihr seine Herrin im Sinne des mittelalterlichen Minnedienstes gefunden, kein Hinderniß war, nach wie vor ihr seine Verehrung und Huldigung zu weihen.

Ebensowenig steht Dantes eigne Vermählung mit Gemma Donati im Jahre 1292 mit seiner Liebe zu Beatrice in einem innern Zusammenhange. Sieben Kinder entstammten dieser Ehe, sechs Söhne. Peter, Jacob, Gabriel, Allighiero, Eliseo und Bernardo, und eine Tochter, die er nach der Geliebten seiner Jugend Beatrice nannte.

[1] Vgl. Fegefeuer 11, 95. [2] Fegefeuer 11. 79. [3] Vgl. Fegefeuer 2, 91. [4] Vgl. Hölle 10, 52 ff. [5] Vgl. Fegefeuer 24, 20. 35 ff. [6] Vgl. Fegefeuer 26, 92 ff.

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Man hat in Gemma jene Frau finden wollen, in deren Liebe Dante nach Beatricens Tode einen Trost fand und die Dante selbst in einem spätern Werke, dem 'Gastmahl', als die ihn tröstende Philosophie bezeichnete. So wenig diese Deutung Glauben verdient, so wenig ist wahrscheinlich, daß diese Trösterin seine spätere Gattin gewesen. Die ganze Auffassung der Ehe in damaliger Zeit spricht entschieden dagegen. Es ist ein anderes Liebesverhältnis, welches neben seiner Ehe hergeht. Auf eine solche Zeit sinnlicher Verirrungen hat Dante selbst an mehreren Stellen Bezug genommen. [1] Freilich aber ist das wohl richtig, daß Dante im Studium der Philosophie einen Trost für seinen Schmerz um den Verlust Beatricens suchte. Denn in die Zeit nach ihrem Tode fällt die Periode seiner Beschäftigung mit der Philosophie.

Wissenschaftliche Studien und Liebe verhinderten ihn aber nicht, an den öffentlichen Angelegenheiten seiner Vaterstadt thätigen Antheil zu nehmen. Er focht als Reiter mit in der Schlacht bei Campaldino, in welcher die Florentiner am 11. Iuni 1289 die Aretiner schlugen, [2] und war zugegen, als die von den Pisanern vertheidigte Burg Caprona sich ergab. [3] Nach der Verfassung von 1282 mußte jeder, der in den Staatsdienst treten wollte, in eine der Zünfte sich einschreiben lassen. Dante trat in die der Aerzte und Apotheker, die ihm bei den naturwissenschaftlichen Studien, welche er getrieben, am nächsten liegen mochte. Wann er diesen Schritt that, läßt sich nicht genau bestimmen; wahrscheinlich geschah es um 1295.

Wenige Jahre vorher war in Florenz eine neue Ordnung der Dinge geschaffen worden. Die Uebergriffe, welche der Adel sich gegen die Verfassung von 1282 erlaubte, veranlaßten einen volksfreundlichen Mann aus der Adelspartei, Giano della Bella, [4] sich ganz aus Seiten des Volks zu stellen. Mit Hülfe des Volkes brachte er 1292 'die Gesetze der Gerechtigkeit' zu Stande, nach welchen u. a. das bloße Gerücht und zwei Zeugen hinreichten, um einen Adeligen zu verurtheilen. Zur Ausführung dieser gegen den Adel gerichteten Gesetze wurde ein neues Amt, das des Bannerträgers der Gerechtigkeit, gestiftet, und ihm eine bewaffnete Macht zur Verfügung gestellt.

Dante, obwohl seiner ganzen Gesinnung nach Aristokrat, begab sich in den Dienst des Vaterlandes. Dadurch war der Bruch mit seiner Partei geschehen. Ohne Ghibelline zu werden, ohne den Parteiinteressen, welche die Ghibellinen unter dem Vorwand kaiserlich zu sein verfolgten, [5] zu dienen, sagte er sich von den Guelfen los und durfte sich rühmen, nur auf sich selbst gestanden zu haben.

[1] Vgl. Fegefeuer 31, 34 ff. 33, 115 ff. Hölle 16, 106 ff. [2] Vgl. Fegefeuer 5, 92. [3] Hölle 21, 95 ff. [4] Vgl. Paradies 16, 132. [5] Vgl. Paradies 6, 101. [6] Paradie17, 69; vgl. Hölle 15, 70 ff.

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Bald wurde auch seine Bedeutung und sein Talent von den Florentinern anerkannt. Mehrfach wurde er zu Gesandtschaften verwendet; auch der im Iahre 1295 längere Zeit in Florenz verweilende Karl Martell [1] behandelte ihn mit Auszeichnung und trat zu ihm in ein näheres Verhältnis.

Um diese Zeit gelang es der aus Giano della Bella erbitterten Adelspartei, an deren Spitze Corso Donati stand, den Urheber der ihr feindlichen Gesetzgebung zu stürzen, indem ein Theil der Volkspartei ihr behülflich war. Allein, kaum sah sich der Adel wieder im Besitze der Macht, als er mit verdoppeltem Uebermuthe auftrat. Das Volk griff zu den Waffen und es folgte eine neue Niederlage der Adelspartei, ein neuer Sieg der Demokratie.

Gewiß war der rohe Uebermuth, den namentlich Corso Donati zeigte, ein Grund mehr für Dante, dieser Partei den Rücken zu kehren und sich mehr derjenigen zuzuwenden, die eine weniger offensive Stellung einnahm. Wie die Donati an der Spitze der guelfischen Partei, so standen an der Spitze der Gegenpartei die Cerchi; jene repräsentirten den alten Adel der Stadt, diese, von geringerer Abkunft, aber reicher, die Geldaristokratie. Um 1300 aber traten andere Parteinamen an Stelle der bis dahin üblichen der Guelfen und Ghibellinen: die Namen der Schwarzen und Weißen.

Diese Namen kamen aus Pistoja, wo die Familie der Cancellieri, in zwei aus verschiedenen Ehen stammende Linien gespalten, sich in Schwarze und Weiße schied. In dieser Familie trat eine Entzweiung ein, die zu blutigen Händeln ausartete und die ganze Stadt in zwei Lager spaltete. Um Frieden zu stiften, berief man die Florentiner Behörden. Diese veranlaßten im März 1300 die Häupter beider Parteien, Pistoja zu verlassen und nach Florenz überzusiedeln. Hier schlossen die Weißen sich den Cerchi, die Schwarzen den mit den Donati nahe verwandten Freseobaldi an, und bald wurden die Namen der Weißen und Schwarzen auf die florentinischen Ghibellinen und Guelfen übertragen. Schon im folgenden Monate kam es zu Reibungen, die am 1. Mai einen blutigen Ausbruch fanden. Die Volksvertretung wandte sich an Papst Bonifaz VIII und suchte seine Vermittelung nach. Der Papst schickte im Juni den Cardinal Matthäus von Aquasparta [2] nach Florenz, um Frieden zu stiften; allein es gelang ihm nicht.

In diesem bedeutenden Zeitpunkte stand Dante mit an der Spitze seiner Vaterstadt. Er hatte im Mai 1300 das erforderliche Alter von 35 Jahren erreicht, um zum Prior gewählt werden zu können. Und daß man ihn sogleich dazu wählte, ist ein Beweis des Ansehens, in welchem er bei seinen Mitbürgern stand. Seine

[1] Vgl. Paradies 8, 55-90. [2] Vgl. Paradies 12, 124.

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Amtsthätigkeit reichte von Mitte Juni bis Mitte August. Da die blutigen Scenen fortdauerten, so beschloß man die Häupter der Partei der Schwarzen, vor allen Corso Donati, zu verbannen. Um aber jeden Schein der Parteilichkeit zu vermeiden, wurden auch eine Anzahl Weißer, unter ihnen Dantes Freund Guido Cavalcanti, ein unruhiger Kopf, der schon früher mit Corso Donati in Händel gerathen war, gleichfalls verbannt. Ihm kostete der Aufenthalt in der ungesunden Maremma das Leben; er starb im December desselben Jahres. Corso Donati begab sich nach Rom und veranlaßte den Papst, sich aufs neue in die Angelegenheiten von Florenz zu mischen. Es sollte, so wurde verabredet, Karl von Valois, der Bruder Philipps des Schönen von Frankreich, als Friedensstifter nach Florenz gesandt werden. Um dies zu verhindern, schickten die Florentiner eine Gesandtschaft nach Rom. Unter den Gesandten befand sich auch Dante. Ihm wird bei dieser Gelegenheit das freilich nicht beglaubigte, aber charakteristische Wort in den Mund gelegt: 'Wenn ich gehe, wer bleibt, und wenn ich bleibe, wer geht?' Gewiß wurde ihm der Entschluß nicht leicht, in diesem wichtigen Augenblicke Florenz zu verlassen; aber anderseits war der Erfolg der Gesandtschaft ein zu bedeutsamer, als daß er sich ihr hätte entziehen dürfen. Im September 1301 trat er die Reise an und wurde bis zum Februar des folgenden Jahres in Rom festgehalten.

Inzwischen war über Florenz das Verhängniß hereingebrochen. Karl von Valois kam an der Spitze eines Heeres nach Toscana und zog, von der wankelmüthigen Menge jubelnd empfangen, am 4. November 1301 in Florenz ein. Er gelobte, die Versassung unverändert zu lassen und nur als Friedensstifter aufzutreten. Aber schon wenige Tage nachher drang unter seinem Schutze Corso Donati in die Stadt und verwüstete und plünderte sechs Tage lang nach Gefallen. Karl von Valois sah allem ruhig zu. Endlich berief er eine aus lauter Schwarzen bestehende Versammlung und redete scheinbar zum Frieden. Aber alles war nur Schein.

Am 27. Januar 1302 wurde Dante, den man der Bestechlichkeit und Erpressung während seiner Amtsführung als Prior anklagte, und andere seiner Parteigenossen auf zwei Iahre verbannt und ihnen eine bedeutende Geldstrafe auferlegt. Nach noch nicht zwei Monaten (am 10. März) wurde die Strafe verschärft: er wie seine Mitverbannten sollten, wenn sie sich in Toseana blicken ließen, lebendig verbrannt werden. Sein Haus wurde geplündert, sein Vermögen confiscirt. Im April verließ Karl die Stadt und dieselbe fiel der Alleinherrschaft Corso Donatis und seines Anhangs anheim. Dante eilte, als er von dem Vorgefallenen erfuhr, nach Siena, wo die Häupter der weißen Partei zusammenkamen, um zu berathen, was zu thun sei. Es wurde ein Kriegshauptmann in der Person

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des Ghibellinen Alessandro da Romena gewählt und ein Kriegsrath von zwölf Männern ihm beigegeben. Unter ihnen befand sich auch Dante. Sie hegten die Absicht, mit den Waffen in der Hand die Rückkehr zu erzwingen. Aus den Rath des Scarpella degli Ordelaffi, der an der Spitze von Forli stand, wandten die Weißen sich an den Herrn von Verona, Bartolommeo della Scala, um seine Hülfe zu erbitten. Dante ward zu diesem Zwecke nach Verona gesendet, wo er die freundlichste Aufnahme fand und seinen späteren Gönner, Cangrande Bartolommeos Sohn, damals kaum zwölf Iahre alt, kennen lernte. [1] Doch ehe er noch zurückgekehrt war, hatte seine Partei unter der Führung von Scarpella im März 1303 eine erste Niederlage erlitten.

Am 12. October 1303 starb Bonifaz VIII, nachdem er durch Philipp den Schönen die tiefste Demüthigung erfahren hatte. [2] Ihm solgte der friedliebende Benedict XI, der am 10. Mai 1304 den aus einem alten ghibellinischen Geschlechte stammenden Cardinal Nicolaus von Prato nach Florenz schickte, um Frieden zwischen den Parteien zu stiften und die Rückberufung der Ghibellinen zu erwirken. Allein seine Bemühungen scheiterten, und entrüstet verließ er am 4 Juni die Stadt, nachdem er das Interdict über sie ausgesprochen hatte.

Kurz darauf, am 20. Juni 1304, machten die Weißen einen neuen Versuch, die Rückkehr nach Florenz zu erzwingen; jedoch durch voreiliges Handeln wurde derselbe vereitelt. Auch Dante war daran betheiligt. [3] In den nächsten Jahren führte er ein unstätes Wanderleben. 1306 finden wir ihn am Hofe der Markgrafen von Malaspina, die, wenngleich guelfisch gesinnt, den berühmten Verbannten gastfrei aufnahmen. [4] Im folgenden Jahre weilte er bei einem Neffen des Grafen Alessandro da Romena, dem Grafen Guido Salvatico. In demselben Jahre sehen wir ihn nochmals an einer Berathung der Weißen sich betheiligen. In der Abtei S. Godenzo zu Mugello schlossen die dort versammelten Weißen im Juni 1307 einen Vertrag mit den Ubaldini in Arezzo, wonach diese ihnen ihre Burg Montecacciano zum Zwecke der Kriegführung gegen Florenz überließen. Uneinigkeit brachte auch diesen Plan zum Scheitern, und Dante zog sich von da ab ganz von den weiteren Unternehmungen seiner Partei zurück.

Trauernd setzte er seinen Weg im Exil fort. Er kehrte zunächst wieder zu den Malaspinas zurück und begab sich dann wahrscheinlich nach Verona, wo inzwischen Cangrande seinem Vater nachgefolgt und Mitregent seines Bruders Alboin geworden war.

[1] Vgl. Paradies 17, 70 ff. [2] Vgl. Fegefeuer 20, 85 ff. [3] Hölle 10. 79 ff.; vgl. Paradies 17, 61 ff. [4] Vgl. Fegefeuer 8, 121 ff.

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Seine Hoffnung flammte aufs neue auf, als im Jahre 1310 Heinrich VII, der Luxemburger, seinen Römerzug antrat. An ihn knüpfte Dante nicht bloß die Rückkehr in die immer noch geliebte und ersehnte Heimat, sondern mehr noch die Ersüllung seiner politischen Ideale, die Verwirklichung einer Weltmonarchie, wie er sie in seinem Werke 'über die Monarchie' theoretisch dargelegt hat. In einem an die Fürsten und Völker Italiens gerichteten Briefe forderte er sie auf, sich Heinrich zu unterwerfen. Am 1. November 1310 kam Heinrich nach Turin, und hier wahrscheinlich begrüßte Dante und andere Ghibellinen den Retter, dem er entgegengeeilt war.

Für die Ungeduld des Dichters hielt Heinrich sich viel zu lange in Oberitalien auf. In einem offenen Briefe vom l6. April 1311 forderte er ihn auf, sich ungesäumt gegen Florenz als die Wurzel des Uebels zu wenden. Die Folge dieses in der That äußerst heftigen und bittern Briefes war, daß, als fast alle Verbannten amnestirt wurden, Dante allein von der Amnestie ausgeschlossen ward.

Endlich brach Heinrich von Oberitalien auf. Er ging nach Genua, von da zur See nach Pisa und kam im Mai 1312 nach Rom. Am 29. Juni wurde er zum Kaiser gekrönt, aber nicht vom Papste selbst - dieser war in Avignon - sondern von einem Cardinallegaten, und nicht in der Peterskirche, zu welcher den Zugang Robert von Neapel mit seinen Truppen ihm wehrte, sondern im Lateran. Im October 1312 endlich zog er gegen Florenz, vermochte aber trotz mehr als einmonatlicher Belagerung die Stadt nicht zu nehmen, sondern mußte sich am Fieber erkrankt zurückziehen. Im Juli des nächsten Jahres brach er, mit neuem Zuzug aus Deutschland versehen, aufs neue von Pisa auf. Da starb er unerwartet am 24. August 1313.

Dantes stolzestes Hoffen sank mit ihm ins Grab. Noch aber lebte ein Mann in Italien, auf den er, der an Hoffnung reichste, [1] gleichfalls sein Hoffen baute. Es war Cangrande della Scala, in welchem er nach Heinrichs Tode den künstigen Befreier Italiens erblickte. [2] Bei ihm finden wir ihn denn auch in den nächsten Jahren meistens verweilen.

Vorher jedoch hielt er sich eine Zeit lang in Lucca auf, wo Uguccione della Faggiuola die ghibellinische Herrschaft hergestellt hatte und in Verbindung mit dem gleichfalls ghibellinischen Pisa dem guelfischen Florenz kräftigen Widerstand leistete. In jene Zeit fällt ein Verhältniß Dantes mit einer Luccheser Dame, Namens Gentucca, über welches wir jedoch nichts Näheres wissen als was Dante selbst andeutet. [3] Von Lucca aus richtete er nach

[1] Paradies 25, 52. [2] Vgl. Hölle 1, 101. [3] Fegereuer 24, 36 ff.

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dem Tode von Clemens V (April 1314) einen Brief an die Cardinäle, worin er vor allem darauf drang, daß der Sitz des Papstes wieder in Rom aufgeschlagen werde. Allein sein Wunsch sollte nicht erfüllt werden: 1316 wurde der Bischof von Avignon gewählt und bestieg zu Avignon als Johann XXII den päpstlichen Stuhl.

Uguccione hatte im Jahre vorher einen vollständigen Sieg über die Guelfen errungen, und das veranlaßte die Florentiner, das Verbannungsurtheil auch gegen Dante zu erneuern, am 6. November 1315. Aber schon im April des nächsten Jahres wurde Uguccione durch einen Aufruhr gestürzt und mußte Pisa verlassen. Er begab sich, und wahrscheinlich Dante mit ihm, nach Verona zu Cangrande della Scala.

Grade damals eröffnete sich noch eine letzte Aussicht zur Rückkehr in die Heimat. Nach Beseitigung des mächtigen Gegners machte in Florenz eine mildere Stimmung gegen die Verbannten sich geltend. Es wurde ihnen Amnestie geboten, wenn sie die vorgeschriebenen Bedingungen, die Erlegung einer Geldsumme und den Akt der Begnadigung in der Johanniskirche zu Florenz, erfüllten. So wenig die Bedingungen als allgemein übliche an sich etwas Schimpfliches enthielten, so wenig konnte Dantes stolzer Sinn sich entschließen darauf einzugehen. Er lehnte in einem Briefe an einen Freund, der die Rolle des Vermittlers übernommen hatte, ab und zog es vor, auch ferner als Verbannter zu leben.

Cangrande della Scala war damals das Haupt und der Führer der Ghibellinen in Italien, ein tapferer, freigebiger Fürst, der der Kunst und Wissenschaft eine willkommene Zufluchtsstätte bot. Dante blieb bis 1320 bei diesem seinem Gönner, der zwei Jahre vorher zum Oberfeldherrn des lombardischen Ghibellinenbundes erwählt worden war. Im Ianuar 1320 hielt Dante in Verona noch eine Disputation über die Elemente des Feuers und Wassers, zu welcher er durch ein mit Jemand geführtes Gespräch veranlaßt wurde, worin die angeregte Frage nicht zum Abschluß gekommen war.

Nicht lange danach verließ er Verona und begab sich nach Ravenna zu Guido von Polenta, [1] ohne daß wir Grund hätten anzunehmen, es sei eine Verstimmung zwischen ihm und Cangrande eingetreten. Denn daß das Verhältniß zwischen beiden auch nach dem Fortgang von Verona ein ungetrübtes blieb, ergibt die Widmung, mit welcher Dante das Paradies an Cangrande übersendete.

Hier in Ravenna lebte er ganz der Vollendung seines großen Werkes. Nur noch einmal verließ er sein Asyl, indem er im Sommer 1321 als Gesandter Guidos nach Venedig sich begab. Schon bei der Rückkehr leidend, wurde er von einer Krankheit am

[1] Vgl. Hölle 27, 41 f. 5, Anmerkung 11.

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21. September 1321 hingerafft. Guido von Polenta, der dem Todten eine Gedächtnißrede hielt, beabsichtigte dem Dichter ein Denkmal zu setzen, wurde aber durch seine bald darauf (1322) erfolgte Vertreibung aus Ravenna an der Ausführung verhindert. Erst 1483 ließ ihm Bernhard Bembo, der Vater des berühmten Cardinals Peter Bembo, ein Denkmal errichten, welches mit folgenden wie es heißt, von Dante selbst verfaßten Versen (es sind im Originale gereimte, sogenannte leoninische Hexameter) geschmückt wurde:

Rechte der Monarchie und Himmel und Hölle und Seeen
Hab ich erforscht und besungen, so lang es gestattet das Schicksal;
Doch weil mein unsterbliches Theil zur besseren Heimat
Schied und seinen Erschaffer bei seligen Sternen gefunden,
Ruh' ich Dante nun hier, von der Heimat Fluren verstoßen,
Welchen Florenz erzeugte, die kärglich liebende Mutter.

Als die Nachricht von seinem Tode nach Florenz kam, war wie mit einem Schlage jede Spur des Hasses, womit seine Landsleute den großen Todten während seines Lebens verfolgt hatten, verweht und verschwunden. Sie begehrten die Gebeine Dantes zurück, erhielten sie jedoch nicht. Noch heute ruhen sie in Ravenna. Das schönste Denkmal hat ihm der geistesverwandte große Michel Angelo Buonarotti, der 1519 die erneute Bitte um Rückgabe der Gebeine dadurch unterstützt hatte, daß er sich erbot, dem Dichter ein seiner würdiges Grabmal zu errichten, in jenem schönen Sonette gesetzt, welches ich hier nach dem älteren Texte mittheile:

Gestiegen zu des Weltalls finstern Thalen
Und beide Höllen schauend noch im Leben,
Flog er zu Gott, geschwellt von hohem Streben,
Und ließ auf Erden wahres Licht dann strahlen.

Ein Stern von hoher Kraft, mit seinen Strahlen
Hat ewiger Räthsel Kund' er uns gegeben
Und nahm zuletzt den schnöden Lohn, den eben
Den größten Helden pflegt die Welt zu zahlen.

Schlecht wurden Dantes Werk' und edles Wollen
Von jenem undankbaren Volk verstanden,
Das nur Gerechten nicht will Beifall zollen.

Wär ich nur Er! zu gleichem Loos geboren,
Hätt' ich statt höchsten Glücks in Erdenlanden
Sein hart Exil und seine Größ' erkoren.

Von dem Aeußeren und dem Charakter Dantes entwirft uns Boccaccio, der älteste Biograph des Dichters, folgende Schilderung. 'Dante war von mittlerer Leibesgröße und hatte in seinen Mannesjahren einen etwas geneigten, aber ernsten und gelassenen Gang.

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Sein Anzug war sittsam und geziemend. Er hatte ein langes Gesicht, eine Adlernase, ziemlich große Augen, starke Kinnbacken und eine etwas überstehende Oberlippe. Die Farbe war bräunlich, Kopf- und Barthaar dicht, schwarz und kraus, die Miene nachdenkend und düster. Sowohl im öffentlichen als im häuslichen Leben hatte er etwas ungemein Gesetztes und Bestimmtes. An Höflichkeit und Leutseligkeit kam ihm fast niemand gleich. In Speise und Trank war er höchst mäßig. Selten sprach er ungefragt, und dann mit Nachdenken und einem der Sache angemessenen Tone. Nichtsdestoweniger konnte er, wenn es darauf ankam, sehr beredt sein, und seine Ausdrucksweise war dann fließend und vortrefflich. Er fand großes Vergnügen an der Tonkunst, und besonders am Gesange, in seiner Jugend, und war ein Freund aller Tonkünstler und Sänger. In Ravenna verbreitete er die Liebe zur Dichtkunst, besonders in der Volkssprache. Er liebte die Einsamkeit, um in seinen Betrachtungen nicht unterbrochen zu werden, antwortete auch häufig bei Tische oder unterwegs auf Fragen nicht eher, als bis er mit seiner Ueberlegung zu Ende war. Er hatte einen sehr scharfen Verstand, ein treffliches Gedächtniß und eine große Erfindungskraft. Nach Ehre und Auszeichnung war er sehr begierig.'

II.

Dantes Werke sind dichterische und prosaische. Das Früheste was er gedichtet hat sind jedenfalls lyrische Gedichte, die unter seinem Namen theils in Handschriften gesammelt, aber mit manchem unechten gemischt, sich finden, theils von ihm selbst in zweien seiner Prosawerke von ihm veröffentlicht worden sind.

Die Lyrik hatte in Italien zuerst im dreizehnten Jahrhundert sich in heimischer Sprache vernehmen lassen, angelehnt an die früher und reicher entwickelte provenzalische Poesie. Auch Dante war ein eifriger Verehrer der Troubadours und studirte ihre Werke mit Fleiß und Sorgfalt, so daß er sogar selbst provenzalisch zu dichten verstand. [1] Von der ceremoniellen Art, wie bei den Troubadours die Liebe behandelt wurde, machte er sich jedoch bald frei und gab seiner Lyrik ein philosophischeres und sittlicheres Gepräge. Vorangegangen war ihm darin der Bolognese Guido Guinicelli [2] und sein Freund Guido Cavalcanti. Aber beide werden, was Reichthum der Gedanken und Tiefe der Empfindung angeht, von Dante weit übertroffen. Freilich ist auch Dantes Lyrik viel mehr eine gedankenreiche, reflectirende als eigentliche Gefühlslyrik. Den mächtigsten Antrieb zum Dichten empfing er durch die Neigung zu Beatrice. [3]

[1] Fegefeuer 26, 139 ff. [2] Vgl. Fegefeuer 26, 92 ff. [3] Vgl. oben S. XVIII

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Die Entwickelung dieser von Anfang an idealen Liebe hat uns Dante selbst in seinem ältesten Prosawerke, der Vita nuova, geschildert. 'Neues Leben' nannte er es, weil ihm in der Liebe zu Beatriee eine Erneuerung seines inneren Daseins aufgegangen war. Das Werkchen, bald nach Beatricens Tode begonnen, aber erst im Jahre 1300 abgeschlossen, umrahmt in erzählender und erklärender Form eine Anzahl von lyrischen Gedichten, Sonetten, Balladen, Canzonen, deren Anlaß und Entstehung mitgetheilt, deren Inhalt und Anlage darin erläutert wird. Einen großen Theil des Inhalts bilden Visionen und Träume, und mit einer solchen Vision schließt auch das Werk, mit dem Hinweise aus ein größeres, das er zur Verherrlichung der verklärten Geliebten zu dichten beabsichtigt. 'Nach diesem Sonett hatte ich ein wunderbares Gesicht, in welchem ich Dinge sah, die mir den Vorsatz eingaben, nicht mehr von dieser Gebenedeiten zu sprechen bis zu der Zeit, wo ich würdiger von ihr zu sprechen im Stande wäre. Und dahin zu gelangen beeifere ich mich, soviel ich vermag, wie sie wahrhaftig es weiß. Und so darf ich denn, wenn es ihm, in dem alle Dinge leben, gefällt, daß mein Leben noch einige Jahre daure, hoffen, von ihr zu sagen, was von keiner noch jemals gesagt ward. Und dann möge es Dem, der der Herr der Gnade, ist gefallen, daß meine Seele von dannen gehen könne, zu schauen die Herrlichkeit ihrer Gebieterin, d. h. jener gebenedeiten Beatrice, welche glorreich schaut in das Antlitz Dessen, qui est per omni saecula benedictus.'

Auch das nächste Werk Dantes, das Convito oder Gastmahl, welches zwischen 1306 und 1308 verfaßt ist, hat eine ähnliche Anlage wie das Neue Leben. Es liefert ebensalls einen in Prosa geschriebenen Commentar zu einer Anzahl von Canzonen. Des Dichters Absicht war, darin eine encyclopädische Belehrung über die mannigfaltigsten Gegenstände zu geben, eine allgemein verständliche Encyclopädie des Wissens für seine Landsleute zu verfassen, die Schulgelehrsamkeit zu popularisiren. Das Werk blieb unvollendet, nur drei Canzonen sind erläutert worden, freilich in einer Ausführlichkeit, die aus einen großen Umfang des Ganzen schließen läßt. Es knüpft an das Neue Leben an, insofern der Dichter die mitleidige Frau, die nach dem Tode Beatricens ihn tröstete, als die Philosophie darstellt. [1] 'Gastmahl' nannte er es, weil er mit den Gedichten seine Landsleute bewirthen wollte; die Erklärung, der prosaische Commentar, sollte das dazu nöthige Brot sein, um die Speise verdaulicher zu machen.

An einer Stelle des 'Gastmahls' sprach Dante die Absicht aus, einmal ein Buch über die Volkssprache zu verfassen. Er hat dieselbe

[1] Vgl. oben S. XI.

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auch ausgeführt, freilich ohne auch dieses Werk zu vollenden. Das lateinisch geschriebene Buch de vulgari eloquio oder über die Volkssprache, schon vor 1305 begonnen, aber erst nach 1309 weitergeführt, behandelt in dem ersten Theile die Entstehung der italienischen Schriftsprache, welche Dante als eine über den einzelnen Dialekten stehende, das Beste aus allen Mundarten herausnehmende Sprache bezeichnet und zu deren Schöpfung Dante das Wesentlichste beigetragen hat. Im zweiten, nicht vollendeten Theile, dem noch Weiteres nachfolgen sollte, untersucht er, wo und wie diese Schriftsprache, die er als das vulgare illustre bezeichnet, anzuwenden sei. Dies geschieht vor allem in der Poesie, deren vornehmste Gattung, die Canzone, zuerst erläutert wird. Die Liebe zur Heimat, die Begeisterung für die Muttersprache hat auch in diesem Werke einen schönen Ausdruck gefunden.

Mit Dantes politischem Wirken hängt aufs innigste das vierte, ebenfalls lateinisch geschriebene Werk zusammen: die drei Bücher über die Monarchie. Es enthält Dantes politische Ansichten in systematischer Form und wurde verfaßt zu der Zeit, als Dante die Verwirklichung dieser Ansichten am bestimmtesten hoffte: zur Zeit des Römerzuges Heinrichs VII. Es sollte dem Kaiser bei den Gebildeten der Nation den Weg bahnen und den Boden schaffen, auf welchem das große Gebäude eines Weltkaiserthums sich aufbauen könnte. Drei Fragen untersucht hier Dante: ob die Monarchie, d. h. das Weltkaiserthum, zum Heile der Welt nothwendig sei; ob unter diesem Weltkaiserthum das römische Kaiserthum zu verstehen sei; endlich, ob es unmittelbar von Gott abhänge, oder von einem Diener und Stellvertreter Gottes. Die beiden ersten Fragen werden bejaht, die dritte dahin beantwortet, daß eine Abhängigkeit des Kaisers von dem Stellvertreter Christi, d. h. dem Papste, nicht stattfinde, sondern daß beide gleichberechtigt und unabhängig von einander von Gott eingesetzt seien. Wegen der Bedeutung der hier zu Grunde liegenden Anschauung für die göttliche Komödie sei die Hauptstelle hier wörtlich eingerückt. 'Die göttliche Vorsehung hat dem Menschen eine doppelte Bestimmung gegeben, nämlich die Glückseligkeit dieses Lebens, die in der Ausübung der eignen Tugend besteht und durch das irdische Paradies dargestellt wird, und die Glückseligkeit des ewigen Lebens, welche Genuß der Anschauung Gottes ist, und zu welcher die eigne Tugend nur durch göttliche Erleuchtung gelangen kann; diese wird unter dem himmlischen Paradiese verstanden. Zur Glückseligkeit dieses Lebens gelangen wir durch philosophische Lehre, wenn wir ihr folgen, indem wir der moralischen und intellektuellen Tugend gemäß handeln. Zur Glückseligkeit des ewigen Lebens gelangen wir durch geistliche Lehre, indem wir nach den theologischen Tugenden, Glaube, Liebe, Hoffnung, handeln. Darum war für

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den Menschen ein doppelte Leitung nöthig, nach seiner doppelten Bestimmung, nämlich der oberste Bischof, der das Menschengeschlecht nach der Offenbarung zum ewigen Leben einführen, und der Kaiser, der dasselbe nach der philosophischen Lehre zum zeitlichen Glücke führen soll.'

Es bleibt uns, wenn wir von den Briefen und den wenigen Epigrammen absehen, das letzte und größte Werk Dantes zu betrachten übrig: die Göttliche Komödie. Schon vor der Verbannung aus Florenz begonnen, [1] wurde es erst in Ravenna, nicht lange vor seinem Tode, vollendet. Die beiden ersten Theile, die Hölle und das Fegefeuer, hatte er schon bei Lebzeiten veröffentlicht, das Paradies wurde erst nach seinem Tode bekannt. Der Titel des Werkes lautet in authentischer Fassung: 'Die Komödie des Dante Allighieri, eines Florentiners von Herkunft, nicht von Charakter.' Den Beisatz 'göttlich' hat dem Werke erst die bewundernde Nachwelt gegeben. 'Komödie' aber, ein für uns auffallender Titel, wurde das Werk vom Dichter benannt nach dem freilich etwas sonderbaren Begriffe, den er mit dem Worte verband, 'weil der Anfang (die Hölle) grausig, das Ende aber (das Paradies) erfreulich und glücklich' sei.

Das Werk stellt des Dichters eigne innere Entwickelung dar; es ist sein religiöses und politisches Glaubensbekenntniß, doch nicht in systematischer Form dargelegt, wie in dem Buche über die Monarchie. Zugleich aber verband der Dichter damit ähnlich wie beim Gastmahl den Zweck encyclopädischer Belehrung. Daher ist keine Seite des Wissens unberührt geblieben; daher erklären sich die zahlreichen Erörterungen über Physik, Metaphysik und Ethik, die für unsern Geschmack allerdings oft etwas störendes haben. Da diese Erörterungen am zahlreichsten im dritten Theile der Dichtung begegnen, so dürfen wir annehmen, daß der Plan zu einer populären Encyclopädie erst dann stärker hervortrat, als er den Gedanken, etwas ähnliches im Gastmahl zu liefern, aufgegeben hatte. Eben durch diese Berührung aller Seiten des Lebens und Denkens ist das Werk zu einer Art von Laienbibel in poetischem Gewande geworden. Indem alle Saiten angeschlagen werden, erhebt es sich über das Niveau des Individuellen und zeigt in einem großartigen Gesammtbilde die allgemeine Norm menschlichen Strebens und Handelns. Darum ist dem, der die Göttliche Komödie mit liebevollem Sichversenken liest und in sich aufnimmt, das Ganze wie eignes inneres Erleben und findet in ihm einen mächtigen Widerhall.

Die Einkleidung ist die Form einer Vision, in welcher der Dichter eine Wanderung durch die drei Reiche der Hölle, des Fegefeuers und des Paradieses macht. Aus diese Vision ist am Schlusse

[1] Vgl. zu Hölle 8, 1.

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des Neuen Lebens hingedeutet und wir haben keinen Grund; in ihr eine bloße poetische Fiction zu sehen. Das ganze Zeitalter und Dantes Geist insbesondere, wie die Darstellung der ganzen Vita nuova zeigt, neigte zu dergleichen hin. Wir besitzen eine Menge visionsartiger Werke aus dem Mittelalter, die die Anlage im Großen und Ganzen mit der Göttlichen Komödie theilen. Von allen ähnlichen Werken unterscheidet sich aber Dantes Dichtung durch die Plastik, mit welcher der architektonische Ausbau des Ganzen durchgeführt ist.

Dante denkt sich die Erde als eine vom Meere umslossene Insel in kugelförmiger Gestalt. Sie zerfällt in zwei Hemisphären. Den Mittelpunkt der einen, von den Menschen bewohnten, bildet Jerusalem; die andere, unbewohnte, ist von Meer bedeckt, aus welchem im Mittelpunkt, also Jerusalem diametral gegenüber, der Berg der Reinigung emporragt, dessen Abhänge die Abteilungen des Fegefeuers enthalten, während auf dem Gipfel das irdische Paradies liegt.

Die Hölle befindet sich, wie es der allgemeinen Vorstellung der Alten und des Mittelalters entspricht, im Innern der Erde. Sie hat die Form eines Trichters, dessen Spitze den Mittelpunkt der Erde bildet. Ihre Tiefe ist also gleich dem Erdradius; sie ist nur aus unserer Hemisphäre, nach oben geschlossen durch ein Gewölbe, dessen Mitte grade unter Jerusalem liegt. Dieser Trichter zerfällt in verschiedene kreisförmige Abtheilungen, deren oberste die größte Weite hat, während die folgenden nach dem Mittelpunkte hin sich verengen. Die oberen Abtheilungen nehmen die leichteren Sünden ein, die in größrer Zahl begangen werden, daher also auch einen größern Raum bedürfen; die unteren die schweren Verbrechen, welche verhältnißmäßig wenige Menschen begehen. Im Mittelpunkte hat Lucifer seinen Sitz, also der Ausgangspunkt und Urheber alles Bösen. Außerhalb der eigentlichen Hölle ist ein Vorraum, in welchem Diejenigen verweilen, die weder gut noch schlecht waren, weder Ehre noch Schande auf Erden erwarben, und die daher vom Himmel wie von der Hölle ausgeschlossen sind. Im ersten Kreise der Hölle sind die Seelen der tugendhaften Heiden, denen nur der christliche Glaube zur Vollkommenheit fehlte, und die Seelen ungetauft gestorbener Kinder. Im zweiten Kreise, mit welchem erst die Höllenstrafen beginnen, die Wollüstigen, im dritten die Schweiger, im vierten Verschwender und Geizige, im fünften Zornige und Trübsinnige; im sechsten, mit welchem die tiefere Hölle beginnt, die Ketzer, im siebenten die Gewaltthätigen, im achten die Betrüger, im neunten die Verräther. Mehrere Kreise zerfallen wieder in Unterabtheilungen, namentlich der siebente und achte. Vier Flüsse sind in der Hölle, der Acheron bildet die Grenze zwischen dem Vorraum und der eigentlichen Hölle; über ihn werden die Seelen von Charon gesetzt. Im

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vierten Kreise fließt der Styx, im siebenten der Phlegethon, endlich im neunten der zu Eis gefrorene Cocyt.

Vom Mittelpunkt der Erde gelangt man durch einen schmalen Gang nach der entgegengesetzten Hemisphäre. Diese ist, wie bemerkt, von Wasser bedeckt, mit Ausnahme der Mitte, welche der Berg der Reinigung bildet. Ursprünglich hatte auch die andre Hemisphäre Land wie die unsrige. Aber beim Sturze Lucifers, der vom Himmel herab auf die andere Hemisphäre, gerade in deren Mittelpunkt, niederfuhr, umhüllte sich das Land vor Schrecken mit Wasser. Das durch Lucifers ins Centrum der Erde sich einbohrenden Leib verdrängte Erdreich bildete einerseits, hinter ihm herausgetrieben, den Berg der Reinigung, andererseits, auf unserer Hemisphäre nach der entgegengesetzten Richtung getrieben, den Berg der Versöhnung, aus welchem Christus starb. [1] Die beiden Berge liegen einander gerade gegenüber, und eine sie verbindende Linie geht genau durch den Mittelpunkt der Erde. Der Berg der Reinigung, nach oben sich verengend und oben abgeplattet, enthält an seinem Abhang sieben ringförmige Abtheilungen, in welchen die sieben Todsünden gebüßt werden. Auch hier ist ein Vorraum, der die Seelen derjenigen umfaßt, die ihre Reue hinausgeschoben haben, und in welchem dieselben verschieden lange verweilen müssen. Die sieben Stufen bilden folgende Sünden: die auf ihnen gebüßt werden: Hochmuth, Neid, Zorn, sittliche Trägheit, Geiz, Schwelgerei, Wollust. Die Reihenfolge ist hier eine umgekehrte wie in der Hölle: in dieser wurde von den leichteren Sünden zu den schwereren, im Fegefeuer von den schwereren zu den leichteren vorgeschritten. Oben auf dem Gipfel des Berges ist das irdische Paradies, welches Gott den ersten Menschen als Wohnsitz angewiesen hatte, aus welchem sie aber nach kurzem Aufenthalte durch den Sündenfall vertrieben wurden. Hier fließt der Quell Lethe, der Vergessenheit der Sünden bewirkt, und der Quell Eunoë, der die Erinnerung der guten Thaten erweckt.

Das Paradies besteht aus den sieben nach der Anschauung des ptolemäischen Systems die Erde umkreisenden Planeten, zu denen auch die Sonne gerechnet wird. In dem ersten, dem Monde, der von der Erde noch durch eine Feuersphäre getrennt ist, [2] weilen Diejenigen, welche ihr Gelübde unvollkommen erfüllt haben; im zweiten, dem Mercur, Diejenigen, die allerdings nach Tugend, aber um Ruhm und Ehre zu erlangen, stritten; im dritten, der Venus, Die, welche der Tugend, aber auch der Liebe dienten; im vierten, der Sonne, sind geistliche Lehrer; im fünften dem Mars, die Kämpfer für den Glauben; im sechsten, dem Jupiter, die Gerechten; im siebenten, dem Saturn, die Asceten und Einsiedler. Jeder folgende

[1] Vgl. Hölle 34, 106 ff. [2] Vgl. Paradies 1, Anm. 13.

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Himmel ist in dem Maße, als er sich von der Erde entfernt, immer größer und weiter und seine Bewegung um die Erde immer schneller. Als achter Kreis schließt sich der Firsternhimmel an, in welchem die Apostel, und Adam, der erste Mensch, weilen. Der neunte ist der Krystallhimmel, das Primum mobile; von ihm geht die Bewegung der von ihm umschlossenen acht Himmel aus, er selbst empfängt seine Bewegung von Gott unmittelbar. Hier haben die Chöre der Engel ihre Stätte, die als leitende Intelligenzen ihre Wirkung auf die unteren Sphären ausüben. Endlich in dem äußersten Himmel, welcher außerhalb der Grenzen des Raumes liegt, dem Empyreum, ist der Sitz Gottes selbst und zugleich der Aufenthalt aller Seligen, die nur vorübergehend auch in den unteren Himmeln weilen, je nach dem verschiedenen Grade von Seligkeit und Gottanschauen, den sie genießen.

Die drei Reiche, die der Dichter durchwandert, sind von Gestalten alter und neuer Zeit belebt und erfüllt. In wunderbarer Mischung geht hier antike Mythologie und Christliches neben einander her. Aber durchweg sind es bedeutsame Gestalten, weil, wie der Dichter selbst sagt, nur die bedeutenden Beispiele Eindruck aus den Hörer machen. [1]

Die Strafen der Hölle und die Bußen des Fegefeuers stehen bei Dante in einem sinnreichen Verhältnis zu den Sünden, für welche sie erlitten werden. So wälzen die Verschwender und Geizigen schwere Lasten, aber in entgegengesetzter Richtung; die Tyrannen waten in einem Blutstrome; die Selbstmörder, die durch ihre Schuld den Besitz des eignen Leibes verscherzt, sich 'entleibt' haben, sind in Sträucher und Bäume verwandelt und werden auch beim jüngsten Gericht nicht in den Besitz des Leibes gelangen, die Schmeichler stecken im Menschenkothe, das Gesicht der Wahrsager ist, weil sie in unbefugter Weise vorausschauten, nach hinten verdreht; die Heuchler müssen schwere Kutten von Blei tragen, die von außen wie Gold erglänzen. Im Fegefeuer werden die Hochmüthigen von schweren Lasten zur Erde gebeugt; den Neidischen und Schelsehenden ist mit einem eisernen Drahtgitter das Auge verschlossen; die Zornigen gehen in einer dicken Rauchatmosphäre einher; die Trägen sind gezwungen zu laufen; die Schlemmer stehen hungernd vor einem mit Früchten beladenen Baume und dürstend vor einem Quelle; die Wollüstigen müssen durch Flammen hindurchgehen. Wenn auch nicht überall, wie in diesen angeführten Beispielen, die symbolische Beziehung zwischen Schuld und Strafe so ersichtlich und deutlich ist, so darf doch bei der systematischen Anlage des ganzen Werkes nicht daran gezweifelt werden, daß überall der Dichter eine solche Symbolik im Sinne gehabt habe.

[1] Vgl. Paradies 17, 136 ff.

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Die wohldurchdachte und berechnete Anlage des Werkes tritt wie in den genauen localen Angaben, so auch in den bestimmten Zeitangaben hervor. Die Wanderung ist in das Jahr 1300 gelegt, wahrscheinlich auf den 25. März, und dauert im Ganzen acht Tage. Am Morgen des 25. März verirrt sich Dante im Walde; am Abend des genannten Tages steigt er mit Virgil in die Hölle hinab. Den 26. März verbringt er in der Hölle, den 27. mit dem Emporsteigen vom Mittelpunkt der Erde bis zum Fuße des Reinigungsberges. Der 28. bis 30. März werden im Fegefeuer zugebracht, der 31. März im irdischen Paradiese. Der letzte Tag endlich geht mit dem Durchfliegen der einzelnen Sphären des Paradieses hin.

Zwei Führer geleiten den Wanderer. In dem dunklen Walde, in dem er sich verirrt hat, [1] tritt ihm Virgil entgegen und bietet sich ihm als Führer an. Zu ihm ist Beatrix, veranlaßt durch die erbarmende Liebe der Himmelskönigin Maria, und durch die erleuchtende Gnade, Lucia von ihrem Sitze in der weißen Rose des Paradieses herabgestiegen, um dem verirrten Geliebten zu helfen, und hat ihn ausgefordert, die Führung zu übernehmen. Virgil geleitet den Dichter durch die Hölle und das Fegefeuer bis ins irdische Paradies. Dort verschwindet er in dem Augenblicke, wo Beatrix Dante sichtbar wird. Sie schwebt mit ihm, nachdem er entsündigt ist, durch den Himmel empor.

Daß Virgil zu so hoher Ehre bestimmt ist, von Beatrix zu Dantes Führer erwählt zu werden, hängt mit Dantes politischen Anschauungen aufs engste zusammen. Virgil ist der Dichter, der in seiner Aeneide den Begründer des Kaiserthums, Augustus, feiert und verherrlicht. Als Fortsetzung des altrömischen Kaiserthums aber betrachtete Dante in Übereinstimmung mit der Auffassung des Mittelalters das römisch-deutsche Kaiserthum. Aber Virgil der Heide darf die Pforte des Paradieses nicht überschreiten; dort löst ihn daher Beatrix ab. Das Heidenthum reicht nicht über das Gebiet menschlicher Einsicht, die durch Virgil verkörpert ist; wo das Gebiet göttlicher Lehre beginnt, da bedars es eines andern Führers.

Beatrix ist die erbarmende göttliche Liebe, die den Geliebten nicht verloren gehen läßt, deren Auge, auch nachdem sie ihm entrückt ist, ihn bewacht und die zu seiner Rettung herbeieilt, wo Gefahr ihm droht. Sie ist aber keineswegs eine bloße Abstraction, und wenn auch an einigen Stellen ihre Identifizirung mit der Wissenschast von Gott, mit der Theologie, mit der reinen Lehre, nach der Vieldeutigkeit des Werkes, die Dante nach seinem eignen Ausdruck hineingelegt hat, nicht in Abrede gestellt werden kann, ist sie doch ihrer persönlichen Bedeutung und Beziehung zum

[1] Hölle, 1, 2.

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Dichter keineswegs entkleidet. Sie ist eine in ihrer Art einzige Verbindung von Idee und Individualität, Diese Verbindung ist bereits im 'Neuen Leben' angebahnt. Schon hier finden wir in mehreren Gedichten Beatrix als diejenige bezeichnet, die durch Reinheit und Hoheit der Seele in Anderen, vor allen in ihm, dem Dichter, die Empfindung des bessern Selbst hervorruft. Schon auf Erden hat die Geliebte als ein vollendetes Abbild der vorweltlichen Erscheinung der Psyche die in ihm schlummernde Urseele geweckt. In noch weit höherem Grade nach ihrem Tode, als er nach der Verirrung zu der Verklärten zurückkehrt, von der er absichtlich so lange geschwiegen, bis der Proceß der Läuterung in ihm begonnen. Aber noch trübt das Bewußtsein früherer Schuld seine Seele, und darum legr er, ehe er das Paradies betritt, seine Beichte vor Beatrix ab. Sie ist die Besiegelung seiner innern Versöhnung mit Gott, nun erst taucht er in Lethes Fluth, nun erst ist er fähig, den Weg, der zum Anschauen Gottes führt, anzutreten. Für Dante hat Beatrice eine specifische und persönliche Bedeutung, da sie es war, die in ihm durch ihre Erscheinung das Göttliche zum Bewußtsein brachte. Sie bedeutet ihm daher die Gottheit, so weit sie in seiner Seele lebendig geworden. Aber nur für ihn, nicht für andere, kann sie Gott vertreten. Ihre von Licht umstrahlten Züge bleiben ihm stets deutlich, während er aus den höheren Stufen des Lichtes die Züge und Gestalten der Seeligen nicht unterscheiden kann und erst im Empyreum sein Auge auch diese Fähigkeit erlangt. Je klarer das Gottesbewußtsein in ihm wird, je mehr er Gott sich nähert, um so klarer und umstrahlter werden Beatricens Züge.

Die Allegorie, die durch das ganze Gedicht hindurch geht, lag tief in Dantes Natur und im Charakter des Mittelalters überhaupt. Aber die Allegorie hat hier ihr Höchstes geleistet, weil sie ein Bild des Lebens aus der Tiefe der Dichterseele stammend entrollt, weil sie getränkt ist mit warmem Lebensblute, erfüllt ist von dem edelsten Ringen eines gewaltigen Geistes. Und darum wirkt sie nicht kalt und frostig, wie sonst so oft die Allegorie thut, sondern erwärmend und erschütternd wie das Leben selbst. Denn nur die Dichtung, die der Pulsschlag des Lebens durchdringt, in der der Dichter sich ganz und voll gibt, nur sie kann wieder zum Menschenherzen reden und im Menschenherzen lebendig werden.


Hölle 01

In einem Walde, in den er von Schlaf umfangen bei Nacht sich verirrt, erblickt der Dichter bei Tagesanbruch einen Hügel, den er zu besteigen beginnt, als drei Thiere, ein Panther, ein Löwe und eine Wölfin ihm entgegentreten. Dem voll Furcht Zurückeilenden begegnet Virgil, den er um Schutz, namentlich gegen die Wölfin, anruft. Virgil theilt ihm mit, daß er einen andern Weg einschlagen müsse, da die Wölfin Jeden hemme und erst später durch einen Windhund ihr Ende finden werde; er bietet sich zum Führer durch Hölle und Fegefeuer an; durch das Paradies werde eine andere Seele ihn geleiten. So brechen sie auf.

Hölle 02

Anruf der Musen. Dante spricht gegen Virgil seinen Zweifel aus, ob er befähigt zu der Wanderung sei; Aeneas und Paulus seien Ausnahmen, denen er sich nicht vergleichen dürfe. Virgil, um ihn zu ermuthigen, erzählt ihm den Anlaß seines Kommens: Beaitrix, ihren Platz im Himmel verlassend, habe ihn aufgesucht und beauftragt Dante beizustehen, nachdem sie selbst durch Lucia, und diese durch ein edles Weib im Himmel auf die Gefahr des Freundes und die Nothwendigkeit der Hülfe aufmerksam gemacht worden. Dadurch ermuthigt schreitet Dante mit Virgil dem Eingang der Hölle zu.

Hölle 03

Dante und Virgil kommen an das Thor der Hölle und treten ein. Seufzen und Klagen tönt ihnen entgegen. Hier sind die Thatenlosen, die weder Ehre noch Schande auf Erden erworben, und daher von Himmel wie Hölle ausgeschlossen sind. Sie ziehen nackt einer Fahne nach, von Wespen und Bremsen blutig gestochen. Die Dichter gelangen zum Acheron, wo Charon die Seelen übersetzt. Er will Dante als Lebenden zurückweisen, beruhigt sich aber bei Virgils Mittheilung, daß höherer Wille es so wolle. Zahllose Scharen von Seelen drängen sich an das Ufer. Plötzlich erbebt das Gefilde, es blitzt und stürmt, Dante sinkt bewußtlos hin.

Hölle 04

Erwacht sieht sich Dante jenseit des Acheron im Höllenvorhof, wo man keine Klagen, nur Seufzer vernimmt. Hier weilen die tugendhaften Heiden und die ungetauft gestorbenen Christenkinder. Virgil berichtet auf Dantes Frage, daß viele Seelen von Christus diesem Vorhof entführt worden seien. In einem abgesonderten Kreise befinden sich die Dichter Homer, Horaz, Ovid und Lucan, die Virgil begrüßen und Dante in ihre Mitte aufnehmen. Sie gehen einem Feuer zu und gelangen zu einem von sieben Mauern umfangenem Schlosse, in dessen Mitte auf grüner Aue die Seelen edler Männer und Frauen, Philosophen, Naturforscher sich aufhalten. Virgil und Dante setzen dann ihren Weg allein fort.

Hölle 05

Zweiter Kreis der Hölle. Am Eingang steht Minos und bestimmt durch die Zahl der Umschlingungen mit seinem Schweife die Abtheilung, in die jede ihm ihre Schuld beichtende Seele gehört. Er weist Dante zurück, wird aber von Virgil ebenso wie vorher Charon besänftigt. Dunkel und von Klagen und Geheul erfüllt ist der Kreis, in welchem die Seelen der der Wollust Fröhnenden vom Sturme umhergetrieben werden. Virgil nennt ihm die Namen vieler Männer und Frauen. Besonders fesselt ein Paar Dantes Aufmerksamkeit, das er mit Zustimmung Virgils anredet: Francesca da Rimini und Paolo Malatesta. Francesca erzählt ihm ihre Geschichte, während der Sturm schweigt. Dante, von Mitleid ergriffen, sinkt ohnmächtig nieder.

Hölle 06

Dritter Kreis, der der Schlemmer, die von Hagel, Schnee und Regen zu Boden gedrückt und von Cerberus zerfleischt werden. Virgil beschwichtigt den Cerberus durch eine in den Rachen geworfene Hand voll Erde. Aus der Schar der Liegenden erhebt sich ein Schatten, Ciacco aus Florenz, und verkündet auf Dantes Befragen ihm die Zukunft der Stadt. Dante unterrichtet sich bei Virgil über die am jüngsten Tage eintretende Veränderung in der Strafe der Sünder.

Hölle 07

Plutus, der altheidnische Gott der Reichtümer, erhebt sich wider die Wandernden, wolfartig dämonisiert, mit drohendem Geprahle; sinkt aber nichtig zusammen, als Virgil ihn an des prachtsolzen Lucifer Sturz erinnert. Nun gelangen sie ungehindert in den vierten Kreis hinab. Hier sehen sie schwere Lasten mit Geheul wälzen, hin und her, von den Seelen derer, denen das Erraffen oder Vergeuden der irdischen Schätze den Frieden nahm, "der Anfang ist und Urgrund jeder Wonne" (s. Hölle 1 V. 58 u. 78). Wie Lucifers Schönheit, wie Plutus Geprahl schwindet jenseits die nichtige Freude am glänzenden Reichtum, er wird nun, vor dem erwachten Bewußtsein der nur daran gewöhnten Seele, ein dunkler Klump, eine häßliche Last, von welcher sie sich nicht losmachen kann, womit sie sich nun alle Ewigkeit hindurch fortplagt, ruhelos und friedlos. Geizige und Verschwender wälzen sich hier in geschiedenen Halbkreisen die Lasten zu, stoßen aufeinander und werfen sich gegenseitig ihr nichtiges Treiben vor; nur um wieder umzukehren, wieder aufeinander zu stoßen und sich wieder zu fragen: warum sie halten und warum sie rollen? Dante glaubt einige der Seelen zu erkennen, Virgil aber sagt ihm, er täusche sich: weil sie das göttliche Leben gänzlich verkannt haben und nur im Staube gewühlt, seien sie als Seelen unkenntlich und dunkel von Schmutz. Der Dichter Gespräch wendet sich nun auf die Verteilerin irdischer Güter, auf Fortuna. Dante will sie, die allgemeine Ansicht in sich vorbildend, als ein dämonisches Wesen mit Klauen betrachten; Virgil aber schilt in ihm die Torheit der Sterblichen und sagt ihm: Fortuna, von Gott zur Bewegerin der irdischen Schimmer bestellt, rolle, gleich den anderen Lichtmächten des Himmels (s. Paradies 2 V. 127), menschlicher Einsicht unerreichbar, ihre wechselnde Sphäre, selig erhaben über dem Schelten sich selbst trügender Sterblicher. Hierauf gelangen die Wanderer, den Kreis durchschneidend, zu einem Quell, der, den Zorn vorbildend, überkocht. Seinem Abflusse folgend, kommen sie in den fünften Kreis, wo das Wasser den heißen Sumpf Styx bildend. Hierin finden sie die zornerfüllten eelen versenkt, die sich einander ewig stoßen und mit Zähnen zerreißen. Sie fühlen nur durch andere, wie lästig die Anderen geworden. Tief unter ihnen im Grundschlammsind, die sich selbst das sonnenheitere Leben durch faule Grämelei getrübt. Ihr trauriges Bewußtsein umgibt sie nun in Gestalt faulen schwarzen Schlammes. Die Dichter aber umwandeln einen großen Bogen des schmutzigen Sees, bis sie zuletzt am Fuße eines Thrones anlangen.

Hölle 08

Auf dem Turm erscheinen zwei Feuerzeichen, dem ein drittes fern über dem Sumpf antwortet und schneller als ein Pfeil, kommt der zornige Tempelverwüster Flegias, der Fährmann des Orts, in einem Boot herüber, mit grimmiger Anrede. Virgils Antwort bewältigt ihn. Die Dichter steigen ein und fahren über. Da klammert sich der zornige Geist des Florentiners Filippo Argenti an das Schiff. Virgil stößt ihn zurück. Dante schilt seinen Abscheu gegen den tobenden Sünder heraus, und Virgil umarmt seinen Schüler dafür. Argenti wird nun von den anderen Zornigen angerufen, fast zerrissen, und wendet zuletzt seine Zähne gegen sich selbst. Hierauf nahen sich die Schiffenden der Stadt des Dis (Satan, Luzifer), mit tiefen Gräben und eisernen Mauern, worin das göttliche Licht der Liebe und Wahrheit, das die Guten im Paradiese beseeligt und die Büßenden im Fegefeuer läutert, den Feinden Gottes und denen die ewig unreines Bewußtsein haben zur flammenden Qual wird. Die Dichter steigen am Tore aus; aber eine Schar von mehr als tausend gefallenen Engeln droht von da herab. Virgil geht zu ihnen, sie wollen ihn (die irdische Erkenntnis) behalten, Dante soll allein zurückgehen. Letzterer erschrickt darüber; Virgil aber sagt ihm: er werde ihn nicht verlassen und teilt jenen den Willen Gottes heimlich mit: - Da schließen sie auch ihm das Tor, und zürnend kehrt er zurück, zu Dante sagend: daß dieser Trotz nicht neu sei, bald aber komme ein Mächtiger, durch den das Tor ihnen offen stehen werde.

Hölle 09

Virgil spricht, den himmlischen Boten sehnlichst erwartend, mit sich selbst. Dante nimmt Befürchtungen aus seinen Reden und fragt: ob wohl je ein Bewohner der Vorhölle in die tiefere hinabsteige? Virgil sagt ihm, es geschehe selten, doch sei er selbst, beschworen von der Zauberin Erichtho, schon einmal in dem tiefsten Höllenkreis gewesen; alles sei ihm bekannt, er möge daher getrost sein. Indem erbickt Dante auf der Zinne des ehernen Turms drei sch selbst zerfleischende Höllenfurien, Bilder der Verzweiflung, welche die Gorgo Medusa herbeirufen ihn zu versteinern. Virgil heißt ihn, sich vor dieser verhüllen und abwenden, und schirmt ihn noch mit seinen Händen. In dem schlangenumwundenen versteinernden Haupt des Wesens, welches den Tempel der Pallas, der Weisheit, geschändet, ist die Sünde aus dem Geist, der im Haupte wohnt, vorgebildet. Die Mauer, davor die Dichter stehen und welche die ganze tiefere Hölle umkreist, umschließt nämlich keine Seelen, die, natürlichem Triebe folgend, sündigten; sondern allein solche, welche die Kraft des Geistes geschändet, indem sie dieselbe auf Widernatürliches gewandt. In dem furchtbaren versteinernden Blick der Medusa ist die, göttliches Leben tötende, Macht geistiger Sünde ausgedrückt, wogegen Abwenden und das Umfangen tieferer Kenntnis, in Virgil vorgebildet, schirmt. Hierauf erscheint, gleich einem Sturmwind nahend, der himmlische Bote mit einer Rute. Alle Sünder im Sumpf und die bösen Engel und Erscheinungen auf dem Tore fliehen. Die Pforte geht auf, der Himmlische schilt die Gottlosen und schwebt zurück: die Dichter aber treten ein. Da stellt sich die Stadt innen als ein Gefilde voll offener, glühender Gräber dar, worin die Ketzer leiden. Das Licht der Wahrheit, welches ihnen zeigt, daß es ein göttliches Leben gebe, dessen sie nun nicht mehr fähig sind, peinigt sie in Gestalt ewiger Flammen und macht ihre Grüfte glühen. Der Sarg, d. h. der von ihnen behauptete Tod der Seele, ist ihre Qual.

Hölle 10

Die Dichter wandeln zwischen den Mauern und den Gräbern, Dante begehrt, da er die Deckel offen sieht, die Begrabenen zu schauen. Virgil sagt ihm, die Gräber würden hier über den Sündern, die Seele und Leib zugleich gestorben glauben, am jüngsten Tage, wenn sie ihre Leiber wieder empfangen, gänzlich geschlossen. Indem vernimmt Dante, aus einer der Grabstätten, eine ihn anrufende Stimme. Virgil führt ihn näher. Farinata, der stolze Ghibelline, hat sich erhoben, und sagt Dante, dass er dessen Vorfahren oft aus der Stadt vertrieben. Dante entgegnet ihm, dass sie immer wiedergekehrt seien, welche Kunst hingegen Farinatas Anhang nicht wohl gelernt habe. Da erhebt sich neben Farinata ein anderer Schatten Cavalcante Cavalcanti, der nach seinem Sohn Guido späht und fragt, ob er, als Dantes Freund, nicht mitgekommen, durch gleiche Hoheit des Geistes? Aus Dantes Antwort schließt er fälschlich, dass Guido gestorben, und sinkt schmerzlich zurück, da Dante seinen Irrtum nicht sogleich begreift und berichtigt. Der starre Farinata aber nimmt, um jenen unbekümmert, das Gespräch wieder auf, sagend: das Unglück der Seinen schmerze ihn mehr als sein glühend Lager; dann weissagt er Dante gleiches Unglück der Verbannung und fragt: warum die Seinen in Florenz so hart gerichtet würden? Dante wirft die Schuld auf Farinatas Sieg an der Arbia und jener erwidert, dass er nicht ungereizt Blut vergossen, doch der Einzige gewesen sei, der sich der schon beschlossenen Zerstörung von Florenz widersetzt. Noch erfährt Dante von ihm, dass die Schatten der hierher Verdammten die Gegenwart nicht erkennten, wohl aber die ferne Zukunft dämmern sähen, bis die Gräber dereinst gänzlich und damit alle ihre Kenntnisse verschlossen würden. Dante bittet ihn nun aus Mitleid, dem hingesunkenen Cavalcante zu sagen: dass sein Sohn noch lebe. Virgil ermahnt seinen betrübten Schüler, der Weissagung Farinatas zu gedenken, sagt ihm aber tröstend: von Beatrice werde er den eigentlichen Weg zum wahren, göttlichen Leben erfahren. Hierauf wenden sie sich links nach der Mitte, einem Tale zu, daraus übler Ruch emporsteigt.

Hölle 11

Wo der Kreis der Irrlehrer und ihrer Anhänger an den der Gewalttätigen stößt, finden die Fortwandelnden ein Grabmal, dessen Inschrift sagt: es bewahre den Papst Anastasius. Damit wird nicht allein angedeutet: dass ein Papst ein Irrlehrer sein könne, sondern zugleich: dass Irrlehre bei Mächtigen nicht fern von Gewalttat stehe. Die Dichter schreiten langsam, um sich erst an den Stank zu gewöhnen, der von dem Blutstrom in der Tiefe heaufsteigt. Auf Dantes Bitte benutzt Virgil diese Zeit, ihn über die Ordnung der Höllenkreise zu belehren und sagt ihm: außerhalb der eisernen Mauer, in den bereits durchschrittenen Kreisen litten die Unenthaltsamen, welche sich natürlichen Trieben überlassen; innerhalb der Mauer aber, im nächsten tieferen Höllenkreise, die, welche sich unnnatürlichen Trieben nachgebend, entmenscht und vertiert haben: sie teilten sich ein in die Gewalttätigen gegen den Nächsten, gegen sich selbst, und gegen Gott. Tiefer darunter seien dann die Betrüger und ganz zu unterst die lieblosen Verräter, die an den ihnen Vertrauenden und somit am meisten an Liebe und Wahrheit gefrevelt. Zuletzt erklärt Virgil, auf Dantes Befragen noch, warum die Wucherer mit zu den Gewalttätigen gegen Gott gerechnet sind, und ermahnt seinen Schüler, da schon der Morgen herannahe, zum Weitergehen.

Hölle 12

Als Symbol der Vertierten oder Gewalttätigen gegen den Nächsten, sich und Gott, tritt den Dichtern, am Eingange in den ersten Kreis der tieferen Hölle, das, durch naturwidrigen Trieb entstandene Halbtier, der Minotaurus entgegen. Virgil erinnert ihn an seinen Untergang durch Thesus, und das ehemals menschenverschlingende Ungeheuer fällt sich selbst an, in unmächtiger Schattenwut, so dass die Dichter Zeit behalten, die furchtbare Zertrümmerung dieses Randes hinabzuklimmen. Die Steine regen sich unter Dantes Füßen und er erfährt, dass dieses Ufer des heißen Blutstromes, worin die Gewalttätigen am Nächsten leiden, bei Christi Verscheiden so zertrümmert. (Hier liest man zwischen den Zeilen: "weil an ihm Gewalt verübt worden.") Das Blut ihrer Erschlagenen tritt hier vor der Sünder Bewusstein, mehr oder minder hoch und heiß sprudelnd wie aus frischen Wunden. Centauren, die Bilder raschvertilgernder Wut, umjagen beständig die Sünder, drohend mit Geschossen. Nessus hält die Dichter an; Virgil aber sagt: er werde Chiron Rede stehen, und bittet diesen, seinen Auftrag erzählend, um einen Geleiter, der auch Dante über die Furt trage; da er noch nicht wie die Seelen auf der Luft wandeln könne. Der weise Chiron, hier das Insichgehen der Sünder vorbildend, welches übereilter Tat folgt, gebeut Nessus ihren Willen zu tun. Dieser geleitet sie also und trägt Dante, wo der Strom seichter und seichter wird, über die Furt. Auf dem Wege zeigt er ihnen in dem Blute leidende Tyrannen: Alexander, Dionys, Azzolin und Obizzo von Esti; dann, seitwärts einsam, den Schatten Guidos von Montfort, der in der Kirche mordete und nicht genannt nur bezeichnet wird. Außer diesen nennt er ihnen, als die da seufzen, wo der Strom wieder tiefer wird: Attila, Pyrrhus von Epirus, Sextus Pompejus, Rinier von Corneto und Rinier Pazzo. Hierauf verlässt er die Dichter, nach Erfüllung seines Auftrages, am inneren Rande des Blutstromes und sprengt durch die Furt zurück.

Hölle 13

Über den Blutstrom gelangt, betritt Dante den zweiten Kreis der Gewalttätigen, den Wald der in wildes Dorngestrüpp verwandelten Selbstmörder, den Aufenthalt der missgestalten Unglücksvögel, der Harpyen. Er hört menschliche Wehklagen, sieht aber niemanden, der sie ausstößt. Da heißt ihn Virgil einen Zweig abbrechen. Als er ihm gehorcht, blutet der verletzte Stamm und fängt an zu schelten, erzählt aber, auf Virgils freundlichen Zuspruch, daß er, der Vertraute Friedrich des Zweiten, Pietro delle Vigne, sich selbst entleibt habe, als man ihn fälschlich des Verrates an seinem Herrn beschuldigt. Er bittet seinen Namen von dem Schlage der Mißgunst wieder aufzurichten und gibt weitere Kunde von dem Zustande in diesem Kreise. Wenn die Seele, düstern Unglücksgedanken Raum gebend, verwildert und sich selbst gewaltsam von ihrem Leibe trennt, bleibt die Trennung in ihrer Vorstellung ewig. Im Gefühl ihrer Unwürdigkeit fällt die an Gott verzweifelte, Menschengestalt verlierend, dem Zufall anheimgegeben, eine Lebensstufe tiefer und wird ein häßlich verkrüppeltes Dorngewächs, in dessen Gezweige die zu trüben Vorstellungen, welche sie zum Frevel getrieben, in Gestalt der scheußlichen Harpyen ewig nisten. Sie vermag sich ihrer nun nicht mehr zu erwehren und hat keine andere Lebensäußerung als Klage; wenn sie an ihr nagen und zehren. Selbst am jüngsten Tage holt sie ihren Leib nur, damit er sie, an ihrem Gezweig aufgehangen, beständig ihres Frevels gemahne. Den Leib zu bewohnen, achtet sie sich selbst nicht würdig. - Während Dante dies von dem blutenden Stamme vernimmt: brechen, vor schwarzen Hündinnen (ewig jagenden Sorgen) fliehend, zwei menschlichgestaltete Schatten verwüstend durch das Dickicht. Der Vordere, Lano, ein Verschwender, welcher, in Sorgen verzweifelnd, den Tod im Gefecht gesucht, ruft, noch jenseits geängstet, den Tod an, aber vegeblich: die Seele stirbt nicht. Der andre, Jakopo von Sant Andrea, kam, nach Vergeudung seines Gutes, in Verzweiflung um: deshalb sieht ihn hier der Dichter von den schwarzen Hündinnen (den Sorgen), als er sich atemlos in einem Busche verbirgt, ergreifen und zerfleischen und zerstückt davontragen. Der dabei verletzte Busch klagt und bittet Dante, seine zerstreuten Blätter wieder um ihn zu sammeln, gibt einen abergläubigen Grund, künftigen Kriegsunglückes der Stadt Florenz, an, und schließt mit der Nachricht: daß er sich das eigne Haus zum Galgen gemacht: indem er sich darin erhenkt.

Hölle 14

Dritter Zirkel des siebenten Kreises: die Sünder, die an Gott, Natur und Kunst Gewalt geübt haben. Ein Flammenregen fällt auf eine glühende Sandfläche, auf welcher die Sünder teils rücklings liegen, teils kauern, teils laufen, je nachdem sie Gotteslästerer, Wucherer oder Sodomiten sind. Die Dichter treffen den Kapaneus, der wie einst die Götter schmäht. Dann kommen sie zum Phlegethon, dessen Ursprung wie den der anderen Höllenflüsse Virgil erklärt; Lethe, belehrt er ihn, sei auf dem Berge der Reinigung. Sie verlassen den Wald und gehen am Rande des Phlegethon in die Sandfläche hinein.

Hölle 15

Die an der Natur sündigenden, die Sodomiten. Hier trifft Dante seinen Lehrer, Brunetto Latini, der ihm seine Leiden prophezeit und bitter über Florenz urteilt. Dante erklärt auf jeden Schicksalsschlag vorbereitet zu sein und bittet ihn um Auskunft über einige Genossen in seiner Schar. Doch bald nötigt ein anderer herannahender Haufe den Brunetto sich eilig davon zu machen, um seine Schar einzuholen.

Hölle 16

An der Grenze zwischen dem siebenten und achten Kreise treffen die Dichter drei Schatten, die, um mit Dante sprechen zu können, ein Rad bilden und so sich bewegen. Es sind drei Florentiner, die Dante an seiner Kleidung erkennen und ihn bitten, ihrer zu gedenken: Guidoguerra, Tegghiajo Aldobrandi und Jacob Rusticucci. Am Felsenabhang angekommen, wo der Phlegethon brausend hinunterstürzt, wirft Virgil ein Seil, das Dante von sich löst, hinab, worauf von unten Geryon heraufsteigt.

Hölle 17

Die an der Kunst oder Kultur sündigenden: die Wucherer. Sie sitzen am Rande der zum achten Kreise hinabführenden Felswand in glühendem Sand und Feuerregen. Mit Virgils Erlaubnis betrachtet sie Dante. Sie sind unkenntlich, aber als Zeichen tragen sie ein Säckchen vor der Brust, mit Wappen und Abzeichen. Von einem Florentiner Edelmanne wird Dante angeredet, der ihm zwei andere Adlige weist. Inzwischen hat Virgil den Geryon bestiegen und fordert Dante auf, ein Gleiches zu tun. Langsam senkt sich Geryon mit der Last hinab in die Tiefe und entfernt sich, nachdem er die Dichter unten abgesetzt.

Hölle 18

Achter Kreis, Übelsäcke genannt, die Abteilung der Betrüger. Derselbe zerfällt in zehn Abteilungen, Säcke oder Schluchten, grabenartige Vertiefungen, die durch Dämme getrennt sind. Die Dichter schreiten auf den darüber gewölbten Felsklippen von einer zur andern nach dem Mittelpunkt zu. Im ersten Sacke befinden sich, in entgegengesetzter Richtung gehend, die Kuppler und Verführer. Unter jenen trifft Dante zahlreiche Bologuesen, unter diesen macht ihn Virgil auf Jason aufmerksam. Im zweiten Sacke befinden sich die Schmeichler, in Menschenkot versenkt. Unter ihnen ist Alexio Interminei von Lucca; auch die Buhlerin Thaïs wird bemerkt.

Hölle 19

Dritte Schlucht des achten Kreises: die Simonisten. Sie sind in Löchern am Boden und an der Seite mit den Köpfen eingerammt, während ihre Füße herausragen und im Brande zucken. Virgil trägt Dante hinab. Hier trifft Dante den Papst Nicolaus III., der ihn für seinen ihn ablösenden Nachfolger Bonifaz VIII. hält. Heftiger Ausfall des Dichters gegen sie Simonie, wofür er Virgils Beifall empfängt. Von Virgil getragen, kommt Dante auf die die vierte und fünfte Schlucht verbindende Felsrippe.

Hölle 20

Vierte Schlucht des achten Kreises: Wahrsager und Zauberer. Sie gehen weinend im Schritte mit umgedrehtem Oberkörper, so dass sie, zur Strafe für ihr unbefugtes Vorwärtsschauen in die Zukunft, nun immer rückwärts schauen müssen. Unter ihnen erblickt Dante Amphiaraus, Tiresias, Aruns, die Manto, Eurypylus, Michael Scotus, Bonatti und Asdente. Die Geschichte der Manto, nach welcher Mantua benannt ist, erzählt Virgil ausführlich.

Hölle 21

Fünfte Schlucht des achten Kreises: die Bestechlichen. Sie stecken in einem Pechsee, in welchen die Teufel jeden auftauchenden mit Haken untertauchen. Auf Virgils Rat verbirgt sich Dante hinter einem Felsblocke, während er selbst auf die Teufel zugeht und sie durch den Hinweis auf seine göttliche Sendung zur Ruhe bringt. Jetzt wird Dante hervorgerufen und folgt, wenn auch bangend, dem Führer. Der mit ihnen verhandelnde Teufel teilt ihnen mit, die Brücke zum nächsten Damm sei eingestürzt, sie müssten daher in die Tiefe der fünften Schlucht hinabsteigen, um zu einem anderen Felsen zu gelangen. Zehn Teufel unter Führung eines elften werden als Geleit mitgegeben. Den darüber entsetzten Dante sucht Virgil zu beruhigen. Der Zug setzt sich in Bewegung.

Hölle 22

Dante gewahrt einzelne Sünder auf Augenblicke aus dem Pech auftauchen; einer wird dabei erwischt und von einem Teufel am Haken heraufgezogen. Dante erkundigt sich nach seinem Namen und Ursprung und erhält von ihm auch Mitteilungen über andere Sünder in dieser Abteilung. Der Sünder weiß die Teufel zu foppen und diese, ärgerlich darüber, geraten in Streit. Zwei von ihnen fallen in das Pech und werden mit Haken herausgefischt. Die Dichter schreiten weiter, während jene noch damit beschäftigt sind.

Hölle 23

Virgil, dessen Gedanken mit denen Dantes sich berühren, besorgt, die gefoppten Teufel möchten sie verfolgen, umfasst Dante und lässt sich mit ihm die Wand zur sechsten Schlucht hinunter. Hier treffen sie die Heuchler in von außen vergoldeten, schweren Bleikutten, langsam und weinend hinwandelnd. Einer erkennt Dante an seiner Sprache als Toskaner und redet ihn an: es ist Fra Catalano, der in Begleitung von Fra Loderingo geht. Am Boden liegt gekreuzigt Kaiphas und alle müssen über ihn schreiten. Bei Catalano erkundigen sie sich nach dem Aushang und erfahren, dass sie von den Teufeln betrogen worden. Zürnend schreitet Virgil voran, Dante ihm nach.

Hölle 24

Siebente Schlucht des achten Kreises. Die Dichter erreichen sie mit Mühe anklimmend. Hier werden die Diebe und Räuber von Schlangen gestochen. Einer, so gestochen, geht in Flammen auf, erneuert sich aber sofort. Es ist Vanno Fucci aus Pistoja, der Dante die künftige Niederlage der Partei der Weißen verkündigt.


Hölle 25

Die Dichter erblicken den Zentauren Cacus, der den Vanno Fucci wütend sucht. Dann gewahren sie drei Schatten, die einen vierten, Cianfa, der in eine sechsfüßige Schlange verwandelt worden, vermissen. Die Schlange stürzt sich auf Agnello Brunelleschi und verbindet sich mit ihm zu einem seltsamen Ungetüm. Buoso Donati tauscht mit dem in eine Schlange verwandelten Guercio Cavalcanti die Gestalt. Nur der dritte Schatten, Puccio Sciannato, bleibt unverwandelt.

Hölle 26

Anrede an Florenz, dessen Bürger im Diebskreise zahlreich vertreten sind. Die Dichter klimmen die Steinwand wieder empor und gelangen zur achten Schlucht des achten Kreises, in der die bösen Ratgeber verweilen, jeder in eine Flamme eingehüllt. In einer zweigehörnten Flamme befinden sich die im Leben ungetrennten Ulysses und Diomedes, von denen der erstere auf Dantes Antrieb von Virgil angesprochen wird und Auskunft über sich und seine Ende erteilt.

Hölle 27

Es nähert sich eine andere Flamme, die den Virgil an seiner Sprache als Lombarden erkennt und nach den Zuständen der Romagna fragt. Dante gibt auf Virgils Aufforderung die gewünschte Auskunft. Dann erteilt die Flamme, in der Gewissheit, mit einem nicht zur Welt Zurückkehrenden zu sprechen, Nachricht von sich. Es ist Guido von Montefeltro, der Ratgeber von Bonifaz VIII., wegen seiner bösen Ratschläge hierher versetzt, wovor ihn auch der heilige Franciscus, in dessen Orden er getreten, nicht schützen konnte. Die Dichter verlassen die achte Schlucht.

Hölle 28

Neunte Schlucht des achten Kreises: die Stifter von Zwiespalt. Sie gehen in zerrissener Gestalt, von Teufeln zerfetzt und immer wieder hergestellt. Unter ihnen ist Mohammed, als der Begründer der größten religiösen Spaltung, sein Schwiegersohn Ali, der wieder den Mohammedanismus spaltete, ferner Pier von Medicina, der römische Tribun Curio, Mosca Lamberti, und endlich der Troubadour Bertram de Born, der sein eigenes Haupt als Laterne in der Hand trägt.

Hölle 29

Dante hat im neunten Schlund einen Verwandten gesehen und trennt sich nur ungern von der Stätte. Aus der zehnten Schlucht dringen grässliche Wehklagen und ekle Düfte hervor. Hier sind die Falschmünzer und Alchimisten, die mit Grind und Aussatz bedeckt sind. Zwei, die sich gegenseitig aneinander stützen, kratzen sich mit den Nägeln den Schorf ab, der eine, ein Kretiner, berichtet von sich, dann der andere, der Florentiner Capocchio, der auf Anlass einer Äußerung Dantes über Sienas Bewohner deren leichfertiges Leben mit herber Ironie geißelt.

Hölle 30

Unter anderen Fälschern erblickt Dante zwei Schatten, die wie rasend einherlaufen und um sich beißen. Der eine stürzt auf Capocchio los; es ist Giovanni Schicchi, ein Verfälscher der Gestalt. Der andere ist Myrrha. Dann sieht er einen Wassersüchtigen mit geschwollenem Bauche, den Münzverfälscher Adam von Brescia; endlich die Fälscher der Wahrheit in Worten, die im hitzigen Fieber liegen: Potiphars Weib und den Trojaner Sinon. Dante horcht auf eine Zänkerei zwischen Adam und Sinon und wird deswegen von Virgil getadelt.

Hölle 31

Während die Dichter an der Felswand der letzten Schlucht hingehen, ertönt ein mächtig dröhnendes Horn. Dem Klange nachblickend, glaubt Dante gewaltige Türme zu sehen. Es sind aber, wie Virgil ihn belehrt, Riesen, die mit ihrem Oberleibe aus der Tiefe des letzten Höllenkreises emporragen. Unter ihnen Nimrod, der das Horn geblasen und in unverständlichen Worten die Wanderer anredet. Dann Ephialtes, mit festen Banden umschnürt, der sich im Zorne schüttelt, dass die Erde zu beben scheint. Endlich Antäus, der auf Virgils Bitte die beiden Dichter an den Boden des letzten Kreises hinabhebt und dort niedersetzt.

Hölle 32

Dante ruft die Hilfe der Musen für die Schilderung des letzten Höllenkreises an. Eine Stimme warnt ihn, nicht auf die Häupter der Sünder zu treten, die im Eise eingefroren sind und zwischen denen er umherwandelt. Er unterhält sich mit Camiccione de' Pazzi und Sassol Mascherone, die zusammengefroren sind. Sie sind in der Abteilung Kaïna, in der Verräter und Mörder von Verwandten bestraft werden. Daran stößt Antenora, die Abteilung der Vaterlandsverräter. In ihr trifft Dante Bocca Abbati, der, trotzdem dass Dante ihn an den Haaren rauft, seinen Namen nicht nennen will, aber von einem anderen genannt wird und nun ebenfalls Dante noch andere nennt. Endlich bemerkt Dante zwei, von denen der eine das Gehirn des anderen zernagt, und richtet das Wort an jenen.

Hölle 33

Die beiden Schatten sind Graf Ugolino della Gherardesca und Erzbischof Ruggieri degli Ubaldini, letzterer schon an der Grenze der dritten Abteilung, der Ptolemäa, in welcher der Verrat an Freunden gestraft wird. Ugolino erzählt seinen und seiner Söhne und Enkel Hungertod. Ausfall des Dichters gegen Pisa. Die Seelen in der dritten Abteilung liegen rücklings auf dem Eise, so dass ihnen die gefrorenen Tränen nach innen fließen und den Schmerz vermehren. Hier trifft Dante den Bruder Alberigo aus Faenza, dessen Körper noch auf Erden weilt und der ihm Gleiches von dem Genuesen Branca d'Oria berichtet, dessen Seele gleichfalls schon unten ist. Der Dichter schließt mit einem Ausfall auf Genua.

Hölle 34

Letzte Abteilung des neunten Kreises, Indecca, der Strafort der Verräter an Wohltätern. Sie stecken ganz in durchsichtigem Eise. Hier eblickt Dante den Lucifer, der ausführlich beschrieben wird. Er zermalmt mit seinen drei Mäulern drei Verbrecher und zerreißt sie zugleich mit den Krallen. Es sind Judas Ischarioth, der Verräter Christi, und Brutus und Cassius, die Verräter Caesars. Am Mittelpunkt von Lucifers Leibe schwingt sich Virgil, Dante umfassend, um seine eigene Achse und klettert in entgegengesetzter Richttund an Lucifers Beinen empor. Dem staunenden Dante erklärt er, dass sie den Mittelpunkt der Erde durchgangen hätten. Durch eine dunkle höhlenartige Spalte wandern sie immer fort, bis sie das Tageslicht sehen und bei den Antipoden ins Freie treten.

Fegefeuer 01

Anruf der Musen, besonders der Kalliope. Dante erblickt den Stern der Venus und vier andere Sterne, die auf unserer Hemisphäre nicht sichtbar sind. Es kommt ein Greis, der erstaunt ist, zwei aus der Hölle Angelangte hier zu finden. Virgil gibt ihm Aufklärung über seine Sendung und bittet um Erlaubnis, Dante durch die sieben Reiche des Fegefeuers zu führen. Der Greis ist Cato von Utica, der Virgil aufträgt, am Ufer der Insel, auf der sie sich befinden, Dante zu waschen und mit Binsen zu umgürten.

Fegefeuer 02

Der Morgen bricht an. Die Dichter sehen aus der Ferne einen Engel in einem nur von seinen Flügeln als Rudern getriebenen Schiffe kommen, aus welchem er zahlreiche Seelen Abgeschiedener absetzt, um sich sogleich wieder zu entfernen. Die Seelen erkundigen sich bei den Dichtern nach dem Wege und staunen den lebenden Dante an. Plötzlich nähert sich ihm ein Schatten. Dante erkennt in ihm seinen Freund, den Sänger Casella, und versucht, doch vergeblich, ihn zu umarmen; er fasst nur Luft. Nachdem Casella erzählt, wie er hierher gekommen, singt er auf Dantes Bitte ein Lied desselben. Alle Schatten lauschen entzückt, werden aber von Cato scheltend zum Weitergehen angetrieben.

Fegefeuer 03

Dante bemerkt im Gehen, dass nur sein Körper, nicht auch der Virgils, Schatten wirft, und glaubt sich verlassen. Virgil klärt ihn darüber auf. Sie kommen an den Fuß des Berges, finden ihn aber so steil, dass sie sich nicht zu helfen wissen. Da naht langsamen Schrittes eine Geisterschar. Auch diese staunen über Dantes Körperlichkeit. Auf Virgils Bitte weisen sie den Weg und gehen mit ihnen. Einer der Schatten redet Dante an und gibt sich als König Manfred zu erkennen. Er und seine Begleiter hier sind im Kirchenbann gestorben; sie müssen dreimal so lange als der Bann gedauert im Vorraum des Fegefeuers bleiben, wenn nicht fromme Fürbitte die Zeit kürzt.

Fegefeuer 04

Dante schreitet, in Nachsinnen verloren, an Manfreds Seite hin. Plötzlich rufen die Schatten den Dichtern zu, hier sei der Weg, auf dem der Berg zu ersteigen. Es ist ein enger Pfad; mühsam klimmt Dante hinter Virgil bis zum ersten Absatz, der um den Berg herum läuft. Virgil gibt Dante, der staunt, die Sonne zur Linken zu haben, astronomische Belehrungen. Da ruft sie ein Schatten an, den sie erst nicht bemerken, dann aber mit einer Geisterschar hinter einem Felsen entdecken. Der Redende ist Belacqua, ein Bekannter Dantes. Von ihm erfahren sie, daß hier die geistig Trägen, die ihre Buße immer verschoben, so lange verweilen müssen, als sie gelebt haben, wenn nicht Fürbitte ihnen hilft.

Fegefeuer 05

Die Schatten rufen, als sie Dante als Lebenden erkennen, ihm nach. Dante blickt sich daher nach ihnen um, wird aber von Virgil getadelt, dass er durch dergleichen sich aufhalten lasse. Es begegnet ihnen eine andere Schar von Schatten, die das Miserere singt und, als sie Dante gewahrt, erstaunt. Zwei von ihnen kommen auf die Dichter zu. Virgil belehrt sie, dass Dante wirklich lebe und ihnen sehr nützlich sein könne, worauf sie alle herandrängen und um seine Fürbitte bei den Ihren ersuchen. Es sind die Seelen gewaltsam Gestorbener, die aber im Tode noch bereuten. Besonders werden Jacob del Cassero, Buonconte von Montefeltro und Pia, eine Sienesin, redend eingeführt.

Fegefeuer 06

Dante macht sich mit Mühe von der ihn anflehenden Schar los und richtet an Virgil die Frage, wie es möglich sei, dass Fürbitte einen Beschluss des Himmels wenden könne, da in seiner Aeneide doch das Gegenteil stehe. Virgil erklärt es ihm, verweist ihn aber wegen des Weiteren auf Beatrix. Dies spornt Dante zur Eile an. Sie treffen einen Schatten allein, der sich als Virgils Landsmann, Sordello, zu erkennen gibt. Die warme Begrüßung der Landsleute veranlasse Dante zu einer heftigen Strafrede gegen Italien und zuletzt gegen Florenz.

Fegefeuer 07

Sordell, als er Virgils Namen erfährt, beugt verehrungsvoll sein Knie und bietet sich zum Führer an. Ein weiteres Hinaufsteigen sei jetzt, wo die Sonne untergegangen, unmöglich, daher er sie in einen Kreis von Seelen führen wolle, den sie gern sehen würden. In einer Talsenkung, voll von köstlichen Blumen und Düften, erblicken sie zahlreiche Seelen, die singen und mit deren Namen Sordell sie bekannt macht. Es sind Könige und Fürsten, die über dem Sorgen für den Staat das höhere Wohl verabsäumten und ihre Buße verschoben haben.

Fegefeuer 08

Der Abend naht. Die singenden Seelen schweigen; eine erhebt sich dann und singt einen Hymnus. Neues erwartungsvolles Schweigen. Zwei Engel mit stumpfen Schwertern in grünem Gewande steigen herab und lassen sich an den beiden Enden der Thalschlucht nieder. Die Dichter steigen in den Kreis der Seelen hninab. Dante läßt sich in ein Gespräch mit dem Richter Nino und Konrad von Malaspina ein, die wie auch Sordell staunend erfahren, daß er, ein Lebender, hier sei. Inzwischen ist eine Schlange, das Bild der Versuchung, herangeschlichen, aber vor den auf sie losstürzenden Engeln ergreift sie schleunig die Flucht.

Fegefeuer 09

Die Nacht bricht ein. Dante wird im Schlafe von Lucia bis in die Nähe der Pforte des Fegefeuers entrückt. Er erwacht dort, allein mit Virgil, der ihm nachgefolgt ist. Sie wandern weiter und kommen an die Pforte, zu der drei Stufen hinaufführen. Auf der obersten sitzt ein Engel mit entblößtem Schwerte, der, nachdem Virgil über seine Sendung Aufschluß gegeben, sie zum Eintritt einladet. Dante steigt die Stufen empor und wirft sich vor dem Engel nieder. Dieser schreibt sieben P auf Dantes Stirne und öffnet dann mit einem silbernen und einem goldenen Schlüssel die Pforte. Zugleich warnt er vor dm Rückwärtschauen. Knarrend erschließt sich das Thor, aus welchem ein Tedeum Dante entgegenschallt.

Fegefeuer 10

Auf einem gewundenen Felspfade emporsteigend, gelangen die Dichter auf den Rand des ersten um den Berg laufenden Simses, in die erste Abtheilung des eigentlichen Fegefeuers. Hier sind die Hochmüthigen, von schweren Lasten zu Boden gedrückt. An den Wänden des Berges sind in weißem Marmor Bilder der Demuth zur Beschämung der Hochmüthigen dargestellt. Dante betrachtet dieselben, bis ihn Virgil auf die langsam heranschreitende Schar der unter ihren Lasten seufzenden Seelen aufmerksam macht. Eine Strafrede gegen den menschlichen Hochmuth schließt sich an.

Fegefeuer 11

Die büßenden Seelen beten das Vater unser und weisen den Dichtern auf Virgils Befragen den Weg zum nächsten Kreise. Dante wird von Graf Humbert von Santafiore angeredet. Dann erkennt er den Miniaturmaler Oberisi, der sich über die Vergänglichkeit irdischen Ruhmes ausspricht und ihm einen einst berühmten Sienesen, Provenzan Salvani, zeigt. Zugleich erhält Dante Aufklärung, wegen welcher That dieser sich schon jetzt hier befinde.

Fegefeuer 12

Am Fußboden des ersten Kreises sind Beispiele des Hochmuts aus der biblischen und antiken Geschichte und Mythologie in Bildern dargestellt. Es ist Mittag vorüber; ein Engel erscheint und zeigt den Dichtern den Weg zum zweiten Kreise. Er tilgt von Dantes Stirn das erst P, und Dante fühlt sich so leicht, als wenn eine schwere Last von ihm genommen sei.

Fegefeuer 13

Die Dichter betreten den zweiten Einschnitt des Berges, den zweiten Kreis des Fegefeuers. Schatten und Stimmen, die zur Liebe mahnen, fliegen an ihnen vorüber. Es ist der Kreis der Neidischen, die durch jene Stimmen zu der ihnen fehlenden Liebe getrieben werden sollen. Ihre Augen sind mit Gittern und Eisendraht verschlossen, durch welche ihre Thränen sich durchpressen. In schlechtem, härenem Gewande sitzen sie, sich an einander stützend, am grauen Felsenrande. Dante fragt, ob eine Seele aus Italien unter ihnen sei, und empfängt Antwort von einer Sienesin, Namens Sapia.

Fegefeuer 14

Zwei Schatten, Gui del Duca und Rinieri von Calboli, unterhalten sich über Dante und ersterer redet ihn an. Als er vernommen, daß Dante aus Florenz sei, spricht er sich in harten Worten über die Verderbniß in Toscana und Romagna aus. Dann wandern Dante und Virgil weiter und hören in Stimmen warnende Beispiele des Neides.

Fegefeuer 15

Ein Engel kommt, strahlender als die früheren, und lädt sie ein, den Weg zum dritten Kreise zu betreten. Nachdem Virgil Dante Auffschluß über eine ihm unverständliche Aeußerung des Gui del Duca gegeben und wegen des Weiteren auf Beatrice verwiesen, sieht Dante in einer Vision Bilder der Sanftmuth. Virgil ruft den wie im Traume hingehenden an, und als Dante seine Vision erzählen will, erklärt er, es bedürfe dessen nicht, er habe durch sein Anrufen ihn nur aufmuntern wollen. Ein immer dichterer Rauch umgibt die Fortschreitenden und entzieht ihnen jede Aussicht.

Fegefeuer 16

Im Rande weiterschreitend hält sich Dante an seinen Führer, um sich nicht zu verirren. Sie hören Stimmen das 'Agnus Dei' singen. Virgil belehrt Dante, daß diese Rauchsphäre der Aufenthalt der Zornigen ist. Dante wird von Marco aus Venedig angeredet, der ihn bittet für ihn zu beten. Dante, an ein Wort Marcos anknüpfend, bittet um Auskunft, weshalb die Tugend auf Erden so abnehme; ob der Grund auf Erden oder im Einfluß der Sterne zu suchen sei. Marco belehrt ihn, daß trotz des Einflusses der Sterne die Willensfreiheit des Menschen bestehe; es sei die schlechte Führung auf Erden, die jetzt in der Hand der Kirche vereinigt, statt an Kaiser und Reich verteilt sei, was den schlimmen Zustand hervorrufe. Nur drei tugendhafte Greise werden namhaft gemacht und über sie Auskunft erteilt. Der Schatten entfernt sich, da er den Kreis der Büßenden nicht verlassen darf.

Fegefeuer 17

Die Sonne senkt sich zum Untergang, als die Wanderer aus dem Rauch heraustreten. Dante sieht in der Phantasie Bilder des Zornes aus der Geschichte vor sich. Ein Ruf mahnt zum weiteren Steigen; er rührt von einem Engel her, dessen Glanz Dante nicht ertragen kann. Ein Lobgesang ertönt denen, die frei vom Zorn sind. Sie betreten den vierten Kreis, in dem die Trägen büßen. Alles ist hier stumm und schweigend, das Dunkel ist angebrochen; dieses benutzt Virgil, um Belehrungen über die natürliche und geistige Liebe, sowie über die Verirrungen der letzteren zu ertheilen und die verschiedenen Arten der Verirrung zu bezeichnen, von denen drei in den eben durchwanderten Kreisen, die drei anderen in den nächstfolgenden Kreisen gebüßt werden.

Fegefeuer 18

Virgil ertheilt Dante Belehrung über Liebe, Verlangen und die Freiheit des Willens. Inzwischen ist der Mond aufgegangen, es ist Mitternacht geworden. Eine Schar von Seelen kommt in schnellem Laufe hinter ihnen her, zwei, die an der Spitze voraneilen, führen als Beispiele löblichen Eifers Maria und Caesar an. Virgil fragt nach dem Eingang zum nächsten Kreise. Antwort ertheilt ein Abt von S. Zeno in Verona, der aber im Sprechen schon wieder entheilt. Zwei hinten Nachkommende schelten die Trägheit und führen Beispiele derselben an. Dante versinkt, nachdem alle sich entfernt, in Sinnen.

Fegefeuer 19

In einem Traumgesicht erblickt Dante ein häßliches Weib, das sich alsbald aber in eine bezaubernde Sirene verwandelt und singt. Da kommt ein anderes Weib und zeigt jene in ihrer wahren Gestalt. Dante erwacht. Die Sonne geht auf. Ein Engel weist den Weg zum nächsten Kreise. Sie kommen zum fünften Kreise, dem der Geizigen, die mit dem Gesicht zur Erde gekehrt ausgestreckt daliegen und seufzen. Virgil fragt nach dem Wege. Dante läßt sich mit Virgils Erlaubniß in ein Gespräch mit dem antwortenden Schatten ein, der sich als Papst Hadrian V zu erkennen gibt. Als Dante niederknieen will,verweist er es ihm; hier sei auch er nur Knecht des einen Herrn.

Fegefeuer 20

Verwünschung des Geizes. Eine Stimme führt Beispiele von edler Ertragung der Armuth an, als Sporn für die hier Büßenden. Dante redet den Schatten an. Es ist Hugo Capet, der in herber Weise das französische Königshaus verurtheilt und Gottes Rache herabfleht. Von ihm erfährt Dante, daß in der Nacht die hier weilenden Schatten warnende Beispiele des Geizes betrachten. Die Dichter wandern weiter; der Berg erzittert heftig, es ertönt ein Rufen und das 'Ehre sei Gott in der Höhe'. Dante vergeht vor Verlangen, den Grund zu erfahren.

Fegefeuer 21

Den beiden Dichtern kommt ein Schatten nach, der sie begrüßt und auf Virgils Frage Auskunft über die Erschütterung des Berges ertheilt. Die obere Region desselben ist über allen Witterungswechsel erhaben, nur unterhalb des Eingangs zum Fegefeuer findet solcher statt. Der Berg bebt nur, wenn eine Seele sich geläutert fühlt. Er berichtet ferner, daß er die geläuterte Seele sei, die 500 Jahre in diesem Kreise gelebt. Es ist der römische Dichter Statius; er spricht seine Verehrung für Virgil aus. Dante lächelt dabei; auf des Schattens Befragen theilt er ihm mit Virgils Erlaubniß mit, daß Virgil vor ihm stehe. Statius neigt sich und will Virgils Füße umfassen. Virgil wehrt ihm.

Fegefeuer 22

Die Dichter wandern in Statius Begleitung weiter. Statius erzählt wodurch er zum Christenthum bekehrt worden und weswegen er hier und im vierten Kreise habe büßen müssen. Virgil ertheilt ihm Auskunft von andern römischen und griechischen Dichtern, Männern und Frauen des Alterthums, die im Höllenvorhof weilen. Sie kommen in den sechsten Kreis, den der Schwelger, und sehen einen Fruchtbaum, dessen Zweige nach oben breiter werden. Eine Stimme verbietet davon zu essen und führt Beispiele der Mäßigung vor.

Fegefeuer 23

Die in diesem Kreise büßenden Seelen weinen und singen. Ein Haufe von Schatten kommt eilig gelaufen und holt die Dichter ein. Forese Donati, der hier verweilt, wird von Dante erkannt und ertheilt ihm Auskunft über die hier Büßenden; er selbst sei durch Fürbitte seiner Witwe rascher als zu erwarten war hierher aus dem Vorhof des Fegefeuers gelangt. Ihre Keuschheit veranlaßt zu einem Ausfall gegen die unkeuschen Florentinerinnen. Zuletzt fragt Forese den Dichter nach dem Ziel und Zweck seiner Reise und erhält Auskunft darüber.

Fegefeuer 24

Dante empfängt von Forese Auskunft über dessen Schwester Piccarda, sowie über mehrere Seelen dieses Kreises. Er läßt sich mit Bonagiunta von Lucca in ein Gespräch ein und bezeichnet die Aufgabe des wahren Dichters. Auf Foreses Frage, wann sie sich wiedersehen würden, spricht Dante seine Sehnsucht aus, bald aus dem Leben zu gehen. Prophezeiung Foreses über die Zukunft von Florenz. Dann entfernt er sich. Die Dichter kommen an einen andern Fruchtbaum, zu welchem Schatten verlangend emporschreien. Eine Stimme aus dem Baume vertreibt sie und führt warnende Beispiele der Völlerei und Trunkenheit an. Nach weiterm Wandern erscheint ein Engel, lädt zum Aufsteigen in den nächsten Kreis und weht ein P von Dantes Stirn. Eine Stimme preist die Enthaltsamen.

Fegefeuer 25

Auf Dantes Frage, wie es komme, daß Schatten abmagern können, erwidert, von Virgil aufgefordert, Statius mit einer Darlegung des Verhältnisses zwischen Leib und Seele und einer Schilderung des physiologischen Vorgangs der Zeugung und Entwicklung. So gelangen sie zum siebenten Kreise, in welchem die Wollüstigen büßen. Flammen brennen hier und nur ein schmaler Pfad am Rande bleibt zum Gehen fei. Durch das Feuer schallt ein Hymnus. Die durch die Flamme laufenden Geister nennen Beispiele der Keuschheit.

Fegefeuer 26

Die Schatten staunen über Dantes Körperlichkeit und einer befragt ihn. Noch ehe er antworten kann, kommt eine Schar von Schatten der hier weilenden entgegen; sie umarmen und küssen sich und eilen dann an einander vorüber. Der Schatten, der vorher gesprochen, belehrt Dante, daß hier die Wollust bestraft wird und die beiden Scharen verschiedene Arten derselben büßen. Er selbst gibt sich als Guido Guinicelli zu erkennen. Dante preist ihn als seinen Vorgänger im Dichten. Guido aber, das Lob ablehnend, weist auf den Troubadour Arnaut Daniel als ausgezeichneter hin. Dante spricht diesen an und Arnaut erwidert in provenzalischen Worten.

Fegefeuer 27

Der Abend bricht an. Ein Engel ladet zum Eintritt in die Flammen. Dante bebt zurück und Virgil weiß ihn nur dadurch zum Eintritt zu bestimmen, daß er ihm zuruft, jenseits dieser Flamme erwarte ihn Beatrix. Dante stürzt sich hinein. Sie schreiten dann auf den Gipfel des Berges zu. Die Nacht sinkt herab. Im Schlafe hat Dante gegen Morgen eine Vision: ein blumenpflückendes Weib erscheint ihm. Es ist Lea, das Bild des thätigen Lebens, im Gegensatze zu ihrer Schwester Rahel, dem Bilde des beschaulichen Lebens. Virgil erklärt ihm, daß er ihn hier verlasse. Fortan dürfe er dem eigenen, geläuterten und mit Gott geeinten Willen folgen.

Fegefeuer 28

Dante betritt den kühlen Hain auf dem Gipfel des Berges; das Laub regt sich im leisen Winde, Vögel singen, ein Bächlein rauscht. Am anderen Ufer desselben sieht er ein blumenpflückendes und singendes Weib. Er bittet sie näher zu kommen; sie tut es und schaut ihn lächelnd an. Zugleich fordert sie ihn auf, wenn er über etwas Auskunft wünsche, zu fragen. Er fragt nach dem Grunde der Windbewegung und der Entstehung des Wassers an dieser Stelle, wo nach früher Gehörtem Wind und Wasser nicht mehr sein könnten, und erhält Auskunft darüber. Die Luft entsteht von der Bewegung der Sphären, das Wasser stammt aus nie versiegender Quelle und bleibt sich immer gleich; es teilt sich in zwei Arme, die Quelle Lethe, die Vergessen der Sünde bewirkt, und Eunoë, die Erinnerung guter Taten erweckt.

Fegefeuer 29

Dante und die beiden andern Dichter folgen dem Gange der auf der andern Seite des Baches wandelnden Mathilde. Jetzt gewahrt er ein Leuchten durch den Wald, das sich vermehrt. Süße Töne erklingen, die Luft wird immer heller. Anruf der Musen. Schilderung des Triumphes der Kirche in einem allegorischen Aufzuge, auf einem von einem Greisen gezogenen Wagen, der von symbolischen Gestalten umgeben ist. Als der Wagen Dante gegenüber ist, ertönt ein Donnerschlag un der Wagen hält an.

Fegefeuer 30

Von den vierundzwanzig Alten erhebt einer die Stimme und alle stimmen dreimal ein. Engel bestreuen den Wagen mit Blumen. In der Blumenwolke erscheint Beatrix, roth, grün und weiß gekleidet. Dante fühlt die alte Liebe erwachen und wendet sich tiefbewegt zu Virgil. Dieser aber hat ihn verlassen. Er weint. Beatrix ruft ihn beim Namen. Nach kurzer Pause fährt sie in strenger Rede fort. Die Engel singen, Fürbitte einlegend. Beatrix redet die Engel an, und entwickelt Dantes reiche Begabung und die Schuld, in die er verfallen, nachdem sie der Erde entrückt worden. Es sei zu seiner Rettung kein Mittel als diese Wanderung übrig geblieben. Er müsse bereuen, ehe er in Lethe getaucht werde.

Fegefeuer 31

Beatrix wendet sich jetzt an Dante und hält ihm sein Schuld vor, indem sie ihm vorstellt, wie er nach ihrem Tode hätte sein und werden müssen. Er bekennt weinend seine Schuld. Sie fordert ihn auf, sein Antlitz zu erheben, um zu schauen, was er verloren. Die Blumenwolke ist verschwunden. Noch deckt sie der Schleier. Nun faßt ihn Mathilde, taucht ihn in Lethe ein und zieht ihn durch die Fluth ans andere Ufer. Die vier Frauen stellen ihn vor den Greisen hin, dessen Bild er in Beatricens Augen gespiegelt sieht. Die drei anderen Frauen nahen sich; auf ihre Bitte nimmt Beatrix den Schleier ab.

Fegefeuer 32

Dante, in Beatricens Anblick versunken, wird von dem Rufe der drei Frauen erweckt. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung, in der Ordnung wie er kam. An den Baum der Erkenntniß gelangt, steigt Beatrix ab. Der Greif bindet die Deichsel an den Baum, worauf er sich neu begrünt. Unter den Klängen eines himmlischen Hymnus ebtschlummert Dante. Als er aufwacht, sieht er Mathilde über sich und fragt nach Beatriv. Sie sitzt allein unter dem Baume, nur von den sieben Frauen und den sieben Lichtern umgeben während der Greif und das übrige Gefolge verschwunden. In einer nun folgenden Vision, welche Beatrix ihn bei der Rückkehr aufzuschreiben auffordert, sieht er die Schicksale der christlichen Kirche bis auf die Gegenwart.

Fegefeuer 33

Die sieben Frauen singen. Der Zug setzt sich in Bewegung. Beatrix ermuntert Dante zum Fragen, fordert ihn auf, daß hier Gesehene und Gehörte auf Erden zu verkünden, und deutet ihm die Wiederherstellung der Kirche in reiner Gestalt an. Inzwischen ist es Mittag geworden. Sie haben den Mittelpubkt des Gipfels erreicht. Dort fließt die Quelle Eunoë, aus welcher Mathilde Dante trinken läßt. Er ist dadurch befähigt, zum Paradiese emporzusteigen.

Paradies 01

Anruf Apollos. Es ist Morgen; Beatrix schaut zur Sonne empor. Dadurch ermuthigt, blickt auch Dantes Auge hinauf, muß aber bald vor übermäßigem Glanze sich senken. Er ist, ohne daß er es bemerkt, in die Feuersphäre, die zwischen Erde und Mond liegt, eingetreten. Von Beatrix darüber belehrt, spricht er sein Befremden aus, wie er die leichteren Elemente der Luft und des Feuers habe durchsteigen können. Auch darüber empfängt er von Beatrix Aufklärung.

Paradies 02

Nachdem der Dichter die Geistesschwachen abgemahnt, ihn weiter auf seiner Fahrt zu begleiten, fährt er fort. Sie gelangen in die Sphäre des Mondes, die sie wie ein dichtes diamantenes Gewölk umgibt. Er befragt Beatrix nach den dunklen Flecken im Monde. Nachdem er auf ihre Aufforderung seine eigene Ansicht über dieselben vorgetragen, widerlegt sie ihm diese und erklärt ihm den wahren Grund jener Flecken aus der verschiedenen Kraft der die Sterne lenkenden Intelligenz und aus der verschiedenen Fähigkeit der Sterne, diese Kraft in sich aufzunehmen.

Paradies 03

Eben will Dante Beatrix gestehen, daß er seines Irrthums überführt sei, als eine neue Erscheinung ihn fesselt. Er sieht Gesichter aus dem Lichte auftauchen, die zu sprechen bereit sind. Er hält sie für Spiegelbilder, wird aber von Beatrix belehrt. Es sind die Seelen Derer, die ihr Gelübde nicht vollständig erfüllt haben. Eine Seele redet ihn an, die vor allen den Wunsch mit ihm zu sprechen zu hegen scheint. Es ist die Nonne Piccarda. Auf Dantes Frage, ob sie nicht nach höherer Seligkeit sich sehne, erwidert sie, daß solches Wünschen mit dem Wesen der Seligkeit unvereinbar sei. Sie erzählt ihm ihre Geschichte und die einer andern Nonne, Constanze. Darauf taucht sie im Lichte wieder unter. Dante wendet seine Blicke Beatrix zu.

Paradies 04

Dante schwankt zwischen zwei Zweifeln, die gleich stark sind, weshalb er zur Aeußerung von keinem gelangt. Beatrix erräth sie. Der eine ist der, ob der durch Gewalt gehemmte Wille als Schuld anzurechnen sei; der andere die platonische Lehre, daß die Seele zu dem Sterne, von dem sie herstammt, zurückkehre. Die letztere widerlegt Beatrix und bezeichnet sie als besonders gefährlich; auch der andere Zweifel, weniger gefährlich, weil aus dem Glauben entspringend, wird dadurch widerlegt, daß ein freier Wille gar nicht gezwungen werden kann. Ein Wille also, der sich der Gewalt unterwirft, ist von Tadel nicht frei. Dante fragt weiter, ob ein unerfüllt gebliebenes Gelübde durch anderes Thun ersetzt werden könne.

Paradies 05

Nachdem Beatrix Dante erklärt, warum sie mehr und mehr erglänze, beantwortet sie seine Frage in verneinendem Sinne. Beim Gelübde opfert der Mensch das Höchste, den freien Willen, und dafür gibt es keinen Ersatz. Zugleich warnt sie, leichtsinnig zu geloben. Dann kommen sie in die Sphäre des zweizen Planeten, des Mercur. Dante sieht tausende von Lichtern sich ihm nähern und vernimmt Stimmen. Eine derselben redet ihn an und erbietet sich, ihm Kunde zu ertheilen. Auf Beatrix' Aufforderung redet Dante den Geist an, worauf das Licht noch heller aufleuchtet und zu reden beginnt.

Paradies 06

Der Sprechende ist Kaiser Justinian. Er erzählt seine eigene Geschichte, schildert die Thaten des römischen Adlers und tadelt das Verhalten der gegenwärtigen Parteien zur kaiserlichen Sache. Damit antwortet er auf Dantes erste Frage, wer er sei. Auf die zweite, warum er im Mercur verweile, antwortet er damit, daß hier die Seelen der nach Ehrer und Ruhm Strebenden wohnten. Unter ihnen ist auch Romeo, dessen Geschichte zum Schlusse erzählt wird.

Paradies 07

Nachdem Iustinian geschlossen, stimmt er einen Lobgesang an und verschwindet dann in der kreisenden Bewegung der übrigen Lichter. Dante hegt einen an Iustinians Worte sich anknüpsenden Zweifel, wagt aber nicht Beatrix zu befragen. Sie kommt ihm lächelnd zuvor. Der Zweisel ist der, wie gerechte Rache gerecht bestraft werden könne. Ein weiterer Zweifel ist der. warum Gott gerade diesen Weg der Erlösung gewählt habe. Beide Zweifel werden von Beatrix gelöst. Endliche erklärt sie ihm noch eine Stelle der Rede, inwiefern Engel und Menschen von Gott unmittelbar geschaffen seien, die andern irdischen Wesen aber mittelbar.

Paradies 08

Dante und Beatrix sind in die Venus emporgestiegen. Es nahen Lichter unter Gesang. Eines derselben erbietet sich, Dante zu belehren. Es ist Karl Martell, Sohn Karls II von Neapel. Auf eine Aeußerung hin befragt ihn Dante, wie es möglich sei, daß von einem guten Vater ein schlechter Sohn abstammen könne. Der selige Geist gibt ihm Ausklärung darüber.

Paradies 09

Ein anderer Geist dieses Kreises, Cunizza, redet Dante an und erzählt von sich; zugleich fügt sie Prophezeiungen der Zukunft bei. Dann ergreift der neben ihr stehende Folco von Marseille das Wort; nachdem er von sich selbst und der Liebe, die ihn auf Erden beherrscht, gesprochen, nennt er unter den hier Weilenden auch Rahab und knüpft an ihr frommes Verhalten einen herben Tadel der Gegenwart.

Paradies 10

Dante und Beatrix kommen in die Sonne. Nachdem Dante Gott für solche Gnade innigst gedankt, blickt er umher und sieht einen Kranz von Lichtern tanzen und singen. Dreimal umkreisen sie ihn und halten still. Eines der Lichter, Thomas von Aquino, redet ihn an und nennt ihm die einzelnen andern Lichter in diesem Kranze.

Paradies 11

Der heilige Thomas von Aquino nimmt aufs neue das Wort und erklärt Dante eine ihm dunkel gebliebene Stelle seiner früheren Rede. Gott habe als Führer der Kirche zwei Fürsten bestimmt, Dominicus und Franciscus. Das fromme Leben und Streben des einen, des heiligen Franciscus von Assisi, schildert er, der Dominicaner. Ihm sei der anderem der heilige Dominicus gleich, dessen Orden aber in der Gegenwart arg ausgeartet sei.

Paradies 12

Eine andere Zwölfzahl von Seligen bildet einen zweiten Kreis um die erste. Aus ihr ergreift der Franciscaner Bonaventura das Wort und verkündet das Lob des heiligen Dominicus, dessen Leben und Wirken er erzählt, um dann auf die Entartung des Franciscanerordens in der Gegenwart überzugehen. Endlich führt er die Namen der andern elf Seligen auf.

Paradies 13

Die beiden Kränze von je zwölf Seligen tanzen in concentrischen Kreisen, aber nach entgegengesetzter Richtung. Dann ergreift Thomas von Aquino wieder das Wort und löst Dantes Zweifel bezüglich Salomos. Der Irrthum, in welchem Dante sich befunden, gibt Anlaß zur Anpreisung von Vorsicht beim Urtheilen.

Paradies 14

Beatrix bittet die seligen Geister, Dante Aufklärung darüber zu gewähren, ob nach der Auferstehung ihr Licht dasselbe sein und bleiben, und ob dasselbe die Augen ihres auferstandenen Körpers nicht blenden werde. Antwort ertheilt darauf Salome, indem er berichtet, daß die Organe des neuen Leibes dem wachsenden Lichte entsprechen werden. Darauf steigen Beatrix und Dante in den Mars. Die Lichter in demselben bilden ein Kreuz, in welchem sie sich hin und her bewegen. Ein süßer Gesang zum Lobe Christi läßt sich vernehmen.

Paradies 15

Nachdem der Gesang verstummt, schießt eines der Lichter an den Fuß des Kreuzes herab und redet Dante an. Es ist sein Ahnherr Cacciaguida. Dante sragt ihn mit Beatrix' Erlaubniß nach seinem Namen, worauf Cacciaguida Auskunft über sich und sein Geschlecht ertheilt und im Lobe des alten Florenz im Gegensatz zu dem neuen sich ergeht.

Paradies 16

Dante, stolz auf seine Ahnen, bittet Cacciaguida um Nachricht über den Zustand von Florenz zu Cacciaguidas Zeit. Cacciaguida schildert das alte Florenz mit tadelnden Seitenblicken auf die Gegenwart.

Paradies 17

Aus Veranlassung von Dante prophezeit Cacciaguida ihm die Leiden seiner Zukunft, seiner Verbannung, aber auch die Gunst, die er bei Cangrande della Scala erfahren werde. Des Dichters Schwanken, ob er alles auf seiner Wanderung Vernommene in seinem Liede melden solle, weiß Cacciaguida zu heben, indem er ihn auffordert, unerschrocken die volle Wahrheit zu verkünden.

Paradies 18

Cacciaguida zeigt Dante eine Reihe kriegsberühmter Helden, deren Lichter schnell vorüberschießen. Dann steigen Beatrix und Dante in den Jupiter, in welchem die Seelen gerechter Fürsten weilen. Die seligen Geister dieses Planeten bilden die Worte 'Diligite justitiam qui judicatis mundum.' Daraus entwickelt sich die Gestalt eines Adlers. An die lateinischen Worte schließt sich ein Ausfall des Dichters gegen die Ungerechtigkeit aus Erden, besonders der römischen Curie.

Paradies 19

Der Adler löst das Bedenken, welches Dante hegt. ob Jemand ohne den Glauben an Christus selig werden könne. Nur wer an Christum glaube, sei es an den erschienenen, sei es an den verheißenen, kann in den Himmel kommen. Freilich nicht jeder, der sich Christ nenne. Daran schließt sich ein heftiger Ausfall gegen die ungerechten Herrscher der Gegenwart, deren eine große Anzahl namhaft gemacht wird.

Paradies 20

Nachdem der Adler geschwiegen, singen die einzelnen Seligen, die ihn bilden, einen Chorgesang. Dann ergreift der Adler aufs neue das Wort und gibt Auskunft über sechs das Auge und die Augenbraue des Adlers bildende Seelen. Unter ihnen sind Kaiser Trajan und der Trojaner Ripheus. Dante wundert sich, diese hier zu sehen, und empfängt Aufklärung seines Zweifels. Beide seien nicht als Heiden gestorben. Daran knüpft sich eine Betrachtung über die göttliche Gnadenwahl.

Paradies 21

Dante blickt auf Beatrix, die aber nicht wie sonst lächelt und ihm den Grund erklärt. Sie sind in den Saturn, in welchem die beschaulichen Einsiedler weilen, gekommen. Dante sieht eine leuchtende Leiter, deren Spitze er mit den Augen nicht verfolgen kann. Lichter steigen auf derselben auf und nieder. Eins in seiner Nähe glänzt besonders helle. Dante redet es an und fragt, warum es ihm sich nähere und warum hier kein Gesang erschalle. Der Grund des letzteren ist derselbe, aus welchem Beatrix nicht gelächelt; ersteres geschieht weil Gott es so gewollt. Als Dante nach dem Warum dieses Wollens fragt, wird er belehrt, dies sei Geheimniß Gottes. Der Geist theilt ihm dann mit, daß er der Einsiedler Petrus Damianus sei, und tadelt am Schlusse das entartete Leben der Geistlichkeit zu Dantes Zeit. Plötzlich ertönt mächtiges Rufen.

Paradies 22

Beatrix erklärt Dante das Rufen der Seligen als einen Schrei um Rache. Dann blickt er wieder auf die Seligen hin und gewahrt einen besonders hellen Lichtkreis. Es ist der heilige Benedict. Dante spricht den Wunsch aus, sein Antlitz unverschleiert zu sehen. Benedict vertröstet ihn auf den letzten Himmel. Dann spricht der Heilige von der Entartung der Mönchsorden in der Gegenwart. Beatrix und Dante fliegen zum achten Himmel, dem Fixsternhimmel, empor. Dante betritt ihn beim Zeichen der Zwillinge, das bei seiner Geburt leuchtete. Beatrix fordert ihn auf, ehe sie weiter steigen, noch einmal auf die Erde, die tief und winzig klein unter ihm liegt, zurückzuschauen.

Paradies 23

Dante schaut den Triumphzug Christi, der als Sonne die andern seligen Geister erhellt. Dann blickt er in Beatrix' Augen, deren Lächeln er jetzt ertragen kann. Auf ihren Antrieb schaut er aufs neue empor und sieht die Jungfrau Maria. Eine Fackel schießt von oben herab und kreist um sie, lobsingend: der Erzengel Gabriel. Maria steigt empor, dem Sohne nach. Die zurückbleibenden seligen Geister strecken die Spitzen ihrer Flammen wie in Sehnsucht empor. Sie singen ihr zum Lobe das Regina coeli. Gleichwie das ruhnde Vöglein das im lieben Laubdunkel aus dem Nest der süßen Kleinen Die Nacht die alles hüllt hindurch geblieben Um sich zu srenn am Anblicke der Seinen Und Kost zu sinden womit es sie speise 6 Wobei ihm schwere Mühen leicht erscheinen Der Zeit voraneilt aus dem ossnen Reise Heiß sehnend daß die Sonne alles lichtet Schars spähend ob es nicht schon dämmert leise So stand jetzt meine Herrin ausgerichtet Ausmerksam hingewendet nach der Gegend 12 Wo minder eilig Sol die Fahrt verrichtet Als ich sie so gespannt sah und erwägend War mirs wie dem der sich begnügt bescheiden Mit Hoffnung wenn auch andre Wünsche hegend l dh nach Mittag nach der Mitte des Himmels

Paradies 24

Beatrix ersucht die Seligen des achten Himmels, Dantes Sehnsucht zu stillen. Der heilige Petrus kommt der Bitte nach und prüft Dante im Glauben, indem er ihn fragt, was Glaube sei, wie er sich ihn angeeignet habe, warum die Bibel Gottes Wort sei und was die Wunder derselben verbürge. Nachdem alles befriedigend beantwortet, stimmen die Seligen das ‘Herr Gott dich loben wir’ an. Petrus fordert Dante auf, seinen Glauben und den Grund desselben auszusprechen. Als auch dies geschehen, umarmt er ihn freudig.

Paradies 25

Ein zweiter Lichtglanz tritt heran, der Apostel Jacobus. Er und Petrus begrüßen sich. Jacobus prüft Dante über die Hoffnung, und zwar, was sie sei, wie stark sie in ihm sei, und woher sie ihm stamme. Auf die zweite Frage antwortet Beatrix, auf die beiden andern Dante. Die Seligen stimmen einen Hymnus an. Ein drittes Licht, der Apostel Johannes, tritt hinzu und bewillkommt die beiden andern. Dante vernimmt von ihm, daß nur Christus und Maria mit ihrem Leibe bekleidet schon jetzt im Himmel seien. Dante will auf Beatrix schauen, bemerkt aber zu seinem Schrecken, daß sein Auge von dem Hinschauen auf Johannes geblendet ist.

Paradies 26

Johannes prüft Dante über die Liebe, und zwar das Ziel derselben, als welches Dante Gott bezeichnet. Vernunft und Offenbarung wie die Werte Gottes, das Leben und Leiden Christi bezeugen diese Liebe. Ein dreifaches Heilig erschallt. Nun kann Dante, der vorher geblendet war, wieder sehen. Er sieht ein viertes Licht; es ist Adam. Dieser gibt Dante Auskunft über vier Punkte: über sein Alter, die Dauer seines Aufenthaltes im Paradiese, die Ursache des Sündenfalls und die erste Sprache der Menschen.

Paradies 27

Nach einem Lobgesange auf die Dreieinigkeit ergreift Petrus das Wort und spricht zürnend über den Zustand der entarteten Kirche. Darauf schweben alle Heiligen empor und verschwinden. Dante und Beatrix kommen in den neunten Himmel, den Krystallhimmel, dessen Beschaffenheit sie ihm erklärt. Daran knüpft sich eine Strafrede gegen die der göttlichen Ordnung zuwiderlaufende Entartung der Menschheit, deren Grund in dem Mangel eines höchsten Herrschers zu finden, doch werde einst eine bessere Zeit kommen.

Paradies 28

Dante sieht einen lichten Punkt, um den neun Kreise sich drehen, der nächste am schnellsten, der fernste am langsamsten. Es ist Gott; jene Kreise sind die Ordnungen der Engel. Beatrix klärt ihn darüber auf, warum die Bewegung eine andere sei als in der körperlichen Welt, und macht ihm die einzelnen Ordnungen der Engel namhaft.

Paradies 29

Beatrix belehrt Dante über den Zweck der Schöpfung. Die Schöpfung zerfällt in Gebilde reiner Form (Engel), Mischung von Form und Stoff (Mensch) und reinen Stoffes (körperliche Welt). Alle drei sind zugleich geschaffen. Ein Theil der Engel empörte sich gegen Gott. Sie widerlegt die irrige Ansicht, daß die Engel Wollen, Verstehen und Erinnern hätten. Dies sei ein Irrthum: aber schlimmer als Irrthum sei das absichtliche Entstellen der Wahrheit. Damit geht sie auf das verkehrte Treiben der Prediger und Priester über. Endlich spricht sie, zum Gegenstande zurückkehrend, über die Zahl der Engel.

Paradies 30

Die Seligen des neunten Hinmiels verschwinden. Dante blickt Beatrix an, die in himmlischer unbeschreiblicher Schönheit erglänzt. Sie gelangen ins Empyreum. Dante sieht einen Fluß von Licht, in ewigem Frühling prangend. Funken tauchen aus dem Flusse und senken sich in die umher blühenden Blumen. Beatrix heißt ihn aus dem Flusse trinken. Kaum haben seine Augenlider das Wasser berührt, als der lange Fluß sich in einen runden verwandelt. Funken und Blumen sind zu Engeln und Seligen geworden. Die Seligen bilden die Gestalt einer Rose, in deren Mitte ihn Beatrix stellt. Aus einem der wenigen noch leeren Plätze liegt eine Krone; sie ist für Heinrich VII bestimmt.

Paradies 31

Die Engel senken sich in die Blätter der aus Seligen bestehenden weißen Rose; hin und her zu und von Gott schwebend, holen sie neue Liebe und Güte um sie den Seligen zu bringen. Dante überschaut das Ganze. Als er dessen einzelne Theile betrachten und sich um Auskunft an Beatrix wenden will, ist sie verschwunden. An ihrer Stelle steht der heilige Bernhard, der ihm Beatricens Platz in der Rose zeigt. Dante scheidet von ihr mit einem Dankgebete und lenkt dann seinen Blick auf die Himmelskönigin Maria.

Paradies 32

Bernhard schildert Dante die Eintheilung der Rose des Paradieses und nennt ihm eine Anzahl von Seligen. Die ganze Rose ist in zwei Hälften getheilt, die die Heiligen des alten und des neuen Bundes einnehmen. Die inneren Reihen der Rose nehmen die Kinderseelen ein und zwar solche der jüdischen und christlichen Zeit; letztere jedoch nur, wenn sie getauft gestorben sind. Dann fordert Bernhard Dante ausm Maria anzublicken, die der Engel Gabriel singend umschwebt. Endlich Gott selbst anzuschauen, vorher aber mit ihm ein Gebet zu Maria zu senden.

Paradies 33

Gebet des heiligen Bernhard zu Maria, daß diese Gott um die Gnade bitte, daß Dante Gott schauen dürfe. Das Gebet wird erfüllt; Dante erklärt die Unzulänglichkeit der Sprache, das Geschaute auszudrücken. Er sagt nur, daß er in einem Glanze drei Kreise gesehen, von gleicher Größe, aber ungleicher Gestalt; in dem mittleren das gottähnliche Menschenantlitz. Vergeblich aber ist sein Bemühen, das Verhältniß dieses Bildes zu dem Kreise zu entdecken. Da durchzuckt ihn ein Blitz und er fühlt die vollste Seligkeit.