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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer

Wie wenn der erste Strahl vom jungen Tage
Im Lande glänzt, benetzt von Gottes Blut,
Wenn Ebro hinfließt unter hoher Wage.

Und Mittagshitz’ erwärmt des Ganges Flut,
So stand die Sonn’ itzt, drob der Tag entflohe,
Als uns ein Engel glänzt’ in heitrer Glut.

Er sang am Felsrand, außerhalb der Lohe:
"Beglückt, die reines Herzens sind!" – und mehr
Als menschlich war sein Ton, der mächt’ge, frohe.

Drauf: "Weiter nicht, ihr Heil’gen, bis vorher
Die Glut euch nagte! Tretet in die Flammen,
Und seid nicht taub dem Sang von dortenher!"

Dies Wort ertönte jetzt, da wir zusammen
Uns ihm genaht, so schrecklich in mein Ohr,
Als hört’ ich mich zum schwersten Tod verdammen.

Ich sank auf die gefaltnen Hände vor,
Ins Feuer schauend – wen ich brennen sehen,
Des Bild stieg jetzt vor meinem Geist empor.

Die Führer nahten sich, mir beizustehen,
Und tröstend sprach zu mir Virgil: "Mein Sohn,
Du kannst zur Qual hier, nicht zum Tode gehen.

Gedenk’, gedenke – konnt’ ich früher schon
Dich sicher auf Geryons Rücken führen
Wie jetzt, viel näher hier bei Gottes Thron?

War’ auch die Glut noch loher anzuschüren,
Und stündest du auch tausend Jahre drin,
Doch dürfte sie dir nicht ein Haar berühren.

Glaubst du, daß ich nicht treu der Wahrheit bin,
So nahe dich und halt, um selbst zu schauen,
Des Kleides Saum mit deinen Händen hin.

Leg’ ab, mein Sohn, leg’ ab hier jedes Grauen,
Dorthin sei sicher jetzt dein Fuß gewandt!"
Doch säumt’ ich, wider besseres Vertrauen.

Er, sehend, daß ich starr und stille stand,
Sprach, fast unwillig: "Wie, Sohn, noch verdrossen?
Von Beatricen trennt dich diese Wand!"

Wie sterbend Ppyramus den Blick erschlossen,
Da’s: Thisbe! klang, gekehrt zum teuren Bild,
Als blut’ges Rot die Maulbeer’ übergossen;

So kehrt’ ich, nicht mehr hart, nein, sanft und mild,
Zum Führer mich, sobald der Nam’ erschollen,
Der ewig frisch in meinem Herzen quillt.

Drob schüttelt er das Haupt und sagte: "Sollen
Wir diesseits bleiben?" lächelnd, denn ich tat
Wie Knaben, die, besiegt vom Apfel, wollen.

Drauf trat er vor mir in die Flamm’ und bat
Den Statius, uns folgend, nachzukommen,
Der uns vorher getrennt den langen Pfad.

Ich folgt’ und hätt’, um Kühlung zu bekommen,
Mich in geschmolznes Glas gestürzt. So war
Im höchsten Übermaß die Flamm’ entglommen.

Doch bot mir Trost mein süßer Vater dar,
Sprechend von ihr, und half mir weiter dringen,
Und sprach: "Ich seh’ im Geist ihr Augenpaar!"

Wir hörten jenseits eine Stimme singen,
Und dieser folgten wir, ihr horchend, nach,
Indem wir, wo man stieg, der Flamm’ entgingen.

"Gesegnete des Vaters, kommt!" so sprach
Die Stimm’ aus einem Licht, dort aufgegangen,
Bei dessen Anschau’n mir das Auge brach.

"Die Sonne geht, der Abend kommt" – so klangen
Die Töne fort – "nicht weilt, beeilt den Lauf,
Bevor den Westen dunkles Grau umfangen."

G’rad’ durch den Felsen ging der Weg hinauf,
Und, ostwärts steigend, hielt vor meinen Tritten
Ich die schon matten Sonnenstrahlen auf.

Und als wir wenig Stufen aufgeschritten,
Bemerkten wir am Schatten, der verging,
Sol, uns im Rücken, sei ins Meer geglitten.

Eh gleiches Grau den Horizont umfing
In allen seinen unermeßnen Teilen,
Eh Nacht um alles ihren Schleier hing,

Da mußt’ auf einer Stufe jeder weilen,
Die uns zum Bett ward, denn die Zeit benahm
Die Macht mehr, als die Lust, empor zu eilen.

Gleichwie die Ziegenherde, satt und zahm,
Im Schatten wiederkäut in stillem Brüten,
Die, hungrig, jähen Sprungs zur Höhe kam,

Wenn nun im Mittagsbrand die Luft’ entglühten,
Indes der Hirt den Stab zur Stütze macht,
Und dorten steht, gestützt, um sie zu hüten;

Und wie ein Hirt im freien Feld bei Nacht,
Damit kein wildes Tier der Herde schade,
Und sie zerstreu’, entlang der Hürde wacht;

So jetzt wir drei auf engem Bergespfade,
Der Zieg’ ich gleich, den Hirten jenes Paar,
Umschlossen hier und dort vom Felsgestade.

Ob wenig gleich zu sehn nach außen war,
Doch sah ich durch dies wenige die Sterne
Weit mehr, als sonst gewöhnlich, groß und klar.

Indes ich staunt’ in unermeßne Ferne,
Befiel mich Schlaf, der öfters uns befällt,
Damit der Geist die Zukunft kennen lerne.

Zur Stunde, glaub’ ich, da vom Sternenzelt
Cytherens erster Strahl die Höhe schmückte.
Wie immerdar, von Liebesglut erhellt,

Sah ich im Traum, der mich mir selbst entrückte,
Ein schönes junges Weib, das hold bewegt,
Durch Wiesen ging und singend Blumen pflückte.

"Lea bin ich, dies wisse, wer mich fragt,
Ich liebe, Kränze windend, hier zu wallen,
Und emsig wird die schöne Hand geregt.

Ich will, geschmückt, im Spiegel mir gefallen.
Die Schwester Rahel liebt es, stets zu ruh’n,
Und läßt dem Spiegel keinen Blick entfallen.

Und freut sie sich der schönen Augen nun,
So bin ich froh, mich mit den Händen schmückend,
Denn schau’n befriedigt sie, und mich das Tun."

Des Tages Vorlicht, um so mehr entzückend,
Je mehr des Pilgrims Nachtquartier dem Ort
Der Heimat nah ist, scheuchte, höher ruckend,

Die Finsternis von allen Seiten fort,
Mit ihr den Traum; drum eilt’ ich, aufzusteigen,
Und sah schon aufrecht beide Meister dort.

"Die süße Frucht, die auf so vielen Zweigen
Voll Eifer sucht der Sterblichen Begier,
Bringt alle deine Wünsche heut zum Schweigen!"

Mit dieser Rede sprach Virgil zu mir,
Und nie empfand bei Erdenherrlichkeiten
Ein Mensch noch solche Lust, als ich bei ihr.

Hinauf! Mich trieb’s und trieb’s, hinauf zu schreiten!
So fühlt’ ich nun mit jedem Schritt zum Flug
Die Schwingen wachten und sich freier breiten.

Und wie er mich empor die Stufen trug,
Stand bald ich auf der höchsten dort mit beiden,
Wo fest auf mich Virgil die Augen schlug.

"Des zeitlichen und ew’gen Feuers Leiden
Sahst du, und bist, wo weiterhin nichts mehr
Ich durch mich selbst vermag zu unterscheiden.

Durch Geist und Kunst geleitet’ ich dich her;
Zum Führer nimm fortan dein Gutbedünken;
Dein Pfad ist fürderhin nicht steil und schwer.

Sieh dort die Sonn’ auf deine Stirne blinken,
Sieh, durch des Bodens Kraft und ohne Saat
Entkeimt, dir Gras, Gesträuch und Blumen winken.

Bis sich dir froh ihr schönes Auge naht
Das mich zu dir einst rief mit bittern Zähren,
Ruh’ oder wandle hier auf heiterm Pfad.

Nicht harre fürder meiner Wink’ und Lehren,
Frei, g’rad’, gesund ist, was du wollen wirst,
Und Fehler wär’ es, deiner Willkür wehren,

Drum sei fortan dein Bischof und dein Fürst.

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