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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Paradies

Gleichwie der Vogel, der, vom Laub geborgen,
Im Nest bei seinen Jungen süß geruht,
Indes die Nacht die Dinge rings verborgen,

Um zu erschauen die geliebte Brut
Und ihr zu bringen die willkommne Speise,
Um die bemüht, er selbst sich gütlich tut,

Noch vor der Zeit, sobald am Himmelskreise
Aurora nur erschien, in Lieb’ entbrannt,
Der Sonn’ entgegenschaut vom offnen Reife;

So, aufmerksam, .das Haupt erhebend, stand
Die Herrin, nach dem Teil der Himmelsauen,
Wo minder eilig Sol sich zeigt, gewandt.

Ich konnte harrend sie und sehnend schauen,
Und war gleich dem, der anderes begehrt,
Doch freudig ist in Hoffnung und Vertrauen.

Und bald ward Schau’n für Hoffen mir gewährt,
Denn fort und fort sah ich den Glanz sich mehren
Und sah den Himmel mehr und mehr verklärt.

Beatrix sprach: "Sieh in den sel’gen Heeren
Christi Triumph und sieh geerntet hier
Die ganze Frucht des Rollens dieser Sphären!"

Als reine Glut erschien ihr Antlitz mir,
Als reine Wonn’ ihr Blick – und nimmer brächten
Die Wort’ hervor ein würdig Bild von ihr.

Wie in des Vollmonds ungetrübten Nächten
Luna inmitten ew’ger Nymphen lacht,
Die das Gewölb’ des Himmels rings durchflechten;

So über tausend Leuchten stand in Pracht
Die Sonne, so die Gluten all erzeugte,
Wie unsre mit den Himmelsaugen macht.

Und, glänzend durch lebend’gen Schimmer, zeigte
Der Lichtstoff sich, in solcher Herrlichkeit
Mir im Gesicht, daß es, besiegt, sich neigte.

O Herrin! teures, himmlisches Geleit! –
Sie sprach zu mir: "Was hier dich überwunden,
Ist Kraft, vor der nichts Hilf und Schutz verleiht.

Hier ist’s, wo Weisheit sich und Macht verbunden;
Sie machten zwischen Erd’ und Himmel Bahn,
Nach welcher Sehnsucht längst die Welt empfunden."

Wie wenn der Wolken Schoß sich aufgetan,
Die Feuer sich, sie sprengend, niedersenken
Und gegen ihren Trieb der Erde nah’n;

So rang mein Geist, von diesen Himmelstränken
Gestärkt, vergrößert, aus sich selber sich,
Doch, wie ihm ward, wie könnt’ er des gedenken?

"Sieh auf, und wie ich bin, erschaue mich!
Durch das Erschaute hast du Kraft empfangen,
Und nicht vernichtet mehr mein Lächeln dich."

Ich war, wie einer, dem sein Traum entgangen,"
Und der, vom dunklen Umriß nur betört,
Umsonst sich müht, die Bilder zu erlangen,

Als ich dies Wort, so wert des Danks, gehört,
Daß in dem Buch, das den vergangnen Dingen
Gewidmet ist, es keine Zeit zerstört.

Und möchten mit mir alle Zungen singen,
Die von der hohen Pierinnen Schar
Die reinste Milch zum Labetrunk empfingen,

Doch stellt’ ich’s nicht zum Tausendteile dar,
Wie hold ihr heil’ges Lächeln, wie entzündet
In lauterm Glanz ishr heil’ges Wesen war.

Und so, da’s Paradieses Lust verkündet,
Muß jetzo springen mein geweiht Gedicht,
Gleich dem, der seinen Weg durchschnitten findet.

Doch wer bedenkt des Gegenstands Gewicht,
Und daß es schwache Menschenschultern tragen,
Der schilt mich, wenn ich drunter zittre, nicht.

Durch Wogen, die mein kühnes Fahrzeug schlagen,
Darf sich kein Schiffer, scheu vor Not und Müh’n,
Darf sich kein kleiner schwanker Nachen wagen.

"Was macht mein Blick dich so in Lieb entglüh’n,
Um nicht zum schönen Garten hinzusehen,
Wo unter Christi Strahlen Blumen blüh’n.

Die Rose siehe dort, in der’s geschehen,
Daß FIeisch das Wort ward – sieh die Lilien dort,
Bei deren Duft wir gute Wege gehen."

Beatrix sprach’s,– ich aber, ihrem Wort
Gehorsam stets, erneute, mit den matten
Besiegten Augen doch den Kampf sofort.

Wie ich besonnt oft sah beblümte Matten,
Besonnt vom Strahl aus einer Wolke Spalt,
Indes bedeckt mein Auge war von Schatten;

So sah ich Scharen dort, von Glanz umwallt,
Der, Blitzen gleich, auf sie von oben sprühte,
Doch sah ich nicht den Quell, dem er entwallt.

Du, die du ihn verströmst, o Kraft voll Güte,
Du bargst dich in den Höh’n, so daß mein Sinn
Ertragen konnte, was dort strahlend blühte.

Der Name klang der Blumenkönigin,
Zu der ich ruf in allen Erdenleiden,
Und zog mich ganz zum größten Feuer hin.

Kaum malte sich in meinen Augen beiden
Die Größ’ und Glut des Sterns, den Strahl und Glanz
Siegreich, wie hier einst, so itzt dort umkleiden,

Da kam, gleich einer Kron’, ein Feuerkranz
Vom Himmel her, die Blume zu bekrönen,
Umwand sie auch mit Strahlenkreisen ganz.

Was auch hienieden klingt von süßen Tönen,
Von Harmonie, die hold das Herz erweicht,
Scheint wie zerrißner Wolke Donnerdröhnen,

Wenn man’s mit jener Leier Ton vergleicht,
Der Leier, den Saphir als Krön’ umgebend,
Der zu des klarsten Himmels Schmuck gereicht.

"Ich bin die Engelslieb’, im Kreise schwebend,
Und von der Lust, die uns der Leib gebracht,
Der unser Sehnen aufnahm, Kunde gebend.

Und kreisen werd’ ich, wenn in höh’rer Pracht,
Weil, Herrin, du dem Sohn dich nachgeschwungen,
Bei deinem Nah’n die höchste Sphäre lacht."

Hier war des Kreises Melodie verklungen.
Maria! tönt’ es aus dem andern Licht
Mit einem Klang, doch wie von tausend Zungen.

Der Königsmantel, der die Stern’ umflicht,
Entglüht in lebensvollerm Strahlenbrande
In Gottes Hauch und Strahlenangesicht,

War über uns mit seinem innern Rande
So weit entfernt, daß er noch nicht erschien,
Noch nicht erkennbar war von meinem Stande.

Drum war dem Auge nicht die Kraft verlieh’n,
Um, als sie sich erhob zu ihrem Sprossen,.
Der Flamme, der bekrönten, nachzuzieh’n.

Und wie das Kindlein, wenn’s die Milch genossen,
Zur Brust, aus der es trank, die Arme reckt,
Von Liebesglut auch außen übergossen;

So sah ich hier, die Flamm’ emporgestreckt,
Jedweden Glanz; so ward sein innig Lieben
Zur hohen Jungfrau-Mutter mir entdeckt.

Worauf sie noch mir im Gesichte blieben,
Als ihr Regina coeli! – mir erscholl
Im Sang, des Lust mir keine Zeit vertrieben.

O wie sind dorten doch die Scheuern voll
Von reicher Frucht, die jeder, der hienieden
Gut ausgesät, in Lust genießen soll.

Dort lebt bei solchem Schatz in sel’gem Frieden,
Der weinend ihn erlangt in Babylon
Und sich im Bann vom Erdengut geschieden;

Dort triumphieret unterm hohen Sohn
Der Jungfrau und des Herrn, und mit dem Alten
Und Neuen Bund, so nah dem ew’gen Thron,

Er, der die Schlüssel solchen Reichs erhalten.

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