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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Paradies

Die Welt glaubt’ einst, unsel’gen Irrtum hegend,
Daß Cypris toller Liebe Glut entflammt,
Im dritten Epizyklus sich bewegend.

Drob nicht zu ihr allein mit Opferamt
Und Weiherufen sich anbetend kehrte
Das alte Volk, im alten Wahn verdammt;

Nein, auch Dionen und Cupiden ehrte,
Als ihre Mutter sie, ihn als das Kind,
Dem Dido ihren Schoß zum Sitz gewährte.

So ward nach ihr, von der mein Sang beginnt,
Der Stern benannt, der, bald der Sonn’ im Rücken,
Bald ihr im Angesicht liebäugelnd minnt.

Nicht fühlt’ ich mich in diesen Stern entrücken,
Doch daß ich wirklich drinnen sei, entschied
Der Herrin höh’res, schöneres Entzücken.

Und wie man Funken in der Flamme sieht,
Und wie wir Stimmen in der Stimm’ erkennen,
Die aushält, wenn die andre kommt und flieht;

So sah ich Lichter hier im Lichte brennen,
Und, nach dem Maß des innern Schau’ns erregt,
So schien’s, im Kreis mehr oder minder rennen.

Kein Wind, unsichtbar oder sichtbar, pflegt
So schnell aus kalter Wolk’ herabzugleiten,
Daß er nicht langsam schien’ und schwer bewegt

Dem, der die Lichter uns entgegenschreiten
Im Flug gesehn, aus jenem Kreis hervor,
Den hohe Seraphim bewegend leiten.

Und hinter diesen ersten klang’s im Chor:
Hosianna! Und seit ich den Ton vernommen,
Sehnt stets nach ihm sich brünstig Herz und Ohr.

Und einen sah ich dann uns näher kommen,
Und er begann allein mit frohem Klang:
"Willfährig sind wir alle, dir zu frommen.

Wir wandeln hin, ein Kreis, ein Schwung, ein Drang,
Uns nie vom Pfad der Himmelsfürsten trennend,
Zu welchem du gejagt in deinem Sang:

Die ihr den dritten Himmel lenkt, erkennend;
Für dich wird uns nicht schwer ein Stillestand,
Für dich in so inbrünst’ger Liebe brennend."

Als ich zu ihr voll Ehrfurcht mich gewandt,
Und so der Herrin Blick sich ausgesprochen,
Daß ich mich sicher und befriedigt fand,

Schaut’ ich zum Licht, das mir in sich versprochen
So vieles hatt’, und sprach: "Wer bist du, sprich!"
Den Ton vor großer Inbrunst fast gebrochen.

O wie vermehrte, wie verschönte sich
Der frohe Glanz in Mienen und Gebärden
Bei meinem Wort! – Dann sprach er freudiglich:

"Nur kurze Zeit verweilt’ ich auf der Erden,
Verweilt’ ich mehr, dann wären viele nicht
Der Übel, die dich noch betreffen werden.

Nur meine Freude birgt dir mein Gesicht,
Nur sie verhüllt mich rings im Strahlenrunde,
So wie den Seidenwurm die Seid’ umflicht.

Du liebtest mich, und wohl aus gutem Grunde;
Denn lebt’ ich noch, gewiß dir keimten jetzt
Nicht Blätter nur aus unserm Liebesbunde.

Der linke Strand, den Rhodanus benetzt,
Nachdem er mit der Sargue sich verbündet,
Sah einst im Geist durch mich den Thron besetzt;

So auch Ausoniens Horn, wo, festbegründet,
Bari, Gaëta und Crotona droh’n,
Von wo im Meere Verd’ und Tronto mündet.

Auch schmückte mich des Landes Krone schon,
Das längs durchstreift der Donau Wogenfülle,
Nachdem sie aus Germaniens Gau’n entflob’n.

Trinacria – bedeckt von schwarzer Hülle
Zwischen Pachino und Pelor, am Schlund
Des Meers, das schäumt bei Eurus’ Wutgebrülle,

Durch Typhöus nicht, nein, durch den Schwefelgrund
Der Fürsten harrt’ es noch, der edeln Sprossen
Rudolfs und Karls aus meinem Ehebund,

Wenn schlechte Herrschaft, welche stets verdrossen
Der Unterworfne trägt, zum Mordgeschrei
Nicht in Palermo jeden Mund erschIossen.

Ging’ Ahnung dessen meinem Bruder bei,
So würd’ er Kataloniens Bettler jagen,
Damit ihr Geiz kein Sporn zum Aufruhr sei.

Nottut’s fürwahr, daß ihm die Freund es sagen,
Wenn er’s nicht sieht: daß volle Ladung schon
Sein Nachen hat, und nichts kann weiter tragen.

Er, des freigeb’gen Vaters karger Sohn,
Braucht Diener, die nicht Gold nur zu gewinnen
Begierig sind, nicht bloß erpicht auf Lohn." –

"Herr, weil ich glaube, daß die Lust hierinnen,
Die deine Rede strömt in meine Brust,
Du, wo die Güter enden und beginnen,’

So deutlich schauest, wie sie mir bewußt,
Wird sie mir werter – daß du beim Betrachten
Des Herrn sie schauest, gibt mir neue Lust.

Mach’ itzt, wie froh mich deine Worte machten,
Mich klar und schaffe noch dem Zweifel Ruh’:
Wie süße Saaten bittre Früchte brachten?"

So ich – und er: "Die Wahrheit fasse du,
Und dem. was du gefragt, kehrst du zufrieden,
Wie jetzt den Rücken, dann das Antlitz zu.

Das Gut, das ihren Lauf und ihren Frieden
Den Himmeln gab, hat jedem Stern den Schein
Und eine Kraft, als Vorsehung, beschieden.

Nicht nur der Wesen vorbestimmtes Sein
Hat der durch sich vollkommne Geist erwogen,
Er schließt in sich auch ihre Wohlfahrt ein.

Drum, was nur immer fliegt von diesem Bogen,
Kommt, gleich dem Pfeil, auf vorbestimmtem Gang
Gewiß herab zu seinem Ziel geflogen.

War’ dieses nicht, dann würd’ im wirren Drang,
Was diese Himmel irgend wirkend schaffen,
Kein Kunstwerk sein, nein, Graus und Untergang.

Dies kann nicht sein, wenn jene nicht erschlaffen,
Die Geister, lenkend diese Sternenschar,
Der Urgeist auch, der dann sie schlecht erschaffen.

Ist diese Wahrheit nun dir völlig klar?"
Und ich: "Gewiß, ich seh’s, Natur bleibt immer
In dem, was nötig ist, unwandelbar;"

Drum er: "Nun sprich, wär’s für den Menschen schlimmer,
Wenn er nicht Bürger ward und einsam blieb’?"
Ich: "Ja, und weitern Grund begehr’ ich nimmer!"

"Und wär’ ein Staat, wenn in verschiednem Trieb
Die Menschen nicht verschieden sind erwiesen?
Nein, wenn die Wahrheit euer Meister schrieb!"

So folgert’ ich bis jetzt, um hier zu schließen:
"Drum also muß der Menschen Tun hervor
Verschieden aus verschiedner Wurzel Sprießen.

Und Solon sproßt’ und Xerres so empor,
Also Melchisedek, und der Erfinder,
Der bei dem luft’gen Flug den Sohn verlor.

Natur, im Kreislauf, so die Menschenkinder
Wie Wachs ausprägt, übt ihre Kunst und sieht
Auf dies und jenes Haus nicht mehr noch minder.

Dies ist’s, was Esaus Keim von Jakobs schied,
Drob auch Quirin entsproß so niedrer Lende,
Daß man als Vater ihm den Mars beschied.

Und stets auf der Erzeuger Wegen fände
Man die, so sie erzeugten, nur, wenn nicht
Die Vorsehung des Höchsten überwände.

Was hinter dir war, sieh jetzt im Gesicht;
Doch wie ich dein mich freue, geb’ ich Kunde
Und dir durch einen Zusatz beßres Licht.

Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde,
Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat,
Die man gesät auf fremdem, falschem Grunde.

Und folgte der Natur des Menschen Pfad,
Suchtet auf ihrem Grund ihr nach dem Rechten,
Dann gab’ es gute Leut’ und wackre Tat.

Doch solche, die geboren sind, zu fechten,
Macht ihr zu Priestern wider die Natur
Und macht zu Fürsten die, so pred’gen möchten,

Und deshalb schweift ihr von der rechten Spur.

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