Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 31
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 31

Virgil hat den Dichter über seine Beschämung beruhigt. Sie wandeln nun nach dem Rande des mittleren Höllenschlundes. Eine düstere Dämmerung waltet hier. Der furchtbare Schall eines Hornes dringt zu Dantes Ohr. Er späht vorwärts und glaubt eine Menge Thürme den Rand des Abgrundes umragen zu sehen: Virgil aber sagt ihm: es seien Riesen, die mit dem halben Leib in dem Brunnen stünden. Nach und nach erblickt Dante sie wirklich und preist die Natur, daß sie nicht mehr solche Wesen schafft, wo sich der Geist mit ungeheurer Körperkraft zu bösem Thun verbindet. Die Riesen, welche sich mit Verrath und Gewalt an Gott versündigt haben, umgeben billig, halbhineingesenkt, den tiefsten Abgrund der Hölle, zugleich die furchtbare, erst jenseits gefesselte Gewalt des Verrathes überhaupt andeutend. Die Größe hier bestrafter Verbrechen wird gewissermaßen auch körperlich vorgebildet. - Zuerst stellt sich Nimrod, der Erbauer des Thurms zu Babel, dar, der wirren Lautes in unverständlicher Sprache seufzet. Virgil sagt, er klage sich selbst an, und ruft ihm zu: er solle lieber mit dem Horn blasen, als so wirre Sprache herausstoßen. Dann sagt er zu Dante: der Uebermuth desselben habe veranlaßt, daß man nun mehr als eine Sprache auf Erden habe. Nun gelangen die Wandernden zu dem mit Ketten fünfmal umwundenen Ephyaltes. Dante verlangt darauf auch den Briaseus zu sehen, Virgil aber sagt ihm: er sei fern von da, und führt ihn, während Ephyaltes seine Ketten schüttelt, zu Antäus, der ungefesselt ist. Auf Virgils Zureden ergreift der Riese ihn, der Dante umfasset, und setzt so beide in den Abgrund hinab. Nach Hiob 26 V. 5 seufzen die Riesen unter den Wassern (der Sündflut); Dante stellt sie an den Rand des Sündenstromes, welcher zu Eis erstarrt die ärgsten Sünder bedeckt (s. Hölle 34 V. 10-12 u. d. Anm.)

001 Dieselbe Zunge that zuerst mir wehe,
002 So daß sie beide Wangen mir gefärbet,
003 Und reichte dann mir auch die Arzenei dar.

004 So höret' ich, es sei Achilles Lanze
005 Und seines Vaters ein Geräth gewesen
006 Zuerst zu böser, dann zu guter Schenkung.

007 Wir wandten dem elenden Thal den Rücken,
008 Auf jenem Rand, der ringsher es umgürtet,
009 Ihn überschreitend sonder ein Gespräche.

010 Hier war's nicht völlig Nacht, auch Tag nicht völlig,
011 So daß mein Blick nur wenig vorwärts reichte,
012 Allein ich hört' ein hohes Horn so blasen,

013 Daß jeden Donner es geschwächet hätte:
014 Und seines Halles Weg entgegen wandte
015 Ich meine Augen nur auf eine Stelle.

016 Nach der unsel'gen Schlacht, als Karl der Große
017 Den heiligen Kriegzug verloren hatte,
018 Blies auch Orlando nicht so gar entsetzlich.

019 Nicht lang' hielt ich das Haupt emporgerichtet,
020 Als es mich däucht', ich säh' viel' hohe Thürme,
021 Weshalb ich: „Meister, welche Stadt ist diese?” -

022 Und er zu mir: „„Da in den Finsternissen
023 Du noch zu weit von dort entfernet wandelst,
024 Geschiet's, daß du dich irrest im Vermuthen.

025 Sehn wirst du recht, wenn du dorthin gelangest,
026 Wie sehr der Sinn sich täuscht aus der Entfernung;
027 Drum stachle selber dich ein wenig vorwärts.”” -

028 Liebreich hierauf ergriff er bei der Hand mich
029 Und sprach: „„Eh wir noch weiter vorgedrungen,
030 Daß es dur weniger unheimlich dünke,

031 Vernimm: es sind nicht Thürme, sondern Riesen,
032 Und in dem Brunnen steh'n sie rings am Rande
033 Vom Nabel abwärts, alle mit einander.”” -

034 Gleichwie, sobald der Nebel sich zertheilet,
035 Der Blick sich nach und nach zusammenbildet,
036 Was ihm der Dunst verhüllet, den die Luft häuft:

037 Also die dick' und dunkle Luft durchdringend,
038 Indem ich mehr und mehr dem Rande nahte,
039 Floh mch der Irrthum, aber kam mich Furcht an;

040 Denn, wie an seiner zirkelförm'gen Mauer
041 Sich Montereggion mit Thürmen krönet,
042 Also umthürmeten das Ufer, welches

043 Umgiebt den Born, von ihrem halben Leib an
044 Entsetzliche Giganten, die vom Himmel
045 Noch Jupiter bedroht, sobald es donnert:

046 Und ich erkannte schon des einen Antlitz,
047 Schultern und Brust und großen Theil des Bauches,
048 Und an den Seiten nieder beide Arme.

049 Natur that wahrlich wohl, als sie das Schaffen
050 Von so gestalten Wesen unterlassen,
051 Um Mars derlei Vollstreckeer zu entziehen:

052 Und, reueten sie nicht die Elephanten
053 Und Walle, wer es recht erwäget, achtet
054 Sie drum noch für gerechter und für weiser;

055 Denn da, wo sich die Urtheilskraft des Geistes
056 Dem bösen Willen und der Macht vereinet,
057 Kann keinen Damm die Menschheit gegenstellen.

058 Sein Angesicht schien mir so lang und breit wie
059 Zu Rom der Pinienzapfen am Sanct Peter,
060 Auch waren dem gemäß die andern Glieder:

061 So daß das Ufer, welches ihm ein Schurz war,
062 Von mitten aufwärts, doch so viel noch sehen ließ
063 Von oben, daß, sein Haupthaar zu erreichen,

064 Drei Friesen sich umsonst vermessen hätten;
065 Denn von ihm sah ich dreißig große Spannen,
066 Vom Ort herab, wo man den Mantel heftet.

067 „Raphel maï amech izabi amli!”
068 Begann nunmehr der grause Mund zu rufen,
069 Für den sich sanft're Psalmodien nicht schickten.

070 Und zu ihm sprach mein Führer: „„Irre Seele,
071 Halt dich an's Horn und tob dich aus mit diesem
072 Wenn Zorn dich oder andre Stimmung ankommt.

073 Such' dir's am Hals, da wirst die Schnur du finden,
074 Die es gebunden hält, o wirre Seele!
075 Da schau' es, es umringt die große Brust dir!””

076 Drauf sagt' er mir: „„Der klaget an sich selber:
077 Es ist Nimrod, durch dessen arg' Vermessen
078 Man nicht mehr eine Sprach' auf Erden redet.

079 D'rum lassen wir ihn, reden wir nicht unnütz:
080 Denn so ist ihm jedwede andre Sprache,
081 Wie Andern seine ist, die Niemand kennet.”” -

082 Wir machten aslo nun noch mehr des Weges,
083 Linkshin gewandt, und einen Pfeilschuß weiter
084 Sah'n wir den zwoten, wilder viel und größer.

085 Wer ihn so einzufesseln war der Meister,
086 Kann ich nicht sagen, doch geschnüret hatt' er
087 Den andern vorn, den rechten Arm nach hinten,

088 Mit einer Kette, die ihn hielt gebunden,
089 Vom Hals hinab, daß auf dem Unbedeckten
090 Sie sich umherschlang, bis zur fünften Windung

091 „Der Uebermüth'ge wollte sich versuchen
092 Am höchsten Jupiter mit seiner Stärke,
093 Sprach mein Geleiter; d'rum wird ihm die Zücht'gung.

094 Ephialtes heißt er, that einst große Dinge,
095 Als die Giganten Furcht den Göttern machten,
096 Die Arme, die er schwang, bewegt er nie mehr.” -

097 Und ich zu ihm: „„Dürft' es geschehn, so wünscht' ich,
098 Daß von dem ungemess'nen Briareus
099 Kenntniß erlangen möchten meine Augen!”” -

100 Worauf er sprach: Du wirst Antäus schauen,
101 Hier nahe bei, der redet und gelöst ist,
102 Der uns zum Grund wird bringen aller Sünde

103 Der, den du schau'n willst, steht weit mehr nach dorthin
104 Und ist gebunden und gethan wie dieser;
105 Nur daß er noch viel wilder ist im Antlitz.

106 Es war noch kein Erdbeben so gewaltig,
107 Daß es geschüttelt einen Thurm so mächtig,
108 Wie Ephialtes rasch war sich zu schütteln.

109 Da fürchtete den Tod ich mehr als jemals,
110 Und nöthig war dazu nichts als das Bangen
111 Hätt' ich die Fesseln nicht an ihm gewahret.

112 Wir aber zogen nun noch weiter vorwärts
113 Und kamen zu Antäus, der fünf Klaftern,
114 Das Haupt nicht mitgezählt, dem Schlund entragte.

115 „O du, der im verhängnißvollen Thale,
116 Das Scipio'n zum Erben schuf des Ruhmes,
117 Als Hannibal entflohe mit den Seinen,

118 Dir einst zur Beute tausend Leu'n gelangt hast:
119 Von dem, hätt'st du im kühnen Krieg den Brüdern
120 Geholfen, man noch jetzt zu glauben scheinet,

121 Du hättest Sieg gebracht den Erdensöhnen!
122 Setz' uns hinab (es falle dir nicht lästig),
123 Wo den Cocytusstrom die Kälte fesselt.

124 Send' uns nicht fort zu Titius und Typhoeus,
125 Verleihn kann der von dem was hier verlangt wird;
126 D'rum neige dich herab und zieh das Maul nicht.

127 Er kann dir in der Welt noch Ruhm bereiten;
128 Da er noch lebt und hofft noch langes Leben,
129 Ruft ihn nicht vor deer Zeit zu sich die Gnade.” -

130 So sprach der meister; aber in der Eile
131 Griff meinen Führer, nahm ihn mit den Händen,
132 Von denen Herkules einst großen Zwang litt.

133 Virgilius, als er sich fassen fühlte,
134 Rief mir da zu: „Komm her, daß ich dich fasse!” -
135 Drauf' macht er mich mit ihm zu einem Knäuel

136 Gleichwie der Carisendathurm zu schau'n ist,
137 Unter der Neigung, ziehet ein Gewölke
138 So über ihn, daß er entgegen hanget,

139 Schien mir Antäus, als ich achtend dastand,
140 Zu schau'n wie er sich neigt', und also war es,
141 Daß gern ich einen andern Weg genommen:

142 Doch leicht hinab zum Abgrund, der verschlinget
143 Den Lucifer sammt Judas, setzt' er uns;
144 Doch so gebeuget weilt' er da nicht lange,

145 Und hub empor sich wie der Mast im Schiff.

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