Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 28
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 28

Dante erblickt nun in der neunten Bulge die Seelen derer, die Zwiespalt unter den Menschen gestiftet. Vor ihr, bei Minos erwachtes, Bewußtsein tritt nun ihre Sünde in dämonischer Gestalt, ihr Innerstes zu zerfleischen; mit dem Schwert der Zwietracht die Einigkeit engverbundner Teile zerstörend. Wenn sie ihren verhängnissvollen Kreis durchschritten, werden die kaum geheilten Wunden von ihrer Sünde die sie in ihrer ganzen Scheußlichkeit erblicken, wieder aufgerissen, so daß sie nie wieder eins werden. Unstreitig hat der Dichter hier den Gegensatz von 1. Kor. 12 V. 13 u. w. ausdrücken wollen, wo Paulus sagt, die Menschheit solle in Liebe einig sein und wie eines Leibes Glieder zusammenwirken. - Zuerst tritt vor die Betrachtenden Mahomet, der das einige Wachstum der Religion der Liebe gestört. Sein ganzer Leib ist zertrennt vom Kinn bis zum Steiß, die Größe seine Wunde ist der Größe der Trennung analog, die er stiftete. Was bei ihm noch zusammenhält, das Haupt, ist bei Ali vollends gespalten, weil dieser wiederum des Mahometanismus Einheit zerstört. Mahomet heißt Dante dem Sektierer Fra Dolcin sagen: er solle sich auf Hungersnot gefasst machen, die ihm den Sieg entreißen werde. Hierauf treten politische Unruhstifter auf. Pier da Medicina weissagt, Malatestino werde die Herren Guido von Cassaro und Angiolello von Cagnano freundlich einladen, aber verräterisch ins Meer werfen lassen: dann reißt er des Curio Mund auf: ... dem Stifter der römischen Unruhen, der Cäsar antrieb den Rubicon zu übersteigen, ist die kecke Zunge herausgeschnitten. Auch der Florentiner Mosca stellt sich nun dar (vergl. Hölle 6 V. 80), die abgehauenen Hände erhebend, klagt sich dieser Mann der Tat an, die Zwietracht in Tuscien gesäet zu haben. "Deinem Geschlecht zum Verderben" sagte Dante und betrübt ihn dadurch noch tiefer. Endlich hält Bertram von Bornio sein vom Rumpfe getrenntes Haupt den Dichtern entgegen und erzählt, wie er Vater und Sohn entzweit und dafür zur Vergeltung die Strafe leide, daß sein Hirn von seinem Ursprung im Rückenmark getrennt sei.

001 Wer könnte, selbst auch ungebundnen Wortes,
002 Genug vom Blut und von den Wunden sagen,
003 Die jetzt ich sah, erzählt' er vielemal' auch!

004 Gewiß zu schwach wär' hier jedwede Zunge,
005 Aus Mangel unsrer Sprache und Erinn'rung,
006 Die wenig Raum, so viel zu fassen, haben.

007 Wenn gleich sich alle sammelten die Schaaren,
008 Die jemals auf der schicksalvollen Erde
009 Von Puglien um ihr rothes Blut geklaget,

010 Durch Römerhand und durch das lange Kriegen,
011 Das so gewalt'ge Beute gab an Ringen,
012 Wie Livius beschreibet, der nicht irret:

013 Samt jenen, die von Schlägen Weh empfangen,
014 Weil Robert Guiskard sie entgegenstanden,
015 Und jene, deren weiß Gebein man noch liest

016 Bei Ceperano, wo ein jeder Puglier
017 Ein Lügner war, und da bei Tagliacozzo,
018 Wo waffenlos gesiegt Alard' der alte;

019 Und der ein Glied durchbohrt, der eins verstümmelt
020 Gezeigt; es wäre doch nichts im Vergleiche
021 Zur schauervollen Art der neunten Bulge!

022 Kein Faß, dem Mittelstück ausfiel und Gere
023 Klafft also auf, wie ich da Einen sahe
024 Zerhaun vom Kinn' hinab bis wo man farzet:

025 Zwischen den Beinen hing das Eingeweid' ihm,
026 Und das Geschling' erschien, der ekle Sack auch,
027 Der Unrath macht aus dem, was man verschlinget.

028 Als ich mit Schaun ganz an ihm hafte, blickt' er
029 Mich an und riß mit Händen sich die Brust auf,
030 Und rief: "Da siehe, wie ich micht zerfleische!

031 Da siehe es, wie Mahomet zersetzt ist!
032 Es geht vor mir Ali einher und weinet,
033 Das Angesicht zertheilt vom inn zum Schopfe,

034 Und all' die Andern, so du hier erschauest,
035 Aussäer waren sie von Zwist und Spaltung
036 So lang sie lebten: drum sind so zespellt sie.

037 Ein Teufel ist dort hinten, der uns spaltet
038 So grausamlich der Schärfe seines Schwerdtes
039 Auf's neu' aussetzend jeden dieses Haufens,

040 Wenn wir die wehevolle Bahn umwallet;
041 Da wiederum geschlossen sind die Wunden,
042 Eh einer dort von neuem vor ihn hintritt.

043 Doch wer bist du, der vom Gestein da gaffet,
044 Wohl um zu säumen mit dem Gang zur Strafe,
045 Die dir auf Selbstanklage zuerkannt ward?" -

046 ""Ihn hat der Tod noch nicht erreicht, auch führt ihn
047 Nicht Schuld zu Pein, entgegnete mein Meister:
048 Doch, völlige Erfahrung ihm zu reichen,

049 Muß ich, der ich gestorben bin, ihn führen
050 Die Hölle hier hinab von Kries' zu Kreise:
051 Und wahr ist Solches, wie ich dir es sage."" -

052 Mehr war'n als hundert, die, als das sie hörten,
053 Stehn blieben in der Kluft, mich anzuschauen,
054 Vergessend vor Erstaunen ihre Marter.

055 "Nun sag' dem Fra Dolcin, daß er sich rüste,
056 (Du der vielleicht in kurzem sieht die Sonne)
057 Wenn er nicht bald mir folgen will hierunter,

058 Mit so viel Vorrath, daß die Schneeumzinglung
059 Den Novarresern nicht den Sieg verschaffe;
060 Denn anders ihn erringen sei so leicht nicht!" -

061 Indem er einen Fuß zum Weiterschreiten
062 Erhub, sprach Mahomet zu mir die Worte:
063 Dann streckt'er ihn, hinweg zu gehn, zur Erde.

064 Ein Andrer, der den Hals durchstochen hatte,
065 Die Nase auch bis zu den Brau'n verstümmelt,
066 Und der der Ohren nicht mehr hatt' als eines,

067 Vor Staunen mit den Andern stehn geblieben,
068 Zum Schaun, that vor dem Andern auf die Kehle,
069 Die überall von außen purpurroth war,

070 Und sprach :"O du, den Sünde nicht verdammet,
071 Den einst ich oben im lateinischen Land sah,
072 Wenn mich zu große Aehnlichkeit nicht täuschet;

073 Erinn're dich an Pier da Medicina,
074 Kehrst je du, neu zu schaun die sanfte Ebne,
075 Die von Vercelli sich nach Marcabò neigt:

076 Laß wissen jene besten Zween aus Fano,
077 So Herren Guido, wie auch Angiolello,
078 Daß, ist das Vorwärtsschauen hier nicht eitel,

079 Sie ausgeworfen werden aus dem Schiffe,
080 Und nahe bei Catolica zerschellet,
081 Durch Untreu eines schurkischen Tyrannen!

082 Zwischen den Inseln Cypern und Majarco,
083 Sah nie so große Schurkenthat Neptunus,
084 Nicht von Piraten, nicht vom Griechenvolke!

085 Jener Verräther, der nur sieht mit einem,
086 Und hält die Stadt ... wo Einer mit mir hier ist,
087 Der gern sie nie geschauet haben möchte! ...

088 Wird sie berufen da zur Unterhandlung,
089 Drauf so thun, daß beim Winde von Focara
090 Sie nicht Gelübde, nicht Gebet bedürfen." -

091 Und ich zu ihm: ""Nun zeig' mir und erkläre,
092 Soll ich von dir nach oben Kunde bringen,
093 Wer jener ist, dem das Geschaute herb däucht?"" -

094 Drauf an die Kinnlad' eines der Genossen
095 Legt' er die Hand und that ihm so den Mund auf,
096 Ausrufen: "Dieser ist es, und er spricht nicht:

097 Dieser Verjagte schlug die Feigheit nieder
098 In Cäsar, ihm betheuernd, daß der Rüst'ge
099 Stets Nachtheil litt' durch all und jedes Harren.

100 O wie erschien er mir nun ganz entmuthigt,
101 Mit aus der Gurgel weggeschnittner Zunge,
102 Curio, der so vermessen war im Sprechen!

103 Und Einer, dem die Hand und die gestutzt war,
104 Die Stummeln durch die dunkle Luft erhebend,
105 So daß das Blut das Anlitz ihm befleckte,

106 Rief aus: ""Du wirst gedenken auch des Mosca!
107 Der, wehe, sagte: Kopf hat was gethan ist!
108 Was für das Thuskervolk die schlimme Saat war!""

109 "Und deines Stammes Tod!" fügt' ich hinzu noch;
110 Weshalb derselbe, Schmerz zu Schmerzen häufend,
111 Fortging als ein Elender und ein Toller.

112 Allein ich blieb, die Rotte zu betrachten,
113 Und sah etwas, das ich mich scheuen würde
114 Ohn' andere Beweise zu erzählen,

115 Versicherte mich des nicht mein Gewissen,
116 Das edele Geleit, das Menschen kühn macht
117 Unter dem Panzer des Sichlauterfühlens.

118 Ich sah gewiß, und noch scheint mir's ich seh' ihn,
119 Hauptlos einhergehn einen Rumpf, gleichwie auch
120 Die andern gingen der elenden Heerde:

121 Und das gelöste Haupt hielt er am Schopfe
122 Und wiegt' es mit der Hand, gleich der Laterne,
123 Und dieses sah uns an und rief: o wehe!

124 Er machte aus sich selber seine Leuchte,
125 Zwei waren eins uns Einer war in Zweien:
126 Wie das bestehn kann, weiß ... der so regieret!

127 Als er gerade war am Fuß der Brücke,
128 Hub er den Arm hoch mit dem ganzen Haupte,
129 Um näher uns zu bringen seine Worte:

130 Die waren: "Siehe nun die läst'ge Strafe,
131 Du, welcher athmend wallt, die Todten schauend,
132 Sieh', ob wohl eine sei so groß wie diese?

133 Damit du aber Kunde von mir bringest,
134 So wiss' ich bin Bertram von Bornio, jener,
135 Der einst dem jungen König bösen Rath gab.

136 Ich hetzte Sohn und Vater gen einander,
137 Mehr that mit Absalon nicht Ahitophel
138 Und mit David, durch bösgesinntes Stacheln.

139 Weil ich so nahverbundne Wesen trennte,
140 Tragich getrennt nunmehr mein Hirn, o wehe!
141 Von seinem Anfang, der in diesem Rumpf ist:

142 So ist an mir Vergeltungsrecht zu schauen!" -

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