Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 26
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 26

Anrede an Florenz, dessen Bürger im Diebskreise zahlreich vertreten sind. Die Dichter klimmen die Steinwand wieder empor und gelangen zur achten Schlucht des achten Kreises, in der die bösen Ratgeber verweilen, jeder in eine Flamme eingehüllt. In einer zweigehörnten Flamme befinden sich die im Leben ungetrennten Ulysses und Diomedes, von denen der erstere auf Dantes Antrieb von Virgil angesprochen wird und Auskunft über sich und seine Ende erteilt.

O freue Dich, Florenz! du bist so groß,
Daß du die Flügel schlägst ob Land und Meere;
Klingt doch dein Name selbst im Höllenschoß!

Denn deiner Bürger fünf im Diebesheere
Hab' ich gesehn, und drob ergreift mich Scham,
Auch du steigst dadurch nicht in großer Ehre.

Wenn Wahrheit je aus Morgenträumen kam,
So wirst du in gar kurzer Zeit empfinden,
Was Prato wünscht und andre, die dir gram.

Wärs jetzt schon, nicht zu frühe könnt' ichs finden!
Wärs schon vorbei, da es doch muß geschehen!
Denn schwerer werd' ichs, wenn ich alt, verwinden.

Wir stiegen aufwärts an der Steine jähen
Vorsprüngen, die uns halfen abwärts streben,
Vom Führer wieder ich geschleppt beim Gehen.

Wie wir auf ödem Pfad uns weiter heben,
Mußt' oft auf diesem zackigen Splitterwege
Die Hand dem Fuße Hülf' und Beistand geben.

Da ward mir Schmerz und wird noch jetzt mir rege,
Wenn ich zurück an das Gesehne denke,
Und zügle meinen Geist mehr als ich pflege,

Daß ich den Weg nicht von der Tugend lenke
Und ich nicht selbst verscherze, was an Gut
Ein Glücksstern oder höhre Macht mir schenke.

So viel der Landmann, der am Hügel ruht -
Zur Zeit, da Sol, des Weltalls Licht und Leben,
Uns weniger entzieht der Strahlen Gluth,

Wenn statt der Fliegen Wassermücken weben -
Leuchtwürmchen siehet in des Thales Grunde,
Wo er just ackert oder pflegt der Reben:

So viele Flammen glänzten in der Runde
Des achten Sacks, wie ich es wahr nun nahm,
Sobald ich dort stand, wo man schaut zum Schlunde.

Wie Der, der einst durch Bären Rache nahm,
Erblickte scheidend des Elias Wagen,
Der roßgezogen schnell gen Himmel kam,

So daß sein Blick so rasch nicht konnte jagen,
Um andres zu gewahren als die Flammen,
Gleich einem Wölkchen leicht emporgetragen:

So durch den Schlund des Grabens allzusammen
Huschten sie hin, den Raub versteckt dem Blicke,
Da sie doch jed' ein Sünderherz umklammen.

So vorgebeugt stand ich dort auf der Brücke,
Daß ich hinabgestürzt wär' unverwandt,
Hielt ich mich nicht an einem Felsenstücke.

Als mich so aufmerksam mein Führer fand,
Sprach er: 'In diesen Flammen sind die Geister;
In die hüllt jeder sich, die ihn entbrannt.'

Gewisser tönts aus deinem Munde, Meister;
Daß es so wäre, den Bescheid ertheilte
Ich schon mir selbst, sprach ich; nun frag' ich dreister:

Wen birgt die Flamme dort, die zweigetheilte,
Die von dem Scheiterhaufen scheint zu stammen,
Den Eteokles mit dem Bruder theilte?

Und er: 'Gemartert wird in diesen Flammen
Ulyß und Diomed, wie einst vereint
Im Zorn, so in der Strafe jetzt beisammen.

In ihrer Flamme wird der Trug beweint
Mit jenem Roß, das niederbrach die Pforte,
Draus Romas edler Sam' entrann dem Feind;

Der Trug, um den im Tod noch Klageworte
Deidamia um Achill ergießt;
Auch Pallas Bild rächt sich an diesem Orte.'

Wenn, sprach ich, in der Gluth, die sie umschließt,
Sie reden können, Herr, so fleh' ich, flehe
Mit Flehn, das tausend Bitten in sich schließt,

Versage nicht, daß ich so lang hier stehe,
Bis die gehörnte Flamm' uns nah erschienen.
Schau, wie ich sehnend ihr entgegen sehe.

Und er zu mir: 'Wohl großes Lob verdienen
Darf deine Bitte; drum will ichs gewähren.
Doch zähme deine Zunge, laß mit ihnen

Mich reden, denn ich kenne dein Begehren.
Es könnte sein, daß sie bei deinem Wort,
Weil sie doch Griechen sind, leicht spröde wären.'

Als schicklich schien dem Meister Zeit und Ort
Und nah genug die Flamme war gekommen,
Hört' ich zu ihnen reden ihn sofort:

'Ihr zwei, von einer Flamme Gluth durchglommen,
Mag mein Verdienst um euch in meinem Leben,
Mag mein Verdienst mir viel, mir wenig frommen,

Als ich mein hohes Lied der Welt gegeben -
So geht nicht fort, sag' erst mir einer an,
Wohin er todt verschollen sich begeben.'

Der alten Flamme größer Horn begann
Mit Knistern jetzt und Flackern sich zu regen,
Als wenn sie mit dem Winde kämpfe, dann

Die Spitze hin und wieder zu bewegen,
Als wär' es eines Menschen Zunge; klar
Klang uns daraus drauf eine Stimm' entgegen:

'Als ich von Circe schied, die mich ein Jahr
Und länger bei Gaeta festgehalten,
Eh von Aeneas so benannt es war,

Da konnte nicht das Mitleid für den alten
Erzeuger, nicht die Lust am Sohn, nicht Liebe,
Dran sich die Gattin sollt freun, mich halten,

Sie all' besiegten nicht der Sehnsucht Triebe,
Den Lauf der weiten Welt rings zu erfahren,
Der Menschen gut und schimpfliches Getriebe.

Aufs hohe weite Meer wagt' ich zu fahren
Mit einem Schiff und einem Rest vom Heer,
Genossen, die getreu mir immer waren.

Die Küsten Spaniens hab' ich rings umher,
Marocco und Sardinien da erschauet
Und all die Inseln, die umspült das Meer.

Ich und mein Volk war matt schon und ergrauet,
Als wir gelangt zu jenes Schlundes Enge,
Wo Hercules sein Grenzmal sich erbauet,

Damit der Mensch nicht weiter vorwärts dränge.
Zur rechten Hand ließ ich Sevillas Feste,
Links hinter mir schon Ceutas Uferhänge.

O Brüder, sprach ich, die zum fernen Weste
Durch hunderttausend Fährlichkeiten drangen,
Verschmäht doch nicht der Abendwache Reste,

Die Sinneskraft, die euch noch nicht entgangen,
Zu nützen, um, der Sonne folgend, Kund
Vom menschenleeren Welttheil zu erlangen.

Denkt euren Ursprungs und aus welchem Grunde
Ihr seid geboren, nicht wie Vieh zu leben,
Nein! zu der Tugend und der Weisheit Funde.

Und die Genossen wußt' ich zu beleben
Zu solcher Fahrtlust durch dies kurze Wort,
Daß kaum zu halten war ihr Vorwärtsstreben.

Ostwärts das Steuer wenden, ging es fort;
Die Ruder regten wir mit Flügelschnelle
Wie toll, uns haltend nach dem linken Bord.

Schon sah die Nacht die ganze Sternenhelle
Des andern Pols, der unsre lag so tief,
Daß er kaum auftaucht' aus der Meereswelle.

Fünfmal erneut war und fünfmal entschlief
Am untern Theil des Mondes uns das Licht,
Seit unser Schiff den schweren Weg durchlief,

Als dunkel durch die Fern' uns kam in Sicht
Ein Berg, der so gewaltig schien zu ragen,
Solch einen hohen sah ich früher nicht.

Wir jauchzten, doch bald kehrt' es sich in Klagen.
Vom neuen Land erhob sich Sturmgebrülle,
Das uns des Schiffes Vordertheil zerschlagen,

Es dreimal umschwang sammt der Wasser Fülle.
Beim vierten bäumt das Steuer, nieder schoß
Der Schnabel - also wollts ein höhrer Wille -

Bis überm Haupt sich uns die Meeerfluth schloß.'

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