Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 23
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 23

Die Dichter wandeln unbegleitet weiter. Dante fürchtet, die wegen ihnen beleidigten Dämonen möchten ihnen nachjagen. Virgil sinnt auf Rettung und als die Dämonen herangestürmt kommen, umfaßt er seinen Schützling und giebt sich mit ihm dem Abhange der nächsten Bulge hin. Den Dämonen ist die Gewalt benommen, ihnen zu folgen (sie bilden nur die Sünden ihres Kreises vor): Die Geretteten aber betreten den Abgrund der getünchten Heuchler. Diese schreiten, gleichsam in frommer Prozession, langsam einher, in Mönchskutten, die, außen vergoldet blenden, innen aber von Blei sind und schwer auf ihnen lasten. Während die wahrhaft Heiligen, von allem Irdischen entäußert, in den freien Himmel schweben, empfinden die Seelen der Scheinheiligen jenseits, daß das Blei irdischen Sinnes sie zu Boden zieht; daß sie nur "getünchte Gräber" sind, daß ihre Hülle nur von außen der heiligen gleicht, während innen trauriges Elend wohnt. - Dante spricht mit einem der Sünder, Fra Catalano aus Florenz, und will eben dessen Thun schelten, als er Kaiphas gekreuzigt am Boden sieht: weil seine Sünde offenbar geworden, ist er nackend und muß die andern Heuchler über sich hinschreiten lassen: er hatte (s. Ev. Joh. Cap. 11 V. 50) den Rath gegeben, einen Menschen (Christum) für das Volk zu opfern, nun straft ihn sein Bewußtsein, Minos, damit, daß er Vieler Last empfindet. Gleiche Strafe leiden die Theilhaber jenes Rathes. Virgil befragt nun den Bruder Catalano um einen Ausweg aus dieser Kluft, und erfährt von ihm, daß alle Brücken über dieselbe eingestürzt seien, wolle er ihr entkommen, so möge er versuchen, auf den Trümmern der nächsten Brücke hinauszuklimmen. Virgil, erkennend wie Dämon Uebelschwanz ihn belogen (Hölle 21 V. 106) eilt zürnend, dem gegebenen Rath nachzukommen und Dante folgt ihm.

001 Stillschweigend einsamlich und ohn' Geleite
002 Fortschritten wir, der vor, der Andre nach ihm,
003 Wie Minoriten ihre Straße wandeln.

004 Gerichtet war auf des Aesopus Fabel
005 Mein Sinnen ob des gegenwärt'gen Streites;
006 Wo er erzählt vom Frosch und von der Feldmaus:

007 Denn mehr läßt sich 'jetzt' und 'nun' vergleichen
008 Wie die mit jenem, hält Beginn und Ausgang
009 Man wohl zusammen aufmerksamen Sinnes.

010 Und so wie ein Gedank' entkeimt dem andern,
011 Entsproß von diesem alsobald ein neuer,
012 Der mir verdoppelte die erste Bängniß.

013 Ich dachte: unserthalb sind die betrogen
014 Mit Schimpfe wie mit Schaden, so beschaffnem,
015 Daß sehr ich glaube daß er sie verdrieße.

016 Wenn Zorn sich auf den bösen Willen häufet,
017 So jagen sie uns hinterdrein noch ärger,
018 Als je ein Hund dem Hasen den er schnappet.

019 Schon fühlt' ich alle meine Haare schauern,
020 Vor Bangen, und ich gab nach rückwärts Obacht,
021 Als ich begann: "O Meister birgst du schnell nicht

022 Dich, so wie mich, hab' vor den Schlimmekrallen
023 Ich große Furcht, als hätten wir sie hinter uns:
024 So lebhaft denk ich's, daß ich schon sie höre!" -

025 Und er: "Wär' ich von bleibelegtem Glase,
026 So würd' ich doch dein äußres Bild nicht schneller
027 Abnehmen, als dein inn'res ich erfasse:

028 Gar jetzt kam dein Gedanke zu dem meinen
029 So gleichen Ganges und so gleichen Ansehns,
030 Daß ich aus beiden einen Rath gebildet

031 Fall's hier der rechte Rand dermaßen abfällt,
032 Daß wir hinab zur andern Bulge können;
033 So mögen wir gedachter Jagd entfliehen." -

034 Noch hatt' er mir den Rath nicht ganz ertheilet:
035 Als ich sie kommen sah, gespannt die Flügel,
036 Nicht sehr entfernt, in Willen uns zu fangen.

037 Mein Führer faßte mich nunmehr in Eile:
038 Gleichwie die Mutter, die vom Lärm erwacht ist,
039 Und siehet nahe sich entflammte Lohe

040 Und nimmt den Sohn und flieht und sich nicht aufhält
041 (Mehr Sorg um den als um sich selber tragend)
042 So lange, daß sie nur ein Hemd' umwürfe.

043 Und nieder von dem Joch des harten Ufers,
044 Gab er sich auf dem Rücken hin dem Abhang,
045 Der eine Seite schließt, der nächsten Bulge.

046 Nie schoß so schnell ein Wasser durch die Leitung,
047 Das Rad zu drehn an eines Dorfes Mühle,
048 Wenn es am meisten nun den Schaufeln nahet,

049 Als dort mein Meister, jene Kluft hinunter,
050 Indem er mich auf seinem Busen mitnahm:
051 Als wär' sein Sohn ich und nicht sein Gefährte.

052 Kaum hatten seine Füß' erlangt das Bette
053 Des untern Grunds, als über uns die Höhe
054 Sie schon erreicht; doch war da keine Furcht mehr:

055 Denn die erhabne Vorsicht, die zu Schaffnern
056 Des fünften Grabens sie bestellen wollen,
057 Gewalt von da zu scheiden nahm sie Allen.

058 Dort unten fanden ein betünchtes Volk wir,
059 Das rings herum ging, sehr langsamen Schrittes,
060 Weinend und matt im Antlitz und bewältigt.

061 Sie hatten Kutten an mit tiefen Kappen
062 Vor ihren Augen, nach dem Schnitt bereitet,
063 Wie er zu Köln gemacht wird für die Mönche.

064 Vergoldet sind sie außen, daß es blendet,
065 Doch innen alle Blei, und also lastend,
066 Daß, gegen diese, Friedrich sie von Stroh gab.

067 O Eiwgkeiten durch abmüh'ner Mantel!
068 Wir wandten uns noch weiter, linker Hand hin,
069 Mit ihnen, merkend auf das traur'ge Weinen;

070 Doch ob der Last kam jenes müde Volk da
071 So langsam an, daß immer wir in neuer
072 Gesellschaft, bei jedweder Hüftbewegung.

073 Drum ich zum Meister: "Schaue ob du einen
074 Da find'st, bekannt nach Werken oder Namen;
075 O wend' im Gehen ringsumher das Auge."

076 Und Einer, der vernahm die Tuskersprache,
077 Rief hinter uns: "O haltet an die Füße,
078 Ihr, die ihr durch die finstre Luft so rennet!

079 Vielleicht wird dir von mir, was du verlangest?" -
080 Drauf sich der Führer wandt' und sprach: "So warte,
081 Und wandle dann in seinem Schritte weiter." -

082 Ich blieb und sah Zween großen Drang der Seele
083 Darthun im Angesicht, mir gleich zu kommen,
084 Doch hielt die Last sie und der enge Weg auf.

085 Als sie erreicht uns, mit sehr schiefem Auge
086 Sahn sie mich an und ohn' ein Wort zu sagen;
087 Drauf wandeten sie zu einander sich und sprachen:

088 "Der scheint lebendig nach der Kehle Regung!
089 Und, sind gestorben sie, durch welch' ein Vorrecht
090 Gehn sie entkleidet von der schweren Stola?" -

091 Dann sagten mir sie: "Tusker, der du ankamst,
092 Bei der Genossenschaft der traur'gen Heuchler,
093 Zu sagen wer du seist woll' nicht verschmähen!" -

094 Und ich: "Geboren und erzogen wurde
095 Ich in der großen Stadt am schönen Arno,
096 Und bin im Körper, den ich immer hatte.

097 Doch ihr, wer seid ihr, denen so gewalt'ges
098 Leid, wie ich schau', herab die Wange tropfet,
099 Und welche Pein liegt auf euch, die so vorsprüht?" -

100 Der Eine sprach zu mir: "Die gelben Kutten
101 Hier sind von Blei, so dick, daß die Gewichte
102 Dermaßen klirren machen die Wage.

103 Wir waren lust'ge Brüder aus Bologna,
104 Ich Catalano und der Loderingo
105 Benannt, und beid' aus deiner Stadt erkoren,

106 Wie man sonst einen Einzigen erwählet,
107 Zu wahren ihren Frieden, und wir thaten
108 So, daß es noch sich zeigt um den Gardigno!" -

109 Und ich begann: "O Brüder, eure bösen" ...
110 Doch mehr nicht sprach ich, denn ich sah nun einen
111 Gekreuzigt an die Erde mit drei Pfählen.

112 Als er mich sah, verkehret' er sich gänzlich
113 Und blies in seinen Bart hinein mit Seufzen.
114 Und Bruder Catalan, der des gewahr ward,

115 Sprach zu mir: "Der Gepfählte, den du schauest
116 Sagt' einst den Pharisäern: nöthig sei es,
117 Daß für das Volk ein Mensch gemartert werde!

118 Querüber liegt nun nackend er im Wege,
119 Wie du es schauest, und er muß nun fühlen
120 Bei Jedem, eh' er fortgeht, was er wieget;

121 In gleicher Art wird auch gequält sein Schwäher
122 In dieser kluft, die Andern auch des Rathes,
123 Der für die Juden war ein böser Saamen!" -

124 Hierauf sah ich Virgilius erstaunen
125 Ob dessen, der da war im Kreuz gespannet,
126 So schimpflich in der ewigen Verdammniß.

127 Dann an den Bruder richtet' er die Worte:
128 "Mißfall' es euch nicht, dürft ihr, mir zu sagen:
129 Ob hier nach rechter Hand ein Ausweg liege,

130 Durch den wir beide hier entkommen mögen,
131 Ohn' anzutreffen von den schwarzen Engeln,
132 Die uns dem Grund hier zu entreißen kämen?" -

133 Drauf er zur Antwort gab: "Eh' du es hoffest
134 Naht sich ein Felsen, der vom großen Kreis kommt,
135 Und all' die grausen Thäler überbrücket:

136 In diesem nur ist er zerschellt und deckt's nicht.
137 Aufsteigen möget ihr auf seinem Schutte,
138 Der übermäßig liegt an Seit' und Grunde." -

139 Der Führer stand etwas gesenkten Hauptes,
140 Dann sagt' er: "Schlimm berichtete was Noth that,
141 Der, welcher drüben jene Sünder hacket." -

142 Da sprach der Mönch: "Einst hört' ich in Bologna
143 Viel Teufelslaster nennen, unter andern
144 Auch, daß er Lügner ist und Lügenvater."

145 Nun schritt der Führer fort mit großen Schritten,
146 Von Zorn ein wenig aufgeregt im Antlitz;
147 Weshalb von den Belasteten ich wegging,

148 Den Stapfen folgend, der geliebten Füße.

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