Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 23
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 23

Virgil, dessen Gedanken mit denen Dantes sich berühren, besorgt, die gefoppten Teufel möchten sie verfolgen, umfasst Dante und lässt sich mit ihm die Wand zur sechsten Schlucht hinunter. Hier treffen sie die Heuchler in von außen vergoldeten, schweren Bleikutten, langsam und weinend hinwandelnd. Einer erkennt Dante an seiner Sprache als Toskaner und redet ihn an: es ist Fra Catalano, der in Begleitung von Fra Loderingo geht. Am Boden liegt gekreuzigt Kaiphas und alle müssen über ihn schreiten. Bei Catalano erkundigen sie sich nach dem Aushang und erfahren, dass sie von den Teufeln betrogen worden. Zürnend schreitet Virgil voran, Dante ihm nach.

Wir gingen schweigend, einsam, unbegleitet,
Der eine nach, der andere voraus,
Wie seinen Weg der Minorite schreitet.

Ich ließ mir bei dem gegenwärtigen Strauß
Aesopens Fabel durch die Sinne gehen,
Die von dem Frosche handelt und der Maus,

Weil 'Nun' und 'Jetzt' sich nicht mehr ähnlich sehen
Als beide Fälle, wie man leicht entdeckt,
Will man nur End' und Anfang recht verstehen.

Wie ein Gedanke stets den andern weckt,
Gebar das erste bald ein zweit Erwägen,
Die Furcht verdoppelnd, die mich schon erschreckt.

Ich dachte so: Die da sind unsertwegen
Mit Spott und Schaden reichlich nun geprellt;
Kein Zweifel, daß Verdruß darob sie hegen.

Wenn sich dem bösen Willen Zorn gesellt,
So werden wüthender sie nach uns setzen
Als je ein Hund dem Hasen über Feld.

Mein Haar fühlt' ich sich sträuben vor Entsetzen,
Und rückwärts horchend sprach ich: Meister, weh!
Verbirgst du uns nicht schleunig, dann versetzen

Die Grausetatzen uns in Noth und Weh.
Sie sind schon hinter uns mit ihrem Heere;
Mir ists als wenn ich schon sie hört' und säh'.

'Wenn ich ein bleibelegtes Glas auch wäre,'
Sprach er, 'nicht rascher würde drauf erscheinen
Dein Bild, als ich 027 dein Denken mir erklä

Es kreuzte dein Gedanke just den meinen;
So gleich an Gang und Inhalt find' ich ihn,
Daß sie in einen Rath sich mir vereinen.

Wenn sich die Ufer rechts so abwärts ziehn,
Daß man zum nächsten Sacke kann gelangen,
So werden wir der drohnden Jagd entfliehn.'

Und eh sein rathend Wort noch ganz ergangen,
Sah ich sie nahn, die Flügel ausgespannt,
Nicht weit von uns entfernt, um uns zu fangen.

Und plötzlich faßte mich des Führers Hand,
Wie eine Mutter, durch den Lärm gewecket,
Die neben sich schon sieht den lohnden Brand,

Den Sohn ergreift, und mehr für ihn erschrecket
Als für sich selbst, davoneilt ohne Säumen,
Daß sie sich kaum mit einem Hemd bedecket.

Und rücklings von des harten Gipfels Säumen
Ließ er die Felsen sich hinab mit Schnelle,
Die einerseits den nächsten Sack umsäumen.

Nie kam durch einen Graben noch die Welle,
Die Mühlenräder treibt, so rasch geschossen,
Dort wo ganz nah sie schon der Schaufeln Stelle,

Wie jetzt mein Meister, an die Brust geschlossen
Mich haltend, niederglitt an diesem Rand,
Wie seinen Sohn, nicht wie der Fahrt Genossen.

Kaum daß er auf des Bettes Grund stand
Mit festem Fuß, als über uns erschienen
Die Teufel; doch jetzt war die Furcht verbannt;

Denn die erhabne Vorsicht, die zu dienen
Sie in dem fünften jener Gräben zwang,
Benahm die Macht, ihn zu verlassen, ihnen.

Betünchte Leute wallten dort entlang;
Müd und ermattet anzuschauen, schritten
Sie weinend rings mit langsam schwerem Gang.

Sie trugen Kutten, deren Kappen mitten
Hinein ins Antlitz reichten, grade so
Wie sie den Mönchen Clugnys zugeschnitten.

Vergoldet außen, gleißt es lichterloh,
Doch innen ganz aus schwerem Blei geschlagen;
Dagegen wären Friedrichs Kutten Stroh.

O Mäntel, Ewigkeiten durch zu tragen!
Wir wandten wieder uns zur linken Hand,
Mit ihnen gehend, lauschend ihren Klagen.

Doch gingen sie so müd und abgespannt
Ob ihrer Last, daß man bei jedem Schritte
In anderer Gesellschaft sich befand.

Drum ich zum Führer: Späh' nach einem, bitte,
Den ich gekannt von Namen und Gestalt;
Laß kreisen rings dein Aug' in ihrer Mitte.

Und Einer, der mein tuskisch Wort alsbald
Verstand, rief nach uns: 'Bleibt ein wenig stehen,
Die ihr so schnell die finstre Luft durchwallt.

Vielleicht kann, was du willst, durch mich geschehen.'
Mein Führer drauf, zu mir gewandt: 'Halt an,
Um gleichen Schrittes dann mit ihm zu gehen.'

Ich hielt und sah nun zwei, die mir zu nahn
Gar sehr begierig im Gemüthe schienen,
Doch hemmte sie die Last und enge Bahn.

Zu mir gewandt, sahn sie mit schelen Mienen
Lang auf mich hin, ohn' einen Laut zu geben;
Dann zu einander klang dies Wort von ihnen:

'Der scheint - sein Athmen zeigt es - noch zu leben;
Und sind sie todt, wer hat, vom Bleitalar
Befreit, zu wandeln ihnen Recht gegeben?'

Und drauf zu mir: 'Toscaner, der zur Schar
Der jammervollen Heuchler stieg hernieder,
Wer bist du, rede, jedes Stolzes bar.'

Mich zeugt' und nährte, sprach ich nun hinwider,
Die große Stadt am schönen Arnofluß;
Noch trag' ich, die ich immer trug, die Glieder.

Doch wer seid ihr, die mit der Thränen Guß
Vor Schmerz die Wangen netzen, wie ich sehe?
Welch Leid ists, das sich so entladen muß?

'Zu diesen gelben Kutten hier - verstehe!' -
Sprach Einer, 'ward so wuchtig Blei erlesen,
Daß vom Gewicht die Wage knarrt vor Wehe.

Wir waren Brüder Lustig, Bolognesen,
Ich Catalano, Loderingo Der:
Von deiner Stadt sind wir erwählt gewesen

Zu Friedensstiftern, wozu sie vorher
Nur Einen wählte; doch noch heut erzählen
Von uns die Straßen am Gardingo her.'

O Fratres, so begann ich nun, euch quälen...
Ich sprach nicht weiter, weil am Boden ich
Gekreuzigt Einen wahrnahm an drei Pfählen.

Als er mich sah, krümmt' er sich fürchterlich
Und blies lautstöhnend in den Bart hinein.
Fra Catalano sahs und wandt' an mich

Das Wort: 'Er, der hier duldet solche Pein,
Rieth einst dem hohen Rath, am besten passe,
Den einen Mann fürs Volk dem Tod zu weihn.

Jetzt liegt er quer und nackt hier an der Gasse,
Daß, wie du siehst, bei der Vorüberfahrt
Ihn jeder seine Last empfinden lasse.

Sein Schwager wird gequält in gleicher Art
In diesem Schlund und wer im Rath sich fand,
Der eine Unheilssaat den Juden ward.'

Da sah ich, wie Virgil verwundert stand
Bei Jenem, der gekreuzigt an dem Orte
Schnöd ausgestreckt lag, ewig so gebannt.

Drauf richtet' an den Mönch er diese Worte:
'Laßt euch gefallen, wenn ihr dürft, zu sagen,
Ob rechts sich findet eine Ausgangspforte,

Durch die wir zwei hinaus uns dürfen wagen,
Und brauchen nicht der schwarzen Engel Hauf
Zu zwingen, uns aus dieser Schlucht zu tragen.'

'Wohl näher als du denkst,' versetzt' er drauf,
'Liegt eine Klipp; ausgehend von dem Runde,
Durchschneidet sie der grausen Thäler Lauf.

Zertrümmert ist sie nur ob diesem Schlunde;
Doch könnt ihr auf dem Schutt nach oben steigen,
Der sich am Abhang häuft und auf dem Grunde.'

Da sah das Haupt ich meinen Führer neigen;
Dann sprach er: 'Schlimm berichtet hat uns zwei
Der dort mit Haken krallt den Sünderreigen.'

'Schon in Bologna hört' ich mancherlei
Von Satans List,' sprach Jener, 'welch ein dreister
Betrüger er und Lügenvater sei.'

Mit großem Schritt ging nun davon mein Meister,
Dem Zorn das Antlitz etwas überfuhr.
Auch ich verließ die bleibeschwerten Geister

Und folgte der geliebten Füße Spur.

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