Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 19
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 19

Angekommen über der dritten Bulge, sieht Dante die Seelen, welche sich der Sünde Simons des Zauberers schuldig gemacht d. h. um irdischen Gewinnes willen geistliche Ämter erstrebt oder Handel damit getrieben. Ihre Strafe besteht darin, daß sie mit Haupt und Leib tief in den Boden gesenkt sind, aus dem allein die Füße ragen. Das göttliche Licht der reinen Lehre, das sie gleichsam mit Füßen getreten, wandelt nun, nachdem ihr Gewissen erwacht ist, in sinnlicher Gestalt von Flammen, hin und her auf ihren Sohlen, während sie sich selbst ganz in das Irdische gesenkt erkennen. Sie wissen, daß sie immer tiefer einsinken: die Nachfolgenden fallen dem Bewußtsein der Vorgänger immer mit zur Last; weil ein Mißbrauch andre nach sich zieht. Die Reihenfolge der so zur Tiefe hinabsinkenden, kirchlichen Sünder erinnert an das Hinabfließen des Sündenstromes, der die allgemeine Verderbnis darstellt (siehe Hölle 13). - Die Tiefe dieser Kluft ist so entsetzlich, daß Dante nur von der Erkenntnis selbst, von Virgil, hinabgetgragen, den Sündern naht. Er spricht mit dem Papst Nicolaus V., der ihn anfänglich für Papst Bonifazius hält, seine Sünden erzählt und viele, noch ärgere Nachfolger nennt, die ihn in die Tiefe hinabdrücken werden. Unser Dichter läßt sich gegen denselben kräftig über die Entweihung der päpstlichen Würde durch Anraffen von Schätzen aus, wozu Hölle 1 V. 97 u. w. trefflich stimmt. Virgil (Einsicht) hört ihm zufrieden zu, und trägt ihn dann wieder aus diesem verderblichen Abgrund empor, bis auf die steile Brücke, die über die folgende, die vierte Bulge führt.

001 O Simon Magus, o elende Schüler,
002 Die ihr die Dinge Gottes, die der Tugend
003 Vermählet bleiben sollen, raubbegierig,

004 Eh'brecherisch verhurt für Gold und Silber;
005 Nun muß von euch erhallen die Drommete:
006 Dieweil ihr in der dritten Bulge stecket!

007 Wir waren schon zur folgenden der Grüfte
008 Gestiegen auf den Fels, zu jener Stelle,
009 Die grade auf des Grabens Mitte lothet.

010 O höchste Weisheit, wie groß ist die Wirkung,
011 Die du in Himmel, Erd' und böser Welt zeigst,
012 Und wie gerecht vertheilet deine Allmacht!

013 Ich sahe an der Seite und am Grunde
014 Den gelblichschwarzen Felsen, voll von Gruben,
015 Von einer Breite all' und rund war jede.

016 Sie schienen mir nicht kleiner und nicht größer,
017 Als die in meinen schönen San Giovanni
018 Zum Stande für die Täufer ausgehau'nen:

019 Derselben eine ich, vor wenig Jahren,
020 Zersprengt, für Einen, der sonst darin umkam;
021 Der sei mein Siegel und enttäusche Jeden!

022 Aus jeder Grube Mündung ragten dorten
023 Die Füße eines Sünders, bis zur Wade
024 Die Beine, doch inwendig stak das Andre.

025 Die Sohlen waren beid' entflammet Allen;
026 Weshalb so mächtig die Gelenke zuckten,
027 Daß Seil und Flechttau sie zerstücket hätten!

028 Wie sich das Flackern öhlgetränkter Dinge
029 Nur auf der äußern Fläche pflegt zu regen,
030 Geschah's hier von den Fersen zu den Zehen.

031 "Wer ist doch Jener, Meister, der viel mehr klagt
032 Und zappelt, als die andern ihm Gesellten?
033 Fragt' ich: an dem auch glüh'ndre Flamme sauget?" -

034 Und er zu mir: "Willst du, daß ich dich trage
035 Hinab am Rande, welcher tiefer lieget,
036 Hörst du durch ihn von ihm und seinen Sünden." -

037 Und ich: "Mir ist es schön was dich erfreuet:
038 Du bist der Herr, weißt daß ich mich nicht scheide
039 Von deinem Willen, weißt was ich verschweige!" -

040 Hierauf gelangten wir zum vierten Walle,
041 Und wandten uns und stiegen links hinunter,
042 Zu dem durchlöcherten und engen Grunde.

043 Der gute Meister aber ließ noch nicht mich
044 Von seiner Hüfte, bis er mich zu Hölung
045 Gebracht, des Mannes, der so schlug mit Beinen.

046 "O wer du seist, die Obres hat zu unterst,
047 Wie einen Pfahl gerammt, betrübte Seele,
048 Begann ich da: vermagst du es, so rede!" -

049 Ich stand, gleich einem Mönch, der Beichte höret
050 Den falschen Meuchler, der, bereits versenket,
051 Ihn wieder ruft, damit der Tod noch weile.

052 Er aber schrie: "Hast dich schon eingestellet,
053 Hast dich schon eingestellet, Bonifazius?
054 Um ein'ge Jahre täuschete die Schrift mich.

055 Bist du so schnell gesättiget der Habe,
056 Um die du dich nicht scheutest mit Betruge
057 Die schöne Frau zu fahn und dann zu schänden?" -

058 Da wurde ich wie solche Leute, welche,
059 Da eine Antwort sie nicht fassen, gleichsam
060 Beschämt dastehn und nichts zu erwiedern wissen.

061 Darauf sprach Virgilius: "Sag' ihm nur muthig:
062 Der bin ich nicht, der bin ich nicht, den du meinst!" -
063 Und ich antwortete, wie mir geboten.

064 Weshalb der Geist da ganz die Füße drehte,
065 Dann seufzend und mit jammervoller Stimme
066 Mir sagte: "Also was begehrst von mir du?

067 Verlangt so sehr dich, wer ich sei, zu wissen,
068 Daß du darum das Ufer hier herabkamst,
069 So wiss': ich trug dereinst den großen Mantel.

070 Und war in Wahrheit recht ein Sohn der Bärin,
071 So gierig zu erhöhn die jungen Bärlein,
072 Daß oben ich das Gut, hier mich einsackte,

073 Mir unters Haupt gezerret sind die Andern,
074 Die mir mit Simonie vorangegangen,
075 Im Risse des Gesteines abgeplattet.

076 Ich werde gleichfalls dahinunter sinken,
077 Wenn jener kommt, für den ich dich gehalten,
078 Als ich vorhin gethan die eil'ge Frage.

079 Doch längre Zeit ist's, daß ich mir die Füße
080 Gesengt dahier und so verkehrt gestanden,
081 Als er gepflanzt stehn wird mit glühenden Füßen:

082 Denn nach ihm kommt, mit noch viel schlimmern Werken,
083 Vom rechten Untergang ein Hirt, gesetzlos,
084 Dem es gebührt, daß den und mich er decke!

085 Ein neuer Jason wird's, von dem berichten
086 Die Makkabäer, und, wie diesem mild war
087 Sein König, so sei's dem der Lenker Frankreichs!" -

088 Ich weiß nicht, ob ich nicht zu eifrig worden,
089 Als ich in dieser Weise ihm entgegnet:
090 "He, sage jetzo mir: wie viel des Schatzes

091 Heischt' unser Herr zuerst vom heil'gen Petrus,
092 Eh er die Schlüssel in desselben Macht gab?
093 Gewiß nichts heischt' er, als nur: Folge nach mir!

094 Nicht Petrus, nicht die Anderen verlangten
095 Gold, Silber von Mätthäus, als geloost ward
096 Um's Amt, das eingebüßt die arge Seele.

097 Drum steh' dahier, denn du bist wohl gezüchtigt,
098 Und hüte wohl die schlimmgeraubte Münze,
099 Die gegen Carl dich so beherzt geschaffen.

100 Und, wär es nicht, daß mir annoch es wehret
101 Die Achtung vor den hocherhabnen Schlüsseln,
102 Die du gehalten in dem heitern Leben:

103 Ich würde noch viel härt're Worte brauchen;
104 Da eure Habsucht alle Welt betrübet,
105 Die Guten tretend und die Bösen hebend!

106 Euch, Hirt, gewahrte der Evangelist auch,
107 Als Jene, welche auf den Wassern sitzet,
108 Von ihm gesehn ward buhlen mit den Kön'gen.

109 Sie, die geboren ward mit sieben Häuptern,
110 Und Zeugniß hatte von den zehen Hörnern;
111 So lange Tugend lieb war ihrem Gatten.

112 Ihr machet euren Gott aus Gold und Silber,
113 Und was noch fehlet euch zum Götzendienste,
114 Als daß der einen und ihr hundert ehret!

115 O Konstantin, wie vielen Uebels Mutter
116 War, nicht dein Uebertritt, nein jene Schenkung,
117 Die von dir nahm der erste reiche Vater!,' -

118 Und, während ich ihm da sothanes Lied sang,
119 War Wuth es, war's Gewissen, das ihn nagte:
120 Gewaltig zappelt' er mit beiden Sohlen.

121 Ich glaube, wohl gefiel es meinem Führer,
122 Mit so zufriedner Lippe horcht' er immer
123 Dem Tone der wahrhaft bestimmten Reden.

124 Drauf umfing er mich mit beiden Armen
125 Und, als er gänzlich auf der Brust mich hatte,
126 Stieg er zurück den Weg, den er gekommen,

127 Und ward nicht müde mich an sich zu haben,
128 Bis er zur Höh' des Bogens mich getragen,
129 Der von dem vierten Damm Weg ist zum fünften.

130 Hier sänftiglich ließ er die Last hernieder,
131 Sanft, sanft, des schründig rauhen Felsen willen,
132 Der auch für Ziegen böse Straße wäre:

133 Dann that von dort sich mir ein andres Thal auf.

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