Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 17
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 17

Der dreileibige Gerion des Altertums, der, schändlichen Verrat übend, die Fremden seinen Stieren vorwarf, bis Herkules ihn dreimal getötet, erscheint hier, poetisch umgestaltet, als Bild des Truges, mit ehrlichen Mannes Antlitz, mit nach Katzenart in Haar verborgenen Klauen und mit rätselhaft buntem, geringeltem und geschildetem Schlangenkleide, dessen Schwanz nach Skorpionenart in eine spitze Gabel endigt. Sein Benehmen ist seinem Sinn gemäß: er landet vorsichtig nur mit dem Leibe und, auf Fang lauernd, schaukelt er seinen Schweif, die alles durchbohrende, hinterlistige Waffe in der Luft. Als die Dichter zu ihm hinabgehen, gewahrt Dante auf einem Vorpsurnge des glühenden Sandfeldes, gegen den Abrund des Betrugs hin, die Seelen der Wucherer sitzen, die, zu ewiger Erinnerung, ihren Geldsäckel vor der Brust hängen haben, darauf noch das Wappen, das sie geschändet. Ihre Sünde hängt ihnen ewig an und sie krümmen sich in sich zusammen, wenn die Gedanken an Gott, an dem sie sich versündigt, sie in Gestalt sengender Feuerflocken überfallen. Sie sprechen höhnend von noch Lebenden, die ihren Adel durch Wucher schänden, und Dante verweilt nicht lange bei diesen Unkenntlichen; sondern eilt zu Virgil, welcher bereits die Schultern des gefälligen Truges erstiegen. Nicht ohne große Furcht, klimmt Dante zu ihm hinauf; aber Virgil (die Einsicht) schirmt ihn gegen den drohenden Schweif des Ungeheuers, indem er sich zwischen denselben und seinen Schüler setzt. So fliegen sie in mannigfachen Kreisen hinunter, zu dem nach und nach deutlicher erdämmernden Abgrund, wo Gerion sie, dem zum Cocyt hinabstürzenden Sündenstrom zur Linken, niedersetzt und unwillig, dass er Virgil (der Einsicht) halben, keinen Trug vollführen können, von dannen eilt, wie ein geschnellter Pfeil.

001 "Da sieh das Unthier mit gespitztem Schweife,
002 Das Berge durchdringt, Mauern bricht und Schilde:
003 Da sieh es, was die ganze Welt verpestet!" -

004 So hub mein Führer an zu mir zu sprechen
005 Und winkte ihm, daß zu dem Rand es käme,
006 Dicht an das Ende jenes Marmorpfades.

007 Und dies scheuselige Gebild des Truges
008 Kam an und kam herauf mit Brust und Schultern;
009 Doch zog es seinen Schweif nicht an das Ufer.

010 Sein Antlitz war gerechten Mannes Antlitz,
011 Gar linde hatte es sein Fell von außen,
012 Das andre Ende aber gänzlich Schlange,

013 Zwei Tatzen haarbedeckt bis zu den Schultern,
014 Den Rücken und die Brust und beide Seiten
015 Hatt' es bemalt mit Knoten und mit Schildchen.

016 Einschlag und Aufsatz im Gewebe machen
017 Mit mehren Farben Tartarn nicht noch Türken,
018 Auch spannte solche Weben nie Arachne.

019 So wie zuweilen an dem Strand die Kähne
020 Halb in dem Wasser stehn, halb auf dem Lande,
021 Und so wie dort sich bei den deutschen Schlemmern

022 Der Biber setzt, um seine Jagd zu machen:
023 So saß das schlimmste Unthier auf dem Saume,
024 Der mit Gestein beschließt die sand'ge Wüste.

025 Es schaukelte sein Schweif da ganz im Leeren,
026 Nach oben drehend seine gift'ge Gabel,
027 Die nach Skorpionart das Ende waffnet.

028 Der Führer sprach: "Es muß sich unsre Wandrung
029 Nunmehr ein wenig drehen bis zu jenem
030 Bösart'gen Unthier, welches dort sich lagert." -

031 Drum stiegen wir hinab der rechten Brust nach,
032 Und machten zehen Schritte auf dem Borde,
033 Um recht den Sand zu meiden und das Glimmen.

034 Und als wir zu dem Thiere hingekommen,
035 Sah ich, ein wenig weiter auf dem Sande,
036 Dasitzen Leute, nah' dem engern Raume.

037 Hier sprach der Meister: "Damit du vollkommne
038 Erfahrung mit dir nimmst aus diesem Kreise,
039 So geh nunmehro hin und schau ihr Treiben.

040 Kurz aber seien dorten deine Reden:
041 Indem du kehrest, red' ich mit dem Thiere,
042 Daß es uns leihe seine starken Schultern." -

043 So annoch auf dem allerletzten Vorsprung
044 Des siebenten Umkreises, ganz alleine
045 Ging ich, wo jene traur'gen Leute saßen.

046 Hervor aus ihren Augen brach das Leiden,
047 Bald hier bald da mit ihren Händen wehrten
048 Sie bald den Gluthen, bald den heißen Boden.

049 Nicht anders machen es die Hund' im Sommer,
050 Bald mit dem Maul, bald mit dem Fuß, gebissen
051 Von Flöhen, oder Fliegen, oder Bremsen.

052 Drauf als das Aug' ich Ein'gen senkt' in's Antlitz,
053 Darein das qualenvolle Feuer triefet,
054 Erkannt ich Keinen; aber ich gewahrte,

055 Daß jedem von dem Halse hing ein Seckel,
056 Der eig'ne Farb' und eig'ne Zeichnung hatte:
057 Und daran schien ihr Auge sich zu weiden.

058 Und, wie ich schauend unter sie gelange,
059 Erkannt ich blau auf einem Seckel,
060 Das eines Leun Gesicht und Bildung hatte.

061 Dann, weiterführend meines Blickes Wandrung,
062 Sah einen andern ich, der roth wie Blut war
063 Und eine Gans wies, heller noch als Butter.

064 Und Einer, der mit einer trächt'gen, blauen
065 Zuchtsau den weißen Sack gezeichnet hatte,
066 Begann zu mir: "Was machst du in der Kluft hier?

067 Jetzt geh' hinweg und, weil du auch noch lebest,
068 So wisse daß mein Nachbar Vitaliano
069 Hier sitzen wird an meiner linken Seite!

070 Ich Paduaner, bei den Florentinern
071 Sitz' ich, und oft zerbellen sie das Ohr mir,
072 Schreiend: Es komme der erhabne Ritter,

073 Der bringen wird den Säckel mit drei Schnäbeln!" -
074 Drauf zog den Mund er und die Zunge reckt' er
075 Vor wie ein Ochs, der sich die Nase leckt.

076 Und ich, befürchtend, mehr des Redens möcht' ihm
077 Mißfallen, der mich kurz zu sein ermahnet,
078 Ging nun zurück von jenen matten Seelen

079 Und suchte meinen Führer, der indessen
080 Gestiegen auf den Bug des grausen Thieres:
081 Und zu mir sagte: "Sei nun stark und wacker!

082 Nun klimmt man nieder auf sothaner Leiter.
083 Steig auf voran! Ich will inmitten bleiben,
084 Daß dir der Schweif kein Leid zufügen könne." -

085 Wie Einer, der so nahe ist dem Schauer
086 Des Fiebers, daß die Nägel ihm schon fahl sind,
087 Der ganz erbebt, erblickt er nur den Schatten:

088 So wurde mir, bei den entbotnen Reden;
089 Doch seine Mahnungen erregten Scham mir,
090 Die tapfre Diener macht bei milden Herren.

091 Ich setzte mich nun auf die ries'gen Schultern.
092 "So ... wollt' ich sagen; doch die Stimme kam nicht,
093 Wie ich geglaubet: ... halte mich umfasset!" -

094 Doch er, der andre Male schon mir beisprang,
095 Mehr oben, mächtiglich, sobald ich aufstieg,
096 Umschlang er mit den Armen mich und hielt mich.

097 Und sprach: "Nunmehro rege dich Gerion!
098 Die Räder breit, allmählig sei dein Sinken:
099 Gedenk' der neuen Last, die nun du trägest." -

100 So wie das Schifflein von dem Ufer losgeht,
101 Zurück, zurück; so hub er sich von dannen,
102 Und drauf, als er sich ganz im Freien fühlte,

103 Wo erst die Brust war, kehrt' er seinen Schweif hin,
104 Und den gestreckt, gleichwie ein Aal, bewegt' er,
105 Und mit den Tatzen rafft' er sich die Luft an.

106 Nicht größer mein' ich ist die Furcht gewesen,
107 Als Phaëton die Zügel fallen lassen,
108 Wovon der Himmel, wie man noch sieht brannte:

109 Noch als der arme Ikarus die Hüften
110 Entfiedern fühlte, durch des Wachses Schmelzen,
111 Indem der Vater schrie: dein Weg ist übel:

112 Als meine war; als ich nun sah daß ringshin
113 Ich in der Luft war, sahe wie jedweder
114 Anblick erloschen, außer jenes Unthiers.

115 Von dannen geht es schwimmend langsam, langsam
116 Kreist es und sinkt, ich aber, nicht gewahr' ich's:
117 Als daß mich's in's Gesicht und unten anweht.

118 Ich hörte schon zur rechten Hand den Strudel
119 Da unter uns graunvoll Getöse machen;
120 Weshalb ich mit dem Aug' das Haupt hinreckte.

121 Dann ward ich noch furchtsamer bei dem Abgrund:
122 Weil ich da Feuer sah und Klagen hörte,
123 Weshalb ich mich zusammenzog ganz zitternd:

124 Und sah darauf, was ich vorher nicht sahe,
125 Das Sinken und Kreisen durch die großen Uebel,
126 Die sich da nahten, von verschiednen Seiten.

127 Gleichwie ein Falk, der lang' auf seinen Flügeln
128 War und nicht Vogel und nicht Federspiel sah,
129 Den Falkner rufen macht: O weh, du sinkest!

130 Und niederschwebt unmuthig, dann sich schnell schwingt
131 In hundert Rädern und sich ferne setzet
132 Von seinem Meister, mißgelaunt und tückisch:

133 So setzt' uns auf den Grund hinab Gerion,
134 Auf unsre Füß', am Fuß des schroffen Felsen:
135 Und, als er unsre Last sich abgeladen,

136 Entschnellt' er sich, wie von der Sehn' ein Bolzen.

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