Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 11
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 11

1   Ob eines tiefen Ufers höchstem Saume,
2   Gebaut aus Trümmern, die im Kreis hier liegen,
3   Gelangten wir zu grausenvollerem Raume;

4   Und mußten hier, weil maßlos aufgestiegen
5   Der ekle Stank, den dieser Abgrund sandte,
6   Uns schützend hinter einen Deckel schmiegen

7   Gewaltigen Sargs, drauf ich die Schrift erkannte:
8   »Papst Anastasius muß hierdrinnen schmachten,
9   Den einst Photin vom rechten Wege wandte.« -

10   »Behutsam abzusteigen laß uns trachten,
11   Bis wir den Stank, wie stark er uns umspinne,
12   Gewöhnt sind und ihn später nichtmehr achten.«

13   Der Meister sprachs. Und ich: »Daß nicht verrinne
14   Nutzlos die Zeit, laß mich Ersatz genießen.«
15   Und er: »Du siehst, daß ich darauf schon sinne ...

16   Mein Sohn, die Felsenwände hier umschließen,«
17   Fing er erklärend an, »drei kleinere Ringe,
18   Gradweis gestuft wie die, die wir verließen.

19   Verdammter Geister voll ist jede Schlinge.
20   Doch daß der Anblick später dir genüge,
21   Vernimm, wie und warum man sie so zwinge.

22   Zweck jeder Bosheit, die mit stärkster Rüge
23   Der Himmel straft, ist: Unrecht zu erzeigen
24   Dem Nächsten, seis gewaltsam, seis durch Lüge.

25   Doch weil Betrug dem Menschen nur ist eigen,
26   Haßt ihn am meisten Gott. Im tiefsten Schlunde
27   Trifft größern Schmerz drum der Betrüger Reigen.

28   Gewalttat wird bestraft im ersten Runde.
29   Und weil sie kann dreifacher Art geschehen,
30   Giebts auch drei Unterkreise hier im Grunde.

31   An Gott, an sich, am Nächsten kann man sehen
32   Gewalt verüben - nach Person und Dingen,
33   Wie du es wirst mit klarem Grund verstehen.

34   Man kann verletzen und zum Tode bringen
35   Den Nächsten mit Gewalt, und seinem Gute
36   Brand, Raub, Nachteil und Schaden sonst erzwingen.

37   Wer drum verletzt und färbt die Hand im Blute,
38   Wer raubt, zerstört - im ersten Kreise drüben
39   Büßt er entsprechend seinem Frevelmute.

40   Am eigenen Leib und Gut kann auch verüben
41   Gewalt der Mensch. Drum müssen sich im zweiten
42   Bezirk reuvoll, doch hoffnungslos betrüben,

43   Die aus der Welt sich feige selbst befreiten,
44   Ihr Gut durch Spiel vertan und Lotterleben,
45   Und ihren Lebensmai durch Gram entweihten.

46   Auch gegen Gott kann mit Gewalt anstreben,
47   Wer ihn lästert und leugnet laut und leise,
48   Verachtend, was Natur aus Huld gegeben.

49   Drum wird hier aufgeprägt im engsten Kreise
50   Sodom, Cahors und dem des Brandmals Zeichen,
51   Der Gott im Herzen schmähte frevelerweise.

52   Trug, den Gewissensbisse stets erreichen,
53   Kann dem man antun, der uns schenkt Vertrauen;
54   Und jenem, der uns nicht vertraut, desgleichen.

55   Die Art kann Liebesfesseln nur zerhauen,
56   Die auf Gebote der Natur sich gründen;
57   Weshalb im zweiten Kreis ihr Nest sich bauen

58   Die Heuchler, Schmeichler, Schacherer mit Pfründen,
59   Betrüger, Fälscher, Kuppler, Zauberer, Diebe
60   Und allerlei Geschmeiß mit derlei Sünden.

61   Auf andere Art vergißt man nächst der Liebe,
62   Die uns ist angeboren, auch der zweiten,
63   Die zur besondern Treue weckt die Triebe.

64   Drum, wo der engste Kreis in diesen Weiten,
65   Im Mittelpunkt der Welt, wo Dite waltet,
66   Wird, wer verrät, verzehrt für Ewigkeiten.«

67   Und ich: »O Meister, sonnenklar entfaltet
68   Sich dein Bericht und lehrt vortrefflich scheiden
69   Den Abgrund und das Volk, das drinnen schaltet.

70   Doch sprich: die da im ekeln Sumpfe leiden,
71   Die Sturmgetriebnen, die in Regenschauern,
72   Und die sich zankend nahen und scheltend meiden,

73   Was büßen sie nicht auch in diesen Mauern
74   Der Glutstadt, wenn sie Gottes Zorn will drücken?
75   Und zürnt Gott nicht, was müssen sie so trauern?«

76   Und er: »Welch Schwärmen kann dir so entrücken
77   Den Geist? Weilt er vielleicht am andern Orte,
78   Daß du nicht kannst den Zwiespalt überbrücken?

79   Wärs möglich, daß die Ethik ihre Worte
80   Von den drei Neigungen umsonst dir schriebe,
81   Die uns verschließen streng die Himmelspforte,

82   Von Unmaß, Bosheit, tierisch-blindem Triebe?
83   Und wie Gott minder kränk die erstgenannte,
84   Weil Unmaß eher noch verzeihlich bliebe?

85   Wenn diese Lehre recht dein Geist erkannte,
86   Und wenn du dich erinnerst, wer die waren,
87   Die droben, außerhalb, die Strafe bannte,

88   So siehst du klar, warum von diesen Scharen
89   Sie Gott getrennt, und weshalb minderstrenge
90   Die Hämmer Gottes auf sie niederfahren.« -

91   »O Sonne, die der trüben Wolken Menge
92   Dem Blick verscheucht,« rief ich. »Derart berichtigt,
93   Freut Wissen ebenso wie Zweifelsenge.

94   Doch kehr nochmals dahin, wo du bezichtigt
95   Den Wucher, daß er Gott Beleidigungen
96   Zufügt: der Zweifel sei mir noch beschwichtigt.« -

97   »Wer in die Weltweisheit recht eingedrungen,«
98   Sprach er, »begreift an mehr als einer Stelle:
99   Als Gottes Tochter ist Natur entsprungen

100   Aus Gottes Geist und Kunst als Ursprungsquelle.
101   Und wenn du deine Physik recht beachtet,
102   So wird dir schon nach wenig Blättern helle,

103   Daß eure Kunst scharf nachzuahmen trachtet
104   Dem Meister, ihm als Schülerin nachzuschreiten,
105   Da ihr die Kunst zu Gottes Enkelin machtet.

106   Durch diese zwei, wenn du die ersten Seiten
107   Der Genesis nachprüfst, soll seinem Leben
108   Nahrung und Förderung der Mensch bereiten.

109   Doch andern Pfaden gilt des Wucherers Streben:
110   Er kann Natur und Kunstfleiß nicht verstehen,
111   Nein, er verschmäht sie, anderm ganz ergeben.

112   Doch folge nun, ich möchte weitergehen.
113   Die Fische zittern schon im Sternenreigen,
114   Der Wagen ist ganz in Nordwest zu sehen

115   Und fern erst winkt der Fels zum Niedersteigen.«

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