Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 11
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 11

Wo der Kreis der Irrlehrer und ihrer Anhänger an den der Gewalttätigen stößt, finden die Fortwandelnden ein Grabmal, dessen Inschrift sagt: es bewahre den Papst Anastasius. Damit wird nicht allein angedeutet: dass ein Papst ein Irrlehrer sein könne, sondern zugleich: dass Irrlehre bei Mächtigen nicht fern von Gewalttat stehe. Die Dichter schreiten langsam, um sich erst an den Stank zu gewöhnen, der von dem Blutstrom in der Tiefe heraufsteigt. Auf Dantes Bitte benutzt Virgil diese Zeit, ihn über die Ordnung der Höllenkreise zu belehren und sagt ihm: außerhalb der eisernen Mauer, in den bereits durchschrittenen Kreisen litten die Unenthaltsamen, welche sich natürlichen Trieben überlassen; innerhalb der Mauer aber, im nächsten tieferen Höllenkreise, die, welche sich, unnätürlichen Trieben nachgebend, entmenscht und vertiert haben: sie teilten sich ein in die Gewalttätigen gegen den Nächsten, gegen sich selbst und gegen Gott. Tiefer darunter seien dann die Betrüger und ganz zuunterst die lieblosen Verräter, die an den ihnen Vetrauenden und somit am meisten an Liebe und Wahrheit gevrefelt. Zuletzt erklärt Virgil, auf Dantes Befragen, noch, warum die Wucherer mit zu den Gewalttätern gegen Gott gerechnet sind, und ermahnt seinen Schüler, da schon der Morgen herannahe, zum Weitergehen.

001 Am äußern Rande eines hohen Ufers,
002 Das große Trümmerstein' im Kreis gebildet,
003 Gelangten wir zu grauserem Verschlusse.

004 Und hier, um grimmen Uebermaßes willen,
005 Des Stankes, den der tiefe Grund emporwirft:
006 Annahten wir ihm hinter einem Deckel

007 Gewalt'gen Sargs, an dem ich eine Schrift sah,
008 Die sprach: "Ich berge den Pabst Anastasius,
009 Den einst Fotin vom graden Weg gezogen." -

010 "Langsam geschehn muß unser Niedersteigen;
011 Damit der Sinn sich an den traur'gen Odem
012 Etwas gewöhn' und dann ihn nicht beachte." -

013 Also der Meister, und ich sagte: "Finde
014 Etwas Ersatz, damit die Zeit nicht unnütz
015 Vergeh!" und er: "Sieh, daß ich daran denke.

016 Mein Söhnlein, innerhalb sothaner Felsen,
017 Begann er drauf: sind immer kleinrer Kreise
018 Drei, abgestuft wie die, so du verlassen.

019 All' sind erfüllt sie von verdammten Geistern;
020 Doch, daß dir dann das Schaun allein genüge,
021 Hör' nun, wie, und warum sie so in Zwang sind.

022 Jedweder Bosheit Ziel, die in dem Himmel
023 Haß findet, ist Unrecht und all' solch' Ziel da
024 Quält mit Gewalt dann oder Trug die Andern:

025 Doch, weil der Trug des Menschen eigne Sünde,
026 Mißfällt er Gott mehr und darum sind unten
027 Die Trügenden und mehr des Wehs befällt sie.

028 Gewaltthätigen ward der erste Kreis ganz;
029 Doch, weil Gewalt man übt an dreien Personen,
030 Ist in drei Ringe er getheilt erbauet.

031 An Gott, an sich, am Nächten kann man üben
032 Gewalt, an diesen selbst und deren Gütern;
033 Wie du es hören sollst mit offnen Gründen.

034 Mord, durch Gewalt und schmerzenvolle Wunden,
035 Uebt man am Nächsten, und an seiner Habe
036 Verwüstung, Brand und schädigend' Erpressen.

037 Drum Mörder, Jeden der böslich verwundet,
038 Verwüster, Beutemacher, alle peinigt
039 Der erste Ring, in unterschiednen Schaaren.

040 Gewaltsam Hand anlegen kann der Mensch dann
041 An sich und seine Güter; drum im zweiten
042 Der Ringe muß, ohn' irgend Heil, bereuen

043 Jedweder, der sich eurer Welt beraubet,
044 Verspielet und verwüstet sein Vermögen
045 Und, wo er heiter leben sollte, weinet.

046 Gewalt kann man dann üben gen die Gottheit,
047 Im Herzen sie verlängernd und verwünschend,
048 Und die Natur und ihre Güte schmähend:

049 Darum denn brandmarkt der geringre Umkreis
050 Mit seinem Zeichen Sodom und Caorsa,
051 Und den, der Gott verwünschend, spricht von Herzen.

052 Den Trug, der jegliches Gewissen naget,
053 Kann Jemand üben an dem, der ihm trauet
054 Und auch an dem, der kein Vertraun mit einsackt:

055 Die letztere Art ertödtet, wie es scheinet,
056 Nur jenes Liebesband, das die Natur schafft:
057 Weshalb im zwoten Kreise sich annistet:

058 Die Heuchelei, das Schmeicheln und wer zaubert,
059 Verfälschung, Dieberei und Simonie dann,
060 Kuppler, Bestechliche und gleicher Unflat.

061 Doch durch die andre Art vergißt man Liebe
062 Die, so Natur schafft, und die dann hinzukommt,
063 Wovon besonderes Vertraun erwächset:

064 Weshalb im kleinsten Kreise, wo die Stelle
065 Des Weltalls ist, da seine Stätte Dis hat,
066 Der, so verräth, in Ewigkeit zernagt wird." -

067 Und ich: "O Meister, klar genug vorangeht
068 Dein Lehren und gar trefflich unterscheidest
069 Den Schlund du und das Volk, das solchen einnimmt;

070 Doch sag' mir: Jene in dem fetten Sumpfe,
071 Die, welche Sturm treibt und die Regen peitschet,
072 Und die sich mit so herber Zung' entgegnen:

073 Warum sind die nicht in der glühn'den Stadt hier
074 Gestraft, behält sie Gott in seinem Zorne,
075 Und - thut er's nicht: warum sind sie dann also?" -

076 Und er zu mir sprach: "Warum irrt so weit nur
077 Dein Geist von dem ab, deß er sonst gewohnt ist:
078 Wie, oder ob dein Sinn wo anders hinschaut?

079 Erinnerst du dich nicht derselben Worte,
080 Mit welchen deine Ethik wohl erwäget
081 Die drei Neigungen, die der Himmel nicht will:

082 Die Unenthaltsamheit, Bosheit und tolle
083 Verthierung und wie Unenthaltsamkeit Gott
084 Minder betrübt und mindre Schelt' empfähet:

085 Sobald du diese Lehre wohl betrachtest
086 Und dir zu Sinne führst: wer die waren,
087 Die oben, außen, ihre Strafe leiden:

088 Wirst wohl du sehn, warum von diesen Bösen
089 Getrennt sie sind und warum minder zürnend
090 Die göttliche Gerechtigkeit sie schmettert." -

091 "O Sonne, die jedweden trüben Blick heilt,
092 Du gnügest also mir wenn du erklärest,
093 Daß Zweifeln mir nicht minder süß als Wissen!

094 Noch wende dich etwas zurücke, sprach ich:
095 Dorthin wo du mir sagest: Wucher schmähe
096 Die Güte Gottes, lös' auch diesen Knoten!" -

097 "Philosophie, sprach er: belehret Jeden,
098 Der nach ihr strebt, und nicht in einem Theil nur:
099 Wie ihre Laufbahn die Natur beginnet

100 Vom göttlichen Verstand und seiner Werkkunst,
101 Und, wenn du deine Physik wohl durchforschest,
102 So wirst du finden nach nicht vielen Blättern:

103 Daß Eure Werkkunst der, so viel sie kann nur,
104 Nachfolget, wie der Schüler folgt dem Meister:
105 Daß Eure Werkkunst gleichsam Gottes Enklin.

106 Von diesen Beiden, führest du den Anfang
107 Der Genesis dir recht zu Sinn, geziemt es
108 Sein Leben zu empfahn, das Volk zu mehren:

109 Und weil der Wuchrer andre Wege einschlägt,
110 Verachtet er Natur, so an ihr selbst, wie
111 In ihrer Schül'rin, da er baut auf Andres;

112 Doch folg' mir nun, denn weitergehn erfreut mich,
113 Da schon die Fisch' am Horizont aufspringen,
114 Der Wagen auch ganz auf dem Kaurus lieget,

115 Und man erst weit von hier den Hang hinabsteigt."

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