Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 10
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 10

Die Dichter wandeln zwischen den Mauern und den Gräbern, Dante begehrt, da er die Deckel offen sieht, die Begrabenen zu schauen. Virgil sagt ihm, die Gräber würden hier über den Sündern, die Seele und Leib zugleich gestorben glauben, am jüngsten Tage, wenn sie ihre Leiber wieder empfangen, gänzlich geschlossen. Indem vernimmt Dante, aus einer der Grabstätten, eine ihn anrufende Stimme. Virgil führt ihn näher. Farinata, der stolze Ghibelline, hat sich erhoben, und sagt Dante, dass er dessen Vorfahren oft aus der Stadt vertrieben. Dante entgegnet ihm, dass sie immer wiedergekehrt seien, welche Kunst hingegen Farinatas Anhang nicht wohl gelernt habe. Da erhebt sich neben Farinata ein anderer Schatten Cavalcante Cavalcanti, der nach seinem Sohn Guido späht und fragt, ob er, als Dantes Freund, nicht mitgekommen, durch gleiche Hoheit des Geistes? Aus Dantes Antwort schließt er fälschlich, dass Guido gestorben, und sinkt schmerzlich zurück, da Dante seinen Irrtum nicht sogleich begreift und berichtigt. Der starre Farinata aber nimmt, um jenen unbekümmert, das Gespräch wieder aus, sagend: das Unglück der Seinen schmerze ihn mehr als sein glühend Lager; dann weissagt er Dante gleiches Unglück der Verbannung und fragt: warum die Seinen in Florenz so hart gerichtet würden? Dante wirft die Schuld aus Farinatas Sieg an der Arbia und jener erwidert, dass er nicht ungereizt Blut vergossen, doch der Einzige gewesen sei, der sich der schon beschlossenen Zerstörung von Florenz widersetzt. Noch er fährt Dante von ihm, dass die Schatten der hierher Verdammten, die Gegenwart nicht erkennten, wohl aber die ferne Zukunft dämmern sähen, bis die Gräber dereinst gänzlich und damit ihre Kenntnisse verschlossen würden. Dante bittet ihn nun aus Mitleid, dem hingesunknen Cavalcante zu sagen: dass sein Sohn noch lebe. Virgil ermahnt seinen betrübten Schüler, der Weissagung Farinatas zu gedenken, sagt ihm aber tröstend: von BGeatrice werde er den eigentlichen Weg zum wahren, göttlichen Leben erfahren. Hierauf wenden sie sich links nach der Mitte, einem Tale zu, daraus übler Geruch emporsteigt.

001 Hin geht nunmehr, in einer engen Gasse,
002 Zwischen der Stadt Ummaurung und den Martern
003 Mein Meister und ich hinter seinen Schultern.

004 "O hohe Kraft, die durch die argen Kreise
005 Mich leitet, hub ich an: wie dir's beliebet,
006 So sprich zu mir und g'nüge meinen Wünschen!

007 Das Volk, das in den Grüften da umherliegt,
008 Kann man es schauen? Sind doch abgehoben
009 Die Deckel all' und Niemand giebt da Obacht.

010 Und er zu mir: "Sie werden all' verschlossen,
011 Wenn sie von Josaphat zurücke kehren,
012 Mit ihren Leibern, die sie droben ließen.

013 Es haben seine Gruft auf dieser Seite
014 Mit Epikur all' seine Jünger inne,
015 Die Seel' und Leib zugleich gestorben meinen.

016 Dann auf die Frage, welche du mir machest,
017 Wird dir hier innen bald genüget werden,
018 Dazu dem Wunsche, den du mir verschweigest." -

019 Und ich: "Mein edler Führer nicht verberg' ich
020 Mein Herz dir, als um weniger zu sprechen:
021 Wozu du mich nicht erst anjetzt gestimmet." -

022 "O Tusker, der du durch die Stadt des Feuers
023 Lebendig wandelst, so bescheiden redend,
024 Gefalle dir's, zu weilen an der Stelle!

025 Es offenbart dich deine Art zu sprechen,
026 Als jener edlen Vaterstadt entstammet,
027 Der ich vielleicht nur allzulästig worden." -

028 Urplötzlich kam sothane Red' aus einem
029 Der Sarkophage, weshalb ich, in Bängniß,
030 Mich etwas dichter meinem Führer anschloß.

031 Er aber sagte: "Kehr' dich um, was thust du?
032 Sieh Farinat' dort, der sich aufgerichtet,
033 Vom Gürtel aufwärts wirst du ganz ihn schauen!" -

034 Schon hatt' ich mein Gesicht gespannt auf seines:
035 Er aber, er erhub mit Brust und Stirn sich,
036 Als ob er spottete der ganzen Hölle!

037 Und meines Führers schnelle Hände trieben
038 Mich eifrig zwischen jenen Grüften zu ihm,
039 Indem er sprach: Gezählt sei'n deine Worte!

040 Sobald ich war am Fuße seines Grabes,
041 Sah er mich etwas an, dann, fast verächtlich,
042 Befragt' er mich: "Wer waren deine Eltern?" -

043 Ich, der begierig war ihm zu gehorchen,
044 Verbarg sie nicht, nein, that sie gänzlich kund ihm:
045 Worauf er etwas seine Braun emporhub.

046 Dann sprach er: "Grausam waren sie entgegen
047 Mir, meinen Vätern, so wie meinem Anhang;
048 So, daß ich zweimal sie zersprenget habe!" -

049 "Ob auch verjagt - sie kehrten ringsher wieder,
050 Antwortet' ich ihm: einmal wie das andre;
051 Doch nicht gut lernten diese Kunst die Euren!" -

052 Hierauf erhub sich, offenbart dem Blicke
053 Ein Schatten, längs desselben, bis zum Kinne:
054 Ich glaube, daß er sich auf Knie'n erhoben.

055 Er spähte rings um mich, als hätt' er Sehnsucht
056 Zu sehen, ob ein Andrer mit mir wäre?
057 Doch als sein Spähn ihm nichtig ausgefallen,

058 Sprach weinend er: "Wenn du durch dieses blinde
059 Gefängniß wandelst, durch des Geistes Hoheit, -
060 Mein Sohn wo ist er, und warum nicht mit dir?" -

061 Und ich zu ihm: "Nicht durch mich selber komm' ich.
062 Er, der da harret, führet mich hindurch hier,
063 Den euer Guido wohl verachtet hatte." -

064 Es hatten seine Reden, sammt der Strafe,
065 Mir seinen Namen allbereits verlesen;
066 Darum war meine Antowort so vollständig.

067 Schnell aufgerichtet aber rief er: "Wie doch?
068 Du sprachst: er hatte? Lebet er denn nimmer?
069 Trifft seine Augen nicht das Licht, das süße?" -

070 Als er nun ein'ge Zögerung gewahrte,
071 Die ich noch eben machte vor der Antwort,
072 Fiel er zurück, und kam nicht mher zum Vorschein.

073 Doch jener andre Kühne, dessentwillen
074 Ich da verweilt, nicht ändert' er die Miene,
075 Regte den Hals nicht, bog auch keine Seite.

076 "Und wenn ... fortfahrend in der ersten Rede:
077 Sie jene Kunst, sprach er: nicht wohl erlernet;
078 So quält mich solches mehr als dieses Lager!

079 Allein nicht funfzigmal wird neu entzündet
080 Des Weibes Antlitz, welche hier regieret,
081 So wirst du wissen, wie viel diese Kunst wiegt!

082 Und willst du in der süßen Welt je dauern;
083 Sag mir warum das Volk da gen die Meinen
084 So schändlich ist, in jeder seiner Satzung?" -

085 Worauf ich: "Jene Schlacht, das große Blutbad,
086 Das einst die Arbia in Roth gefärbet,
087 Läßt solch Gebetlein thun in unserm Tempel." -

088 Drauf, als erseufzend er das Haupt geschüttelt:
089 "Nicht hatt' allein ich Schuld dran, sagt' er: sicher
090 Nicht grundlos regt' ich mich da mit den Andern.

091 Ich aber war allein, wo einst Jedweder
092 Es zuließ, daß Florenz vertilget würde,
093 Der der es schirmte offnen Angesichtes!" -

094 "Ach, soll noch jemals euer Saame ruhen,
095 So bat ich ihn: so löst mir diesen Knoten,
096 Der meinen Urtheilsspruch mir noch umwirrt hat.

097 Es scheint, ihr schauet, wenn ichs recht entnehme,
098 Vorauswärts, was die Zeit mit sich heranführt,
099 Und haltet mit der Gegenwart es anders?" -

100 "Wir sehen, wie wer schwaches Augenlicht hat,
101 Die Dinge, sprach er: welche noch entfernt sind:
102 So viel noch strahlet uns der höchste Lenker:

103 Nahn sie sich oder sind, ist gänzlich eitel
104 All unser Schaun und, bringt es uns kein Andrer,
105 So wissen nichts wir eures Menschenzustands.

106 Daraus kannst du ersehn, wie gänzlich todt einst
107 Wird unser Wissen, von dem Augenblick an,
108 Als sich der Zukunft Thür dereinst verschließet."

109 Drauf, wie von meiner Schuld betroffen, sagt' ich:
110 So mögt ihr jenem Hingesunknen sagen:
111 Sein Sohn verweile noch bei den Lebend'gen!

112 Und, war ich früher stumm zu solcher Antwort,
113 Laßt wissen ihn, ich war es, annoch schwebend
114 Im Irrthum, welchen ihr mir nun gelöset." -

115 Allein bereits rief mich zurück mein Meister,
116 Weshalb ich eifriger dem Geiste flehte,
117 Mir anzusagen, wer hier mit ihm wäre?

118 Er sagte mir: "Mit mehr als tausend lieg' ich;
119 Hier innen wohnet auch der zweite Friedrich,
120 Der Kardinal auch, von den andern schweig' ich."

121 Drauf barg er sich: zum alten Dichter aber
122 Wandt' ich zurück die Schritte, wieder denkend
123 An jene Rede, die mir feindlich dünkte.

124 Er regte sich und so, im Fürderschreiten,
125 Sprach er zu mir: "Warum bist so verstört du?" -
126 Und ich genügte ihm auf seine Frage.

127 "Dein Geist bewahre es, was du vernommen
128 Hast, gegen dich! empfahl mir dieser Weise:
129 Nun merk' hier auf! - und seinen Finger hub er:

130 Wirst dermaleinst du sein im süßen Lichtstrahl
131 Derjen'gen, deren schönes Aug' das All schaut:
132 Von ihr wirst deines Lebens Pfad du lernen."

133 Darauf zur linken Hand wandt' er den Fuß hin:
134 Die Mauer lassend, gingen wir nach mitten,
135 Auf einem Pfade, welcher auf ein Thal trifft,

136 Das bis daauf sein Ruch mißfallen machte.

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