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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
L. G. Blanc - Die Göttliche Komödie - Hölle

Die Farbe, welche Furcht mir aufgemahlt,
Als meinen Führer ich umkehren sah,
Trieb seine neue Zorngluth schnell nach innen.

Aufmerksam blieb er stehn, wie wer da horchet;
Denn weit vermochte nicht das Aug' zu dringen
Durch dicken Nebel und durch finstre Luft.

Und doch muß in dem Kampf der Sieg uns bleiben,
Sprach er, wenn nicht ... hat sich uns doch ein Solcher
Erboten ... o wann wird er doch erscheinen!

Ich merkte wohl, wie er die ersten Worte
Verdeckte mit den andern, die da folgten,
Denn von den ersten waren die verschieden.

Dennoch erfüllte mich mit Furcht die Rede,
Weil ich die abgebrochnen Worte schlimmer
Mir deutete, als er sie wohl gemeint.

Steigt jemals wohl bis zu dem Grund der Tiefe
Jemand herab aus jenem ersten Kreise,
Wo nur geknickte Hoffnung ist die Strafe?

Die Frage that ich, und; Sehr selten nur
Geschieht es, sprach er, daß von uns je einer
Des Weges zöge, den ich jetzt durchwandle.

Wahr ist's, hier unten qar ich schon einmal,
Beschworen von jener grausen Erichtho,
Die Schatten wieder rief zu ihren Leibern.

Erst kürzlich war mein Leib von mir entkleidet,
Als sie in diese Mauern mich versandte,
Um einen Geist aus Judas Kreis zu ziehn.

Das ist der tiefste Ort, der dunkelste,
Fern von dem Himmel, der das All umkreiset:
Den Weg kenn' ich genau, drum fasse Muth!

Der Sumpf, der hier so schlimmen Dampf aushauchet,
Umgürtet rings die schmerzenvolle Stadt,
Die wir nicht ohne Zorn nunmehr betreten.

Und anders sprach er, doch ich hab's vergessen,
Weil meine Augen gezogen waren
Nach jenem Thurm hin mit dem glüh'nden Gipfel.

Dort sah ich plötzlich grade aufgerichtet
Drei Furien der Hölle, blutgefärbt,
Die weibliche Gebärd' und Glieder zeigten.

Mit Wasserschlangen waren sie gegürtet,
Statt Haare hatten sie gehörnte Schlangen,
Womit die grausen Schläf' umwunden waren.

Und er, der wohl die Dienerinnen kannte
Der Königin der ewiglichen Klage,
Sprach: Siehe da die grausigen Erinnen!

Das ist Megära dort zur linken Seite,
Die auf der rechten weinet ist Alekto,
Inmitten steht Tisiphone. Drauf schwieg er.

Die Brust zerriß sich jede mit den Nägeln,
Sie schrien so laut, und schlugen sich mit Händen,
Daß ich vor Furcht mich an den Dichter drängte.

Medusa her, auf daß wir ihn versteinen!
So schrien sie alle, abwärts zu uns blickend,
Schlimm, daß des Theseus Angriff wir nicht rächten.

Kehr' um dich, und die Augen halt' geschlossen!
Denn wenn der Gorgon käm' und du ihn sähest,
Wär's aus mit jeder Rückkehr zu der Erde.

So sprach mein Meister, und er selber wandte
Mich um, und meinen Händen nicht vertrauend,
Schloß er mit seinen eignen mir die Augen.

O ihr, die ihr gesunden Sinnes seid,
Betrachtet wohl die Lehre, die verborgen
Unter dem Schleier dieser Verse ruht!

Und schon erscholl über dem trüben Wasser
Ein Krachen eines Tones voll Entsetzen,
Von welchem beide Ufer gleich erbebten.

Nicht anders war's, als wenn ein Wind durch Gluthen,
Auf die er stößt, zum Sturmwind angefacht,
Sich auf den Wald stürzt, und unwiderstehlich

Die Zweige bricht, zu Boden wirft, und fortträgt.
In Staub gehüllt, schreitet er stolz dahin,
Und treibet Hirt und Heerden in die Flucht.

Die Augen löst er mir und sprach: Nun richte
Der Sehkraft Schärf' auf jenen ew'gen Schaum
Dort, wo der Rauch am beißendsten erscheint!

Ganz wie die Frösche, zeigt sich ihre Feindin
Die Schlange, gleich im Wasser all' zerstieben,
Bis jeglicher sich auf den Boden kauert:

So sah ich mehr als tausend sünd'ge Seelen,
Vor Einem fliehen, der da an der Fuhrt
Den Styx mit trocknen Sohlen überschritt.

Die dicke Luft vom Antlitz abzuwehren,
Bedient er häufig sich der linken Hand,
Und diese Unluft nur schien ihn zu plagen.

Ich merkte wohl, daß er ein Himmelsbote,
Und wandte mich zum Meister, der mir winkte,
Daß still ich bliebe und vor ihm mich neigte.

Wie schien er mir von edlem Zorn erfüllt!
An's Thor gelangt' er, und mit einer Gerte,
Eröffnet er's, da galt kein Widerstand.

O ihr, begann er auf der grausen Schwelle,
Verächtlich Volk, vom Himmel ausgestoßen,
Woher noch immer solcher Trotz in euch?

Was widerstrebt ihr ewig doch dem Willen,
Dem ihr das Ziel doch nie verrücken könnt,
Und der schon oftmal eure Qual gemehrt?

Was hilft's wider das Schicksal anzulöcken?
Eu'r Cerberus, wenn ihr deß noch gedenket,
Trägt Kinn und Gurgel drob geschunden noch.

Drauf wandt' er sich zurück zum schmutz'gen Wege,
Und sprach kein Wort zu uns; sein ganz Benehmen
War das des Mann's, den andre Sorge peinigt,

Als die um den, der eben vor ihm steht.
Und wir, gesichert durch die heil'gen Worte,
Bewegten unsre Schritte nun zur Stadt.

Wir traten ohne Widerstand hinein,
Und ich, der ich begierig war zu schauen,
Von welcher Art das Innere der Festung,

Sobald ich drin war', send' ich rings umher
Das Aug', und sehe eine große Ebne,
Die voller Schmerz war und voll grauser Qual.

So wie bei Arles, wo der Rhodan stauet,
So wie bei Pola, wo Quarnaro's Wasser
Italien abschließt und die Grenzen badet,

Die Gräber ganz den Ort uneben machen,
So thaten sie's auch hier auf allen Seiten,
Nur daß die Art viel bitterer noch war.

Denn ganz entzündet waren diese Gräber
Von Flammen, die umher zerstreuet waren:
Glüh'nderes Eisen fordert kein Gewerbe.

Die Deckel standen auf, von innen quollen
So bitt're Jammerlaute, daß man leicht
Verletzte und Elende dran erkannte.

Und ich: Mein Meister, wer sind diese Leute,
Die eingesargt in diesen Gräbern hier,
Durch schmerzensvolle Seufzer kund sich geben?

Und er zu mir: Hier liegen die Erzketzer
Mit ihren Jüngern jeder Art, und voller
Als du wohl glaubst, sind alle diese Gräber.

Die Gleichen liegen bei den Gleichen hier,
Und mehr und minder heiß sind ihre Särge,
Und rechts gewendet, wandelten wir nun

Zwischen den Qualen und den hohen Zinnen.

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