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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Georg van Poppel - Die Göttliche Komödie - Hölle

Nun weiter! Längst bevor wir noch im Schwenken
Dein Fuß des hohen Turmes nahgekommen,
Fühlt' unser Auge sich zur Zinne lenken,

Weil plötzlich ein Paar Flämmchen dort entglommen;
Ein drittes aus der Ferne Antwort kündet',
So weit, daß kaum das Aug es wahrgenommen.

Zum Meer, drin alle Weisheit tief gegründet,
Mich wendend, sprach ich: „Was sind das für Zeichen?
Was will das dritte? Wer hat sie entzündet?”

Er sprach: „Was unser wartet, siehst du streichen
Schon über diese schlammig schwarzen Wogen,
Sofern dein Blick dem Dunst nicht braucht zu weichen.”

Nie ward ein Pfeil noch abgedrückt vom Bogen,
Der durch die Luft gesaust mit solcher Schnelle,
Als unterdes ein Schifflein kam gezogen,

Das grade auf uns zuhielt durch die Welle,
Indem ein einziger Fährmann es betreute;
Der schrie: „Bist du gekommen, Schandgeselle?”

- „Umsonst ist, Phlegias, dein Schreien heute”,
Versetzt' mein Meister, „nur zum überfahren
Des Sumpfs, nicht länger sind wir deine Beute.”

Wie Leute, die den großen Trug gewahren,
Der ihnen angetan, dem Zorn erliegen,
So war des Fergen grollendes Gebaren.

Nachdem darauf mein Führer eingestiegen,
Hieß er mich folgen; erst als ich dann dort war,
Schien auf der Barke eine Last zu wiegen.

Sobald ich mit dem Führer nun an Bord war,
Enteilt' der alte Bug und schnitt die Lache
Viel tiefer als es sonst an diesem Ort war.

Und wie wir fuhren auf dem toten Bache,
War vor mir einer ganz voll Schlamm zu sehen,
Der fragte, was ich vor der Zeit hier mache.

„Ich kam”, sprach ich, „doch werde wieder gehen,
Doch wer bist du, so garstig und abscheulich?”
- „Du siehst ein weinend Wesen vor dir stehen”,

Sagt' er, und ich: „So bleib denn unerfreulich,
Verfluchter Geist, und wein in ewigem Harme!
Ich kenne dich, besudelt noch so greulich.”

Da streckt' er nach dein Fahrzeug beide Arme,
Daß ihn der kluge Meister mußt verjagen:
„Hinweg! Hinab zum andern Hundeschwarme!”

Dann küßt', den Arm um meinen Hals geschlagen,
Er mir die Wang und sprach: „Du Feuerwesen,
Gesegnet sei das Weib, das dich getragen!

Der ist ein Stolzer in, der Welt gewesen;
Nichts Gutes auch erinnert an den Knaben,
Der hier noch nicht vom Jähzorn ist genesen.

Wieviele droben sich als Fürst gehaben,
Die, Schweinen gleich, im Kot hier werden wühlen,
Und Flüche nur sind die Gedächtnisgaben!”

Ich sprach: „Es würde mir das Mütchen kühlen,
Wenn der da in die Jauche tauchen müßte,
Noch während ihre Wellen uns umspulen.”

Und er: „Bevor sich dir noch zeigt die Küste,
Wirst du dich sättigen an dieser Speise;
Befriedigung verdient doch solch Gelüste.”

Bald ward er zugerichtet solcher Weise
Von dein beschlammten Volk mit Schmarr auf Schmarren,
Daß ich bis heute Gott noch dankerid preise.

„Packt an Philipp Argenti!” stieg ihr Schnarren;
Da ging mit eignen Zähnen sich zu Leibe
Des Florentiners Seele, des bizarren.

Kein Wort mehr von dem Wicht, der dort verbleibe! -
Da schlägt ans Ohr mir ein Geheul so schmählich,
Daß ich zu spähen mir die Augen reibe.

Der Meister sprach: „Mein Sohn, wir nahn allmählich
Der Stadt, die Dis genannt wird, einer Stätte
Mit Bürgern überlästig und unzählig.”

- „Mein Meister”, sagt' ich, „ihre Minarette
Sind klar zu sehn im Tal, so rot, als quölle
Ein jedes auf aus einem Feuerbette.”

Da sagte er: „Des ewigen Feuers Völle,
Die sie durchleuchtet, gibt dir die Erklärung
Des roten Scheins in dieser untern Hölle.”

Nun harrten tiefe Gräben der Durchquerung,
Die diese hoffnungslose Stadt umschmiegen;
Aus Eisen aufgebaut schien die Umwährung.

Nicht ohne erst noch weit herumzubiegen,
Ward angelegt, wo der Pilot im Porte
Laut rief: „Hier ist der Eingang; ausgestiegen!”

Ich sah, wie mehr als tausend ob der Pforte
Herabgeregnete vom Himmel drohten
Voll Grimm: „Wer ist es, der dem Tod zum Torte

Wagt einzubrechen in das Reich der Toten?”
Da gab mein weiser Meister ihnen Zeichen,
Die sie zu heimlichem Gespräch entboten.

Da die Entrüstung etwas schien zu weichen,
War ihr Bescheid: „Komm du allein! Doch schwenke,
Der sich getraut, den Zugang zu erschleichen!

Daß er allein zum tollen Rückweg lenke,
Sofern er kann; doch du darfst weitergehen,
Der ihn geführt ins düstere Gesenke.”

Nun magst du, Leser, meinen Schreck verstehen
Beim Klang der Worte, dieser infernalen,
Denn um die Heimkehr schien es mir geschehen.

„O Teuerster, zu mehr als sieben Malen
Hast du mir stärkend schon die Furcht beschwichtet
Und mich befreit aus der Bedrängnis Qualen:

Verlaß mich”, sprach ich, „hier nicht wie vernichtet!
Ist's uns versagt zu dringen ins Gehege,
Dann schnell zu unsrer Spur den Schritt gerichtet!”

- „Verzage nicht! Denn keiner bringt's zuwege”,
So brachte mich mein Führer zur Ermannung,
„Zu sperren höhern Orts gewährte Stege.

Erwart mich hier, doch bring aufs neu in Spannung
Den schlaffen Geist, ihn nährend mit Vertrauen:
Ich laß dich nicht allein in der Verbannung.”

Er geht und läßt mich da, ihm nachzuschauen,
Dem süßen Vater; mir im Kopfe halten
Sich Ja und Nein zerreißend in den Klauen.

Ich hört nicht, was er ihnen vorgehalten,
Doch weilte er bei ihnen noch nicht lange,
Als alle um die Wette rückwärts prallten.

Man schlug ihm vor der Brust im Feindesdrange
Die Türen zu; der Ausgesperrte kehrte
Zu mir zurück mit zögernd schwerem Gange.

Den Blick hatt er gesenkt, die Stirn entbehrte
Dem Muts, das Wort blieb in Geseufze stecken:
„Wer ist's, der mir das Jammerbaus verwehrte?”

Und dann zu mir: „Mein Zorn soll dich nicht schrecken:
In diesem Kampf ist mir der Sieg verschrieben,
Wer drinnen auch zur Abwehr sich mag recken.

Dies ihr Vermessen ist nicht neu; sie trieben
Es schon an weniger geheimer Pforte,
Die stets noch ohne Riegel ist geblieben:

Wo du gelesen hast die Todesworte.
Doch diesseits steigt schon nieder von den Hängen,
Durchschreitend ohne Führer diese Orte,

Ein solcher, der das Stadttor auf wird sprengen.”

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