Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 07
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 07

1   Pape Satan, pape Satan aleppe!«
2   Schrie krächzend Pluto; doch des Weisen Stimme,
3   Dem alles kund, scholl freundlichtröstend: »Schleppe

4   Dich nicht mit Furcht. Er kann trotz seinem Grimme
5   Und großer Macht dich nicht verhindern wollen,
6   Daß diesen Fels dein Fuß herniederklimme.«

7   Gekehrt zur Fratze, die von Zorn geschwollen,
8   Rief er sodann: »Schweig, Wolf, vermaledeiter!
9   Friß und verschlinge dich im eigenen Grollen.

10   Nicht unbefugt zur Tiefe gehen wir weiter.
11   Dort will mans so, wo mit dem Schwert stieß nieder
12   Den stolzen Schänder Michael der Streiter.«

13   Wie windgeschwellte Segel haltlos wieder
14   Zusammenklappen, wenn zerknickt die Masten,
15   So knickten ein des Untiers grause Glieder. -

16   Zum vierten Abgrund ging es ohne Rasten,
17   Wo vollgepfropft in tieferen Schmerzensgründen
18   Aus aller Welt endlose Qualen lasten.

19   Gerechter Gott! wer könnte Häufung künden
20   Von größern Martern, als ich hier gesehen,
21   Dran wir zugrundegehn kraft unserer Sünden?

22   Wie der Charybdis wilde Wogen gehen,
23   Zerschellend an der Gegenströmung Toben,
24   So muß das Volk sich hier im Wirbel drehen.

25   Hierunten sah ich Seelen mehr als droben,
26   Die mit Geheul, sich in zwei Gruppen teilend,
27   Durch ihrer Brust Gewalt Lasten herschoben.

28   Zusammenstoßen sie und unverweilend
29   Macht alles Kehrt, beginnt aufs neu die Reise
30   Und schreit: »Was hältst du?« - und: »Warum so eilend?«

31   So trieben sies in diesem dunkeln Kreise,
32   Bis sie von rechts und links zurückgekommen,
33   Schreiend und lästernd sich in ihrer Weise.

34   War halb der Kreis durchstürmt und eingenommen
35   Der Gegenpunkt, gings neu zum Wetterennen.
36   Und ich, davon im Herzen ganz beklommen,

37   Ich sprach: »Mein Meister, laß mich nun erkennen,
38   welch Volk dies ist und ob hier links die Scharen
39   All der Geschorenen geistlich sind zu nennen?«

40   Und er zu mir: »Hier diese alle waren
41   So blind an Geist in ihrem ersten Leben,
42   Daß rechtes Maß ihr Aufwand nie erfahren.

43   Ihr Belfern wird dir gültig Zeugnis geben.
44   Wenn sie im Kreis zum Wendepunkt gekommen,
45   Trennt sie die Schuld, drin sie sich widerstreben.

46   Die dort sind geistlich, denen man genommen
47   Den Haarschmuck. Päpste sinds und Kardinäle,
48   Bei denen Geiz den Gipfelpunkt erklommen.«

49   Ich sprach: »Ich glaube, Meister, wohl: ich zähle
50   Hier manchen, den ich müßte wiederkennen,
51   Und der sich unter gleichem Schandmal quäle.«

52   Doch er zu mir: »Das muß ich Täuschung nennen!
53   Besudelt und entstellt vom Lasterleben,
54   Wie könnte sie der Blick erkennbar trennen?

55   Sie müssen stets im Widerstoß erbeben,
56   Bis sich die einen mit geschlossenen Händen,
57   Die andern haarlos aus der Gruft erheben.

58   Sie hat beraubt Schlechtsparen und Schlechtspenden
59   Der schönen Welt, zum Zank in diese Gosse
60   Gestürzt - und nun laß mein Erklären enden.

61   Drum sieh, mein lieber Sohn, die kurze Posse
62   Der Güter, die Fortunen sind beschieden,
63   Drob soviel Zwist erwächst dem Menschentrosse.

64   Denn alles Gold, was unterm Mond hienieden
65   Ist oder war, es könnte nie betauen
66   Nur eine müde Seele hier mit Frieden.« -

67   »Meister,« sprach ich zu ihm, »noch laß mich schauen:
68   Wer ist Fortuna, die auf unserer Erde,
69   Sagst du, die Güter hält in ihren Klauen?«

70   Und er zu mir: »O blinde Menschheitsherde!
71   Welch Wissensmangel läßt euch doch erkranken. -
72   Beherzige wohl, was ich dir sagen werde.

73   Er, dessen Weisheit frei von allen Schranken,
74   Er schuf die Himmel und gab ihnen Leitung,
75   Daß alle Teile allen Klarheit danken

76   Durch seines Lichts gleichmäßige Verbreitung.
77   So gab dem Erdenglanz der ewige Hüter
78   Auch eine Dienerin zur Wegbegleitung.

79   Die schickt zu ihrer Zeit die eiteln Güter
80   Von Volk zu Volk, von Blut zu Blut, nie dauernd,
81   Trotz Witz und Einspruch menschlicher Gemüter.

82   Drum herrscht ein Volk, ein andres schmachtet trauernd,
83   Wie sies bestimmt hat, die indes gelegen
84   Gleich einer Schlange, unterm Grase lauernd.

85   All euer Wissen kämpft umsonst dagegen.
86   Sie sorgt, sie urteilt und beschickt hienieden
87   Ihr Reich, wie auch die andern Götter pflegen.

88   In ihrem Wandel weiß sie nichts von Frieden.
89   Notwendigkeit erhält sie stets im Jagen,
90   Drum ist ein Wechsel manchem oft beschieden.

91   Das ist sie, die so oft ans Kreuz geschlagen
92   Von denen, die sie lobend sollten ehren,
93   Und sie mit Unrecht schelten und verklagen.

94   Doch hörts die Selige nicht, sich dran zu kehren.
95   Mit andern Urgeschöpfen läßt sie eilen
96   Die rollende Kugel und erfreut sich deren.

97   Jetzt komm zu größerer Qual hinab die Steilen,
98   Schon jeder Stern sinkt, der sich aufgeschwungen
99   Seitdem ich aufbrach, und es frommt kein Weilen.« -

100   So ward zum andern Rand der Kreis durchdrungen
101   Ob einem Quell, der kochend sein Gefälle
102   In einen Bach gießt, der dem Quell entsprungen.

103   Dunkler als Purpur noch war seine Welle.
104   Und von der trüben Flut begleitet, klommen
105   Wir abwärts über eine grausige Stelle,

106   Bis wir zu einem Sumpf, dem Styx, gekommen,
107   Der rasch den Trauerbach am Fuß des steilen
108   Bösartigen Abgrunds insich aufgenommen.

109   Begierig ließ ich rings die Blicke eilen
110   Und sah im Sumpfe schlammbedeckte nackte,
111   Von Zorn durchschüttelte Gestalten weilen.

112   Nicht nur mit Fäusten schlug man sich; man packte
113   Sich auch mit Kopf, Brust, Füßen wie mit Klauen,
114   Wobei den Leib stückweis der Zahn zerhackte.

115   Der Meister sprach: »Mein Sohn, hier kannst du schauen
116   Die Seelen derer, die der Zorn macht rasen.
117   Und glaub mirs, wenn ich dir will anvertrauen:

118   Noch andere liegen unterm ekeln Wrasen
119   Und seufzen so, daß brodelnd aufwärtsfließen,
120   Wie dich der Blick belehret, diese Blasen.

121   Sie sprechen tief im Schlamme: 'Traurig ließen
122   Die süßen Lüfte uns in Sonnentagen,
123   Gewohnt, ins Herz des Trübsinns Qualm zu schließen.

124   Jetzt müssen wir in schwarzer Suppe klagen'
125   Solch eine Hymne gurgeln sie im Schlunde,
126   Die sie mit klarem Wort nicht können sagen.«

127   So zwischen dem Morast und festem Grunde
128   Den Rundgang wir entlang dem Schmutzteich nahmen,
129   Den Blick gekehrt auf die mit Schlamm im Munde.

130   Zuletzt zu eines Turmes Fuß wir kamen.

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