Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 06
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 06

1   Bei des Bewußtseins Rückkehr, welches Mitleid
2   Mit den zwei Schwägern mir genommen hatte
3   Und mir das Herz erfüllt mit Traurigkeit,

4   Seh' ringsum neue Qualen ich und neue
5   Gequälte, wohin auch den Blick ich wende,
6   Wohin ich schaue und wohin mich kehre.

7   Ich bin im dritten Kreise, dem des ewgen,
8   Verwünschten, kalten, qualenvollen Regens,
9   Des Art und Weise nimmer sich verändert.

10   Grobkörn'ger Hagel, Schnee und trübes Wasser
11   Fällt rastlos durch die finstre Luft hernieder;
12   Der Boden stinkt, der solch Gemenge aufnimmt.

13   Und Cerberus, das Untier sondergleichen,
14   Bellt aus drei Rachen, so wie Hunde pflegen,
15   Die Schatten an, die dort am Boden liegen.

16   Rot ist sein Auge, schwarz der Bart und schmierig,
17   Der Bauch geschwollen, krallig sind die Hände;
18   Er kratzt die Geister, schindet und zerfleischt sie.

19   Der Regen macht sie heulen als wie Hunde;
20   Oft wenden sich die elenden Verfluchten,
21   Daß eine Seite Schutz der andern biete.

22   Als Cerberus uns sah, der große Wurm,
23   Riß er die Rachen auf, zeigt' uns die Zähne,
24   Und seiner Glieder keines hielt er stille.

25   Mein Meister öffnete die beiden Hände,
26   Griff Erdreich auf, und mit gefüllten Fäusten
27   Warf er hinein es in die gier'gen Schlünde.

28   Dem Hunde gleich, der im Heißhunger belfernd,
29   Wenn er den Fraß gepackt hat, sich beruhigt,
30   Und ihn nur zu verschlingen strebt und trachtet,

31   So wandelten sich die unsaubern Schnauzen
32   Des Teufels Cerberus, der jene Seelen
33   So anbellt, daß sie wünschten taub zu sein.

34   Fort ging es durch die Schatten, die der Regen
35   Danieder hält; es traten uns're Sohlen
36   Auf ihre Nichtigkeit, die Wesen scheinet.

37   Sie lagen hingestreckt am Boden alle;
38   Nur einer richtete sich eilend auf,
39   Als er uns sah, wie wir vorübergingen.

40   Der du geführet wirst durch diese Hölle,
41   Erkenne mich, sprach er, wenn du's vermagst;
42   Begann dein Leben doch, eh mein's geendet. -

43   Ich sagte drauf: Die Qual, die du erduldest,
44   Entfremdet dich vielleicht so der Erinnerung,
45   Daß es mich dünkt, ich sah zuvor dich nimmer.

46   Doch nenne dich, dem solch unsel'ge Stelle
47   Beschieden ist, und eine Strafe, welche,
48   Wenn größer nicht, doch ekler ist als alle. -

49   Drauf sagt' er: Deine Stadt, die so von Neide,
50   Erfüllt ist, daß der Sack zu bersten droht,
51   Umfaßte mich dereinst im lichten Leben.

52   Ihr Stadtgenossen nanntet mich nur Ciacco,
53   Weil ich ergeben war der Schlemmerei,
54   Und wie du siehst, zernagt mich itzt der Regen.

55   Auch bin ich nicht allein hier, so zu trauern;
56   Nein, alle dulden wir die gleiche Strafe
57   Aus gleicher Ursach. - Und damit verstummt' er.

58   Ich sagte drauf: O Ciacco, deine Qual
59   Rührt mich so sehr, daß ich dem Weinen nah bin;
60   Doch sage mir, wenn du es weißt, welch' Ende

61   Der zwiegespalt'nen Bürger Streit nimmt, sage,
62   Ob einer dort gerecht ist, und warum
63   Die Stadt von solcher Zwietracht ist befallen. -

64   Darauf erwidert' er: Nach langem Hader
65   Fließt endlich Blut, und die Partei der Fremden
66   Vertreibt die andre, vielfach sie beschäd'gend.

67   Dann, eh' drei Jahre schwinden, fällt sie wieder,
68   Und jene andre trägt den Sieg davon
69   Durch dessen Hilfe, der jetzt noch laviert.

70   Hoch wird sie lange Zeit die Stirne tragen,
71   Und schwere Last auf die besiegte häufen,
72   Wie groß für diese Scham und Schmerz auch seien.

73   Gerecht sind zwei; doch unverstanden sind sie.
74   Die Funken, welche jedes Herz entzündet,
75   Sind Neid und Geiz mit Hochmut im Vereine. -

76   Hier endet' er die schmerzensvolle Rede.
77   Ich aber sprach: Belehre mich noch weiter
78   Und schenke mir noch mehr von deiner Rede:

79   Tegghiaio und Farinata, jene Wack'ren
80   Jacopo Rusticucci, Arrigo, Mosca,
81   Die andren auch, die recht zu handeln strebten:

82   Sag' an, wo sind sie? Laß mich sie erkennen;
83   Denn groß Verlangen heg' ich, zu vernehmen,
84   Ob Höllengift, ob Himmelssüß' ihr Los ist. -

85   Und er darauf: Verschiedenart'ge Schuld
86   Stieß tiefer sie hinab zu schwärz'ren Schatten;
87   Steigst du so weit hinab, kannst du sie sehen.

88   Doch, bist du heimgekehrt zur schönen Welt,
89   So rufe mich den Leuten ins Gedächtnis.
90   Mehr sag' ich nicht, noch geb' ich weiter Antwort. -

91   Den graden Blick verdreht' er nun zum Schielen;
92   Sach mich ein Weilchen an, den Kopf dann senkt' er
93   Und fiel zu Boden gleich den andren Blinden.

94   Der Meister sprach: Der steht nicht wieder auf
95   Bis die Posaun' am letzten Tag' ertönet,
96   Und die Gewalt erscheint, die ihnen feindlich.

97   Sein unheilvolles Grab sucht jeder dann,
98   Sein Fleisch und sein Gebein nimmt er zurück,
99   Was ewig wiederhallen wird, zu hören. -

100   Indes durchgingen wir langsamen Schrittes
101   Der Schatten und des Regens schmutz'ge Mischung,
102   Das künft'ge Leben im Gespräch berührend.

103   Den Meister fragt ich: Werden diese Qualen
104   Noch wachsen nach dem großen Richterspruch,
105   Wird Mind'rung folgen, oder gleich sie bleiben? -

106   Drauf er: Gedenke deiner Wissenschaft,
107   Die jedem Ding, im Maß als es vollkommner,
108   Mehr Sinn für Freuden, wie für Schmerzen beimißt.

109   Ob niemals gleich dies fluchbeladene Volk
110   Zu wirklicher Vollkommenheit gelangt,
111   Wird wesenhafter doch nach jenem Tag' es. -

112   In weitem Bogen gingen wir die Straße,
113   Besprechend manches, das ich nicht berichte.
114   Und angelanget, wo der Weg hinabführt,

115   Erblickten Pluto wir, den großen Feind.


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